Das finstere Erbe von Lyoness (Lyoness 2) - Sandra Regnier - E-Book
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Das finstere Erbe von Lyoness (Lyoness 2) E-Book

Sandra Regnier

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Beschreibung

Im Kampf gegen eine neue Bedrohung muss sich die Schicksalsträgerin abermals beweisen. Entscheidet sie sich für die Krone oder die Liebe? Lyoness kann endlich aufatmen, seit Sara und ihre Gefährten die Insel vor dem Untergang bewahrt haben. Inmitten all der Veränderungen kämpft Sara allerdings noch mit ihren schwerwiegenden Verpflichtungen und wächst mithilfe von Kerr und deren gemeinsamen Zeitreisen langsam in ihre neue Rolle hinein. Derweil braut sich jedoch etwas völlig anderes über ihnen zusammen: Die lang verschollen geglaubten Drachen tauchen auf und nun droht Lyoness eine weitaus größere  – und extrem heimtückisch getarnte  – Gefahr, als Sara und ihre Freunde sich jemals vorstellen könnten. Ein Krieg steht bevor. Und auch Kerr birgt ein folgenschweres Geheimnis … Tauch ein in eine royale Romantasy voller magischer Fähigkeiten und großer Gefühle! //Dies ist der zweite Band der magischen Dilogie »Lyoness« von Sandra Regnier. Alle Bände der Fantasy-Liebesgeschichte: -- Die magische Krone von Lyoness (Lyoness 1) -- Das finstere Erbe von Lyoness (Lyoness 2) -- E-Box: Die Sammelausgabe der romantischen Lyoness-Dilogie (Lyoness) Diese Reihe ist abgeschlossen.//

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Sandra Regnier

Das finstere Erbe von Lyoness

Lyoness kann endlich aufatmen, seit Sara und ihre Gefährten die Insel vor dem Untergang bewahrt haben. Inmitten all der Veränderungen kämpft Sara allerdings noch mit ihren schwerwiegenden Verpflichtungen und wächst mithilfe von Kerr und deren gemeinsamen Zeitreisen langsam in ihre neue Rolle hinein. Derweil braut sich jedoch etwas völlig anderes über ihnen zusammen: Die lang verschollen geglaubten Drachen tauchen auf und nun droht Lyoness eine weitaus größere – und extrem heimtückisch getarnte – Gefahr, als Sara und ihre Freunde sich jemals vorstellen könnten. Ein Krieg steht bevor. Und auch Kerr birgt ein folgenschweres Geheimnis …

WOHIN SOLL ES GEHEN?

Buch lesen

Vita

Danksagung

© Claudia Toman Traumstoff

Sandra Regnier ist in der Vulkaneifel geboren und aufgewachsen. Nach der Schule und einer Ausbildung zur Beamtin wollte sie lange nach Frankreich auswandern. Stattdessen heiratete sie einen Mann mit französischem Nachnamen und blieb zu Hause. Nachdem sie acht Jahre lang im Tourismus tätig war, übernahm sie die Leitung einer Schulbibliothek und konnte sich wieder ganz ihrer Leidenschaft widmen: den Büchern. Heute schreibt sie hauptberuflich und ist nebenher viel mit dem Fahrrad unterwegs, um Ideen zu sammeln, oder träumt beim Wandern von fantastischen Welten.

FÜR CHRISTIANE

PROLOG

Die Halle war voller Menschen, doch niemand sagte ein Wort. Alle starrten ihn an, als wäre er zu einem Monster mutiert. Was er schließlich auch war.

Er war entlarvt und konnte nicht länger unerkannt bleiben. Seine Täuschung hatte ein Ende.

Aber was ihm am meisten zusetzte: Seine Tarnung endete zu früh! Er war kurz davor, den entscheidenden Hinweis zu bekommen, und nun war es, als hätte man ihm wenige Meter vor der Ziellinie eine unüberwindbare Mauer errichtet.

Die Augen der Königin verströmten Eiseskälte. Ihr Gesicht wirkte wie versteinert. Er wusste, was jetzt auf ihn zukam.

Er war der Feind. Es gab kein Versteck, keine Ausrede mehr. Er hatte lange unerkannt unter ihnen gelebt, ihr Vertrauen gewonnen. Dass er so kurz vor seinem Ziel aufflog, war eine Katastrophe.

Lyoness würde vernichtet werden. Er konnte es nicht mehr verhindern. Der Schuldspruch der Königin war deutlich. Er musste Lyoness verlassen – oder sterben.

Als er die Halle verließ, dachte er an die Prophezeiung seiner Schwester: Sara, die Frau, von der einst die ganze Welt reden, deren Namen jedes Kind kennen würde, würde für die glorreiche Zukunft oder den Untergang von Lyoness verantwortlich sein.

Er wusste nun: Sie stand für den Untergang.

DER ÜBERFALL

Ich rannte, so schnell ich konnte, während hinter mir die wütende Meute schrie: »Haltet sie! Haltet sie auf! Diebe!«

Ich schlitterte um die Ecke einer Hauswand und wollte mich kurz orientieren, doch Kerr schnappte sich im Vorbeilaufen meine Hand und zog mich mit sich.

Er schien genau zu wissen, in welche Richtung wir fliehen mussten. Hinter uns hörte ich unsere Verfolger nach Verstärkung rufen und wagte einen Blick zurück.

Von links – die Richtung, in die ich beinahe gerannt wäre – näherten sich weitere Menschen. Sobald sie uns entdeckten, begriffen sie, wer wir waren, und folgten uns.

Sie waren schnell.

Kerr rannte um die nächste Ecke, dann sah ich das Tor. Die Wachen waren soeben dabei, es zu schließen. Das konnten wir unmöglich schaffen!

Kerr schien dasselbe durch den Kopf zu gehen, denn im nächsten Moment bog er blitzschnell ab und zog mich so heftig mit sich, dass meine Schulter von dem Ruck schmerzte. Ich folgte ihm, ohne zu zögern, und passte mich ihm an, so gut ich konnte. Mir war klar, dass er seine ungeheuren Kräfte hier nicht einsetzen wollte.

Als wir eine Treppe erreichten, schoss mir durch den Kopf, ob das eine gute Idee sei. In den oberen Stockwerken gab es erst recht kein Entkommen. In dem Moment stieß er die Tür auf und wir fanden uns auf den Zinnen der Burganlage wieder.

Während wir die Mauer entlanghasteten, erkannte ich, wo wir waren: am Verrätertor des Towers. Kerr hatte es mir heute Morgen bei unserem Eintritt gezeigt, nachdem wir in London angekommen waren.

Kerr zog mich durch eine weitere Tür, sodass wir uns unmittelbar in einem Gang über dem Verrätertor befanden.

Er lief zu einem der Fenster.

»Falsche Seite«, keuchte ich atemlos, als ich sah, dass es zur Burg hineinführte statt zur Themse nach draußen.

»Vertrau mir«, sagte er nur, öffnete die beiden Fensterflügel und kletterte auf den Sims.

Etwas unsicher tat ich es ihm nach. Er grinste, nahm meine Hand und in dem Moment spürte ich endlich wieder das vertraute Ziehen in meinem Magen. Er sprang und zog mich mit und ich empfand keinerlei Angst mehr.

Wir landeten auf einem Stück Rasen, ein mir wohlbekannter Springbrunnen plätscherte ein paar Meter weiter vor sich hin und rund um den kleinen Innengarten schützten die hohen Mauern den Palast von Yslion. Kerr hatte mich während des Falls eng umschlossen gehalten, um meinen Sturz abzubremsen, sodass wir nun umschlungen und lang ausgestreckt auf dem Rasen lagen. Ich verharrte einen Augenblick lang atemlos auf ihm, meine Stirn an sein Kinn gelehnt und in mich hineinspürend, ob es noch irgendwo schmerzte außer in der Schulter. Kerr war mir manchmal eindeutig zu risikoreich. Zeitweise hatte ich das Gefühl, er würde die Gefahr regelrecht suchen, das Erwischtwerden, die Auseinandersetzung. Obwohl ich mir sicher war, dass er mich nicht gefährden wollte. Immerhin hatte er mir schon mehrfach das Leben gerettet.

»Von mir aus können wir so liegen bleiben«, murmelte Kerr, und ich fühlte seine Lippen an meiner Stirn. Sein Atem strich sanft über meine Haut.

»Weißt du, Kerr, Grady war ein Rebell durch und durch, und doch war das Leben mit ihm wesentlich entspannter als mit dir.«

»Das werte ich als Kompliment«, murmelte er. »Wenn du Grady als Rebellen bezeichnest, war er wohl ziemlich langweilig.«

»Und als was soll ich dich bezeichnen?«, fragte ich.

»Draufgänger?«

»Irgendwie kommt mir eher Angeber in den Sinn«, nuschelte ich an seinem Hals. »Oder Selbstmörder.«

Ich spürte sein Glucksen unter mir.

»Wenn schon Angeber, dann vielleicht draufgängerischer und attraktiver Angeber?«

»Darauf geb ich dir keine Antwort, du bist eingebildet genug«, entgegnete ich stöhnend, dennoch entschlüpfte mir ein Kichern. »Hast du gar keine Angst?«

»Weshalb sollte ich? Du bist doch bei mir. Du hast mich sogar im Krönungsturm gerettet.«

Jetzt musste ich laut lachen. Das war wohl eher umgekehrt gewesen. Er hatte sich in diesen Turm geschlichen und einer riesigen Höhlenspinne den Garaus gemacht.

»Aber bevor wir weiter Loblieder auf deine Heldentaten singen, wäre es vielleicht besser, sich unseren Fund anzusehen.«

Ich hob den Kopf und stützte mich mit den Armen neben seinem Oberkörper ab, damit ich sein Gesicht sehen konnte – und er mein breites Grinsen. »Du meinst, unser Diebesgut?«

»So kann man es natürlich auch nennen«, gab er unverfroren zu. »Ich muss schon sagen, für eine Königin bist du eine erstaunlich gute Diebin und Schauspielerin.«

Kichernd rollte ich mich von ihm hinunter und setzte mich. »Das liegt garantiert daran, dass du mich meine Position vergessen lässt«, sagte ich freimütig und ließ meine Schulter kreisen. Der Schmerz ließ zum Glück bereits nach. »Willst du es sehen?«

»Wie wäre es, wenn du es mir vorliest?«, fragte Kerr und setzte sich ebenfalls auf.

»Heute Abend wieder.« Ich griff in die Innentasche meiner Weste, holte das in Leder gebundene Büchlein heraus und reichte es Kerr.

»Ehrlich, Sara, du solltest mehr Lesen üben«, sagte er mit leisem Vorwurf in der Stimme, nahm es aber an sich und schlug es auf.

Ich wartete gespannt. Eine Weile sagte Kerr nichts, doch dann hob er erstaunt seine Augenbrauen, während sein Mund sich leicht öffnete.

»Was?«, fragte ich unruhig. »Was steht da?«

Er las den Abschnitt zu Ende, ehe er sich mir zuwandte. Seine türkisblauen Augen sahen mich durchdringend an.

»Der Druide Mellan hat recht behalten. Der Erzdruide kannte den korrekten Schutzzauber für Lyoness.«

Ich wedelte ungeduldig mit der Hand, damit er weitersprach.

»Es handelt sich um einen Zauberspruch, der die Insel aus dem Wasser hebt. Nach der Anwendung sollen die noch zum Teil überfluteten Landstriche wieder trocken sein.«

»Und wie lautet dieser Zauberspruch?«, fragte ich erwartungsvoll.

»Das ist das Problem«, erwiderte Kerr. »Er steht hier, aber ich kann die Sprache nicht und weiß demnach nicht, wie er ausgesprochen wird. Unausgesprochen ist er unwirksam.«

»Hast du eine Idee, wer uns helfen könnte, ihn zu übersetzen oder die korrekte Artikulation hinzubekommen?«, wollte ich wissen.

Kerr sah mich lange an.

»Das glaubst du mir sowieso nicht.«

Kerr konnte durch die Zeit reisen und wusste nicht, wie alt er genau war – was sollte ich dann noch immer nicht glauben können?

»Es ist eine Drachensprache, die ich nicht beherrsche«, gab er schließlich zu.

Nun gut. Das glaubte ich tatsächlich nicht. Wenn ich an eines nicht glaubte, dann waren es Drachen.

BITTGESUCHE

»Meine Königin, endlich habe ich dich gefunden!«

Anson eilte über den kleinen Kiesweg auf uns zu. Schlagartig endete meine Zeit als unbekümmerte Zeitreisende und ich wurde unbarmherzig in meine Position als Königin zurückgedrängt. Sofort spürte ich, wie sich ein Felsbrocken auf meine Schultern ablud.

»Ich glaube, der ist in dich verliebt«, raunte mir Kerr zu. Schon während unserer Reise durch Lyoness hatte er mir das gesagt. Ich knuffte ihn in die Rippen und zog eine Grimasse, natürlich so, dass Anson sie nicht sah.

Schwerfällig erhob ich mich. Kerr sprang leichtfüßig neben mir hoch.

»Rois lässt dich schon überall suchen. Die Bittsteller warten«, sagte Anson ein wenig atemlos. Er nahm seine Position als Bote innerhalb des Palastes sehr ernst.

Damit wollte er Rois vermutlich deutlich machen, dass er mit den Druiden wirklich nichts mehr gemein hatte, auch wenn er vor der Schlacht einer ihrer Zöglinge gewesen war. Ständig lief er zwischen allen hin und her, überbrachte Termine für Zusammenkünfte oder einzelne Treffen. Aber auf meine Person legte er ganz besonderen Wert. Er tauchte mindestens fünf Mal am Tag auf, um mir irgendeine Nachricht zu übermitteln – und sei es nur, dass das Essen fertig war, was ich ja dank des Duftes wusste, der dann durch die Gänge wehte. Meine Vermutung war, dass er mir damit seine Dankbarkeit beweisen wollte, weil ich ihn aus dem Karzer befreit hatte. Kerr dachte allerdings anders: Er unterstellte Anson romantische Gefühle.

»Ich muss mich erst umziehen, ehe ich den Bittstellern und Rois gegenübertrete. Ich bin gleich da«, erklärte ich. Anson neigte den Kopf und eilte wieder davon, um den anderen meine Verspätung mitzuteilen. Keinesfalls würde ich in Kleidung vor den Rat treten, die der Zeit von Richard III. von England entsprach. Vor allem wegen der Hosen, die ich trug – als Königin nicht unbedingt würdevoll.

Kerr schien das anders zu sehen. »Du hast schöne Beine, zeig sie ihnen ruhig«, meinte er mit einem neckischen Grinsen und zwinkerte mir zu.

Ich knuffte ihn erneut. »Ich versuche mich wenigstens einigermaßen in die Rolle einer Königin einzufinden. Verkleidungen sind da nicht hilfreich.«

»Weißt du, Sara, das ist Ansichtssache. Wenn du wolltest, könntest du in jeder Aufmachung königlich wirken. Das hat nicht unbedingt etwas mit Kleidung zu tun, sondern mehr mit dem Auftreten.«

»Ich bin nicht Grady«, antwortete ich sofort und dachte daran, wie sehr er die Aufmerksamkeit genossen hatte.

Kerr sah mich nachdenklich an. »Nein, das bist du nicht«, sagte er endlich. »Warst du bei Sive?«

Sofort überkam mich das schlechte Gewissen.

»Sara.« Kerr umfasste sanft meinen Ellbogen. »Sie ist immer noch die Frau, die dir jahrelang wie eine Schwester zur Seite stand. Glaubst du nicht, sie braucht dich?«

»Sie hat mich verraten. Schlimmer noch, sie hat Grady verraten, und der war wirklich ihr Bruder«, erwiderte ich trotzig, auch wenn ich wusste, dass er recht hatte. Ich war feige. Zu feige, um mir ihre Gründe anzuhören. Vielleicht auch zu feige, um mich der Wahrheit zu stellen. Einer Wahrheit, die ich vielleicht nicht hören wollte, weil darin Neid eine Rolle spielte. Ich wollte nicht, dass Sive, mit der ich so viele Jahre zusammengelebt hatte, neidisch auf mich war.

Vor allem, weil ich sie seit jeher für ihre magische Fähigkeit bewundert und mir gewünscht hatte, sie ebenfalls zu besitzen. Heilen und Menschen direkt Linderung verschaffen zu können, war schlicht großartig und wahrhaft begnadet. Und Sive war dazu in der Lage. Doch mit ihrem Attentat auf mich hatte sie diese eindrucksvolle Magie verspottet.

»Geh zu ihr, Sara«, sagte Kerr leise und ließ seine Hand zärtlich zu meinem Handrücken gleiten.

Ich seufzte und nickte. Aber zuerst würde ich die Bürgerversammlung mit ihren Bitten aufsuchen – und mir noch ein bisschen Zeit verschaffen.

–––

Als ich, in eines der neuen Kleider gewandet, die Vorhalle betrat, in der wir uns für Besprechungen trafen, waren nicht nur Rois und Delma anwesend, sondern auch Keenan, Riona, Gwyned und Bran. Sie standen im Kreis und redeten wild durcheinander. Ich hörte Satzfetzen wie »fehlendes Kapital«, »nicht genug Material«, »Vertreterbesuch« und »Handelsabkommen ungültig«. Nicht eines dieser Worte hatte eine positive Wirkung auf mich. Wie vor jeder Bittstellersitzung waren alle ein wenig nervös. Wir hatten schnell festgestellt, dass wir nicht alle Bittsteller gleichermaßen mit unseren Urteilen zufriedenstellen konnten und es oft zu lautstarken Protesten kam. Bei den letzten Malen waren zwei Personen so ausfällig geworden, dass die Wachen sie gewaltsam aus dem Saal werfen mussten. Ich wusste, dass Grady gedacht hatte, sein Urteilsvermögen könne alle beschwichtigen. Grady hatte so viele Visionen von einem freien Lyoness gehabt, und damit war er für unzählige Menschen ein Held gewesen, der künftige Herrscher von unserem Inselreich. Doch er war getötet worden – wegen einer irrsinnigen Anklage. Und sein von den Druiden willkürlich herbeigeführter Tod hatte eine Rebellion ausgelöst, die seinen größten Traum dann tatsächlich wahr gemacht hatte.

Vielleicht hätte Grady es schaffen können, alle zu beschwichtigen und das Reich so zu leiten, dass alle Bürger höchst zufrieden waren – wie er es sich erträumt hatte –, aber langsam glaubte ich nicht mehr daran, schließlich sah die Wirklichkeit gänzlich anders aus. Gradys Ideen und Visionen waren eben Theorien gewesen. Wir hatten allesamt schnell festgestellt, dass sich manche einfach nicht umsetzen ließen, egal wie akribisch sie geplant waren. Wie zum Beispiel die gerechte Urteilsfindung. Kerr hatte es deutlich gesagt: Man konnte nie alle gleichermaßen zufriedenstellen. Dafür waren die Menschen zu unterschiedlich, mit zu unterschiedlichen Erwartungshaltungen und zu unterschiedlichen Bedürfnissen.

Das hatte uns zum Nachdenken gebracht, weshalb wir diesen Bittstellertagen einigermaßen nervös entgegensahen. Besagte Nervosität hatte schon deutlich um sich gegriffen. Meine Freunde standen da und diskutierten so heftig, dass sie mich gar nicht wahrnahmen.

Kerr war schon da und trug wieder die für Lyoness typische Kleidung. Ich mochte sein dunkelblaues Wams auf dem weißen Hemd. Es hatte hübsche azurblaue Stickereien, passend zu seinen Augen. Er entdeckte mich als Erster und zwinkerte mir zu. Das bemerkte Riona.

»Na endlich«, sagte Riona, als ich näher trat.

»Habt ihr gefunden, wonach ihr gesucht habt?«, fragte Keenan spitz.

Ich hatte das Gefühl, Keenan wäre gern bei den Zeitsprüngen dabei. Er war immer seltsam kurz angebunden, wenn Kerr und ich zurückkehrten, so als würde er den größten Spaß seines Lebens verpassen, den wir in seinen Augen haben mussten, wo immer wir gerade waren.

»Ja und nein«, antwortete Kerr für mich. »Wir haben zwar die Formel gefunden, die die Insel aus dem Wasser hebt, können sie aber nicht nutzen.«

»Und wo müsst ihr dafür hinspringen? Wieder in die Zukunft in vierhundert Jahren? Oder zur Abwechslung mal in die Vergangenheit, ehe Lyoness entstand?« Keenan lehnte sich an die Wand hinter ihm und kreuzte die Arme vor der Brust.

»Das wäre keine dumme Idee«, meinte Kerr, der Keenans schroffen Ton einfach ignorierte. »Dort finden wir garantiert jemanden, der uns helfen kann. Nur ob der kooperiert?«

»Von wem redest du?«, fragte Gwyned erstaunt.

»Drachen«, antwortete ich dieses Mal für Kerr und verdrehte gleichzeitig die Augen. »Die Zauberformel ist anscheinend in Drachensprache gehalten. Was auch immer man darunter versteht.«

»Die konnten sprechen?«, fragte nun Bran und legte den Kopf schief.

»Vermutlich klang das genauso wie mein ehemaliger Nachbar, wenn der zu tief ins Glas geschaut hat«, meinte Riona grinsend. »Grunzen, Knurren und kehlige Laute, die bei ihm allerdings ein Lied sein sollen.« Gwyned und ich kicherten. Wir kannten besagten Nachbarn und Riona hatte ihn sehr gut beschrieben.

»Können wir bitte zum Thema kommen, wo nun endlich alle da sind?« Rois laute Stimme hallte durch den Raum. Sein Auge funkelte ungehalten und die schwarze Binde über dem anderen schien unter den Stirnfalten kleiner zu werden. »Die Bittsteller warten.«

Großer Drache, es ging wieder los. Ich atmete tief durch und hüpfte auf der Stelle auf und ab, als wenn ich mich für eine besonders anstrengende Kampfübung bereit machte.

»Du bist doch kein Grashüpfer«, raunte Kerr mir ins Ohr. »Schreite wie die Königin, die sie sehen wollen.«

Sofort stand ich betroffen still. Stimmt. Ich war die Königin. Ich sollte mich königlich verhalten. So ein Mist.

Rois führte uns in den Prunksaal. Direkt hinter ihm ging ich, während der Rest meiner Freunde mir in geringem Abstand folgte. Delma bildete den Schluss.

Als sich die Tür hinter uns schloss, blieb mein Blick an der reparierten Decke hängen, deren Fresken aufgrund der Trümmerstellen noch immer große weiße Stellen aufwiesen. Nach und nach ließen wir uns auf unseren Plätzen auf dem Podium nieder und warteten auf die Bittsteller. Seit wir vor einigen Wochen die Regierung übernommen hatten, gab es jede Woche einen Tag, an dem sie ihre Anliegen vortragen konnten. Meist handelte es sich um finanzielle Unterstützung zum Wiederaufbau der zerstörten Häuser. Manchmal brauchten sie auch Hilfe bei einer Streitschlichtung.

Dieses Mal war es zuerst nicht viel anders. Doch dann, nach fünf Anträgen für Geld und einem gerechten Urteil, teilte sich die Menschenmenge, und zwei Frauen und drei Männer kamen durch die Mitte auf uns zu. Alle trugen fremdländische Kleidung und jeder von ihnen hielt einen langen Stab mit einer kleinen Wappenfahne in der Hand. Rois schien überrascht, denn ich hörte ihn murmeln: »Die waren aber flott.« Anscheinend wusste er, wer die fünf Personen waren.

»Hast du sie erwartet?«, fragte ich ihn leise, und er nickte: »Nur nicht so schnell. Da scheint es jemand sehr eilig mit einer Verbindung zu haben.«

Die fünf standen nun unmittelbar vor meinem Thron. Rois stellte sie vor – es handelte sich um Vertreter aus Wales, Armorica, Lothian, Cornwall und Aquitanien, und ein jeder von ihnen überbrachte eine Einladung, ihr Land zu besuchen und die Vorzüge einer Partnerschaft kennenzulernen. Unser aller Angespanntheit wandelte sich rasch in Neugier, doch mit den Einladungen überkam mich ebenso Ratlosigkeit.

Ich sah ein wenig panisch nach links und rechts zu meinen Freunden und Unterstützern. Wie sollte ich all diese Länder bereisen, wo es hier so viel zu tun gab? Die Reise durch Lyoness vor einigen Wochen war schon aufregend gewesen und hatte deutlich gemacht, wie viel Arbeit vor uns lag, und jetzt sollte ich das auch noch fürs Ausland übernehmen?

Eine Frau in einem auffallend blauen Umhang trat einen Schritt vor. Sie legte einen Stoff auf die Stufen, der in glänzendem Rosa gewebt war. Im Licht der Sonnenstrahlen, die durch die Fenster schienen, schimmerte der Stoff wie ein Fixstern.

»Das ist ein Geschenk meines Herzogs für die Königin von Lyoness«, erklärte die Frau. »Wie du bestimmt weißt, Königin, ist unser Herzog noch jung und voller Tatenkraft. Er entsendet seine ehrwürdigsten Grüße und äußert den Wunsch, dich näher kennenzulernen und dir Aquitanien zu zeigen. Aquitanien ist ein sehr reiches, vielfältiges Land; nirgendwo findest du saftigeres Getreide und Obst, und unsere Spinnereien werden von auserlesener Wolle wie dieser hier gemacht.«

Sie deutete auf den Stoff. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Ich hatte kein Auge für schöne Stoffe, auch wenn sie schimmerten, als wäre Gold darin eingewebt. Riona und Gwyned dagegen hatten leuchtende Augen.

»Was genau bezweckt der Herzog mit dem Geschenk?«, fragte Kerr freundlich.

»Ist das nicht offensichtlich?« Die Frau riss erstaunt die Augen auf. »Er möchte um die Königin freien und bittet um ihre Erlaubnis, ihr weitere Geschenke machen zu dürfen.«

Ich erstarrte.

»Ist er nicht verheiratet und hat erwachsene Töchter?«, fragte Bran.

»Unser Herzog hat viele männliche Verwandte, die ihm sehr nahestehen«, erklärte die Frau und strahlte dabei.

»Aber der kennt Sara doch gar nicht«, platzte es aus Keenan heraus. »Und Sara kennt ihn nicht. Sollten die beiden sich nicht wenigstens mal …« Keenan verstummte, weil Bran ihm einen Ellbogen in die Rippen gestoßen hatte.

»Damit wären wir bei meinem nächsten Anliegen, Majestät«, sagte die Frau. Sie hatte, genau wie alle anderen, ein amüsiertes und etwas konsterniertes Grinsen im Gesicht. So, als wäre Keenan extrem naiv. Oder wir alle.

»Der Herzog möchte dir nicht nur sein wunderschönes Land zeigen, sondern dir auch einen Vorschlag unterbreiten, der mit dem kostbaren Kristall zusammenhängt, für den Lyoness so berühmt ist.«

»Der König von Lothian hat auch Interesse an einer Verbindung mit Lyoness«, drängte sich nun ein Mann vor. »Oder sagen wir: Er möchte sich gern mit der Königin verloben. Und dabei ist es unser König selbst, kein Verwandter.«

»Auch Cornwall würde sich geehrt fühlen, die Königin von Lyoness bewirten zu dürfen«, sagte ein anderer Mann. Alle blickten mich erwartungsvoll an und ich sah bereits den vierten Mann und die fünfte Frau Luft holen. Was zum Drachen sollte ich nun tun? Ich konnte unmöglich alle direkt vor den Kopf stoßen. Ich wollte nicht gefreit werden.

Perplex starrte ich nach vorn und dachte über eine Entschuldigung nach, als mir Rois zu Hilfe kam.

»Die Königin ist sehr erfreut über die Einladungen und das Geschenk«, sagte er ehrerbietig mit einer kleinen Verneigung vor den Abgeordneten und deutete einem Diener an der Seite, er solle den Stoff aufheben, als die Gesandten von hinten auseinandergeschubst wurden. Der aus Wales fiel zur Seite und der aus Lothian strauchelte, als sich jemand mit einer tief ins Gesicht gezogenen Kapuze vorbeidrängelte. Eine Messerklinge blitzte im Sonnenstrahl auf und fuhr auf die Frau aus Aquitanien nieder. Blut quoll augenblicklich aus ihrem hübschen blauen Kleid, und ehe wir es richtig begriffen, hetzte das Bündel, das das Messer hielt, direkt auf mich zu.

Der Bote aus Lothian warf sich von hinten auf den Attentäter. Keenan sprang vor, doch Kerr war noch schneller – er warf sich in voller Länge über den Attentäter. Jetzt erst bekam ich die Schreie mit, die durch die Halle gellten: Rois schrie nach Wachen, während Delma »Die Königin! Bringt die Königin weg« schrie, sodass ich schmerzhaft am Oberarm gepackt und vom Thron gezerrt wurde. Ich riss mich frei und verpasste demjenigen, der mich wegzerren wollte, einen heftigen Stoß. Es war Anson, der rücklings gegen Bran taumelte, der seinerseits nun ebenfalls arg schwankte und von Gwyned und Riona gehalten wurde. In der riesigen Halle schallten spitze Schreie, Rufe und Anordnungen durcheinander. Es brach ein Riesentumult aus, und ich wusste gar nicht mehr, was ich denken sollte.

»Aufhören! Ruhe!«, rief ich, weil mir nichts anderes einfiel.

Doch es wirkte. Die Rufe und Schreie verstummten, die Rangelei der Menschen, die teils sehen wollten, was geschehen war, und teils nach draußen in Sicherheit wollten, hörte auf.

Den Dolch hatte die Frau aus Armorica an sich genommen. Das schmutzige Bündel lag unter Kerr und rührte sich nicht mehr. Bestürzt erkannte ich, dass es sich bei dem Attentäter um einen Jungen handelte. Er war jünger als Anson und seine Augen wanderten schreckgeweitet von mir zu der blutenden Botschafterin aus Aquitanien.

»Ist jemand hier, der der Frau helfen kann?«, fragte Riona in die plötzliche Stille.

Sofort meldeten sich verschiedene Hände aus der Menge und kamen nach vorn. In Begleitung von Delma wurde die Botschafterin mit dreien weggeführt, die sich gemeldet hatten.

»Er ist von Mellan geschickt worden«, sagte Riona leise zu uns, die wir in ihrer Nähe standen.

»Woher kommst du?«, fragte Bran, der Anson wieder von sich geschoben hatte und nun einen Schritt vortrat. Er hatte sein Aussehen verändert, stellte ich überrascht fest. Seine rotbraunen Haare waren mit weißen Strähnen durchzogen, sein Gesicht sah aus wie das eines vierzigjährigen Mannes, Falten zierten Augen und Mundwinkel, der Hals war sehniger.

Warum hatte er seine Magie eingesetzt? Ich warf Riona einen fragenden Blick zu, und indem sie auf sich wies, bedeutete sie mir, dass sie ihm dazu geraten hatte.

Es schien zu wirken. Der Junge sah Bran ehrfürchtig an.

»Aus Una«, quiekte er leise. »Ich wollte … ich wollte … «

Doch der konnte nicht wirklich sagen, was er wollte, weil Kerr ihn immer noch im Schwitzkasten hielt.

»Bitte lass ihn los, Kerr«, sagte ich daher.

Sobald Kerr aufstand, rappelte sich der Knilch umständlich hoch, seine Kapuze fiel nach hinten, man sah deutlich den rasierten Kopf, und Brans Wirkung auf ihn schien mit einem Mal zunichte, denn augenblicklich wollte er wieder auf mich losstürmen. Er kam keinen Fingerbreit weit, als er von Keenan und Kerr zu beiden Seiten gepackt und festgehalten wurde.

»Lasst mich los. Ich will sie nicht töten, nur stark verletzen, denn ich soll der todbringenden Königin und allen ihren Anhängern was ausrichten«, zischte der Junge. »Der Erzdruide schickt mich. Die Städte Una und Bagnerole haben ihren Irrtum bereits erkannt und sich wieder der wahren Macht angeschlossen. Der Erzdruide bietet Yslion und der Rebellenkönigin an, bei einer friedvollen Übergabe keine Rache am Volk üben zu wollen.«

»Soll ich ihm direkt den Mund stopfen oder lassen wir ihn an seiner Gehässigkeit ersticken?«, fragte Keenan in die Stille, die sich nach den Worten über die Halle gelegt hatte. Vereinzelt kicherte jemand. Die Spannung löste sich etwas.

»Stellt sich die Frage, ob er manipuliert wurde oder ein guter Zögling der Druiden ist«, überlegte Riona laut.

Bran nickte. Er nahm sein normales Aussehen wieder an und ich sah die Augen der ausländischen Boten so groß wie Teller werden.

»Mag sein, es ist dennoch äußerst ungünstig, dass er eine ausländische Botschafterin verletzt hat«, flüsterte Rois, sodass nur wir es hören konnten. »Wir brauchen jetzt ganz viel Fingerspitzengefühl für Aquitanien. Am besten eine edle Geste, ein nobles Geschenk, um den Herzog zu beschwichtigen.«

»Ich will aber keinen seiner männlichen Verwandten heiraten«, flüsterte ich entsetzt.

»Das brauchst du auch nicht, meine Königin«, sagte Rois noch leiser, sodass nur ich es mitbekam. »Trotzdem dürfen wir niemanden so vor den Kopf stoßen. Deine Heirat benötigt eh viel mehr Verhandlungsgeschick und wird nicht von einem Stück Stoff abhängig gemacht. Immerhin bist du Lyoness.«

Ich wusste nicht wirklich, was er damit sagen wollte. Hieß das, ich müsste tatsächlich irgendeinen dieser fremden Anwärter heiraten? Keenan hatte es auf den Punkt gebracht: Die kannten mich doch gar nicht. Und ich die nicht.

»Aufgrund der unerwarteten Ereignisse beenden wir vorzeitig die Anhörung«, rief Rois, und sogleich machte sich die Menge murrend und laut raunend auf den Weg Richtung Ausgang. Die Botschafter allerdings blieben stehen, als beträfe es sie nicht.

»Nein!«, rief jemand und drängte sich gegen die Masse auf den Thron zu. »Nein, nein, es ist wichtig, was ich zu sagen habe.«

»Der ist gerade erst reingekommen, ich hab’s genau gesehen«, murmelte Gwyned, die noch oben auf dem Podest neben dem Thron stand. Keenan und Kerr übergaben den Druidenjungen zwischen ihnen zwei Soldaten, die ihn sofort abführten.

Bran sagte: »Lass uns gehen, Königin Sara«, und ich stieg die Stufen hinab, um den anderen durch die Tür ins Innere des Palastes zu folgen. Doch ich warf einen letzten Blick zurück.

Der Mann schlängelte sich, seine Ellbogen einsetzend, weiter zu uns durch.

»Königin Sara! Ich komme aus Deira und bin, so schnell ich konnte, hierhergeeilt. Vor der Küste bei Trevlys berichtet man von einem Ungeheuer. Die Seherinnen in Deira sind außer sich vor Sorge. Es spie Feuer und sein Schwanz war so lang wie der Pugh, und als es mit dem Schwanz ins Wasser peitschte, merkte man die Wellen bis in die Marschen, die Sümpfe von Alvion. Im Orakel wurde es gesehen. Es wird Lyoness angreifen und vereinnahmen, wenn wir nichts tun!«

»Sara, das ist absoluter Quatsch«, sagte Gwyned und schnaubte abfällig. Ich wusste, warum Gwyned das sagte. Die Druiden hatten immer wieder von Seeungeheuern oder den Großen Drachen berichtet, die die Küste beschützten oder die Fischer gefährdeten, die sich allzu weit hinauswagten – sofern sie nicht eine Opfergabe für ihre Fahrt entrichteten, und das natürlich nur bei den Druiden im Tempel. Gwyned hatte Grady bei einem unserer ersten Treffen berichtet, dass man in Deira ausschließlich beratschlagte, wie man solche Gerüchte unters Volk streute, um die Orakel-Aufsucher zu mehr Spenden zu veranlassen. Je gruseliger und beängstigender diese angeblichen Sichtungen waren, desto eher waren sie bereit, für ihre Sicherheit zu zahlen. Gwyned hatte Grady und mir und uns allen versichert, dass diese Gerüchte erstunken und erlogen waren, es noch nie ein Ungeheuer gegeben hätte und sie das Gespräch unter den obersten Druiden von Deira durch Zufall belauscht hatte. Damit hatte sie Grady noch mehr Stoff für seine geheimen rebellischen Reden gegeben.

»Ich dachte, diese Gerüchte hätten sich endgültig mit dem Fall der Druiden gelegt«, murmelte Rois neben mir und sprach damit aus, was wir alle wohl dachten.

»Ich kümmere mich darum«, sagte Riona und blieb zurück.

»Was geschieht mit dem Jungen? Der war doch nicht älter als dreizehn«, sagte ich zu Kerr. Kerr schien mit den Gedanken ganz woanders. Vielleicht auch bei dem kleinen Druiden?

»Ich sollte mal nach ihm sehen. Obwohl er mit Sicherheit direkt in den Karzer kommt«, sagte er, wandte sich abrupt um und ging.

Der Karzer war für Druiden der wohl einzige Ort, wo sie kein Unheil anrichten konnten. Allerdings war er auch der düsterste Fleck von ganz Lyoness.

»Der Junge wurde manipuliert«, sagte Gwyned leise.

»Siehst du das oder glaubst du das nur?«, fragte Keenan.

Gwyned zuckte die Achseln. Vermutlich wusste sie es selber nicht genau. Delma lud die ausländischen Boten – in meinem Namen – für ein paar Tage in den Palast ein, um sich zu stärken, die Königin und den Rat kennenzulernen und sich von dem neuen Lyoness ein Bild zu machen. Dem Großen Drachen sei gedankt für Delmas Weitsicht, die anderen hätte ich beinahe vergessen.

Ich ging durch die Tür; für heute hatte ich genug Aufregung gehabt, und es war offensichtlich, dass es wegen der Vorfälle noch keine Pause geben würde.

Kaum hatten wir die große Halle verlassen, bat uns Rois in unseren Versammlungsraum, direkt bei der Bibliothek. Der Raum war eigentlich kein Raum, sondern eher ein kleiner Saal, recht schlicht von den Wänden her, bis auf ein paar eingemeißelte Ranken an den Fenstern. Es gab einen Tisch und Stühle für jeden vom Rat und Fenstervorhänge, die die Zugluft fernhielten, damit die Papiere nicht ständig aufgewirbelt wurden. Hier kamen wir täglich zusammen, um ein paar der wichtigsten Aufgaben, aber vor allem die dringlichsten Probleme zu besprechen, die unsere junge Regierung hatte, und Lösungen zu finden.

Dieser Raum war gewählt worden, weil er und die Bibliothek ein Stück abseits lagen und damit vor fremden Ohren etwas geschützter waren. Die Druiden mochten besiegt sein, doch ihre manipulierten oder auch loyalen Anhänger konnten sich auch im Palastpersonal befinden. Daher hatte Rois, direkt nachdem unsere Privatgemächer Türen erhalten hatten, auch hier für eine Tür gesorgt. Sogar eine, die man verriegeln konnte.

Die Tür war noch nicht geschlossen, als Rois auch schon anfing. Er war sichtlich aufgebracht, sein Auge funkelte, sein Gesicht wirkte ernst, seine Hände fuhren nervös durch seine Haare und ließen beinahe seine Augenbinde verrutschen.

»Meine Königin, der Vorfall vorhin ist nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. Wir werden den Jungen ausgiebig befragen, mit wem er Kontakt hatte, und entsprechende Maßnahmen ergreifen. Für die auswärtigen Botschafter sollte morgen Abend ein Bankett stattfinden. Ein sehr festliches Bankett mit Musik und erlesenen Speisen. Vielleicht finde ich auch ein paar Akrobaten, die mit etwas Magie unsere ehrwürdigen Gäste beeindrucken können. Man darf sie keinesfalls vor den Kopf stoßen, ihr Besuch ist ja beinahe so, als wären die Fürsten selbst vor Ort. Edler Bran, deine Verwandlung vorhin war hervorragend im Zeitpunkt. Damit hast du die Vertreter der Länder von dem schändlichen Attentat abgelenkt und gezeigt, was in Lyoness möglich ist.«

Brans Wangen röteten sich leicht. Er hatte seine Magie immer als völlig unnötig empfunden.

»Was meinst du mit Bankett, Rois?«, fragte ich, weil wir noch nie ein Bankett gegeben hatten.

»Damit meine ich ein Festmahl und unterhaltsamen Abend, ähnlich jenen, wie man sie auf unserer Rundreise zu deinen Ehren und zu Ehren der dich begleitenden Regenten gegeben hatte.«

Das schien eine gute Idee, sofern die verletzte Botschafterin auch daran teilnehmen konnte.

Als hätte sie meine Gedanken vernommen, öffnete sich die Tür und Delma trat ein. »Die Frau ist versorgt«, sagte sie. »Die drei, die ihr geholfen haben, besitzen zwar nicht Sives Magie, aber sie konnten die Wunde so versorgen, dass die Frau in wenigen Tagen wieder komplett gesund ist. Nur eine Narbe wird bleiben. Leider, leider gibt es nicht viele mit Heilkräften, die ihre Magie wirklich erlernen und einsetzen konnten, weil sie stets in Angst vor den Druiden lebten.«

Die Erwähnung von Sive versetzte mir wieder einen Stich. Wir alle wussten, dass sie sehr begabt war.

»Es ist gut, dass die Botschafterin bald wieder gesund ist«, meinte Kerr, und wir nickten zustimmend.

Rois nahm den Faden wieder auf.

»Allerdings steht noch mehr an, dem wir uns widmen müssen.« Er setzte sich nie zu uns an den Tisch. Er bestand darauf, seine Position als Berater beizubehalten. »Wir müssen den Druidenjungen verurteilen, ob manipuliert oder freiwilliger Attentäter, sei einmal dahingestellt. Die Druiden und ihre Anhänger sollen wissen, dass die neue Regierung in dieser Richtung hart durchgreift. Dazu aber später, es gibt noch mehr. Was jetzt kommt, ist wichtiger als alles zuvor. Teile von Lyoness sind noch unter Wasser, wie zum Beispiel die Stadt Una. Auch was die Seher im Orakel aus Deira uns mitteilten, sollte wenigstens überprüft werden. Delma hat diesbezüglich auch einen Plan, den sie dir und den Regenten gern erörtern würde.« Ein schelmisches Lächeln huschte unerwartet über Rois’ Gesicht. »Und viele weitere Pläne, aber das kann sie euch selber mitteilen.«

Das wunderte mich nicht. Delma hatte erstaunlich viele Pläne vorbereitet, seit wir die Regierung bildeten.

Delma trat einen Schritt vor. »Ich würde gern auf das Seeungeheuer zu sprechen kommen, von dem der Mann aus Deira vorhin gesprochen hat.«

Bran stöhnte laut auf. »Delma, du nimmst das doch nicht etwa ernst?«, fragte er.

»Das tue ich tatsächlich«, sagte sie ruhig.

»Warum?« wollte Gwyned wissen.

»Kerr ist es auch aufgefallen«, entgegnete sie, und wir drehten alle unsere Köpfe zu Kerr. Er sah uns der Reihe nach an, kein bisschen verlegen oder durch die geballte Aufmerksamkeit verschämt. Wie konnte Delma das wissen? Sie war mit der verletzten Botschafterin und den Heilern aus dem Saal gegangen! Nicht zum ersten Mal beschlich mich das Gefühl, sie könne Gedanken lesen. Was liest sie sonst noch in Kerr?, fragte ich mich unwillkürlich. Bei der nächsten Gelegenheit würde ich sie darauf ansprechen.

Kerr seinerseits nickte ob ihrer Worte und sagte ruhig: »Mich machen die Erzählungen von dem Feuerspeien und dem Schlagen mit dem Schwanz, der Wellen bis in die Sümpfe von Alvion wirft, stutzig. Wenn sie den Andersumpf genannt hätte, würde es mich weniger beunruhigen.«

»Genau das macht es doch unglaubwürdig«, sagte Bran. »Alvion liegt im Norden, der Andersumpf im Westen, bei Una.«

»Genau«, sagte Kerr. »Da vor Una eine Meeresströmung unter Wasser verläuft, die bis hoch zur Mündung des Pugh zieht, war es das, was mich hellhörig werden ließ. Nur jemand, der diese Strömung kennt, kann so eine Behauptung aufstellen. Es sei denn, diese Wellenbewegung wurde tatsächlich gesehen.«

»Und woher weißt du davon?«, fragte Keenan und schlug sich dann vor die Stirn. »Die Zeitreisen. Natürlich. In der Zukunft kann man vermutlich alle Meeresströmungen genau benennen.«

Den letzten Satz sagte er so lässig wie möglich, aber ich hörte einen Hauch Zynismus heraus.

»Auf jeden Fall dürfen wir dieses Gerücht wegen der Lage nicht auf die leichte Schulter nehmen. Ich glaube immer noch, dass in Deira Menschen sind, die deine Gabe haben«, wandte sich Delma an Gwyned und sah sie an. »Ich habe daher einen Vorschlag an dich, Lady Gwyned.«

Wenn uns Delma, die uns alle seit Jahren aus den ärmsten Verhältnissen kannte, mit Titeln anredete, war das nicht nur seltsam, sondern es bedeutete, es gab eine offizielle und vor allem wichtige Aufgabe. »Deira braucht eine Leitung. Das Orakel wurde jahrhundertelang nicht richtig genutzt und die Schule fungierte bislang nur zur Ausbildung von Heilern und liegt auch seit dem Sturz brach. Insbesondere zum Schutz von Lyoness erachte ich es als wichtig, dass du nach Deira gehst und dort eine neue Schule für Seher aufbaust. Die Heiler könnten fortan in einer anderen Stadt ausgebildet werden. Kerys oder Morris eignen sich gut, um ihnen zu zeigen, dass wir ihnen eine größere Bedeutung zumessen. Aber in Deira war seit jeher das Orakel. Nach den Erzählungen von Rois und unserer Königin warst du es, Lady Gwyned, die in Deira die verborgenen Räume gesehen hat.« Delma runzelte nachdenklich die Stirn. »Und die noch mehr gesehen hat.«

Gwyneds Gesicht wurde bleich. Stocksteif stand sie da, sodass ich mich fragte, ob sie atmete. Dann schüttelte sie den Kopf. Erst ganz leicht, dann immer heftiger.

»Das kann ich nicht, Delma«, sagte sie mit einer erstickten Stimme. »Ein Besuch war in Ordnung, aber ich will nicht mehr in Deira leben. Nie wieder.«

»Kindchen, du bist so gesegnet mit deiner Gabe. Deira wäre der richtige Ort für dich.« Delma wirkte, als wollte sie ihr die Wange tätscheln. Und Gwyned sah aus, als bräuchte sie das auch in diesem Augenblick.

Ich legte ihr eine Hand auf den Arm. »Das muss bestimmt nicht sofort entschieden werden«, wandte ich ein. Ich wusste, wie sehr Gwyned in Deira gelitten hatte. Unser Besuch vor ein paar Wochen hatte auch nicht dazu beigetragen, dass ich den Tempel in guter Erinnerung hätte. Wir hatten einen Raum voller Kinderleichen entdeckt.

Kinder, die wie Gwyned dort eingesperrt und wegen der Schlacht und des Falls der Druiden dort vergessen worden waren.

»Wir können nicht allzu lange warten, meine Königin«, sagte Rois. »Wir wissen, wie mächtig diese Vorhersehungen sein können, und vor allem, wie hilfreich. Gerade jetzt, wo dieser Druide Mellan wieder aggressiver wird. Du hast gesehen, er schreckt nicht einmal vor einem Angriff vor aller Augen in deinem Palast zurück. In Deira könnte Lady Gwyned mit ihrer Gabe sehr nützlich sein. Dort kann sie uns Warnungen zukommen lassen – wie die Seher, von denen die alten Legenden berichten. Lady Gwyned, ich kenne niemanden, der dafür besser geeignet wäre als du. Du hast die Gabe und du bist eine der Regentinnen. Es wäre äußerst vorteilhaft für Lyoness, wenn du von Deira aus regieren könntest.«

Rois hatte recht. Wie immer, auch wenn es mir nicht gefiel.

»Wir werden das trotzdem nicht heute Abend entscheiden«, sagte ich bestimmt, weil Gwyned anfing zu zittern.

Rois schwieg. Kurz blieb es still im Versammlungssaal und nur das Trommeln von Keenans Fingern auf der Tischplatte war zu vernehmen.

Dann unterbrach Riona abrupt die Stille und wechselte das Thema. »Wer ist bereit, die Einladungen anzunehmen und Verhandlungen mit dem Ausland einzugehen?«

Bran lehnte sich in seinem Stuhl zurück und das Klacken seines Holzbeines unter dem Tisch war deutlich zu vernehmen. »Du wärst dafür die Geeignetste.«

»Mir würde man meine Vorurteile vermutlich direkt ansehen«, meinte Riona düster. »Die Lothianer sind verschlagen. Ich mochte es nie, wenn sie ins Geschäft meiner Eltern kamen.«

»Ich würde gehen«, sagte Keenan unerwartet.

»Du kotzt doch, sobald du ein Schiff auch nur vom Ufer aus siehst«, wandte Bran ein.

Keenan lehnte sich zurück und kreuzte die Arme vor der Brust. »Vielleicht kann mir Sive dabei helfen …« Dann stockte er, als würde ihm jetzt erst bewusst, was er da sagte. »Ich meine, vielleicht kennt Paidraig jemanden, der mir etwas geben kann, um meine Seekrankheit zu überwinden.«

»Da lässt sich bestimmt etwas machen«, stimmte Kerr zu. »Ich kann dir auch ein paar Übungen zeigen und Ingwer hilft in der Regel ganz gut.«

Keenan lächelte zufrieden. Auch ich fand den Vorschlag gut, denn auf diese Weise konnte er endlich auch auf Reisen gehen – zwar nicht durch die Zeit, aber dafür würde er andere Abenteuer erleben.

»Mir wäre es lieber, wenn noch jemand mit besonderem Verhandlungsgeschick und Erfahrung in der Korrespondenz mit dem Ausland den Edlen Keenan begleitet. Lady Riona, wäre es nicht doch denkbar, dass du mitfährst?«, fragte Rois.

Sie verzog das Gesicht und nickte dann langsam. »Ja, warum nicht. Ihr habt so von eurer Rundreise geschwärmt, ich würde gern ein wenig mehr von Lyoness und der Welt sehen. Wir müssen ja nicht direkt mit Lothian anfangen. Aquitanien würde sich aufgrund der aktuellen Ereignisse anbieten, und dort soll es sehr schön sein.«

»Sehr gut, dann wäre das entschieden.« Keenan lächelte Riona an und hielt ihr die Hand hin, damit sie einschlug.

»Um noch mal auf Deira zurückzukommen … «, setzte Rois an, doch nun erhob ich mich abrupt.

Sofort herrschte Ruhe. Das hatte ich von Grady gelernt. Immer wenn ein paar Zuhörer absolut nicht aufhören wollten zu diskutieren, war er aufgestanden und hatte sofort alle Aufmerksamkeit wieder auf sich gezogen.

»Das besprechen wir morgen«, sagte ich, so fest ich konnte. Rois schloss den Mund. Die neuesten Ereignisse hatten mir eins deutlich vor Augen geführt: Die Zukunft unserer noch so jungen Regierung war ungewiss, und damit ebenso meine. Dennoch wollte ich keinesfalls machbare Dinge unfertig zurücklassen, sollte etwas schiefgehen und alles wieder kippen.

Bran, Riona und Keenan wechselten erstaunte Blicke und Delma nickte ergeben. Gwyned starrte zu Boden. Nur Kerr zwinkerte mir ermutigend zu.

Ich schob meinen Stuhl zurück und wollte gehen.

»Was hast du vor?«, rief mir Bran nach.

»Ich werde endlich etwas hinter mich bringen«, gab ich zur Antwort, ohne stehen zu bleiben.

DIE VERRÄTERIN

Sive war im Karzer.

Ich fühlte mich mit jedem Schritt elender, während ich das Stadttor von Yslion durchquerte und den Blick über das vertraute Felsmassiv schweifen ließ. Letzte Sonnenstrahlen kämpften sich an dem Gestein vorbei und tauchten die Umgebung in ein dunkles Orangerot. Als der Wächter mir die Pforte aufsperrte, überkam mich eine geballte Ladung Schuld. In diesem finsteren Loch hatte man meine Ziehschwester untergebracht.

Ich hatte es vermeiden wollen, aber Sive war eine Hochverräterin, die eigentlich sofort hätte hingerichtet werden müssen. Weil das jedoch keiner von uns über sich brachte, hatten meine – nein, ich meinte, meine und Sives – Freunde auf dem Karzer bestanden. Es wäre zu gefährlich, sie in einem Raum im Palast einzusperren. Als Schülerin des Druiden Mellan beherrschte sie leider nicht nur hervorragend die Heilkunde, sondern hatte auch gefährliche Flüche erlernt. Solche, die andere zu Marionetten machten, die gar zu töten bereit waren.

Rois war ihrem Fluch unterlegen gewesen und ich vertraute ihm sehr. Er hatte in den vergangenen Monaten oftmals gezeigt, wie loyal er dem neuen Lyoness und mir gegenüberstand. Bis Sive ihn an meinem Krönungstag verflucht hatte. Niemand war gegen die Flüche der Druiden gefeit. Bis auf eine bislang bekannte Ausnahme: Es schien, als sei ich die Einzige, die dagegen immun war.

Der Wächter am Eingang entzündete eine Fackel und reichte sie mir. Ein letztes Mal holte ich tief Luft, dann betrat ich die lange Treppe in die Finsternis, die den Karzer enthielt.

Es war düster, bedrückend und hatte überhaupt nichts mit dem hellen Palast und seinen prunkvollen Räumen gemein, der nur wenige Meter entfernt auf der anderen Seite der Stadtmauer war. Meine Schritte hallten durch den schmalen Gang, und ich erinnerte mich schlagartig an meinen ersten Besuch, als ich auf der Suche nach einem Heiler gewesen war. Schon damals hatte ich dieses Gefühl der Enge verspürt. Doch diesmal würde ich nicht allein sein.

Rois hatte nämlich im ganzen Land einen Aufruf gestartet, um taube Menschen zu rekrutieren, die die eingesperrten Druiden versorgen und bewachen sollten. Es waren allerdings erstaunlich wenige zusammengekommen. Die Druiden hatten von Geburt an alle tauben Kinder, deren sie habhaft werden konnten, als Sklaven ins Ausland verkauft. Jene, die unerkannt geblieben waren, hatten Lippenlesen gelernt, damit sie sich verhalten konnten, als wären sie Hörende. Für mich war das magisch, auch wenn Bran mir erklärt hatte, dass es eine reine Lernsache sei.

Als ich das Ende der Treppe erreichte, blieb ich überrascht stehen. Mehrere Wachen patrouillierten im Gang, der mit Fackeln erhellt war. Überall standen Eimer mit Trinkwasser, und aus einer gerade geöffneten Tür trug jemand einen Eimer hinaus, der nach Exkrementen roch.

Ich atmete etwas auf. Der Karzer war nicht mehr das menschenunwürdige Loch, das er bei meinem ersten Besuch gewesen war. Ich fragte den Eimerträger nach Sives Zelle, und er deutete den Gang weiter hinunter, wo jemand vor einer der Zellentüren saß.

Der junge Mann, der Sive bewachte, erkannte mich sofort, obwohl ich ihm noch nie begegnet war, und sprang salutierend von seinem Stuhl neben der Tür auf.

Noch immer war ich das nicht gewohnt und räusperte mich unbehaglich. »Das ist nicht nötig. Ich möchte zu Lady Sive.«

»Sir Rois hat uns befohlen, die Königin so zu grüßen«, erwiderte er freundlich. Er sprach etwas langsamer, als müsste er über jede Silbe nachdenken, und nur daran erkannte ich, dass er tatsächlich taub war.

Ich lächelte. »Sir Rois ist aber nicht hier. Würdest du die Tür offen lassen, solange ich drin bin? Ich weiß nicht, wie ich mich sonst bemerkbar machen soll, wenn ich wieder rauswill.«

Er grinste und nickte. »Ja, meine Königin.«

Dann öffnete er das Schloss mit einem der zahlreichen Schlüssel an seinem Bund am Gürtel und stieß die Tür weit auf. Der Raum war in die dunkle Felswand gehauen, es gab zwei Nischen und nur drei Möbelstücke: einen Tisch, einen Schemel und eine Pritsche. Eine Öllampe brannte auf dem Tisch und verbreitete zwar spärliches Licht, aber einen unangenehmen Geruch. Überhaupt war die Luft muffig und der ganze Raum wirkte beklemmend.

Sive saß auf der Pritsche an der gegenüberliegenden Ecke und sprang sofort auf, doch als sie mich erkannte, erstarrte sie und blieb stocksteif stehen.

»Frag mich bloß nicht, warum«, fauchte sie, noch ehe ich ein Wort sagen konnte.

Abwehrend hob ich beide Hände in die Höhe.

»Jeder, der hier war, hat mich das gefragt. Und es waren alle hier. Außer dir«, warf sie mir vor. »Das hat mir klargemacht, dass du es nicht verdient hast. Und nein, es tut mir nicht leid.«

Ich starrte sie ungläubig an. War das Gradys Schwester? Die, die auch mir über so viele Jahre hinweg eine Schwester gewesen war?

»War alles geheuchelt?«, fragte ich schließlich fassungslos. »All die Jahre, in denen ich bei euch gewohnt und mich zu eurer Familie gezählt habe, war das alles nur eine Fassade von dir?«

Ihr Blick war trotzig und plötzlich überkam mich neben all der Fassungslosigkeit Mitleid.

Sie wirkte wie ein in die Ecke gedrängtes Tier, nicht sicher, ob es angreifen oder sich ergeben soll. Eine furchtbare Situation.

»Ich gehe davon aus, dass die ganze Sache angefangen hat, während Mellan und du zusammengearbeitet habt, oder? Er verriet dir Dinge, die gewöhnlich nur eingeweihten Druiden vorbehalten sind.« Es sollte wie eine Frage klingen, doch es war eine Aussage.

»Er sagte, ich hätte unglaubliches Talent und wäre wie geschaffen für die Position einer Hohedruidin gewesen. Vielleicht hätte man mich direkt in den Stab des Erzdruiden aufgenommen, wenn nicht sogar zur ersten Erzdruidin überhaupt ernannt. Er sagte, Menschen mit meiner Magie würden ganz schnell aus den Zöglingen aussortiert und bekämen eine Sondererziehung. Ich sei nicht eingesperrt worden wie Rionas Schwester oder Gwyned, denn ich könne so viel mehr und sei zu Höherem berufen.« Sie funkelte mich an, als wäre ich schuld, dass sie ihrer Bestimmung nicht nachgehen konnte.

Vermutlich hatte sie recht. Nein, nicht nur vermutlich. Ich war gekrönt worden. Sie nicht.

»Du bist so bescheiden gewesen, standest immer im Schatten von Grady – eigentlich von uns allen –, und dann das!«, fuhr sie fort. »Dann springst du ausgerechnet vor den Augen ganz Yslions durch die Zeit und zeigst deine Magie.«

»Das habe ich mir nicht ausgesucht«, entgegnete ich und verzog das Gesicht.

»Nein, du hast es lieber jahrelang unterdrückt, als es zu üben. Und Grady hat das auch noch unterstützt.«

Es war, als hätte sie mir einen Hieb in den Magen verpasst. »Was?«, fragte ich perplex. »Du und Grady, ihr habt es gewusst?«

»Natürlich. Glaubst du, er hätte sich sonst mit dir abgegeben? Jemand wie Grady braucht eine Frau an seiner Seite, die strahlt. Keinen Schatten. Du bist die langweiligste Person, die man sich vorstellen kann. Du wolltest nicht einmal regieren, weil du so überaus vorsichtig bist.«

Das saß noch heftiger. »Ich glaube dir nicht. All die Jahre sollt ihr es gewusst haben und ich nicht? Das ist doch Irrsinn.«

»Ich wurde vor ein paar Wintern abends wach, weil ich Hunger hatte und Vater um etwas Brot anbetteln wollte. Du wohntest schon seit zwei Wintern bei uns. Vater war nicht allein, ich hörte ihn mit Grady reden. Sie redeten über dich und über deine Gabe. Ich habe ihnen nie gesagt, dass ich es weiß.«

Das klang so weit hergeholt. Ich glaubte ihr nicht. Sive war verbittert und wollte mich verletzen, was ihr auch gelang. Allerdings nicht mit den Lügen selbst, sondern durch die Art, wie sie sie erzählte. Schnell wechselte ich das Thema.

»Was genau hat Mellan dir versprochen? Wie konntest du einem Druiden glauben? Du wusstest doch, wie falsch und verschlagen die sind! Denk an meine Mutter. Denk an Gwyned, an Rionas kleine Schwester oder Bran.«

Sive schnaubte abfällig. »Glaubst du, das wüsste ich nicht? Mellan hat mir Sachen gezeigt, Sara, davon kann selbst jemand mit göttlicher Gabe nur träumen. Ich hätte das Reich groß gemacht – sogar mit dir und den anderen an meiner Seite. Aber da du alleinige Königin wurdest, wirst du für Lyoness’ Untergang verantwortlich sein.«

Ich atmete ein paarmal tief durch und presste die Lippen aufeinander. Ihre Worte taten weh. Und mich schauderte, denn ich ahnte, dass sie recht haben könnte.

»Was genau hat Mellan damit gemeint?«, fragte ich, so ruhig ich konnte, doch in mir brodelte alles. »Kann er hellsehen, wie Gwyned? Was hat er gesehen?«

»Das werde ich nicht verraten. Es wird früh genug eintreffen und dann werde ich regieren«, sagte sie spitz. Ich kannte Sive lange genug, um zu wissen, dass sie in dieser Verfassung eher sterben würde, als etwas zu sagen. Sie konnte so bockig sein! Sie war wirklich eine gelehrige Schülerin gewesen, und so langsam wurde ich wütend. Weshalb glaubte sie, an den Druiden festhalten zu können, jenen, die sie bislang immer als unsere größten Feinde gesehen hatte?

»Vermutlich kann ich froh sein, dass du Bran, Riona, Keenan und Gwyned nicht verflucht hast, als sie dich besucht haben«, zischte ich.

Endlich wirkte sie beleidigt. »Ich würde ihnen nie schaden.«

Gut zu wissen. Denen nicht, mir schon, dachte ich, doch ich schluckte es runter. Es brachte nichts, mit ihr zu zanken. Ich käme mir vor wie ein eingeschnapptes Kind.

»Sive, ich würde dir gern helfen«, sagte ich langsam. »Aber ich weiß nicht, wie, wenn du weiter so daran festhältst.«

»Du hast es immer noch nicht kapiert.« Sie sah mich an wie ein kleines Kind, das schwer von Begriff war. »Ich will nicht, dass du mir hilfst. Es wird genug auf dich zukommen, aber du wirst es nicht aufhalten können. Mellan hat es vorausgesehen. Du wirst uns den Untergang bringen. Ich werde triumphieren, ich muss nur Geduld haben.«

–––

Delma wartete vor meiner Zimmertür auf mich. Sie saß auf einem Hocker. Der leere Becher Tee in ihrer Hand, den sie in letzter Zeit des Öfteren trank, bewies, dass sie schon eine Weile wartete.

Sie sah mir ins Gesicht und sagte sofort: »Ach, Kindchen, es tut mir so leid.« Sie breitete ihre Arme aus, um mich zu trösten, aber ich wich ihr aus. Wenn ich jetzt Nähe zuließ, würde ich weinen. Tränen verbrauchten unnötige Energie. Energie, die ich wohl mehr denn je gebrauchen konnte.

»Hast du eigentlich schon geweint seit Gradys Tod?«, fragte sie mich unwillkürlich. Mich beschlich erneut das eigentümliche Gefühl, sie könnte meine Gedanken lesen. Doch es war Delma. Delma, die mich von klein auf kannte. Mich und Grady – und Sive.

Ich schüttelte den Kopf. »Das bringt nichts. Ich habe damals nach Mutters Tod geweint und erinnere mich sehr gut daran, wie kraftraubend das war. Das kann ich mir nicht leisten. Nicht hier. Nicht jetzt.«