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Der Überraschungserfolg aus Norwegen. Wann ist ein Mann ein Mann? Oder: Wie Fischen hilft, sich selbst zu finden. "Verdammt, dieser Achtzigjährige ist mein neuer Held … ein echtes Vergnügen, dieses Buch.“ Klassekampen
Zwei Männer am See, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Der eine fast achtzig, redselig und direkt. Der andere sein Neffe, unschlüssig und als Musiker gescheitert. Gemeinsam machen sie sich auf den Weg nach Storsenn, um im Herbst angeln zu gehen. Ivar ist entschlossen, seinem tollpatschigen, aber nicht völlig hoffnungslosen Neffen alles beizubringen, was er wissen muss – über das Angeln, die Kunst und das Leben.
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Seitenzahl: 181
Veröffentlichungsjahr: 2024
Zwei Männer am See wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Der eine fast achtzig, redselig und direkt. Der andere sein Neffe, unschlüssig und als Musiker gescheitert. Gemeinsam machen sie sich auf den Weg nach Storsenn, um im Herbst angeln zu gehen. Ivar ist entschlossen, seinem tollpatschigen, aber nicht völlig hoffnungslosen Neffen alles beizubringen, was er wissen muss – über das Angeln, die Kunst und das Leben.
STEINTORLEIFBJELLA wurde 1968 in Ål im Hallingdal-Tal, Norwegen, geboren. Als erfolgreicher Singer-Songwriter und Musiker debütierte er 2017 mit seinem hoch gelobten Gedichtband Jordsjukantologien. Das Fischerhaus ist sein erster, von der Kritik einstimmig bejubelter Roman.
Stein Torleif Bjella
Roman
Aus dem Norwegischenvon Daniela Syczek
Die Originalausgabe erschien 2021 unter dem Titel »Fiskehuset« bei Forlaget Oktober AS, OsloDer Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44 b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.
Copyright © der Originalausgabe 2021 by Stein Torleif Bjella
Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2024 by btb Verlag in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH Neumarkter Straße 28, 81673 München
Published in agreement with Oslo Literary Agency
Covergestaltung: semper smile, München, nach einem Entwurf und unter Verwendung eines Motivs von Håvard Gjelseth
Autorenfoto: © Baard Henriksen
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
ISBN 978-3-641-29906-4V001
www.btb-verlag.de
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Prolog
Nächstes Jahr musst du das alles selbst hinkriegen
Bachforelle und Hinterwäldler
Nachdenkliche oder treibende Musik
Wer bin ich eigentlich?
Der toughste Bauernbursche, den die Welt je gesehen hat
In der Strandzone, dem Land entlang, im Wasser
Übergänge
Epilog
Ich könnte dir was über Knut Hårspray, Einar Steinar, Ved-Bjørn und den Doppelteufel erzählen. Ich hätte was über die Leiche im Livtjødn, das Opfer in Brennodden und die Panzer im Wald auf Lager. Das muss alles warten. Meine beste Geschichte ist die über Ivar Helgesson Aal (1936 – 2015) und mich, als wir gemeinsam beim Herbstfischen am Storsenn waren. Wir sahen uns nicht oft, aber diese eine Woche vor acht Jahren veränderte mein Leben.
Ich selbst bin siebenundvierzig Jahre, Aushilfslehrer, Musiker und Hinterwäldler. Ivar wiederum hat immer noch alles im Griff, inzwischen jedoch von einer neuen Luftschicht aus. Dort balanciert er wahrscheinlich auf dem Rand schwarzer Löcher, reitet auf Nordlichtern und lässt sich über eine neue Weltordnung aus. Egal, wo er hinkommt, bleiben die Leute still sitzen und lauschen, starren beschämt auf die Tischplatte oder lassen ihr Essen stehen, niemand schläft, viele sind verunsichert.
Nun zu der Frage, die dir wohl am stärksten unter den Nägeln brennt: Stimmt das, was hier geschrieben steht? Jawohl, Das Fischerhaus ist eine wahre Geschichte. Das Einzige, das ich geändert habe und auch nicht preisgeben will, ist der Name des echten Storsenn-Sees. In Wirklichkeit heißt er nämlich Øvringsvatnet, aber weil es Fischwilderei gibt, während ich das hier schreibe, wäre es verrückt, das zu verraten.
Während ich mit Ivar unterwegs war, notierte ich mir in freien Stunden: Namen und Zahlen, große und kleine Ereignisse, kurze und lange Gedankengänge. Schrieb in der oberen Schlafkoje im schwachen Licht der Taschenlampe, bis der Schlaf mich übermannte. Auf der Außentoilette, bis Ivar sich zu beschweren begann. Auf der Bank auf dem Schlossbalkon und abends am grünen Tisch im Kerzenschein. Ich kritzelte das blaue Notizbuch komplett voll. Danach lebte Das Fischerhaus nur in meinem Kopf, erst während der Pandemie fand ich die Ruhe, es aufzuschreiben.
JONASLESSONAAL
Ål im Hallingdal, April 2021
| MONTAG |
»Wenn du ein guter Fischer sein willst, musst du denken wie ein Fisch.«
Onkel Ivar schaut mich direkt an. Obwohl seine Stirn klatschnass geschwitzt ist, sitzt sein strenger Seitenscheitel perfekt. Wir stehen auf der Böschung neben dem Bootshaus. Der Storsenn-See erstreckt sich westlich von uns, und das viel weitläufiger, als ich es in Erinnerung hatte. Ivar blinzelt im herrlichsten Herbstwetter. Er trägt hohe Gummistiefel, eine Feldjacke, gestrickte Fäustlinge und einen Krempenhut mit Ohrenklappen. Wir sind zwar nur vier Kilometer vom Parkplatz gelaufen, aber für Ivar müssen es vier Meilen gewesen sein. Nach vorne gebeugt und keuchend kämpfte er sich hierher. Die Schwerkraft und seine schwer beanspruchten Lendenwirbel drückten ihn zu Boden. Zwei Mal stürzte er; zuerst, als er einen falschen Schritt setzte, woraufhin er seitwärts fiel. Sein Rucksack und er lagen ineinander verkeilt in ein paar jungen Bäumen. Er zischte wie eine Kreuzotter, als ich ihn nach oben hievte. Kurz darauf fiel er auf dem Trampelpfad einfach nach hinten und klemmte seinen Hintern zwischen zwei Steinen ein. Als ich ihm zu Hilfe eilte, drosch er mit seinem Stock auf mich ein. Er befreite sich auf eigene Faust, indem er vor- und zurückschaukelte. Danach hinkte er mit dem rechten Fuß.
Ich dachte bei mir, dass mein Onkel nicht mehr für so wilde Aktionen wie Herbstfischen in kalten Bergseen taugte. Sein Gleichgewichtssinn, sein Sehvermögen und sein Gehör waren inzwischen lausig, er fror ständig an den Händen und ginge ohne Frage unter wie ein Stein. Sein Mundwerk jedoch, das funktionierte immer noch einwandfrei. Seit ich ihn morgens abgeholt hatte, hatte er mir noch keine einzige Frage gestellt. Nicht der kleinste Anflug eines Dialogs, purer Monolog, keinen ganzen Satz hatte ich rausgebracht, nur: »ja«, »aha« und »mhm«. Ivar hingegen hatte durchgehend gesabbelt: »Hier war mal eine Hochebene. Hier gab es mal eine drei Kilo schwere Lachsforelle. Hier hatten wir mal im August Schnee. Hier beteten sie früher Feuer und Mond an. Hier standen mal zwei Fischerhütten, die ältere aus Stein und Erde. Hier lag immer das Boot, das früher mal ein Floß war. Hier stand mal die Milchkuh, die dein Großvater diesen einen Herbst dabeihatte, nachts wurde sie mit einer Decke zugedeckt, damit sie nicht fror, das Bootshaus war ihre Scheune – so sicherte dein Großvater sich Milch und Nahrung sowie Gesellschaft. Er patrouillierte am See mit einem Silberstab, der Griff diente als Revolver und der Stock als Gewehrlauf. So waren deine Vorfahren, Jon. Harte Kerle, bis in die achtzehnte uns bekannte vergangene Generation hinein.«
Es ist drei Uhr nachmittags. Der See liegt direkt unter tausend Metern, glitzert dunkelblau und verführerisch. Ivar windet sich aus seinem Rucksack. Er setzt sich an den Steintisch. Als er sich aufrichtet, verzieht sich sein Gesicht vor Schmerzen, dann holt er tief Luft und sagt:
»Ich möchte, dass du all das hier bekommst, Jon. Den See, das Boot, das Bootshaus, den Hof und alles Drumherum. Mir wäre wohler, wenn es jemand bekäme, der ein bisschen beherzter an die Arbeit geht. Leider hab ich aber geschworen, dass Storsenn in der Familie bleibt. Mein Leben lang hab ich gepredigt, dass Eigentum kommt und geht, dass es Leute gibt, aber nur sehr selten Menschen, dass wir Füße haben, keine Wurzeln. Das gilt aber nicht für Storsenn. Das muss in der Familie bleiben.«
Ich stand wie versteinert. Fand keine Worte.
Als Junge war ich einmal hier gewesen. Mein Vater und Ivar hatten mich bei Sonne und bestem Sommerwetter auf einen Sonntagsausflug mitgenommen. Ivar wollte eine Runde mit mir rudern gehen, also schoben wir das Boot raus. Papa blieb beim Bootshaus sitzen. Als wir auf dem Wasser waren, packte mich die Angst, und ich weinte. Der See wirkte riesig, schwarz und tief. Wir hatten keine Schwimmwesten dabei, weder Ivar noch ich konnten schwimmen. »Schau niemals nach unten, wenn du dich fürchtest. Immer nach oben«, erklärte er mir. Ich legte mich im Boot auf den Boden, wurde nass am Rücken, weil das gute Stück an mehreren Stellen leckte, und beobachtete die Wolken und ihre rasch an mir vorbeiziehenden Formationen. Ich tat also das krasse Gegenteil von dem, was er mir geraten hatte, ließ meinen Blick schweifen und träumte mich in Papas sicheren Schoß an Land, bis ich aufhörte zu weinen.
Jetzt stehe ich hier, auf der kleinen Angelwiese, mit dem ausgemergelten und nach Luft schnappenden Ivar, der auf meine Reaktion wartet. Er hat mich schachmatt gesetzt, und das Einzige, was ich rausbringe, ist:
»Ich?«
»Genau, du. Unglaublich, nicht wahr?«, antwortet Ivar.
Mir war klar gewesen, dass Ivar etwas Wichtiges vorhatte. Schon damals, als er sich vor sechs Monaten bei mir meldete und wir den Ausflug vereinbarten. Als er anrief, befand ich mich gerade im Proberaum und wartete auf die anderen Bandmitglieder. Wir wollten ein paar alte Lieder aufpeppen, vielleicht sogar ein paar neue einstudieren; mit etwas Glück standen im Sommer ein paar Auftritte an. Es lief bei mir. Man konnte nicht gerade behaupten, dass ich im Alltag besonders vielen Herausforderungen begegnet wäre, aber es lief, und das war mir wichtig. Trotzdem versprach ich meinem Onkel, ihn in dieser Woche zu begleiten, und fand mich ganz schön großzügig, als ich zusagte. Für Ivar war es eine Selbstverständlichkeit. Als wir auf den Parkplatz einbogen, zeigte er auf eine bestimmte Stelle und sagte:
»Ich parke für gewöhnlich dort. Also machst du das nun auch.«
Obwohl niemand sonst auf diesem riesigen Parkplatz stand, parkte ich das Auto dort. In dem Augenblick, in dem die Handbremse gezogen war, war Ivar schon am Kofferraum, wo er bald darauf seinen Rucksack schulterte, seinen Gehstock aus Birke herausfummelte und wackelig, aber bereit auf mich wartete. Ich kramte meinen Rucksack voller Bettzeug, Wechselwäsche, Ausflugsproviant und Getränke raus. Da hatte ich ganz schön was zu schleppen. Zu guter Letzt hängte ich mir meine liebste Flohmarktgitarre quer über die Brust, und wir machten uns auf den Weg. Zweihundert Höhenmeter, vier Kilometer.
»Wir haben Füße, stimmt schon, aber ganz schön viele wünschen sich Wurzeln«, sagte ich.
Eine offene Antwort, eine bessere fiel mir auf die Schnelle jedoch nicht ein. Sollte ich Storsenn als ein Geschenk betrachten? Dankend annehmen? Ich, der es liebte, unterwegs und frei zu sein. Hiermit würde ich mir Arbeit und Verantwortung aufbürden. Hätte ich nur jemanden gehabt, mit dem ich sie hätte teilen können, doch auch damit konnte ich nicht dienen. Ist es eigentlich möglich, allein Netzfischen zu gehen?
Ivar atmete tief ein, schüttelte den Kopf, schaute mich resigniert an und holte ein Brillenetui und ein nigelnagelneues blaues Notizbuch aus seinem Rucksack. Zwischen zwei Seiten lag ein Brief, den er mir vorlas:
»Ich, der Unterzeichnende Ivar Heldesson Aal, wohnhaft in Ål, übertrage hiermit meinem Neffen, dem Sohn meines Bruders, Jon Aslesson Aal, wohnhaft in Ål, meine Fischereirechte im See Storsenn, Hofnr. 130, Gebäudenr. 2, in der Kommune Ål. Darin inbegriffen sind die dazugehörige Wohneinheit und das Bootshaus samt Inventar, 30 Fischernetze und ein Boot. Die Kaufsumme beträgt 200 000 NOK. Hinzu kommen bewegliche Güter im Wert von 50 000 NOK. Nebenkosten des Verkaufes werden vom Käufer gedeckt. Jon Aslesson Aal übernimmt das Eigentum an Ort und Stelle. Am Eigentum lastet keine Grundschuld. Keine Konzession notwendig, da der Käufer der Neffe des Verkäufers ist.
Ål, 31. August 2013. Ivar Helgesson Aal.«
»Dem Amtsgericht in Hallingdal habe ich bereits eine Kopie hiervon übermittelt. Schließlich weiß man ja nie, wie lang man noch hat.«
Und schon streckte er mir das Notizbuch und einen Stift entgegen.
»Notier alles, was in den nächsten Tagen gesagt oder getan wird. Ich erkläre es dir nur ein einziges Mal. Nächstes Jahr musst du das alles selbst hinkriegen.«
Wir gehen zum Ufer. Zur Vorderseite des Bootshauses. Der Storsenn sieht von Land aus kristallklar aus. Wasser und Licht lassen seinen Grund grünlich scheinen. Kein Schlamm, keine Vegetation, nur Berge, kleine und große Felsen, die von Wind und Eis reingewaschen und an den ihnen zugedachten Platz befördert wurden. Ich sehe kein Leben, keine Fische.
»Reich mir diesen hier«, befiehlt Ivar, während er auf einen kleinen, flachen Stein zeigt, der im Wasser direkt vor mir liegt.
Ich hole ihn raus, und Ivar bittet mich, ihn umzudrehen.
»Hier siehst du den Futtertrog der hier heimischen Forelle.«
Er zeigt auf mehrere kleine Insekten, die an dem nassen Stein hängen, und setzt hastig seine Brille auf.
»Zwei Wasserkrebse, eine Schnecke, eine Linse, zwei Larvengehäuse. Wären wir zur Sommerzeit hier, sähen wir Frühlingsfliegen und fliegende Ameisen, über der gesamten Wasseroberfläche tummelten sich frisch geschlüpfte Eintagsfliegen, und bekannte und unbekannte Insekten wuselten herum, deren Namen es einfach zu lernen gilt, doch wie auch immer, alles zusammen Lachsforellenfutter.«
Ivar wirft den Stein wieder ins Wasser. Ich drehe mich Richtung Land. Dicht neben einer großen Fichte, fünfzig Meter hinter dem Bootshaus, steht das Klohäuschen. Seine graue Holzfront lässt es mit seiner Umgebung verschmelzen. Ein Wellblechdach und die Tür zur Landseite hin. Schließlich ging es nicht um einen idyllischen Ausblick, als die Sanitäranlage errichtet wurde. Auf die korrekte Abflusstechnik hingegen wurde penibel geachtet.
Ivar geht zur langen Wand des Bootshauses, um die offizielle Besichtigung zu beginnen. Er räuspert sich und ergreift das Wort:
»Wie du sehen kannst, Jon, ist das Fischerhaus zweigeteilt. Zum einen ein altes Blockhaus, am weitesten vom Ufer entfernt. Zum anderen, weiter vorne, ein offenes Außengebäude aus Stein, mit Holz verkleidet«, erklärt Ivar und zieht einen Stein aus der Grundmauer, hinter dem ein schmiedeeiserner Schlüssel liegt, ein ordentlicher Brocken. Er steckt ihn in das Schlüsselloch der Haupttür.
»Ich weiß nicht, wie lange der ältere Teil des Gebäudes bereits steht, es muss jedoch schon beachtlich sein. Die gesamte Storsenn-Fischerei ging immer von diesem Ort aus.«
Ivar nickt in Richtung Gebäude, als stünde dort jemand. Daraufhin erzählt er, und ich schreibe alles auf, so, wie er es will. Früher war der Bootsanlegeplatz offen, und das Boot wurde nur von der alten Blockhütte an der Hinterseite geschützt, während es im Freien lag. Das Gebäude selbst diente gleichermaßen als Aufenthaltsort und Werkstätte. Großvater grub alles um und vergrößerte die Anlegestelle. Das machte er in mühsamer Handarbeit und alles allein, was immenses Planungstalent und einen Riesenaufwand erforderte. Im Winter wurde das Material angekarrt, im Sommer errichtete er die Seitenwände. Die Steine holte er alle von den Uferböschungen, den Dachstuhl baute er aus Birkenbrettern. Dort oben setzte er auch den Anbau an, indem er im selben Dachwinkel im Kreuzband und in Blockbauweise mit derselben Breite und Höhe anschloss. Die beiden Gebäudeteile trennte nur eine einfache Tür, der Türeinsatz wurde durch Lamellenglas ersetzt. Das Ganze sieht ziemlich selbst gemacht, aber wirklich gut durchdacht aus.
Ich stelle fest, dass Ivar den Anbau aus den 1930ern konsequent Neubau nennt.
»Dieser Neubau ist das einzige Haus, das mein Vater je gebaut hat«, erklärt Ivar.
Wir stehen auf der kleinen Böschung längs der Mauer und mustern das Gebäude von der Seite aus. Auf dem alten Teil befindet sich ein Gründach, den Anbau daneben schützt ein rostrotes Wellblechdach. Ganz vorne, mit Blick auf den See, kann man sich unterstellen und seine Ausrüstung ablegen, wenn man mit dem Boot losfährt oder zurückkommt. Ivar nennt diesen wettergeschützten Vorsprung Schlossbalkon, weil man dort gut sitzen und den Blick geradeaus Richtung See schweifen lassen kann.
»Sitzt du am Schlossbalkon, willst du nirgendwo anders auf der Welt sein.«
Da hat er recht, es ist richtig gemütlich hier. Vor uns thront der Storsenn. Ein See, mitten auf dem Berg, mitten im Wald, der sich nicht um mich oder uns schert, der einfach existiert.
»Mein Großvater war ein Rebell, mein Vater das absolute Gegenteil, so waren sie eben«, meint Ivar und streicht sich mit seiner Hand über seinen Mund. Fixiert etwas in der Ferne, schaut und wartet ab. Auf was?
»Mein Vater war ein Perfektionist«, behauptet Ivar und kommt wieder in Redefluss. »Der Anbau vom Bootshaus ist solide gemacht, wie alles, was er in die Hand nahm. Aus dem wäre nie ein Bauer geworden, bei dem musste alles immer tipptopp sein, blitzeblank, akkurat, frisch lackiert, ordentlich und poliert. Chaos jagte ihm Angst ein, da fühlte er sich schon fast handlungsunfähig. Das Geld, das er geerbt hat, gab er für ein Auto aus, für ein Motorrad, den Barbier und eine Kamera, ein Grammophon, ein Radiogerät, Kleidung und Hotelzimmer, Hüte und eine wertvolle Schuhkollektion, also alles nur Sachen für sich selbst. Seine Pingeligkeit brachte ihm den besten Rakfisk weit und breit ein, er ging da ganz bedacht vor und geduldig. Seiner Meinung nach war Rakfisk nicht nur irgendwas zum Essen, es war etwas ganz Besonderes. Darum ging er so feinfühlig vor wie ein Uhrmacher und so genau wie ein Büchsenmacher. Das Ergebnis sollte sich nämlich sehen lassen. Erst im Alter hörte er auf, Rakfisk zuzubereiten, denn er brachte diese enorm hohe Qualität nicht mehr zustande, also ließ er es bleiben. Seiner war der beste in ganz Ål.«
Über Großvater hatte ich schon einiges gehört, meine Erinnerungen an ihn waren jedoch vage. In meinem Kopf gibt es ein verschwommenes Bild von seinem Haus und der Treppe davor, ich sehe ihn vor mir mit Gehstock, wie er sich einen gemütlichen Nachmittag macht. Die stärkste Erinnerung habe ich an den Geruch seines Aftershaves, kombiniert mit Zigarettenrauch. Um ihn herum qualmte es. Mutter nannte ihn »Schraube«, was vermutlich nicht nur positiv gemeint war, jedoch sagte sie es stets mit einem Lächeln. Er muss eine ganz schöne Nummer gewesen sein. Als er Urgroßvaters Erbe aufgebraucht hatte, konnte man es wohl ein Riesenglück nennen, dass er sofort einen Job als Kellner ergatterte. Auch für das Hotel war er ein Gewinn, denn niemand im ganzen Kollegenkreis roch so fantastisch und erschien täglich mit einem so fein säuberlich gebügelten Hemd zum Dienst.
Während der Besichtigung des Bootshauses folge ich Ivar auf Schritt und Tritt. Er schaut mir nicht ein einziges Mal in die Augen, wirkt ungeduldig. Atmet mehrmals tief ein, nimmt seinen Krempenhut ab, fährt sich mit seiner rechten Hand durch die Haare, kneift die Augen zusammen, will breitbeinig mit hinter seinem Rücken verschränkten Händen stehen, doch das will nicht so recht klappen und wirkt, als wisse er nicht, wo er anfangen oder stehen solle. Ich denke, dass Onkel Ivar erleichtert darüber sein muss, die Verantwortung abgeben zu können, gleichzeitig weiß ich aber, dass ihm unwohl dabei ist, sie ausgerechnet an mich abzugeben, schließlich macht er daraus keinen Hehl. Aber ich bin es ja nicht, der sich hier aufdrängt. Das ist auf Ivars Mist gewachsen. Wieso wird mir eigentlich diese zweifelhafte Ehre zuteil?
Entlang der Rückwand des Gebäudes befinden sich mehrere zurechtgehauene, flache Steine. Man könnte meinen, sie stünden aus rein dekorativen Zwecken hier herum, so verdammt abgerundet wirken sie. Tatsächlich dienen sie zum Beschweren der Rakfisk-Eimer. Auf der nordseitigen Wand führt ein eingemauerter Durchgang nach unten zu einer niedrigen Tür, die einen kleinen Keller versperrt. Ivar erklärt, dass der Eingang dort, und nur dort an der Nordseite liegen müsse, damit der Raum in der Erde sich nicht durch Sonnenstrahlung erwärmen kann.
Ich folge ihm in den Keller, der erstaunlich kalt und sauber, trocken und aufgeräumt wirkt. Wir stehen ungefähr eineinhalb Meter unter der Erde. Mittendrin befinden sich auf einer niedrigen Holzverkleidung fünf Dreißigliter-Plastikeimer mit der Öffnung nach unten.
»Bis in die fünfziger Jahre verwendete man Holzeimer. Sobald Plastik auf den Markt kam, nutzte Vater liebend gerne dieses neue, saubere und dichte Material, das für die Rakfisk-Zubereitung und den Weiterverkauf so unerlässlich wurde«, erklärt Ivar und versperrt die Kellertür hinter uns wieder.
Wir betreten durch die Haupttür des Anbaus das Gebäude und spazieren in den alten Teil des Hauses. Dort steht ein frühes Modell Nr. 14 des Bjørn-Ofens der Firma Drammens Jernstøberi & Mek. Værksted, der mit einer Kochplatte ausgestattet ist und dessen Rauchabzugsrohr direkt in die Wand mündet. Ein Stockbett, zwei Sprossenstühle, eine Holztruhe mit flachem Deckel, ein Wandschrank für Lebensmittel, ein grüner, hoher kleiner Tisch unter dem einzigen Fenster des ganzen Gebäudes.
An der Wand neben der Tür hängen zwei Fotografien. Die eine zeigt Großmutter, Vater, Torleif und Ivar. Großmutter sitzt mit Kopftuch und Schürze und verschränkten Beinen auf der Steinplatte vor der Haustür, beugt sich vor und lächelt den Fotografen an, der wohl Großvater gewesen sein muss. Ihre drei Söhne blicken ordentlich in einer Reihe stehend ernst in die Kamera, hinter ihnen hängt ein Fischernetz zum Trocknen an der Wand. Das andere Foto zeigt Ivar und Großmutter im Boot nahe dem Ufer. Sie lacht, während Ivar an den Rudern posiert und vorgibt, sie zu schwingen. Er sieht stolz und kräftig aus. Mir fällt auf, dass es hier zwei Fotos von Ivar gibt und nur eines von meinem Vater. Wahrscheinlich wurde schon früh entschieden, dass der älteste Sohn den Storsenn bekommen würde. Oder es wurde überhaupt nicht entschieden, es war einfach so. Dem Ältesten steht alles zu, weil er der Älteste ist. Jedenfalls tut es mir gut, ein Foto von Vater zu sehen. Das passiert nicht wirklich oft, vor allem Bilder aus seiner Kindheit und Jugend faszinieren mich. Ich identifiziere mich auf allen Ebenen mit ihm.
Im Anbau befinden sich eine Spüle und ein Gasherd sowie ein Schleifstein für Messer.
»Eine weitere Spezialität meines Vaters«, erklärt Ivar und demonstriert den Stein, der sich mithilfe einer Fahrradkette und Pedalantrieb drehen lässt.
An derselben Wand befindet sich die Haupttür, niedrig, breit und mit einem Scharnier, das nach innen geht, und einem schwarzen, großen Schloss für den massiven schmiedeeisernen Schlüssel. Auf dem Boden stehen Zinkwannen; eine ist voller leerer Ölflaschen, die als Markierungsbojen genutzt werden. Eine Wanne ist mit Dreggen und einem alten militärischen Unterwasserfernglas sowie mehreren ineinandergestapelten kleinen rostigen Wannen gefüllt. Rechts hängen zwei Stangen mit Netzen an der Decke, die verblichen und gefärbt aussehen: dunkelblau, hellgrau, mittelgrau, sattgrün, tiefrot, paarweise zusammengebunden, auf zwanzig selbst geschnitzten Holzstäbchen arrangiert. Die Netze hängen wie Gardinen an der Wand, wie Draperie, besser gesagt: wie ein großer Bühnenvorhang.
Während Ivar nach vorne schaut, streiche ich mit meiner Hand durch die Netze.
»Hör auf. Du bringst bloß die Netze durcheinander«, sagt Ivar sofort.
Ich antworte nicht, denke mir nur, dass ich die Netze schon nicht durcheinanderbringe, dass er nicht gleich so schroff sein muss und dass er eine ganz schön merkwürdige Art an den Tag legt, mit einem erwachsenen Mann zu sprechen, dessen Onkel er ist.
