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James Grippando

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Beschreibung

Jack Swyteck hat alles, was ein Anwalt sich nur wünschen kann: Er besitzt eine eigene Kanzlei, ist erfolgreich und zudem glücklich verheiratet. Da wendet sich seine attraktive Exfreundin Jessie an ihn, die wegen eines angeblichen Betrugs verklagt wird. Jack erreicht einen brillanten Freispruch - doch dann stellt sich heraus, dass Jessie ihn belogen hat. Als man sie tot in seiner Badewanne findet, steht Jack plötzlich nicht nur unter Mordverdacht, sondern muss sich auch noch mit einem skrupellosen Killer auseinandersetzen ...

Der zweite Fall für Jack Swyteck! Spannend, rasant und äußerst raffiniert.

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Über das Buch

Jack Swyteck hat alles, was ein Anwalt sich nur wünschen kann: Er besitzt eine eigene Kanzlei, ist erfolgreich und zudem glücklich verheiratet. Da wendet sich seine attraktive Exfreundin Jessie an ihn, die wegen eines angeblichen Betrugs verklagt wird. Jack erreicht einen brillanten Freispruch – doch dann stellt sich heraus, dass Jessie ihn belogen hat. Als man sie tot in seiner Badewanne findet, steht Jack plötzlich nicht nur unter Mordverdacht, sondern muss sich auch noch mit einem skrupellosen Killer auseinandersetzen …

Der zweite Fall für Jack Swyteck! Spannend, rasant und äußerst raffiniert.

Über James Grippando

James Grippando ist Autor diverser New York Times-Bestseller. Er arbeitete zwölf Jahre als Strafverteidiger bevor sein erstes Buch »Im Namen des Gesetzes« 1994 veröffentlicht wurde und ist weiterhin als Berater für eine Kanzlei tätig. Er lebt mit seiner Familie im Süden Floridas.

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James Grippando

Das Fehlurteil

Roman

Aus dem Englischen von Norbert Möllemann

Inhaltsübersicht

Informationen zum Buch

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Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

Kapitel 58

Kapitel 59

Kapitel 60

Kapitel 61

Kapitel 62

Kapitel 63

Kapitel 64

Kapitel 65

Kapitel 66

Kapitel 67

Kapitel 68

Kapitel 69

Impressum

1

Vor dem Schlafzimmerfenster raschelte es im Laub – ein Schritt, dann noch einer.

Cindy Swyteck lag reglos neben ihrem schlafenden Mann. Es war eine dunkle Winternacht und für Miami ausgesprochen kalt. In einer Stadt, wo eine Temperatur von fünf Grad plus schon als eisig galt, konnte sie höchstens ein- oder zweimal im Jahr den Kamin anheizen und sich mit Jack unter die flauschige Daunendecke kuscheln. Sie kroch noch näher an ihn heran, suchte nach seiner Wärme. Ein böiger Nordwind rüttelte am Fenster. Allein das ließ ihr einen kalten Schauer über den Rücken laufen. Das Pfeifen ging in Heulen über, aber das gleichmäßige Knirschen im Laub war immer noch zu hören, das unverkennbare Geräusch von sich nähernden Schritten.

Bilder ihres Gartens schossen ihr durch den Kopf – der Rasen, die Terrasse und überall verstreut die riesigen Blätter des Mandelbaums. Sie konnte sich genau vorstellen, wie der Fremde sich den Weg durch das Laub bahnte. Er kam direkt auf ihr Fenster zu.

Fünf Jahre waren vergangen, seit sie ihren Peiniger zum letzten Mal gesehen hatte. Ihr Mann und auch die Polizisten hatten ihr versichert, er sei tot, doch sie wusste, dass er nie wirklich verschwinden würde. In Nächten wie dieser hätte sie schwören können, dass er wieder da war, leibhaftig. Sein Name war Esteban.

Fünf Jahre, aber die Erinnerung an den Schrecken quälte sie noch immer. Die schwieligen Hände und die rissigen Fingernägel auf ihrer Haut. Die widerliche Schnapsfahne, die ihr bei jedem seiner Atemzüge ins Gesicht schlug. Die kalte Stahlklinge an ihrem Hals. Selbst dann noch hatte sie sich gegen seine Küsse gewehrt. Völlig unvergesslich waren jedoch die leeren, haifischartigen Augen – Augen so kalt und hasserfüllt, dass sie, als er sein stinkendes Maul öffnete und in ihre Lippen biss, darin ihr eigenes Spiegelbild erkennen konnte, ein Abbild ihres Entsetzens in seinen glänzenden schwarzen Pupillen.

Fünf Jahre war es her, doch diese unerbittlichen Augen verfolgten sie unablässig, beobachteten sie auf Schritt und Tritt. Nicht einmal ihre Therapeuten schienen zu begreifen, was sie durchmachte. Es war, als wären Estebans Augen zu ihrem zweiten Gesicht geworden. Nachts, wenn der Wind heulte, konnte sie mühelos in das Bewusstsein ihres Peinigers schlüpfen und Dinge sehen, die er vor seinem gewaltsamen Tod erlebt hatte. Noch merkwürdiger war, dass sie ein Fenster zu den Dingen zu haben schien, die er jetzt gerade sehen mochte. Sogar sich selbst konnte sie durch seine Augen betrachten. Nacht für Nacht beobachtete sie, wie Cindy Swyteck im Bett lag und vergeblich gegen ihre unheilbare Angst vor der Dunkelheit kämpfte.

Draußen hatte das Rascheln aufgehört. Der Wind hatte für einen Moment nachgelassen. Wie jedes Mal, wenn bei einem Sturm der Strom ausfiel, blinkte die Digitalanzeige des Weckers auf dem Nachttisch. Sie zeigte Mitternacht an und warf in regelmäßigen Abständen fahles grünes Licht auf das Kopfkissen.

Es klopfte an der Hintertür. Cindy fuhr hoch und setzte sich auf die Bettkante.

Nicht hingehen, sagte sie zu sich, doch es war, als hätte man sie gerufen.

Noch ein Klopfen, genau wie das erste. Auf der anderen Seite des Bettes schlief Jack tief und fest. Sie wollte ihn nicht wecken.

Ich gehe schon.

Cindy sah sich selbst, wie sie aufstand und ihre nackten Füße auf dem gefliesten Fußboden aufsetzte. Auf dem Weg den Flur entlang und durch die Küche wurde der Boden immer kälter. Im Haus war es stockdunkel und sie verließ sich mehr auf ihren Instinkt als auf ihre Augen, während sie sich zur Hintertür vortastete. Sie war sich sicher, dass sie die Außenbeleuchtung vor dem Schlafengehen ausgeschaltet hatte, aber die gelbe Terrassenlampe brannte. Irgendetwas musste den Bewegungsmelder aktiviert haben. Vorsichtig trat sie an die Tür, lugte durch das kleine rautenförmige Fenster und ließ den Blick über den Garten schweifen. Ein Windstoß fuhr durch den großen Mandelbaum und zupfte einige verwelkte Blätter von den Ästen. Sie trudelten wie riesige Schneeflocken auf den Boden, aber einige wurden im schwachen Schein des Terrassenlichts von einem Aufwind erfasst und hinaus in die dunkle Nacht getragen. Cindy verlor sie aus dem Blick, bis auf eins, das über der Terrasse zu schweben schien. Mit dem nächsten Windstoß wurde es nach oben gewirbelt, änderte plötzlich die Richtung, kam direkt auf sie zu und klatschte gegen die Tür.

Das Geräusch ließ sie zusammenzucken, aber sie blieb an der Tür stehen. Unverwandt schaute sie aus dem Fenster, als wollte sie ergründen, was dieses einzelne Blatt dazu veranlasst hatte, mit solcher Wucht in ihre Richtung zu schießen. Es war nichts zu erkennen, doch sie spürte genau, dass sie sich täuschte. Irgendetwas war da draußen. Sie konnte es bloß nicht sehen. Oder vielleicht war es auch Esteban, der es nicht sehen konnte.

Hör auf, seine Augen zu benutzen.

Die Tür wurde aufgestoßen. Ein eiskalter Luftzug traf sie wie eine arktische Front. Sie bekam eine Gänsehaut auf Armen und Beinen. Ihr Seidennachthemd hob sich durch den Wind bis über die Oberschenkel. Irgendwie wusste sie, dass sie fror wie nie zuvor, obwohl sie es gar nicht richtig empfand. Sie empfand überhaupt nichts. Sie war wie betäubt und obwohl ihr Verstand ihr befahl wegzulaufen, blieb sie wie angewurzelt stehen. Sie hatte jedes Zeitgefühl verloren, aber von einem Moment auf den anderen erschien ihr die Gestalt im Türrahmen merkwürdig vertraut.

»Daddy?«

»Hallo, Liebes.«

»Was machst du denn hier?«

»Heute ist Dienstag.«

»Na und?«

»Ist Jack da?«

»Er schläft.«

»Weck ihn auf.«

»Wozu?«

»Wir haben heute unseren Pokerabend.«

»Jack kann heute Abend nicht mit dir Karten spielen.«

»Aber wir spielen jeden Dienstag.«

»Tut mir Leid, Daddy. Jack kann nicht mehr mit dir spielen.«

»Warum nicht?«

»Weil du tot bist.«

Mit einem schrillen Schrei fuhr sie in ihrem Bett hoch. Sie war völlig verwirrt und verängstigt und zitterte am ganzen Körper. Eine Hand streichelte ihre Wange. Wieder schrie sie auf.

»Es ist alles gut«, sagte Jack. Er rückte näher und versuchte, seine Arme um sie zu legen.

Sie schob ihn von sich weg. »Nein!«

»Alles in Ordnung, ich bin’s.«

Ihr Herz raste und sie bekam kaum Luft. Eine Träne lief ihr über das Gesicht. Sie wischte sie mit dem Handrücken weg. Die Träne war so kalt wie Eiswasser.

»Atme tief ein«, sagte Jack. »Ganz langsam. Ein und wieder aus.«

Sie holte tief Luft, atmete aus. Das tat sie mehrere Male. Allmählich legte sich die Panik und ihr Atem wurde wieder gleichmäßiger. Jetzt empfand sie Jacks Berührung als beruhigend und sie kuschelte sich in seine Arme.

Er setzte sich neben sie und drückte sie an sich. »War es wieder dieser Traum?«

Sie nickte.

»Der mit deinem Vater?«

»Ja.«

Sie starrte in die Dunkelheit und merkte kaum, dass Jack ihr sanft die Haare aus dem Gesicht strich. »Er ist schon so lange tot. Warum habe ich ausgerechnet jetzt diese Träume?«

»Lass dich nicht davon verrückt machen. Es gibt nichts, wovor du Angst haben musst.«

»Ich weiß.«

Sie lehnte den Kopf an seine Schulter. Jack meinte es gut, aber er konnte unmöglich begreifen, was ihr wirklich Furcht einflößte. Das Schlimmste hatte sie ihm bisher nie erzählt. Was nützte es ihm, wenn er wüsste, dass ihr Vater kam – um ihn zu holen?

»Alles ist gut«, sagte Jack. »Versuch, noch ein bisschen zu schlafen.«

Sie erwiderte seinen Kuss und streichelte seine Stirn, als er sich umdrehte, um weiterzuschlafen. Sie hörte ihn in der Dunkelheit atmen und doch fühlte sie sich schrecklich allein. Angestrengt lauschend lag sie mit weit offenen Augen da.

Wieder hörte sie das Geräusch vor dem Fenster, das vertraute Schlurfen der Stiefel durch den Laubteppich. Sie wagte nicht, die Augen zu schließen, wollte nicht in den Zustand zurückgleiten, in dem sie diese verfluchte Fähigkeit hatte, durch die Augen eines anderen zu sehen. Sie zog die Decke bis unters Kinn und betete, dass es nicht wieder an der Hintertür klopfen würde.

Das Geräusch wurde schwächer, als würde sich jemand entfernen.

2

Jack Swyteck war im Verhandlungszimmer 9 des Gerichts in Miami-Dade und amüsierte sich prächtig. Er war seit zehn Jahren in Strafprozessen sowohl als Ankläger als auch als Verteidiger tätig und übernahm nur noch selten Zivilprozesse. Aber das hier war ein spezieller Fall. Es war eine erstklassige Schlammschlacht, der Richter hatte während des gesamten Verfahrens gegenüber dem gegnerischen Anwalt Gift und Galle gespuckt und Jacks Mandantin war eine alte Flamme, die ihm vor langer Zeit erst das Herz gebrochen und ihn anschließend fertig gemacht hatte.

Zwei von dreien sind schon nicht schlecht.

»Bitte erheben Sie sich!«

Die Mittagspause war vorbei und die Anwälte und die Kontrahenten standen auf, als Richter Antonio Garcia auf die Richterbank zusteuerte. Der Richter warf einen Blick in Jacks Richtung, als könnte er nicht widerstehen, dessen Mandantin zu beäugen. Kein Wunder. Jessie Merrill war vielleicht keine einzigartige Schönheit, aber sie war verdammt nah dran. Sie wirkte intelligent und selbstbewusst, ließ jedoch hin und wieder durchblicken, dass sie auch eine verletzliche Seite hatte – eine Mischung, die auf die testosterongesteuerte Hälfte der Menschheit absolut unwiderstehlich wirkte. Richter Garcia war dafür ebenso empfänglich wie jeder andere auch. Und in seiner weiten schwarzen Robe steckte letztlich auch nur ein Normalsterblicher – ein Mann eben. Abgesehen davon war Jessie in diesem Fall tatsächlich ein Opfer und es war unmöglich, kein Mitleid mit ihr zu empfinden.

»Guten Tag«, sagte der Richter.

»Guten Tag«, erwiderten die Anwälte, obwohl der Richter längst seine Nase in irgendwelche Papiere vergraben hatte. Anstatt sofort die Geschworenen hereinzubitten, widmete sich Richter Garcia, nachdem er seinen Platz eingenommen hatte, gewöhnlich erst einmal seiner Post oder dem Lösen eines Kreuzworträtsels – es war seine Art, allen Anwesenden deutlich zu machen, dass er allein über die seltene und ganz besondere Macht verfügte, die Anwälte zum Schweigen zu bringen und warten zu lassen. Richterliche Machtspiele aller Art schienen in den Gerichtssälen von Miami um sich zu greifen, vor allem seit die Lokalheldin Marilyn Milian ihren geregelten Arbeitstag zugunsten einer Karriere bei The People’s Court aufgegeben hatte.

Aus dem Augenwinkel bemerkte Jack, dass die Hand seiner Mandantin zitterte. Das Zittern hörte sofort auf, als sie seinen Blick bemerkte. Typisch Jessie, keiner sollte mitbekommen, dass sie nervös war.

»Wir haben’s fast geschafft«, flüsterte Jack.

Sie lächelte gequält.

Vor diesem Fall hatte Jack sie mindestens sechs Jahre nicht gesehen. Fünf Monate, nachdem sie ihm den Laufpass gegeben hatte, wollte sie ihn zum Abendessen einladen, in der Hoffnung, sie könnten es noch einmal miteinander versuchen. Aber zu jener Zeit hatte sich Jack gerade hoffnungslos in Cindy Paige verliebt, die jetzige Mrs. Jack Swyteck, die er allerdings nie so nannte, denn er wollte auf keinen Fall Gefahr laufen, auf der nächsten Cocktailparty als Mr. Cindy Paige vorgestellt zu werden. Cindy war heute noch schöner als damals und dasselbe galt auch für Jessie, wie Jack sich eingestehen musste. Das war natürlich kein Grund gewesen, ihren Fall zu übernehmen. Doch er hatte sich gesagt, dass es auch kein Grund sein dürfe, ihren Fall abzulehnen. Seine Entscheidung hatte ebenfalls nichts damit zu tun, dass ihr langes, rotbraunes Haar einmal über ihrer beider Kissen geflossen war. Sie war als alte Freundin in einer ernsthaften Krise zu ihm gekommen. Auch sechs Monate später hatte er den Wortlaut ihres Gesprächs immer noch in Erinnerung.

»Der Arzt hat mir mitgeteilt, dass ich nur noch zwei Jahre zu leben habe, bestenfalls drei.«

Jack war die Kinnlade heruntergefallen. »Verdammt, Jessie. Das tut mir aufrichtig Leid.«

Sie schien kurz davor, in Tränen auszubrechen, und er kramte nach einem Papiertaschentuch. Sie fand eins in ihrer Handtasche. »Es fällt mir so schwer, darüber zu sprechen.«

»Das verstehe ich.«

»Ich war absolut nicht darauf vorbereitet.«

»Wem würde es anders gehen?«

»Ich kann mich um mich selbst kümmern. Das habe ich immer getan.«

»Das sieht man.« Es war nicht nur so dahergesagt, sondern eine Feststellung, die unterstreichen sollte, was für ein Jammer es war.

»Mein erster Gedanke war, der Arzt spinnt. Das kann nicht wahr sein.«

»Klar.«

»Weißt du, ich bin nie mit etwas konfrontiert gewesen, dem ich nicht gewachsen war. Dann plötzlich sitze ich im Sprechzimmer von diesem Arzt, der mir im Grunde zu verstehen gibt, das war’s, das Spiel ist aus. Dabei hatte mir nicht mal jemand gesagt, dass das Spiel überhaupt schon angefangen hatte.«

Er spürte den Zorn in ihrer Stimme. »Ich wäre auch stinksauer.«

»Ich hab gekocht vor Wut. Und ich hatte Angst. Vor allem, als er mir erzählte, was ich überhaupt hatte.«

Jack bohrte nicht nach. Sie würde es ihm schon sagen, wenn sie es für richtig hielt.

»Er meinte, ich hätte ALS – amyotrophische Lateralsklerose.«

»Das sagt mir nicht besonders viel.«

»Vielleicht hast du schon mal von der Lou-Gehrig-Krankheit gehört.«

»Oh.« Sein »Oh« hatte düsterer geklungen als beabsichtigt. Sie sprang sofort darauf an.

»Dann weißt du ja, was für eine furchtbare Krankheit das ist.«

»Ich weiß nur, was mit Lou Gehrig passiert ist.«

»Was glaubst du, was das für ein Gefühl ist zu hören, dass dir das passiert? Dein Verstand bleibt gesund, aber dein Nervensystem degeneriert immer mehr, bis du die Kontrolle über deinen Körper verlierst. Am Ende kannst du nicht mal mehr schlucken, weil deine Halsmuskeln ihren Dienst versagen, und dann erstickst du an deiner eigenen Zunge.«

Er wich ihrem Blick aus.

»Die Krankheit führt in jedem Fall zum Tod«, fügte sie hinzu. »Vielleicht schon in zwei, spätestens aber in fünf Jahren.«

Er wusste nicht, was er sagen sollte. Nach einer Weile wurde das Schweigen peinlich. »Ich weiß nicht, wie ich dir helfen soll, aber wenn es irgendetwas gibt, das ich für dich tun kann –«

»Es gibt etwas.«

»Dann sag mir, was.«

»Ich werde auf Schadensersatz verklagt.«

»Wie viel?«

»Anderthalb Millionen Dollar.«

»Das ist aber eine Menge Geld.«

»Es ist alles, was ich besitze.«

»Merkwürdig. Es gab einmal eine Zeit, wo du und ich glaubten, mehr Geld gäbe es auf der ganzen Welt nicht.«

Ihr Lächeln war eher traurig als wehmütig. »Die Dinge ändern sich.«

»Kann man wohl sagen.«

Einen Augenblick lang schwiegen sie, hingen ihren Erinnerungen nach.

»Wie dem auch sei, mein Problem ist Folgendes. Mein rechtliches Problem, meine ich. Ich habe versucht, mich angesichts meiner Krankheit verantwortungsvoll zu verhalten. Als Erstes habe ich meine Finanzen in Ordnung gebracht. Die Behandlung ist teuer und ich wollte in der Zeit, die mir noch bleibt, etwas unternehmen, vielleicht nach Europa reisen, irgendwas in der Art. Ich hatte nicht viel Geld, aber ich habe eine Lebensversicherung über drei Millionen Dollar.«

»Warum eine so hohe Summe?«

»Als der Aktienmarkt vor einigen Jahren boomte, hat mich ein Finanzberater davon überzeugt, dass eine Lebensversicherung eine gute Altersversorgung wäre. Es würde sich bis zum Alter von fünfundsechzig ein respektabler Betrag ansammeln. Aber in meinem jetzigen Alter ist der Rückkaufswert praktisch gleich Null. Die Versicherungssumme würde natürlich erst ausgezahlt werden, wenn ich tot bin, aber davon hätte ich ja nichts. Ich wollte einen ordentlichen Batzen Geld, solange ich lebe und noch gut genug dabei bin, um mein Leben zu genießen.«

Jack nickte, er verstand, worauf sie hinauswollte. »Also hast du die Police an eine Viatical-Firma verkauft?«

»Du hast von der Möglichkeit gehört?«

»Ein Freund von mir hat davon Gebrauch gemacht. Er hatte Aids.«

»Damit sind diese Firmen in den achtziger Jahren bekannt geworden. Aber das Konzept lässt sich auf jede andere tödliche Krankheit anwenden.«

»Und das Geschäft ist schon über die Bühne gegangen?«

»Ja. Es hatte sich so angehört, als könnte man überhaupt nichts falsch machen. Ich verkaufe meine Drei-Millionen-Police für eineinhalb Millionen an eine Gruppe von Investoren. Ich kriege einen Batzen Geld auf die Hand, jetzt, wo ich es gebrauchen kann. Sie erhalten die drei Millionen, wenn ich sterbe. Im Prinzip würden sie also ihr Geld innerhalb von zwei oder drei Jahren verdoppeln.«

»Klingt ziemlich makaber, andererseits hat es auch sein Gutes.«

»Klar. Alle waren zufrieden.« Der Kummer schien aus ihrem Gesicht zu weichen, als sie ihn ansah und sagte: »Bis meine Symptome anfingen zu verschwinden.«

»Zu verschwinden?«

»Auf einmal ging es mir wieder besser.«

»Aber ALS ist doch unheilbar.«

»Der Arzt hat weitere Untersuchungen durchgeführt.«

Jack sah etwas in ihren Augen aufleuchten. Er spürte, wie sein Herz schneller klopfte. »Und?«

»Es stellte sich heraus, dass ich eine Bleivergiftung hatte. Sie kann ähnliche Symptome verursachen wie ALS, aber so eine Bleivergiftung ist normalerweise nicht tödlich.«

»Du hast also gar nicht die Lou-Gehrig-Krankheit?«

»Nein.«

»Du wirst nicht sterben?«

»Ich bin wieder völlig genesen.«

Obwohl er sich für sie freute, konnte er nicht umhin, sich manipuliert zu fühlen. »Gott sei Dank. Warum hast du mir das nicht gleich gesagt?«

Sie lächelte spitzbübisch, dann wurde sie ernst. »Ich wollte, dass du nachvollziehen konntest, wie es mir ergangen ist. Wissen, wie es ist, unaufhaltsam auf einen solch schrecklichen Tod zuzurasen.«

»Das hat ja auch funktioniert.«

»Gut. Ich habe nämlich einen ziemlichen Schlamassel am Hals, juristisch gesehen.«

»Du willst also den Quacksalber verklagen, der die falsche Diagnose gestellt hat?«

»Wie gesagt, ich bin diejenige, die deswegen verklagt wird.«

»Die Investoren?«

»Richtig. Sie dachten, sie kämen spätestens in drei Jahren an ihre drei Millionen. Jetzt stellt sich aber heraus, dass sie möglicherweise noch vierzig, fünfzig Jahre warten müssen, bis sich ihre Investition sozusagen ›amortisiert‹. Sie wollen ihre anderthalb Millionen zurückhaben.«

»Ihr Pech.«

Sie lächelte. »Du übernimmst also den Fall?«

»Darauf kannst du Gift nehmen.«

Das Geräusch des Hammers schreckte Jack aus seinen Gedanken auf. Die Geschworenen waren zurück. Richter Garcia hatte seine Post durchgesehen und den Sportteil der Zeitung oder was auch immer gelesen, die Sitzung ging weiter.

»Mr. Swyteck, noch irgendwelche Fragen an Dr. Herna?«

Jack blickte zum Zeugenstand hinüber. Dr. Herna war der Arzt, der Jessies Krankengeschichte im Auftrag der Investoren überprüft, im Wesentlichen die Fehldiagnose bestätigt und damit grünes Licht für das Geschäft gegeben hatte. Er und der Anwalt der Investoren hatten den ganzen Vormittag über versucht, die Geschworenen davon zu überzeugen, dass der Kauf der Versicherungspolice aufgrund eines »beiderseitigen Irrtums« rückgängig gemacht werden müsse, da Jessie gar nicht an ALS leide. Jack musste jetzt beweisen, dass der Irrtum bei der gegnerischen Seite lag und keineswegs beiderseitig war; Künstlerpech.

Jack konnte es kaum erwarten.

»Jawohl, Euer Ehren«, erwiderte er und trat mit einem dünnen, selbstbewussten Lächeln auf den Zeugen zu. »Ich verspreche Ihnen, es wird nicht lange dauern.«

3

Im Gerichtssaal herrschte Stille. Der entscheidende Moment in der Verhandlung stand bevor. Jacks Kreuzverhör des Hauptzeugen der Anklage. Die Geschworenen waren aufmerksam und konzentriert – Weiße, Schwarze, Latinos, ein Querschnitt der Bevölkerung von Miami. Jeder, der bezweifelte, dass eine ethnisch gemischte Gemeinschaft tatsächlich zusammenarbeiten könnte, sollte einmal einer Jury angehören, hatte Jack schon oft gedacht. Der Fall Viatical Solutions, Inc. gegen Jessie Merrill war wie Dutzende anderer Prozesse, die zurzeit in Miami verhandelt wurden – kein Medienrummel, keine Demonstranten, kein Ringrichter. Nicht ein einziges Mal während der Verhandlungen war Jack gezwungen gewesen, ein Buch auf den Boden fallen zu lassen oder sich die Lunge aus dem Hals zu husten, um die Geschworenen zu wecken. Es war ein beruhigendes Gefühl zu wissen, dass ein Gerichtsprozess in Miami nicht notwendigerweise so eine Witzvorstellung war, wie man sie im Fernsehen geboten bekam.

Zumindest Jack fand das beruhigend. Dr. Felix Herna wirkte alles andere als ruhig und sein Anwalt schien die Nervosität seines Mandanten zu spüren. Parker Aimes sah sich veranlasst, einzugreifen.

»Herr Richter, können wir eine fünfminütige Pause einlegen?«

»Wir hatten gerade erst Mittagspause«, knurrte der Vorsitzende.

»Ich weiß, aber –«

»Nichts aber«, fiel ihm der Richter ins Wort und schaute ihn über seine Brille hinweg an. »Herr Anwalt, ich habe soeben mein Horoskop gelesen und darin steht, dass in der Zukunft jede Menge Freizeit auf mich wartet. Mr. Swyteck, würden Sie bitte fortfahren.«

Das Gefasel von Astrologie ließ Jack kurz an seinem Vertrauen in die Justiz zweifeln. »Vielen Dank, Euer Ehren.«

Die Blicke der Geschworenen folgten ihm, als er sich dem Zeugen näherte. Er pflanzte sich vor Dr. Herna auf und gab mit seiner Körpersprache zu verstehen, dass er sich seiner Sache sicher war.

»Dr. Herna, Sie stimmen mir doch sicherlich zu, wenn ich sage, dass es sich bei ALS um eine schlimme Krankheit handelt, nicht wahr?«

Der Zeuge rutschte nervös auf seinem Stuhl herum, als fürchtete er selbst eine solch harmlose Frage. »Selbstverständlich.«

»Sie greift das Nervensystem an, zerstört Gewebe und die für den Bewegungsapparat verantwortlichen Nervenzellen?«

»Das ist richtig.«

»Die Opfer dieser Krankheit verlieren irgendwann die Kontrolle über ihre Beine?«

»Ja.«

»Auch über ihre Arme und Hände?«

»Ja.«

»Und über ihren Schließmuskel?«

»Ja, das ist richtig. Die Krankheit zerstört die Neuronen, die die Muskelbewegung steuern. Willkürliche Muskelbewegungen.«

»Die Sprache des Patienten wird undeutlich? Essen und Schlucken schwierig?«

»Ja.«

»Das Atmen wird unter Umständen unmöglich?«

»Die Zunge und die Rachenmuskeln werden angegriffen. Irgendwann kommt der Punkt, an dem der Patient vor der Entscheidung steht, entweder sein Leben mit Hilfe einer Beatmungsmaschine verlängern zu lassen oder zu ersticken.«

»Ersticken«, sagte Jack. »Keine besonders angenehme Art zu sterben.«

»Der Tod ist selten angenehm, Mr. Swyteck.«

»Es sei denn, man investiert in ein so genanntes Viatical Settlement.«

»Einspruch.«

»Stattgegeben.«

Einer der Geschworenen nickte zustimmend. Jack fuhr fort, er wusste, er hatte einen Treffer gelandet. »Gehe ich recht in der Annahme, dass die Krankheit, wenn sie einmal ausgebrochen ist, nicht aufgehalten werden kann?«

»Wunder geschehen. Aber die Medizin geht davon aus, dass die Krankheit tödlich und ihr Fortschreiten unaufhaltsam ist. Fünfzig Prozent der Patienten sterben innerhalb von zwei Jahren. Achtzig Prozent innerhalb von fünf Jahren.«

»Klingt wie die ideale Krankheit für ein Viatical Settlement.«

»Einspruch.«

»Ich werde meine Frage anders formulieren. Die Grundvoraussetzung für ein Viatical Settlement ist, dass der Patient bald stirbt. Ist das richtig oder falsch, Dr. Herna?«

Dr. Herna blickte Jack an, als wäre die Frage lächerlich. »Selbstverständlich ist das richtig. So verdienen die Investoren schließlich ihr Geld.«

»Sie würden mir also zustimmen, wenn ich behaupte, dass eine eindeutige Diagnose die wichtigste Voraussetzung für die Entscheidung der Investoren darstellt?«

»Richtig.«

»Deswegen haben die Investoren Sie angeheuert, richtig? Sie haben sich an Sie gewandt, um sich bestätigen zu lassen, dass Ms. Merrill tatsächlich an ALS litt.«

»Sie haben mich beauftragt, die Diagnose ihres Arztes zu überprüfen.«

»Wie oft haben Sie die Patientin untersucht?«

»Keinmal.«

»Wie oft haben Sie sie gesehen?«

»Keinmal.«

»Wie oft haben Sie mit ihr gesprochen?«

»Keinmal«, sagte Dr. Herna und klang immer defensiver. »So wie Sie das darstellen, klingt es schlimmer, als es war. Es kommt kaum vor, dass der überprüfende Arzt in einem Viatical Settlement den Patienten untersucht. Meine Aufgabe bestand darin, die Krankengeschichte zu beurteilen, die mir von Ms. Merrills Arzt vorgelegt wurde. Auf dieser Grundlage musste ich entscheiden, ob die Diagnose auf korrekten medizinischen Erkenntnissen beruhte.«

»Ihnen war also bekannt, dass Dr. Marshs Diagnose lautete: ›ALS nach klinischem Befund möglich‹?«

»Ja.«

»ALS nach klinischem Befund möglich«, wiederholte Jack und vergewisserte sich, dass der Richter und die Geschworenen ihn richtig gehört hatten. »Was bedeutet, dass es auch etwas anderes hätte sein können.«

»Die Symptome waren zwar schwach, aber sie stimmten eindeutig mit denen überein, die im Anfangsstadium von ALS auftreten.«

»Aber die Diagnose selbst – ›ALS möglich‹ – besagte doch eindeutig, dass es auch etwas anderes hätte sein können. Und das wussten Sie.«

»Hören Sie, es gibt keine Zauberformel, keinen einfachen Test, mit dem sich zweifelsfrei nachweisen lässt, dass ein Patient an ALS leidet. Die Diagnose erfolgt durch ein Ausschlussverfahren. Über Monate hinweg werden verschiedene Untersuchungen durchgeführt, um andere Krankheiten auszuschließen. Eine scheinbar gesunde Frau wie Jessie Merrill könnte die Krankheit im Anfangsstadium haben, ohne zu ahnen, dass mit ihrem Körper irgendetwas nicht stimmt, außer dass ihr vielleicht mal ein Fuß einschläft oder dass sie sich beim Aufschließen ihrer Haustür ungeschickt anstellt oder leichte Schluckbeschwerden hat.«

»Sie wollen doch nicht etwa behaupten, dass die Investoren aufgrund der Tatsache, dass Ms. Merrill ihren Hausschlüssel fallen gelassen hat, eine Million Dollar hingeblättert haben?«

»Nein.«

»Im Gegenteil, die Investoren haben das Geschäft anfangs abgelehnt, stimmt’s?«

»Eine Investition aufgrund der Diagnose ›ALS möglich‹ war ihnen zu riskant.«

»Sie haben sich erst zu dem Geschäft entschieden, nachdem Sie mit Dr. Marsh gesprochen haben, ist das wahr?«

»Ich habe mit Dr. Marsh gesprochen, das ist richtig.«

»Würden Sie für das Gericht wiederholen, was genau Dr. Marsh gesagt hat?«

Der Richter blickte auf, sein Interesse war geweckt. Dr. Herna rutschte wieder auf seinem Stuhl herum, schien zu zögern.

»Ich möchte zunächst betonen, dass Dr. Marsh einer der renommiertesten Neurologen in Florida ist. Ich wusste, dass seine Diagnose ›ALS klinisch möglich‹ sich streng an den von der World Federation of Neurology aufgestellten diagnostischen Kriterien orientierte. Aber ich wusste auch, dass er ein erfahrener Arzt ist, der mehr Fälle von ALS gesehen hat als jeder andere Arzt in Miami. Ich bat ihn also, die strengen Kriterien einmal beiseite zu lassen und mir klipp und klar zu sagen, ob er glaubte, dass Jessie Merrill an ALS litt.«

»Ich wiederhole meine Frage: Was hat Dr. Marsh Ihnen gesagt?«

Herna schaute erst seinen Anwalt und dann Jack an. Dann senkte er den Blick und sagte: »Er sagte, wenn er Glücksspieler wäre, würde er auf ALS setzen.«

»Doch dann stellte sich heraus, dass Ms. Merrill nicht an ALS leidet, richtig?«

»Offenbar hat Dr. Marsh sich geirrt.«

»Verzeihen Sie, Dr. Herna. Er hat sich nicht geirrt. Seine Diagnose lautete: ›ALS möglich‹. Sie wussten, dass die Patientin immer noch bei ihm in Behandlung war, dass er weitere Untersuchungen durchführte.«

»Ich wusste aber auch, was er mir gesagt hatte. Er hat mir geraten, auf ALS zu setzen.«

»Aber erst, nachdem Sie ihn dazu gedrängt hatten, voreilige Schlüsse zu ziehen.«

»Als Kollege mit höchstem Respekt vor dem Mann bat ich ihn um seine ehrliche Meinung.«

»Sie haben ihn zum Spekulieren gedrängt. Sie wollten unbedingt eine Antwort haben, weil Ms. Merrill ein gutes Investitionsobjekt zu sein schien.«

»Das ist nicht wahr.«

»Sie fürchteten, sie könnte Ihnen von einer anderen Investorengruppe weggeschnappt werden, wenn Sie warteten, bis die Diagnose zweifelsfrei feststand.«

»Ich weiß nur, dass Dr. Marsh gesagt hat, er würde auf ALS setzen. Das reichte mir.«

Jack trat näher an den Zeugen heran. »Es war jedenfalls nicht Ms. Merrill, die die falsche Diagnose gestellt hat, stimmt’s?«

»Stimmt.«

»Sie dachte, in ein, zwei Jahren würde sie eine schreckliche Krankheit dahinraffen.«

»Ich weiß nicht, was sie gedacht hat.«

»Doch, das wissen Sie«, erwiderte Jack schneidend. »Als Sie nach Überprüfung ihrer Krankengeschichte anderthalb Millionen Dollar ausgespuckt haben, um ihre Lebensversicherungspolice zu kaufen, haben Sie die Diagnose bestätigt. Sie haben sie davon überzeugt, dass sie sterben würde.«

Dr. Herna verstummte. Es war, als hätte er plötzlich begriffen, was er Jessie Merrill angetan hatte – als würde er plötzlich verstehen, warum Jack sich so feindselig verhielt.

»Ms. Merrill selbst hat Ihnen gegenüber nie behauptet, sie sei nachgewiesenermaßen an ALS erkrankt, ist das richtig?«

»Das ist richtig.«

»Sie hat Ihnen nie garantiert, dass sie in zwei Jahren sterben würde?«

»Nein.«

»Sie hat Ihnen lediglich ihre Krankenakte übergeben.«

»Mehr habe ich nicht zu Gesicht bekommen.«

»Und Sie haben ein fachmännisches Urteil darüber abgegeben, ob sie leben oder sterben würde.«

»Richtig.«

»Und Sie haben auf ihren Tod gesetzt.«

»Sozusagen.«

»Sie haben auf ALS gesetzt.«

»Ja.«

»Und Sie haben verloren.«

Der Zeuge antwortete nicht.

»Dr. Herna, Sie und Ihre Investoren haben hoch gepokert und verloren. Darauf läuft es doch letztlich hinaus, nicht wahr?«

»Es ist nicht so gelaufen, wie wir erwartet hatten«, erwiderte der Arzt zögernd.

»Ein merkwürdiger Grund, einen Prozess anzustrengen.«

»Einspruch.«

»Abgelehnt.«

Jack ließ es dabei bewenden, aber sein Sarkasmus hatte den Geschworenen klargemacht, auf welche Frage er eigentlich eine Antwort haben wollte: Meinen Sie nicht, dass diese Frau schon genug durchgemacht hat, auch ohne dass Sie sie verklagen, Sie Arschloch?

»Sind Sie fertig, Mr. Swyteck?«, fragte Richter Garcia.

»Ja, Euer Ehren. Ich glaube, das genügt.« Er wandte sich von dem Zeugen ab und kehrte an seinen Platz zurück. Er sah die Dankbarkeit in Jessies Augen, aber noch deutlicher spürte er Dr. Hernas wütenden Blick, der ihm wie ein Dolch in den Rücken drang.

Jessie beugte sich vor und flüsterte ihm zu: »Gut gemacht.«

»Ja«, sagte Jack. »Aber ich war viel zu nett zu ihm.«

4

Jack und Jessie saßen nebeneinander auf den Stufen des Gerichts und warfen den Tauben Kekskrümel zu, während sie auf den Urteilsspruch der Jury warteten.

»Was glaubst du, wie sie entscheiden werden?«, fragte Jessie.

Jack überlegte. Die Granitstufen vor dem Gerichtsgebäude kamen ihm vor wie das juristische Gegenstück zum Orakel von Delphi, wo Anwälte täglich dazu genötigt wurden, Spekulationen über Prozesse auszusprechen, deren Ausgang schlicht unvorhersehbar war. Jack hätte Jessie gern gesagt, dass es keinen Grund gab, sich Sorgen zu machen, dass sie in zwanzig Minuten unterwegs zum Strand sein würden – im offenen Cabrio, während das Queens-Stück »We Are the Champions« aus den voll aufgedrehten Lautsprechern des CD-Players dröhnte.

Aber er hatte in seinem Beruf schon zu viele Überraschungen erlebt, um eine so bestimmte Prognose abzugeben.

»Ich habe ein gutes Gefühl«, sagte er. »Aber bei Geschworenen kann man nie wissen.«

Er biss ein Stück von einem Oreo Cookie ab und warf den Rest den Tauben hin. Dutzende von Vögeln stürzten sich auf die Krümel und kämpften aufgeregt flatternd und gurrend um den Leckerbissen. Kurz darauf flogen die Sieger in den blauen Februarhimmel davon.

Jessie sagte: »Egal, wie es ausgeht, ich schätze, das war’s dann.«

»Wir könnten in Berufung gehen, falls wir verlieren.«

»Ich meinte das eher in Bezug auf die persönliche Ebene.« Sie legte eine Hand auf seinen Unterarm. »Du hast mir sehr geholfen, indem du meinen Fall übernommen hast. Aber in ein paar Minuten ist das alles vorbei. Und dann werde ich dich wohl nie wieder sehen.«

»Na, das wollen wir hoffen. Denn wenn man einen Mandanten wieder sieht, bedeutet das normalerweise, dass er oder sie schon wieder verklagt worden ist.«

»Davon habe ich vorerst genug.«

»Ich weiß.«

Jack ließ seinen Blick zu der Imbissbude auf der gegenüberliegenden Straßenseite hinüberwandern, dann wieder zurück zu Jessie. Sie hatte ihn die ganze Zeit unverwandt angeschaut und ihre Hand lag immer noch auf seinem Arm. Ein bisschen übertrieben zutraulich heute. Er stand auf und vergrub die Hände in den Hosentaschen.

»Jack, ich möchte dir etwas sagen.«

Das Gespräch schien sich auf eine allzu persönliche Ebene zu verlagern und das gefiel ihm überhaupt nicht. Er war ihr Anwalt, weiter nichts, die Vergangenheit spielte keine Rolle. »Bevor du das tust, möchte ich dir etwas sagen.«

»Wirklich?«

Er setzte sich wieder neben sie auf die Stufe. »Ich habe Dr. Marsh im Gerichtssaal gesehen. Er wirkte ziemlich besorgt.«

Es schien sie zu verwirren, dass er plötzlich wieder von juristischen Dingen redete. »Besorgt? Meinst du meinetwegen?«

»Ich schätze, er macht sich Gedanken darüber, ob du ihn verklagen könntest. Wir haben zwar kaum darüber gesprochen, aber du hättest wahrscheinlich genug gegen ihn in der Hand.«

»Ihn verklagen? Weswegen?«

»Wegen seiner Fehldiagnose natürlich. Am Ende hat er zwar die richtige Diagnose gestellt, aber er hätte viel eher in Betracht ziehen müssen, dass deine neurologischen Probleme auf eine Bleivergiftung zurückzuführen waren. Spätestens, nachdem du ihm von den Renovierungsarbeiten an deinem Haus erzählt hast. Der Staub, der beim Abschleifen von bleihaltigen Farben in Häusern entsteht, die vor 1978 gebaut wurden, führt bekanntlich immer wieder zu Bleivergiftungen.«

»Aber er ist der Topexperte in Miami.«

»Deswegen kann er trotzdem Fehler machen. Er ist schließlich auch nur ein Mensch.«

Sie blickte ins Leere. »Das ist die beste Beschreibung für ihn. Er war so menschlich. Er hat sich unglaublich rührend um mich gekümmert.«

»Wie meinst du das?«

»Manche Ärzte sind eiskalt, sie lassen ihre Patienten einfach allein. Dr. Marsh war sehr mitfühlend. Es kommt äußerst selten vor, dass jemand unter vierzig an ALS erkrankt, und er hat sich ganz besonders für mich interessiert.«

»Auf welche Weise?«

»Jedenfalls nicht so, wie du denkst«, sagte sie und versetzte ihm einen spielerischen Tritt.

»Ich denke überhaupt nichts.«

»Lass es mich an einem Beispiel erklären. Einer der wichtigsten Tests, die bei mir durchgeführt wurden, war die EMG, die Elektro-Myographie, ein Untersuchungsverfahren zur Bestimmung des Muskeltonus. Dabei kleben sie einem überall Elektroden auf die Haut und können nachher feststellen, ob irgendwelche Nervenschädigungen vorliegen.«

»Ich weiß. Ich habe den Bericht gelesen.«

»Ja, aber das ist auch alles, was du gesehen hast. Diese Untersuchung kann ziemlich gruselig sein, vor allem, wenn man befürchten muss, dass man so was Schreckliches hat wie die Lou-Gehrig-Krankheit. Die meisten Neurologen lassen den Test von einem Techniker durchführen. Aber Dr. Marsh wusste, was für eine panische Angst ich wegen dieser ganzen Geschichte hatte. Ich wollte nicht, dass irgend so ein Techniker den Test macht. Dann hätte ich nämlich eine Woche warten müssen, bis der Arzt den Test ausgewertet hätte, und dann noch eine Woche, bis sie mich zu einem neuen Termin bestellt und mir das Testergebnis erklärt hätten. Deswegen hat er die Untersuchung selbst vorgenommen. Es gibt heutzutage nicht viele Ärzte, die bereit sind, so etwas für einen Patienten zu tun.«

»Da hast du allerdings Recht.«

»Ich könnte dir noch jede Menge andere Beispiele geben. Dr. Marsh ist ein hervorragender Arzt und ein echter Gentleman. Ich will ihn nicht verklagen. Anderthalb Millionen Dollar reichen mir völlig.«

Dagegen konnte Jack nichts einwenden. Es zeigte ihm, dass sie nicht mehr die egozentrische junge Frau war, die er gekannt hatte.

»Das ist die richtige Entscheidung.«

»Ich habe in meinem Leben einige richtige Entscheidungen getroffen«, sagte sie ernst. »Aber auch einige falsche.«

Er wusste nicht, was er darauf sagen sollte.

»Hast du dich jemals gefragt, wie es gewesen wäre, wenn wir uns nicht getrennt hätten?«, fuhr sie fort.

»Nein.«

»Lügner.«

»Ich möchte nicht darüber reden.«

»Warum nicht? Hat das nicht ein klitzekleines bisschen zu deiner Entscheidung beigetragen, meinen Fall zu übernehmen?«

»Nein.«

»Lügner.«

»Hör auf, mich Lügner zu nennen.«

»Hör auf zu lügen.«

»Was willst du von mir hören?«

»Beantworte mir nur eine Frage. Ich möchte eine ehrliche Antwort. Und wenn ich sie kriege, sage ich kein Wort mehr zu dem Thema. Einverstanden?«

»Einverstanden. Eine Frage.«

»Ein halbes Jahr lang haben wir gemeinsam an dem Fall gearbeitet. Wunderst du dich, dass zwischen uns nichts gelaufen ist?«

»Nein.«

»Warum nicht?«

»Das sind schon zwei Fragen.«

»Was glaubst du, warum nichts zwischen uns passiert ist?«

»Weil ich verheiratet bin.«

Sie grinste und nickte verständnisvoll. »Interessante Antwort.«

»Was ist daran so interessant? Das ist meine Antwort.«

»Ja, aber du hättest dich auch anders ausdrücken können. Du hättest zum Beispiel sagen können: ›Weil ich meine Frau liebe.‹ Aber du hast gesagt: ›Weil ich verheiratet bin.«‹

»Das läuft doch auf dasselbe hinaus.«

»O nein. Die eine Antwort kommt von Herzen. Die andere bedeutet, dass man nicht gegen die Spielregeln verstößt.«

Jack erwiderte nichts. Jessie war schon immer ein kluges Mädchen gewesen, aber das war wahrscheinlich das Scharfsinnigste, was er je aus ihrem Mund gehört hatte.

Sein Pager vibrierte. Er warf einen Blick auf das Display, schaute Jessie an und sagte: »Die Geschworenen sind zurück.«

Sie rührte sich nicht, wartete immer noch darauf, dass er etwas erwiderte. »Wir können den Richter nicht warten lassen.«

Wortlos stand sie auf und folgte ihm die Stufen hinauf.

5

Wenige Minuten später waren sie wieder im Gerichtssaal Nr. 9 und Jack spürte ein Kribbeln im Magen. Das war nicht gerade der komplizierteste Fall, mit dem er je zu tun gehabt hatte, aber er wollte ihn für Jessie gewinnen. Es hatte nichts damit zu tun, dass seine Mandantin eine Frau war, die ihn einst abgewiesen hatte, und dieser Fall seine Chance, ihr zu beweisen, was für ein großartiger Anwalt er war. Jessie hatte es verdient, zu gewinnen, Punkt, aus. So einfach war das.

Tja. Aber kann irgendetwas überhaupt so einfach sein?

Jack und seine Mandantin standen gelassen auf ihrem Platz hinter dem Mahagonitisch für die Verteidigung. Der gegnerische Anwalt stand allein auf der gegenüberliegenden Seite des Gerichtssaals neben den Geschworenen. Sein Mandant, eine große Firma, hatte es nicht für nötig befunden, einen Repräsentanten zur Urteilsverkündung zu schicken. Vielleicht rechneten sie mit dem Schlimmsten, eine Aussicht, die ein gewisses öffentliches Interesse geweckt zu haben schien. In der ersten Reihe saß eine Reporterin der Lokalzeitung und hinter ihr in den für Besucher vorgesehenen Reihen saßen alle möglichen Leute, die Jack nicht kannte. Ein Gesicht jedoch war ihm durchaus vertraut – das von Joseph Marsh, Jessies Neurologen, der hinten im Saal stand.

Ein Ventilator rotierte direkt über Jacks Kopf, während die Entscheidungsträger im Gänsemarsch in den Gerichtssaal zurückkehrten und auf der Geschworenenbank Platz nahmen. Sie alle schauten stur geradeaus, vermieden jeden Blickkontakt mit den beiden Anwälten. Professionelle Geschworenenberater hätten tagelang über die Bedeutung der Körpersprache dieser Leute diskutieren können – über die Frage, ob es ratsam war oder nicht, mit dem Verteidiger, dem Kläger, dem Richter oder sonst jemandem Blickkontakt aufzunehmen. Für Jack war das alles psychologischer Schnickschnack, es bedeutete überhaupt nichts, selbst wenn einer der Geschworenen dem Mandanten des Verteidigers aufmunternd zuzwinkerte.

»Haben die Geschworenen ein Urteil gefällt?«, fragte der Richter.

»Ja, das haben wir, Euer Ehren«, antwortete die Jury-Sprecherin. Der alles entscheidende Zettel wurde dem Gerichtsdiener gereicht, der ihn dem Richter übergab. Richter Garcia warf einen kurzen Blick darauf, ohne eine Reaktion zu zeigen. »Bitte, verkünden Sie das Urteil.«

Jack spürte, wie Jessies Fingernägel sich in seinen Bizeps bohrten.

»Im Fall Viatical Solutions Incorporated gegen Jessie Merrill haben die Geschworenen zugunsten der Angeklagten entschieden.«

Bevor Jack wusste, wie ihm geschah, lag ihm seine Mandantin zitternd in den Armen. Hätte er sie nicht gehalten, wäre sie zu Boden gestürzt. Eine Träne lief ihr über die Wange, als sie zu ihm aufblickte und flüsterte: »Ich danke dir.«

»Gern geschehen.« Er ließ sie los, doch sie hielt ihn noch einen Augenblick lang fest – vielleicht ein bisschen zu lange und zu demonstrativ bei einem verheirateten Mann. Andererseits war er in der Vergangenheit von zahlreichen überglücklichen Mandanten umarmt worden, sogar von vierschrötigen Männern, die bis aufs Mark schwulenfeindlich waren. Genau wie diese Männer war Jessie einfach von ihren Glücksgefühlen überwältigt.

Das hoffe ich jedenfalls.

»Euer Ehren, wir möchten einen Antrag stellen.« Der Anwalt von Viatical Solutions, Inc. stand vor der Richterbank. Er schien vor Wut zu kochen, was verständlich war. Gerade eben waren ihm anderthalb Millionen Dollar durch die Lappen gegangen. Erst vor einem halben Jahr hatte er Jessie einen arroganten Brief geschrieben, in dem er ihr mitgeteilt hatte, dass ihr Viatical Settlement das Papier nicht wert war, auf dem es gedruckt stand. Jetzt war er der Dumme.

Gott, ist es schön, zu gewinnen.

»Wie lautet Ihr Antrag?«, fragte der Richter.

»Wir beantragen, dass das Gericht ungeachtet des Urteils der Jury eine Entscheidung zugunsten der Klägerin trifft. Die Beweise reichen nicht aus um –«

»Vergessen Sie’s«, sagte der Richter.

»Wie bitte?«

»Sie haben mich verstanden.« Und dann ließ Richter Garcia eine veritable Schimpftirade los. Vom ersten Prozesstag an hatte es den Anschein gehabt, als wäre er von Jessie angetan, und diese Standpauke bestätigte Jack in der Vermutung, dass er diesen Fall ruhig dem Richter allein hätte anvertrauen können, anstatt auf einer Jury zu bestehen. Innerhalb der letzten zwei Minuten hatte er die Anklage gegen Jessie mehrmals als »nichtig und boshaft« bezeichnet. Er lehnte nicht nur den Antrag der Kläger ab, sondern stampfte die gegnerische Partei dermaßen in Grund und Boden, dass Jack wünschte, er hätte Cindy eingeladen, der Verhandlung beizuwohnen.

Andererseits war es vielleicht besser, dass sie nicht mitbekommen hatte, wie überschwänglich Jessie ihn nach der Urteilsverkündung umarmt hatte.

»Meine Damen und Herren Geschworenen, das Gericht dankt Ihnen für Ihre Dienste. Die Sitzung ist geschlossen.« Mit einem letzten Hammerschlag war alles vorbei. Es war ausgestanden.

Jessie war Millionärin.

»Jetzt wird gefeiert!«, sagte sie.

»Ja, tu das. Du hast es dir verdient.«

»Du kommst mit, mein Lieber. Die Drinks gehen auf meine Rechnung.«

Jack warf einen Blick auf seine Armbanduhr. »Also gut. Wir sind früh dran. Auf ein Bier komme ich mit.«

»Ein Bier? Schwächling.«

»Schnapsdrossel.«

»Anwalt.«

»Das war aber ein Schlag unter die Gürtellinie.«

Sie grinsten sich an, dann gingen sie in Richtung Ausgang. Der Gerichtssaal hatte sich bereits geleert, doch vor dem Aufzug standen noch einige Leute zusammen. Die meisten waren aus einem anderen Raum gekommen, aber Jack entdeckte einige Gesichter, die Jessies Verhandlung verfolgt hatten. Unter ihnen befand sich Dr. Marsh.

Die Aufzugtüren öffneten sich. »Lass uns auf den nächsten warten«, sagte Jack.

»Ach, da ist genug Platz drin.«

Etwa ein Dutzend Menschen zwängten sich in die enge Kabine. In dem Gedränge schob sich ein Hausmeister mit seinem Eimer zwischen Jack und Jessie. Die Türen schlossen sich und plötzlich verstummten alle Gespräche, als handelte es sich um ein ungeschriebenes Gebot der Etikette in Aufzügen. Leuchtziffern zeigten die Stockwerke an, die sie passierten. Die Türen öffneten sich wieder. Zwei Personen stiegen aus, vier ein. Jack hielt den Blick geradeaus gerichtet, bemerkte jedoch, dass Dr. Marsh sich aus der hinteren Ecke der Aufzugskabine bis dicht neben Jessie vorgearbeitet hatte.

Der Aufzug hielt erneut. Zwei Leute stiegen aus, zwei ein. Jack behauptete seinen Platz vorne neben den Bedienungsknöpfen. Beim Schließen der Tür schob sich Jessie in die hintere Ecke. Dr. Marsh gelang es, eine Lücke neben ihr zu ergattern.

Ob er sie verfolgt?

In dem dichten Gedränge konnte Jack sich nicht ganz umdrehen, aber er konnte Jessie und ihren ehemaligen Arzt im Spiegel sehen. Diskret behielt er die beiden im Auge. Marsh hatte eine falsche Diagnose gestellt, aber er war ein schlauer Bursche. Wahrscheinlich konnte er sich denken, dass Jessie mit ihrem Anwalt über die Möglichkeit gesprochen hatte, ihn wegen der Fehldiagnose zu verklagen. Falls er vorhatte, die Situation im Aufzug auszunutzen, um Jessie ein paar Drohungen ins Ohr zu flüstern, würde er es mit Jack zu tun bekommen.

Der Aufzug hielt jetzt nicht mehr, sondern fuhr nonstop ins Erdgeschoss. Jack warf einen Blick auf die Leuchtziffern über den Türen, dann schaute er wieder in den Spiegel. Ihm blieb fast das Herz stehen. Er traute seinen Augen kaum. Es hatte nur den Bruchteil einer Sekunde gedauert, aber was er gesehen hatte, war unmissverständlich. Jessie und Marsh hatten den Spiegel offenbar übersehen und ahnten nicht, dass Jack sie beobachtete, obwohl sie hinter ihm standen.

Sie hatten Händchen gehalten.

Eine Schrecksekunde lang blieb Jack regelrecht die Luft weg.

Die Aufzugtüren öffneten sich. Jack ließ die anderen aussteigen. Dr. Marsh ging an ihm vorbei, ohne ihn auch nur eines Blickes zu würdigen. Als Letzte stieg Jessie aus. Jack packte sie am Ellbogen und zog sie in eine Nische in der Nähe der Münztelefone.

»Was zum Teufel sollte das da drinnen?«

Sie riss sich von ihm los. »Ich weiß nicht, was du meinst.«

»Ich hab euch im Spiegel beobachtet. Ich hab gesehen, wie du mit Marsh Händchen gehalten hast.«

»Bist du verrückt geworden?«

»Offenbar. Ich war verrückt genug, um dir zu vertrauen.«

Sie schüttelte verächtlich den Kopf. »Du hast dich wirklich kein bisschen verändert, Swyteck. Du und deine verdammte Eifersucht, das hat mich schon damals auf die Palme gebracht, als wir zusammen waren.«

»Das hat nichts mit Eifersucht zu tun. Du hast gerade Händchen gehalten mit dem Arzt, der angeblich für das ganze Problem verantwortlich ist, weil er fälschlicherweise ALS bei dir diagnostiziert hat. Dafür bist du mir eine Erklärung schuldig.«

»Wir sind dir gar nichts schuldig.«

Sie hatte »wir« gesagt. Es verschlug ihm fast den Atem. Plötzlich musste Jack an das Gespräch denken, das sie auf den Stufen vor dem Gericht geführt hatten, daran, wie Jessie den Arzt in den höchsten Tönen gepriesen hatte. »Jetzt verstehe ich, warum Dr. Marsh die Tests eigenhändig durchgeführt hat«, sagte er. »Das hatte nichts mit Mitgefühl zu tun. Du hast nie irgendwelche Symptome gehabt, die auf ALS schließen ließen. Und du hast auch nie eine Bleivergiftung gehabt. Die Tests waren getürkt, stimmt’s?«

Sie sah ihn mit funkelnden Augen an. »Wie gesagt, wir schulden dir nichts.«

»Was erwartest du von mir? Soll ich einfach ignorieren, was ich eben gesehen habe?«

»Wenn du klug bist, ja.«

»Soll das eine Art Drohung sein?«

»Tu dir selbst einen Gefallen, ja? Vergiss, dass du mich je gekannt hast. Sieh zu, dass du dein Leben in den Griff kriegst.«

Mit denselben Worten hatte sie ihm vor sieben Jahren den Laufpass gegeben.

Sie wandte sich zum Gehen, dann drehte sie sich noch einmal um, als könnte sie nicht widerstehen, ihm noch einen letzten Schlag zu verpassen. »Du tust mir Leid, Swyteck. Mir tut jeder Leid, der sich sein Leben lang immer an die Spielregeln hält.«

Und dann verschwand sie in der Menge. Während Jack ihr nachschaute, schien sich ein riesiges Loch in seiner Magengegend aufzutun. Er war seit zehn Jahren Anwalt. Er hatte Diebe, Schwindler, sogar kaltblütige Mörder vertreten. Er hatte nie behauptet, der klügste Mann der Welt zu sein, aber so etwas war ihm nicht einmal nur ansatzweise passiert. Die Erkenntnis war erschütternd.

Er war soeben nach Strich und Faden hereingelegt worden.

6

Jack fuhr zu Sparky’s Tavern und bestellte ein Bier.

Sparky’s, eine der letzten Wasserstellen, bevor man in die herrliche Landschaft der Florida Keys gelangte, lag an der U.S. 1 südlich von Homestead auf dem Weg durch ein Gebiet, wo immer noch Spuren der Verwüstungen zu sehen waren, die Hurrikan Andrew 1992 angerichtet hatte. Der Boden der ehemaligen Tankstelle war so übersät mit Flecken von verschütteten Drinks, dass nicht einmal die Umweltschutzbehörde hätte feststellen können, ob vor oder nach dem Umbau mehr brennbare Flüssigkeit ausgelaufen war. Die Ölgrube war verschwunden, aber die Garagentore waren immer noch da. Es gab einen langen, hölzernen Tresen, einen Fernseher, auf dem permanent ESPN lief, und einen unerschöpflichen Vorrat an Münzen auf dem Billardtisch. Das Bier wurde in Dosen serviert und die leeren Dosen wurden stilgerecht in dem alten Schraubstock plattgedrückt, der auf der Werkbank stand. Es war die Art Kneipe, in die Jack gegangen wäre, wenn sie bei ihm um die Ecke gelegen hätte, aber die vierzig Kilometer war er nur aus einem Grund gefahren: Der Barkeeper war Theo Knight.

»Noch ein Bier, Jacko?«

»Nee, mir reicht’s.«

»Wie soll ich diesen Laden in den Ruin treiben, wenn ich dir nur ein popliges Bier ausgeben kann?« Er räumte die leere Dose weg und stellte eine neue hin. »Prost.«

Als Mitbesitzer der Bar verteilte Theo nicht oft Freibier, aber Jack war ein Spezialfall. Jack war sein Kumpel. Jack war einmal sein Anwalt gewesen. Jack hatte ihm das Leben gerettet, als er in der Todeszelle saß.

Nach Beendigung des Studiums hatte Jack zunächst vier Jahre lang beim Freedom Institute gearbeitet, einer lose zusammengeschlossenen Gruppe von Anwälten, die sich auf die Verteidigung von Schwerkriminellen spezialisiert hatten. Während dieser Zeit waren seine Mandanten alle überführte Schwerverbrecher gewesen – bis auf einen: Theo Knight. Nicht dass Theo ein Heiliger gewesen wäre. Er war ein Kleinkrimineller, dem man Autodiebstahl und Kreditkartenbetrug nachgewiesen hatte. Eines frühen Morgens war er in einen kleinen Laden gegangen, der die ganze Nacht geöffnet hatte. Niemand war an der Kasse. Um einem Kumpel seinen Mut zu beweisen, bediente er sich großzügig. Später stellte sich heraus, dass der neunzehnjährige Kassierer zuvor überfallen worden war. Bewusstlos und mit Stichverletzungen übersät hatte man ihn in den Kühlraum gesperrt, wo er verblutete. Theo wurde aufgrund von Indizien verurteilt. Vier Jahre lang beantragte Jack jedes Mal, wenn der Gouverneur – sein eigener Vater – ein Todesurteil unterschrieb, einen Aufschub der Hinrichtung. Manchmal kam ihm sein Kampf sinnlos vor, aber letztlich gelang es ihm, Theo so lange am Leben zu halten, bis DNS-Tests in Mode kamen. Am Ende wurde mit Hilfe der Wissenschaft nachgewiesen, dass Theo nicht als Mörder in Frage kam.

Für Theo war Jack der Mann, der ihm das Leben gerettet hatte. Für Jack war Theo der lebende Beweis dafür, dass er während der vier Jahre, die er für das Freedom Institute gearbeitet hatte, wenigstens etwas richtig gemacht hatte. Die beiden verband seitdem eine interessante Freundschaft. Seit seiner Entlassung aus dem Gefängnis hatte Theo eine reine Weste, aber er konnte immer noch wie ein Krimineller denken. Er verfügte über Kenntnisse und Erfahrungen, die jedem guten Strafverteidiger nützlich sein konnten. Und Theos fachmännische Meinung war genau das, was Jack jetzt brauchte, um zu verstehen, was bei der Verteidigung von Jessie Merrill schief gelaufen war.

»Was gibt’s da zu lachen?«, fragte Jack.

Theo war ein kräftig gebauter Mann, einsfünfundachtzig groß und neunzig Kilo schwer, und sein Lachen passte zu seiner Erscheinung. Er hatte schweigend zugehört, während Jack ihm die ganze Geschichte erzählt hatte, doch jetzt konnte er nicht mehr an sich halten. »Eine Frage.«

»Ja?«

»Waren es ihre Titten oder ihre Beine?«

»Was soll das, ich bin verheiratet.«

»Aha, also beides. Dachte ich’s mir.« Erneut brach Theo in lautes Gelächter aus.

»Läster nur weiter. Das hab ich davon, dass ich Mitleid mit einer Exfreundin hatte.«

»Nein, Alter. Das hast du davon, dass du zu weit weg von mir sitzt, um dir einen Kinnhaken zu verpassen. Andererseits, wenn ich’s mir recht überlege …« Er holte aus, um Jack über den Tresen hinweg zu erwischen, doch der duckte sich. Theo schlug in die Luft, was ihn erneut zum Lachen brachte, und diesmal musste Jack grinsen.

»Ich hab mich wohl ziemlich dämlich angestellt, was?«, sagte Jack.

»Dämlich vielleicht, aber das heißt nicht, dass du was falsch gemacht hast. Ein Anwalt kann nicht dafür belangt werden, dass sein Mandant das Gericht reinlegt.«

»Woher weißt du das?«

»Hast du vergessen, mit wem du redest?«

Jack lächelte. Theo hatte sich im Gefängnis zum juristischen Experten gemausert.

Theo zündete sich eine Zigarette an und sog den Rauch tief ein. »Weißt du, es ist noch nicht mal unbedingt gesagt, dass du reingelegt worden bist.«

»Wie kommst du denn darauf?«

»Alles, was du weißt, ist, dass deine Mandantin mit diesem Arzt im Aufzug Händchen gehalten hat.«

»Und?«

»Das beweist noch lange nicht, dass die beiden dich reingelegt haben.«

»Es war mehr als bloß Händchenhalten. Ich hab ihr auf den Kopf zugesagt, dass sie mich zusammen mit diesem Dr. Marsh hinters Licht geführt hat, und sie hat es nicht mal geleugnet.«

»Ich hab auch nichts geleugnet, als die Bullen behauptet haben, ich hätte diesen Kassierer umgelegt. Auch wenn man nichts Böses getan hat, erscheint es einem manchmal klüger, den Mund zu halten.«

»Das ist was ganz anderes. Jessie hat nicht einfach nur den Mund gehalten. Sie hat regelrecht triumphierend reagiert.«

»Also gut. Und daraus schließt du messerscharf, dass Jessie und dieser berühmte, reiche Arzt sich zusammengetan und eine ganze Gruppe Vatikan-Investoren in die Pfanne gehauen haben.«

»Viatical, du Idiot, nicht Vatikan. Was glaubst du wohl, meinst du etwa, dass der Papst da mit drinsteckt?«

»Nein, und ich bin mir nicht mal sicher, dass der Arzt da mit drinsteckt.«

»Und warum bezweifelst du das?«

»Weil der Typ seine Approbation verlieren könnte. Bloß wegen ein paar geilen Titten lässt ein Arzt sich doch nicht auf so was ein.«

Im Aufzug war ihm die ganze Sache noch ganz eindeutig erschienen, aber Theo hatte gerade einen entscheidenden Punkt angesprochen. Der Scharfblick eines ehemaligen Kriminellen. »Aus was für einem Grund könnte sich denn ein Arzt auf so was einlassen?«, fragte Jack.

»Akute Geldnot zum Beispiel.«

Jack nippte an seinem Bier. »Klingt plausibel. Das Problem ist nur, dass Jessie und ihr guter Doktor nicht mal auf meine Anrufe reagieren.«

»Ich würde mich ja erbieten, Jessie eine ordentliche Tracht Prügel zu verpassen, aber du weißt ja, dass ich keine Frauen schlage.«

»Du sollst sie auch nicht verprügeln.«

»Wie wär’s denn mit dir?«, sagte Theo und holte wieder zu einem Schlag aus. Diesmal traf er. Es war nur ein freundschaftlicher Klaps gewesen, aber der Mann hatte Hände wie ein Preisboxer.

»Aua, verdammt. Das hat wehgetan.«

»Klar hat es wehgetan. Soll ich diesem feinen Doktor auch eine scheuern?«

»Nein, verdammt.«

»Ich könnte ihn so richtig schön weich klopfen.«

»Ich hab nein gesagt.«

»Komm schon, Mann. Ich mach’s sogar umsonst. Ich kann Ärzte nicht ausstehen.«

»Du kannst doch niemanden ausstehen.«

»Außer dir, Jacko.« Er packte Jacks Kopf mit beiden Händen und drückte ihm einen schmatzenden Kuss auf die Stirn.

»Hab ich ein Glück.«

»Das kannst du laut sagen. Überlass das dem guten alten Theo. Wir kriegen diesen Quacksalber schon zum Reden. Wenn du wissen willst, ob du reingelegt worden bist, brauchst du’s nur zu sagen.«

Jack senkte seinen Blick und knibbelte am Etikett seiner Bierflasche.

»Ich versteh kein Wort, Alter«, sagte Theo.

Jack schüttelte den Kopf. »Ich könnte sowieso nichts unternehmen«, sagte er. »Alles, was Jessie mir erzählt hat, fällt unter die anwaltliche Schweigepflicht, da ist nicht dran zu rütteln. Selbst wenn sie den größten Betrug in der Geschichte der Gerichtsbarkeit von Miami abgezogen hätte, würde das noch lange nicht bedeuten, dass ihr Verteidiger schnurstracks zum Staatsanwalt marschieren und dem alles unter die Nase reiben könnte.«

»Das ist doch was ganz anderes.«

»Im Grunde genommen ist das sowieso alles Blödsinn. Ich bin Strafverteidiger. Da wäre es meinem guten Ruf nicht gerade zuträglich, wenn ich anfinge, meine eigenen Mandanten zu verpfeifen.«

»Hör zu. Was du mit der Information anfängst, wenn du sie erst mal hast, geht mich nichts an.«

»Du glaubst, ich will’s ihr heimzahlen, stimmt’s? Dass ich meine Exfreundin fertig machen will, weil sie mich an der Nase herumgeführt hat.«

»Ich frage dich nur eins: Willst du genau wissen, ob das Miststück dich verarscht hat, oder nicht?«, fragte Theo und sah ihn durchdringend an.

Jack wusste besser als jeder andere, dass Theo Methoden hatte, Informationen aus Leuten herauszubekommen, die die CIA beeindruckt hätten.

»Komm schon, Swyteck. Du bist doch nicht vierzig Kilometer weit gefahren, bloß um ein bisschen mit Theo zu plaudern und ein Bierchen zu trinken. Willst du’s wissen oder nicht?«

»Es geht mir nicht um Rache.«

»Was soll dann das ganze Theater?«

Ihre Blicke begegneten sich. Beide waren plötzlich ganz ernst, so wie damals, als sie einander durch die Gefängnisstäbe angesehen hatten. »Ich muss es einfach wissen.«

»Das reicht mir.« Theo langte über den Tresen und drückte Jack die Hand. »Dann wollen wir uns mal an die Arbeit machen. Das wird eine Gaudi.«

»Genau«, sagte Jack und hob sein Bier. »Eine Mordsgaudi.«

7

Theo legte den fünften Gang ein. Der Wagen schien vom Boden abzuheben. Jack grinste. Niemand brachte seinen dreißig Jahre alten Mustang so zum Schnurren wie Theo, nicht mal Jack selbst.

»Wann schenkst du mir die Karre?«, fragte Theo.

»Wann kaufst du mir einen Ferrari?«

»Wenn’s ein gebrauchter sein darf, kein Problem. Um den zu starten, brauchst du nicht mal einen Zündschlüssel.«

Jack sah ihn von der Seite an, er war sich nicht sicher, ob Theo nur Witze machte. »Ich muss nicht alles über dich wissen, okay?«

Theo grinste nur. Als sie von der Autobahn in die Coconut Grove abbogen, schaltete er herunter. Jack hielt sich fest und bemühte sich, nicht auf Theos Schoß zu rutschen, während er sein klingelndes Handy aus der Hosentasche fischte. Er warf einen Blick auf das Display und las die Nummer. Eigentlich war er nicht in der Stimmung, zu telefonieren, aber diesen Anruf konnte er nicht ignorieren.

»Hallo, Abuela.«

Es war seine Großmutter, eine zweiundachtzigjährige kubanische Immigrantin, die ein- oder zweimal die Woche unangemeldet in seiner Kanzlei auftauchte und köstliches Käsegebäck oder ein Tässchen Espresso mitbrachte. Ihre Spezialität war eine saftige Süßspeise namens tres leches. Kaum jemand vermutete, dass ein Mann namens Jack Swyteck eine Abuela haben könnte. Das konnte besonders interessant sein, wenn weiße Amerikaner ihm anvertrauten, sie planten, aus Miami fortzuziehen, weil sie es mit den vielen Kubanern nicht aushielten. Komisch, pflegte Jack dann zu antworten, aber meine Abuela hat es als junge Frau in Havanna immer gut ausgehalten mit all den Kubanern.

Fast eine geschlagene Minute hörte er zu, dann fiel er seiner Großmutter schließlich ins Wort. »Zum hundertsten Mal, Abuela, du hast tres leches nicht erfunden. Es ist eine Spezialität aus Nicaragua. Wir stammen aus Kuba. K-U-B-A. Comprende? … Wir diskutieren ein andermal darüber, einverstanden? … Bis bald, mi vida.«

Sie hielten an einer roten Ampel. Als Jack sein Handy ausschaltete, bemerkte er, dass Theo ihn mit großen Augen anstarrte. »Bist du wieder mit Julia Child zusammen?«

»Meine Großmutter ist die größte Witznummer im spanischsprachigen Radiosender. Sie ruft jeden Tag da an und erzählt denen, sie hätte tres leches erfunden.«

»Tres leches?«

»Eine Süßspeise aus drei verschiedenen Sorten Milch. Überzogen mit weißem Zuckerguss. Sehr saftig, sehr süß.«

»Ich kenn das Zeug, schmeckt verdammt gut. Deine Großmutter hat das Rezept erfunden?«

»Quatsch.«

»Ich kann es nicht leiden, wenn sie diese Maraschinokirschen obendrauf tun. Ich wette, die gehören nicht zum Originalrezept. Ruf deine Abuela an, dann fragen wir sie.«

»Sie hat das Zeug nicht erfunden, kapiert? Es kommt aus Nicaragua.«

Die Ampel sprang auf Grün. Theo fuhr mit quietschenden Reifen los. »Ich glaub, ich hab mal irgendwo gelesen, dass tres leches gar nicht aus Nicaragua kommt. Einige Leute behaupten, eine Kubanerin in Miami hätte das Rezept erfunden.«

»Hör auf mit dem Blödsinn.«

»Ich mein’s ernst. Kann sein, dass es sogar im Herald stand. Ist aber schon ’ne ganze Weile her.«

»Seit wann liest du die Seiten mit den Rezepten?«

»Versuch mal, vier Jahre in der Todeszelle zu verbringen. Dann liest du sogar das Fernsehprogramm auf Chinesisch, wenn sie’s dir geben.«

Jack rieb sich die Schläfen, dann steckte er das Handy zurück in seine Hosentasche. »Wieso versuche ich überhaupt, mit dir zu diskutieren?«

Vom Bayshore Drive bogen sie in Richtung Meer ab und fuhren über die kurze Brücke zum Wohngebiet auf Grove Isle. Grove Isle war nicht mehr ganz so vornehm wie zu seinen Glanzzeiten, als schöne junge Frauen sich an Swimmingpools räkelten, um sich reiche junge Männer oder notfalls auch reiche alte Männer zu angeln. Aber es war immer noch eine exklusive Adresse in einer unschlagbaren Umgebung. Die Coconut Grove mit ihren Läden und Restaurants war bequem zu Fuß oder mit dem Fahrrad zu erreichen, von den Balkons aus hatte man eine fantastische Aussicht auf die Biscayne Bay und Downtown Miami in der Ferne.

Sandra Marsh wohnte im Penthouse in Gebäude Nr. 3. Die Wohnung gehörte zu den Dingen, die ihr nach der anstehenden Scheidung von Dr. Joseph Marsh zufallen würden. Theo hatte nur vierundzwanzig Stunden gebraucht, um sie an die Strippe zu bekommen. Und dreißig Sekunden, um sie zu einem Treffen zu überreden.

Er hatte lediglich etwas von Geld und ihrem zukünftigen Exmann erwähnt.

Sie übergaben den Wagen dem Parkwächter und meldeten sich beim Wachmann, der ihre Namen auf der Gästeliste überprüfte und ihnen dann den Weg zum Swimmingpool wies. Es war halb drei nachmittags. Palmen raschelten in der warmen Brise, die von der Bucht herüberwehte. Wie verabredet, trug Mrs. Marsh einen roten Frotteebademantel und einen breitkrempigen Sonnenhut. Sie saß in einem Liegestuhl gleich neben dem Pool und erholte sich von ihrer Tiefengewebsmassage.

»Mrs. Marsh?«, fragte Jack.