Das fliegende Schiff Do X - Michael Ott - E-Book

Das fliegende Schiff Do X E-Book

Michael Ott

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Beschreibung

Anfang der 1930er Jahre bekommt Emil Martins, 29 Jahre, Mechaniker bei den Flugzeugwerken Dornier in Friedrichshafen, die Chance seines Lebens. Er soll mithelfen, das zu jener Zeit größte Flugzeug der Welt vom Bodensee über den Atlantik nach New York zu bringen. Aus dem einfachen Überführungsflug der Do X in die USA wird ein neunmonatiges Abenteuer. Über Afrika und die Kap Verden erreicht die Maschine die Zwischenstation Rio de Janeiro. Herausgerissen aus der Provinzialität seiner Heimatstadt verändern die Erlebnisse der Reise seinen Blick auf die Welt. Als er im deutschen Club eine schwarze Kellnerin kennenlernt, beginnt seine Zukunft auf einen Wendepunkt zuzutreiben. Die triumphale Ankunft in den USA nur Wochen später gerät zu einem Schock. Roman nach wahren Begebenheiten website zum Buch: www.das-fliegende-schiff-do-x.com

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Seitenzahl: 307

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Das fliegende Schiff Do X

Michael Ott

Das fliegende Schiff Do X

Eine Reise durch die Welt

Roman

Impressum

Copyright:Michael Ott

Jahr: 2025

Titel:Das fliegende Schiff Do X- Eine Reise durch die Welt

ISBN: 9789403820460

Illustrationen, Michael Ott unter Verwendung von

Covergestaltung, iStock.com/marc chesneau 1300107681

Satz:und Mitarbeit von www.rippelmarken.com

Karte S. VIII:Michael Ott unter Verwendung von iStock.com 1366741362

Bild S. VIII© airbus corporate heritage

Herausgeber:Heinz-Martin Muhle

c/o Autorenglück #48405

Albert-Einstein-Str. 47

02977 Hoyerswerda

Selfpublishing-portal: bookmundo

Druck in Deutschland

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie.

Das Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Rechteinhabers unzulässig.

VORWORT

Das Flugzeug ist Legende.

Seit der Jugend hat mich die Technik der Do X fasziniert. Zunehmend begann ich auch, mich für seine Reise zu interessieren: Im Jahr 1931 durch die Welt zu fliegen, muss ein kolossales Erlebnis für die Beteiligten gewesen sein! Noch heute wäre es das. Über den technischen Rahmen des Fluges ist inzwischen vieles publiziert – über die Erlebnisse an den Orten der einzelnen Flugstationen kaum etwas. Das Bedürfnis, sich einzufühlen in die Fremdheit der Zeit, der Orte, der Kulturen. Der Menschen. Was wäre eine Reise ohne Begegnungen? Meine eigene Lust am Reisen kam mir dabei zu Hilfe.

Den Lauf der Geschichte einmal nicht aus der Distanz zu betrachten, sondern in der geografischen Breite dieser (Fast-)Weltreise auf lokaler Ebene zu erleben, bringt die Romanfiguren ins Staunen. Die unmittelbare Konfrontation mit jahrhundertelanger Sklaverei und Rassismus geht nahe. Und macht fassungslos, weil bis heute wieder 100 Jahre vergangen sind.

Zehn Jahre nach Beendigung des ersten Weltkriegs begannen die Giftmischer des Nationalismus und Nationalsozialismus schleichend den nächsten Krieg vorzubereiten. Nur fünf Jahre brauchten sie, um aus der Randerscheinung der NSDAP eine Diktatur über Deutschland zu errichten.

Ein historischer Roman lebt von der Authentizität. Eine Geschichte, deren Protagonisten inmitten dieser Zeiten agieren, kommt nicht umhin, auch die rassistisch-ideologische Sprache anklingen zu lassen – auch wenn es heute empört. Aber es erscheint mir wichtiger zu empören, als es aus der Erinnerung zu verlieren.

Die Handlung lehnt sich an die tatsächlichen Geschehnisse um den Transatlantikflug der Dornier Do X, Kennung D 1929 vom 05.11.1930 bis 24.05.1932 an. Die Flugroute und die beteiligten Personen wurden vereinfacht. Der Ausfall eines Motors in Brasilien mit einwöchigem Reparaturaufenthalt wurde von der Stadt Parà nach Salvador de Bahia verlegt – weil diese Stadt einfach einen längeren Aufenthalt verdient gehabt hätte.

Der Roman versucht, den damals handelnden Personen gerecht zu werden. Deshalb werden mit zwei Ausnahmen auch die wirklichen Namen der – unterwegs teilweise auch wechselnden – Besat-zungsmitglieder übernommen, die damals in Rio de Janeiro bzw. New York angekommen sind. Dennoch ist alles, was sie im Roman tun, sagen, denken und fühlen, schriftstellerische Fiktion – es sei denn, es ist explizit mit Quellenangabe überliefert.

Die beiden Ausnahmen betreffen die fiktiven Personen der Bordmonteure Emil Martins und Rudolf Nageld. Im Roman treten sie an die Stelle der Bordmonteure Adolf Marquardt und Emil Fischer aus der tatsächlichen Flugbesatzung.

Besatzung (Romanfassung)

Kommandant(en)

Friedrichshafen – Rio:Friedrich Christiansen

Rio – New York: Fritz Hammer

1. Offizier / Navigationsoffizier Wilhelm Niemann

Vertreter Fa. DornierMaurice Dornier

Flugzeugführer

Horst Merz

Clarence Schildhauer

Rudolf Cramer von Clausbruch

Elektriker und Ingenieure

Josef Dabernig

Otto Eitel

Harvey Brewton

Bordmechaniker / Bordsteward

Rudolf Nageld *

EmilMartins *

Fritz W. Krause

Ernst Brombeis

Heinrich Jäger

Fredy Schmidt

* fiktive Personen

Seitenansicht der Do X

Flugroute (Romanfassung)

ZEITSPRUNG

Zieh doch endlich!

Das Meer lag spiegelglatt vor uns, der Horizont nur durch eine Nuance in Blau zu erkennen.

Im Cockpit war es unerträglich. Die morgendliche Sonne des Äquators fand erbarmungslos ihren Weg durch die Bullaugen des Flugschiffs. Die feuchte, schwere Luft lastete auf meinem Schweiß getränktem Körper wie eine gallertartige Masse und ließ mich nur mühsam atmen.

Was zum Teufel mache ich hier? Wie bin ich hier hergekommen? Ich konnte mich nicht erinnern.

Der Pilot neben mir begann die Motoren zu beschleunigen und das Flugschiff nahm langsam Fahrt auf. Am Horizont konnte ich jetzt die Andeutung einer Welle wahrnehmen – endlich Bewegung, endlich Luft, hoffte ich, wenigstens draußen, sarkastisch zu mir selbst. Mit leichten Schlägen gegen das Wasser schob sich der Flieger zunehmend schneller vorwärts. Der beobachtete Ansatz einer Welle hatte sich inzwischen als kindshohe Dünung aufgebaut. Welle und Flieger bewegten sich zunehmend schneller aufeinander zu. Und die Welle wuchs über sich hinaus. Komm, zieh hoch, dachte ich zum Piloten gewandt.

Der Wellenkamm war jetzt knapp ein Stockwerk hoch und der Flieger machte keinerlei Anstalten. Wenn wir jetzt nicht abheben, würde es nicht mehr reichen. »Zieh doch, zieh doch endlich«, brüllte ich zum Piloten. Ich bemerkte die Konturlosigkeit seines Gesichtes, seine vor Anstrengung zitternden Arme, die versuchten, die Steuersäule an sich zu ziehen. Wie einzementiert. Ich wollte aufspringen, um mit anzufassen, aber der auf meinem Körper lastende Brei aus Schweiß und schwerer Luft machte jeden Versuch einer Bewegung zu einer ungeheuren Kraftanstrengung. Gefangen in einer Zeitlupe dauerte es unendlich lange, bis wir gemeinsam mit hochroten Köpfen und unter Aufbietung aller Kräfte an der blockierten Steuersäule drückten und zogen – ohne jeden Erfolg.

Flugzeug und Monsterwelle rasten jetzt unerbittlich aufeinander zu. Ich sah eine schäumende Wasserwand die Fenster des Führerraumes ausfüllen. Meine kurz auflodernde Angst schlug um in resignierendes Erkennen.

Als das Flugzeug die Welle mit voller Wucht traf, zerbarst mein Denken in tausende Fragmente.

FLUGROUTE I

Altenrhein, Schweiz Nov. 1930

Reflektionen

Wenn die Tür sich öffnete, gab sie den Blick frei in einen vornehmen, großen Raum. Die dunklen holzgetäfelten Seitenwände rahmten eine schlanke Glasfront ein, die dem Eingang gegenüber lag. Die hellen Akaziendielen des Bodens spannten sich dazwischen und ein dunkler Läufer wies den Weg in Richtung des wuchtigen Schreibtisches. Dahinter, vor dem hellen Licht des Fensters, war als Schattenriss eine kleine, hagere, etwas untersetzte Gestalt erkennbar, die bewegungslos im Brennpunkt des Raumes verharrte. Von der anderen Seite hätte man einen gepflegten, tief gezogenen Schnauzbart und einen fast haarlosen Schädel erkennen können. Prof. Claude Dornier wirkte merkwürdig abwesend. Er blickte über die weite Wasserfläche des Bodensees, vielleicht sogar über die am Horizont wahrnehmbare Uferlinie hinweg in die Zukunft.

Auf diesen Moment hatte er seit Jahrzehnten hingearbeitet. Das Studium der Physik an der Hochschule in Zürich, seine Lehrjahre in der Werft des Grafen Zeppelin am Bodensee; die Flucht vor den Verboten des Versailler Vertrages1 erst nach Pisa, dann in die Schweiz nach Altenrhein. Die Gründung seiner eigenen Firma, die Versuchskonstruktionen, die nicht enden wollenden Berechnungen und Entwurfsänderungen, bis der Bau des Flugschiffes begonnen und nach zwei Jahren fertiggestellt war.

Wie hatte die Journaille doch gelästert, die meinte, fehlendes physikalisch-technisches Wissen durch Bauchgefühl ersetzen zu können:

Nie im Leben würde diese Metallkiste fliegen, viel zu schwer und zu ungelenk – ein hochtrabender Traum, an den Erdboden gefesselt.

Er hatte sie eines Besseren belehrt. Zwar sah das Flugschiff lange nicht so spektakulär aus wie Capronis italienische »Dreimastbark«2 – die sich wirklich und zu Recht widersetzt hatte, in den Himmel zu steigen; aber im Unterschied zu jener vermochte sein Flugschiff, den Erdboden unter sich zu lassen. Nachdem nunmehr diese Qualitäten beim besten Willen nicht mehr zu leugnen waren, hieß es jetzt:

großartiges Flugzeug, leider seiner Zeit weit voraus, zum Scheitern verurteilt.

Er würde es ihnen allen zeigen. Für sein junges Unternehmen war diese gewaltige Konstruktion in den Ausmaßen eines halben Fußballfeldes ein gigantisches Unterfangen, das nur mithilfe der deutschen Militärs zu finanzieren war. Wider besseres Wissen hatte er sie davon überzeugen können, von welchem großen militärischen Nutzen ein Fluggerät sei, das mehr als 1.000 km mit doppelt bis dreifacher Nutzlast gegenüber den herkömmlichen Fliegern zurücklegen könnte. Und dass es ein Flugschiff sein müsse, um überall auf der Welt starten und landen zu können. Zugegeben: Das Be- und Entladen hatte er möglichst nicht weiter thematisiert.

Mit zunehmender Fertigstellung freilich waren die Militärs des Reichsverkehrsministeriums skeptischer geworden und die Beziehung hatte sich zuletzt deutlich abgekühlt. Er selbst hatte im Vordergrund immer die Nutzung als Passagierflugzeug gesehen. Wenn er jetzt seinen Blick über den See in die Zukunft richtete, sah er Menschen aus allen Kontinenten zusammenrücken. Keine abenteuerlichen, wochenlangen Schifffahrten, sondern bequemes Reisen mit allen Annehmlichkeiten in einem schnellen, sicheren Flugzeug von Stadt zu Stadt, von Kontinent zu Kontinent.

Das fürchterliche Unglück der Titanic vor 15 Jahren hatte den Abgesang auf die Passagierschifffahrt eingeleitet. Die Luftschiffe des Grafen Zeppelin waren technisch ausgereizt und würden mit ihrer Windanfälligkeit nur eine kurze Episode der Luftfahrtgeschichte schreiben. Die Zukunft gehörte den Fluggeräten, die schwerer als Luft waren. Es brauchte nur starke, immer stärkere Motoren.

Das neue Zeitalter begann mit einem Flugschiff von bis dahin unvorstellbaren Ausmaßen, das die Luft beherrschte und sich nicht von ihr wie ein Schmetterling herumschubsen ließ. Die Größe eines halben Fußballfeldes. Drei Stockwerke hoch. 100 Menschen. Das größte Flugzeug der Welt. Die Zeit, die Menschheit war reif für den jetzt anstehenden Schritt, diese Erde kleiner zu machen.

Deutschland allein war zu eingeschränkt, diesem Gedanken zu folgen. Das Geld zu knapp, erst recht nach dem New Yorker Börsenkrach im letzten Jahr. Die gesamte Welt musste von den neuen Möglichkeiten erfahren. Und morgen endlich würde die Do X zu ihrer Reise in die Zukunft aufbrechen: durch die alte Welt in Europa zur neuen Welt jenseits des Atlantik. Der bereits geschlossene Lizenzvertrag mit dem amerikanischen Unternehmen zum Bau der Maschine in den USA stand auf dem Spiel, dazu musste der Prototyp wie vereinbart überführt und übergeben werden. Auch eine weitere Vermarktung an die amerikanische Pan Am oder andere Fluggesellschaften war nicht ausgeschlossen. Es kam jetzt darauf an, dass diese Reise ein voller Erfolg, ach was: ein Triumphzug würde. Waren wirklich alle Vorbereitungen getroffen? Hielt die Konstruktion stand? Daran hatte er keinen Zweifel. Aber es gab so viele Unwägbarkeiten, die im Vorfeld nicht zu berechnen waren. Extreme Wetterlagen. Die Politik. Die Konkurrenz. Der Mensch mit seinen Unzulänglichkeiten, mit Eifersucht, Missgunst, Leichtsinn.

Er war sicher, dass auch andere Ingenieure an solchen Flugzeugtypen arbeiteten. Im eigenen Land baute Hugo Junkers an einem viermotorigen Landflugzeug3 für 30 Passagiere – sicherlich keine ernsthafte Konkurrenz. Aber drüben in Nordamerika gab es Unternehmer und Ingenieure, die seinen visionären Weitblick teilten. Falls dem Flugschiff auf seiner langen Reise etwas zustoßen sollte, würden es manche Menschen auch mit Genugtuung zur Kenntnis nehmen.

Die Vorbereitungen waren getroffen, die Route festgelegt. Informationen über regionale Wetterverhältnisse, die Hafensituationen und die Überflug- bzw. Landegenehmigungen eingeholt. Versorgungsdepots entlang der gesamten Route organisiert. Die Mannschaft zusammengestellt, die Prüfungen für das Seemannspatent abgelegt; einzelne hatten sogar Sprachkenntnisse aufgefrischt, besann er sich schmunzelnd. Auf sie kam es jetzt an. Auf seinen Bruder Maurice als offiziellem Vertreter der Dornier-Werke und die übrige vierzehnköpfige Besatzung aus Piloten, Ingenieuren und Mechanikern, die dieses Fluggerät in allen Einzelheiten fliegen, und – wenn nötig – auseinandernehmen und wieder zusammensetzen würden.

Und auf den einen, den das Militär in dieses Unternehmen hineinbugsiert hatte. Es war nicht zu vermeiden gewesen.

Kommandant und Maschine

Kommandant Friedrich Christiansen ging langsam um die vollgepackte und betankte Maschine herum. Er war nicht aufgeregt, er würde es eher konzentrierte Gelassenheit nennen. Früher beim Militär hatte er schon ganz andere Situationen mit Ruhe und Überlegtheit bewältigt – deshalb hatte das Reichsluftfahrtministerium ihn als Kommandanten für diese Mission durchgesetzt. Es war sein letzter Inspektionsgang vor dem morgigen Abflug. Zunächst hatte er im Cockpit – so gut es am Boden möglich war – die Instrumente überprüft, die Steuerung getestet und die Ladung samt Befestigung kontrolliert. Jetzt von außen inspizierte er sorgfältig den Zustand der Nieten, der Ansteuerungen und Verschraubungen. Ihm fiel nichts auf – wie auch, darum ging es ihm auch gar nicht. Er wollte einfach mit dieser Maschine vertraut werden, wollte ihre Dimensionen spüren und verinnerlichen. Denn vor ihm stand ein unbekanntes wildes Geschöpf.

»Herr Kommandant, Herr Kommandant«, ein Mann im blauen Arbeitsanzug kam vom anderen Ende der Halle herübergeeilt.

»Was gibt es?«

»Der Fischer ist krank, liegt im Krankenhaus. Er hat schon einige Tage über Schmerzen im Bauch geklagt und sie sagen, dass es wohl der Blinddarm ist. Er wird morgen operiert. Er meint aber, dass er in vier, fünf Tagen wieder auf'm Damm ist.«

Christiansen schossen die Gedanken durch den Kopf. So etwas Banales, so eine Allerweltsgeschichte einen Tag vor dem Abflug, das durfte nicht wahr sein. Sein Verstand prüfte in Windeseile die Möglichkeit, den Flug zu verschieben. Jetzt im Spätherbst war die Wetterlage ohnehin schon grenzwertig, mit jedem Tag würde das gesamte Vorhaben schwieriger, wenn nicht unmöglich werden. Und die bereits vereinbarten Termine in Amsterdam, Calshot und den Folgestationen umzuorganisieren, wäre äußerst ungeschickt; womöglich würde man die Verschiebung auf ein technisches Unvermögen des Fluggerätes zurückführen. Und das in aller Öffentlichkeit, da war die sensationsgierige Presse nicht zimperlich.

Wozu hatten sie schließlich für jedes Mitglied der Besatzung frühzeitig einen Ersatzmann benannt?

»Es ist, wie es ist. Und es bleibt dabei, wir fliegen morgen ab. Wer ist der Ersatzmann?«

»Martins, Emil Martins.«

»Dann sagen Sie ihm heute Abend noch Bescheid, dass er mit von der Partie ist und morgen früh um 8:30 Uhr an der Halle erwartet wird – mit allem Zick und Zack. Und ich werde der Geschäftsleitung die entsprechende Meldung machen.«

Friedrichshafen, Deutschland Nov. 1930

Der Nachrücker

Emil Martins war ein schlaksiger junger Mann, kein Kraftpaket. Alles an ihm war zurückhaltend, seine Statur, seine feinen Gesichtszüge mit den leicht geschwungenen, schmalen Lippen, sein dunkles, gescheiteltes und ebenso feines Haar, das er im Verlaufe eines Tages mehrfach ordentlich zurückkämmte. Sein Vater arbeitete bei Dornier und er hatte nach seinem Militärdienst ebenfalls dort seine Lehre im Metallbau begonnen und abgeschlossen. Sein Verständnis für das Material und die mechanischen Vorgänge hatten ihn in die neue Abteilung für Motorentechnik verschlagen, wo er handwerklich aufblühte.

Seine heimliche Leidenschaft galt der Musik, aber sein Versuch, das Geigenspiel zu erlernen, war nur von kurzer Dauer: Seine Arbeiterhände taugten nicht für das Instrument. Doch seine Sensibilität für Musik ließ ihn zur allgemeinen Verblüffung Motorfunktionen und-defekte auch rein akustisch erahnen, so dass er trotz seiner Jugend und seinem Mangel an Erfahrung frühzeitig in die Entwicklung der Motorisierung des Flugschiffs eingebunden wurde. Auf Anraten seines Meisters hatte er sich – zurückhaltend – um den Platz des Bordmonteurs für den anstehenden Transatlantikflug beworben und – ebenso zurückhaltend – seine Rolle als möglicher Ersatzmann akzeptiert.

In letzter Minute

Es ging auf den Feierabend zu. Ich stand an der Drehbank und legte mir die Teile für die Reparatur einer Nockenwelle zurecht, die ich am nächsten Arbeitstag angehen wollte. Ich hörte jemanden meinen Namen rufen und sah meinen Chef wild gestikulierend auf mich zu stürzen.

»Emil, Emil! Du fliegst morgen mit. Du fliegst morgen mit der Do X, du bist in der Besatzung! Komm lass alles stehen und liegen und geh packen! Fischer ist ins Krankenhaus gekommen und wird am Blinddarm operiert.« Er klang atemlos. Ich schaute ihn nur an. Seine Worte drangen in mein Bewusstsein, aber fanden keinen Ansprechpartner und irrten stattdessen sinnlos auf und ab. Zunehmend erfasste ich die Situation, dennoch fragte ich vorsichtshalber zurück: »Wie, ich flieg mit?«

Als sich der Nebel der Überraschung verzogen hatte, jagten mir die Gedanken panisch durch den Kopf: Hilde, ich muss mit Hilde reden, muss es meinen Eltern beibringen. Muss packen. Meine Papiere suchen.

Bevor ich aus dem Werkstor ging, schaute ich noch bei meinem Kumpel Franz vorbei und erklärte ihm, dass ich ab morgen weg sei. Und dann steckte ich ihm drei Reichsmark zu: »Franz, trink dir ein paar Bier in der Seeschenke und gib mir bitte die Schlüssel für dein möbliertes Zimmer – ich muss unbedingt mit Hilde in aller Ruhe reden.« Wir hatten das schon öfter gemacht, Franz war sowieso nicht gern allein zuhause.

Die Nachricht, als Ersatzmann einspringen zu müssen, hatte mich aus der Bahn geworfen. Vor ein paar Jahren hatte mich der Umzug des Dornier-Werkes von Pisa nach Altenrhein in die Schweiz meine damalige Liebe gekostet – sie war Italienerin und wollte nicht mit mir in die Fremde gehen. Es hatte lange gedauert, bis ich Hilde fand und mich wieder binden konnte. Jetzt, mit der Berufung in die Mannschaft der Do X, empfand ich ein Gefühl von wahnsinniger Freude und heftiger Sorge. Ich durfte Hilde nicht enttäuschen. Nachdem alles danach aussah, dass ich nicht Teil der Mannschaft wäre, hatten wir Hochzeitspläne für Januar gemacht. Die Einladungen lagen schon fertig zum Versand auf dem Tisch.

»Na, was hast du denn mit mir vor?«, fragte Hilde keck, als wir die Treppe zum Zimmer meines Freundes emporstiegen. Das war Hilde, so wie ich sie liebte. Ich mochte keine Frauen, die sich in Zurückhaltung versteckten. Ich schloss auf und wie so oft, nahmen wir auf dem Sofa Platz. Ich selbst setzte mich so neben sie, dass ich sie dabei anschauen konnte. »Hilde, ich weiß nicht, wie ich es jetzt sagen soll, es ist ...«

»Dann sag's doch einfach«, schlug sie in aufgeräumter Stimmung vor und strich mir über meine, von einem nicht vorhandenen Bart nur dunkel schattierte Kinnpartie.

»Ich möchte gerne gemeinsam mit dir leben, das weißt du, wir wollen im Januar heiraten, das wollen wir beide und ich kann mir ein Leben ohne dich nicht vorstellen.«

Sie beugte sich zu mir und gab mir einen zarten Kuss auf den Mund, den ich erwiderte. Entgegen meiner sonstigen Gewohnheiten entzog ich mich rasch dem überwältigenden Gefühl. »Fischer ist mit einer Blinddarmentzündung im Krankenhaus und wird morgen operiert. Ich bin sein Ersatzmann für den Flug morgen früh mit der Do X.«

Ich spürte Hilde für einen Moment erstarren und drückte sie noch wärmer an mich. »Ich kann diese Entscheidung nicht alleine treffen. Es ist mir unmöglich abzufliegen, wenn ich dich damit enttäusche.«

»Gibt es denn keine Möglichkeit, den Flug zu verschieben, bis Fischer wieder gesund ist«, fragte sie das Naheliegendste.

»Nein, der Abflugtermin steht nach wie vor für morgen früh. Und ich habe dem Werk vor sechs Monaten versichert, dass ich als Ersatzmann jederzeit bereitstehe, für einen Kollegen einzuspringen. Du weißt das. Wir haben darüber gesprochen und es gemeinsam so entschieden – damals allerdings wussten wir nicht, dass der Fall tatsächlich eintreten würde.«

»Emil, komm mal her«, sie drängte sich mir entgegen und küsste mich. Wir genossen für einen ausgiebigen Moment den Rausch, der alle Probleme zur Seite schob.

»Du weißt, ich liebe dich und ich könnte nichts tun, was dein Glück trüben könnte. Ich weiß doch, wie sehr dir an dieser Mission liegt und wenn du jetzt die Möglichkeit hast, daran teilzunehmen, kann ich es verstehen. Und ich kann auch zwei Monate warten, ich habe schon mein ganzes Leben auf dich gewartet, da kommt es auf ein paar Wochen nun wirklich nicht an. Aber sag mir, dass du mich liebst, das brauche ich, um die Zeit durchzustehen, weißt du.«

»Ach Hilde, ich liebe dich so sehr, dass es mir das Herz herausreißen wird, wenn ich morgen in der Maschine sitze und sie in die Luft geht. Aber es wird mir auch das Herz herausreißen, wenn ich nicht in der Maschine sitze.«

»Emil, nun mach es uns mal nicht so schwer. Wir sind seit einem Jahr zusammen und wollen heiraten und dabei bleibt es auch. Die paar Wochen werden wir schaffen, jeder für sich, aber wir werden es schaffen. Und heute Abend – gehen wir zum Abschied tanzen!«, ihre Augen blitzten.

Ich war hin- und hergerissen. Hilde hatte die unerwarteten Änderungen unserer gemeinsamen Pläne ganz selbstverständlich, geradezu selbstlos aufgenommen. Und Tanzen war ihre große Leidenschaft, das wusste ich. Ich sah gerne, wie die Musik durch ihren Körper floss. Was mich selbst anbetraf: Meine Füße konnten Schritte machen, aber mein Körper wollte sich nicht zur Musik bewegen. Ich war immer froh, dass ich mir selbst nicht zusehen musste. Bei aller Zuneigung zu Hilde versuchte ich, Tanzen wenn möglich zu vermeiden, vor allem in der Öffentlichkeit. So war ich nicht unglücklich, als ich sagen musste: «Hilde, das schaffe ich nicht. Ich muss noch meine Sachen zusammensuchen und packen und meine Papiere und … morgen geht es früh los und …«

»Ja ich weiß doch, aber wäre schön gewesen. Wir holen das nach, wenn du wieder zurück bist, versprochen? Und alles andere auch!«

Altenrhein, Schweiz Nov. 1930

Abschied von Hilde

Mit meinen beiden Köfferchen und mit Hilde im Arm betrat ich inmitten meiner Familie den Vorplatz des Hangars. Wir brauchten nicht viel zu reden, es war bereits alles gesagt.

Schon am frühen Morgen hatte sich der Platz vor der Halle mit Menschen gefüllt. Es war ein diesiger Novembertag, ein bläulicher, grauer Dunst lag in Schichten zwischen dem See und der Wolkendecke. Aber die Menschen vertrauten darauf, dass – wie im Wetterbericht angekündigt – die Sonne im Laufe des Vormittags das Wetter aufklaren würde. Der Bereich unmittelbar vor dem Hangar war für die Presse, eingeladene Gäste und die Familien der Besatzung reserviert. Ich sah ein reges Treiben, es gab einen Tisch mit heißem Kaffee und Kakao, Frühstücksbrötchen und Kuchen. Kinder spielten zwischen den herumstehenden Erwachsenen. Ein paar Meter vor der Halle stand ein größeres, graues Zelt, das die Kantonspolizei für die Erledigung der Ausreiseformalitäten belegt hatte. Dahinter war der Zutritt nur noch den Besatzungsmitgliedern gestattet.

Staunend blickte ich auf die Seeuferstraße, die sich mehr und mehr mit Schaulustigen füllte, die dieses Ereignis nicht verpassen wollten. Die Polizei mühte sich ab, eine Fahrspur für Automobile frei zu halten.

Die Maschine hatte zum Warmlaufen der Motoren bereits einige Schleifen durch den See gedreht und war gerade dabei, an den Startplatz zurückzukehren. Alle Besatzungsmitglieder bis auf Maurice Dornier waren bereits an Bord, die Ladung einschließlich Gepäck verstaut. Ich hatte mich gestern noch mit dem Kommandanten verständigt, dass ich etwas mehr Zeit bekäme und als einer der Letzten an Bord gehen würde. Ich umarmte meinen Vater und meine Mutter kurz und herzlich und verabschiedete mich scherzend von meinen beiden jüngeren Brüdern. Dann ging ich mit Hilde in Richtung Kantonspolizei. Wir küssten uns. Aber es war einer von diesen Küssen, die nichts taugen, weil sie nur dem Abschied gelten. Wir sprachen nicht viel, aber wir fühlten miteinander.

»Emil, ich bin so stolz. Ich hoffe, es wird eine fantastische Reise für dich und die Mannschaft. Komm heile zurück, hörst du.«

Ich drückte Hilde stumm, aber umso fester an mich.

»Ich glaube, du musst jetzt langsam zur Kantonspolizei und zum Flugschiff, es wird schon Zeit«, sagte sie zu mir und schaute mir dabei tief in die Augen. Welch inniger Blick! Ein letzter kurzer Kuss, ein letzter Druck der Hände im Rücken und ich nahm meine beiden Koffer. Ich wandte mich um und ging schnellen Schrittes in Richtung Polizeistation. Ihr Blick bohrte sich in meinen Rücken. Kurz vor dem Erreichen der Polizisten drehte ich mich um und sah sie an. Die beiden Koffer stellten sich ab. Unsere Blicke trafen sich und verschworen sich zu einem Band, das uns nicht mehr losließ. So standen wir und schauten uns an, Ewigkeiten zogen vorbei. Wenn ich jetzt nicht gehe, dann gehe ich nicht mehr, schoss es mir durch den Kopf. Hilde wusste es und mit einer unbewussten Kopfbewegung bedeutete sie mir weiterzugehen. Wie eine funktionierende Maschine setzte ich mich wieder in Bewegung. Ich war mir nicht im Klaren, ob ich es war, der hier zum Anlegesteg ging.

Als ich endlich mit dem letzten Boot zum Flugschiff übergesetzt hatte und dabei war, über den Flügelstummel die Maschine zu betreten, winkte ich aus der Ferne. Aber das Band war nicht mehr da.

Starttag

Wie die Menschen erhofft hatten, war das Wetter langsam aufgeklart und die neblige Trübung hatte sich verzogen. Hilde schaute noch immer auf das Flugschiff, das in den seichten Wellen des Sees leicht hin und her schaukelte. Jetzt begann die Werkskapelle aufzuspielen und intonierte den Do X-Marsch, den der Markdorfer Musikdirektor Leo Bürkle eigens für dieses »wunderbare Stück deutscher Ingenieurskunst« komponiert hatte. Dies war zugleich das Zeichen für den bevorstehenden Start des Flugschiffs. Als die zwölf Motoren im Chor ins Crescendo gingen und schließlich ihr brüllendes Altissimo anstimmten, setzte sich das riesige Gefährt langsam in Bewegung und wurde zusehends kleiner und schneller. Am Heck baute sich der typische Gischtstrahl auf. Das Stimmengewirr auf dem Platz wurde lauter, die Menschen streckten die Hände in die Höhe und begannen zu winken und zu jubeln.

Hilde konnte den Blick nicht abwenden. Sie hatte sich etwas vorgemacht, als sie im gestrigen Gespräch mit ihrem Verlobtem alles auf die leichte Schulter nahm: dies war keine Reise. Dies war ein Abenteuer, eine Expedition über den Atlantik. Mit ungewissem Ausgang.

Als das Flugzeug schließlich in die Luft schob, fühlte sie, wie die Erde aufhörte, sich zu drehen. Sie nahm staunend wahr, dass um sie herum Menschen weiter aufgeregt gestikulierten und sich die Köpfe verrenkten, genauso wie die Tatsache, dass das Flugzeug unbeirrt in die Ferne strebte. Ihre Welt war stehen geblieben.

In ihrem Inneren verbreitete sich eine Melancholie, der sie schreiend hätte Ausdruck geben wollen. Aber ein würgendes Band hatte sich um ihren Hals gelegt. Als sie zu ihren Eltern zurückging, fragte ihre Mutter, wie es ihr ginge. Hilde warf sich ihr nur wortlos in die Arme und barg ihren Kopf an ihrer Schulter. Es würden Wochen vergehen, bis sie wieder zum Sprechen imstande wäre. Und über 90 Jahre bis ihre Melancholie die Menschen musikalisch erreichen würde.

#1

Flug nach Amsterdam

Um 11:00 Uhr informierte Kommandant Christiansen seine Besatzung, dass der Start nun unmittelbar erfolge – Musikfetzen der Werkskapelle tönten immer wieder bis in die Kabine – und sich alle auf ihre Plätze begeben müssten. Er gab Befehl, den Anker einzuholen. Über das Sprachrohr gab er an den Führerraum durch: »Hier spricht Kommandant Christiansen. Wir starten jetzt mit Startrichtung West. Flughöhe 100 m über Grund und dem Flusslauf des Rheins folgen.« Der Motorenlärm schwoll an und das Schiff beschleunigte im Wasser zunächst wie ein Motorboot, dann mit immer höherer Geschwindigkeit, so dass die Wasserschläge gegen den Rumpf härter zu spüren waren. Abrupt ließen die Schläge nach und das Schiff schob sich in die Luft, scheinbar langsamer und langsamer werdend. Christiansen drückte sich Wattestopfen in die Ohren und genoss das Nachlassen des Motorengedröhns. Einige Besatzungsmitglieder winkten begeistert an ihren Fenstern, ohne zu wissen, ob das für die Zuschauer auf dem Boden erkennbar wäre. Langsam gewann das Flugschiff an Höhe und strebte schließlich donnernd zwischen Wolken und Seeoberfläche Richtung Westen, dem Flusslauf immer versetzt rechtsrheinisch folgend.

Vor Basel verkürzten sie den engen Rheinbogen und folgten schließlich der Rheinschlucht nach Norden. Das Wetter hielt sich bei wechselnder Bewölkung ohne Regen, ab und zu vermochte eine Lücke in den Wolken sogar die spätherbstliche Landschaft in ein üppiges, warmes Licht zu tauchen. Linker Hand zeichnete sich jetzt in einiger Entfernung eine größere, französische Stadt ab. »Schau dir die Türme an, das Straßburger Münster – einfach umwerfend selbst aus dieser Entfernung.« Und so passierten sie Straßburg aus der Distanz, denn ein Überflug war von der französischen Regierung nicht genehmigt.

Inzwischen tauchte die Stadt Rastatt vor ihnen auf. Kommandant Christiansen befahl, den Rheinlauf zu verlassen und die Stadt zentral in niedriger Höhe zu überfliegen, auf Höhe des alten Residenzschlosses, um den Menschen das Flugschiff zu zeigen. Die Wirkung war enorm. »Ich glaube, die lassen alles stehen und liegen und jubeln einfach nur noch,« sagte jemand. Die Menschen auf dem Marktplatz, auf dem Schlossplatz, in den Straßen sahen zu dem fliegenden Koloss hoch und begannen unvermittelt in Jubel auszubrechen.

Das Flugschiff verließ den Rheinlauf nach Osten, um sich der Stadt Karlsruhe zu zeigen. Der fächerartige Straßengrundriss war aus der Luft unvergleichlich deutlich erkennbar und die Piloten richteten den Kurs auf die zum Schloss führende Magistrale aus. Auch hier ließen die Menschen ihrer Begeisterung freien Lauf. »Es macht wirklich keinen Sinn, wenn du hinter dem Fenster hier zurückwinkst. Das kann kein Mensch erkennen.« »Ist doch egal, es geht einfach durch mit mir, weißt du.«

Es folgten die Städte Worms und Mainz mit gleicher Begeisterung. Gebannt schaute die Mannschaft jetzt auf den Rheinlauf, Schiff und Mannschaft konnten ihre Herkunft nicht verleugnen: »Da, da, die Loreley – oder nicht?« Aus der Vogelperspektive, zumal von Süden kommend, war der Fels inmitten der Bewaldung schlecht auszumachen.

Der Rheinlauf zog sich jetzt in kleinen Windungen durch die Landschaft zwischen Hunsrück und Taunus. Burgen und Burgruinen markierten die malerischen Höhepunkte des Flusses. Das Landschaftsbild in seiner wechselnden Vielfalt – trotz der eher dunklen, blattlosen Novemberfarben – begeisterte die Männer. Ein Holzfloßverband trieb stromabwärts und die Flößer schauten bewegungslos zu ihnen hinauf. Am Deutschen Eck, der Einmündung der Mosel in den Rhein, hatten sie etwa die Hälfte der Strecke zurückgelegt. Christiansen fragte routinemäßig seinen Maschineningenieur Otto Eitel nach dem Stand der Motoren. »Öldruck, Öltemperatur, Wassertemperatur, Drehzahl – alles im grünen Bereich«, war die kurze und zufriedenstellende Antwort von Eitel.

Die Anzahl der Schiffe, die auf dem Rhein zu beobachten waren, hatte in der letzten Stunde stetig zugenommen. Die Schornsteine der kleinen und großen Dampfer spien ihre rußigen Rauchschwaden aus, um die Frachten in den Kähnen und Schleppzügen zu befördern. Aufsteigende Dampfwölkchen machten das Tönen der Schiffssirenen sichtbar, kein Schiffer ließ es sich nehmen, seinen Blick zum Himmel zu richten.

Als der Kölner Dom am Horizont erkennbar wurde, ordnete Christiansen an, eine Ehrenrunde um dieses »wundervolle deutsche Bauwerk« zu fliegen. Pilot Merz folgte der Aufforderung, indem er ostwärts nach Deutz ausscherte, um im Anschluss hinter dem Dom eine Runde über die Kölner Innenstadt zu fliegen und schließlich – wieder über Deutz – den Flug nach Norden fortzusetzen.

Vor Duisburg und seinen Fabrikschloten für Stahl und Kohle verdichtete sich das Wolkenbild und es wurde ausgesprochen neblig-diesig mit schlechter Sicht. Die Hafenanlagen von Duisburg-Ruhrort waren kaum noch zu erkennen. Christiansen befahl, die Wolkendecke zu durchstoßen, um über den Wolken wieder auf Sicht fliegen zu können. Pilot Schildhauer – der gerade von Merz die Steuerung übernommen hatte – konzentrierte sich auf seine Instrumente und begann den Steigflug. Ich erschrak, als die Wolken sich wie ein Vorhang vor die Bullaugen legten. Auf den Erprobungsflügen hatte ich dies noch nicht erlebt. Nach wenigen Sekunden verlor ich die Orientierung und mein Puls fing an zu rasen. Wie können die Piloten hier zurechtkommen? Wissen die, was sie tun? Was sehen wir, wenn wir hier wieder 'was sehen, jagte es mir durch den Kopf. Als wir endlich auf 800m Höhe die Wolkendecke überwanden, sah ich eine im Sonnenlicht weiß leuchtende Wattefläche und einen blau-weißen Horizont. Es war wunderschön, geradezu unwirklich. Ich konnte den Blick nicht lösen und mein Puls beruhigte sich nur langsam.

Niemann, der Navigationsoffizier steckte dem Kommandanten einen Zettel zu: Hinter Emmerich nach Norden dem abknickenden Arm des Niederrhein nach Arnheim folgen, dann weiter bis Utrecht. Dort Rhein mit Kurs Nord West verlassen Richtung Amsterdam. 50 km bis Ziel. Christiansen wies seine Piloten entsprechend ein und schon bald steuerten sie auf dem jetzt deutlich schmaleren Niederrhein der Stadt Arnheim entgegen. Eine beklemmende Erwartung lag in der Luft: Wie würden die Menschen nach den Erlebnissen des Krieges auf das Flugschiff reagieren?

Es war überwältigend. Genau wie zuvor in den deutschen Städten schauten die Arnheimer begeistert zu dem fliegenden Koloss nach oben und jubelten. Der Traum vom Fliegen hing zum Greifen nah groß und schwer in der Luft. Zwei Ehrenrunden kosteten den Jubel aus.

Jetzt steuerte das Flugschiff auf den kleinen Ort Amerongen zu. »Hier spricht Kommandant Christiansen. Wir passieren gleich rechter Hand den Ort Amerongen. Einmal den Ort mit dem Schloss umkreisen. Als Gruß an unseren Kaiser Wilhelm.«

»Ex-Kaiser, ist doch eh nicht zuhause4«, feixte Pilot Schildhauer laut und leitete die Rechtskurve ein.

»Nur ein paar Tage im Exil!«, erwiderte Merz vom Sitz des Chefpiloten neben ihm.

Amsterdam, Niederlande Nov. 1930

Ankunft

Nach fünfstündiger Flugzeit befand sich das Flugschiff jetzt am späten Nachmittag im Anflug auf Amsterdam. Christiansen ging nach vorne in die Führerkanzel. Zwischen Nordseeküste und Zuiderzee war die Altstadt deutlich zu erkennen, die sich halbkreisförmig an den neuen Nordseekanal anlehnte. Nordöstlich davon war das weite Wasserbecken der Marineflugstation Schellingwoude zu sehen, ein in die Stadt hineinragender, großzügiger Ausläufer der Zuiderzee. Im Laufe des Nachmittags hatte sich der Zustrom der Schaulustigen über das kleine Fischerdorf Nieuwendam ergossen und mit Automobilen, Motorrädern und Fahrrädern den Verkehr zum Erliegen gebracht. Auch zu Fuß staute sich eine Menschenmenge vor der Oranjeschleuse, die dahinter liegenden Dämme und Deiche waren voller Menschen, die die Ankunft des Flugschiffes miterleben wollten. Auf dem Durgerdam vor dem Landebereich standen die Menschen dicht gedrängt Seite an Seite. Den ganzen Tag über hatte Radio Hilversum über den Verlauf des Fluges berichtet, angefangen vom späten Start in Altenrhein bis zum Überflug jeder größeren Stadt auf der Route. Als die Schaurunden über Arnheim gemeldet wurden, hätte man die steigende Spannung in Amsterdam mit einem Messgerät aufzeichnen können.

Die Maschine schwebte von Osten kommend über der Zuiderzee ein und setzte sanft, links und rechts von weißen Gischtfahnen begleitet, im Wasser auf. Mit zwei noch laufenden Motoren rollte sie langsam Richtung Hafenanlagen. Jetzt endlich nach der Landung gab es für die unzähligen, mit Flugenthusiasten besetzten Boote in Schellingwoude kein Halten mehr. Wassertaxis, Barkassen, Segler, Ruderboote stürzten sich auf das riesige Flugschiff. Vier Polizeiboote eskortierten die D.O.X. – wie sie in der Presse genannt wurde – zu ihrem Liegeplatz und versuchten anschließend, durch Umkreisen der Maschine die neugierigen Boote der begeisterten Zuschauer und Presseleute auf Abstand zu halten.

Eine Motorbarkasse mit dem offiziellen Empfangskomitee legte am Flügelstummel an. »Herr Kommandant, seien Sie und Ihre Besatzung überaus herzlich willkommen in Amsterdam!«, Bürgermeister de Vlugt schüttelte ausgiebig und kräftig die Hand von Christiansen. »Darf ich weiter vorstellen: Vizeadmiral Quandt, Konsul von Bülow von der deutschen Vertretung, unser Hafenmeister Herr van de Poli, und schließlich Herr Burgerhout, Direktor von der Aviolanda5.« Jetzt näherte sich eine lange, mit 20, 30 Köpfen besetzte Schaluppe dem Sicherheitsring der Polizeiboote und durfte tatsächlich passieren. Das Musikkorps der Amsterdamer Trambeamten griff zu den Instrumenten und nahm im Boot sitzend Aufstellung. Die Musiker stimmten das »Deutschlandlied«, danach den »Wilhelmus« an. Emil und die anderen Mechaniker hingen in den geöffneten Bullaugen der Passagierkabine und waren fassungslos: dass so etwas möglich war! Die Männer auf der Do X sahen und hörten es staunend und bedankten sich genauso wie die Zuschauer auf den Booten mit begeistertem Applaus.

Ein Stoß und eine schlingernde Bewegung des Flugschiffs ließen die auf dem Flügelstummel stehenden Männer kurz taumeln. Christiansen verschwand in der Kabine. »Was war das?«

»Eines der Polizeiboote hat bei der Verfolgung von Journalisten übertrieben und unseren Steuerbord-Stummel gerammt.«

»Sofort Beschädigung feststellen und die Lenzpumpe beibringen«, gab er seine Anweisung. Ausgerechnet ein Polizeiboot! Die Haut spannte sich weiß über die Knöchel seiner Hände. Kurze Zeit später folgte der Bericht von Martins: »Schwimmer unter Wasser auf ca. einen Meter eingedrückt, Nahtstellen haben gehalten, aber undicht. Lenzpumpe eingesetzt und alles im Griff«.

Nach dem offiziellen Empfang und dem Defilee vor den Filmstativen der Tonfilmgesellschaften hatte Bürgermeister de Vlugt die Mannschaft zum gemeinsamen Abendessen eingeladen. Als selbstbewusste Anspielung auf die Internationalität seiner Heimatstadt hatte er das vor ein paar Monaten eröffnete Hong Kong Restaurant auf der Damrak ausgewählt. Die geschäftige Prachtstraße mit ihren hochstrebenden vier- bis fünfgeschossigen, reich verzierten Gebäuden war von beeindruckender Wucht, vor allem für diejenigen der Besatzung, deren Lebenserfahrung sich bislang auf die Städtchen am Bodensee beschränkte. Erst recht beeindruckend war aber die exotische chinesische Küche aus der Hand von livrierten Kellnern für die gesamte Mannschaft – selbst für Kommandant Christiansen, ein neues, unglaubliches Gaumenerlebnis.

Im Toilettenraum des Restaurants liefen sich Fredy und Emil über den Weg: »Und? Was hältst du so vom Alten?«

Fredy war mit seinem Kommandanten ganz zufrieden: »Christiansen? Kann ganz schön grimmig gucken, wenn er seine Falten zwischen den Augenbrauen so richtig anstrengt. Macht jedenfalls einen ganz erfahrenen Eindruck.«

»Kein Wunder – alte friesische Kapitänsfamilie von der Nordseeküste. Aber ich finde ein bisschen viel Lametta, wenn du weißt, was ich meine«, merkte Emil an.

Fredy hatte sich vor der Reise ein bisschen über seinen Kommandanten informiert: »Ja, seine Militärgeschichte lässt er gerne mal aufblitzen. Den Mérite6 soll er vom Kaiser persönlich bekommen haben für besondere Tapferkeit. Hat 21 Feindflugzeuge abgeschossen. Und einen englischen Zeppelin, muss man sich mal vorstellen. Hat trotzdem nichts genutzt.«

Erster Brief an Hilde

Hilde, meine liebe, ich bin schon so weit fort von Dir, das macht mir mein Herz schwer, auch wenn ich von Frohsinn ganz erfüllt bin. Hier in Amsterdam sind wir erschlagen von den Menschenmengen, die schon am ersten Tag unseres Aufenthaltes uns und die Maschine sehen wollen. Mir fällt gerade auf: eher andersherum, vor allem die Do X sehen wollen. Wir haben richtig hart gearbeitet und mussten reichlich Eintrittskarten (!) verkaufen, um der Mengen Herr zu werden. Und Amsterdam ist so riesig und doch so schön. Die prachtvollen Gebäude, die Menschen aus – so scheint es – allen Ecken der Welt, das irrsinnige Treiben auf den Straßen voller Automobile; Häfen und Schiffe, mehr als ich in meinem ganzen Leben bisher gesehen habe.