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Das Monster ist ein furchterregender Anblick: haushoch, mit glänzenden, weißen Schuppen und blutroten Krallen. Niemand wagt es, seine Lanze in das Herz des Drachen zu stoßen. Denn in dem Untier steckt die Königin. »Tötet sie, tötet sie!«, brüllt der König. Ich stehe stumm und reglos an seiner Seite. Mein Auftrag ist, ihn mit meinem Leben zu beschützen, es ist der einzige Zweck meines Daseins. Doch ich liebe die Königin mehr als mein Leben.
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Veröffentlichungsjahr: 2021
Text: Mina SolanumUmschlaggestaltung: Mina Solanum© Copyright 2021Marie RichterKapellenstr. 4A22117 [email protected] Rechte vorbehalten
Ein Bücherwurm war Mina Solanum schon immer, erste Schreibversuche hat sie bereits als Kind gemacht. Mit der ersten eigenen Veröffentlichung "Jaron und Anubail - Blut und Asche" beim Schwarzer Drachen Verlag ging 2018 ein Traum in Erfüllung
Wenn sie nicht gerade schreibt, geht sie ihrer zweiten Liebe, der Software-Entwicklung, nach. Mina Solanum studiert, arbeitet, schreibt - und schläft hin und wieder sogar - in ihrer Wahlheimat Hamburg.
Mehr auf www.mina-solanum.de
Mina Solanum
Das Feuerin unserem Blut
Kurzgeschichte
Es ist ein furchterregender Anblick. Das Monster ist groß wie ein mittleres Wohnhaus. Glänzende, weiße Schuppen bedecken seinen Leib. Seine blutroten Krallen messen eine Elle, sein Atem bringt Feuer und sein Brüllen lässt die Berge erzittern. Mit einem Flügelschlag erzeugt es so viel Wind wie ein Orkan und lässt gestandene Männer durch die Luft wirbeln. Niemand aus der versammelten Truppe wagt es, seine Lanze in das Herz des Drachen zu stoßen. Doch es ist nicht Angst, die sie aufhält. Sie haben sich um den König gruppiert und die Waffen auf das Monster gerichtet, wie es sich gehört. Doch wenn der Drache sich ihnen nähert, weichen sie zurück. Wenn er Feuer speit, heben sie nur die Schilde. Mehr als einer hat sich bereits die Hände am heißen Metall verbrannt. Der König brüllt:
»Tötet sie, tötet sie!«
Nicht einer ist bereit, seinem Befehl Folge zu leisten. Denn in dem Drachen vor ihnen steckt die Königin.
Ich besehe mir das Schauspiel eine Zeit lang, verharre stumm und reglos an der Seite des Königs. Mein Auftrag ist, ihn mit meinem Leben zu beschützen. Es ist der einzige Zweck meines Daseins. Aber auch die Männer unterstehen meinem Befehl. Ich kann ihre Qualen sehen, während der König in seiner Wut von Hochverrat und Todesstrafen schimpft. Und dann ist da noch der weiße Drache. Ich nehme weder die unüberwindlichen Schuppen noch die tödlichen Krallen, die gewaltigen Reißzähne oder den Feueratem wahr. Ich schaue nur auf seine Augen. Sie sind himmelblau, mit einem dunklen Rand um die Iris und feinen grünlichen Sprenkeln in der Mitte. Ich kenne diese Augen besser als meine eigenen. Und ich sehe Traurigkeit in ihnen, Bedauern und Sehnsucht. Nicht die Angriffslust, die die Taten des Drachen ausstrahlen. Da fasse ich einen Entschluss. Er ist waghalsig und würde auf die eine oder andere Weise den Tod nach sich ziehen. Aber es kümmert mich nicht. Für diese Frau vor mir gebe ich mit Freuden mein Leben, wenn ich ihres damit rette. Sie ist meine große Liebe.
Ich schiebe die Männer zur Seite und durchbreche ihren Schildwall. Manche schauen mich mit großen Augen an, in denen sich Angst und Dankbarkeit paaren.
»Na endlich!«, ereifert sich der König. Sie alle denken, dass ich den Drachen nun töten werde. Wenn sie nur wüssten.
Als ich mich mit langsamen Schritten dem Drachen nähere, greift dieser mich nicht an. Seine Feuerstöße und Prankenhiebe verfehlen mich um Mannslängen. Es hätte nicht deutlicher sein können, dass zwei widerstreitende Herzen in dieser Kreatur schlagen. So komme ich ganz nah an den Drachen heran. Er senkt den Kopf, auch wenn er dabei grollt und gegen unsichtbare Gegner schnappt. Ich lege die Hand an seine harten Schuppen, direkt unter seinem Auge, das so groß ist wie mein Gesicht. Ich verspüre keine Angst.
»Ich weiß, was du fühlst«, spreche ich beruhigend auf den Drachen ein. Bei den Worten zieht sich mein eigenes Herz vor unbändiger Trauer zusammen. »Aber bitte, komm zurück zu mir.« Ich streichele über die heißen Schuppen.
Ich hätte ihr zu gern versprochen, dass alles gut werden würde, dass ich es richten würde. Doch diese Lüge hätten wir beide nicht geglaubt. Und so habe ich nichts weiter zu bieten als meinen sehnlichen Wunsch, meine große Liebe noch einmal in den Armen halten zu können, noch einmal ihre weichen Lippen auf meinen spüren zu können. Einen Moment scheint die Welt den Atem anzuhalten. Der Drache wird vollkommen still, die Männer hinter mir erstarren. Dann lodern Flammen um die Gestalt des Drachen. Erschrocken ziehe ich meine Hand fort, doch die Flammen sind nicht heiß. Sie lecken über den Boden, ohne Schaden zu hinterlassen, und hüllen die gewaltige Gestalt des Drachen in einen roten Schleier. Das Herz schlägt mir bis zum Hals. Ich versuche, das Feuer mit den Augen zu durchdringen. Unerträglich langsam lichten sich die Flammen. In einer letzten Liebkosung lecken sie über die zarte, weiße Haut einer Frau. Meine Augen folgen ihnen ebenso liebkosend über lange, schlanke Beine, wundervoll geschwungene Hüften, eine schmale Taille und perfekte Brüste. Dann hebe ich den Blick zu ihrem Gesicht. Ihr Haar, blutrot wie die Krallen des Drachen, umrahmt es wie ein Vorhang. Die blassen Lippen, die feine Nase, alles ist mir so vertraut wie der traurige Ausdruck in ihren Augen. Wie die Narben, die die Raserei des Königs auf ihrer Haut hinterlassen hat. An ihren Armen, ihren Beinen, ihrem Bauch. An all jenen Stellen, wo Stoff die Haut für gewöhnlich verbirgt.
Bis jetzt.
Ich höre, wie die Männer hinter mir kollektiv nach Luft schnappen. Ihre Königin hat ihr Leid bisher gut verborgen. Ich achte nicht auf sie, ebenso wenig wie Alana. Wir haben nur Augen für einander.
»Du bist zurück«, flüstere ich dankbar.
