Das Fest des Lebens - Wolfgang Kubin - E-Book

Das Fest des Lebens E-Book

Wolfgang Kubin

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Beschreibung

Cao Zhi (192-232) wurde als erster Sohn des berühmten Staatsmannes Cao Cao (155-220) in der heutigen Provinz Anhui geboren,wuchs aber im Norden des heutigen China auf. Ausgebildet in Kriegführung und in den Künsten war er als  Nachfolger des Vaters und damit als Kaiser des neu gegründeten Reiches Wei (220-265) vorgesehen. Aufgrund seiner Unbotmäßigkeit wurde er jedoch sein Leben lang als Prinz verschiedener Lehen an den Rand des pltischen Geschehens verbannt. Dies gab ihm jedoch die Gelegenheit, das Gedicht (shi) und ebenso das archaische Lied (yuefu) inhaltlich wie formal neu zu gestalten. Damit wurde er neben Xie Lingyun und Tao Yuanming zum größten Poeten des frühen Mittelalters (220-618). Trotz aller erlebter Kriege, Leiden der Bevölkerung und persönlicher Erniedrigung durch die Familie ist sein lyrisches Werk von Lebenslust geprägt. 

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Seitenzahl: 219

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Klassische chinesische Dichter

Cao Zhi

DAS FEST DES LEBENS

Sämtliche Gedichte und Lieder. Übertragen, gedeutet und eingeleitet von

Wolfgang Kubin

Inhalt

Impressum

Zur Einführung: Das Fest des Lebens

Lexika und weiter verwendete Literatur, falls nicht angegeben

Abkürzungen

Gedichte

Ein Bankett公䜩 / Gong yan

Zum Geleit der Herren Ying. Zwei Gedichte

Für Ding Yi und Wang Can

Für Xu Gan

Für Ding Yi

Für Wang Can

Für Ding Yi

Ein Gedicht nach meinem Empfinden

Sechs vermischte Gedichte杂诗六首 / Zashi liu shou

Die drei wackeren Minister

Gedicht auf ein kaiserliches Edikt

Für Biao, den Prinzen von Baima

Freude über den Regen

Nordwind

Vermischtes Gedicht

Die verlassene Frau

Die sieben Klagen

Gedicht in sieben Schritten

Archaische Lieder

Die Weise der Harfe

Hahnenkampf

Der Schimmelreiter

Namhaft die Stadt

Tau auf dem Lauch薤露行 / Xie lu xing

Die schöne Maid

Eine Reise in die Ferne

Der Findling

Die Weise von der Oriole im Brachland野田黄雀行 / Yetian huangque xing

Bohnen pflanzen

Wasserlinsen

Zur Weise von den Mauern, die hoch sein sollten当墙欲高行 / Dang qiang yu gao xing

Die Weise vom Gram

Ach!

Der kommenden Tage große Not. Ein Ersatz当来日大难 / Dang lairi da nan

Aus weiter Ferne am Tor ein Fremder门有万里客 / Men you wanli ke

Die Weise vom Kassiabaum

Eine Weise als Ersatz für den „Wunsch, zum Südberg zu reisen“

Mein armes Geschick. Zwei Gedichte妾薄命二首 / Qie bo ming er shou

Der Autor

Bisher im BACOPA Verlag von Wolfgang Kubin erschienen:

Fußnoten

Impressum

Alle Rechte, insbesondere die des Nachdrucks, der Übersetzung, des Vortrags, der Radio- und Fernsehsendung und der Verfilmung sowie jeder Art der photomechanischen Wiedergabe, der Telefonübertragung und der Speicherung in Datenverarbeitungsanlagen und Verwendung in Computerprogrammen, auch auszugsweise, vorbehalten.

©2025 Bacopa Verlag

4521 Schiedlberg/Austria

Telefon: +43(0)7251-22235

E-Mail: [email protected], [email protected]

www.bacopa-verlag.at

Cover: Christiana König

Layout und Satz: Christiana König

ISBN: 9783991141136

1. Auflage 2025

Zur Einführung: Das Fest des Lebens

Die chinesische Dichtung, ob nun Übertragung oder Analyse, war einmal ein Steckenpferd vor allem der deutschen Sinologie. Im Zuge einer Verlagerung des Faches von der Antike zur Moderne bzw. in die Gegenwart, trat das Interesse an chinesischer Literatur im weiteren Sinne immer mehr zurück. Wer diese heute noch übersetzt oder erforscht, vollbringt selbiges meist einsam außerhalb der Universitäten und Akademien, entweder als Rentner, Pensionär oder Liebhaber. Da die Aktivitäten als eine Art Freizeitvergnügen auf deutsch vor sich gehen, die englische Sprache sich mittlerweile weltweit als Lingua franca durchgewurstelt hat, spielt die hiesige deutsch publizierende Chinawissenschaft eine immer geringere Rolle. Wer nicht auf mühseligem Englisch publiziert, wird nicht wahrgenommen. Folgerichtig hat die nordamerikanische Wissenschaft, gefördert durch den Zuzug von ostasiatischen und deutschen Fachkräften, anscheinend im neuen Jahrhundert weltweit die Führung übernommen, mitunter selbst vor China, Japan oder Korea! Zu Unrecht, sie ist oftmals erbärmlich, weil sie kaum Fremdsprachen kennt, infolge dessen wenig aus ausländischen Landen zu lesen und willig zu verarbeiten in der Lage ist.

Hilfreich kommt ihr ein Umstand entgegen, der von den unterschiedlichen Systemen auf beiden Seiten bestimmt wird. Hier stehen Fachwissen und Allgemeinwissen einander gegenüber. Während ein Westeuropäer in der Regel zwischen dem Buch der Lieder (etwa 1000 v. Chr.) und Mao Zedong (1893-1976) nahezu alles im Rahmen von Geschichte, Politik, Wirtschaft etc. an den jeweiligen Universitäten zumindest als Abriß zu unterrichten hat, lebt eine Fachkraft in den Colleges oder verwandten Institutionen der Vereinigten Staaten für ein Thema, ein Genre, eine Epoche. Als bestes Beispiel kommt in unserem Fall Robert Joe Cutter (Arizona State University) in Betracht. Dieser Fachmann, wie üblich in den öffentlichen Medien ohne Geburtsdatum, da for ever young, hat unserem Gegenstand Cao Zhi (192-232) sein gesamtes Leben gewidmet. Seine Dissertation hat er nie veröffentlicht1, sondern daraus eine Fülle von beliebigen Aufsätzen gemacht, die gar nicht alle zu zitieren und zu verarbeiten sind, will man zu einem Schluß kommen, und zu guter Letzt hat er eine nützliche Gesamtübersetzung des literarischen Werkes seines Lieblings vorgelegt.2 Warum sage ich „nützlich“?

So sehr man den Verfasser um sein in vielen Dekaden genährtes Spezialistentum beneiden mag, so wenig darf man seine reine Philologie überbewerten. Die umfangreiche Übertragung ist honorig, keine Frage, aber ihr fehlen zwei Dinge: Der Meister Cao Zhi klingt hier auf englisch hölzern, sein amerikanischer Schüler ist eher ein Historiker als ein Literaturwissenschaftler, er deutet keinen einzigen Text ästhetisch! Ich nehme ihm das nicht übel, denn seine und auch meine Generation wurden wenig bis gar nicht in der Auslegung von chinesischen Texten ausgebildet. Genies wie Stephen Owen (geb. 1946) werden mit ihren grandiosen Werken als „europäische“ Spinner bezeichnet und haben kaum Nachfolger gefunden. Im Falle von Robert Joe Cutter wird also die Leserschaft kaum Zugang zur sprachlichen Besonderheit der einzelnen chinesischen Elaborate unseres Dichters gewinnen. Früher sprach man von Fleißarbeit, heute ist aber mehr verlangt: Kreativität. Wäre ein Ausweg möglich? Ja, wenn die deutsche Seite bereit wäre, ins Englische statt in die Muttersprache zu übertragen. Dies ist jedoch undenkbar, denn literarisches Englisch ist für Ausländer zu schwierig. Man hat also in anglophonen Ländern auf einen zweiten Ezra Pound (1885-1972) zu warten. Dieser uneinholbare Poet und Übersetzer scheint sich übrigens vor etwa hundert Jahren unseres Cao Zhi unter der Umschrift Ts‘ai Chi`h in seinem Werk Personae (1926) angenommen zu haben:

The petals fall in the fountain, the orange coloured rose-leaves,

Their ochre clings to the stone.

Wenn dem so ist3 – die altvordere bzw. falsche Namensschreibung (Ts‘ai statt Ts’ao, heute Cao) legt es trotz allem nahe -, hat der Autor wie so oft einen längeren chinesischen Text zu einem kürzeren verdichtet. Und zwar auf Basis seiner Theorie vom Imagismus, einer Lehre vom Bild als Höhe- und Endpunkt des poetischen Schreibens. Es macht nun keinen Sinn, im Werk des Cao Zhi herumzustöbern, um das Original aus den Unterlagen von Ernest Fenollosa (1853-1908) herauszuklauben, die unserem amerikanischen Dichter bekanntlich zur Verfügung standen. Wie so oft gibt es keinen „Erstdruck“, sondern lediglich die Verarbeitung, Bearbeitung. Ezra Pound hat hier etwas erkannt, was bislang der internationalen Sinologie verschlossen geblieben ist: die Mächtigkeit des Bildes, da die Gedanken schlummern. Um dieses zu erreichen, wird alles vermeintlich Unnötige ausgeschieden. So entsteht ein Kunstwerk, welches eher dem „Übersetzer“ als dem ursprünglichen Dichter zuzuschreiben ist.

Zwischen beiden Extremen, zwischen Cutter und Pound, bemühe ich mich, sowohl der Philologie als auch der Literatur gerecht zu werden: Stabreim statt Endreim, Rhythmus für den „fünfsilbigen“ Vers, ein oftmals angespanntes Vokabular. Ausgelassen wurde fast nichts, hinzugefügt kaum etwas. Man erhält eher Cao Zhi als Kubin, eher ein chinesisches Original als ein deutsches Pendant. Philologie und Ästhetik müssen sich nicht unbedingt gegenseitig ausschließen. Da ich in meinem lyrischen Werk mitunter reime, ist sicherlich die Frage gestattet, warum ich hier nicht den Endreim vorziehe? Unser chinesischer Freund liebt den Paarreim, der in einer Übertragung bei fortführender Wiederholung leicht zu „klingeln“ beginnt, ich goutiere den Kreuzreim, weil dieser etwas in der Spannung hält. Zum Reimen wird noch manches zu sagen sein, es ist ein schwieriges Geschäft.

Zuvor sei kurz auf die bisherigen Übertragungen im Deutschen eingegangen.4 Cao Zhi wurde in Deutschland und Österreich dank der äußerst erfolgreichen Nachdichter Klabund (1890-1928) und Hans Bethge (1876-1946) früh bekannt. Seitdem haben sich viele namhafte und weniger landläufige Literaten, ob mit oder ohne Sprachkenntnisse, an ihm versucht, vor allem der bedeutendste österreichische Sinologe Erwin Ritter von Zach (1872-1942). Dessen zahlreiche Beiträge wurden von mir stets konsultiert und angeführt, wiewohl auch sie eher philologisch als literarisch entworfen worden sind. Man darf ihm das nicht übelnehmen, die sinologischen Zeiten fühlten sich seinerzeit einer sogenannten Wort-für-Wort Wiedergabe verpflichtet und sind mitunter bis heute nicht auf ein ästhetisches Make it new ausgerichtet.

I. Von der antiken zur mittelalterlichen Poesie

Andere Probleme mögen wichtiger erscheinen, zum Beispiel die Frage „Warum schon jetzt Cao Zhi“ und nicht chronologisch zuvor Das Buch der Lieder (Shijing) und Die Lieder des Südens (Chuci, ca. 300 v. Chr.) in die Reihe Klassische chinesische Dichtung einbringen? Warum er allein und nicht wie allseits gern getan zusammen mit dem dichtenden Vater Cao Cao (155-220)5 und dem ästhetisierenden Bruder Cao Pi (187-226)6? Ich hatte gegen das Haupt der Familie als Gewaltherrscher immer eine Abneigung und gegen den ältesten Sohn ebenfalls, weil dieser die Schwurfreunde unseres Poeten aus dem Wege räumen ließ. Nun ist dies kein akademisches Urteil und wird den Geächteten in ihrer Rolle als große Literati nicht gerecht. Doch ein Geisteswissenschaftler hat auch ein Herz, und dieses schlug kurz nach der ersten Rückkehr aus Peking im Dezember 1975 zu. Da gelangte der Band Worlds of Dust and Jade, eine Übersetzung und Studie von George W. Kent in meine Hände, den Cutter übrigens nicht anführt.7 Der Titel paßte zu meinem Weltverständnis aus Melancholie, ennui und Sehnsucht. Warum sich also nicht an das Original begeben? Jade stand für ein vornehmes Leben voller Poesie in einem Palast, Staub für die schnöde Realität im Machtkampf der damaligen Zeit.

Mein Doktorvater Alfred Hoffmann (1911-1997) riet mir von dem Vorhaben zu den Drei Cao ab, dies sei eine zu große Aufgabe, wie sie nur von einem Institut bewerkstelligt werden könnte. Das war vor bald fünfzig Jahren an der Universität Bochum. Wie kommt es dann aber, daß ich mir dennoch wider seine Warnung einen von den drei wichtigsten öffentlichen Vertretern der Drei Reiche (Sanguo, 220-280) zur näheren Betrachtung herausgeklaubt habe? Etwa weil dieser Dreierbund im chinesischen Sprachraum seit Jahrhunderten in der Geschichte und in der Literatur sowie heute dank Film, Funk und Fernsehen unsterblich geworden ist? Ruhm ist nicht meine Sache, eher die Entwicklung von Gedanken und deren schriftlicher Ausdruck. Alle drei haben da viel zu bieten, der Vater mit seinen „persönlichen“ Gedichten, der ältere Sohn mit seiner epochemachenden Ästhetik und der jüngste mit der Vollendung einer Lyrik, die im Übergang von der Antike zum Mittelalter als Bruch mit der Tradition entstand und ihren Verfasser neben Qu Yuan und Tao Yuanming (365-427) zu einem der drei größten namhaft faßbaren Dichter am Ende von Altertum und zu Beginn einer neuen Periode machte.

Zunächst: Chinesische Historiker sind selten stark in Sachen Begrifflichkeit. Geschwächt durch die marxistische Theorie errichten sie manche Luftschlösser, die sie zu Kleinkindern an der Hand einer beflissenen Partei verleiten, und das heißt, daß sie einer ideologischen Gemeinschaft wenig kritisch folgen, die sich selber nicht so recht versteht. Jeden Tag lockt sie ihren Nachwuchs mit einer neuen Deutung von Geschichte, welche die gestrige hinwegfegt. Das ist die Folge eines herrschaftlichen Denkens, welches unter den Vorzeichen von Postkolonialismus etc. in der „westlichen“ Sinologie nicht weniger üblich ist. Reden wir lieber von der chinesischen Seite: Sie führt vermeintliche Termini wie Feudalismus ohne jegliche Definition an, eigentlich nur als Schimpfwort für Dinge gedacht, die nicht eingesehen werden wollen.

Ein Feudalismus im herkömmlichen Sinne existiert seit dem ersten Kaiser Qin Shi Huangdi und der Qin-Dynastie (221-206) nicht mehr. Die Antike hatte damals bereits ein Ende gefunden. Es bahnte sich das Mittelalter an. Darüber habe ich viel geschrieben.8 Ich mag mich nicht wiederholen. Kurz und gut, die Han-Dynastie (206 v.Chr. – 220 n.Chr.), welche vom Haus der Cao zu Grabe getragen wird, stellt eine Zeit des Übergangs dar. Es gab noch Lehen, aber nicht nur, es existierten weiterhin Aristokraten, doch nicht ausschließlich am Rande der Gesellschaft. Was uns jedoch vordringlich zu beschäftigen hat, ist die Literatur, die im engeren Sinne vom Genre der Dichtung bestimmt wird. Hierzu zählen aus deutscher Sicht das archaische Lied (yuefu), die poetische Beschreibung (fu) und vor allem das Gedicht (shi). Letztere Form wird deswegen so wichtig, weil sie vom viersilbigen zum fünfsilbigen Vers wechselt, der in Folge die eigentliche Größe der chinesischen Lyrik vorbereitet und diese ab der Tang-Zeit zur Weltliteratur macht.

Neben dem formalen ist ebenfalls und sicherlich wichtiger noch ein geistiger sowie sozialer Umbruch hervorzuheben. Die Poesie der Antike ist eine kollektive, sie entstammt den religiösen Stätten (Ahnendienst, Schamanismus), mag aber gleichzeitig aus dem „Volk“ kommen und sich in der Oberschicht, von dieser veredelt, bei Opferfeiern und darüber hinaus festgesetzt haben. Dies ändert sich mit der Familie Cao bereits vor der Gründung der Wei-Dynastie (220-265): An ihrem Hof zu Yecheng 邺城 (heute an der Grenze von Hebei / Henan) versammelt sich während der Jian’an-Ära (196-220) die poetische Jugend, um meist anläßlich von Banketten dem Dichten und dem guten Leben zu frönen: Essen, Trinken, Tanzen, Aufführen, Unterhalten, Belehren und Singen sind eines.9 Es ließe sich dennoch von einem literarischen Salon sprechen, da der lyrische Dialog im Zentrum stand.

Warum sprechen wir von Jian’an und mit deren kulturellen Vertretern im Vorgriff auf ein Reich, welches sich unter dem Namen Wei erst noch bilden mußte? Die Drei Reiche bestanden ja auch noch aus den zwei Reichen Shu (221-263) und Wu (222-280)! Nun, dies hat mit der sehr einflußreichen Anthologie zum Schrifttum des Mittelalters (Wenxuan) zu tun. Der Kronprinz von Liang (502-557), Xiao Tong (501-531) lancierte den Salon der Familie Cao unter Bevorzugung des späteren Wei als Vorbild für das Schreiben. Dagegen hatten die Literaturen der beiden anderen Reiche, wiewohl wertvoll, zurückzustehen.10 Oder, um es mit den Worten der sino-amerikanischen Sinologin Tian Xiaofei (geb. 1971) zu sagen:11

„Jian’an“ erinnert an ein Zeitalter kultureller Blüte: nicht nur gab es Poesie und fu […] in großer Fülle, sondern ebenfalls eine Reihe diskursiver Gattungen. Diese Ära fungiert in der Literaturgeschichte als der tatsächliche Ursprung klassischer chinesischer Dichtung im Anschluß an die antike Dichtung. (…) Hier wurden die Fundamente für den Standard der Dichtkunst und für literarische Kritik gelegt. Personen und Ereignisse wurden zum Stoff von Legenden.

Wenn auch allgemein eine Wendung vom religiösen Kultus und Ritus zum Menschen stattfindet, so bedeutet dies nicht das Ende jeglicher Religion. Mit dem Taoismus12 und Buddhismus, bedingt auch mit dem Konfuzianismus treten neue Glaubensrichtungen auf, die nicht mehr alle und jeden miteinander verbinden, sondern für einzelne soziale Gruppen gelten. Wer dem Taoismus anhängt, ist damals in der Regel kein Konfuzianer und umgekehrt. Die Gemeinschaft um Cao Zhi neigt dem taoistisch geprägten Unsterblichkeitskult zu - Stichwort xianren 仙人 -, ohne daß hier eine letzte Klarheit gewonnen werden kann.13 Ihre lyrischen Arbeiten würden wir als höfische Dichtung bezeichnen, im Einzelfall nicht selten als Gelegenheitsgedicht abtun. Und dennoch erleben wir eine gehörige Neuerung. Nach Lu Xun (1881-1936) tritt uns damals zum ersten Mal das „Selbst“ eines Menschen entgegen, dadurch würden Kunst und Moral auseinandertreten. Nun wird in der Sinologie mit diesem unklaren Begriff Selbst Schindluder getrieben.14 Es handelt sich da um einen modernen Terminus mit denkbar kurzer Geschichte. Auch zu diesem Thema habe ich mich verschiedentlich geäußert. Ich mag nicht in die alten Geschichten zurücktauchen, möchte daher das Problem wie folgt lösen: Die lyrische Stimme im Buch der Lieder oder in den Liedern des Südens war eine Stimme von allen für alle. Natürlich erfahren wir etwas über die Empfindlichkeit der dahinterstehenden Personen, doch nur allgemein, so daß sich die Mehrheit immer noch angesprochen fühlen möchte. Mit Cao Zhi und seinesgleichen ändert sich unser Bild: Hier spricht einer über sich und zwar sehr konkret, so daß nicht mehr alle mitgemeint sein können, sondern bestenfalls seinesgleichen. Die Existenz, wenn auch nicht im heutigen Sinne steht zur Debatte. Der Sprecher wird uns zur Person, er ist nicht mehr persona, nicht mehr Maske! Er unterbreitet seine Leiden und seine Freuden, wir erleben ihn als Militär, als Sänger, als Tänzer, als Trinker, als Naturbursche, als Freund unter Freunden, als Gourmet, als Beobachter von Flüchtlingen, als Mitleidigen von Bauern, als Wehmütigen, als Liebhaber zarter Wesen etc. Das hat es so vorher nicht gegeben. In nur 47 überlieferten Gedichten und Liedern entwirft Cao Zhi eine völlig neue Welt menschlichen Daseins. Auch wenn diese von dem Adel geprägt ist, so mutet sie uns heutigen nicht fremd an. Denn was seinerzeit wenigen vorbehalten war, der Taumel von Jade zu Staub und umgekehrt, ist heuer ein Massenspektakel. Bigger than life, wie wir in den Augustwochen des Jahres 2024 dank Taylor Swift (geb. 1989) und Adele (geb. 1988) in Fußballstadien erleben konnten.

Staub und Jade (im Netz findet sich ebenfalls die Wendung “Gold und Jade”): Diese schöne Charakterisierung verweist auf vieles. Der Sohn wurde vom Vater zu beidem gedrängt. Dies bedeutete in der Jugend eine militärische (Staub) und eine ideelle (Jade) Ausbildung. Es heißt zwar immer wieder, für den Dichter wäre die soziale Rolle als möglicher Kaiser wichtiger als die Karriere eines Poeten gewesen, er habe die Tat der Literatur vorgezogen, doch waren Tun und Dichten seit der Antike kein Gegensatz: Man machte sich einen unsterblichen Namen entweder durch Erfolg (ligong) oder, wenn nicht dank Tugend (lide), eben eben mithilfe des Wortes (liyan). Der Machtkampf mit dem älteren Bruder endete zu seinen Ungunsten. Ich komme darauf zurück. Die Niederlage ebnete ihm aber den Weg nicht nur zum poetischen Ruhm in jungen Jahren, das Scheitern gereichte ihm gar zum Gewinn eines großen Namens in der Nachwelt! Gleichwohl bleibt seine Pose bis zu seinem Lebensende die eines Klagenden, des großen Seufzenden, er vertieft damit die chinesische Form des Pathos (kangkai 慷慨), die in seinen Tagen schon gang und gäbe war.

Wenn auch chinesische Kaiser sich mitunter der schönen Künste befleißigten, es entwarf keiner von ihnen Verse so wie Cao Zhi, der eigentlich von der Familie als Herrscher vorgesehen war, aber an sich selber gescheitert ist. Der Vater hätte zum Imperator getaugt, doch ihm war dasselbe Schicksal im selben Jahr wie der Han-Dynastie, unter welcher er als Kriegsherr diente, beschieden: wie das jahrhundertealte Kaiserreich fand er sein Ende in bestem Alter. Somit trat der älteste Sohn noch mit väterlicher Unterstützung die Herrschaft über das Reich Wei an. Wiewohl ein passabler Lyriker, Cao Cao beherrschte lediglich die Parataxe, er vermochte Verse nur nacheinander zu reihen. Cao Zhi dagegen bediente sich der Hypotaxe, das heißt, der nachfolgende Vers hatte etwas mit dem vorhergehenden zu tun. Dies verlieh seinen Texten formal eine einheitliche Struktur. Der inhaltliche Aufbau wird durch die Theorie des Cao Pi möglich. Dieser hatte mit seiner „Diskussion zum Schrifttum“ (Lunwen 论文) den Odem (qi 气) zur Grundlage der Literatur erklärt und damit den theoretischen Rahmen ästhetischen Schreibens als kosmologisch bestimmt.15

II. Biographisches

Man liebt es in China und darüber hinaus, ja selbst in der herkömmlichen Sinologie, Leben und Schreiben von Literati in eins zu setzen: Wie das Verweilen auf Erden verlaufe, so bewege sich der Pinsel über das Papier. Entsprechend einseitig, schematisch, mitunter langweilig fallen die Deutungen aus. Wer seine Ausbildung in der Germanistik erfahren hat, ist eher bereit, Unterscheidungen zu treffen. Kunst und Dasein sind in der Regel streng auseinanderzuhalten, beide habe ihr eigenes Recht. Und so mag ich die Biographie des Cao Zhi als etwas Eigenständiges ansehen, auch wenn sie persönliche Erfahrungen in das Gesamtwerk eingebracht haben wird. Wären die uns hier interessierenden lyrischen Gebilde lediglich ein hübsches Anhängsel des tatsächlich gelebten Lebens, so wären sie ausschließlich als Abziehbildchen zu verstehen, die sich einer Vita anheften ließen.

Die Familie Cao stammt aus dem heutigen Bozhou in der Provinz Anhui. Sein Geburtsort ehrt den Vater Cao Cao mit einer Gedenkstätte. Cao Zhi dürfte aber nicht hier, sondern in der Präfektur Dongjun geboren worden sein. Der Erzeuger war da in den Jahren 191/92 zuständig gewesen und gehörte damit zu der Provinz Yanzhou, zu Gebieten des derzeitigen Shandong und Henan, so daß unser kommender Dichter vor Ort die ersten Lebensjahre verbracht haben dürfte. Der wichtigste Umzug erfolgte 204 nach Yecheng, ins jetzige Handan, Provinz Hebei. In den Wirren der ausgehenden Han-Dynastie hatte Cao Cao diese alte Stadt, berühmt für Könige und Heilige, zuvor erobert und zu seiner Residenz gemacht. Diese nun wurde zum Treffpunkt und zum Thema poetischer Bankette.16 Wie gesagt Wein, Weib und Gesang wurden eines. Und dann?

Danach übernahm sich unser junger Spund, der übrigens den Anredenamen Zijian子建 trug. Nach guter Ausbildung, ob Kriegsführung oder Klassiker, nach erlebter Praxis, ob Schlachten oder Bänkelsang, er wollte sich nicht mit Lehen auf dem Lande wie üblich für einen adeligen Sproß zufriedengeben, er zog den Hof vor. Nur da gab es, wonach sein Herz begehrte. Wir würden heute salopp sagen Remmidemmi. Das muß ihm zu Kopf gestiegen sein, denn er wagte, bei einer Wagenausfahrt, den Weg des Vaters, also des Herrschers, zu nehmen, statt den üblichen für einen Ausritt vorgesehenen. Das mag 217 gewesen sein.17 Diese Hybris kostete ihm nach landläufiger Auffassung die Krone. Er wurde fortan nur noch mit weniger bedeutsamen Lehen versehen. Das war selbst unter seinem Bruder so. Cao Pi hatte es gewagt, sich nach dem Tod des Vaters zum Kaiser ausrufen und damit seinen Bruder zu übergehen.

Cao Zhi reagierte im Falle von Trunkenheit auf den Älteren unbotmäßig, meist jedoch versuchte er, ihn mittels Unterwürfigkeitsaddressen zu umgarnen. Und ebenfalls unter dem zweiten Kaiser der Wei-Dynastie Cao Rui (reg. 226-239) wurde es nicht besser. Die Lehen waren zu böser Letzt mit so wenigen Haushalten bestückt, daß sie für einen Mann der nicht zu arbeiten brauchte, uninteressant waren. Sie waren fern der Hauptstadt gelegen und damit abseits jeglicher Kultur und Zivilisation. Überdies durfte sich Cao Zhi dort nicht mit seinesgleichen treffen, da ein Schmieden von Ränken befürchtet wurde. Lehen kamen also einer Verbannung, einer Absteige, ja einem notwendigerweise akzeptierten Karzer gleich. Zwar ausgeschlossen von der kaiserlichen Familie wurde Cao Zhi dennoch das damals übliche Grab 233 zugestanden. Es ist als eine Art Landschaftspark namens Yushan (Fischhügel) im Kreis Dong’e (Shandong) erhalten geblieben. Warum hier? Cao Zhi war einst als Prinz von Dong’e belehnt worden. Bei der Öffnung der Anlage fand man 1951 noch 28 seiner Knochen, die jedoch sogleich auf unerklärliche Weise verschwunden sein sollen.18 Darüber hinaus verwendeten die Bauern in der Umgebung das Grabgestein zum Bau ihrer Häuser. Erst 1981 hat man begonnen, sich um einen Schutz der historischen Stätte zu bemühen, und hat schließlich die Überreste 1996 zu einem Denkmal nationaler Größe erhoben.

Der Widerspruch zwischen älterem und jüngerem Bruder hat neben der Geschichtsschreibung ebenfalls Eingang in die Literatur gefunden. Luo Guanzhong (vielleicht 1330-1400) behandelt ihn in seinem Roman Die Drei Reiche (Sanguo Yanyi) als poetischen Wettstreit um Leben und Tod.19 Gemäß der Erzählung ist Cao Zhi eigentlich wegen Ungehörigkeit gegenüber dem Boten des Cao Pi zusammen mit den Brüdern Ding zum Tod verurteilt worden. Ihm eilte aber die Mutter Bian zu Hilfe. Der neue Kaiser gewährt ihm eine Chance. Der Dichter hat in der Zeit von sieben Schritten auf die Abbildung von zwei Stieren Verse zu schreiben, welche weder die Tiere noch den Kampf erwähnen dürfen. Des weiteren wird ihm aus dem Stegreif ein Gedicht über zwei Brüder abverlangt und zwar ohne Nennung des ungleichen Paares. Es folgt der berühmte Text über Bohnen auf einer Feuerstelle (s.u. S. xxx). Die Authentizität wird heute jedoch angezweifelt. So oder so hat der Dichter sich im Gegensatz zu seinen Freunden, dem Brüderpaar Ding zu retten gewußt.

Zu guter Letzt bleibe nicht unerwähnt, daß Cao Zhi heute in der chinesischen Unterhaltungsindustrie (TV, Film, Game, Phantasy etc.) keine unbedeutende Rolle spielt, natürlich weniger als gewichtiger Poet denn als sogenannter Held.20 In China reicht es, seinen Namen ins Netz einzugeben, und schon tritt uns ein jugendlicher, bunt gekleideter Heroe entgegen.

III. Zu den Texten und zur bisherigen Sekundärliteratur

Cao Zhi war für seine Zeit ein Großmeister. Er beherrschte alle üblichen Genres, als da waren das alte Gedicht (shi), das archaische Lied (yuefu), die poetische Beschreibung (fu 赋), die Throneingabe (biao 表) und der Brief (shu 书). Von größtem Einfluß war seine Erfindung des fünfsilbigen Verses.21 Wenn ich von Erfindung spreche, so mag das gewagt erscheinen, gab es doch neben und mit ihm auch andere, die den Fünfer-Rhythmus übten, ja gar Literati, die für sich in Anspruch nehmen können, bis zu dreihundert Jahre zuvor den Fünf-Wort-Vers erprobt zu haben.22 Cao Zhi verstand sich auf alle damals üblichen Versformen, er variierte die Zeile zwischen drei und sieben Zeichen, entschied sich aber überwiegend für den Aufbau à fünf Wörter. Ich kann nur vermuten, warum. Der noch gebräuchliche Vers zu vier Worten erlaubt keinen großen Hauch, will sagen die sprachliche, gesangliche Bewegung wird je plötzlich abgebrochen. Die neue Abfolge läßt den Schwung dagegen auslaufen, bedingt auch durch die sich anbahnende Zäsur nach dem zweiten Zeichen: ab cde ersetzen abcd bzw. ab cd. Die Sache ist allerdings komplexer als hier angedeutet. Doch bin ich leider nie in der Prosodie hinreichend geschult worden, mein Doktorvater Alfred Hoffmann (1911-1997) hat sein großes Wissen hierzu bislang eher in Vorlesungen als schriftlich kundgetan. Meine Andeutungen des Reimes in den von mir jeweils interpretierten Texten müssen daher laienhaft wirken. Selbst die gedruckten Ausführungen meines Lehrers Ulrich Unger (1930-2006) haben mir nicht viel weitergeholfen. Der einzige, der hier vermitteln könnte, wäre der Zürcher Sinologe Wolfgang Behr (geb. 1965), aber diese hat sein reiches Fachwissen ebenfalls eher mündlich in Vorträgen als schriftlich in welcher Form auch immer vorgestellt.

Wo ist das Problem? Chinesische Dichtung hat von Anfang an immer gereimt, sie ist gleichsam die Erfinderin des Endreimes für die Menschheit. Ihre Suche nach dem Gleichklang erstreckt sich mitunter bis in die Philosophie hinein, wie wir zum Beispiel im Falle des Daode Jing (Tao Te Ching) sehen. Die ursprünglichen Gleichlaute der damaligen Zeit können über ein Reimwort rekonstruiert werden. Dazu muß man ein ausgebildeter Linguist sein. Reimwort heißt, daß zwei Wörter nicht über sich selber reimten, sondern über ein gemeinsames Drittes, über das besagte Reimwort eben. Auch wenn es im chinesischen Bereich manche Nachschlagewerke hierfür gibt, so hat sich die Sinologie wenig mit der Materie befaßt, diese ist zu schwierig, um schnelle Ergebnisse vorweisen zu können. Der Heidelberger Sinologe Günther Debon (1921-2005) hat ein Grundwissen zusammengestellt, welches selbst für den Laien verständlich ist.23 Wer darüber hinausgehen will, hat jahrelang zu studieren, um vielleicht zu einem einzigen brauchbaren Resultat zu kommen.

Die frühe chinesische Literatur liebte die Parataxe, diese Vorliebe konnte mitunter bis in die Romanwelt der Neuzeit hineinreichen. Die Vollständige Überlieferung von den Ufern der Flüsse (Shuihu Zhuan), die seit 1370 langsam schriftliche Gestalt annahm, ist ein treffliches Beispiel. Halten wir uns jedoch nicht bei dem ehemals als Räuber (Franz Kuhn 1934) bekannt geworden Volksbuch auf. In der Dichtung der Antike war die Parataxe volkstümlich und damit normal, sie war die „Voraussetzung des lyrischen Gedichtes“ und Folge des chinesischen Sprachbaus24