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"...wurde die Leiche der 42-jährigen Linda Wagner aus Wilhelmshaven gefunden..." Linda, 42 Jahre alt, ist glücklich geschieden, hat einen fast erwachsenen Sohn und lebt als angesehene Tierärztin ein unbeschwertes Leben. Bei einem ihrer Einsätze stößt sie auf einen Mann, der sie mit dem Namen "Melli" anspricht. Kurze Zeit später wird sie betäubt und entführt. In den Nachrichten wird über ihren Tod berichtet. Die Entführer, die sich in einer arabisch klingenden Sprache unterhalten, bringen sie in ein fremdes Land. Dort angekommen scheint sie aber jeder zu kennen. Es gibt Fotos von ihr und dem Entführer und auch die fremden Kleidungsstücke passen alle wie angegossen. Wer bin ich? Sie muss sich Klarheit über ihre Vergangenheit verschaffen….
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Seitenzahl: 149
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Doris Woggon
Das falsche Profil
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Das falsche Profil
In einem fremden Land
Impressum neobooks
Romanvon Doris Woggon
Herausgeber:
Gedankenflut D. Woggon Kajedeich 28 26386 [email protected]: Dr. Anne Diefenbach
Prolog Ein leises Klopfgeräusch, ähnlich, als ob man über Platten fährt. War ich wach oder träumte ich? Plopp – plopp – plopp. Dazu Lichtspiele, die, in den gleichen Abständen wie das Klopfen, hell und wieder dunkel wurden. Ich hatte große Mühe, meine Augen zu öffnen, sie waren schwer wie Blei und erlaubten nur ein kurzes Blinzeln, bevor sie wieder zufielen, mein Kopf hämmerte. Doch selbst durch meine geschlossenen Lider nahm ich das Wechselspiel der gespenstischen Schatten wahr. Wo war ich? Mir war so schlecht und ich zitterte am ganzen Körper. Ich vernahm Stimmengewirr und fühlte einen harten, kalten Untergrund. Es roch fast unerträglich nach Benzin.
»In Wilhelmshaven wurde die Leiche der 42jährigen Linda Wagner gefunden«, ertönte eine Stimme, die scheinbar aus dem Radio kam. Mein Herz schlug mir bis zum Hals. Hatte die Stimme wirklich »Linda Wagner aus Wilhelmshaven« gesagt oder hatte ich Wahnvorstellungen? Das musste ein Albtraum sein, aus dem ich gleich erwachen würde.
»Ich bin Linda Wagner und ich lebe«, wollte ich schreien. Aber die Worte blieben mir im Hals stecken. Ich brachte keinen Ton raus. Unfähig, mich zu bewegen, versuchte ich mich an die Geschehnisse zu erinnern und meine Gedanken zu ordnen. Es gelang mir nicht. Meine Erinnerung zeigte mir stattdessen bruchstückhafte Sze-nen eines Horrorfilmes, die sich so echt anfühlten wie die Handschellen an meinem Handgelenk. Nein! Ich erschrak, Panik überfiel mich: Das war gar kein Horrorfilm. Ich riss an meinem Arm und mir wurde schlag-artig klar, dass genau das meine Situation war. Ich fühlte die Handschellen an meinem Gelenk, man hatte mich wie ein Tier angekettet.
Ich versuchte wieder zu schreien, aber es kam immer noch kein Ton aus meiner Kehle, Todesangst ergriff mich. Ich erinnerte mich an die letzten Szenen in meinem Haus. Da waren Schritte, ich sah eine dunkle, große Gestalt auf mich zukommen und es gab einen Kampf. Ich weiß noch, wie ich zu Boden fiel. An das, was dann geschah, habe ich keine Erinnerung mehr. Ich versuchte, meine Augen wenigstens einen Spalt zu öffnen, eine totale Finsternis umgab mich. Nur kurz tauchten immer wieder gelbliche Lichter auf, die sofort darauf wieder verschwanden. War es Nacht? Ich hatte keine Orientierung, kein Zeitgefühl mehr. Wie lange hatte ich geschlafen, wo war ich und warum wurde ich entführt? Ich war nicht reich, bei mir gab es nicht viel zu holen. Meine Augen brannten, mein Mund war völlig ausgetrocknet und der schale, pelzige Geschmack brachte mir die grausame Erinnerung zurück, dass man mir eine Flüssigkeit eingeflößt und mich betäubt hatte. Ich spürte wieder diese bleierne Schwere meines Körpers, und obwohl ich alles wahrnahm, schien es doch so weit weg. Ich hörte zwei Männer, die sich nun laut und aufgebracht in einer mir völlig fremden, arabisch klingenden Sprache unterhielten. Die Stimmen wurden leiser und verstummten schließlich ganz. Ich hörte nur noch das monotone Surren des Motors und schlief kraftlos darüber ein.
Wie es begann Es war Freitag, der 06. Februar 2009. Im Treppenhaus stieß ich mit ihm zusammen. Eine imposante Gestalt, der Körper durchtrainiert, groß, dunkle Haare und fast schwarze Augen. Im allerersten Moment eine attraktive Erscheinung. Ich kam gerade von einem Einsatz als mobile Tierärztin zurück. Frau Behrends, die Katzenmutti von Emmi, hatte mich gerufen. Dick und schwerfällig, wie Emmi ist, war sie hinter das Sofa gerutscht und hatte sich ein Bein ausgerenkt. Mit zwei, drei Handgriffen war das im Nu erledigt. Ich schrieb Frau Behrends noch einen Essensplan für Emmi auf.
»Wenn Ihr Schatz noch etwas länger leben soll, müssen Sie sich unbedingt daran halten«.
Erschrocken sah sie mich an, gelobte Besserung und umarmte mich zum Abschied, als ob ich ihrer Emmi zehn weitere glückliche Jahre geschenkt hätte. Darum liebe ich meinen Beruf so sehr. Ich mache die Menschen glücklich, indem ich ihren Tieren helfe. Als ich dann schließlich durch das kalte Treppenhaus ging, stieß ich mit ihm zusammen.
»Melli«, rief er aus und sah mich mit aufgerissenen Augen an. »Tut mir leid, mein Name ist nicht Melli, Sie scheinen mich zu verwechseln.« Sollte das etwa eine Anmache sein, dachte ich mir.
»Melanie«, stieß er mit heiserer Stimme nochmals hervor und ignorierte offensichtlich, was ich sagte. Seine schwarzen Augen schienen mich zu durchbohren und sein Blick glitt an meinem Körper hinunter.
»Bitte entschuldigen Sie«, versuchte ich nun mit Nachdruck zu sagen, denn seine Blicke hatten nun auf einmal etwas Bedrohliches. Er wirkte nicht mehr attraktiv, sondern eher beängstigend auf mich.
»Ich bin nicht Melli oder Melanie«. Mit schnellen Schritten ging ich zu meinem Auto und ließ ihn fassungslos zurück. Im Rückspiegel konnte ich beobachten, dass er zum Straßenrand lief und hinter mir hersah. Ich malte mir aus, wie er sich mein Kennzeichen aufschrieb, um mich aufzuspüren. Bei dem Gedanken lief mir ein kalter Schauer über den Rücken und ich fuhr unwillkürlich schneller, als ich es üblicherweise tat und vor allem, als es erlaubt war.
Seit gut 3 Jahren bewohnte ich nun schon das kleine Haus am Hafen von Rüstersiel, einem alten Stadtteil von Wilhelmshaven mit dorfähnlichem Charakter. Durch Zufall erfuhr ich von dem Verkauf. Ich hatte mich gerade von meinem Mann getrennt und war auf der Suche nach einer neuen Bleibe. Eines Tages rief ein unbekannter Mann an und erzählte, dass er ein Objekt gefunden hatte, das meinen Vorstellungen entsprach. Merkwürdig, ich hatte niemanden von meinen Plänen erzählt, und wie sich herausstellte, hatte sich der alte Mann schlicht und einfach verwählt. Da ich aber schon immer an Schicksal glaubte, musste ich dieses Haus sehen und konnte den Mann überreden, einen Termin mit mir zu vereinbaren. Noch am gleichen Tag sah ich es: alt, ungepflegt und restaurationsbedürftig. Aber es lag in meiner Preiskategorie und ich hatte mich vom ersten Moment an in dieses kleine, zurückliegende Backsteinhaus mit dem roten Dach und den grünen Fensterläden verliebt. Ein richtiges Friesenhaus mit einem schicken Vorgarten. Das Grundstück mit seinem alten Baumbestand grenzte im Hof direkt an den Deich, nach vorne raus hatte es einen kleinen Erker mit einem himmlischen Blick auf den malerischen Hafen.
»Das Haus ist von 1938«, unterbrach der alte Mann meine Gedanken. »Mit ein wenig handwerklichem Geschick kann man ein Schmuckstück daraus machen«, fuhr er fort.
Ich konnte es mir lebhaft vorstellen. Ob ich überhaupt handwerkliches Geschick hatte, wusste ich allerdings nicht. Während meiner Ehe konnte ich es nicht ausprobieren, wir lebten in einer klassischen Rollenverteilung und mein Mann war für Veränderungen nicht zu haben. Ich hatte aber jede Menge Ideen und sah in Gedanken schon das fertige Schmuckstück vor mir.
»Ich nehme es«, hörte ich mich sagen.
Zum ersten Mal traf ich eine Entscheidung, die nur mich anging, und mein Herz schlug so wild, dass es bis zu meinen Schläfen hart pochte. Es dauerte jedoch nicht lange, bis mich erste Zweifel überfielen. Was wusste ich schon? Von Bausubstanz hatte ich keine Ahnung. Ich ging am nächsten Tag nochmals mit einem befreundeten Architekten zum Haus, er bestätigte mir: zwar viel Arbeit, aber dennoch eine solide Substanz.
Schon als ich in die kleine Straße am Hafen einbog, überkam mich ein Gefühl der tiefen Dankbarkeit und der absoluten Entspannung. Ich fühlte mich so wohl in meinem Zuhause. Jede Ecke, jeder Winkel war nach meinem Geschmack gestaltet und liebevoll eingerichtet worden. Das Haus hatte vier Zimmer, eine kleine aber geräumige Wohnküche mit einem großen alten Holztisch und meinem absoluten Lieblingsplatz, einen Erker mit Kamin und von dort einen traumhaften Blick zum Hafen. Mit warmen Orangetönen und der gemütlichen Einrichtung hatte ich den Spagat geschafft, das Haus urgemütlich und trotzdem absolut schick zu gestalten. Die Renovierung des Hauses habe ich in Eigenregie gemeistert. Ohne jemals zuvor auch nur einen Hammer oder Tapetenkleister in der Hand gehabt zu haben. Es war ein Riesenspaß und ein superschönes Gefühl, etwas nach seinem eigenen Geschmack zu gestalten, ohne auf jemand anderen Rücksicht nehmen zu müssen. Na ja, etwas Hilfe hatte ich schon. Zum Beispiel mussten das Dach, die Heizung und alle elektrischen Leitungen neu gemacht werden, das konnte ich natürlich nicht alleine. Ich schloss mich aber einer »Arbeitsgemeinschaft« an. Den Anschub dafür bekam ich von dem Herrchen eines meiner Patienten. Er gehörte diesem Kreis schon lange an und schlug mir vor, ebenfalls beizutreten. Das war wirklich ein Glücksfall. Diese Arbeitsgemeinschaft bestand aus vielen Leuten verschiedenster Berufe, die alle in einem Pool waren und sich gegenseitig halfen. Wobei Hilfe zur Selbsthilfe das oberste Gebot war. Kam man aber gar nicht weiter, war immer jemand zur Stelle. So waren immer Dachdecker, Fliesenleger, Maler und Lackierer, aber auch Steuerberater, Rechtsanwälte, Leihomas und viele andere mit dabei. Ein bunt gemischter Haufen, der über das Internet vernetzt war. Ich brachte mich mit ein, indem ich anbot, für das Wohl der Tiere zu sorgen. Und ich konnte noch etwas anderes sehr gut. Ich konnte zuhören und trösten. Auch das wurde schon hin und wieder gebraucht. So haben wir zum Beispiel einen 40-jährigen namens Paul, unseren Heizungsinstallateur. Paul ist in seiner Art eher zurückhaltend und hat etwas fast Kindliches an sich. Seine Mutter leidet an Altersdemenz. Er hängt sehr an ihr und kümmert sich rührend um sie, ist aber auch manchmal am Rande der Verzweiflung. Gerade die Phasen, in denen sie ihren Sohn nicht mehr erkennt oder ihn beschimpft und des Diebstahls bezichtigt, machen ihm sehr zu schaffen. Dann werde ich gerufen und entlaste ihn mal für ein paar Stunden. Wir haben wirklich alle etwas davon. Jeder gibt das, was er geben kann und keiner reizt die Situation aus. Tolle Leute sind das! Na ja, bis auf zwei Personen, die nicht immer sehr einfach sind. Da gibt’s zum einen Werner, einen etwas fettleibigen älteren Herrn, der sich für unwiderstehlich hält und gerne anzügliche Bemerkungen macht, die völlig fehl am Platz sind. Bei einer Feier, die wir anlässlich des 10jährigen Bestehens in feuchtfröhlicher Runde begangen hatten, ist er derart aus dem Ruder gelaufen, dass es allen anwesenden Personen hochgradig peinlich war. Und man sagt ja, kleine Kinder und Betrunkene sagen die Wahrheit. Das war dann wohl sein wahres Gesicht. Vulgär, einfach widerlich.
Dann gibt es noch die Frau von Jörg, Angela. Jörg ist der Steuerberater aus unserer Runde, und wenn er nicht verheiratet wäre, wer weiß – wer weiß. Vielleicht hätten wir eine kleine Romanze miteinander, denn wir mögen uns sehr. Er sieht einfach blendend aus, groß, dunkelhaarig, und wenn er mich mit seinen grünlich funkelnden Augen ansah, ging mir schon ein kleiner Schauer durch meinen Körper. Auch seine Art gefällt mir sehr, nicht zu aufdringlich, höflich und humorvoll. Ein toller Typ eben. Seine Frau Angela, eher ohne Interessen – jedenfalls, wenn man von Nageldesign und Mode absieht –, dafür aber sehr besitzergreifend, ist sehr eifersüchtig. Wir haben leider schon so manche Eifersuchtsszene mitbekommen.
»Einen schönen Mann hast du nie für dich alleine«, pflegte meine Mutter immer zu sagen. Und da ist wohl etwas dran. Er zieht die Frauen an, wie die Motten das Licht. Angela bildet sich leider ein, ich sei an ihrem Jörg interessiert. Ich würde niemals etwas mit einem verheirateten Mann anfangen, schließlich habe ich in meiner Ehe Erfahrungen damit gesammelt. Mein Mann nahm es auch nicht so genau und war dem weiblichen Geschlecht sehr zugetan. Einer der Gründe, warum er heute »Ex« heißt.
Als ich schon fast zu Hause war, dachte ich wieder an den Fremden, der mich so eindringlich »Melli« gerufen hatte. Schon bei dem Gedanken an seine schwarzen Augen bekam ich eine Gänsehaut. Kann es ein, dass man einen Doppelgänger hat, der einem wie aus dem Gesicht geschnitten ist? Ich konnte es mir nicht vorstellen. Es war schließlich nur wenig Licht in dem Treppenhaus. Vielleicht deshalb die Verwechslung. Das beruhigte mich etwas, schließlich wohnte ich alleine in meinem Haus und die Mutigste war ich auch nicht. Ich schalte schon das Fernsehprogramm um, wenn die Durchsage kommt, »dieser Film ist für unter 16jährige nicht geeignet« – und ich war bereits mehr als doppelt so alt. Na ja, ganz alleine wohnte ich nicht in meinem Häuschen. Anton war bei mir eingezogen, nachdem ich mich von meinem Mann getrennt hatte. Anton ist ein Labradorrüde und viel zu gutmütig, um Einbrecher zu verjagen. Im Gegenteil, er begrüßt stets alle Menschen freundlich.
»Du sollst mich doch beschützen«, habe ich ihm oft gesagt. Mit einem herzhaften »Wuff« reagiert er dann und springt freudig an mir hoch. Ich redete mir aber ein, dass er im Ernstfall eingreifen würde, und das beruhigte mich ungemein. Ich fuhr in die Einfahrt und Anton erwartete mich schon sehnlichst. Schnell noch eine Runde mit ihm und dann ab an den Kamin. Hier konnte ich meinen Gedanken freien Lauf lassen. Ich saß gerne dort und genoss die Tatsache, dass ich vieles – wenn auch nicht alles – richtig gemacht hatte in meinem Leben. Es waren mitunter schwere Entscheidungen zu treffen. Meine Scheidung, nach über 15 Ehejahren, das war nicht leicht, oder die Aufgabe meiner Tierarztpraxis. Ich führte meine Praxis direkt in der Marktstraße von Wilhelmshaven mit zwei Mitarbeitern. Aber die Zeiten wurden härter, die Mieten kontinuierlich erhöht und die Lohnnebenkosten brachten mich in manchen Nächten um den Schlaf. Das Geld wurde knapper, man spürte es überall. So beschloss ich eines Tages, meine Praxis aufzugeben und einen mobilen Tierarztservice anzubieten. Der Plan ging auf, meine Mitarbeiterinnen konnte ich bei einem befreundeten Tierarzt unter-bringen, dort führe ich auch heute noch größere Operationen aus und ich habe genug Aufträge, um meinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Ich freute mich also auf einen gemütlichen Abend vor dem leise knisternden Kamin, ein gutes Buch und einen leckeren, vollmundigen Rotwein. Ines, meine beste Freundin, hatte mir aus Südafrika einen besonders guten Tropfen mitgebracht. Er stammte aus der bekannten Weingegend Stellenbosch, im Westen Südafrikas in der Nähe von Kapstadt. Nach einem stressigen Tag gönnte ich mir diese dunkelrote Köstlichkeit, die angenehm nach Beeren roch und weich und samtig durch meine Kehle floss. Noch einmal schossen mir kurz die Gedanken durch den Kopf, wie eindringlich mich der fremde Mann mit Melli ansprach. Doch Anton riss mich schnell aus meiner Nachdenklichkeit, er kam mir schon schwanzwedelnd entgegen.
»Ja, mein Großer, nun machen wir eine schöne große Runde, damit du auch auf deine Kosten kommst«. Nach eineinhalb Stunden waren wir beide geschafft und froh, wieder zu Hause zu sein. Der Anrufbeantworter blinkte. Zwei neue Nachrichten, hoffentlich kein Notfall dachte ich mir, ich war echt geschafft an diesem Tag. Der erste Anruf kam von meinem Ex-Mann.
»Hallo Linda, ich würde gerne auf ein Glas Wein vorbei kommen, bist du da«? Nee, bin ich nicht, dachte ich mir.
Er hatte sich mit unserer Trennung immer noch nicht richtig abgefunden, obwohl es nun schon 3 Jahre her war. Nein, auf ein Gespräch mit ihm hatte ich heute keine Lust mehr. Die zweite Anruferin war Frau Behrends, die Katzenmutti. Sie bat für den nächsten Tag um einen Rückruf. Wenn ich erst am nächsten Tag zurückrufen soll, ist es nicht so wichtig, dachte ich mir. Es geht sicher um den Speiseplan der kleinen Emmi. Ich machte es mir also noch für ein Stündchen vor dem Kamin gemütlich, bis mir die Augen zufielen. Anton ging es scheinbar genauso, er hatte sich in seinem Korb regelrecht eingerollt. Leise schlich ich mich an ihm vorbei nach oben ins Schlafzimmer. Doch in dieser Nacht schlief ich nicht wie gewohnt ein, ich träumte wirres Zeug, immer wieder hörte ich jemanden den Namen »Melli« rufen. Schweißgebadet wurde ich nachts wach, sah eine große dunkle Gestalt auf mich zukommen. Ich rief mich selbst zur Ordnung. Was war denn schon passiert? Ich wurde im Treppenhaus mit einer anderen Frau verwechselt. Na und, dachte ich mir, dass passiert anderen auch und sie machen kein Drama daraus. Warum brachte mich das so aus der Fassung? Am nächsten Morgen stand ich wie gerädert auf. Meine Haare standen kreuz und quer, ein untrügerisches Zeichen einer unruhigen Nacht. Und es sollte nicht die letzte unruhige Nacht gewesen sein. Nach einer heißen Dusche und einem frisch gebrühten Kaffee ging es mir aber schon wesentlich besser. Mein Spiegelbild zeigte mir eine Frau im besten Alter, ich war 42, die an diesem Tag halt ein paar Augenringe mehr als sonst hatte. Was soll´s. Ich sah mich prüfend an, eigentlich fand ich mich noch ganz passabel für mein Alter.
»Immer noch schlank mit strahlend blauen Augen«, sagte Jörg neulich zu mir und fügte hinzu »Du bist und bleibst eben eine attraktive Frau.«
Das schmeichelt natürlich und aus seinem Mund habe ich es besonders gern gehört. Allerdings hatte Angela, Jörgs Frau, das auch mitgekommen und der Ärger war natürlich vorprogrammiert. Sie machte eine Szene vor allen Leuten – sehr unangenehm, ich mag da gar nicht mehr dran denken. Ich konnte eigentlich nicht verstehen, dass Jörg so ruhig dabei blieb. Man hatte ihm angesehen, dass auch ihm der Auftritt seiner Frau sehr peinlich war. Na ja, nicht mein Problem. Ich zupfte mir meine dunklen Haare ins Gesicht und warf noch einen letzten Blick in den Spiegel. So, genug der Tagträumerei. Der Besuch bei Bauer Renken stand auf dem Programm.
Es war zwar ein sonniger Samstag und eigentlich hatte ich frei. Aber eine seiner Stuten war trächtig und stand kurz vor dem Abfohlen und ich hatte Bauer Renken versprochen, nach dem Rechten zu sehen. Wenn ich die Bauernhöfe abfuhr, um nach dem Großvieh zu sehen, durfte Anton immer mit. Das gefiel ihm. Er sprang mit einem Satz ins Auto und wir machten uns auf den Weg. Nelly, so hieß die Stute, stand tatsächlich kurz vor der Entbindung. Ich untersuchte Nelly ausgiebig.
»Alles im Lot«, rief ich dem Bauern zu.
Nelly zeigte erste Anzeichen, sie fing an zu schwitzen, setzte mehrere kleine Pferdeäpfel ab und war nervöser als sonst. Wie bei einer Kolik lief sie kurze Strecken hin und her und stampfte mit den Hufen kräftig auf das Heu.
»Behalten Sie sie im Auge, ich denke, heute oder morgen ist es soweit. Aber sie bekommt das hin, da bin ich mir sicher.«
