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Mit dem Mord an ihrer Mutter ändert sich Malis Leben schlagartig. Sie muss erkennen, dass die Mörder plötzlich auch hinter ihr her sind. Nur mit den verschlüsselten Aufzeichnungen, die ihre Mutter ihr kurz vor ihrem Tod hinterlassen hat, muss Mali flüchten. Ihr einziger Anhaltspunkt ist ein Fremder, dem sie vertrauen muss, um aufzuklären, was gespielt wird. Doch bald schon merkt Mali, dass nicht nur ihr eigenes Leben auf dem Spiel steht. Und als ihre Freunde plötzlich zu Feinden werden, muss sie sich entscheiden, wem sie noch vertrauen kann.
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Seitenzahl: 388
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Leonie Graf
Das Feuer der Werwölfe
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Das Feuer der Werwölfe
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Epilog
Danksagung
Impressum neobooks
Leonie Graf
Impressum
Texte: © Copyright by Leonie GrafUmschlag: © Copyright by Leonie GrafVerlag: Leonie Graf
Rosenstraße 20
78576 Emmingen-Liptingen
Druck: epubli, ein Service der
neopubli GmbH, Berlin
Printed in Germany
Q= 5
24.05.
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Es musste die neun sein. Ja, ganz sicher die neun.
Mali saß auf dem Fußboden ihres Zimmers und löste ein Sudoku, das vor ihr auf dem Boden lag. Eilig kritzelte sie die neun in eines der Felder.
Malis Zimmer war sehr klein und gemütlich eingerichtet. Direkt neben der alten, braunen Holztür stand ihr ebenso altes Bett. An der Wand standen drei riesige Regale, alle bis oben hin voll mit Büchern. Alte Schulbücher, aber auch Liebesromane, Thriller, Fantasyromane und vor allem Rätselbücher. Mali liebte Rätsel. Manchmal verbrachte sie den ganzen Tag damit eines ihrer Rätsel zu knacken. Vor Mali auf dem Boden lag auch ein kleines Papier mit komischen Zeichen, die aussahen, als wäre es eine fremde Sprache mit eigenen Schriftzeichen. Meistens blickte Mali nur von ihren Rätseln oder Büchern auf, wenn es Essen gibt, oder wie heute, wenn ihre Mutter an die Zimmertür klopft und mit ihr reden will.
„Amalia, ich muss mit dir reden“, begann sie.
Für Mali war das kein gutes Zeichen. Immer wenn ihre Mutter sie mit vollem Namen anspricht, läuft das Gespräch auf etwas sehr Unangenehmes hinaus. Sie haben sich beide daran gewöhnt, dass sie den Namen nicht benutzen. Seit Malis Vater eines Tages abgehauen ist bedeutete ihr voller Name, dass gleich etwas sehr Ernstes geschehen würde.
Malis Mutter setzt sich zu ihr auf den Boden. Mit einer Hand streichelte sie über den weichen, roten Teppich. Sie sah Mai an.
„Leg mal kurz dein Rätsel weg, mein Schatz. Ich möchte, dass du mir mit deiner ganzen Aufmerksamkeit zuhörst. Es ist nämlich sehr wichtig“
Widerwillig blickte Mali von ihrem Blatt auf. Ihr Blick schweifte durch ihr Zimmer. Sie wollte ihre Mutter nicht anschauen, denn als sie Mali das letzte Mal mit vollem Namen angesprochen hatte, gab es zwei Wochen Hausarrest, weil Mali die Tische in der Schule bekritzelt hatte. Normalerweise kam Mali sehr gut mit ihrer Mutter aus. Die beiden verstanden sich sehr gut, aber manchmal konnte ihre Mutter sehr streng sein. Auch nachdem Mali damals eingesehen hatte, dass sie einen Fehler gemacht hatte, blieben die zwei Wochen Hausarrest. Das hatte sie ihrer Mutter bis heute nicht verziehen, obwohl das jetzt auch schon über anderthalb Jahre her war.
Nur ganz entfernt hörte Mali die Stimme ihrer Mutter.
„Ich möchte, dass du mir versprichst, dass niemand davon erfährt.“
Es war als würde ihre Mutter am anderen Ende der Welt stehen. So, dass Mali sie weder hören noch sehen konnte. Nur gelegentlich trägt der sanfte Wind ein paar Worte zu ihr, die sie in Gedanken versunken, und ohne große Bedeutung aufnimmt.
„Mali, hör mir bitte zu.“ Sanft drückt Malis Mutter Malis Kopf nach oben, sodass sie sich beide in die Augen blickten. Mali wollte ihren Kopf zurückziehen, doch irgendetwas hielt sie auf. War es die Hand ihrer Mutter, die sanft ihren Kopf stützte? Doch wahrscheinlich war es, weil Mali merkte, dass es heute keinen Hausarrest geben würde. Irgendetwas an dem Tonfall ihrer Mutter sagte ihr das. Sie klang besorgt und nervös, so als ob sie auf etwas sehr Unangenehmes warten würde. Sanft schob Mali die Hand ihrer Mutter zur Seite, blickte aber weiter in die schönen hellblauen Augen ihrer Mutter.
„Mali, du weißt sicher, dass wir alle mal sterben müssen.“
Mali nickte. Natürlich wusste sie das. Sie war schließlich fünfzehn und nicht fünf. Immer wenn ihre Mutter so komische Fragen stellte, wusste Mali, dass ihre Mutter es ihr eigentlich schon hätte früher sagen wollen, aber sich nicht getraut hatte. Jetzt war es allerdings an der Zeit, dass Mali es erfahren musste, doch ihre Mutter wusste nicht wirklich, wie sie es erklären sollte, geschweige denn, wo sie anfangen sollte.
„Naja, also…ähm…, wenn ich dann irgendwann nicht mehr da bin…“
„Nein, Mama! Du wirst nicht sterben!“, Mali griff nach der Hand ihrer Mutter. Was war das denn? Sie hatte doch vorhin zu gegeben, dass alle Menschen einmal sterben müssen. Aber allein schon der Gedanke, dass sie irgendwann alleine für sich sorgen musste, machte Mali so Angst, dass sie die Hand ihrer Mutter nie wieder loslassen würde. Damals, als ihr Vater von heute auf morgen verschwunden war hatte Mali sich geschworen ihre Mutter nie im Stich zu lassen. Sie hatte gesehen welche Schmerzen es Malis Mutter damals bereitet hatte einfach verlassen zu werden. Mali war damals zwar noch sehr klein gewesen, doch seit diesem Tag wusste sie, was es bedeutete, dass man füreinander da war.
Vorsichtig lockerte ihre Mutter Malis Hand, ließ sie dennoch nicht ganz los.
„Also, wenn ich mal nicht mehr da bin, möchte ich, dass du etwas tust“, sagte sie jetzt.
Dass du etwas tust! Wie klang das denn bitte schön. Dass du etwas tust. Natürlich musste sie etwas tun. Das war doch völlig klar. Essen, schlafen, Haushalt, sich um sich kümmern. Da konnte man so viel aufzählen, dass einem irgendwann mal bewusstwird, wieviel man eigentlich den ganzen Tag macht.
Aber das war natürlich nicht das, was Malis Mutter meinte. Es musste irgendetwas Besonderes sein, sonst würde sie jetzt kein langes, unangenehmes Gespräch mit Mali führen. Allerdings dachte Mali, dass sie, wenn ihre Mutter tot wäre, so viel machen müsste, dass sie ziemlich sicher keine Zeit für irgendwelche großen Aufgaben hätte.
„Wenn ich nicht mehr da bin, musst du die dritte Schublade bei mir im Schlafzimmer öffnen.“
„Aber wie soll ich sie öffnen, wenn du sie abgeschlossen hast, und den Schlüssel nicht mehr findest?“
„Ich habe den Schlüssel.“
„Aber du sagtest immer, dass du ihn nicht mehr findest!“ Mali klang vorwurfsvoll.
„Das sagte ich doch nur, dass du nicht immer nachfragst. Du warst früher immer so neugierig.“
„Aber ich bin fünfzehn, warum hast du mir nie früher gesagt, dass du den Schlüssel hast? Ich hätte dich auch schon mit zehn oder elf Jahren verstanden. Kennst du mich etwa so schlecht?“ Malis Blick war anklagend, doch ihre Mutter machte keine Anstalten unter ihrem Blick nachzugeben. Sie hielt Malis Blick mit ebenso einer Intensität stand.
„Ach bitte, mein Liebling. Mach mir keine Vorwürfe. Ich weiß inzwischen auch, dass es ein Fehler war es dir nicht früher zu sagen.“
Malis Mutter seufzte laut. Sie nahm Malis Hand und öffnete sie. Dann nahm sie ihre Kette ab und legt sie in Malis Hand. Behutsam schloss Mali die Finger darum. Die Kette war kalt. Es war eine schöne, schlichte Kette mit einem dünnen silbrigen Band, an dem ein klitzekleiner Schlüssel baumelte. Mali hatte diese Kette an ihrer Mutter schon oft gesehen, wusste aber nie, dass an ihr ein Schlüssel hing, da ihre Mutter sie immer von der Kette ferngehalten hatte, mit der Ausrede, die Kette sei zu wertvoll und könne kaputtgehen, wenn Mali sie in die Hände bekam.
Mali strich sich die Haare aus dem Gesicht. Langsam und mit zitternden Händen nahm Malis Mutter die Kette und hängte sie ihr um den Hals. Sie passte wunderbar zu dem T-Shirt, das sie heute trug.
Einen kurzen Moment schauten sie sich beide tief in die Augen. In den schönen, hellblauen Augen ihrer Mutter, spiegelten sich Malis grüne Augen, die sie von ihrem Vater geerbt hatte, wider.
Die Augen von Malis Mutter wurden feucht. Die Tränen glitzerten leicht. Malis Mutter lehnte sich leicht nach vorne und umarmte Mali so, als würde sie sie nie wieder loslassen wollen.
Jetzt erst wurde Mali bewusst, wie wichtig ihrer Mutter dieses Gespräch gewesen sein musste.
Lange Zeit lagen sich die beiden in den Armen, während Malis Mutter eine Träne nach der anderen vergoss. Mali reichte ihr ein Taschentuch.
Doch, sosehr Mali am Anfang nichts Gutes geahnt hatte, es war nicht so schlimm, wie sie es sich vorgestellt hatte.
Sie hielten sich so fest sie konnten, beide mit demselben Gedanken: Dass sie sich niemals verlieren und für immer und ewig zusammen bleiben wollten.
29.06
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Die Nacht hatte alles verschluckt. Es war so dunkel, dass man nichts außer ein paar Umrissen erkennen konnte. Plötzlich lösten sich dunkle Gestalten aus dem Schatten der umliegenden Häuser. Ganz langsam und ohne ein einziges Geräusch zu machen. Sie bewegten sich wie mehrere Schatten, die mit schwarzen, kalten Händen auf Mali zu glitten. Die Schatten spürten und rochen ihre Angst. Panik stieg in ihr hoch, sie wollte weglaufen, doch ihre Füße standen fest auf dem ebenfalls schwarzen Boden. Keinen Millimeter konnte sie sich rühren. Sie war wie festgewachsen. Die Hände kamen immer näher, sie streiften kalt und feucht über Malis Gesicht. Dort, wo sie sie berührt hatten, tropfte Blut von ihrer Haut. Und alles, was das Blut berührte, löste sich auf in Nichts. Immer mehr um Mali herum verschwand, bis sie das Gefühl hatte, dass sich der Boden unter ihr auftat, er hatte sich ebenfalls vollkommen aufgelöst, und sie quälend langsam darin verschwand. Sie fiel immer tiefer in das riesige Loch mit Nichts. Um Mali herum war einfach nur Nichts.
Mali öffnete die Augen. Schweißgebadet lag sie in ihrem Bett und keuchte, als ob sie gerade einen Marathon gelaufen wäre. Nur sehr langsam beruhigte sie sich wieder. Sie warf einen Blick auf ihren Wecker. Acht Uhr morgens. Spät genug, um aufzustehen. Ihre Mutter schlief sicherlich noch. Doch anders als ihre Mutter war Mali absolut kein Langschläfer. Auch in den Ferien stand sie für gewöhnlich vor neun Uhr auf. Nur ganz selten schlief sie bis um zehn. Manchmal las sie dann morgens schon, aber heute war ihr nicht nach lesen zu Mute. Sie wollte lieber etwas Aktiveres machen, um den Albtraum aus ihren Erinnerungen zu verdrängen. Also stand sie auf und zog sich an. Dann ging sie hinunter in die Küche und richtete das Frühstück.
Etwas später kam auch ihre Mutter die Treppe hinunter geschlurft.
„Ich habe ein Rumpeln gehört“, erklärte sie ihr eher untypisch frühes Erscheinen. „Du bist ja schon auf.“
Mali nickte.
„Ja“, meinte sie mit einem Schmunzeln. „Ich habe ja jetzt endlich Ferien. Da müssen wir schon den ganzen Tag nutzen.“ Sie zwinkerte ihrer Mutter zu. Beide mussten lachen.
„Du weißt, dass ich keine Morgenmensch bin“, sagte Malis Mutter immer noch lachend.
Nachdenklich runzelte sie die Stirn.
„Ferien“, murmelte sie dann leise. „Stimmt ja.“
Noch ehe Mali fragen konnte, was ihre Mutter damit meinte, hellte sich deren Miene schon wieder auf. Sie hatte das fertig gerichtete Frühstück entdeckt.
„So“, sagte sie deutlich fröhlicher als gerade eben noch. Sie schien fast munter zu sein. „Lass uns erstmal frühstücken. Dann zeigen sich vielleicht auch bei mir die Lebensgeister.“ Sie lachte wieder. Dann setzten sich die beiden an den Tisch und aßen ihre Nutellabrötchen.
Aber der Albtraum wollte Mali einfach nicht aus dem Kopf gehen. Wer waren diese Schatten, oder waren sie gar nicht da? Aber woher kam dann all das Blut?
Mali betrachtete ihre Mutter. Auch sie schien nicht gut geschlafen zu haben. Sie hatte dunkle Ringe unter den Augen und machte einen müden Eindruck. Sie war jedoch inzwischen wach genug, um zu merken, dass mit ihrer Tochter etwas nicht stimmte.
"An was denkst du, mein Schatz?"
"Ich hatte einen Albtraum, er war sehr sonderbar…"
"Möchtest du es mir erzählen?"
Mali wusste, dass es ihr danach sicher bessergehen würde, aber sie wollte ihre Mutter nicht beunruhigen und sagte daher: " Nein, ist schon okay, war auch nicht so schlimm. Ich werde ihn sicher bald vergessen."
Doch da hatte sie nicht ganz Recht, denn der Traum verfolgte sie noch den ganzen Vormittag lang und wollte ihr einfach nicht aus dem Kopf gehen. Um sich abzulenken, legte sie sich auf ihr Bett und begann zu lesen. Doch auch das ging nicht. Sie war nicht richtig bei der Sache und dachte immer wieder an schwarze Schatten mit kalten, schwarzen Händen.
Nach dem Mittagessen, es gab Spaghetti Bolognese, setzte sich Mali an den Computer und klickte sich ein bisschen durch verschiedene Videos. Als sie nichts fand, was sie wirklich interessierte, schnappte sie sich ihr Handy und stalkte ein paar Leute über Instagram. Mali hatte sich schon seit langem einen Spaß draus gemacht nach Leuten aus ihrer Klasse oder ihrer Schule im Internet zu suchen. Schon mehrmals hatte diese Suche verwunderliche Neuigkeiten zu Tage gefördert. Einmal hatte sie ein bisschen über einen hübschen, aber sehr schüchternen Jungen aus ihrer Parallelklasse recherchiert und dabei ganz zufällig herausgefunden, dass er zweifacher Weltmeister im Judo war. Das traute man ihm gar nicht zu.
So hatte Mali schon die ein oder andere Tatsache herausgefunden. Es war immer etwas Interessantes dabei und Mali schaffte es oft sich so für ein paar Stunden abzulenken.
Ein großer, kräftiger Junge aus ihrer Klasse, er hieß Markus, der sich selbst immer für etwas Besseres hielt, wollte Mali folgen. Mit einem Zögern ließ sie es zu und fragte jedoch gleichzeitig bei ihm an, ob sie ihm ebenfalls folgen konnte. Nicht einmal eine Minute später wurde Malis Anfrage bestätigt. Sie scrollte mit dem Finger durch seine einhundertzweiunddreißig Beiträge. Auf ungefähr der Hälfte von ihnen war er mit nacktem Oberkörper zu sehen und präsentierte seinen Sixpack.
„So ein Angeber“, murmelte Mali bitter. Sie hatte Markus noch nie leiden können, aber vielleicht, so hoffte sie, könnte sie ja ein zwei interessante Informationen über ihn herausfinden, die ihn in einem anderen Licht dastehen lassen würden. Sie fand heraus, dass er bolivischer Abstammung war und zwei kleine Schwestern hatte.
„Die Armen“, dachte Mali voller Mitleid. So einen Bruder zu haben war sicher nicht leicht.
Mali hatte keine Geschwister und hatte sich auch noch nie welche gewünscht. Sie kam gut mit ihrer Mutter aus und freute sich immer auf gemeinsame Nachmittage mit ihr. Eine Schwester oder einen Bruder vermisste sie dabei nicht.
Mali klickte sich durch weitere fünf Profile und hatte dabei zum ersten Mal seit diesem Vormittag ihren Traum vergessen, als es an der Tür klingelte.
Sie setzte sich auf und schob ihre nackten Füße in ihre mit Fell überzogenen Hausschuhe, die sie letztes Jahr zu Weihnachten bekommen hatte. Sie lief die Treppe hinunter zur Haustür. Mali wusste, dass ihre Mutter um diese Zeit vermutlich in ihrem Arbeitszimmer war und da wollte sie selten gestört werden, weswegen Mali immer die Türe öffnete oder das Telefon abnahm, wenn es klingelte.
Durch das Milchglas hindurch sah sie Schwarz und Gelb. Ganz offensichtlich war es die Post, die mal wieder ein Paket ablieferte.
"Mama, die Post ist da", rief Mali nach oben. Sie wollte ihrer Mutter nur schnell Bescheid geben, dass es kein unerwarteter Besuch war.
"Ich komme mein Schatz", rief ihre Mutter von oben herunter. Das war ungewöhnlich, doch augenscheinlich erwartete sie ein Päckchen und wollte es sofort öffnen.
Mali öffnete die Tür. Draußen stand, wie erwartet der Postbote, doch irgendetwas stimmte nicht, das merkte Mali sofort. Doch was es war, konnte sie nicht sagen. Der Mann hatte ein sehr kantiges Kinn. Er sah auf unbedeutende Weise gut aus. Ein kleines Grübchen war auf seiner rechten Wange zu sehen. Er grinste freundlich, doch Mali wurde das Gefühl nicht los, dass etwas an ihm nicht stimmte. Ihr blieb jedoch auch nicht genug Zeit zum Nachdenken, sonst hätte sie die Türe vielleicht wieder verschlossen. Doch der Postbote stellte mit erstaunlicher Schnelligkeit einen Fuß zwischen Türe und Rahmen, sodass Mali nicht die geringste Chance mehr hatte, die Tür zu schließen. Seine dunklen, fast schon schwarzen Augen blitzten sie gefährlich an. Bevor Mali auch hätte um Hilfe schreien können presste der Mann ihr ein seiner fleischigen Bärenpranken auf den Mund und hielt sie mit der anderen im Schwitzkasten.
"Halt den Mund, oder du wirst es bereuen.", zischte der Mann und nahm die Hand von ihrem Mund. Mali wagte es nicht, auch nur einen Mucks von sich zu geben, da der vermeintliche Postbote sie immer noch im Schwitzkasten hatte. Jetzt wusste sie auch, was ihr an dem Postboten so seltsam vorgekommen war. Er hatte geklingelt aber kein Paket bei sich gehabt.
"Lassen sie mich los", fauchte Mali, was tausendmal mutiger klang als sie sich fühlte. Der Mann lachte ein grausames und kaltes Lachen.
"Du denkst wohl, ich lasse dich laufen, damit du gleich zu deiner Verräterin von Mutter rennst und bei ihr Schutz suchst? Nein, nein, nein. Du bist jetzt meine Geisel. Vielleicht rückt deine Mutter die Papiere dann schneller raus." Mali, die keinen blassen Schimmer davon hatte, was der Mann eigentlich von ihrer Mutter wollte, fragte ängstlich: "Was haben sie mit mir vor?"
„Hm mal überlegen.“ Er tat so als würde er ernsthaft darüber nachdenken, was er mit Mali machen wollte.
„Wobei“, fragte er dann „Willst du das ernsthaft wissen?“ Er lachte wieder. „Viele meiner Opfer wären hinterher froh es nicht gewusst zu haben.“
Mali gab einen erstickten Laut von sich.
„Opfer?“ Sie war sich nicht ganz sicher, ob der Mann es ernst meinte, oder ob er ihr nur Angst einjagen wollte. Das war ihm allerdings sehr gut gelungen.
„Und jetzt halt die Klappe, du dumme Göre“ Der Mann presste ihr wieder die Bärenpranke auf den Mund. Mali, der das Adrenalin in den Ohren rauschte, biss so fest sie konnte in die Hand des Mannes. Mit einem entsetzten Aufkeuchen zog er die Hand weg. Noch ehe Mali reagieren konnte, spürte sie den Luftzug, bevor die Hand des Mannes gegen ihre Backe klatschte. Mali keuchte ebenfalls auf und hielt sich die Wange. Schmerz durchzuckte sie wie ein Blitz. Es tat weh. Sehr weh. Nie hätte sie gedacht, dass eine Ohrfeige mit so einer Wucht erteilt werden konnte. Tränen traten ihr in die Augen, doch Mali versuchte sie zurückzublinzeln. Sie wollte sich vor diesem Fiesling nicht die Blöße geben und schwach wirken. Tapfer biss sie die Zähne zusammen, doch bevor sie auch nur ein weiteres Mal blinzeln konnte, sah sie sich einer Pistole gegenüber. Der Mann hatte sie blitzschnell aus seinem Gürtel gezogen und bedrohte Mali nun damit.
Wie ein Flashback fühlte sich Mali an die unzähligen Bücher erinnert, die sie immer las. Sie hatte heimlich immer ein bisschen darüber geschmunzelt, wie die Hauptpersonen es schafften in so eine Lage zu kommen. Und Schwups, innerhalb von ein paar Minuten wurde auch Mali Leben komplett auf den Kopf gestellt und sie befand sich in ebendieser Situation. Würde sie sich nicht Zentimeter vom Lauf der Pistole befinden hätte Mali laut aufgelacht. So jedoch brachte sie nur ein leises Wimmern zustande. Ihr Entschluss nicht schwach zu wirken, kam ihr wieder in den Sinn. Also atmete sie tief ein und wandte sich dann an den Mann. Die ganze Wut über sein plötzliches Auftauchen schwang in ihrer Stimme mit.
„Was wollen Sie von mir?“ Malis Stimme war eiskalt und klang fast schon gefährlich, jedoch schien das diesen Bär von Mann nicht einzuschüchtern.
„Du bist jetzt ganz brav und rufst deine Mutter runter. Keine Warnung, kein Mucks oder sonst irgendwelche Eskapaden, dass das klar ist.“ Der Mann wackelte spielerisch mit der Pistole, um Mali zu verstehen zu geben, dass sie es nicht wagen sollte, es zu versuchen.
Mutiger, als Mali es sich im Angesicht einer Pistolenmündung zugetraut hätte meinte sie: „Meine Mutter ist nicht da.“
Ehe sie sich versehen konnte, spürte sie den Lauf der Pistole gegen ihre Schläfe gepresst.
„Wag es nicht mich anzulügen“, zischte der Mann gefährlich leise neben ihrem Ohr.
„Sie werden nicht schießen“, sagte Mali mit fester Stimme. „Der Schuss würde meine Mutter in Alarmbereitschaft setzten, das wäre gar nicht gut für ihren ‚Überraschungsbesuch‘, oder?“ Mali betonte das Wort Überraschungsbesuch, so dass es lächerlich klang.
Der Mann jedoch ließ sie los und entfernte sich auf etwa einen halben Meter. Mali traute sich immer noch nicht zu rühren. Der Mann hob die Pistole auf Höhe ihres Gesichts.
„Das wird mich nicht davon abhalten, dich hier und jetzt auf der Stelle umzubringen.“ Er lachte wieder sein grausames Lachen. Mali sah entsetzt zu wie sich sein Finger um den Abzug spannte. Der einzige Gedanke, der ihr noch durch den Kopf schoss- welche Ironie, da sie doch gleich von einer Kugel durchsiebt würde- war, dass der Mann es tatsächlich wagte, sie in ihrem Haus umzubringen.
Mali sah wie sich die Muskeln im Unterarm des Mannes immer weiter anspannten. Sein Mittelfinger krümmte sich immer weiter, doch dann ertönte ein Rumpeln. Genau in diesem Moment krachte der riesige Wandschrank mit dem Rosenmuster, der sonst immer im Gang bei der Treppe stand herunter. Mit einem hässlichen Geräusch, eine Mischung aus Kratzen und Krachen schlug der Schrank auf den Treppenstufen auf und fiel dann direkt auf den vermeintlichen Postboten zu. Dieser gab einen entsetzten Schrei von sich, als er den Schrank auf sich zukommen sah, doch er hatte keine Zeit mehr auszuweichen. Er stürzte und wurde unter dem Schrank begraben. Er schrie noch lauter. Mali hörte Knochen knacken.
In dem Moment, in dem der Schrank auf ihn stürzte, wurde sein Arm, mit dessen Hand er die Pistole hielt, herumgerissen. Die Pistolenmündung, die zuvor auf Mali gezeigt hatte, richtete sich jetzt auf Malis Mutter, die genau im selben Augenblick auf dem Treppenabsatz erschien. Ihre Hände waren aufgescheuert, da sie den schweren Wandschrank zur Treppe geschoben hatte, um ihn dann hinunterzustoßen.
Der Finger des Postboten, der um den Auslöser gelegt war, spannte sich mit letzter Kraft und unter Schmerzen noch weiter an, drückte ab und ein Schuss hallte durch den Raum. Begleitet von seinem letzten gequälten Todesschrei.
Mali erblickte nur den Ausdruck von Entsetzen und Schreck auf dem Gesicht ihrer Mutter, deren Augen weit geöffnet waren, als sie in die Pistolenmündung blickte. Sie hatte keine Zeit mehr zu reagieren.
Raum und Zeit schienen stehen zu bleiben und dann war es vorbei. Da blieb nichts mehr außer Schmerz und Blut, das floss. Mali, vor Schreck und Entsetzen wie festgenagelt, sah wie ihre Mutter von der Wucht der Pistolenkugel nach hinten geschleudert wurde. Darum bemüht das Gleichgewicht zu halten, schwankte sie und taumelte dann auf die Treppe zu. Mali sah geschockt dabei zu wie ihre Mutter die Treppe hinunterfiel und wie sich deren neuer Lieblingspullover rot färbte. Am Kopf ihrer Mutter, wo er auf die Treppenstufen geknallt war, trat ebenfalls etwas Blut aus.
Mali spürte nicht außer Kälte, die rasend schnell in ihr hochkroch. Ohne, dass sie es gewollt hatte, fingen ihre Füße an zu Laufen, immer schneller und schneller, bis sie bei ihrer Mutter angelangt war. Ihre Mutter lag mit seltsam angewinkelten Armen und Beinen auf dem Boden. In ihrer Brust steckte noch immer das schwarze Geschoss, umgeben von Sturzbächen aus Blut. Mali wusste nicht was sie tat, doch sie presste die Hände auf die Wunde ihrer Mutter, wollte das Blut, das zwischen ihren Fingern hervorquoll, zurückhalten, wollte, dass es endlich aufhören würde, dass es endlich vorbei sein würde. Ein Schluchzen bahnte sich den Weg aus ihrer Kehle.
Plötzlich flackerten die Augenlider ihrer Mutter, sie stöhnte. Sie öffnete ihren Mund ganz leicht, gerade weit genug, dass Mali wusste, dass ihre Mutter ihr noch etwas sagen wollte.
"Öffne die Schublade, wie ich es dir gesagt hatte. Öffne sie und…"
Der Rest des Satzes ging in einem heiseren Röcheln unter, das Malis Mutter nun von sich gab.
"Mama, ich bleibe bei dir bis zum Schluss, bis es vorbei ist."
"Mein Schatz, in der Schublade, sind Dinge… die der … gefährlich werden könnten, … nimm sie an dich. Du wirst… jemanden finden müssen… finde Carlos Vendris, im Wald… Carlos… Vendris… mein Schatz, pass auf dich auf. Sei mutig…sei…stark"
Die Augenlider von Malis Mutter schlossen sich und Mali blieb noch stundenlang auf dem kalten Steinboden sitzen, mit dem toten, kalten und schlaffen Körper ihrer Mutter in den Armen. Dem Menschen, den sie über alles in der Welt geliebt hatte. Der einzige Mensch der sie jemals über alles geliebt hatte.
30.06
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Die Tränen, die über Malis Gesicht liefen, wollten kein Ende nehmen. Sie wusste, dass es nichts bringen würde, noch weiter so dazusitzen, doch hatte sie kein anderes Ziel im Kopf, außer ihre Mutter in den Armen zu halten. Es war, wie wenn es noch einen kleinen Lebensschimmer in ihr gab, der nie völlig verlöschen würde, wenn Malis Hände ihren Körper nie loslassen würden. Mali wusste, dass das natürlich Unsinn war. Es gab keinen Zweifel, dass ihre Mutter tot war. Alleine schon der Sturz von der Treppe hinunter hätte sie das Leben kosten können, wenn es blöd gelaufen wäre. Trotzdem wollte sie für ewig so sitzen bleiben. Doch sie wusste, dass sie die Schublade öffnen musste und ihren Inhalt an sich nehmen musste. Die vermutete Neugierde, die bei dem Gedanken an das Öffnen der Schublade aufkommen sollte, blieb jedoch aus.
Mali zwang sich dazu wieder aktiv zu werden. Sie schaffte es nicht sich aufzuraffen, weswegen sie für sich selbst auf drei zählte. Als sie bei drei angekommen war, legte sie den schlaffen Körper ihrer Mutter ganz behutsam auf dem Boden ab. Sie beugte sich ein letztes Mal zu ihrer Mutter herunter, hauchte ihr einen Kuss auf die kalte Wange und faltete dann ganz langsam und behutsam ihre eigenen Beine auseinander. Es tat weh. Ihre Beine kribbelten stark und knickten bei der leichtesten Belastung unter ihr ein. Doch das störte Mali nicht. Sie empfand es eher als Genugtuung. Ihre Mutter war gerade gestorben und sie jammerte über eingeschlafene Beine, die etwas kribbelten. Sie konnte ruhig auch einmal etwas Schmerz aushalten. Mit zusammengebissenen Zähnen zwang sie sich aufrecht stehen zu bleiben. Sie schwankte leicht und doch befahl sie ihren Füßen, sich zu bewegen und in Richtung Treppe zu gehen.
Als Mali den ersten Fuß auf die Treppe setzte knickte ihr linkes Bein unter ihr ein und sie stürzte. Mit einem leisen Ächzen auf den Lippen zog sie sich am Geländer hoch. Während sie nun die Treppe hochstieg, hielt sie das Geländer fest umklammert. Ihre Fingerknöchel traten weiß unter ihrer blassen Haut hervor. Nach jeder Treppenstufe musste sie ihren Körper wieder neu erinnern, wie man atmete. Schwer keuchend kam sie eine gefühlte Ewigkeit später oben an. Wieder musste sie sich zwingen, weiterzugehen. Zwingen, jetzt endlich die Tür zum Büro ihrer Mutter zu öffnen. Zwingen, die letzten Schritte hineinzutun. Zwingen, den Schlüssel, an der Kette um ihren Hals, zu nehmen und die Schublade aufzuschließen.
Mali war noch nicht oft in dem Arbeitszimmer ihrer Mutter gewesen. Sie wusste, dass ihre Mutter nie bei ihrer Arbeit gestört werden wollte, weswegen sie das auch vermieden hatte. So setzte Mali heute zum ersten Mal bewusst ihre Schritte in das kleine Zimmer. Durch das Fenster an der gegenüberliegenden Wand fiel helles Licht herein und tauchte das Zimmer in ein helles gelbes Schimmern. In der Mitte standen der Schreibtisch und dahinter der Drehstuhl ihrer Mutter.
Mali machte einen weiteren Schritt in den Raum hinein. Vor dem Schreibtisch blieb sie stehen und ging in die Hocke. Der Schreibtisch war alt und aus Holz. Er hatte eine feine Maserung. Das Holz war in einem sehr dunklen Braunton mit einem leichten Rotstich lackiert. Früher hätte Mali den Schreibtisch wunderschön gefunden. Heute jedoch schenkte sie ihm keine Beachtung. Ob der Schreibtisch nun hellbraun, dunkelbraun oder schwarz lackiert war, was spielte das noch für eine Rolle? Eigentlich spielte doch gar nichts mehr eine Rolle.
Vor ihrem inneren Auge erschien ein Bild. Sie als kleines Mädchen, das um den Schreibtisch herumkrabbelte und verzweifelt versuchte die Schublade zu öffnen. Ihre Mutter, die in der Tür stand und ihr lächelnd dabei zusah. Sie machte einen Schritt in das Zimmer hinein und kam zu der dreijährigen Mali, um sie auf den Arm zu nehmen. Mali erinnerte sich, wie sie ihr geheimnisvoll lächelnd ins Ohr flüsterte: "Bald wirst du alt genug sein. Doch jetzt wollen wir essen. Ich habe dir einen Grießbrei gemacht.", und somit ihr junges Ich sofort auf andere Gedanken brachte. Gemeinsam verließen sie das Zimmer und mit ihnen war auch die Erinnerung, an diesen Tag, fort.
Die Realität brach wie eine Sturzflut über Mali herein. Ihre Mutter war nicht mehr da, sie war allein. Völlig auf sich allein gestellt.
Langsam rollten ihr dicke Tränen die Wangen herab. Sie blickte auf den kleinen Schlüssel in ihrer Hand und die Erinnerungen an ihre Mutter liefen an ihrem inneren Auge vorbei. Wie sie zusammen gelacht hatten oder spielten. Wie sie zusammen neue Essensideen ausprobierten und Essen kochten, das nicht schmeckte, sodass sie sich schlussendlich immer eine Pizza bestellen mussten. Wie sie gemeinsam tanzten und Musik hörten, dabei laut grölend mitsangen. Wie sie nur zu zweit, aber glücklich neben einem großen Tannenbaum saßen und leise lächelnd zusammen ihre Geschenke auspackten und anschließend zusammen Pfannkuchen aßen. All das stürzte jetzt über Mali herein und begrub sie unter sich. Die Tränen strömten ihr in Bächen die Wangen herunter als ihr bewusst wurde, wie normal alles, ihr ganzes Leben, gestern doch noch gewesen war.
Als ihre Tränen nun zum zweiten Mal versiegten, blieb nichts als eine große Leere, die jedoch so groß und schwer war, dass sie Mali mit ihrem Gewicht zu erdrücken drohte.
Sie nahm den kleinen Schlüssel behutsam in die Hand, wog in vorsichtig darin und drehte ihn immer wieder zwischen ihren Fingern. Dann steckte sie ihn das Schloss. Mit einem leisen Klicken ließ er sich drehen. Es war so leise, dass Mali es kaum wahrnahm. Mit einem weiteren Klicken ging die Schublade auf. Langsam, ganz langsam, streckte sie ihre Hand aus und zog die Schublade ein kleines Stückchen weiter heraus. Gerade so weit, dass sie mit der Hand hineingreifen konnte. Mit dem letzten bisschen Neugier, was noch in ihr war und nicht von dem Verlust ihrer Mutter zurückgedrängt worden war, fasste sie mit der Hand in die Schublade. Sie schien leer zu sein. Gerade als sie ihre Hand schon enttäuscht zurückziehen wollte, fühlte sie etwas. Ein kleines dünnes etwas. Etwas raschelte. Dann erkannte Mali, was es war. Eine Ecke. Eine Ecke eines Stücks Papier. Verwundert zog sie die Schublade noch ein kleines Stückchen weiter auf, um einen Blick hineinzuerhaschen. In ihr lagen ungefähr zehn Bögen fein säuberlich gefaltetes Papier. Bedruckt mit schwarzen Wörtern, die Mali jedoch nicht sofort entziffern konnte. Eine Welle der Unbegreiflichkeit brach über sie herein. Ihre Mutter war für ein paar Fetzen bedrucktes, beschissenes, normales Papier gestorben.
02.07
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Mali beschloss die Papiere ihrer Mutter genauer zu untersuchen. Auf der ersten Seite stand Q=5 und anschließend war es mit einer unverständlichen Zahlenabfolge bedruckt, die sich auf den anderen Seiten fortsetzte. Die einzelnen Zahlen wurden immer durch Schrägstriche getrennt. Mali konnte Satzzeichen und Lehrstellen erkennen, was sie vermuten ließ, dass die Zahlen Wörter verschlüsselten. Aber wie?
Auffällig war, dass über den einzelnen Absätzen Zahlen wie als Überschrift angeordnet waren. So stand da zum Beispiel 24.05, oder 12.09. Jedoch konnte Mali sich auch darauf keinen Reim machen. Waren das Daten? So wie in einem Tagebuch zum Bespiel? Aber das waren doch keine Tagebucheinträge, oder etwa doch? Hatte ihre Mutter Tagebuch geschrieben? Sie wurde nicht schlau daraus.
Bis in die späten Abendstunden brütete Mali übe den Zahlen. Sie vermutete eine wichtige Nachricht, die mit diesem Code aus lauter Zahlen verschlüsselt wurde. Außerdem vermutete sie, dass Q=5 wichtig zum Verständnis der Botschaft war. So wichtig, dass man es nicht verschlüsselt hatte, man jedoch alleine damit nichts anfangen konnte. Dummerweise traf aber genau das auf Mali zu. Sie konnte nichts damit anfangen.
Stundenlang probierte sie alle Möglichkeiten, die sie kannte, um den Code zu knacken, bis es zu dunkel war, um noch etwas erkennen zu können.
Erst jetzt spürte sie die Müdigkeit, die während den letzten Stunden in ihr hochgekrochen war. Müdigkeit, ein so normales Gefühl, dass es fast fremd wirkte. Müdigkeit, die sie überrollte, sodass sie es sich so gut es ging auf ihrem Bett gemütlich machte und auf der Stelle einschlief. Mali war so erschöpft, dass sie es nicht einmal mehr schaffte, die Klamotten auszuziehen, geschweige denn sich zuzudecken.
Ein dünner goldener Streifen zeichnete sich auf dem Fußboden ab. Sein Rand erreichte geradeso den Teppich. Er wurde immer dicker und dicker, bis die aufgehende Sonne das Zimmer komplett in goldenes Licht tauchte. Mali taten alle Knochen weh. Sie hatte nicht gut geschlafen. Der altbekannte Albtraum ist zurückgekehrt. Eine Gänsehaut kroch über ihren Rücken. Ob das Blut von ihrer Mutter war? Angewidert verzog sie das Gesicht. Und die unheimlichen Schatten? Waren das Geister? Aber es gab doch gar keine Geister.
Mali hievte sich aus dem Bett, ging hinunter in die Küche und begann wie in Zeitlupe auf einem Brot herumzukauen. Die Schatten und das Blut wollten ihr einfach nicht aus dem Kopf gehen. Als sie zu Ende gegessen hatte, fragte Mali sich zum ersten Mal, wie sie jetzt weiter vorgehen sollte. Hierblieben konnte sie auf keinen Fall, das war klar. Die Leute würden sich wundern, wenn sie nur noch Mali antreffen würden. Außerdem, wusste irgendjemand davon, dass Mali und die Papiere hier waren? Hatte der Mann womöglich sogar Komplizen gehabt? Nein, sie musste weg. Das Risiko konnte sie nicht eingehen. Doch wohin? Und was sollte sie alles mitnehmen? Sie holte eine große Tasche aus ihrem Zimmer und begann alles, was ihr nützlich erschien, hineinzustopfen. Die Vorstellung etwas Sinnvolles zu tun, beruhigte sie auf eine sonderbare Weise, sodass sie für ein paar Stunden nicht an ihre Mutter, die Papiere und ihren Albtraum dachte.
Als ihr gegen Mittag nichts mehr einfiel, was sie noch in die Tasche packen könnte, oder was sie noch vergessen haben könnte, holte sie die Papiere, setzte sich auf das braune Ledersofa im Wohnzimmer und fing wieder an zu überlegen, was sie bedeuten könnten. Langsam fielen ihr wieder die Augen zu. Ihr Kopf schien ihr ungewöhnlich schwer und fiel ihr auf die Brust. Langsam ließ Mali sich auf das weiche Sofa sinken, als sie ein merkwürdiges Scharren hörte. Mit einem Seufzen schlug sie die Augen auf und stand auf. Sie nahm die Papiere vom Couchtisch, faltete sie wieder zusammen und steckte sie in ihre Jackentasche. Dann erhob sie sich und drehte sich um in Richtung Tür und schrie auf. Im Türrahmen stand ein Mann. Und sie sah genau in den Lauf seiner Pistole.
10.07
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"Mitkommen", brummte der Mann.
Als Mali sich nicht bewegte schob er ein "Sofort" hinterher. Mali stand unter Schock. Sie hatte gedacht es wäre vorbei, sie wäre in Sicherheit. Der Mann unter dem Schrank war tot. Sie hatte völlig vergessen, dass er auch nach ihrem Leben getrachtet hatte. Anscheinend hatte er tatsächlich einen Komplizen. Das war gar nicht gut.
Langsam schien Malis Gehirn wieder anzuspringen. Noch war es jedoch in der Aufwärmphase. Sie versuchte sich daran zu erinnern, wie man sich bewegt, wie man aufsteht, wie man läuft. Die Minuten vergingen und sie hatte sich immer noch nicht mehr als fünf Zentimeter bewegt.
"Nun mach schon", schrie der Mann. "Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit"
Nur langsam kam Bewegung in Mali. Sie setzte einen Fuß vor den anderen und stolperte in Richtung des Mannes. Als sie ihn erreicht hatte schnellte sein Arm nach vorne. Er nahm sie in den Schwitzkasten und zog sie hinter sich her. Endlich konnte Mali wieder klar denken. Ein Adrenalinstoß durchströmte sie. Die ganze Zeit über hatte sie nur auf Autopilot gearbeitet, doch jetzt schien ihr Gehirn und ihre Reaktionsgeschwindigkeit mit einem Mal wieder da zu sein. Mit einem Ruck riss sie sich los, dreht sich um und rammte ihr Knie in den Schritt des Mannes. Der Mann stöhnte auf und ließ die Pistole fallen. Er krümmte sich am Boden zusammen.
So schnell sie konnte rannte Mali los. Aus dem Haus hinaus, einmal quer durch den Garten. Mit einem Sprung, den sie sich nie im Leben zugetraut hätte, sprang sie über den Gartenzaun und rannte weiter. Was so ein bisschen Adrenalin bewirken konnte, war immer wieder erstaunlich.
Im Laufen drehte Mali sich um und sah, dass sich ihr Verfolger derzeit wieder erholt hatte und nun hinter ihr herrannte. Mit einem erstickten Aufschrei rannte sie noch etwas schneller, zwang sich alles zu geben und bog in eine kleine Gasse ab. Mali wunderte sich, dass der Mann nicht schoss. Mit einem Blick zurück erhielt sie Gewissheit über ihre Vermutungen. Der Mann hatte die Pistole, die er fallen gelassen hatte, aus Versehen liegen gelassen. Allerdings würde Malis Vorsprung zu groß werden, wenn er jetzt nochmal zurücklief und sie holen würde. Das schien dem Mann soeben auch bewusst geworden sein, denn er fluchte laut.
Mali bog in eine weitere Gasse ab. In diesem Bezirk der Stadt kannte sie sich nicht mehr aus. Das hielt sie jedoch nicht davon ab noch etwas schneller zu laufen, als die Schritte des Mannes lauter wurden. Ein Zeichen dafür, dass er aufholte.
Malis Brust schmerzte und sie hatte das Gefühl keine Luft mehr zu bekommen. Ihre Lunge zog sich immer wieder zusammen, jedoch ohne genügend Sauerstoff einzuatmen. Zum Glück hatte das Seitenstechen, dass sie sonst immer bei Dauerläufen heimsuchte, noch nicht angefangen. Jedoch wusste Mali nicht, ob es besser war Atemnot zu haben. Sie wusste, sie würde dieses Tempo nicht mehr lange durchhalten können und der Mann war sehr schnell. Zu schnell. Das einzige, was sie jetzt noch tun konnte, war ihn abzuschütteln.
Mali bog noch einmal ab. Ihr Verfolger war dicht hinter ihr, als sie bemerkte, dass sie in eine Sackgasse geraten war.
"Jetzt habe ich dich, du freche Göre", schrie der Mann.
Mali sah sich so schnell sie konnte nach einem geeigneten Fluchtweg um. Sie fühlte sich wie ein in die Enge getriebenes Tier. Genau in dem Moment, als ihr klar wurde, dass der Mann binnen weniger Sekunden bei ihr sein würde, entdeckte sie einen schmalen Durchlass zwischen zwei Häusern. So schnell sie konnte, beschleunigte sie ihre Schritte wieder. Dann bog sie in die kleine Gasse zwischen den zwei Häusern ab. Sie war gerade um die Ecke gebogen, als sie plötzlich jemand packte und in einen Hauseingang zog. Sie wollte schreien, doch der Fremde hielt ihr mit der freien Hand den Mund zu. Mali strampelte und trat um sich und musste dabei mehr als einmal das Schienbein des Fremden getroffen haben, doch das schien ihn nicht zu stören. Immer noch hielt er Mali fest und zog sie noch etwas weiter in den Hauseingang, als Malis Verfolger nun auch in die kleine Gasse abbog. Er hatte sie nicht gesehen und Mali drückte sich noch weiter in den Hauseingang hinein. Sie versuchte so gut es ging mit den Schatten zu verschmelzen. Dazu musste sie ihren Rücken ganz dicht an die Brust des Fremden pressen, doch das war ihr in diesem Moment egal. Zu ihrem Glück rannte der Mann, der sie verfolgte, an ihrem Versteck vorbei. Mali atmete erleichtert aus. Sie rechnete damit, dass der Fremde seinen Klammergriff um ihren Brustkorb lösen würde, doch nichts geschah. Der Fremde hielt sie immer noch fest gepackt. Wütend begann Mali wieder zu strampeln, doch gegen die Kraft des Fremden hatte sie keine Chance.
Erst als ihr Verfolger komplett außer Sichtweite war, er war um eine weitere Ecke gebogen, lockerte der Fremde seinen Griff. Mali nutzte die Gelegenheit und riss sich los. Sie drehte sich so, dass sie dem Fremden direkt ins Gesicht schauen konnte und musste zu ihrer Verblüffung feststellen, dass der Fremde ein Junge, nicht viel älter als sie selbst war.
"Wer bist du?", fragte sie erstaunt.
"Das ist jetzt nicht von Bedeutung", meinte der Junge nur.
Es war wie ein elektrischer Schlag der Mali durchfuhr. Sie zuckte zurück. Die Stimme, dachte sie nur. Es ist genau dieselbe Stimme. Und das Gesicht war auch so ähnlich. Entsetzten spiegelte sich in ihren Augen, als sie den Mörder ihrer Mutter wiedererkannte. Aber das konnte doch nicht sein. Wie war er unter dem Schrank hervorgekommen? Warum hatte sie das nicht bemerkt? Sie wich entsetzt vor dem kantigen Gesicht ihres Gegenübers zurück. Ja es waren dieselben dunklen, fast schon schwarzen Augen, dasselbe markante Kinn und das kleine Grübchen auf der rechten Wange.
Der fremde Junge bemerkte, dass Mali drauf und dran war wegzurennen und hielt sie schnell wieder fest. Mali war so unter Schock, dass sie gar nicht ganz verstand, was eigentlich passierte und sie wehrte sich auch nicht. Der Junge hatte ihre Mutter ermordet, aber er hatte sie auch gerade gerettet? Was zählte jetzt? Die Erschöpfung brach über Mali herein und sie nahm alles nur noch wie durch einen Nebelschleier wahr.
Sie konnte sich nur noch daran erinnern, dass der Junge mit seiner freien Hand einen Schlüssel aus der Tasche gezogen und die Tür hinter sich aufgeschlossen hatte. Dann hatte er Mali hindurch geschoben und war mit ihr eine Treppe nach oben gegangen. Auf der Treppe hatten Malis Beine dann den Dienst verweigert und sie war gestürzt, der Junge hatte sie aufgefangen und die letzten Stufen nach oben getragen. Dort hatte er sie in ein Bett gelegt und zugedeckt. Mali war sofort eingeschlafen. Sie hatte nicht einmal mehr mitbekommen, dass der Junge beim Herausgehen die Tür mit einem Schlüssel zuschloss.
12.07.
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Als Mali aufwachte wusste sie zunächst nicht, wo sie war. Sie lag in einem Bett, aber es war nicht ihr eigenes. Der Raum, in dem es stand, war spärlich beleuchtet. Um sie herum standen nur ein Schrank, der zu zerfallen drohte, wenn man ihn auch nur berührte, und ein kleiner Tisch, auf dem ein Tablett mit Essen stand. Sofort meldete sich ihr Magen mit einem lauten Knurren. Mali fiel über das Essen her, als hätte sie tagelang nichts gegessen, was zugegebenermaßen ja auch stimmte. Seit dem Tod ihrer Mutter hatte sie nichts mehr gegessen. Der Tod. Mit einem Schlag fiel Mali alles wieder ein. Der Tod, der Mann mit der Pistole, der sie verfolgt hatte, der fremde Junge, der ihr geholfen hatte und doch gleichzeitig der Mörder ihrer Mutter war, der sie dann in dieses Haus, in dieses Zimmer gebracht hatte.
Mali stöhnte. Ihr Schädel brummte. Mit einem Seufzen ließ sie sich wieder auf das Bett fallen. Die Gabel noch immer in der Hand. Keine fünf Minuten später, war sie eingeschlafen.
Sie schlief tief und traumlos und als sie zum zweiten Mal an diesem Tag erwachte, fühlte sie sich zum ersten Mal seit dem Tod ihrer Mutter richtig bei Bewusstsein. Langsam setzte sie sich auf, ihr Kopf tat immer noch weh. Stöhnend fasste sie sich mit einer Hand an den Schädel. Ihre kühlen Finger presste sie auf ihre Schläfen, was erstaunlich guttat.
Malis Augen wanderten umher und suchten die Umgebung ab. Der Tisch, auf dem vorhin das Tablett mit dem Essen gestanden hatte, war leer. Nur noch die Gabel lag auf dem Boden. Sie musste ihr wohl aus der Hand gefallen sein. Die Vorhänge vor dem einzigen Fenster in diesem Zimmer waren zugezogen. Mali stand auf und schob sie zur Seite. Dahinter waren die Rollläden heruntergelassen, sodass Mali nicht nach draußen sehen konnte. Sie öffnete das Fenster und versuchte die Rollläden hochzuschieben. Ohne Erfolg. Sie blickte nach einem Riegel, einer Schnur, irgendetwas, mit dem sie die Rollläden hätte öffnen können, um. Ihr Blick fiel auf ein Tastenfeld neben dem Fenster. Man musste eine kleine weiße Klappe anheben, um an die Tasten heranzukommen. Deswegen war das Feld vor der weißen Wand so gut wie unsichtbar und Mali hatte es jetzt erst bemerkt. Wahllos tippte sie ein paar Zahlen ein. Das Tastenfeld piepste leise. Falscher Code. War ja auch nicht anders zu erwarten gewesen, dachte sich Mali. Sie seufzte. Alle Hoffnungen auf eine Sicht aus dem Fenster waren zerschlagen worden. Das Tastenfeld hatte gepiepst als sie die sechste Zahl eingetippt hatte. Wunderbar. Ein sechsstelliger Code. Da hatte sie erst recht keine Chance ihn jemals zu knacken.
Mali seufzte noch einmal und klopfte mit der Faust gegen den Rollladen. Er gab nicht nach. Sie hatte also keine Ahnung, wo sie sich befand. Mühsam versuchte sich Mali an den Weg zu erinnern, den sie gestern eingeschlagen hatte, aber sie musste bald schon aufgeben. In ihrer Eile hatte sie nicht darauf geachtet, wohin sie gerannt war.
