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Eine piemontesische Adlige hat in jungen Jahren alles erlebt, was eine Frau erleben kann: eine unglückliche Ehe, eine verwirrende Begegnung mit einem Mann, die unheilbare Wunden hinterlassen hat, umwälzende politische Ereignisse, die ein ganzes Land verändert haben. Und so zieht sie sich auf das toskanische Weingut ihrer Familie zurück, um noch einmal von vorn anzufangen. Sie will ein selbstbestimmtes Leben führen, fern von gesellschaftlichen Zwängen. Ein Leben, das allein der Herstellung des kostbaren Rotweins der Region gewidmet ist: des Rossovermiglio. Doch der Wein macht ihr einen Strich durch die Rechnung. Denn genau wie menschliche Gefühle ist er immer mit einem Wagnis verbunden. Man muss ihn pflegen und ihm Aufmerksamkeit widmen. Man kann nicht voraussagen, ob es eine gute oder schlechte Ernte wird. Und man kann nie wissen, was noch alles passiert . . .
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Seitenzahl: 319
Veröffentlichungsjahr: 2010
Benedetta Cibrario
Das Fest der Contessa
Roman
Deutsch von Annette Kopetzki
Für meinen Vater
«Und er war zugegen, ungesehen – ich erfuhr es später–, im Schatten des Wipfels einer Platane, draußen in der Kälte; so sah er die Fenster im Lichterglanz, die festlich hergerichteten, ihm wohlbekannten Räume, die tanzenden Menschen mit ihren Perücken. Was für Gedanken sind ihm da wohl durch den Kopf gegangen? Trauerte er nicht doch ein wenig unserem Leben nach? Überlegte er sich, wie kurz der Schritt war, der ihn von der Rückkehr in unsere Welt trennte, wie kurz und wie einfach? Ich weiß nicht, was er damals dachte und erwog. Ich weiß nur, dass er während des ganzen Festes dort verweilte, und auch noch länger; bis ein Kandelaber nach dem anderen erlosch und kein einziges Fenster mehr erleuchtet blieb.»
Italo Calvino, Der Baron auf den Bäumen
«Seid getrost, König und Königin,
eure Tochter soll nicht daran sterben.»
Charles Perrault, Die Schöne, die im Walde schlief
1.
I
Heute weiß ich, dass es verschiedene Arten von Schönheit gibt, und das gilt auch für Orte, nicht nur für Menschen. Hier gibt es keine vom Wind geprägten Wüsten oder Berge, die auf Seen blicken, Buchten, die das Meer umarmen, und Inseln am Horizont, hier gibt es nur eine ruhige Abfolge regelmäßig bepflanzter Weinberge, Senken und Anhöhen. Und manchmal hört man Musik, die sich mit dem Regenduft des Waldes mischt. Wer hier die Erde bearbeitet, ignoriert diese Schönheit einfach: Ihm gilt es als Laster der Faulheit, stillzustehen, um das Tal zu betrachten, wenn die Schatten es überfluten oder das Sonnenlicht durch den Wald dringt und sich einen Pfad bahnt. Das ist keine Verachtung oder Unaufmerksamkeit, nur Gewohnheit. Die Erde ist die Erde, der Wald ist der Wald und der Weinberg ist der Weinberg. Und niemand vergeudet seine Zeit damit, sich zu erinnern, wer den Turm von San Biagio gebaut hat und seit wann er dort steht, ganz nach Norden gewandt, mit seinen vom Moos zerfressenen Steinen. Manche nennen ihn Torre della Vedetta, obwohl man dort von oben wegen des Dunstes fast nichts sieht. Eigentlich müsste er Torre della Vendetta heißen, habe ich mir immer gesagt. Eine milde Vendetta natürlich; vielleicht ist nicht einmal das Wort «Rache» richtig, man müsste eher Revanche oder Vergeltung sagen, und es wäre nicht nur meine persönliche, sondern die aller Menschen, die im Laufe der Jahre an diesem Ort geboren und gestorben sind und dem Wald Meter für Meter Ackerboden abgetrotzt haben, den sie mit dem Spaten Scholle um Scholle ausgruben, während sie versuchten, nicht zu der endlosen Reihe dicht bewaldeter Hügel aufzublicken, endlos wie die Wellen des Meeres.
Kehrt man von einem Ausflug nach Siena oder San Gimignano zurück und verlässt die sanften Kurven der Chiantigiana, um in die abschüssige Straße nach San Biagio einzubiegen, fragt man sich unwillkürlich, wie verzweifelt diese Ärmsten der Armen gewesen sein müssen, die den Ort gründeten, denn schon wenige Kilometer weiter bietet die Natur dem Auge ein atemberaubend schönes Panorama. Hier dagegen scheint es, als hätte die Sonne an manchen Herbst- oder Wintermorgen keine Kraft zum Wärmen oder als könnte der Regen nichts mehr durchnässen, sondern grabe nur nutzlose Gitter aus Furchen in den lehmigen Boden. Eine ungewöhnliche Lage für ein mittelalterliches Dorf – und es Dorf zu nennen, ist schon fast übertrieben–, umso ungewöhnlicher, als man ringsumher, sobald die Hügel flacher werden, liebliche Weinberge und Olivenhaine erblickt. Die Legenden um seinen Ursprung bilden ein verworrenes Geflecht, wie immer, wenn es nichts Interessantes zu erzählen gibt: Es sei aus einer Einsiedelei entstanden, und man habe hier im 17.Jahrhundert Hexensabbat gehalten. Die winterlichen Dunst- und Nebelschwaden, die der Landschaft einen unheimlichen Anstrich geben, würden dieser Geschichte Glaubwürdigkeit verleihen, käme dann nicht, von klaren Tagen Ende März angekündigt, der herrliche Frühling mit Licht, Farben, Düften und Klängen, die gewiss nichts von düsterem Hexenzauber haben.
Es heißt auch, dass dieses Grüppchen Häuser um die Kirche und den Turm herum durch verwickelte Erbschaftsangelegenheiten in den Besitz einer reichen Abtei aus dem Norden geraten war, der die Pächter drückende Steuern zahlen mussten, sodass sie nach und nach aushungerten und allesamt zu Räubern wurden. Das verlassene Dorf verfiel, bis jemand aus dem Geschlecht der Chighi es in Besitz nahm, um es seinen Ländereien einzuverleiben und dort ein Herrenhaus zu bauen. Er riss Mauern ab, hob Keller aus, deckte Dächer neu und bezog den Turm mit ein. Wer von der Schotterstraße aus durch das Tor kommt, wundert sich über den Anblick. Ein Hof aus gestampfter Erde, auf vier Seiten von Mauern umgeben wie eine Festung, doch voller Löcher und Buckel, Treppen, die ins Nichts führen, und mit scheinbar willkürlich in die Mauern gebrochenen Fenstern. Das Haus allein ist nichts wert; schon als es noch den Mönchen gehörte, zählte nur der Grundbesitz, zweihundert Hektar dichter Wald, der lediglich zur Jagd taugt. Chighi ließ Bäume schlagen, verkaufte das Holz und brannte, wo das Unterholz undurchdringlich war, alles nieder. So bezwang er Steilhänge und machte Ackerboden daraus, dann kaufte er Land hinzu, pflanzte Olivenbäume und ringsherum eine Reihe Zypressen, damit alle schon von weitem erkannten, dass dies sein Besitz war. Er war es, sagt man, der den Ort La Bandita taufte. Seither ist das Anwesen von Familie zu Familie durch die Verzweigungen der Geschichte geglitten wie ein fallendes Herbstblatt. Wenn man älter wird, versteht man das besser: Dinge wie Menschen werden im Grunde immer nur vom Zufall auf ihre Wege gelenkt. Ich bin hier nicht geboren, keiner hat mich hierhergebracht. Das Leben hätte mich woandershin führen sollen. Stattdessen habe ich mich hier niedergelassen.
II
Jedes Mal, wenn der Spediteur kommt, um die Weinkisten einzuladen, werde ich daran erinnert, wie diese Geschichte angefangen hat. Ich weiß nicht mehr, wie viel Zeit inzwischen vergangen ist. Dort steht Dino, der Verwalter, und wippt nervös mit dem Fuß, während er die Kartons kontrolliert, ein Tick, sagt er, aber ich weiß, dass es einen anderen Grund gibt. Es ärgert ihn, dass der Wein weggebracht wird, das ist alles. Seit ein paar Jahren ernten wir Preise und Anerkennung, es heißt, der Lunediante sei ein großer Rotwein, der Rossovermiglio sei hinreißend, auch wegen seines Namens. Der Ruhm unserer Weine hat sich verbreitet. Die besten Restaurants in Europa und Amerika kaufen wenige Kisten Rossovermiglio für viel Geld. Sammler hofieren uns monatelang für ein halbes Dutzend Flaschen. Wir bekommen begeisterte Besprechungen, die besten Önologen und die strengsten Kritiker loben uns. Ich selbst kann die Gründe für unseren Erfolg kaum nachvollziehen, wir sind im Grunde nur ein Familienbetrieb mit wenigen Angestellten, der sich Jahr um Jahr unbemerkt, mit geringen Mitteln, entwickelt hat. Heute verdienen wir nicht schlecht. Der Wert des Weinguts steigt von Ernte zu Ernte, und immer öfter erhalten wir Kaufangebote, deren Großzügigkeit uns schmeichelt. Doch ich bin alt, ich bin seit einem ganzen Menschenleben hier, und ein Leben verkauft man nicht. Dino lächelt und zuckt die Schultern. «Wein braucht Sonne und Wärme für die Trauben, Dunkelheit und Kühle für die Fässer, und hier in der Bandita bekommt er von uns sein Geheimnis dazu.» Er hat recht. Niemand darf unsere Keller besuchen, wir verkaufen nicht direkt an die Verbraucher. Wenn neugierige Touristen kommen, weist Dino sie ohne große Umschweife ab, und der Chor der Hunde, die beim Anblick von Fremden wütend bellen, erledigt den Rest. Sollen sie doch die großen Weingüter in der Gegend von Siena besichtigen, die nur ein paar Kilometer entfernt sind, Campo alle Cacce, San Giusto und San Sisto, mit ihren Zypressenalleen und großen Häusern aus hellem Stein, wo das ganze Leben sich seit eh und je nur um zwei Fragen dreht, nämlich ob das kommende Jahr gut für den Chianti und für die Jagd werden wird. Auch dort hat sich nie etwas geändert: Italien entstand immer wieder neu, nach den Großherzogen kamen die Savoyer und die Republik, dazwischen Kriege und Hunger. Doch die Jagd und den Wein vergisst man in dieser Gegend nicht. Diese Lehre hat sich mir tief ins Herz gebrannt.
III
In ihren letzten Lebensjahren, als sie von dem, was sie tagsüber getan hatte, abends kaum noch etwas wusste, schritt meine Mutter mit freudigen oder überraschten Ausrufen durch unsere Zimmer, als wäre sie eine Besucherin in einem fremden Haus. Sie erkannte fast nichts wieder, sie hatte sogar zwei Kriege und meinen Bruder Enrico vergessen, der mit vierundzwanzig Jahren von einer versehentlich ausgelösten Gewehrsalve zerfetzt worden war.
Damals sprach sie nur noch Englisch, mit jener perfekten Aussprache, die nur Töchter von Lords und große Shakespeare-Schauspielerinnen aus dem Westend haben. So erinnere ich mich auch an sie, eine kleine gebeugte Gestalt in einem bestickten Schal, die aus der Obstschale immer den angefaulten Apfel nimmt, weil ihr als Erster, der vom Kammerdiener serviert wird, dieses kleine Opfer gebührt.
Wir waren ungeheuer reich. Ein Urgroßvater war nach Südamerika ausgewandert, wo er sein Glück mit Silberminen oder Möwenmist gemacht hatte – über diesen Punkt gingen die Meinungen in der Familie ziemlich auseinander. Zurück in Turin, hatte er sich ein schönes, von einem Kastanienwald umgebenes Haus gekauft, das auf den Fluss blickte. Aus Paris ließ er die ersten maschinell bedruckten Tapeten kommen: mit kleinen Variationen überall dasselbe Motiv, Phantasielandschaften aus West- und Ostindien.
Die gemalten Palmen, die terrakottafarbenen Eingeborenen und das üppige Blattwerk, das Dunkelgrün der Urwälder und die türkisfarbenen Himmel sollten wohl sein Heimweh stillen. Außerdem gab es in allen Räumen schwere, mit grellbunten Mustern bestickte Vorhänge, in die fleischige Pflanzen, Papageien und andere in wirrem, phantastischem Flug dargestellte Vögel eingewebt waren. Die Gardinen waren immer zugezogen, und in allen Zimmern atmete man die stickige Luft geschlossener Räume, vermischt mit dem Geruch großer Büschel Eukalyptusblätter.
Es heißt, der Urgroßvater habe einige Schwierigkeiten gehabt, seine Töchter zu verheiraten, die von ihrer peruanischen Mutter die kupfergoldene Haut und rabenschwarzen Haare geerbt hatten. Den Reichtum konnte die Stadt ihm eben noch verzeihen, nicht aber, dass er in die Heimat zurückgekehrt war, um diesen zur Schau zu stellen, und in den Augen der strengen städtischen Aristokratie stellte er ihn mit seiner exzentrischen, kostspieligen Vorliebe für Exotik, gutes Essen und Kartenspiel auf die denkbar schlechteste Weise zur Schau.
Trotzdem glückte ihm sein Vorhaben, die beiden Töchter in Turin zu verheiraten, natürlich mit Hilfe seines Geldes, doch auch, aber das ist bloße Vermutung, weil die beiden Kreolinnen zwischen den blassen Wangen und hellen Augen ihrer Altersgenossinnen auffielen.
Eine der beiden Kreolinnen ist Lupe, meine Großmutter.
Ihr vollständiger Name hat einen musikalischen, magischen Klang für meine kindlichen Ohren, Maria Guadalupe Juana Isabel. Musikalisch wie der peruanische Nachname ihrer Mutter, Barrinechea de Winder, und magisch wie die geheimnisvolle Gestalt, die in einem Dreiviertelporträt den Salon meiner Eltern ziert: eine Frau mit strengen Gesichtszügen, in Schwarz gekleidet und nur mit einem goldenen Medaillon und einem Samtband um den Hals geschmückt. Aus den Ärmeln, die unterhalb des Ellenbogens enden, kommen Bausche eng gewebter, weißer Spitze hervor. In einer Hand hält sie ein Buch, und auf dem anderen Arm sitzt ein grünroter Papagei mit gelben Federn auf dem Kopf und einem spitzen, wie ein großes Komma gebogenen Schnabel. Sein Auge ist gläsern und böse, wenigstens erscheint es mir, dem kleinen Mädchen so, und ich verstehe nicht, warum der Maler meine Großmutter mit dieser furchterregenden Bestie porträtieren wollte, die ruhig auf ihrem Arm kauert.
Damals wusste ich nichts von Südamerika, von Wäldern voller bunter Vögel, von den Schätzen der Barrinechea de Winder, die, sobald sie den Ozean überquert hatten, zu legendären Reichtümern wurden, von ihren Häusern voller Innenhöfe und von den dunklen, kühlen Kirchen, in denen man sich vor der Sonne schützt. Ich wusste auch nichts über meinen Urgroßvater, der ihre Erbin geheiratet hat. Und der sie, nach einem ganzen Leben, das er dort drüben verbrachte, überredet hat, mit den Töchtern Lupe und Maria Rosario in die Alte Welt überzusiedeln – auf die Hügel von Moncalieri, die auch schön sind. Die Anden freilich, nun ja, die Anden bleiben eine schmerzliche Erinnerung und liegen auf dem Grund des Herzens wie Ballast. Maria Rosario wird darüber so schwermütig, dass sie, so wird erzählt, an Hirnfieber stirbt, noch bevor sie ihr fünfundzwanzigstes Lebensjahr vollendet. Die liebevolle Pflege eines blassen, eifrigen Gatten hat nicht geholfen, er bleibt zurück, für viele Monate ein gebrochener und verstörter Mann.
Zu der Zeit, als ich geboren wurde, und ein paar Jahre länger, war der Anschein noch in allem gewahrt: Es gab die von Möbeln und Gemälden überquellenden Häuser in der Stadt und auf dem Land; es gab die Verwalter, die den Hut zogen, wenn sie die in Schönschrift kopierten Rechnungsbücher brachten; es gab die Juwelen, das gesellschaftliche Ansehen, die Ehrenämter. Alles war da, prächtig und glänzend, jedes Ding an seinem Platz wie bei einem Galaempfang, doch dahinter gab es nichts mehr, der Grundbesitz brachte nichts ein, und man konnte die Tagelöhner nicht Hungers sterben lassen, zumal man schon die Verwalter darben ließ. Die Steuern mussten bezahlt, die Palazzi unterhalten werden. Nach und nach wurde das Meiste zu Schleuderpreisen verkauft, doch das große Missverständnis blieb bestehen und trübte unseren Blick. Wir waren überzeugt, privilegiert zu sein – durch göttliche Gnade?–, und überzeugt, dass das Geld, weil es immer da gewesen war, immer da sein würde.
Dass ein Adeliger arbeiten könnte, fiel meinem Vater nicht ein, und die langen Aufenthalte auf dem Land, von Mai bis September, galten ihm nicht als Arbeit. Im Übrigen bestanden seine Pflichten darin, angetan mit seiner Uniform und den Medaillen, am gesellschaftlichen Leben von Turin und Florenz teilzunehmen, Whist zu spielen und meiner Mutter und seinen Kindern den Lebensstandard zu bieten, der sich gehörte. Auch wenn ihn der Besuch des Finanzverwalters, der einmal im Monat in die Stadt kam und sich mit ihm in seinem Arbeitszimmer einschloss, von Jahr zu Jahr mehr bestürzte.
IV
An jenem Abend gingen meine Eltern ins Theater. Es entstand immer ein gewisser Trubel im Haus, wenn sie in Abendkleidung ausgingen, und damals kleidete man sich für das Theater wie für einen Ball. Meine Mutter holte ihre weiße Straußenboa und den üblichen Schmuck hervor, ein collier de chien aus Flussperlen und Saphiren. Mein Vater trug den Frack mit gestärkter Hemdbrust und Platinknöpfen. Beide brauchten jemanden, der ihnen beim Anziehen half. Wenn dann das letzte Löckchen meiner Mutter mit der Brennschere aufgerollt war, kamen sie in den Salon herunter, um vor dem Weggehen ein Glas Champagner zu trinken.
Gelang es mir, der Aufsicht meiner Gouvernante Miss Woodruff zu entwischen, kam nun mein liebster Moment: hinter dem Vorhang versteckt, die Abendtoilette meiner Mutter zu bewundern. Sie erschien mir wie eine Königin, nein, tausendmal schöner als eine Königin, weil ihr Gesicht mir vertraut war und ich seine wunderbare Verwandlung genießen konnte. Die Juwelen, der Puder und die Straußenfedern machten dieses sanfte Gesicht zum Inbild erlesener Eleganz. In meinem Versteck erfreute ich mich heimlich an diesem Schauspiel, an den selbstverständlichen, gelassenen Bewegungen meiner Eltern, die nicht wussten, wie sehr ich darüber staunte, sie so unbefangen und gleichzeitig so aufgeputzt zu sehen, als wäre dies ihre wahre Natur, die endlich ans Licht kam.
An diesem Abend begann mein Vater, nachdem er den Diener fortgeschickt und meiner Mutter persönlich den Champagner eingegossen hatte – eine ungewöhnliche Geste, die ihm ein «Warum? Ist etwas nicht in Ordnung, Vittorio?» einbrachte–, mit müder, ernster Stimme zu sprechen, wie sie in letzter Zeit häufiger bei ihm zu hören war.
«Meine Liebe, wir müssen unsere Ausgaben reduzieren. Wir haben Probleme. Wenn du auf dem Land bist, zum Beispiel. Brauchst du wirklich einen Koch, einen Chauffeur, eine Kammerzofe und zwei Hausdiener?»
Meine Mutter seufzte.
«Nun… ich weiß nicht. Auf wen könnte man verzichten? Jeder von ihnen hat eine unentbehrliche Aufgabe für das Funktionieren eines Haushalts. Das ist keine Verschwendung, Vittorio. So zu leben ist… normal.»
Mein Vater erhob sich und begann, auf und ab zu gehen. Er schwankte ein wenig. Dann drehte er sich zu meiner Mutter um und sagte so liebenswürdig, wie er konnte:
«Elena, einen der Hausdiener vielleicht… Du hast zwei. Vielleicht könntest du einen entlassen und dem Tüchtigeren von beiden zusätzlich die Arbeit des anderen übertragen.»
Sie stand abrupt auf.
«Wie soll das gehen? Du weißt, dass ich das Haus verlasse, Besuche mache.»
«Du hast einen Chauffeur.»
«Ich kann auf keinen Fall allein mit dem Chauffeur fahren, das fehlte gerade noch, so etwas hat es noch nie gegeben. Der Diener begleitet mich.»
«Gut. Ein Diener begleitet dich. Den anderen können wir entlassen.»
Meine Mutter schlug die Hände vors Gesicht. Das tat sie sehr selten.
«Mein Gott, ich wusste nicht, dass die Lage so ernst ist. Verzeih mir. Es war mir nicht bewusst… Dann werden wir sagen müssen, dass wir keine Besuchskarten mehr entgegennehmen, jedenfalls nicht, wenn ich auf dem Land bin… oder unterwegs mit dem Automobil.»
«Das ist nicht nötig… Ich verlange keinen buen retiro von dir, keine erzwungene Isolation.»
«Aber Liebster, wer soll die Tür öffnen, wenn der Diener mit mir außer Haus ist?»
«Gut… Sagen wir… Ada, deine Kammerzofe. Sie heißt doch Ada?»
«O nein! Niemals! Dies ist ein herrschaftliches Haus, und auf keinen Fall darf es eine Frau sein, die die Tür aufmacht. Das werde ich nie akzeptieren. Es wundert mich, dass du so etwas von mir erwartest, es wundert und schmerzt mich.»
Wie viel Empörung sie in diese banalen, alltäglichen Wörter legen konnte. Es war ihre Form, ein Gespräch zu beenden. Sie drehte ihm ein wenig den Rücken zu, streckte die Hand aus und raffte mit einem jähen Ruck eine Handvoll Spitzen, Atlas und Ripsseide zusammen. Nie habe ich eine andere Frau ihre Schleppe so raffen sehen.
Sie hatte recht, in unserem Haus wurde nichts verschwendet. Wenn man keinen Butler in Frack und schwarzer Krawatte an die Tür schicken konnte, nun gut, was gab es da zu überlegen, dann wurde die Tür eben nicht geöffnet, oder? Wer eine Nachricht schicken oder sich für eine Einladung bedanken wollte, musste eben stunden- oder tagelang klopfen; oder sich, wenn er hartnäckig genug war, wie Fürst Monroy di Pandolfina, ein Zelt unter dem Portikus vor dem Eingang aufschlagen lassen, wo er in Erwartung der Rückkehr der Contessa ein frugales Mahl – gedämpfte Artischocken mit Trüffelcreme und ein wenig, aber nur ein wenig!, Champagner – zu sich nahm.
Ich wäre an jenem Abend nicht so ruhig schlafen gegangen, wenn ich geahnt hätte, dass die finanziellen Sorgen meines Vaters wie bestimmte Brisen im August waren, die anfangs mild sind, sich aber dann zum Sturm entwickeln.
Was meine Mutter betraf, so würde sie keinesfalls auf einen ihrer Diener verzichten. Sie war überzeugt, dass sie nur den Mund zu verziehen brauchte, damit die Welt sich ihren Wünschen beugte, und genauso kam es.
V
An dem Abend, als mein Vater in mein Leben eingriff, regnete es. Wir hatten uns soeben vom Tisch erhoben, meine Mutter, mein Vater und ich, um in den Salon zu gehen. Mein Bruder Enrico war wie üblich im Club, wie jeden Donnerstag.
«Ich habe eine kleine Liste vorbereitet, mein Liebes», sagte mein Vater und reichte mir ein Blatt hellblaues Papier, das mit seiner ausladenden Handschrift beschrieben war.
Meine Mutter lächelte und ließ das Glöckchen läuten. Der Kaffee und die Pralinen durften serviert werden.
«Was ist das, Papa, worum geht es?»
Ich war vollkommen unvorbereitet. Meine Welt waren damals Pferde, ich dachte an nichts anderes. Während der langen, stillen Abende, die ich zu Hause mit meinen Eltern verbrachte, verlor ich mich in meinen eigenen phantastischen, abenteuerlichen Welten, und weil ich in Gedanken meist weit entfernt war, zuckte ich zusammen und hielt den Atem an, als ich die Stimme meines Vaters hörte.
«Worum geht es?»
«Ums Heiraten. Ich habe mich mit deiner Mutter und der Großmama beraten. Deine Neigungen haben wir berücksichtigt. Hier ist eine Liste mit Namen. Denk darüber nach. Du hast die ganze Nacht zum Überlegen, wir können morgen beim Frühstück wieder darüber sprechen. Fünf hervorragende Männer, die zu unserer Familie passen. Es wird Zeit, dass du dich verlobst. Du darfst aussuchen, wer dir am besten gefällt. Denjenigen, der dir… der dich… Nun ja, den Ehemann, den du vorziehst. Du kennst sie alle, und ich will dich nicht beeinflussen. Ich werde deine Wahl respektieren und unterstützen.»
Noch heute klingt mir der schneidende Ton meiner Großmutter, der Großmama, wie wir sie zu Hause nannten, in den Ohren, wenn sie sagte: «Aus Liebe heiraten, wie vulgär!» Ein gelangweilter Kehrreim, von Zeit zu Zeit wiederholt, um die Geschichte eines Bekannten abzutun, eines Großneffen, dessen Augen vor Erregung glänzten, als er zu Besuch kam. «Wer weiß, ob dieses Mädchen aus Piacenza sich auch in Turin wohlfühlen wird, wir haben uns in diesem Winter kennengelernt, ihr Vater ist Anwalt, hat sich aus eigener Kraft hochgearbeitet, aber ich habe mich in sie verliebt», und die Großmama bebt und rutscht im Sessel hin und her, die Lorgnette fällt ihr herunter, dann läutet sie ungeduldig nach mehr Tee, und als der Neffe endlich geht, seufzt sie betrübt: «Verliebt… Was um alles in der Welt soll das bedeuten?»
Ich war neunzehn. Ich wollte nicht für einen Mann leben, für ein Haus voller Klatsch und Tratsch, für Kinder, die sich an meinen Rock klammern, ich wollte keinen Mann, den mein Vater aussucht, einen Namen unter fünf – fünf! Nur fünf Möglichkeiten gestand mein Vater mir zu! Und dieses Papier, das Papa mir hinhielt, was war es anderes als ein übereilter, willkürlicher Urteilsspruch, ein Gespenst aus einer durch Konventionen erstarrten Vergangenheit? Eine arrangierte Ehe. Und warum so schnell? Meinen Freundinnen war das nicht passiert: Olimpia Rignon hatte ihren Hauptmann der Kavallerie geheiratet, der ihr einen ganzen Winter lang den Hof gemacht hatte. Ich wusste, dass gewisse «moderne Erscheinungen» in meiner Familie nicht toleriert wurden, aber dass meine Eltern so weit gingen, hätte ich nie geglaubt. Ich war beunruhigt, verängstigt und wütend. Ich bin erst neunzehn, und wir leben im Jahr 1928, dies ist eine moderne Welt, schau aus dem Fenster, Papa, auf die Straße, da sausen neben den Heuwagen und Kutschen Automobile vorüber! Die Welt und die Sitten ändern sich, du kannst mich nicht einem ungerechten, sinnlosen, anachronistischen, grausamen Ritus opfern…
Stattdessen hörte ich mich, während ich die Liste mit den Augen überflog, mit meiner normalen Stimme sagen:
«Giuseppe Braquemond… ein Cousin… Ich möchte lieber, dass er es bleibt. Giovanni Bricherasio… der ist zu alt, Papa, ich möchte nicht… Enrico Bellardi… ein Bankier, er ist zu reich, das wäre ein Rummel wie auf dem Jahrmarkt… Und Francesco Villaforesta… den hab ich nur ein paar Mal gesehen… Er reitet gut, stimmt’s?»
«Ja», sagte mein Vater, «er ist der einzige Sohn und muss sich um einen sehr großen Grundbesitz kümmern. Ein tüchtiger Junge, sagt man. Seine Mutter ist eine…»
Ich hörte nicht mehr zu. Dieser Villaforesta erschien mir wie die Begnadigung im letzten Moment. Villaforesta, dachte ich, wird mir vielleicht erlauben, meine Vollblutpferde zu züchten; er liebt Pferde und ein sportliches Leben wie ich, und die wenigen Male, die ich ihn gesehen hatte, war er mir elegant vorgekommen, dem mondänen Leben wenig zugeneigt, vielleicht etwas wortkarg. Als mein Blick auf den letzten Namen der Liste fiel, Eugenio della Torre, wusste ich, dass es sich wirklich um eine Begnadigung handelte. Der arme della Torre galt als der dümmste Mann der ganzen Stadt.
Ich habe in Turin geheiratet, am 10.Oktober 1928.Ich war noch keine zwanzig, als ich wegen der Dummheit della Torres, Bellardis Geld, der grauen Haare von Bricherasio und der Verwandtschaft mit Braquemond durch das Hauptschiff der Kapelle Santi Pietro e Paolo schritt, den Kopf von einem Schleier aus echter Brüsseler Spitze umhüllt. Da gehe ich nun: In der Hand trage ich einen Strauß Lilien, mit Seidenbändern umwunden, an den Füßen entzückende Schühchen aus weißem Kalbsleder mit Riemchen und Diaboloabsatz, und das von den Sorelle Gambino maßgeschneiderte Brautkleid ist ein Modell nach der neuesten Mode, kommt aus Paris und endet an den Knöcheln. Um den Hals trage ich eine Perlenkette, die mir bis zum Nabel reicht, ein Geschenk von Großmama. Ist das eine Prämie? Ein Versprechen auf weitere funkelnde Geschenke, wenn ich mich benehme, wie es sich gehört? Fest steht, dass ich, zumindest einen Tag lang, wirklich eine demoiselle à la mode bin, denn mein Vater hat seine finanziellen Sorgen – «seine Knausrigkeit», sagt mein Bruder – beiseitegeschoben, weil ich seine einzige Tochter bin und er mich mit Glanz verheiraten will.
Der König befahl, man solle sie schlafen lassen, bis die Stunde ihres Erwachens gekommen sein würde.
«Schade, schade», krächzt Großmama. «Schade, dass es nicht mehr üblich ist, tagsüber Straußenfedern zu tragen, ich hätte dich so gerne mit meiner Boa aus China gesehen.»
«Nicht doch, Großmama», mischt sich meine Mutter ein. «Sie kommt nicht aus China, ich habe sie mit Vittorio in Neapel gekauft, auf unserer Hochzeitsreise an die Riviera di Chiaia.»
«Nein, nein, Elena», unterbricht sie mein Vater. «Wir haben sie bei Gault in Paris gekauft, erinnerst du dich nicht?»
Ihnen fällt tatsächlich nichts anderes ein, als endlos über die Straußenboa zu diskutieren, ob sie nun aus Peking, Neapel oder Paris stammte, warum schaut ihr nicht alle zu mir hin, warum seht ihr nicht, dass ich noch ich selbst bin, obwohl das alles so schnell geht, schon ist der Gottesdienst vorbei, dann gehe ich aus der Kirche, alle stellen sich in Positur für das Foto, und von nun an bin ich – ich sollte es mir lieber gleich für immer einprägen – «die Villaforesta». Ich betrachte den Ehemann, den mein Vater für mich ausgesucht hat: Er ist schön, hat etwas anziehend Stolzes im Blick, trägt einen Schnurrbart und spricht sehr liebevoll mit mir.
Mehr empfinde ich nicht, weder Neugierde noch Verlangen.
Nach dem Empfang, als die letzte Cousine mit verrutschter aigrette gegangen ist, fahren Francesco und ich nach Revigliasco, ins Haus seiner Mutter, wo wir unsere erste gemeinsame Nacht verbringen werden. Ich ziehe mich in mein Zimmer zurück. Meine Schwiegermutter Irene schickt mir ihre Kammerzofe, die mich auszieht, mir beim Waschen und Kämmen hilft und mich mit Parfüm besprüht, während sie unzusammenhängende Sätze im Piemonteser Dialekt murmelt und vor sich hin lacht.
Ich bin unerfahren, aber nicht naiv. Ich ahne, dass diese ältliche Kammerzofe, die abgenutzt aussieht wie eine alte Teekanne, auf das anspielt, was mir bevorsteht.
Diese fleischigen Hände, die meine Haare bürsten, diese verschwörerisch blinzelnden kleinen Augen sind mir widerwärtig, ich schicke die Zofe mit harschen Worten fort.
Natürlich wird sie das morgen meiner Schwiegermutter berichten, die nicht versäumen wird, mir Vorwürfe zu machen: Warum habe ich eine so tüchtige Frau beleidigt, eine Perle, die seit dreißig Jahren im Haus ist?
Warum?
VI
Unsere Hochzeitsreise ging nach Paris.
Wir stiegen im Lotti ab, und schon nach ein paar Tagen war klar, dass nicht einmal Pferde uns je einander näherbringen würden. Wir spazierten durch Faubourg St.-Honoré, und während ich versuchte, Paris in mich aufzunehmen, indem ich mir jedes Schaufenster, jedes Café, jeden Passanten ins Gedächtnis grub, trug mein Mann eine gelangweilte, blasierte Miene zur Schau, wie jemand, der schon alles gesehen und erlebt hat. Vielleicht hatten seine Freunde bei der Kavallerie mit ihren Geschichten von leichten Mädchen und Pferderennen in Longchamps ihm ja wirklich den Spaß verdorben, vielleicht suchte Francesco in Paris andere Abenteuer, nicht diese Luxussouvenirs, für die wir nach unserer Rückkehr in den Salons von Turin mit Leichtigkeit Verwendung finden würden.
Mit mir langweilte er sich. Er litt wohl darunter, nicht zu der kleinen Schar Adeliger und schöner Frauen zu gehören, die den Herzog von Westminster umschwärmte, und zu Hause nicht zwei Coromandel-Paravents zu haben wie Coco Chanel, oder im Sommer nicht nach Biarritz zu fahren.
Doch Francescos schlechte Laune glitt an mir ab, ohne Spuren zu hinterlassen. Ich war in Paris. In Turin hatte ich oft von Leuten gehört, die hierherkamen, um sich auf «den aktuellsten Stand» in Sachen Musik, Kunst und Theater zu bringen, oder sich, wie Onkel Clavesana, einfach nur Hemden machen zu lassen. Paris war im Bewusstsein aller fest verankert als ein Ort, aus dem die unterschiedlichsten schönen Dinge kamen: Seidenrosen und Eau de Cologne, Foie gras und die Pinsel aus Marderhaar, mit denen Großmama malte. Die Liste der Attraktionen ließe sich beliebig verlängern: adelige Herren im Frack, die frühmorgens durch die Straßen spazierten, um nach einer fröhlichen Nacht einen klaren Kopf zu bekommen; die großen Couturiers; die Sammlung von Fabergé-Eiern, die eine Gruppe Weißrussen verkaufen musste, um sich die Miete für zwei Zimmer in St.Michel leisten zu können; der Louvre mit seinen Schätzen. Hier bebte mir nicht etwa beim Anblick der Gioconda das Herz, sondern als ich die endlosen, leeren Flure sah und dachte, wenn ich mich jetzt verlaufe, wer rettet mich, wer bringt mich in Sicherheit, werde ich eine ganze Nacht lang zwischen all diesen Gesichtern durchhalten, wer sagt denn, dass sie nicht herabsteigen und allesamt um mich herumwirbeln, um mir den Verstand zu rauben? War so etwas vor ein paar Jahren nicht einer holländischen Touristin passiert?
Es war nicht nur die Stadt, die mich in Unruhe versetzte: Eine nie zuvor erlebte Aufregung hatte mich ergriffen, denn hier, zwischen den Schaufenstern mit der neuesten Mode, hatte ich eine Entdeckung gemacht. Ich hatte erkannt, dass ich schön war.
Abends, wenn Francesco lange auf sich warten ließ – wohin er ging, weiß ich nicht, aber ich kann es mir vorstellen–, zog ich mich im Bad allein aus, endlich allein, und betrachtete mich nackt im Spiegel. Ich war nicht rund wie die milchigen Frauen von Renoir oder wie meine Mutter und meine Großmutter, aber ich war auch nicht knochig.
Francesco hatte mit dieser Erkenntnis nichts zu tun. Die nächtlichen Stunden, die wir seit dem Tag unserer Hochzeit miteinander verbracht hatten, waren schal gewesen, nichts, was die Erinnerung lohnte.
Meine erste Begegnung mit Trott dagegen hatte viel mit der Entdeckung zu tun, dass ich eine Frau mit einer gewissen Anziehungskraft bin.
Wir waren zu einem Empfang der Baronessa von Lunden eingeladen, einer Cousine meiner Mutter, die einen deutschen Diplomaten geheiratet hatte.
Ich erinnere mich gut an die Wohnung in der Rue Cambon, die von unzähligen Kerzen erleuchtet war, und an die Kristallvasen, in denen die Baronessa große Calla-Sträuße arrangiert hatte. Alle vier Salons waren im reinsten neoklassischen Stil dekoriert, wie um zu sagen: Seht her, nach all den Eitelkeiten, Rokoko, Jugendstil, sämtlichen Eklektizismen, was immer ihr wollt, kehrt man zur Eleganz einfacher, kräftiger Linien zurück, zu weißer Stuckatur und zum Gold – und wirklich gab es in dieser Wohnung keine anderen Farben als Weiß und Gold. Die steif aus ihren Stängeln ragenden Calla, diese kalten, schicken und so modernen Blumen, sollten bedeuten, dass die Baronessa wusste – und ob sie es wusste!–, dass dort draußen auf den großen Boulevards etwas tobte, was sich «der neue Stil» nannte, und dass sehr viel verschnörkeltes Mobiliar eigentlich auf den Dachboden gehörte. Denn moderne Wohnungen sind heute raffinierte Behausungen aus schwarzem Lack und hellen Teppichen – einfarbige Stoffe eignen sich besser, man vermeidet geschmackliche Ausrutscher. Die Baronessa aber ist eine eiserne Marschallin des Alten, wie ihre zahlreichen Nachnamen und Titel bezeugen, sie ergibt sich nicht so leicht den Verirrungen aktueller Moden. Doch als sie uns lächelnd entgegenkommt, trägt sie eine Jersey-Tunika mit weich fallendem Ausschnitt und an der Schulter eine Brosche aus Diamanten und Rubinen, die unmissverständlich Art déco ist.
Francesco scheint sich hier endlich wohler zu fühlen, er wirkt unbefangen, kennt zwei oder drei Leute, mit denen er sich in lange Gespräche vertieft.
Die Baronessa von Lunden kümmert sich um mich, zieht mich hierhin und dorthin und sagt allen, die uns über den Weg laufen, es sei eine angenehme Überraschung, dass ich «so charmante und eine echte Schönheit» bin. Die Gäste nicken, als würden sie ihr recht geben, doch dann wird die Baronessa ärgerlich, beklagt sich. Warum hat man uns Kinder so lange von ihr ferngehalten? «Wie ist das nur möglich?», ich hätte schon «lange vorher» nach Paris kommen sollen, und ich frage nicht, was das vorher bedeutet. Insgeheim vermute, nein, weiß ich, dass meine überstürzte Hochzeit mit Francesco gemeint ist, die die Baronessa offensichtlich für eine Mesalliance hält. Ich zittere, doch nicht vor Empörung, es ist genau das Gegenteil: Sie hat recht, ich hätte ein wenig von der Welt sehen müssen, bevor ich mich mit Leib und Seele an einen Mann mit angenehmen Umgangsformen binde, den ich kaum kenne.
Als wir uns zu Tisch begeben, sitze ich meinem Mann gegenüber, kann ihn aber nicht sehen. Er wird von Tafelaufsätzen aus Kristall und vergoldeter Bronze verdeckt, die mit weißen Blumen und kleinen bunten Pralinen gefüllt sind. Zu meiner Rechten habe ich einen Engländer auf der Durchreise, der mich mit höflichen Ausführungen über die neuesten Erfindungen in Sachen Heizung unterhält: Wie, ich wisse nicht, dass man Anhänger der einen oder anderen Schule sein kann, heiße Luft gegen kochendes Wasser in den Heizungsrohren? Welche Lösung ich denn vorziehe? Und was verwende man in Italien?
Als ich antworte, dass mir eigentlich nur das offene Feuer gefällt, weil es gut riecht und ein schönes Licht gibt, gerät die Konversation ins Stocken wie ein Baumstamm, der sich am Ufer festhakt, und es gibt nichts, was sie wieder zum Leben erwecken könnte. Betrübt wendet sich der Engländer nach rechts und beginnt ein Gespräch – wieder über Heizungen? – mit einer Dame in Rot. Ich blicke mich um, voll Bewunderung für die Sorgfalt, mit der die Baronessa ihre Tischgesellschaft platziert hat, denn jeder plaudert angeregt mit seinem Nachbarn.
Nur bei mir hat sie sich geirrt, denke ich. Dieser Engländer, dessen Augen vor Befriedigung leuchten, wenn er die Funktionsweise einer modernen Heizung erklärt, wird enttäuscht nach Hause zurückkehren und denken, dass der Fortschritt den Italienern völlig schnuppe ist, ja, wenn es nach ihnen ginge…
Ich verstumme. Der Champagner lässt alles ineinander verschwimmen, die Stimmen, das Klappern des Bestecks, die tanzenden Kerzenlichter, und plötzlich erkenne ich mit der brennenden Klarheit jäher Eingebungen, dass ich in der Falle sitze. Jemand anderes hat über mein Leben entschieden, hat es organisiert und verplant. Man hat mir ein Gehege zugewiesen, in dem ich herumlaufen, ausschlagen, träge werden darf, aber es ist und bleibt eine Koppel. Die Welt ist draußen.
«Vous êtes toujours si triste, Madame?»
Die Dreistigkeit der Frage lässt mich erstarren.
Ich blicke noch immer auf die Tafel der Baronessa und ihre weiße Blumenpracht. Ich hole Atem, bevor ich mir die eisigen Worte zurechtlege, mit denen diese Impertinenz beantwortet werden muss. Ich bin Peak, mein rotbrauner Fuchs, wenn er vor dem Donner erschrickt.
Die Ader über dem Maul schwillt an, die Augen starren ins Leere, die Nüstern beben.
Ich schlage aus, ich lasse mich nicht ans Halfter nehmen, ich schüttele mich. Mein Herz schlägt wie verrückt.
Von dieser Verwandlung dringt nichts nach außen.
Dann drehe ich mich langsam zur linken Seite.
Ich rühre mich nicht, aber mir ist, als würde ich fallen.
Ich stürze ins Leere.
Ich sehe und höre nichts mehr.
Das alles geschah in einem Augenblick: Die Feen erledigten eben ihre Arbeit mit großer Schnelligkeit.
Vor mir steht ein Mann, etwa Ende zwanzig: Trott.
VII
Später erfuhr ich, dass es Trott schien, als habe ich ihn mit demselben Ausdruck angesehen wie er mich. Dass auch er in meinem Blick die Macht spürte, ihn zu Eis erstarren zu lassen. Er wurde Trott genannt, die Abkürzung für einen endlos langen und unaussprechlichen österreichischen Namen, einen jener Namen, die die Baronessa von Lunden als courant d’air bezeichnet hätte. In Venedig geboren, war er in Paris aufgewachsen, weil seine Familie befürchtete, die Feuchtigkeit könnte ihm schaden – seine Schwester war an rheumatischem Fieber gestorben, als sie noch ein Haus am Canal Grande hatten. Mir wurde berichtet, er sei seit einigen Monaten mit einer jungen Frau aus Bordeaux verheiratet, Inès. Jemand sagte, er sei Geschäftsmann; die Baronessa, die ihn gerne einlud, weil er fließend Englisch, Französisch, Deutsch und Italienisch sprach und so gute Manieren hatte, dass er immer ein willkommener Gast war, hielt ihn für einen Mann der Politik.
An dem Abend hätte ich mir niemals vorstellen können, wie viele Dinge ich noch über ihn erfahren sollte. Damals hatte ich nur die unbezweifelbare Gewissheit, dass ich in seinen Augen schön war, so schön, wie ich niemals wieder für jemanden sein würde.
Außerdem hatte ich das Gefühl, etwas zu verlieren. In diesem Moment erschien mir das nicht wichtig. Ich ahnte nichts von der Tragweite des Geschehens.
Ich hatte wirklich das Fingerschnippen des Gauklers gehört: Sogar die Bratspieße, die alle voller Rebhühner und Fasanen über dem Feuer hingen, schliefen ein, und das Feuer auch. Das alles geschah in einem Augenblick: Die Feen erledigten ihre Arbeit eben mit großer Schnelligkeit.
Und ich schlief ein. An jenem Abend fuhr ich fort, Konversation zu machen und Wein zu trinken, und auch in den folgenden Tagen genoss ich Paris und seine prächtigen Alleen. Ich kehrte nach Turin zurück und begann mein neues Leben mit Abendgesellschaften, Jagden und Anproben bei der Schneiderin und der Modistin, denn als verheiratete Frau musste ich zweimal im Jahr meine Garderobe erneuern.
Außerhalb meines mit Seide tapezierten Salons tobte etwas, was die Leute eine neue Partei nannten, und die Debatten erhitzten die Gemüter unserer Ehemänner, zumindest derjenigen, die überhaupt Zeitung lasen.
Francesco gehörte nicht dazu. Jeden Morgen wartete er unruhig auf Gino, der auf der Straße der Cunioli Alti über die Hügel kam, die Blecheimer voller Milch. Gino setzte sich in die Küche, ließ sich ein Glas Barbera einschenken und berichtete Francesco von den Pferden, ob das neue Füllen ordentlich fraß, ob die Reitstute endlich trächtig war. Das waren die einzigen Nachrichten, die meinen Gatten interessierten.
Was mich betraf, so machte ich mir aus Faulheit, Ahnungslosigkeit und Desinteresse an der Außenwelt nicht einmal eine Vorstellung davon, dass man ein anderes Leben führen könnte als ich mit meinem Ablauf immer gleicher, langsam verstreichender Tage, die nur von gesellschaftlichen Aufgaben und wenigen häuslichen Pflichten unterteilt wurden.
Heute kann ich mit absoluter Gewissheit sagen, dass ich damals schlief. Sonst hätte ich gemerkt, dass Turin sich in wenigen Jahren rasch verändert hatte. Man brauchte nur am Samstagnachmittag durch die Kolonnaden zu gehen, um ganz neue Gesichter zu sehen, schöne Mädchen mit roten Wangen, die am Arm ihrer Verlobten spazierten; Leute, deren Kleidung man ansah, dass sie eben erst in die Stadt gezogen waren; junge Soldaten, Studenten. Fabriken wurden gegründet, neue Kinos, Cafés und Tavernen öffneten an den Ufern des Po, und ganze Familien zogen
