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Marilyn und Adam sind glücklich verheiratet, wäre da nicht der unerfüllte Kinderwunsch, der ihre Beziehung auf eine harte Probe stellt. Auf einer Geburtstagsfeier lernt Marilyn ihren Schwager Alex kennen, der ihr von einem geheimnisvollen alten Brief und Buch erzählt. Um sich von ihrem Schmerz abzulenken, folgt sie zusammen mit Alex den literarischen Spuren bis hin ins Hereroland. Dort lernt sie eine mutige Frau kennen, die vor über hundert Jahren ihr Leben für ihren Ehemann aufgibt, um mit ihm ein neues zu beginnen. Was würde Marilyn aufgeben, um das Glück mit Adam wiederzufinden? Und welches Geheimnis umgibt Alex, dessen Existenz seine Familie ihr bisher verschwieg?
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Seitenzahl: 459
Veröffentlichungsjahr: 2022
Nina Hutzfeldt
Das Feuer der Herero
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog
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Epilog
Anmerkung der Autorin
Impressum neobooks
2019
Niedergeschlagen legte ich den Telefonhörer auf die Gabel zurück. Schon wieder nicht schwanger.
»Bist du so weit? Bei Frau Meier muss noch Blut abgenommen werden«, herrschte Samira mich an. Ich wischte mir eine Träne aus dem Augenwinkel. Einfach weiterarbeiten und bloß nichts anmerken lassen. Zum Glück hatte ich heute zwei Stunden eher Feierabend, so dass ich mich im Selbstmitleid suhlen konnte. Wie sollte ich das bloß Adam und der Familie erzählen?
*
Als ich nach Feierabend mit dem Fahrrad nach Hause radelte, ärgerte ich mich erneut über meine bekloppte Arbeitskollegin. Wie konnte man nur so neidisch auf andere Menschen sein? Mein Herz machte einen Hüpfer, als unsere Doppelhaushälfte in Sicht kam. Endlich zuhause. Ich stellte das Fahrrad unter den Carport und wunderte mich, dass Adams schwarzer Mercedes auf der Auffahrt stand. Schon als ich den geräumigen Flur betrat, kam mir der Kaffeegeruch wie ein freudiger Hund entgegen. Ich machte mich auf das Schlimmste gefasst.
»Überraschung«, rief die gesamte Familie, als ich um die Ecke in die offene Küche trat.
»Wir wollten an diesem besonderen Tag mit euch anstoßen. Natürlich alkoholfrei.« Brigitte hielt eine Sektflasche in der Hand, während sie mich in eine Umarmung schloss. Ich versuchte die Fassung zu bewahren.
»Mama.« Adam schob Brigitte ein Stück zur Seite. »Es tut mir leid, Schatz. Ich habe extra früher Feierabend gemacht, um den restlichen Tag mit dir allein zu verbringen … aber du kennst ja meine Mutter«, fügte er hinzu. Der Wohnbereich war mit rosa und blauen Luftballons geschmückt. Zwei große Torten standen auf dem robusten Esstisch und auf dem Wohnzimmertisch lagen einige Geschenke.
»Setz dich, setz dich. Es ist alles vorbereitet. Anton war so lieb und hat gebacken.« Brigitte bugsierte mich ans Kopfende vom Tisch, von wo aus ich Rolf, Anton und Kim-Lena begrüßte. »Natürlich gibt es für dich nur koffeinfreien Kaffee.« Brigitte stellte mir eine Tasse Kaffee auf den Tisch. Für den Nachmittag hatte sie sogar das ›gute Geschirr‹ herausgeholt. Meine Familie hatte sich so viel Mühe gegeben, so dass mir die Worte: ›nicht schwanger‹ bleischwer auf der Zunge lagen.
»Nun erzähl schon. Wann wirst du das erste Ultraschallbild bekommen?«
»Ich hoffe bald.« Ich spürte Kim-Lenas argwöhnischen Blick, als Brigitte mir ein Stück Erdbeertorte auf den Teller stellte.
»Danke.« Ich nahm die Gabel und stocherte in dem Tortenstück herum.
»Ist alles in Ordnung?« Brigitte setzte sich neben mich. »Bei mir war es genauso. Was ich vor der Schwangerschaft geliebt hatte, mochte ich währenddessen nicht mal mehr riechen.« Brigitte zog sich die andere Torte heran. Eine cremige Schokoladentorte mit nochmal extra Nougat.
»Nein, danke. Die Erdbeertorte ist super.« Ich nahm einen Bissen, bevor ich aufstand und auf dem WC verschwand. Dort wusch ich mir mit kaltem Wasser das Gesicht. Wie soll ich das bloß durchstehen? Seufzend schloss ich den Wasserhahn und wäre beim Verlassen der Toilette fast mit Kim-Lena zusammengestoßen.
»Hey, Marilyn. Ist alles in Ordnung?« Sie versperrte mir mit den Händen am Türrahmen den Weg.
»Ja.« Ich seufzte.
»Das glaube ich dir nicht.«
Ich ging einen Schritt zurück. »Es ist wirklich alles in Ordnung.« Als meine Stimme brach, kam Kim-Lena mit offenen Armen auf mich zu.
»Du bist nicht schwanger«, flüsterte sie mir ins Ohr. Meine Fassade bröckelte und fiel in sich zusammen. »Ach, Süße.« Schluchzend sank ich in ihre Arme. »Warum hast du denn nichts gesagt?«
»Ihr habt euch so viel Mühe gegeben.« Kim-Lena griff nach der Kleenex-Box auf der Spülkastenablage und reichte mir ein Taschentuch. »Anton hat extra gebacken und Brigitte und du habt alles geschmückt.«
»Ist alles …?« Brigitte verstummte, als sie um die Ecke trat. »Mein Mädchen. Was ist denn passiert? Das sind bestimmt die Hormone.« Sie schob Kim-Lena zur Seite und führte mich am Esstisch vorbei auf die Couch. »Ruhe dich aus. Vielleicht solltest du auch etwas kürzer treten. Das Arbeitsklima ist ja auch nicht das beste in der Praxis.«
»Das ist es nicht.« Ich wischte mir die Wangen trocken. »Ich bin nicht … schwanger.« Mein Blick fiel auf die liebevoll eingepackten Geschenke, wobei meine Augen sich erneut mit Tränen füllten.
»Ach, Marilyn.« Sofort schloss sie mich in die Arme. »Das tut mir so leid. Ich war mir so sicher, dass es diesmal klappt.«
»Ich hatte es so gehofft.« Kim-Lena reichte mir ein weiteres Taschentuch.
»Vielleicht sollten wir lieber gehen und euch in Ruhe den Feierabend verbringen lassen«, schlug Brigitte vor, als Adam sich hinter mich setzte und mich an sich zog. Sofort wurde ich ruhiger und atmete einmal tief durch, bevor er mir einen Kuss auf die Wange drückte. »Wir können die Torten auch in den Kühlschrank stellen und morgen essen.«
»Das ist eine gute Idee.« Adam stand auf. »Ich melde mich bei euch. Danke, dass ihr alle hier wart.«
»Sollen wir noch mit aufräumen helfen?«, bot Kim-Lena an.
»Das ist lieb, aber das schaffe ich schon.« Adam brachte die Gäste zur Tür, während ich die Torten in den Kühlschrank stellte und das Geschirr in den Geschirrspüler tat.
»Sie sind weg.« Adam kam um die Ecke und schloss seine langen Arme von hinten um meine Taille. »Ich könnte uns ein Bad einlassen und uns etwas beim Italiener bestellen«, schlug er vor und küsste meinen Nacken.
»Wenn es dazu Wein gibt.« Ich klaubte einen Grauburgunder aus unserer Küchentheke mit integriertem Weinregal und zwei Gläser aus dem Schrank, während Adam die Pizzen bestellte.
»Ich gehe schon mal nach oben und mache das Badewasser fertig.«
»Wollen wir nicht am Tisch essen und danach ein Bad nehmen?«
»Das können wir auch machen. Dann decke ich schon einmal den Tisch.« Während Adam mit dem Auto nach Burg fuhr, räumte ich die Dekoration auf, saugte durch und deckte den Tisch für das Abendessen. Dabei sah ich mich in dem Raum um. In Gedanken krabbelte ein kleines Wesen mit flaumweichem Haar und zwei Zähnen hinter dem Wischroboter her.
»Heiß und lecker«, sagte Adam, als er sich die Schuhe abstreifte und in die Hausschuhe schlüpfte. »Wir müssen unbedingt nachher noch wischen.« Er stellte die Pizzen auf den Tisch, bevor er den Wischroboter nahm und ihn einschaltete.
»Muss das jetzt sein? Lass uns doch erst einmal essen.« Ich schüttelte mit dem Kopf.
»Ach, Baby. Du weißt doch, dass ich keine Ruhe geben kann, wenn es nicht aufgeräumt und sauber ist.«
»Wenn wir ein Baby hätten, dann hätte ich gar nicht mehr die Zeit fürs Aufräumen.«
»Haben wir aber nicht.«
»Autsch.« Mit den Tränen kämpfend verteilte ich die geradelten Pizzastücke auf den Tellern.
»Hey. Marilyn. Es tut mir leid. Das ist mir so rausgerutscht.« Adam griff nach meiner Hand. »Ich liebe dich.«
»Ich liebe dich auch.« Ich biss von meiner Pizza ab, während Adam mir Wein einschenkte. Wir aßen schweigend, jeder in seinen Gedanken versunken. Als unsere Teller leer und die Mägen gefüllt waren, deckte ich den Tisch ab und räumte die Küche auf, bevor ich Adam die Holztreppe ins obere Stockwerk folgte. Schon von Weitem hörte ich das Wasser die Eckbadewanne füllen. Adam stand in Unterhose vor der Wanne und tat eine Badekugel hinein.
»Ich nehme dir die Gläser ab«, sagte er, als er sich zu mir umdrehte. Adam war sehr dünn. Seine Beckenknochen stachen hervor und seine ausgeprägten Wangenknochen ließen ihn streng wirken.
»Du siehst wunderschön aus.« Er stellte die Gläser auf den Badewannenrand und kam zu mir. Er zog mir den dünnen Rollkragenpullover aus und strich mir den schmalen BH-Träger herunter, bevor er mich küsste. Ich erwiderte den Kuss und wandt mich ab, um mir die Hose auszuziehen. Danach ging ich, mit dem Burgunder in der Hand, an ihm vorbei und stieg in die Wanne. Adam streifte sich die Hose ab und kam zu mir.
»Ich möchte nicht«, sagte ich, als Adam an meinem Ohrläppchen knabberte. »Können wir einfach nur liegen und das Wasser genießen?«
»Natürlich.« Adam zog mich mit dem Rücken zu ihm in die Arme, weshalb ich mit Tränen in den Augen meinen Kopf an seine Schulter schmiegte. Dabei schloss ich die Augen. Der Anruf heute hatte mir zum neunten Mal den Boden unter den Füßen weggezogen.
»Die Ärztin meinte, dass wir beide uns nochmal unterhalten sollten. Am Ende der Woche habe ich einen telefonischen Termin mit ihr vereinbart, ob wir nochmal eine Behandlung starten wollen oder nicht«, sagte ich ruhig. Dabei setzte ich mich kurz auf, um mein Weinglas nachzufüllen. Den Glashals zwischen Zeige- und Mittelfinger, drehte ich den Wein wie bei einer Verkostung im Glas herum.
»Was möchtest du?« Adam küsste mich auf den Hinterkopf. »Dein Haar ist so wunderschön.«
»Es ist widerspenstig und total langweilig«, antwortete ich und trank einen Schluck.
»Ich liebe deine Korkenzieherlocken.«
»Denkst du, wir können ohne Baby glücklich sein?«, fragte ich und brachte uns somit zurück zum Thema.
»Ich brauche nichts anderes außer dir.« Adam zog mich dichter an sich. »Ich liebe dich.«
»Ich dich auch.«
»Vielleicht wäre eine Pause gut. Wir könnten in den Urlaub fahren.«
»Wir leben dort, wo andere Urlaub machen«, konterte ich.
»Stimmt. Aber in die Sonne fliegen. Nach Spanien, Italien, nach Amerika, Australien oder Neuseeland?«
»Jetzt übertreibst du. Das können wir uns gar nicht leisten.« Ich nahm seine Hand in meine Hände.
»Vielleicht sollten wir es wirklich erst einmal sein lassen und zu zweit bleiben.« Da wurde mir klar, dass ich mir diese Lüge selbst nicht abkaufte.
Als der Sommer in den Herbst überging, der Tau sich auf die Felder legte und die Sonne sich durch die Wolken kämpfte, um den Tag herzlich zu begrüßen, radelte ich über die Landstraßen zur Arbeit. Die morgendliche Frische leerte meinen Kopf vom gestrigen Tag und hauchte mir frische Energie für die kommenden Stunden ein.
Ich schloss das Fahrrad am Fahrradständer an und öffnete die Praxis. Sterile Luft und Stille begrüßten mich. Es war niemand da, der mir eine Fehlerliste vor die Nase hielt, niemand, der mich neidisch ansah, wenn ich lächelnd auf mein Handydisplay starrte. Ich hatte zwanzig Minuten, um die vier Behandlungszimmer, den Ultraschallraum und das EKG-Zimmer zu kontrollieren, bevor meine Kolleginnen kamen und der Terror begann.
»Guten Morgen«, flötete Sarah, als sie in die Praxis kam.
»Hey.« Ich stand im Aufenthaltsraum und knöpfte mir gerade die weiße Hose zu. »Ob das ein guter Morgen wird«, sagte ich und biss mir gleichzeitig auf die Unterlippe.
»Wir sollten uns nicht schon morgens den Tag versauen«, witzelte Sarah und hängte ihre Jacke in den Spind. Ihre Haare glänzten golden in dem grellen Licht der Leuchtstoffröhren.
»Mal sehen, wie viele Touris heute die Praxis stürmen. Ich habe keine Lust mehr auf die Behandlung von Sonnenbränden, Scherben in Füßen oder Durchfall.« Bei Letzterem verzog ich angeekelt das Gesicht.
»Ja, das geht mir auch so.« Ich schloss den Spind und folgte dem Flur zur Anmeldung. Ich fuhr die Rechner hoch und begrüßte Sybille und Heike, die seit Jahren zum Praxisinventar gehörten.
Sybille arbeitete mit mir zusammen an der Anmeldung, während Heike mit Samira und Sarah die Patienten in den Behandlungszimmern betreute. Samira kam erst, als die ersten Patienten schon in den Behandlungszimmern auf die Ärzte warteten.
»Ach, kommen wir auch zur Arbeit«, sagte Sybille, ohne den Blick vom Bildschirm zu nehmen. Wortlos verschwand sie im Aufenthaltsraum.
»Sybille. Sei nicht so. Du ruinierst den Tag«, sagte ich.
»Meine liebe Marilyn. Diese – so viele Schimpfwörter kann ich gar nicht aussprechen – hat meine Ehe zerstört und sich auf meinem Arbeitsplatz breit gemacht.«
»Weißt du, sie tut mir einfach nur leid.«
»Marilyn«, ertönte Samiras Stimme über den Flur, bevor ihr schlanker Körper mit den großen Brüsten und platinblonden kurzen Haaren um die Anmeldung kam.
»Du musst darauf achten, dass die Zeitschriften im Wartezimmer ordentlich arrangiert sind. Dann sollst du die Behandlungszimmer nach der Behandlung wieder aufbereiten, damit ich den nächsten Patienten im Nebenraum weiterbehandeln kann. Außerdem hast du gestern den Sterilisator nicht ausgemacht.« Sie schnalzte mit der Zunge, als sie die Fehler mit den Fingern abzählte.
»Dir ist bewusst, dass ich hier vorne auch arbeite.« Ich verschränkte die Arme vor der Brust.
»Anweisung von den Chefs.« Damit kehrte Samira mir den Rücken und verschwand im Zimmer drei. Sybille drehte sich auf dem Schreibtischstuhl zu mir um und sah mich durch ihre eckige Brille erwartungsvoll an.
»Ach …« Ich winkte ab. »Sag nichts.« Mit zusammengepressten Lippen setzte ich mich an meinen Arbeitsplatz und nahm das erste Telefonat an.
Auch kurz vor Feierabend war die Stimmung immer noch auf dem Tiefpunkt. Ich zog mich gerade mit Sybille, Heike und Sarah um, als Samira wie eine Hexe auf dem Besen in den Aufenthaltsraum fegte.
»Hatte ich dir nicht gesagt, du sollst die Fenster schließen.« Sie fixierte Sarah wie ein Luchs seine Beute. »Jetzt hat der Wind alle eingeschweißten Tupfer von der Fensterbank gefegt.«
»Ich habe das Fenster geschlossen«, antwortete Sarah prompt und baute sich mit Händen in den Hüften vor ihr auf.
»Das kann nicht sein. Das Fenster im Zimmer eins ist auf.«
»Mm.« Sarahs Mund verzog sich zu einem Lächeln. »Ich habe die Fenster in den anderen Zimmern geschlossen. Denn Zimmer eins ist doch dein Zimmer und wer hat bloß die sterilen Sachen auf die Fensterbank gelegt?« Sie legte sich die Hand vor den Mund. Samira zog wütend die Stirn kraus und eilte zurück in den Behandlungsraum.
»Was für eine Bitch.« Sarah schlüpfte in ihre Sneakers und schulterte den schwarzen Rucksack.
»Sarah, so was sagt man nicht.« Heike prüfte ihren Pferdeschwanz, nachdem sie sich ihren Pullover übergestreift hatte.
»Du bist immer so neutral. Sarah hat vollkommen recht.« Sybille seufzte.
»Wie oft muss ich mir das noch anhören. Wir hatten jetzt schon mehr als genug Teambesprechungen. Solange die Ärzte nichts machen, sind uns die Hände gebunden. Deshalb benehmt euch, da wir mit ihr auskommen müssen.« Mit dem Satz schulterte sie ihre Tasche und verabschiedete sich von uns.
»Okay. Was ist denn mit Heike los?« Ich fuhr mir durch die Lockenpracht.
»Das wüsste ich auch gerne.« Sarah nickte zum Ausgang. »Seid ihr so weit?«
»Ja, bis morgen.« Ich verabschiedete mich von meinen Kolleginnen. Vor der Tür wartete Kim-Lena in ihrem roten Mantel mit gleichfarbigem Brillengestell auf mich.
»Was machst du denn hier?«
»Wir sind verabredet. Hast du das vergessen?«
Erschrocken blickte ich ihr entgegen. Shit. Ich fuhr mir über die Stirn.
»Du hast es vergessen.« Kim-Lena lächelte.
»Marilyn«, hörte ich eine mir nur zu gut vertraute Stimme hinter mir.
»Was ist denn? Wir haben Feierabend.« Ich seufzte, als ich mich zu Samira drehte.
»Du bist schuld. Du hast nicht das Zimmer nach mir aufgeräumt und somit das Fenster nicht geschlossen.«
»Das ist doch nicht dein Ernst. Ich bin hier nicht deine Angestellte, sondern arbeite für die Ärzte. Also kümmerst du dich um deine Zimmer und ich kümmere mich um die Verwaltung. Jetzt haben wir Feierabend. Wir können das gerne morgen in einer Teambesprechung ausdiskutieren.«
»Ach, du bist doch nur so verbittert, weil du einfach keine Kinder bekommen kannst«, sagte Samira mit einem süffisanten Grinsen und rammte mir damit ein Messer in den Rücken.
»Jetzt reicht’s«, mischte Kim-Lena sich ein. »Ich glaube, ich habe mich verhört. Du solltest lieber mal deine Zunge zügeln und dich auf dein Privatleben konzentrieren. Weißt du, warum dich keiner mag? Weil du eine verlogene, eingebildete Tussi bist, die niemand gerne um sich hat.« Dabei fuchtelte sie bösartig mit dem Zeigefinger in der Luft herum.
»Was fällt dir ein, so mit mir zu reden. Ich habe genug Freunde. Du solltest dich nicht mit mir anlegen.« Mit diesen Worten stiefelte sie zu ihrem Auto.
»Was wackelt die so mit ihrem Arsch?« Kim-Lena nahm ihre Brille und wischte die Gläser mit einem Tuch sauber.
»Das ist normal. So wackelt sie auch vor den Patienten ins Behandlungszimmer. Ihre Hosen sind so durchsichtig, dass man den String sehen kann.«
»Na ja, wenn man niemanden hat, dann muss man sich eben durchvögeln.«
»Kim«, sagte ich schnaubend. »Das ist widerlich.«
»Warum schmeißt dein Chef die nicht raus?« Ich folgte Kim zu ihrem VW-Bus.
»Ich weiß nicht. Manchmal hege ich den Gedanken, dass sie eine Affäre mit meinem Chef hat, da er nichts unternimmt. Andererseits … kann ich mir nicht vorstellen, dass er seine Frau betrügt. Sie sind so ein tolles Paar. Auch in der Praxis.«
»Und Anton und ich nicht, oder was?« Kim setzte sich hinters Steuer und ließ den Motor an.
»Aber natürlich. Was ihr täglich reißt ist bewundernswert. Ihr seid einfach perfekt.«
»Sollen wir dein Fahrrad noch mitnehmen oder darf ich dich morgen zur Arbeit fahren?«
»Das klingt perfekt. Eine Nacht wird es hier wohl bleiben können.« Als ich mich auf dem Beifahrersitz angeschnallt hatte, fuhren wir los.
»Ich habe eine Liste gemacht, was ich alles zusätzlich brauche. Schon am Samstag haben wir Bettenwechsel, da brauche ich noch einige Sachen.« Kim-Lena deutete auf ihre Tasche, die ich öffnete und aus der ich mir den Zettel herausnahm. Die Liste war länger als die Wunschzettel in meiner Kinderzeit. Seit Anton und Kim-Lena das Hotel und die drei Bungalows von Brigitte und Rolf übernommen hatten, war sie stets auf Achse. Das zahlte sich aus. Sie waren so gut wie immer ausgebucht. »Das ist reichlich.«
»Wichtig sind die Sachen für den Geburtstag, obwohl ich schon vieles im Internet bestellt hatte.«
»Darf ich dir noch etwas helfen? Irgendwie fühle ich mich schlecht, da du alles organisierst und ich irgendwie nicht.« Ich zuckte mit den Achseln.
»Ach Quatsch. Das kriege ich schon hin. Außerdem hattest du in der letzten Zeit andere Sorgen.« Sie tätschelte kurz meine Hand, als wir auf die Bundesstraße Richtung Fehmarnsundbrücke fuhren. »Falls du möchtest, kannst du auch bei uns im Hotel anfangen, dann musst du diese Fratze nicht täglich sehen.«
»Das ist lieb, aber ich mag meine Arbeit.« Ich seufzte. »Außerdem kann ich meine Kollegen nicht im Stich lassen.«
»Du mit deinem guten Gemüt.« Kim-Lena schaltete einen Gang runter und startete die Scheibenwischer.
»Regnet das?« Ich lugte aus dem Fenster.
»Natürlich. Wir fahren aufs Festland. Was willst du erwarten?«, witzelte sie und nahm die Ausfahrt nach Heiligenhafen ins Einkaufszentrum.
»Warum gehen wir nicht in Burg einkaufen?«, wollte ich wissen und schaute über die Schulter zurück. Ein letzter Blick auf die Parabelbögen der Brücke, die sich am Scheitel berührten.
»Inselkoller«, antwortete Kim-Lena prompt und fuhr auf den Parkplatz vor dem Einkaufszentrum. »Außerdem hatte Brigitte ihre Augen überall.« Da stimmte ich ihr nickend zu.
»Wer kommt denn zum Geburtstag?« Ich schnallte mich ab und nahm eine weitere Liste von Kim-Lena entgegen.
»Oh je. Wie viele sind das denn bitte?« Ich öffnete den Zettel und überflog die Liste.
»Ja. Für das Wochenende habe ich keine Reservierungen für die Hotelzimmer aufgenommen, da viele Gäste vom Festland das Wochenende über bei uns bleiben.«
»Okay. In deiner Amtszeit ist das wohl das erste Mal, dass du ein Zimmer nicht reservieren wirst.«
»Ja. Die Bungalows sind schon seit Monaten ausgebucht, so dass wir den Touristen 20 Prozent Rabatt für das Wochenende angeboten haben. Schließlich weiß man nicht, wie sich der Geburtstag entwickelt.« Anton und Kim-Lena waren mit ihrem Beruf verheiratet. Beide liebten ihren Job und konnten sich ein Leben ohne einander nicht mehr vorstellen. »Komm, wir beeilen uns.« Kim-Lena zog ihre Kapuze über den Kopf und marschierte zielsicher zum Einkaufswagen.
»Auf der Liste steht auch ein Alex. Wer ist das?«, fragte ich, als wir das zweistöckige Gebäude mit den Bodenfenstern in Richtung Hafen betraten.
»Das ist ein Witz, oder?« Kim-Lena blieb abrupt stehen und schob sich die Brille auf der Nase zurecht.
Alex, wer bist du? Wer bist du? Der Name sagte mir etwas. Ich konnte ihn nur nicht unterbringen.
»Unsere Zwillinge haben noch einen jüngeren Bruder. Falls du es vergessen hast.« Kim-Lena legte sich eine Strähne hinters Ohr.
»Stimmt. Das habe ich völlig verdrängt.« Da war doch was.
»Verständlich. Hast du ihn überhaupt schon einmal getroffen?«
»Nein.« Ich schüttelte den Kopf. »Wollen wir hier rein?« Ich deutete zu einem Laden, der im Schaufenster Party-Accessoires anbot.
»Das klingt perfekt.« Ich lief Kim-Lena hinterher und war erstaunt, wie viel sie in so kurzer Zeit in den Einkaufwagen tat. Sie musste im Kopf schon eine vollständige Idee entwickelt haben.
»Du hast ihn noch nicht getroffen?«, griff sie das Thema erneut auf, als sie ihre EC-Karte nach dem Bezahlvorgang zurück ins Portemonnaie steckte.
»Nein.« Ich seufzte. »Adam hat ihn noch nie erwähnt. Ich weiß nur von dir, dass es noch einen Bruder gibt.«
»Stimmt. Es wird nie über ihn gesprochen. Eigentlich schade. Er ist so ein netter Kerl.«
»War er schon einmal hier auf Fehmarn?«, fragte ich.
»Ich weiß nicht genau. Ich weiß nur, dass er zu Ernas 75sten und 80sten Geburtstag in Oldenburg war. Und wir haben ihn zweimal in den Staaten besucht.«
»Wieso weiß ich davon nichts?«, fragte ich und blieb stehen.
»Unser Urlaub in Kalifornien.« Kim-Lena zog die Augenbrauen hoch.
»Stimmt.« Ich fasste mir auf die Stirn. »Tut mir leid.« Wie der Pflug auf dem Acker grub ich mich durch mein Gehirn, um mich an Fotos und Erzählungen aus den Urlauben zu erinnern.
»Ich bin so dankbar, dass wir diesen Urlaub gemacht haben und ich Alex kennengelernt habe.« Kim-Lena ordnete die Tüten im Einkaufswagen.
»Erzähl mir etwas über ihn.« Ich zerdrückte die Einkaufsliste in meiner Faust.
»Er ist sehr lustig. Ich hoffe, dass er kommt.«
»Dann bin ich sehr gespannt. Gibt es ein Foto von ihm?«
»Ich habe Unmengen an Fotos gemacht, doch er wollte nie mit drauf. Fotoscheu.« Kim-Lena zuckte die Achseln.
»Wie sieht er denn aus?«
»Bist du etwa neugierig?« Kim-Lena blieb so abrupt stehen, dass ich in sie hineinlief.
»Etwas.« Ich versuchte keine Miene zu verziehen. »Es ist merkwürdig, dass Adam ihn niemals erwähnt hat.«
»Da musst du wohl bis zum Geburtstag warten. Komm, wir sollten uns beeilen, die Geschäfte schließen in Kürze.«
*
Als ich später am Abend nach Hause kam, saß Adam auf der Couch und schaute eine Doku. Auf dem Tisch standen zwei Weingläser, wovon eines gefüllt war.
»Hey, mein Schatz.« Er stand auf und küsste mich so energisch, dass ich kaum Atem schöpfen konnte.«
»Hey, Adam. Du trägst ja noch deinen Anzug.« Ich musterte ihn.
»Ja. Ich dachte, du würdest mir beim Ausziehen helfen.« Er knabberte an meinem Ohr. Auch wenn ich nicht in der Stimmung war, ließ ich mich von ihm ausziehen und zur Couch führen. Adam zog sich aus und legte sich auf mich. Ich schloss die Augen und atmete tief durch, als er in mich eindrang. Meine Gefühle waren wie gelähmt. Ich fühlte gar nichts. Keine Geilheit, keinen Orgasmus. Ich war wie ein Tier in Winterstarre, das auf die ersten Sonnenstrahlen des Frühlings wartete.
»Alles in Ordnung? Hat es dir gefallen?« Er küsste mich, bevor er sich aus mir löste und sich die Unterhose überstreifte.
»Ja, doch.« Ich zog mir ebenfalls die Hose hoch und beobachtete Adam, wie er mir Wein einschenkte. Als die Werbung kam, stellte ich das Glas zurück auf den Tisch.
»Weißt du, dass Kim-Lena Alex zum Geburtstag von deiner Mutter eingeladen hat?« Auch wenn ich ihn nicht ansah, spürte ich die Anspannung. Das Glas schlug so abrupt auf dem Tisch auf, dass ich vor Schreck zusammenzuckte.
»Ich weiß. Anton hatte mir davon erzählt«, sagte er unter zusammengepressten Zähnen.
»Hätte ich jemals erfahren, dass ihr noch einen Bruder habt, wenn Kim ihn nicht erwähnt hätte?«
»Niemand erwähnt ihn. Ich weiß nicht einmal, warum er eingeladen wurde.« Zähneknirschend stand er auf, schaltete den Fernseher aus, stellte die Gläser in den Geschirrspüler und ging ohne ein weiteres Wort nach oben ins Bett. Perplex schaute ich ihm hinterher, bevor ich mein Handy nahm und Kim-Lena eine Whatsapp schrieb. Hey, Kim. Ich habe Adam auf Alex angesprochen. Er ist aufgestanden und gegangen.
Das glaube ich nicht. Komm rüber. Dann können wir schnacken.
Okay. Ich legte das Handy zurück auf den Tisch und nahm meine Jacke vom Stuhl.
»Ich gehe nochmal zu Kim. Wir wollen noch kurz über den Geburtstag schnacken«, rief ich die Treppe rauf. Als alles still blieb, ging ich hinaus in die Kälte des Abends, bevor ich bei Kim und Anton vor der Haustür wartete.
»Hey, komm rein.« Anton öffnete die Tür. »Kim ist im Wohnzimmer.« Er fuhr sich über die Stirn. Während man bei uns vom Fußboden essen konnte, glich diese Haushälfte einer Wimmelbild-Szene. Es war nicht schmutzig, einfach nur unordentlich und bewohnt.
»Da bist du ja«, sagte sie und schloss mich in ihre Arme. »Komm. Setz dich.« Ich tat wie mir geheißen und kuschelte mich auf die gemütliche Couch. Sofort hatte ich eine Schüssel Chips auf dem Schoß.
»Mach dir nichts draus. Mein Bruder ist etwas komisch, wenn es um Alex geht. Er hat nie mit mir darüber gesprochen.« Anton schenkte mir Apfelsaft in ein Glas.
»Deine Eltern haben ihn auch nie erwähnt.« Ich nahm das Glas und trank einen großen Schluck.
»Jede Familie hat ein schwarzes Schaf. Ich bin froh, dass er für die Feier zugesagt hat. Er wird am 4. Oktober da sein.«
»Das hört sich gut an. Heute habe ich nochmal mit Rolf gesprochen. Brigitte denkt immer noch, dass sie das ganze Wochenende in der Lüneburger Heide verbringen«, sagte Kim-Lena.
»Das klingt fantastisch.« Ich steckte mir Chips in den Mund. »Aber mit was für einer Ausrede wird Rolf Brigitte am Samstag nach Hause bringen?«
»Sie fahren von Mittwoch bis Samstag nach Niedersachsen. Die Nacht von Samstag auf Sonntag wollen die beiden in Hamburg mit einem Musical-Besuch verbinden.« Kim-Lena hüpfte wie ein Flummi herum. »Leider wurde das Zimmer doppelt gebucht. Das Hotel ist leider auch ausgebucht, weswegen es kein anderes Zimmer gibt. Rolf wird Brigitte auf ein anderes Mal vertrösten und mit ihr nach Hause fahren. Dann kommen wir ins Spiel.«
»Brigitte wird traurig über das ausgefallene Musical sein.«
»Das ist ja eines von unseren Geschenken. Wir haben keine Karten für den 5. Oktober, sondern eine Woche später gekauft. Dann werden sie im Kempinski schlafen. Ein abendlicher Spaziergang an der Alster, shoppen in den Einkaufszentren der Stadt und der Musical-Besuch. Hach, wie romantisch«, schwärmte Kim-Lena gestikulierend.
Ich lächelte gedankenverloren. Vielleicht sollte ich Adams Angebot, in den Urlaub zu fahren, annehmen? Alles einmal hinter uns lassen.
Den Freitag vor der großen Feier durfte ich keinen Urlaub nehmen, da Samira sich schon vor mir in den Urlaubsplaner eingetragen hatte. Sicher nur, um mir eines auszuwischen. Obwohl der Arbeitstag ohne Samira wundervoll war, halfen alle mit, damit die Praxis rechtzeitig ins Wochenende gehen konnte.
Ich radelte so schnell, wie meine Beine mich ließen, nach Hause. Der Wind brauste mir um die Ohren und die Luft pumpte durch meine Lunge. Als das Friesenhaus mit dem roten Klinker und den Sprossenfenstern in Sicht kam, stieg ich ab und hörte aus dem Vorgarten herzliches Gelächter. Eine Gastfamilie nutzte den sonnigen Tag auf dem privaten Spielplatz. Kim-Lena trug ein Tablett mit Erfrischungen und Keksen zum Tisch, an dem die Eltern saßen. Für die Kinder waren eine große Wippe, ein Trampolin, eine Schaukel und ein großes Spielhäuschen mit eigener Kletterwand aufgebaut. Die Sandkiste hatten Anton und Kim-Lena aufgrund von täglichen Katzenbesuchen abgebaut. Ich öffnete die Pforte und parkte mein Fahrrad neben den Fahrrädern für die Gäste.
»Hallo. Ich hoffe, Sie fühlen sich wohl bei uns«, begrüßte ich die Gäste, bevor ich Kim-Lena umarmte.
»Ja, danke. Es ist wunderbar.« Eine große Frau mit langem Hals nahm dankend das Tablett ab.
»Falls Sie noch etwas wünschen, dann lassen Sie es mich bitte wissen.« Kim-Lena ging mit mir ums Haus herum zur Terrasse, auf der schon einige Heizstrahler und Stehtische aufgestellt worden waren. Die Tische im angrenzenden Speisesaal waren zu einem Hufeisen geformt worden, um Platz für den Buffet-Tisch und eine Tanzfläche zu schaffen.
»Wow.« Ich staunte nicht schlecht. »Das habt ihr heute Morgen alles schon geschafft?«
»Ja. Anton bereitet mit unserem Beikoch alles für Morgen vor. Adam hat mir mit den Tischen und den Heizstrahlern geholfen.«
»Wo ist er jetzt?«, fragte ich und sah mich um.
»Er wollte noch Kerzen besorgen. Ich Dummerchen habe Teelichter vergessen.« Kim-Lena lächelte.
»Was darf ich tun?«
»Du wirst morgen der Barkeeper sein. Theo ist noch bis morgen mit seinen Eltern in Dänemark. Ich werde dir heute alles zeigen, damit du mir morgen den ersten Drink machen kannst.« Sie zog mich mit sich hinter die Bar.
»Eine Cola werde ich schon hinkriegen. Schließlich habe ich schon einmal ausgeholfen«, verteidigte ich mich.
»Ja, das war ein Kindergeburtstag. Da gab’s O-Saft und Selter.« Kim-Lena hielt sich vor Lachen den Bauch. »Also …«
»Wann bekomme ich endlich einen Drink?«, hörte ich eine unbekannte Stimme fragen.
»Oh, mein Gott. Du hast es geschafft.« Kim-Lena hüpfte um die Theke herum und lief einem muskulösen Fremden entgegen. Seine braungebrannten Arme umschlossen ihren Körper, bevor er ihr einen Kuss auf die Wange gab.
»Wer ist denn die scharfe Braut?«, fragte er und nahm seine Sonnenbrille ab. Ich schaute einmal um meine Achse, bevor ich bemerkte, wer gemeint war.
»Alex, also wirklich.« Kim-Lena stupste ihn in die Seite.
»Ich bin die Barkeeperin«, stellte ich mich vor.
»Perfekt. Dann bekomme ich sicher einen Gin-Tonic.« Er kam auf mich zu. Seine jadegrünen Augen fixierten mich.
»Um diese Uhrzeit würde ich einen O-Saft empfehlen.« Ich nahm ein Glas und schenkte ihm Orangensaft ein.«
»Oh, Mann. Auch das noch.« Er legte die Sonnenbrille auf die Theke, bevor seine sinnlichen Lippen das Glas berührten.
»Marilyn, darf ich dir Alex vorstellen. Alex, das ist deine Schwägerin, Marilyn.«
»Hallo, Mary. Danke für den Orangensaft.« Er trank den Rest vom O-Saft in einem Zug aus. »Wir sehen uns.« Alex nickte Kim-Lena zu und verließ den Raum.
»Wo geht er denn jetzt hin?«, fragte ich, während ich das Glas spülte.
»Keine Ahnung. Vielleicht holt er seine Sachen.« Sie zuckte mit den Achseln.
»Wieso fragst du?« Kim-Lena stemmte die Hände in die Hüften.
»Nur so.« Erwischt, arrangierte ich die Gläser neu. »Bring mir lieber bei, wie ich einen Gin Tonic mache.« Kim-Lena umrundete die Bar und zeigte mir die verschiedenen Alkoholsorten, bis Adam den Raum betrat.
»Hey, Babe.« Er kam zu mir und küsste mich. Dabei zog er mich so dicht an sich, dass ich mich verlegen wegdrehte.
»Ist alles in Ordnung?«, wollte er wissen.
»Kim bildet mich als Barkeeperin aus.« Ich hielt eine Flasche Wodka hoch.
»Sehr schön. Dann werde ich die Getränke morgen doppelt genießen.« Er verschränkte die Arme mit meinen.
»Hallo, Adam. Schau mal«, rief Anton aus der Küche.
»Bis gleich.« Er küsste mich, als würde er auf eine monatliche Dienstreise fahren.
»Was ist mit ihm los?«, flüsterte Kim-Lena hinter vorgehaltener Hand. »Er hängt an dir wie eine Klette.« Sie zog die Stirn in Falten.
»Er möchte mir einfach nur zeigen, dass wir auch zu zweit ein schönes Leben haben können.«
»Bist du sicher, dass du das kannst?«
»Müssen wir das jetzt besprechen?« Und schon wusste Kim-Lena Bescheid.
*
Der darauffolgende Tag versprach ein schöner Herbsttag zu werden. Wir vier wuselten schon früh am Morgen in dem großen Saal herum, um den Tisch zu decken, den Raum zu schmücken und die Lampions auf der Terrasse aufzuhängen. Dabei waren die Zwillinge immer in Kontakt mit ihrem Vater, der so oft er konnte eine SMS von deren Standort schrieb.
»Wollen wir einen Geschenke-Tisch in die Ecke stellen? Irgendwie fehlt der.« Ich verschränkte die Arme vor der Brust und senkte den Kopf.
»Oh, mein Gott.« Kim-Lena hob dringlich die Hände in die Luft. »Das habe ich total vergessen. Ich wusste, dass da noch etwas war.«
»Wollen wir einen der Tische aus den Gästezimmern nehmen?«, schlug ich vor. »Die sind ja nicht so groß.«
»Aber sehr niedrig«, gab Kim-Lena zu bedenken.
»Und der Tisch im Flur neben dem Sessel?« Ich fuhr mir mit der Hand durchs Haar.
»Das könnte klappen.« Ich folgte Kim-Lena durch den Flur an den Toiletten vorbei zu einer einladenden Rezeption mit wunderschönen Fotografien von Fehmarn. Ich nahm den Prospektaufsteller vom Tisch neben dem grauen Ohrensessel und stellte ihn vorübergehend auf die Rezeption.
»Wann kommt Erna?«
»Oh, Gott. Die habe ich auch vergessen.« Kim-Lena ließ vor Schreck fast den Tisch fallen, wobei mir ein kleiner Schrei entfuhr. Sofort kam Adam aus der Küche angelaufen.
»Ist alles in Ordnung?« Er legte mir den Arm um die Schulter.
»Wir haben Oma vergessen«, sagte Kim-Lena.
»Ich hole sie ab. Anton hat sowieso genug von mir in der Küche.« Adam zog mich an sich und küsste mich, bevor er sich von mir löste. »Ich rufe sie kurz an, damit sie weiß, dass ich jetzt losfahre.« Mit dem Handy am Ohr trat er aus der Haustür.
»Wollen wir?«, fragte ich und deutete auf den Tisch.
»Ja. Beeilen wir uns. Da Adam Oma abholt, braucht Anton Hilfe in der Küche.« Wir trugen den Tisch in die vorgesehene Ecke, stellten einen kleinen Strauß Blumen darauf. Erschrocken blickten wir uns an, als die Klingel der Rezeption betätigt wurde.
»Erwartest du Gäste?«
»Nein.« Kim-Lena zuckte die Achseln und folgte dem Flur zurück zur Rezeption.
»Oma. Da bist du ja schon.« Die Neugierde zog mich ebenfalls zur Rezeption.
»Ja. Alex war so lieb, mich auf die Insel zu bringen«, sagte Erna. Sie hielt ihren Koffer fest in der Hand.
»Hallo, Oma.« Ich nahm die robuste Frau in den Arm. »Wo ist Adam?« Ich sah an ihr vorbei.
»Alex hat mich gefahren.« Erna kniff mich in die Wange. »Du musst ihn kennenlernen. Er ist so ein guter Junge.« Sie strahlte übers ganze Gesicht.
»Ganz bestimmt.« Ich nahm ihre Hand. Die durchsichtige Haut war von blauen Äderchen durchzogen. »Hat Adam dich nicht angerufen? Er ist auf dem Weg zu dir, da wir nicht wussten, dass Alex dich abholt.«
»Oh. Das ist sehr lieb von ihm, aber nun bin ich hier.«
»Das ist nicht schlimm. Dann rufen wir Adam an und sagen ihm, dass er umdrehen kann.« Kim-Lena stand hinter der Rezeption und nahm den Hörer in die Hand.
»Ich bringe Ernas Gepäck hoch. Darf ich den Schlüssel haben?« Kim-Lena schob ihn mir über die Rezeption.
»Komm. Ich bringe dich hoch.« Ich reichte Erna meinen Arm zur Unterstützung, als wir uns der Treppe näherten. »Warte. Ich mache dir den Sessel-Lift fertig.«
»Ach, Marilyn. Den brauche ich nicht. Das ist was für alte Leute.« Sie winkte ab. »Lass mich nur nicht fallen.« Ich half ihr die Treppe in den ersten Stock, öffnete ihr die Tür und setzte sie auf die Couch, bevor ich den schweren Koffer die Treppe hochwuchtete.
»Wie findest du eigentlich meine Frisur und mein Kleid?« Erschrocken drehte ich mich zu Erna um, die am oberen Treppenabsatz stand und vor mir posierte.
»Erna. Geh ein Stück von der Treppe weg. Gleich fällst du runter«, sagte ich, griff nach ihrer Hand und zog sie ein Stück zu mir. Erst dann fuhr mein Puls herunter.
»Weißt du, Marilyn. Der Alex ist so ein wunderbarer Mensch. Ihm gefällt es, wenn ich das rote Kleid trage.« Erna drehte sich einmal um die Achse.
»Da kann ich ihm nur zustimmen.« Ich hakte mich bei ihr unter und brachte sie aufs Zimmer. In ihrem roten Kleid, den schick frisierten schneeweißen Haaren und dem bordeauxroten Lippenstift wirkte sie jünger als 85 Jahre. »Möchtest du dich noch etwas ausruhen? Kim und ich helfen Anton noch in der Küche und dann geht’s nachher ja schon los.« Ich deutete zum Doppelbett mit kleinem Fernseher auf der Kommode am Fußende. »Ich kann dir auch den Fernseher anstellen«, bot ich an.
»Nein. Nein. Ich komme mit. Ich muss Anton doch noch mein Kleid zeigen.«
»Oma.« Ich half ihr hoch. »Musst du sonst nochmal auf die Toilette?« Ich deutete zum angrenzenden Bad.
»Das hört sich gut an. Vielleicht muss ich nochmal Ling-Ling.« Ich verschluckte mich fast vor dem unterdrückten Lachen.
»Hey, Marilyn. Ist alles In Ordnung?«, fragte Kim-Lena, die gerade durch die Tür trat.
»Keine Ahnung. Sag du es mir? Sie schwärmt von Alex, will sich nicht ausruhen und hat Steine im Koffer.« Ich musste schmunzeln. »Ach, und sie denkt, dass sie zwanzig ist.«
»Sie hat Alex mit großgezogen, aber das ist eine andere Geschichte.« Kim-Lena winkte ab, als Erna aus dem Bad kam. Warum weiß ich so wenig von der Familie, zu der ich seit neun Jahren gehöre?
»Möchtest du mit runter zu Anton?« Kim-Lena bot Erna ihren Arm an, den sie dankend annahm. Zusammen gingen sie schnatternd die Treppe hinab und ließen mich zurück. Sehr schön. Ich presste die Lippen zusammen.
»Hallo, Mary«, sagte Alex.
Vor Schreck drückte ich mich mit dem Rücken an die Tür und stieß einen Schrei aus, den er mit seiner Hand auffing. Mein Herz flatterte wild in meiner Brust. Was zum Teufel ist los mit mir? Käme jemand die Treppe hoch, sähe er eine Frau an die Tür gedrückt und einen Mann, der ihr den Mund zuhielt. Nicht gerade perfekt.
»Kann ich die Hand wegnehmen?«, fragte er.
Nein, bitte nicht. Nickend atmete ich tief durch.
»Ist alles in Ordnung?« Er legte den Kopf schief.
»Ja, alles gut. Wir sehen uns ja nachher.« Ich drückte mich an ihm vorbei, konnte den Drang nicht abstellen, mich noch einmal umzudrehen. Sein muskulöser Körper steckte in einem Tank-Top, die Beine in einer Jogginghose und die Füße in weißen Sneakers. Woher stammte dieser Typ? Er kann doch nicht mit Anton und Adam verwandt sein. Verwirrt schüttelte ich den Kopf und folgte den Stufen hinab, bis ich Erna und Kim-Lena in dem Speisesaal vorfand.
»Da bist du ja. Wo zum Teufel warst du?«, fragte Kim-Lena mit grimmiger Miene und lächelte, als sie mein entsetztes Gesicht sah. »Scherz. Geh du dich bitte umziehen. Wir sehen uns ja nachher.«
»Musst du dich nicht umziehen?«, wollte ich wissen.
»Ja. Ich warte auf Anton, der gerade unter der Dusche ist und mich ablöst. Sieh dir an, was wir errichtet haben.«
Ich blickte auf den Buffet-Tisch und riss erstaunt die Augen auf. Wow. Anton und Kim-Lena hatten in der kurzen Zeit ein Paradies für leere Mägen geschaffen, dass mir eine Träne die Wange herunterlief.
»Ich sollte gehen. Bis nachher.«
*
In einem kurzärmeligen rosa Vintage-Kleid mit Empire-Taille folgte ich Adam auf die Terrasse.
»Oh, es sind ja doch schon einige Gäste da«, sagte ich und griff nach Adams Hand. Obwohl ich ihn nur in Anzug kannte, sah er heute besonders schick aus.
»Da seid ihr ja. Dein Vater hat gerade das Festland verlassen«, sagte sie an Adam gewandt. Als hätten wir uns eine Ewigkeit nicht gesehen, fiel meine Freundin mir in den Arm. »Dein Vater ist auch da«, flüsterte sie mir ins Ohr. »Und du hast Glück. Anton übernimmt mit Theo die Bar.« Sie griff nach meiner Hand und führte mich durch die Gäste zu den beiden.
»Hallo, Theo.« Ich lächelte ihm zu. »Seid ihr schon eher zurückgefahren?«
»Ja. Mama hatte so Kopfweh, dass Papa gestern schon mit uns zurückgefahren ist.« Theo war ein Nachbarjunge. Er war gerade sechzehn geworden und sparte für seinen Führerschein, den er in einem Jahr machen wollte. Sein flaumiger Bartwuchs und der verspätete Stimmbruch ließen mich immer wissen, wie alt ich wirklich war.
»Sag deiner Mama ›Gute Besserung‹. Aber es beruhigt mich, dass du da bist. Ich hatte schon Angst, dass ich wirklich Getränke mixen muss.«
»Hallo, Marilyn«, sagte Anton abwesend, seinen Blick auf das Display gerichtet. »Sie sind da.«
»Oh, super.« Kim-Lena machte einen Hüpfer, bevor sie die Gäste informierte. Diese versammelten sich alle im großen Saal und warteten, bis Brigitte und Rolf um die Ecke bogen.
»Überraschung«, riefen wir alle zusammen.
»Oh, mein Gott.« Lächelnd legte Brigitte ihre Hände vor den Mund. »Das ist ja eine tolle Überraschung.« Sie schaute sich in der Runde um.
»Nun, steh da nicht so rum. Komm rein«, hörte ich Erna rufen.
»Ja, Mutter.« Stolz trug sie ihr graues kinnlanges Haar und neben dem gutaussehenden Mann mit graumeliertem Haar an ihrer Seite wirkte sie niemals wie 60 Jahre. Automatisch wanderten meine Augen zu den goldenen Zahlenballons. Alles wunderbar dekoriert.
»Du siehst toll aus«, sagte ich, als Brigitte es zu uns geschafft hatte, und umarmte das Geburtstagskind. Sie hatte sich für einen schwarzen Pullover mit einer alten Brosche und dazu einen karierten knielangen Rock entschieden. Ihre Füße steckten in teuren Wildlederstiefeln, die ich schon ewig anhimmelte.
»Vielen lieben Dank für das hier.« Sie schenkte ihren beiden Söhnen nacheinander eine große Umarmung, bis ihr Blick auf Alex fiel. Kurz zögerte sie, bevor sie ihn lächelnd in die Arme schloss.
Mir blieb der Mund offen stehen, als ich bemerkte, dass er einen dunkelblauen Anzug mit passender Krawatte trug. Und als ich seine Begleitung erkannte, bekam ich das Spucken. Samiras sportlicher Körper steckte in einem grasgrünen langen Kleid und ihre blonden Haare hatte sie gut drapiert.
»Da hat einer seine Ballons selbst mitgebracht?«, scherzte Kim-Lena und stellte sich neben mich.
»Die fallen ihr gleich aus dem Kleid. Ich kriege das Kotzen.«
»Soll ich sie bitten zu gehen?«
»Nein. Ich möchte keine Szene machen.«
Als sich unsere Blicke trafen, lächelte Samira mir frech entgegen und hakte sich bei Alex unter.
»Hallo, mein Schatz.« Eine männliche Stimme drang an mein Ohr.
»Papa.« Ein braungebrannter Mann mit schwarzem Haar und Vollbart lächelte mir in einem blauen Hemd und dunkler Stoffhose entgegen.
»Wie geht es dir?« Er umarmte mich. »Es tut mir leid …«
»Papa, bitte nicht hier.«
»Darf ich für einen Moment um eure Aufmerksamkeit bitten«, rief Brigitte, nachdem Rolf mit dem Löffel an ein Glas stieß. »Vielen lieben Dank für diese Überraschung und für die vielen Geschenke. Ich würde sagen: Lasst uns feiern. Auf dass der Abend feucht-fröhlich endet. Das Buffet ist eröffnet.« Alle klatschten.
»Ich freue mich, dass du da bist, Papa. Du musst dich nicht dafür entschuldigen.« Ich legte den Kopf an seinen Arm und schloss für einen kurzen Moment die Augen.
»Hallo, Adam.«
»Hallo, Clemens. Schön, dass du hier bist.« Sie reichten sich die Hand, bevor wir gemeinsam am Tisch Platz nahmen.
»Ich bringe dir einen Teller mit«, bot Adam an. Noch bevor ich etwas erwidern konnte, stand er in der Schlange.
»Ich werde mich ihm anschließen.« Papa folgte Adam. Derweil arrangierte ich das Besteck und die Gläser, bevor ich mein Kleid glattstrich. Bloß nicht nach vorne schauen. Danach nahm ich mir die Serviette und faltete sie, bis ich mich nicht mehr beherrschen konnte und doch einen kurzen Blick zu Samira warf. Der Platz neben ihr war frei.
»Da ist ja meine Barkeeperin«, sagte eine raue Stimme hinter mir. Erschrocken drehte ich den Kopf und sah in Alex’ grinsendes Gesicht.
»Musst du mich immer so erschrecken«, zischte ich und legte die Serviette zurück auf den Tisch.
»Vielleicht.«
Als ich aufblickte, war er verschwunden. Der Platz neben Samira war weiterhin frei.
»Hier, mein Schatz.« Adam stellte mir einen Teller mit Kartoffelgratin, Käse, Wurst, Brot und Weintrauben auf den Tisch.
»Wer soll das alles essen?«, fragte ich und nahm das Besteck zur Hand.
»Du isst so viel du magst.« Adam strich mir über den Daumen.
»Was macht die Arbeit?«, fragte Papa.
»Hör bloß auf. Die ist schrecklich.« Dabei warf ich einen Blick in Samiras Richtung und hätte fast gespuckt. Sie drückte sich an Alex, der mittlerweile auf seinem Platz saß, und küsste ihn auf die Wange.
»Ist diese Arbeitskollegin immer noch da?« Aus dem Augenwinkel sah ich Papa die Gabel zum Mund heben.
»Ja«, hauchte ich und verlor ein Stück Käse von der Gabel, welches zurück auf den Teller fiel. »Leider, ja.«
»Ist das ein Scherz?«, fragte Adam, der meinem Blick gefolgt war. »Dem werde ich etwas erzählen!« Als Adam aufstand, hielt ich ihn am Arm fest.
»Ruiniere deiner Mutter nicht den Geburtstag. Das wird sich alles klären.« Impulsiv setzte er sich wieder und trank einen großen Schluck Wein. Dabei konnte ich Adams Wut förmlich aus allen Poren riechen. Ich glaubte nicht, dass Samira das Problem war. Doch das behielt ich lieber für mich. Nach einer längeren Unterhaltung mit meinem Papa über belanglose Dinge forderte Adam mich zum Tanz auf. Papa bot Erna seinen Arm an, die freudig ihr Kleid hob und sich von ihm auf die Tanzfläche führen ließ. Wunderbar, wie ehrfurchtsvoll diese ältere Frau über den Boden glitt.
»Denkst du, ihr gefällt es?«, fragte Kim-Lena, als wir Anton und sie beim Tanzen trafen.
»Sicher. Der Abend wird ihr noch lange in Erinnerung bleiben.« Ich reckte den Hals.
»Ich hasse ihn so sehr«, zischte Adam.
»Adam. Nun lass die Vergangenheit ruhen. Er ist unser Bruder. Dass er in Begleitung kommt, konnte keiner wissen.« Dabei verdrehte er die Augen.
»Wie gesagt: Ich lasse sie rauswerfen?«, bot Kim-Lena erneut an.
»Das ist sehr lieb, aber das ist schon so in Ordnung.« Doch der Kloß im Hals schwoll immer noch an. War Samira schuld daran oder weil Alex mit einer Frau tanzte?
Lass die Vergangenheit ruhen. Diese vier Worte wollten mir partout nicht aus dem Kopf gehen. Wir tanzten noch einige Lieder, in denen Adam mich festhielt, als wäre ich eine Glaskugel, die jeden Moment zu Boden fiel.
»Ich liebe dich.« Er küsste mich, wobei er mich noch dichter an sich zog.
»Können wir eine Pause machen?« Ich löste mich von ihm, als das Lied endete.
»Komm, Adam. Wir gehen zur Bar«, schlug Anton vor, der ebenfalls eine Tanzpause einlegte.
Kim-Lena wuselte zur Toilette, während ich frische Luft brauchte. Es hatte sich abgekühlt, doch ich folgte dem Gartenweg hinaus in Richtungen der Dünen. Der Wind brauste mir um die Ohren und schleuderte meine Haare wie die Schlangen von Medusa in die Lüfte.
»Verfolgst du mich, Mary?«, fragte eine Stimme in der Dunkelheit. Abrupt drehte ich mich um. Mein Herzschlag trommelte mir gegen den Brustkorb.
»Musst du mich immer so erschrecken?«, sagte ich, als würden wir uns schon ewig kennen.
»Hör mal.« Alex kam mit Händen in den Taschen auf mich zugeschlendert.
»Was denn?«, zischte ich.
»Na, hör mal.« Er stand so dicht vor mir, dass ich seine Atemwolke erkannte.
»Ich höre nichts.« Meine Gänsehaut war an meinen Brustwarzen angekommen, so dass ich rasch die Hände vor der Brust verschränkte.
»Hey.« Er lächelte.
»Was willst du?« Ich verengte die Augen und fixierte ihn wie eine Katze.
»Mich unterhalten. Macht man das nicht auf einer Geburtstagsfeier?« Er legte den Kopf schief.
»Wo ist denn deine tolle Begleitung?«, warf ich ihm meine Frage ins Gesicht. »Schläfst du mit ihr?« Erschrocken riss ich die Augen auf. Hatte ich den Gedanken gerade laut ausgesprochen?
»Wieso? Willst du mit mir schlafen?« Er runzelte die Stirn.
»Nein. Was denkst du denn von mir?« Ich errötete und hoffte, dass er es in der Abenddämmerung nicht erkannte. »Ich bin mit deinem Bruder verheiratet.«
»Gerade deshalb.« Nur das Rauschen der Wellen, welche etwa fünfhundert Meter von uns entfernt am Strand brachen, war zu hören.
Was passiert hier mit mir? Warum zieht dieser unbekannte Mann, der ein Verwandter ist, mich so an?
»Marilyn? Marilyn.« Am Rande nahm ich meinen Namen wahr, doch hielt ich den Blickkontakt.
»Was zum Teufel machst du da?«, zischte Kim-Lena. Alex sah zu ihr und trennte somit diese unbeschreibliche Verbindung zwischen uns. Oh, mein Gott. Was ist bloß in mich gefahren?
»Wir tauschen alte Familiengeschichten aus«, entgegnete Alex und legte lächelnd einen Arm um Kim-Lena.
»Deine Begleitung fragt nach dir.«
»Sag ihr, dass ich nach Hause gegangen bin. Sie ist schrecklich.« Er seufzte und mein Herz machte einen Sprung.
»Ach, sie ist der Teufel persönlich. Frag Marilyn. Sie arbeiten zusammen.«
»Autsch!« Alex steuerte mit Kim-Lena zurück auf die Terrasse.
Als ich ihnen einige Minuten später ins Haus folgte, verlor ich die Kälte wie die Schlange ihre Haut. Nur dass sich unter den Gästen nach wie vor eine Schlange befand.
»Marilyn«, hörte ich Adam rufen. Er winkte mich zu sich. Als er seine langen Arme um meinen schmalen Körper legte, atmete ich tief durch. Ich spürte nichts.
»Hallo, meine Brüder.« Alex trat zu uns. »Wie schön. Wir alle zusammen.« Sein Blick bohrte sich durch mich.
»Ich lasse euch alleine.« Ich wand mich aus Adams Umarmung und war in Begriff zu gehen, als er meine Hand nahm.
»Ich komme mit dir. Es stinkt hier gewaltig.«
»Adam«, zischte ich. »Bleib doch. Ihr habt euch lange nicht gesehen.«
»Ja, hör auf Mary. Wir haben uns lange nicht mehr gesehen.« Alex lächelte wohlwissend, dass er Adam damit auf die Palme brachte.
»Sie heißt Marilyn. Sie ist meine Frau. Es ist meine Frau.« Adam sprach so laut, dass die Gäste auf der Tanzfläche stehen blieben.
»Komm. Wir gehen«, sagte ich und verwarf meine vorherige Idee. Ich nickte den Gästen lächelnd zu, als ich mich mit Adam durchquetschte.
»Da bist du ja«, sagte mein Vater, der mit Erna am Tisch saß und ihrer Unterhaltung lauschte.
»Ja. Wir müssen jetzt nach Hause. Wollen wir morgen zusammen frühstücken?«
»Sehr gerne.« Rasch liefen wir über den feuchten Rasen zu unserem Haus rüber.
»Ich liebe dich. Du bist mein Ein und Alles«, sagte er zwischen seinen Küssen auf meinem Nacken.
Schon als ich die Haustür aufschloss, drückte Adam mich in den Flur an die Wand. Sofort waren seine Hände überall. Ich war wie erstarrt. Warum spüre ich nichts mehr? Trotz meiner Gefühlslosigkeit ließ ich mich von Adam ausziehen und ins Schlafzimmer führen. Dort legte ich mich aufs Bett und ließ ihn in mich eindringen. Mit geschlossenen Augen wartete ich, bis Adam schreiend in mir kam und sich grunzend auf seine Bettseite rollte.
»Vielleicht habe ich dir gerade ein Baby gemacht«, sagte er.
»Wohl kaum. Du kriegst es ja schon seit sechs Jahren nicht hin.« Erschrocken riss ich die Augen auf. »Es tut mir leid. Das meinte ich nicht so.«
»Ach, wirklich.« Adam stand auf und sah hinaus auf den Deich.
Vorsichtig folgte ich ihm und legte meine Hände um seine Taille. »Das meinte ich nicht so.« Ich küsste ihn auf den Rücken.
»Ich weiß.« Er nahm meine Hände in die seinen und strich mit dem Daumen darüber.
*
Am darauffolgenden Morgen traf ich mich mit meinem Vater beim Bäcker in Burg. Er saß am Fenster und schaute auf sein Handydisplay.
»Hallo«, begrüßte ich ihn. Er stand auf und umarmte mich, bevor er einen weiteren Kaffee und für jeden das Frühstücksbuffet bestellte.
»Danke. Für mich bitte mit viel Milch und Zucker.«
»Sehr gerne.« Eine dunkelhaarige Frau mit aschfahler Haut nickte mir lächelnd zu.
»Wie schön, dass du da bist. Entschuldige, dass ich dir gestern nicht Gesellschaft leisten konnte. Adam und ich mussten nach Hause.« Ich seufzte, bevor die Kellnerin uns den Kaffee brachte.
»Das Frühstück kommt gleich.«
»Ja, danke.« Ich lächelte zurück.
»Habt ihr Ärger?« Mein Vater trank einen Schluck Kaffee. Die Bedienung brachte das Frühstück. Sie lächelte immer noch, als hätte sie sich ihre Mundwinkel an die Ohren getackert.
»Alex ist zum Geburtstag seiner Mutter gekommen. Irgendwas muss zwischen Adam und Alex vorgefallen sein.«
»Der kleine Alex. Er ist zu einem stattlichen Mann herangewachsen.«
»Du weißt von ihm?« Perplex fiel mir der Käse vom Brötchen auf den Teller zurück.
»Das ist doch schon so lange her.«
»Okay.« Ich legte den Käse zurück aufs Brötchen, biss ab und schob mir den Bissen in die Wange. »Warum habe ich erst vor ein paar Wochen von ihm erfahren?«
»Weil ich die Überraschungsmomente liebe«, hörte ich Alex’ Stimme. Ein Stuhl schabte über den Boden und ein gut gelaunter Alex setzte sich falsch herum auf den Stuhl und legte seine Arme auf die Lehne.
»Wie zum Teufel bist du hier reingekommen?«, fragte ich mit vollem Mund.
»Die meisten Leute gehen durch die Tür.« Er deutete mit dem Daumen zur Ladentür. »Aber wenn man die Türglocke überhört, weil man von seinem Schwager schwärmt, kann ich das voll und ganz verstehen.« Er grinste mir kackfrech ins Gesicht.
»Ich habe nicht geschwärmt.« Ich lehnte mich mit verschränkten Händen vor der Brust zurück.
»Hier ist jemand, der dir die Antworten geben kann, die du haben möchtest«, sagte Clemens.
»Wie kann ich dir helfen, Mary?« Alex stand auf, drehte den Stuhl und setzte sich dichter zu mir.
»Kann ich Ihnen etwas Gutes tun?«, fragte die lächelnde Bedienung und errötete, als Alex sie musterte. Besitzergreifend legte ich meine Hand auf Alex’.
»Einen Kaffee. Schwarz, bitte.«
»Aber natürlich.« Ihr Lächeln verrutschte bei dem Blick auf unsere Hände. Ich nahm die Hand weg und legte sie um meinen Becher. So ein Mist. Was habe ich mir dabei gedacht? Seufzend trank ich einen Schluck Kaffee.
»Also, wie kann ich dir helfen?« Alex legte den Kopf schief.
»Das ist deine Chance«, sagte mein Vater und presste die Lippen aufeinander.
»Okay. Wieso hasst Adam dich so?«
»Hass ist so ein böses Wort.« Er schnalzte mit der Zunge. »Das ist ganz einfach. Ich hatte etwas mit dem Mädchen, welches er nett fand.« Er lächelte mir entgegen.
»Und das findest du lustig?« Seufzend legte ich den Kopf in die Wiege meiner Hand.
»Das war zur Kindergartenzeit. Außerdem waren die nicht einmal zusammen. Keine Ahnung, was ihn geritten hat. Ich kann nichts für mein gutes Aussehen und den unwiderstehlichen Charakter.« Selbstverliebt nickte er der Bedienung zu, die den Kaffee vor ihm abstellte. Ich lauschte intensiv seiner Erzählung, als ich vom Läuten der Türglocke zusammenzuckte.
»Marilyn«, rief Adam.
»Was machst du denn hier?«
»Du hast mir doch einen Zettel geschrieben, dass du mit deinem Vater frühstückst.« Er drückte sich zwischen Alex und mich. Als ich aus dem Haus ging, hatte Adam noch geschlafen, weshalb ich ihm eine Notiz hinterlassen hatte.
»Da bist du ja«, sagte die Bedienung und lächelte mir triumphierend zu. Sie hatte mich als Adams Frau erkannt und ihn angerufen, als sie mich mit Alex sah.
»Ja, danke.« Adam nahm meine Hand und zog mich mit sich.
»Ich melde mich bei dir, Papa. Ich habe dich lieb«, sagte ich kurz angebunden und folgte Adam hinaus, um eine Szene zu vermeiden.
»Hey, Adam. Was ist dein verdammtes Problem?« Die Ladentür öffnete sich und Alex kam auf uns zu. Er baute sich bedrohlich vor Adam auf, der dem Blick jedoch standhielt.
»Ich habe jedes Recht, meine Frau abzuholen, oder?« Vor Aufregung verlor er Speichel, während er sprach.
»Natürlich.« Er verschränkte die Arme vor der Brust. »Aber nicht …«
»Du hast meine Frau angefasst«, sagte Adam, wobei sein Adamsapfel wild umherhüpfte.
»Ach, komm schon, Adam. Das ist doch lächerlich.«
»Ach, denkst du, Svenja lügt mich an?«
»Wer zum Teufel ist das?«, wollte Alex wissen.
»Sie arbeitet hier.«
»Ach, die Grinsekatze. Ich darf nicht mit deiner Frau einen Kaffee trinken, die ich zufällig getroffen habe, aber die Alte hat die Nummer von dir? Ich glaub es ja nicht.«
»Das muss ich wohl nicht mit dir diskutieren.« Mit hochrotem Kopf zog Adam mich über das Kopfsteinpflaster zum schwarzen Mercedes, welcher am Straßenrand parkte.
»Mein Fahrrad steht dort. Das brauche ich morgen für die Arbeit«, sagte ich, doch Adam hörte mir nicht zu.
*
»Sag mal, spinnst du?«, rief ich, als ich mich im Auto anschnallte. Adam startete den Motor und drückte das Gaspedal durch.
»Was ist mit dir los? Fahr langsamer.« Ich wandt mich zu ihm. »Halte an. Ich möchte aussteigen.« Als ich zurück auf die Straße blickte, sah ich eine Frau mit einem Kind über die Straße gehen. »Adam. Pass auf!«, schrie ich und stützte mich am Cockpit ab.
Adam legte eine Vollbremsung hin und kam gerade vor der aufgewühlten Frau zum Stehen. Sie hob schimpfend den Finger, aber Adam bat sie mit der Hand von der Straße zu verschwinden. Sie nahm das Kind an die Hand und verließ die Straße. Adam drückte erneut aufs Gaspedal.
Automatisch versteifte ich mich und hielt mich krampfhaft am Handgriff über dem Fenster fest. Ich hielt gefühlt eine Ewigkeit die Luft an, bevor wir auf die Auffahrt fuhren und ich wütend aus dem Auto stieg, die Tür provokant zuschlug und zu meiner Handtasche greifen wollte. Oh, nein. Ich habe sie beim Bäcker vergessen.
