Das Lachen der Yanomami - Nina Hutzfeldt - E-Book

Das Lachen der Yanomami E-Book

Nina Hutzfeldt

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Beschreibung

Als Helene stirbt, steht Andrea vor einem Scherbenhaufen. Sie hat nicht nur ihre Mutter verloren, sondern auch eine enge Freundin. Beim Ausräumen der Wohnung findet Andrea einen geheimnisvollen Brief, der einen Hinweis auf ihren unbekannten Vater enthält. Ihre Freundin Mareike bestärkt sie in ihrem Wunsch, ihren Vater kennenzulernen. Doch wo ist er und wie soll sie ihn finden? 1993: Samuel unternimmt mit Jean eine Abenteuerreise in den Regenwald Amazoniens. Niemals hätte er erwartet, was ihm dort widerfährt. Er trifft nicht nur auf einen besonderen Menschen, sondern erkennt auch sein wahres Ich und fängt an, an seinem alten Leben zu zweifeln. Was will er wirklich?

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Seitenzahl: 407

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Nina Hutzfeldt

Das Lachen der Yanomami

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Anmerkung

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Epilog

Leseprobe, Im Schatten der Lady Cumberland

1

2

Impressum neobooks

Anmerkung

Samuel Bradford – Deckname, Jayden Garcĭa

Jean Cassin – Deckname, Tomas Sánchez

Clark Owen – Pseudonym, George Preston

1

Lübeck, 2014

Stille.

Eigentlich liebe ich die Ruhe. Sie breitet sich in meinem Körper aus und lässt meine Muskeln entspannen. Doch an diesem Tag machte mir die Stille Angst.

Ich musste mich zwingen, die letzten Stufen zur Wohnungstür hinaufzusteigen. Auf dem Klingelschild stand immer noch der Name Helene Grewe. Ich nahm den Schlüssel aus der Tasche und steckte ihn ins Schlüsselloch. Wie damals, als ich noch ein kleines Mädchen war, musste ich mich gegen die Tür lehnen, um sie aufschließen zu können.

Doch an diesem Tag war alles ganz anders. Mein Herz hatte sich zu einem nassen Schwamm zusammengezogen und meine Knie zitterten, als ich in den Flur trat. Auf der kleinen Kommode stand ein Foto von mir. Es war bei meiner Einschulung von einem hektisch umherlaufenden Schulfotografen aufgenommen worden. Auf dem Bild lächele ich fröhlich. Doch als ich in den Spiegel über der Kommode schaute, blickte ich in ein von Trauer gezeichnetes Gesicht. Meine wilden Locken waren elektrisch aufgeladen und standen in alle Himmelsrichtungen ab. Ich brauchte dringend Schlaf, doch daran war nicht zu denken.

Mein Weg führte mich in die Küche, wo ein kleiner Tisch mit zwei Stühlen neben der Arbeitsplatte stand. Der Aschenbecher mit drei Zigarettenstummeln stand noch auf dem Tisch. Ich atmete tief aus, bevor ich eine der Schubladen öffnete, eine Mülltüte abriss und den Aschenbecher leerte. Dabei füllten sich meine Augen mit Tränen. Jetzt begann die schlimme Zeit. Die Wohnung musste ausgeräumt werden, die nächsten Mieter standen schon mit einem Bein in der Tür.

Als ich die Schränke öffnete und mir einen Überblick verschaffte, riss mich ein Läuten an der Tür aus meinen Gedanken. Ich legte den Müllbeutel auf den Tisch, wischte mir die Tränen weg und öffnete die Tür.

»Du bist es«, sagte ich und legte mir die Hand aufs Herz.

»Mit wem hast du denn gerechnet?«, fragte Mareike und sah mich durch ihre runden Brillengläser an.

»Eigentlich mit niemanden«, gestand ich und atmete tief aus.

»Okay. Du, ich habe Brot gebacken und einen Dip gemacht. Hast du Hunger?«

Mareike und ich sind Kolleginnen in der Schule und wurden durch die Arbeit Freundinnen. Als sie eine Wohnung suchte, gab ich ihr den Tipp, sich für die freie Wohnung unter meiner Mutter zu bewerben, die sie auch bekam.

»Ja, etwas.«

»Na, also. Komm erst mal mit mir runter, danach helfe ich dir beim Aufräumen. Außerdem siehst du scheiße aus.« Sie strich mir über die Wange.

Ich presste die Lippen aufeinander, um die Tränen zurückzuhalten. »Können wir nachher essen? Bevor ich mich hinsetze, möchte ich wenigstens die Sachen geordnet haben.«

Es war ohnehin schon schwer genug.

»Okay.«

»Wirklich?«

»Ja, kein Problem. Soll ich dir jetzt helfen?« Sie zog die Ärmel ihres Pullovers hoch.

»Das ist lieb.« Wie konnte ich ihr erklären, dass ich jetzt Zeit für mich brauchte, ohne sie zu verletzten?

»Na, dann lass mich mal rein.« Mareike drängte sich an mir vorbei in den Flur.

Sprachlos schloss ich die Tür. Ich tat, als würde es mich freuen, dass Mareike mir beim Aussortieren half.

»Wo soll ich anfangen?« Sie klatschte in die Hände.

Mareike hatte kein Feingefühl, sonst hätte sie gemerkt, dass es mir wirklich nicht gut ging. Meine Mutter hätte sich im Grab umgedreht, wenn sie gesehen hätte, was Mareike gerade in Begriff war zu tun. Sie war sehr eigen und hasste es, wenn fremde Leute, ihre Sachen anfassten.

»Am besten in der Küche. Die Schränke müssen ausgeräumt werden. Ich glaube auf dem Dachboden sind noch einige Umzugskartons. Die hole ich nachher.«

»Das kann ich auch machen. Gib mir mal den Schlüssel.«

Ich dankte Mareike dafür, dass sie auf den Dachboden ging. So hatte ich für einige Minuten die Wohnung wieder für mich. Auch wenn ich Angst vor der Stille hatte, war ich noch nicht bereit für Mareikes Überschwänglichkeit. Wahrscheinlich meinte sie es gar nicht so, sondern wollte mich nur auf andere Gedanken bringen. Aber ich brauchte Zeit für mich, denn meine engste Verbündete, meine Mutter, war gestorben. Sie hatte die Welt verlassen und würde nie wiederkommen. Ich würde nie mehr ihre Stimme hören, nie mehr mit ihr Lachen können. Es waren die alltäglichen Dinge, die mir fehlen würden. Es würde keine Telefonate mehr geben, in denen ich die Sorgen einer Lehrerin mit ihr teilen oder sie mir von den Gerüchten in den Dörfern erzählen konnte.

In Gedanken versunken räumte ich im Wohnzimmer die vielen Bücher aus den Regalen. Über die Jahre hatte sich so einiges angesammelt. Ich zuckte zusammen, als die Tür ins Schloss fiel.

»Ich bin wieder da. Ich fange dann in der Küche an. Ich habe noch die Zeitungen aus den Briefkästen genommen. Damit können wir das Geschirr einpacken.«

»Du hast sie einfach genommen, ohne zu fragen?« Ich zog die Stirn kraus.

»Na, warum nicht?«

»Du hättest sie lieber aus der Papiertonne nehmen sollen. Die sind schließlich schon ausgelesen.«

»Mm, egal.« Mareike winkte ab und trabte in die Küche.

Den Nachmittag über ließ Mareike mich die meiste Zeit in Ruhe. Sie hatte genug in der Küche zu tun.

Das Wohnzimmer war so gut wie fertig, und ich ging ins Schlafzimmer. Mir wurde flau im Magen, als ich den Schrank öffnete und die Unterwäsche meiner Mutter inspizierte. Schnell schloss ich den Schrank wieder und hob mir »Schrank ausräumen« für später auf. Doch aufgeschoben war nicht aufgehoben. So oder so würde ich den Schrank ausräumen müssen.

Als ich die Matratze vom Bett genommen hatte, entdeckte ich unter dem Lattenrost einen Schuhkarton. Es war ein ganz gewöhnlicher Karton und wäre ich nicht im Flur mit Mareike zusammengestoßen, hätte ich ihn womöglich in den Müll gegeben. Er fiel mir aus der Hand und landete unsanft auf dem Teppich aus Schurwolle.

»Was zum Teufel ist das?« Mareike bückte sich und hob einen Brief auf.

»Ich weiß nicht.« Erschöpft rieb ich mir mit der Hand über den Mund. Ich hob den Karton auf und stellte ihn auf den Teppich. »Bitte gib mir den Brief. Ich tue ihn wieder zurück in den Karton.«

»Aber schau doch mal. Deine Mutter hat einem Clark Owen geschrieben. Der Brief ist zurückgekommen, mit der Aufschrift Absender verzogen.«

»Ich weiß nicht, wer das ist.« Ich zuckte mit den Achseln.

Mareike öffnete den Brief.

»Nein, bitte nicht. Du kannst doch nicht fremde Post öffnen.« Ich wollte nach dem Brief greifen, doch Mareike zog ihre Hand weg.

»Lass mich doch mal. Da ist ein Foto drin.«

»Lass mich sehen.« Ich nahm ihr das Foto ab.

Das Bild zeigte meine Mutter als Teenager. Sie wurde von einem großen Jungen im Arm gehalten, der sicher einige Jahre älter war als sie. Verliebt himmelte sie ihn an.

»Wer ist das?«, fragte ich und starrte das Foto wie in Trance an.

»Wahrscheinlich dieser Clark. Komm, wir lesen den Brief, dann wissen wir mehr.« Mareike war ganz aus dem Häuschen und auch ich verdrängte für einige Minuten meine Traurigkeit.

»Ich weiß nicht.«

»Ach, nun sei nicht so. Ich mach das.« Mareike faltete den Brief auseinander und fuhr mit der Hand über das edle Papier. »Deine Mutter hatte wirklich eine schöne Schrift.«

»Ja, Briefe schreiben war ein Hobby von ihr. Sie wollte kein Handy haben, obwohl ich es ihr so oft vorgeschlagen habe. Dann hätte sie SMS schreiben können.« Ich konnte ein Lächeln nicht unterdrücken, als ich an das Gesicht meiner Mutter dachte.

Liebster Clark, Lübeck, den 01.10.1963

ich wollte dir zuerst nicht schreiben, doch ist es wichtig, dass du weißt, was ich dir zu sagen habe.

Ich war sehr enttäuscht von dir, weil du bei meinem Abschiedsfest nicht da warst. Ich hatte mich so auf dich und einen letzten Abend mit dir gefreut.

Weißt du noch, wie wir im Park gesessen und Kirschen gegessen haben? Die Sonne hatte uns aus dem Haus gelockt, aber die Angst, von deinen Eltern erwischt zu werden, war immer da. Aber etwas Verbotenes zu tun, ist auch aufregend!

Leider ist unsere Liebelei nicht ohne Folgen geblieben. Ich habe eine Tochter bekommen. Sie heißt Andrea. Ja, sie ist deine Tochter. Ein Kind sollte nicht ohne Vater aufwachsen, also hoffe ich inständig auf eine Nachricht von dir.

In Liebe,

Helene

Mareike gab mir den Brief. »Dein Vater hat endlich einen Namen.«

»Ja, sieht wohl so aus.« Meine Mutter hat nie ein Wort über meinen Vater verloren. Wenn ich als Kind nachgefragt habe, winkte sie immer lächelnd ab. Nicht mal als Erwachsene hat sie mir etwas über ihn erzählt. Und ich habe schon über die Hälfte meines Lebens gelebt. Ich bin jetzt im einundfünfzigsten Lebensjahr.

»Schau mal, Andrea. In der Kiste sind noch weitere Sachen. Ein Schlüsselanhänger und ein Ring.«

»Ein Ring?« Ich faltete den Brief und steckte ihn zusammen mit dem Foto in den Umschlag zurück. Ich fühlte mich schlecht. In den persönlichen Sachen meiner Mutter zu wühlen fühlte sich an, als würde jemand in meinen Kindertagebüchern lesen.

»Ich denke, wir sollten die Sachen wieder zurücklegen.«

»Wieso denn?« Mareike blickte mich mit großen Augen an.

»Das sind die Sachen meiner Mutter.«

»Ja, sie ist aber gestorben. Mein Beileid, aber es sind jetzt deine Sachen.« Mareike zuckte mit den Achseln. Sie hatte wirklich kein Feingefühl, denn schon wieder stieß sie mir einen Dolch ins Herz. Meine Mutter hatte Mareike gemocht, mir aber immer zur Vorsicht geraten. Wie bei jeder Freundin. Ich schüttelte den Kopf.

»Warum schüttelst du jetzt den Kopf? Es sind deine Sachen und dadurch, dass deine Mutter gestorben ist, besteht eine geringe Chance, deinen Vater zu finden.«

»Geh bitte.« Mit dem Zeigefinger wies ich zur Wohnungstür.

»Was, was ist denn jetzt los mit dir?« Mareike legte das Buch zurück und stand auf.

»Ich möchte, dass du gehst. Ich brauche Zeit für mich.« Mit der Hand wischte ich mir die feuchten Augen trocken.

»Du hast doch einen Knall! Ich wollte dir nur helfen.« Mareike verließ die Wohnung. Ich setzte mich von innen gegen die Tür und fing an, bitterlich zu weinen.

Nachdem alle Tränen vergossen waren und ich mich wieder gefangen hatte, robbte ich zum Karton zurück.

Es war schwer, die Sachen meiner Mutter zu durchwühlen. Ich atmete noch einmal tief aus. Kein Wunder, dass ich mir die Wohnung bis zum Schluss aufgespart hatte. Die Erinnerungen, die sich mit diesen Räumen verbanden, waren einfach zu stark und zu schmerzhaft. Ich stellte den Karton an die Wand und machte mich wieder an die Arbeit.

Als sich der Tag dem Ende neigte, die Sonne sich verabschiedete und der Wind allmählich zunahm, suchte ich meine Sachen zusammen und verließ die Wohnung. Morgen würde ich noch einmal mit dem Vermieter Rücksprache halten und einen Termin für die Wohnungsbesichtigung ausmachen. Außerdem hatte ich mir eine Firma aus dem Internet herausgesucht, die Möbel, Hausrat und Bekleidung abholte, um sie für wenig Geld an hilfsbedürftige Menschen zu verkaufen.

Natürlich hatte ich mir einige Erbstücke herausgesucht und einen kleinen Umzugskarton damit vollgepackt. Diesen aus dem zweiten Stock nach unten zu schleppen war schon ein ganz schönes Stück Arbeit und dann hatte ich noch nicht einmal einen Parkplatz vor der Tür. Ich stellte deshalb den kleinen Karton vorübergehend vor der Wohnungstür ab.

Als ich den Karton später holte, blieb ich vor Mareikes Wohnungstür stehen. Ich biss mir auf die Unterlippe. Sollte ich mich entschuldigen oder ihr lieber nachher eine WhatsApp schreiben? Kurzentschlossen klopfte ich zweimal und wartete nervös. Wie immer schrie Mareike von innen, dass sie kein D-Zug sei und schlurfte zur Tür. Als sie mich sah, sagte sie nichts, sondern blickte mich nur erwartungsvoll an.

»Hey«, sagte ich mit schlechtem Gewissen. Ich biss mir wieder auf die Unterlippe. Eine meiner schlechten Angewohnheiten.

Mareike legte den Kopf schief.

»Das vorhin, ich wollte das nicht, aber das ist alles noch so frisch, und ich weiß nicht, was ich machen soll.« Ich versuchte, die Tränen herunterzuschlucken, doch sie kamen unaufhörlich.

»Ach, Schätzchen. Komm.« Mareike breitete ihre Arme aus, und ich ließ mich hineinfallen.

Eine halbe Stunde später saß ich bei Mareike auf der Couch. Meine Hände um einen Becher heißen Kakao geschlungen und den Karton neben mir.

»Geht´s dir besser?« Mareike hatte es sich mir gegenüber auf einem Sessel bequem gemacht.

»Ja, danke. Ich bin im Moment voll neben der Spur.«

»Dann lass dich doch noch eine Woche krankschreiben. Du siehst auch nicht gut aus. Außerdem waren die Zeugniskonferenzen doch schon.« Mareike rückte ihre Brille auf der Nase zurecht.

»Ich weiß nicht. Ich habe noch so viel vorzubereiten. Sicherlich wurde schon über mich geredet.«

»Ich glaube, du hast Halluzinationen. Das stimmt nicht. Sie haben nach dir gefragt, aber das Lehrerkollegium hat Verständnis für deine Situation und wünscht dir alles Gute. Du brauchst dir keine Sorgen zu machen.«

»Ja, aber ich denke, dass mich die Schule etwas ablenkt. Ich muss für die Abschlussfahrt im August noch Vorbereitungen treffen. Eltern anrufen, mit dem Hotel in Northumberland telefonieren.«

»Ach ja, du fährst ja mit deiner Klasse nach England.« Mareike lächelte und streckte die Arme nach dem Karton aus. »Darf ich?«

»Ja.«

Ich beobachtete, wie Mareike den Brief für Clark Owen aus dem Karton nahm und mir die Vorderseite zeigte.

»Ja? Was ist denn?« Ich zog unwissend die Augenbrauen hoch.

»Na, lies mal die Adresse.« Sie wedelte mit dem Umschlag.

»Halt doch still, so kann ich gar nichts lesen.« Ich griff nach dem Kuvert.

»Clark Owen, 21 A Soho Square, London W1D 4NR, United Kingdom«, las ich. »Und?« Was wollte sie von mir?

»Na ja, dein Vater wohnt in England.« Erneute wedelte sie mit dem Umschlag herum.

»Ja, das habe ich verstanden.« Langsam kam ich mir ein bisschen kindisch vor. Natürlich wusste ich, was Mareike mir damit sagen wollte.

»Du könntest ihn im August besuchen.«

»Natürlich. Er freut sich sicher sehr, mich zu sehen, wenn ich zwanzig Kinder im Schlepptau habe.« Ich musste schmunzeln. Langsam entspannte ich mich ein wenig.

»Mm, er soll dich doch so kennenlernen, wie du bist.« Mareike legte den Brief auf den Tisch, der zwischen Couch und Sessel stand und setzte sich bequem in den Schneidersitz.

»Nein, ich denke er möchte gar nichts von mir wissen. Außerdem ist der Brief zurückgekommen. Sicher ist dieser Clark weggezogen.«

»Stimmt. Aber was ist, wenn nicht. Vielleicht wollte er es einfach nur nicht wahrhaben.« Mareike malte sich wieder eine Geschichte aus. Eigentlich komisch, dass sie Mathematik und Sport unterrichtete. Diese Schulfächer fielen gar nicht in ihr Gebiet. Wahrscheinlich erfand sie deshalb so gerne spannende Geschichten.

»Mm, ich weiß nicht. Ich frage mich, wie sie ihn kennengelernt hat. Meine Mutter war noch nie in England.«

»Vielleicht weißt du nur noch nichts davon. Stille Wasser sind tief und deine Mutter war ein stilles Wasser.« Mareike presste die Lippen zusammen.

Ich spürte einen kurzen Stich in meiner Brust, als sie das Wort »war« benutzte.

»Ich weiß nicht. Das hätte meine Mutter mir sicher erzählt.«

»Das sehe ich anders. Irgendwas ist da im Busch. Wir müssen nur herausfinden, was es ist.«

Ein wenig neugierig hatte mich die Vergangenheit meiner Mutter schon gemacht. Sehr bald würden die Ferien beginnen und ich würde sechs Wochen Zeit haben. Warum sollte ich also nicht nach England fliegen? Ich könnte in dem Hotel wohnen, das ich mit meiner Klasse für den August gebucht hatte, und eine Spritztour nach London wäre auch noch drin.

»Was denkst du gerade?«, fragte Mareike.

»Ich überlege, ob ich nicht doch nach England fliege. Ich könnte in das Hotel einchecken, in dem ich mit meiner Klasse wohnen werde. So könnte ich es vorab testen.« Ich schmunzelte. »Und natürlich würde ich die Adresse aufsuchen.«

»Wow, das hört sich gut an. Ich glaube, du brauchst die Zeit auch der Trauer wegen. Einfach raus aus dem öden Alltag. Das tut dir sicher gut.«

2

Irgendwo über dem Atlantik, 1993

Der Wind peitschte gegen das Flugzeug.

Als die Stewardess die Passagiere bat, sich anzuschnallen, krallte Samuel sich in seinen Sitz. Er war noch nie geflogen. Nur weil er sein Versprechen seinem Vater gegenüber nicht brechen wollte, war er in das Flugzeug eingestiegen.

Neben dem unruhigen Samuel döste Jean Cassin friedlich im Sitz. Er war müde vom langen Flug und wollte fit sein, wenn die Maschine in Boa Vista landete.

»Jean, Jean, bist du wach?«, fragte Samuel.

»Mm«, brummte dieser.

»Wie lange dauert es noch?«

»Was denn?«, fragte Jean mit seinem starken französischen Akzent.

»Der Flug. Ich glaube, ich bin für das Fliegen einfach nicht gemacht.«

Jean öffnete die Augen und drehte sich zu Samuel. »Dein Vater hatte Recht.«

Samuel zog die Stirn in Falten. »Womit?«

»Damit, dass du ein Weichei bist.« Jean lächelte und ließ sich wieder in seinen Sitz sinken.

Samuel atmete tief aus. Warum hatte sein Vater so etwas über ihn gedacht? Vielleicht, weil Samuel lieber gemalt und mit Puppen gespielt hatte. Aber das machte ihn noch lange nicht zum Weichei.

Samuel blickte aus dem runden Fenster hinaus auf die weiße Wolkendecke, die sich wie Watte an das Flugzeug schmiegte. Wann würden sie endlich landen? Er lehnte sich zurück und schloss die Augen. Er musste einfach zur Ruhe kommen, dann würde die Angst sicher bald verschwinden.

Jean öffnete die Augen und musterte Samuel. Er dachte darüber nach, dass es nun Samuel war, mit dem er nach Boa Vista flog. Eigentlich hatte Jean den Ausflug mit Samuels Vater, Joseph, machen wollen. Jean hatte Joseph im Zweiten Weltkrieg kennengelernt, doch sein Freund hatte diesen nicht überlebt.

Das Flugzeug begann zu sinken und schon bald konnte Jean aus dem Fenster Land erkennen. Vorsichtig klopfte er Samuel auf die Schulter. »Hey, aufwachen. Wir sind gleich da«, flüsterte er.

»Mm.« Samuel streckte die Arme in die Luft und gähnte. »Wie lange habe ich geschlafen?« Er rieb sich die Augen.

»Eine ganze Weile. Du, ich hab nochmal über das nachgedacht, was ich gesagt habe. Du bist kein Weichei. Es ist nur so, dass dein Vater...«

»Ist schon gut.« Samuel hob die Hand. »Ich weiß, dass mein Vater nach außen manchmal ziemlich herzlos wirkte, aber er hatte ein Herz.«

»Du bist sein einziger Sohn und er war stolz auf dich.« Jean starrte auf seine Füße. »Das waren seine letzten Worte.«

Beide schwiegen, bis das Flugzeug den Boden erreichte.

Boa Vista liegt im südlichen Teil des Berglandes Guayana. Es ist die Hauptstadt des brasilianischen Bundesstaates Roraima. Die Stadt liegt am rechten Ufer des Rio Branco. Das wusste Samuel, als er aus dem Flugzeug stieg und die Hand an die Stirn legte. Die Sonne stand hoch am Himmel und verstreute ihre heißen Strahlen in alle Himmelsrichtungen.

Samuel stellte schnell fest, dass hier alles etwas lockerer zuging als in England. Von der in England unvermeidlichen Hektik, war hier nichts zu spüren. Am Laufband standen sie gemütlich an, sicherlich hätten sie ein bis zwei Kaffee trinken können, bis ihr Gepäck zu sehen war.

»Ich hätte nicht gedacht, dass es hier so heiß ist«, sagte Samuel, als er seinen Rucksack schulterte.

»Das hatte ich dir gesagt.«

»Du hast etwas von einer anderen Wärme gesagt. Puh!«

»Komm, wir rufen ein Taxi und lassen uns in die Innenstadt fahren. Dort treffen wir uns mit den anderen Männern der Gruppe.«

Samuel war bei diesem Gedanken gar nicht wohl. In einem fremden Land nach Gold zu graben, schien ihm verkehrt. Aber Jean hatte alles bis aufs Kleinste geplant, was ihn ein wenig ruhiger stimmte. Er vermisste seine Frau Molly und die beiden Kinder Skye und Faith. Auch wenn es in seiner Ehe mehr schlechte als gute Zeiten gab, war seine Familie sein ganzer Stolz.

Jean hingegen hatte keine Familie mehr. Seine nahen Angehörigen waren im Zweiten Weltkrieg umgekommen. Zu dieser Zeit hatten sich Joseph und Jean kennengelernt. Sie waren schnell Freunde geworden und hatten Pläne für die Zukunft geschmiedet, wenn sie sich in brenzligen Situationen befanden. Einer dieser Pläne war die Goldsuche hier in Südamerika.

»Danke, dass du mit mir zusammen hier bist. Es bedeutet mir sehr viel«, sagte Jean, als auf das Taxi warteten.

»Du musst dich nicht bedanken. Das tue ich gerne.«

Ein silberner Opel Meriva parkte in der Haltezone und hupte.

»Wir kommen«, rief Jean auf Französisch und hob dabei die Hand.

Der Taxifahrer war so klein, dass er gerade über das Lenkrad blicken konnte. Samuel lächelte.

Die Autofahrt war rasant und schnell zu Ende. Gut für das Portemonnaie, dachte Samuel und tastete nach seiner Gesäßtasche. »Hier. Ich gebe dir etwas dazu.« Er zog einen Schein Cruzeiro aus der Geldbörse und reichte ihn Jean.

Eigentlich wollte dieser das Geld nicht annehmen, aber Samuel bestand darauf.

Der Taxifahrer faltete seine Hände zum Gebet und beugte sich nach vorne. Jean hatte ihm viel mehr gegeben, als er musste.

»Komm, los jetzt. Wir treffen uns in einem Pub hier irgendwo um die Ecke.« Jean holte seine Karte aus der Hosentasche und faltete sie auseinander. Mit dem Finger fuhr er die Strecke nach, die das Taxi vom Flughafen zurückgelegt hatte.

»Na dann komm. Worauf wartest du?« Samuel schulterte seinen Rucksack, den er aus dem Kofferraum geholt hatte und war im Begriff loszugehen.

»Okay, dann los.« Jean zögerte, irgendetwas bedrückte ihn.

Die beiden Männer stiegen drei Stufen hinab und standen dann in einer zwielichtigen Kneipe. Jean nickte dem Wirt zu, als sie an den Tresen gingen. Jean sagte etwas auf Französisch und dann folgten sie dem Wirt bis zu einer Hintertür. Jean und Samuel traten in einen Raum, der nur von nackten Glühbirnen beleuchtet wurde.

»Hallo«, sagte Samuel.

»Bonjour.« Jean nickte den Männern am Tisch zu.

Dieser Raum wurde sonst sicher für illegale Pokerspiele genutzt, vermutete Samuel.

Acht gut gebaute Männer saßen am Tisch und blickten die beiden Frischlinge an.

»Ihr müsst Jean und Samuel sein?«, fragte der Größte von ihnen in schlechtem Englisch.

»Ja, das ist Samuel und ich bin Jean.«

»Gut, dann kommt. Setzt euch.«

»Ich bin Diego. Mit den anderen könnt ihr euch nachher bekannt machen.« Er zeigte in die Runde. »Seid ihr durstig? Ich lasse euch etwas zu trinken bringen.«

»Ja, gerne.« Samuel legte seine Hände auf den Tisch. Sein dunkelbraunes Haar klebte ihm auf der Stirn.

Diego hob die Hand und einer der Männer stand auf. »Kommen wir zum geschäftlichen Teil.«

Auf dem Tisch lagen mehrere Pässe, was Samuel stutzig machte. Er blickte Jean an, der ihm auswich.

»Hier sind eure Pässe. Die Fotos sehen euch ziemlich ähnlich. Benutzt sie nur im äußersten Notfall. Einen Hubschrauber haben wir organisiert, und wenn wir erst einmal die Funai passiert haben, kann uns nichts mehr passieren.«

Samuel nahm einen der Pässe entgegen. »Jayden Garcĭa«, murmelte er. Eigentlich wollte er fragen, warum er einen neuen Pass brauchte, aber er traute sich nicht. Die Männer waren ihm unheimlich.

Die Getränke wurden auf den Tisch gestellt. Es gab Bier, was Samuel überhaupt nicht mochte. Vielleicht war er doch ein wenig verweichlicht, dachte er, während er an seinem Glas nippte.

»Morgen früh werden wir aufbrechen.«

»Dann sollten wir uns gleich hinlegen, damit der Jetlag uns nicht umhaut«, scherzte Samuel, doch niemand lachte.

Über der Kneipe befand sich eine kleine Pension. Samuel und Jean hatten ein Zimmer mit zwei Betten. Samuel stellte seinen Koffer neben einem der Betten ab und setzte sich. Vorsichtig strich er sich die Schuhe ab und krabbelte gleich unter die Bettdecke. Am liebsten hätte er jetzt mit Molly gesprochen, aber in England war es jetzt Nacht und Molly schlief sicher schon.

Als Jean aus dem Gemeinschaftsbad zurück ins Zimmer kam, sah er Samuel nicht an. »Hast du nicht ein paar Fragen?«, sagte er.

»Vielleicht solltest du mir erzählen, was hier vor sich geht.« Samuel drehte sich zu Jean. Natürlich schwirrten ihm gerade tausend Fragen durch den Kopf.

»Früher oder später würdest du es ja sowieso erfahren. Also, das Goldsuchen ist in diesem Gebiet verboten. Deshalb haben wir die gefälschten Pässe bekommen.«

»Wie interessant. Schön, dass mir das auch mal jemand erzählt.«

»Hätte ich dir das vor dem Flug erzählt, wärst du doch gar nicht mitgekommen.«

»Stimmt, da hast du recht. Warum sollte ich etwas tun, wenn es verboten ist?«

»Dein Vater liebte den Nervenkitzel. Ich dachte, er hätte etwas davon an dich weitergegeben.«

»Wahrscheinlich nicht«, grummelte Samuel. Er war enttäuscht von Jean. Warum hatte er ihn nicht eingeweiht?

Die Stille hing wie ein durchsichtiger Vorhang zwischen ihnen.

»Ich denke, du wirst dann morgen wieder zurückfliegen?«, setzte Jean irgendwann an.

»Ich weiß nicht.« Samuel hatte seine Hände ineinander verschränkt und ließ seine Daumen in der Luft kreisen. Eine innere Stimme drang an sein Ohr. Sie sagte ihm, dass er Jean nicht enttäuschen durfte. Es musste die Stimme seines Vaters sein.

»Okay, ich bleibe. Aber unter einer Bedingung.« Samuel wandte sich Jean zu.

»Und die wäre?«

»Ab jetzt möchte ich in jede Kleinigkeit eingeweiht werden.«

Jean schluckte.

Samuel ahnte, dass er noch mehr zu verbergen hatte.

»Sicher«, sagte Jean schließlich zögernd.

»Gut. Sag mal, können wir Diego vertrauen? Auf mich wirkt er nicht vertrauenswürdig.«

»Aber ja. Er war über Jahre Geschäftsführer. Dieser Mann weiß, wie man sich hocharbeitet. Nun ist er der Boss. Er arbeitet selbst nicht mehr.«

»Wir arbeiten für ihn?« Samuel fuhr sich mit der Hand durchs Haar.

»Ja, für ein paar Wochen und dann bekommen wir unseren Anteil. Was dachtest du denn?« Jean setzte sich auf.

Samuel fühlte sich etwas unbehaglich. Er schlief mit einem Mann zusammen in einem Zimmer und vor dem Einschlafen sprachen sie über den Tag. So viel redete Samuel sonst nicht einmal mit Molly. »Ich dachte, dass wir beide zusammenarbeiten und jeder seinen Anteil bekommt. Du hast nichts von einem Boss erzählt, der uns einen kleinen Erlös gibt.« Wenn wir den überhaupt kriegen, wollte er noch sagen, doch diesen Satz verschluckte er lieber.

»Wie heißt du eigentlich?«, fragte Jean plötzlich.

Zuerst wusste Samuel gar nicht was Jean von ihm wollte, doch dann ging ihm ein Licht auf. »Jayden Garcĭa. Und du?«

»Ich heiße Tomas Sánchez. Das sind gute Namen.« Jean kratzte sich am Kopf. Sein Haaransatz glänzte leicht gräulich.

»Wer sind eigentlich die Funai? Diego hat sie vorhin erwähnt.«

Jean zuckte mit den Achseln. »Das kann ich dir nicht sagen. Fragen wir Diego morgen«, schlug er vor. »Aber jetzt sollten wir erstmal schlafen.«

Mit den ersten Sonnenstrahlen wachte Samuel auf. Im Bett neben ihm träumte Jean noch schnarchend vor sich hin. Schnell kroch Samuel aus dem Bett und schlich sich zu seinem Koffer. Dort suchte er sich passende Kleidung für die bevorstehende Reise heraus. Dabei fiel ihm ein, dass er seit Jahren einen Notgroschen im Koffer versteckt hielt. Das Geld hatte er damals für den Notfall hineingesteckt und er war froh, dass er das Geld noch hatte.

Die Dielen ächzten unter seiner Last, als Samuel über den Flur taperte und sich ins Bad einschloss. Gestern war er zu müde gewesen, um sich zu waschen. Doch als er sich umsah, hätte er am liebsten kehrtgemacht. Die Dusche war völlig verdreckt, und auf der Toilettenbrille waren Spuren von Urin erkennbar. Samuel hob den Deckel mit dem Fuß an und öffnete seine Hose.

Nachdem er sich erleichtert hatte, stellte er sich unter die Dusche.

Irgendwie fühlte er sich nach der Dusche dreckiger als vorher. Vielleicht, weil sich das Wasser hier anders anfühlte? Aber vielleicht lag es auch daran, dass sich zu Hause Dienstmädchen um die Sauberkeit im Badezimmer kümmerten. Nachdem er sich auch die Zähne geputzt hatte, ging er zurück ins Zimmer.

Jean stand angezogen und mit geschultertem Rucksack am Fenster und beobachtete das Treiben auf der Straße. Kein Autofahrer hielt sich an die Straßenmarkierungen. Jeder fuhr, wie es ihm beliebte und niemanden störte es, wenn wie wild gehupt wurde.

Samuel ging zu seinem Bett, packte die restlichen Sachen in den Rucksack und wartete darauf, dass Jean sich umdrehte.

»Ich musste gerade an meine Liebste denken. Sie mochte das Treiben auf den Straßen.« Jean senkte den Kopf.

»Vater hat mir in seinen Briefen geschrieben, was mit deiner Familie und der Familie deiner Freundin passiert ist.«

»Ja. Sie haben es nicht geschafft. Der Krieg war einfach zu brutal. Ich habe sie sehr geliebt und wollte mit ihr eine Familie gründen.«

»Das tut mir leid«, bekundete Samuel noch einmal sein Beileid.

»Ja, mir auch, und auch das mit deinem Vater. Ich habe im Krieg alles verloren.«

»Hast du nach dem Krieg keine andere Frau kennengelernt?«, fragte Samuel interessiert.

»Leider nein. Florence und ich waren Seelenverwandte. Ich hatte einige Verabredungen, aber ich verglich sie alle mit ihr.«

Samuel verstummte. Es tat ihm leid, wie einsam Jean war und dass er sich nicht früher bei ihm gemeldet hatte. Diese Reise bedeutete ihm sicher sehr viel.

»Wollen wir los? Bestimmt wartet Diego schon auf uns.«

»Ja, gerne.« Jean schloss hinter Samuel die Tür.

Die zehn Männer trafen sich auf dem Parkplatz hinter der Pension. Alle trugen große und zum Teil sicher sehr schwere Rucksäcke.

»Da seid ihr ja, Tomas und Jayden. Nennt euch am besten jetzt so, damit ihr die Namen nicht vergesst«, sagte Diego, der im Tageslicht noch ungepflegter aussah, als in der zwielichtigen Kneipe.

»Ja.« Tomas nickte.

»Das ist Luìz. Luìz wird nach mir euer Ansprechpartner sein. Wenn ihr euch an seine Anweisungen haltet, kann euch nichts passieren.«

Ein dunkelhäutiger Mann mit viel zu großer Kleidung stellte sich neben Diego und nickte. Er sagte irgendetwas auf Französisch, das Jayden nicht verstand.

Tomas lag die Frage nach den Funai auf der Zunge, aber irgendetwas hielt ihn davon ab, sie zu stellen.

»So, los jetzt.« Diego klatschte in die Hände und führte die Gruppe zu einem Kleinbus, der mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht mehr durch den nächsten TÜV kommen würde. Diego und Luìz setzten sich nach vorne, während sich der Rest auf die hintere Bank quetschte. Jayden saß neben Tomas und einer riesigen Maschine, die aussah wie ein überdimensionierter Staubsauger.

»Was ist das?«, fragte Jayden und deutete auf das Ding neben ihm.

»Das ist einer unserer Sauger«, antwortete einer der Männer, der sich José nannte.

»Aha.« Jayden verstand so gut wie kein Wort, denn der Mann sprach ein so undeutliches Englisch, dass es ihm in den Ohren schmerzte. Als sich ihre Blicke erneut trafen, zauberte er ein Lächeln auf sein Gesicht. Doch Jayden musste sich unwillkürlich schütteln, weil dabei zwei verfaulte Zähne zum Vorschein kamen.

Das Auto fuhr durch die Straßen von Boa Vista, bis sie an einer großen Wiese stehenblieben.

»Komm, komm.« Der Mann, der gleich neben der Tür saß, hieß Franck. Er öffnete die Hintertür und ließ alle hinaus. Franck war der Aufpasser. Zeit war Gold. Jede Verzögerung brachte die Kolonne in Verzug.

Ein Helikopter stand schon mit offenen Türen bereit.

Diego reichte dem Piloten nach einigen Worten einen kleinen Sack und winkte die Männer zu sich. »Ich werde in ein paar Tagen nach euch sehen«, sagte er zu Luìz und verabschiedete sich ohne ein weiteres Wort.

Als sich alle übrigen Männer in den Hubschrauber gesetzt hatten, wurde die Tür geschlossen und der Pilot ließ die Maschine abheben.

Jayden wusste nicht, wie weit oder wie lange der Helikopter geflogen war, denn er war eingenickt. Erst als der Motor erstarb und Tomas ihn an der Schulter rüttelte, wachte er auf. Der Jetlag nagte doch mehr an ihm, als er zugeben wollte. Die Männer schulterten ihre Rucksäcke und machten sich für einen Fußmarsch bereit. Der Weg führte sie durch Wald, Geäst und Gestrüpp, bis sich ein Fluss wie ein dunkelblaues Laken vor ihnen ausbreitete.

Mehrere kleine Boote brachten sie weiter flussabwärts. Selbst als die Nacht hereinbrach, paddelte Luìz noch unermüdlich weiter. Es wurde in Etappen geschlafen, so dass immer zwei Männer die Augen aufhalten mussten. Jayden fühlte sich, als hätte er seit Tagen in diesem kleinen Boot gesessen. Seine Glieder wurden immer schwerer und seine Arme spürte er schon gar nicht mehr.

Tomas und Jayden waren froh, endlich wieder festen Boden unter den Füßen zu spüren, nachdem Luìz das Boot endlich ans Ufer gesteuerte hatte. Jayden streckte sich. Er schwankte etwas und wollte sich auf einen umgestürzten Baumstamm setzen, aber Luìz schüttelte den Kopf. Müde lief er den anderen Goldsuchern hinterher. José lächelte erneut und winkte Jayden zu sich.

»Wir sind bald da. Keine Angst. Als ich das erste Mal dabei war, ging es mir genauso.«

Jayden richtete seinen Rucksack.

»Wir sind gleich da«, sagte auch José und lächelte erneut.

Doch offenbar war auf Josés Aussage kein Verlass, denn der Fußmarsch wollte einfach kein Ende nehmen.

3

London, 2014

Der graue Dunst legte sich wie eine dicke Wolke auf die Stadt und machte ihr das Atmen schwer. Ich liebte die graue Welt von London, obwohl es auch genügend sonnige Tage dort gab. Oft habe ich Klassenfahrten nach London organisiert und schon in vielen der eleganten Londoner Hotels gewohnt. Die Stadt war mir also bekannt.

Nie zuvor war es mir jedoch ein Anliegen gewesen, Clark Owen kennenzulernen. Mehr als tausend Fragen dazu verfingen sich wie ein Wollknäuel in meinem Kopf. In meiner Tasche brannte der Brief. Er war der Schlüssel zu meiner Herkunft.

Ich atmete noch einmal tief durch.

Natürlich kannte ich nicht jeden Winkel dieser wunderschönen Stadt, aber ich bemühte mich, allein zurechtzukommen. Unter dem Terminal 5 befand sich die Subway-Station von Heathrow. Dort stieg ich in die Piccadilly Line ein. Ich musste meinen Arm ganz lang machen, um an einen der Handgriffe an der oberen Stange heranzukommen. Links und rechts quetschten sich Männer und Frauen an mir vorbei. Viele Geschäftsleute mit Aktentaschen und hektischen Blicken auf ihre Uhren, schlossen sich bei jedem Halt der Subway dem Strom von Menschen an. Ich musste erst am Piccadilly Circus aussteigen und hatte daher Gelegenheit, noch einmal dem Treiben zuzusehen, bevor ich selbst ein Teil davon wurde.

»Zum Glück habe ich meinen Koffer in einem Schließfach auf dem Flughafen gelassen«, dachte ich, als ich mich aus den Klauen der Bahn befreit hatte. Meines Wissens befand sich diese Station fast einunddreißig Meter unter der Erde. Wahnsinn, wenn man bedenkt, dass all dies von Menschen erschaffen wurde.

Auf der Rolltreppe stellte ich mich ziemlich weit nach rechts, denn für eilige Menschen war die linke Seite reserviert. Ununterbrochen gingen Geschäftsleute oder andere Reisende auf der linken Seite der Rolltreppe hinauf und hinunter.

Das Tageslicht begleitete mich auf den Straßen, bis die Häuser allmählich zu hoch wurden und die Sonne immer wieder für kurze Momente hinter den Mauern verschwand.

Als der Soho Square in Sicht kam, verkrampften sich meine Eingeweide. Meine Atmung wurde schwerer und ich hasste meine Mutter dafür, dass sie jetzt schon von mir gegangen war. »Warum?«, dachte ich und hätte am liebsten wieder losgeheult. Sie war meine engste Vertraute gewesen und hatte mich doch all die Jahre getäuscht.

Bevor ich zu dem Haus ging, in dem mein Vater gewohnt hatte, oder noch wohnte, machte ich noch einen Abstecher in den kleinen Park. Allerdings war hier alles viel größer als bei uns in Schleswig-Holstein. Ich schmunzelte, als ich die vielen Skulpturen von Bruce Denny auf den Grünflächen sah. Besonders »The Conversion of St. Paul« hatte es mir angetan. Ein Reiter auf einem steigenden Pferd. Die eine Hand hielt er in die Luft, als schütze er seine Augen vor der Sonne. Aber das war nur eine Vermutung meinerseits. Ich schlenderte weiter und traf auf die Statue »Charles II«. Er stand vor einem kleinen Knusperhäuschen. Sicher hätte es auch ein Toilettenhäuschen auf Sylt sein können, aber es passte in diesen Park, wie das Holstentor zu Lübeck.

Auf einer der Bänke in der Nähe versuchte ich zu entspannen. Die Reise nach Hamburg, der Flug und die Fahrt mit der Piccadilly Line hatten ihre Spuren hinterlassen. Hätte ich mich in diesem Moment zurückgelehnt, wäre ich eingeschlafen.

Ich holte den Brief aus der Tasche und nahm das Foto aus dem Umschlag. Vielleicht würde ich darauf irgendwelche Hinweise finden. Aber nichts. Es brachte kein Licht ins Dunkel.

Der Ring, den ich extra in eine Seitentasche getan hatte, musste ein Erbstück gewesen sein. Ein romantischer Ring, Silber oxydiert, mit einem herzförmigen roten Stein. Ich setzte ihn auf meinen Finger und hielt meine Hand ein Stück in die Luft.

»Wirklich hübsch«, murmelte ich und setzte ihn wieder ab. Wenn meine Mutter ihn nicht hatte tragen wollen, dann sollte ich ihn erst Recht nicht aufsetzen.

Es nieselte. Ich tat alles zurück in meine Tasche und machte mich auf den Weg zu den gegenüberliegenden Häusern. Ein kleiner Pub mit einer roten Reklametafel weckte meine Aufmerksamkeit. Auf dem Schlüsselanhänger war das gleiche Emblem abgedruckt wie auf dem Schild am Pub. Also musste eine Verbindung zwischen der Kneipe und meiner Mutter bestehen. Doch was sollte meine Mutter in einer Bar gemacht haben? Ich suchte nach der Hausnummer und begriff erst später, dass neben dem Pub eine Treppe zu einer Haustür hinaufführte. Ich nahm jede Stufe mit einem lauten Herzschlag.

Auf dem Klingelschild stand wirklich Owen.

Kurz bevor ich läutete, atmete ich noch einmal tief durch.

»Hallo«, sagte eine freundliche Stimme.

Dieser englische Dialekt war einfach zu entzückend.

Ich lächelte der jungen Frau entgegen. »Hallo.«

Als Englischlehrerin sollte mir das Sprechen dieser Sprache keine Schwierigkeiten bereiten, aber offenbar befanden sich gerade alle englischen Wörter auf Wanderschaft. Kurz gesagt, ich bekam keinen ganzen Satz zustande. Deshalb hielt ich ihr einfach den Brief unter die Nase.

»Hier.« Ich befahl mir, Ruhe zu bewahren, doch ich konnte sie kaum hören, so sehr pulsierte das Blut in meinen Adern.

»Was ist das? Was wollen Sie von mir?« Die junge Frau mit den großen Augen und dem dunklen Wuschelkopf zog die Augenbrauen merklich zusammen.

»Ich suche Clark Owen«, brachte ich mühsam hervor.

»Kenne ich nicht. Bitte gehen Sie«. Die Frau drückte mir den Brief wieder in die Hand und schloss ohne ein weiteres Wort die Tür.

Perplex blieb ich für einen Moment auf dem Podest vor der Tür stehen. Erst nach einer Weile stieg ich langsam die Treppe herab. Unten hielt ich an und blickte durch die dicken verdunkelten Gläser des Pub.

Drinnen war es schummrig, aber gemütlich. Frauen konnte ich nicht erkennen. Vielleicht kamen sie erst später. Einige Männer, die sicher schon seit dem Morgen am Tresen saßen, hielten ihr Bierglas fest in der Hand.

Sollte ich hineingehen und mich nach Clark Owen erkundigen? Oder lieber wieder gehen? Ein Blick auf die Uhr nahm mir die Entscheidung ab. Ich musste schleunigst zurück zur Piccadilly Line, mein nächster Flieger würde schon bald starten. Hektisch brach ich auf.

4

»Herzlichen willkommen in Newcastle!« stand auf der Ankunftstafel über dem Flughafenausgang. Jetzt musste ich mich nur beeilen, den Busbahnhof zu erreichen, damit der Bus nicht ohne mich losfuhr.

Der Bus brauchte länger als geplant. Mehrere Baustellen brachten den Verkehr ins Stocken, außerdem zählte ich drei Traktoren, denen wir hinterherschleichen mussten.

Es war schrecklich. Kein Fenster ließ sich öffnen und die Luft im Bus war drückend heiß. Mir lief der Schweiß über die Stirn. Dann, endlich hielt der Bus an und ich konnte aussteigen.

Ein Häuschen stand am Wegesrand. Es schien, als würde jemand darin wohnen. Vielleicht der Wachmann, wenn es einen gab. Ich nahm mein Gepäck und machte mich zu Fuß auf den letzten Rest des Weges.

Schon jetzt war mir klar, dass hier nicht irgendjemand als Gärtner beschäftigt war. Die Rosen blühten in voller Pracht, und die Hecke, die mich zum großen Herrenhaus geleitete, war absolut exakt geschnitten. Kein Blatt lag unordentlich oder war zu lang. Ich folgte dem Kiesweg bis zu einem schmiedeeisernen Tor, das von zwei hohen Buchsbäumen eingerahmt war. Das Haus, im georgianischen Stil gehalten, lächelte mir ein Willkommen entgegen. Ich konnte den Wein riechen, der sich wie eine Schlange an der Fassade emporschlängelte. Die großen Schiebefenster und die breite Haustür spendeten genügend Licht für die prächtigen Räume. Ich hatte schon viele Hotels und Pensionen besucht, aber dieses Haus war eindeutig das prächtigste.

An der Tür fing mich die Hausherrin ab. »Guten Tag. Sie müssen Mrs. Andrea Grewe sein?« Sie zauberte ein Lächeln auf ihre Lippen.

Ich nickte, dabei musterte ich die Frau. Sie musste in meinem Alter oder etwas älter sein, denn ihr Lächeln ließ Falten erkennen, die sie unter ihren Haaren zu verstecken versuchte.

»Ich hoffe, dass Sie gut hergefunden haben. Wir haben ein wunderschönes Zimmer für Sie hergerichtet. Sie sagten, dass Sie uns im August erneut mit Ihrer Schulklasse besuchen werden?« Die Dame ging zur Rezeption und blickte in ihr Buch.

»Ja.« Etwas anderes wagte ich im Moment nicht zu sagen. Wie hätte ich es ihr auch erklären können? Sie hätte sich kaum dafür interessiert, dass meine Mutter gestorben war und ich meinen Vater nicht kannte.

»Matthew wird Sie gleich auf ihr Zimmer bringen. Falls Sie etwas benötigen, zögern Sie nicht, nach Sophia zu fragen.« Sie legte ihre rechte Hand auf ihre vollbusige Brust. Mir fiel auf, dass sich an ihrem Ringfinger bis vor kurzem noch ein Ring befunden haben musste. Ein schmaler, weißlicher Streifen zeichnete sich auf der ansonsten gebräunten Haut ab.

»Danke.« Ich legte meine ausgedruckte Buchungsbestätigung auf den Tresen.

»Zum Datenabgleich bräuchten wir noch Ihren Personalausweis. Außerdem werden wir Ihr Konto mit 50 Pfund belasten.«

»Warum?« Ich zog die Stirn in Falten.

»Wegen der Minibar. Selbstverständlich werden wir Ihnen das Geld gutschreiben, wenn Sie nichts aus der Bar nehmen.«

»Ach so, natürlich, kein Problem.« Ich zog meine Kreditkarte aus dem Portemonnaie und gab sie Sophia.

»Danke.« Sophia nahm meine Karte und zog sie durch ein Lesegerät. Danach reichte sie sie mir zurück und lächelte kokett. »Bitte sehr. Haben Sie einen schönen Aufenthalt. Und falls sie etwas benötigen, lassen Sie es mich wissen.«

»Oh je«, dachte ich, »wie soll ich das bloß im August mit meiner Klasse überstehen?«

Sophia winkte einen jungen Mann heran und wies ihn an, mich auf mein Zimmer zu begleiten. Natürlich nahm er, wie es sich für einen Pagen gehörte, meinen Koffer.

Wir fuhren mit einem Fahrstuhl in den ersten Stock. Dabei hatte ich genügend Zeit, Matthew, so hieß der Page, wie sein Namensschild mir verriet, zu mustern. Er war ein Latino. Braungebrannte Haut, schwarzes Haar und ein charmantes Lächeln.

Er musste etwa halb so alt sein wie ich, denn er wirkte noch sehr kindlich. Vielleicht war er ein Adoptivsohn von Mrs. Sophia. Oder aber nur ein einfacher Arbeiter, der seine Frau und seine Kinder ernähren musste. Der Fahrstuhl hielt an und öffnete seine Türen. Matthew führte mich zu einem Zimmer im ersten Stock.

Der Ausblick war gigantisch. Eine wunderschöne Landschaft, an der ich mich nicht sattsehen konnte. Sophia musste mir das beste Zimmer gegeben haben, denn der Blick reichte bis zum Barmburgh Castle. Dort hatte ich für meine Klasse schon einen Besichtigungstermin vereinbart. Ich fragte mich, ob meine Mutter schon einmal hier gewesen war und strich mir durchs Haar. »Ähm, Matthew. Gibt es hier einen Internetzugang?«

»Ja, natürlich. Fragen Sie bei Miss Sophia nach dem WLAN-Schlüssel.«

»Ja, danke.« Ich griff nach meinem Portemonnaie und suchte etwas Kleingeld, um es Matthew zu geben. Danach schloss ich die Tür von innen und setzte mich auf das Korbsofa mit den cremefarbenen Kissen. Auf der Tapete waren zitronengelbe Blümchen abgebildet. Es passte alles perfekt zusammen!

Und ich war mittendrin. Es war kein Traum, ich war wirklich hier.

Nach dem Auspacken ging ich in die Dusche im angrenzenden Bad. Das heiße Wasser, das auf meinen Rücken prasselte, stimmte mich ruhiger. Nach der Dusche knetete ich meine Haare mit dem Handtuch trocken und genoss den Ausblick auf Northumberland.

Eine Stunde später ging ich zur Rezeption, um Sophia zu suchen.

»Hallo, Andrea. Was kann ich für Sie tun?« Sie lächelte.

»Ich wollte nach dem WLAN-Schlüssel fragen. Bei dem schönen Wetter möchte ich nach draußen auf die Terrasse.« Ich nickte mit dem Kopf Richtung Tür.

»Ja, warten Sie.« Sophia suchte in einem Buch nach dem Pin-Code und schrieb mir die Nummer auf.

»Danke.«

»Gern geschehen.«

Ich folgte dem Duft von Rosen, Lavendel und weiteren wunderschönen Blumen hinaus in den Garten. Eine schmiedeeiserne Bank stand unter einem breiten Apfelbaum. Genau der richtige Platz für mich. Mit drei großen Schritten war ich bei der Bank und machte es mir darauf bequem. Mein Blick glitt über den Rest des Grundstücks. Meine Mutter hätte sich hier nicht sattsehen können. Damals hatten wir einen kleinen Schrebergarten, den wir aber schon bald aus Zeitmangel aufgeben mussten.

Ihre Gemüsebeete und ihre Blumen hatte sie immer vermisst.

Bei diesem Gedanken verirrte sich eine Träne auf meiner Wange, die ich sofort wegwischte, als ich hinter mir ein Summen hörte. Neugierig drehte ich den Kopf, so gut es ging. Ein Mann, ich schätzte ihn auf Mitte fünfzig, fuhr mit einem Rasenmäher über den Kiesweg. Ich fand, dass der Rasen vorbildlich aussah und verstand nicht, warum er ihn mähen wollte. Bevor der Mann den Motor anstellte, schaute er sich um. Unsere Blicke trafen sich. Ich drehte mich wieder weg und wünschte mir, unsichtbar zu sein. Aber sofort näherten sich Schritte und meine Wangen begannen zu glühen.

»Hallo«, sagte der Gärtner

»Hallo.« Sei kein Kind, rügte ich mich und atmete tief durch, bevor ich mich ihm zuwandte. Was dachte er bloß über mich?

Er lächelte, bevor er mir die Hand reichte. »Christopher Collins.«

»Andrea Grewe.« Ein verlegenes Lächeln huschte mir über die Lippen.

»Sie kommen nicht aus England?«

»Nein, ich komme aus Deutschland.«

»Oh, wirklich? Ich war auch schon mal dort. Hat mir sehr gut gefallen.«

»Ja, es ist schön dort, aber hier ist es auch wunderschön. Ich liebe den Garten. Sind Sie hier der Gärtner?«

»Ja, schon.« Christopher legte sich vor Lachen die Hand auf den Bauch. »Eigentlich bin ich einer der Eigentümer, doch nach der Trennung von meiner Frau ...«

»Oh, das tut mir leid.«

»Das muss es nicht. Mir ist es nur ein Rätsel, warum Frauen im reifen Alter sich so oft jüngere Partner angeln.« Er kratzte sich an der Schläfe.

»Bestimmt aus dem gleichen Grund, aus dem Männer es tun«, antwortete ich unbekümmert.

»Mm.« Darauf wusste er nichts mehr zu sagen.

»Also sind Sie rein rechtlich immer noch der Eigentümer. Aber sicher denken viele, dass Sie nur der Gärtner dieses wunderschönen Anwesens sind.«

»Genau so sieht's aus.«

»Dann ist Sophia Ihre geschiedene Frau?«

Christopher schaute zum Haus zurück. Seine blaugrauen Augen wirkten traurig. »Wissen Sie, dass das Haus vor Jahren im Besitz eines Lords war?«

»Nicht schlecht. Ich muss Ihnen sagen, dass ich die Gartenanlage einmalig finde. Es ist ein Ort zum Entspannen. Wunderschön!«, betonte ich nochmals.

»Danke. In jungen Jahren habe ich eine Ausbildung im Garten-und Landschaftsbau gemacht. Erst danach habe ich beschlossen, noch eine weitere Ausbildung in der Gastronomie zu machen.« Er lächelte verschmitzt.

»Das finde ich toll. Ich bin Englisch- und Kunstlehrerin.«

»Das ist bestimmt anstrengend.«

»Manchmal. Aber solange es Spaß macht.« Ich rutschte auf der Bank an die Lehne. »Möchten Sie sich nicht setzen.« Mit der freien Hand, die nicht das Netbook festhielt, klopfte ich auf den Platz neben mir, als würde ich einen Hund ermutigen, auf die Bank zu hüpfen.

»Sehr gerne. Danke.« Er setzte sich, beugte sich etwas vor und verschränkte die Finger. »Sind Sie ganz alleine hier?«

»Ja, ich brauche ein bisschen Zeit für mich.« Ich klappte das Netbook zu und legte die Hände darauf. »Manchmal braucht man Zeit, um Dinge im Leben zu verarbeiten.« Ich musterte Christopher. Sein schwarzes Haar, das sich an den Seiten schon merklich grau färbte und die Ruhe, die er mir gegenüber ausstrahlte. Sofort hatte ich das Bedürfnis, ihm mitzuteilen, warum ich auf der Insel war. »Ich ...«

»Haben Sie ...«

Wir begannen gleichzeitig, weiterzusprechen und mussten unwillkürlich lachen.

»Sie zuerst«, sagte Christopher.

»Nein, bitte.«

»Okay, ich gebe mich geschlagen. Also, haben Sie auch eine Trennung hinter sich, wenn ich fragen darf?«

»Jein, also schon irgendwie.« Ich schniefte kurz, was Christopher bemerkte.

»Was ist geschehen?« Er wandte sich mir zu. Für einen kurzen Moment hoffte ich, dass er seine Arme um mich schlingen würde, doch das tat er nicht. Deshalb versuchte ich, meine Tränen schnell wegzuwischen.

Christopher legte eine Hand auf meine Schulter.

»Ich, ich habe ...« Ich bekam keinen Satz heraus. Ich räusperte mich, schluckte und begann die Worte zu sortieren. »Ich habe meine Mutter verloren. Sie ist vor drei Wochen gestorben.«

»Oh, mein Beileid.«

Ich spürte, wie schnell Christopher sich in meiner Gegenwart unwohl fühlte. Vielleicht konnte er mit solchen Nachrichten nicht umgehen. Womöglich hatte er Angst, die Menschen mit falsch gewählten Worten zu verletzen. »Unter ihrem Bett habe ich eine Kiste mit persönlichen Dingen gefunden«, sprach ich trotzdem weiter. »Unter anderem einen Brief, in dem sie damals meinem leiblichen Vater mitteilte, dass er eine Tochter hat. Aber der Brief kam mit der Aufschrift ›Empfänger verzogen‹ wieder zurück.«

»Oh, je. Und was wollen Sie jetzt tun?«

»Ich war bei der Adresse. Auf dem Klingelschild stand der Name Owen, der Nachname meines Vaters. Aber eine Frau war an der Tür. Mit ziemlicher Sicherheit wusste sie etwas, aber sie stellte sich unwissend.« So, jetzt war raus, was es zu sagen gab. Mir fiel ein Stein vom Herzen.

»Das klingt sehr interessant. Warum denken Sie, hat Ihre Mutter Ihnen den Vater vorenthalten?«

»Ich weiß nicht.« Ich zuckte mit den Achseln. »Vielleicht hat sie sich geschämt. Sie hat mir immer erzählt, dass mein Vater noch vor meiner Geburt gestorben ist.«

»Vielleicht wollte Ihre Mutter Sie aber auch schützen?« Christopher legte einen Finger an die Lippen.

»Keine Ahnung.« Erneut zuckte ich mit den Achseln.