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Sophie scheint in ihrem Leben vom Pech verfolgt zu sein. Eine Kündigung ist da erst der Anfang. Da taucht Odo, der alte Friedhofsgärtner, auf, welcher mit den Raben spricht und in der Natur liest wie in einem Buch. Er will sie vor einer Liaison mit einem Künstler aus Heidelberg bewahren, doch Sophie will nicht auf den Alten hören.
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Seitenzahl: 87
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Was hinter uns liegt und was vor uns liegt, sind kleine Angelegenheiten verglichen mit dem, was in uns liegt.
Ralph Waldo Emerson
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Immer wenn Sophie sich einsam fühlte, ging sie zur Bahnhofstraße, setzte sich auf eine der freien, eisernen Bänke und beobachtete die sich vor ihr ausbreitende Szene. Verlassene Waggons, auffliegende Tauben, alte Herren mit schwarzen Koffern, die forschen Schrittes zwischen den Aushängeschildern hin und her marschierten, kleingedruckte Zahlen auf verblichenem gelbem Papier studierten, und Kinder, die unablässig an den Röcken ihrer Mütter zupften, waren allgegenwärtig. Sie dachte in diesen Augenblicken einfach gar nichts und ließ vergangene Bilder wie die Züge voller Passagiere in die Ferne passieren.
Ein paar staubige Sonnenstrahlen flossen durch die gläserne Wand, hinter der Sophie saß. Irgendjemand hatte ein Herz mit Lippenstift daraufgemalt. Sie hatte noch genau eine Stunde Zeit bis zum Treffen bei ihren Eltern.
Irgendwie erinnerte sie diese Abfolge von Ereignissen an einen bestimmten Tag, ebenfalls im Sommer, der nun schon seit einem Jahr Vergangenheit war. Der Tag, an dem Herr Tilman ihr ein Angebot gemacht hatte, welches sie in die Zebrastraße 2 führte. Manchmal fragte sie sich, wie alles gekommen wäre, wenn sie sich an diesem besagten Tag einfach in einen der Züge gesetzt hätte, statt zu ihren Eltern zu fahren. Sie schloss die Augen. Vor ihrem inneren Auge sah sie sich, wie sie mit gewaschenem Haar, das nach Rosenöl duftete, einem Sommerkleid, das sie über kurzen Leggins trug, und Stöpsel in den Ohren ihre Einzimmerwohnung verließ und sich auf ihr Rad schwang. Ihre Eltern wohnten im Nachbarort, was manchmal von Vorteil war, wie nun, da sie etwas in Eile war. Der Wind zerrte an ihrem Leib und seine Kühle legte sich um ihr Gesicht – wie lebendig sie sich fühlen konnte!
Nach einem Hügel und ein paar Abzweigungen sah sie es schon, das Anwesen ihrer Eltern. „Unser Retrohaus“, nannte ihr Vater es stets liebevoll. Es war im barocken Stil gebaut, mit luftigen Balustraden, die um den Garten verliefen und diesen kunstvoll einfriedeten. Wie die Nachbarhäuser war es in einem verwaschenen Creme-Weiß-Ton gestrichen und fügte sich widerstandslos in die Reihe ein. Oft war es ein Ort der Begegnung für Kunstliebhaber und Freunde der Eltern.
Sophie verstaute ihr Rad in der Garage. Es wollte so gar nicht zu den anderen Rädern passen und wirkte neben ihnen wie ein Esel unter Rennpferden, dachte sie und grinste.
Nachdem sie die Garage abgeschlossen hatte, ging sie zum Vorhof und klingelte. Tief Luft holend, strich sie sich ein paar ihrer kurzgeschnittenen Haarsträhnen hinters Ohr. Nervosität war für gewöhnlich kein ausgeprägter Charakterzug von ihr, doch nun fühlte sie sich auf unbestimmte Weise unvorbereitet.
„Ja bitte?“, erklang die geschäftige Stimme ihrer Mutter, aus der Sophie aber einen warmen Ton heraushörte.
„Ich bins. Sophie.“
„Hallo, Schatz, komm rein, der Tisch ist schon gedeckt.“
Ein Summton erklang und Sophie drückte die Tür auf, die zum Eingangsbereich des Hauses führte.
Strahlend wie tausend Sonnen und mit offenen Armen, als wollte sie die komplette Nachbarschaft miteinschließen, begrüßte Frau Gustavson ihre Tochter.
„Sind Herr und Frau Tilman schon da?“, fragte Sophie.
„Nein, sie werden sich verspäten, es gibt Stau. Fangen wir doch schon einmal mit dem Kaffee an.“ Das befreundete Ehepaar der Eltern war ebenfalls eingeladen. Frau Gustavson strich Sophie übers Haar und schenkte ihr wieder ihr strahlendes Lächeln. Für einen Moment fragte sich Sophie, wie ein einziger Mensch so viel Energie in ein Lächeln bündeln kann, doch dann ließ sie den Gedanken fallen und beschloss, dass man sich für Unerklärliches eine Lösung sparen könne.
Sophie betrat die Durchgangshalle, welche hinter der aufsteigenden Wendeltreppe lag, die sich neben dem Ankleidezimmer befand und das Wohnzimmer, die Küche und die übrigen Zimmer miteinander verband. Überall hingen oder standen Accessoires in Form von kleinen Buddhas, Elfen oder Schmetterlingen. Ihr Vater hatte sich an diesen Stil bereits gewöhnt, vielleicht inspirierte er ihn sogar. Er war nämlich Schriftsteller und lebte von der Inspiration.
„Hallo Sophie! Das ist ja schön, dich wiederzusehen, und hübsch siehst du aus! Komm rein in die gute Stube! Nein, wir gehen raus“, korrigierte sich Herr Gustavson lachend und breitete die Arme aus.
Wie Sophies Mutter zuvor alle Kraft in ein Lächeln gelegt zu haben schien, erhob nun Herr Gustavson seine Stimme, als gelte es, einen Opernsänger nachzuahmen.
Sophie schloss ihn in die Arme.
Sie war diese Inszenierungen gewohnt. Er war eben ein Künstler.
Man versammelte sich um einen reich gedeckten Kaffeetisch, der inmitten von blühenden Rosenbüschen auf der weitläufigen Terrasse nebst einem kleinen, sorgfältig angelegten Kräutergarten stand. Auf ihm türmten sich Leckereien aller Art, vom selbstgemachten Zopf bis zur Himbeertorte und Keksen in allen Variationen. Frau Gustavson hatte sogar das teure Porzellanservice mit Rosenmuster für besondere Anlässe bereitgestellt.
„Habt ihr die ganze Nachbarschaft eingeladen?“, erkundigte Sophie sich vorsichtig und nahm sich einen Keks.
Herr Gustavson brach in schallendes Gelächter aus.
„Meine Tochter!“, betonte er anschließend. „Eine blühende Fantasie! Muss man dir lassen.“
Frau Gustavson meinte lächelnd: „Du kennst doch Frau Tilman und ihre Schwäche für meine Kuchen.“ Dann fügte sie mit wehmütigem Unterton in der Stimme hinzu: „Wenn sie doch nicht im Stau stehen würden, die Armen. In dieser gottlosen Hitze.“
„Du sagst es, Schatz. Bis sie eingetroffen sind, werden wir beim zweiten Gang des Abendessens sein. Nun ja, Sophie, darf ich dir den Kaffee reichen?“ Formvollendet und mit leicht gespreizten Fingern nahm er schließlich selbst einen Schluck aus seiner mit Rosenmotiven geblümten Tasse.
Nachdem jeder von der „himmlischen Himbeertorte“ und dem „zauberhaften Zopf“ gekostet hatte, wurde der Vorschlag gemacht, eine kleine Runde zu drehen in den „beheimateten Gefilden“, wie sich Herr Gustavson ausdrückte. Inzwischen hatten sich Herr und Frau Tilman für den frühen Abend angekündigt.
Man ging zur kleinen Werft, wo hoher Betrieb herrschte, wie immer zu dieser Jahreszeit; Boote wurden für die Fahrt auf dem Schweigersee gewartet und dafür im Takt zu einer kubanischen Weise geschrubbt. Die Männer standen schwitzend da mit nacktem Oberkörper und trotzten der Sonneneinstrahlung mit ihrer braungebrannten Haut, die sich über Oberarme, Schultern und Brust zog. Familie Gustavson ließ die Werft hinter sich und folgte einem Weg, der sich durch eine Heidelandschaft schlängelte und einige Kurven beschrieb, weshalb man plötzlich auftauchenden Wanderern oder Radfahrern besonders flink ausweichen musste, was zu einigen Lachern in der Gruppe und zum Ärgernis der Zweiräder führte.
Ein schales Stück Heidelandschaft zu ihrer Rechten legte sich wie eine Sichel in eine beschattete Mulde. Ein Maisfeld folgte – Herr Gustavson fand, dass einzelne Kolben wie alte Männer mit Schnauzer und Farah-Diba-Frisuren wirkten. Man ging denselben Weg zurück, wie man gekommen war, an der Werft vorbei zur Siedlung.
Von Weitem konnte man schon Herrn Tilmans neuen Firmenwagen in der Sonne glänzen sehen. Es war ein rabenschwarzer Mercedes. Herr und Frau Tilman standen daneben wie kleine Statuen, doch kaum hatten sie die Gruppe entdeckt, winkten sie wie verrückt los, wobei der Blumenstrauß, den Frau Tilman in ihrer zarten Hand hielt, kräftig ins Wanken geriet.
„Nun aber hurtig, die müden Geister, wir haben Besuch!“ Herr Gustavson streckte seinen Schritt, was ihm nicht schwerfiel bei seinen langen Beinen, und kam somit vor Sophie und ihrer Mutter bei dem ungleichen Ehepaar an. Während Herr Tilmans Statur von einem hervorstehenden Bauch und bulligen Oberarmen dominiert wurde, war seine Frau das reinste Ebenbild einer Gazelle, und was ihrem Gatten an Haar fehlte, glich sie mit einer löwenartigen Lockenmähne aus. Geschäftig reichte Herr Gustavson ihnen die Hand, wobei beide Seiten mit allerlei Förmlichkeiten überhäuft wurden. Frau Tilmans Lächeln wurde breiter, als sie Sophie erblickte, sie herzte und küsste sie und hinterließ auf ihrer Wange einen Hauch ihres rosa Lippenstiftes. Herr Tilman schob seine Frau leicht zur Seite, um sich so Platz zu verschaffen, und begrüßte Sophie mit dröhnender Stimme, seine Wangen leuchteten dabei rot und er wirkte insgesamt wie eine menschgewordene Bulldogge, fand Sophie. Er packte ihre Hand wie einen Spatz, den man fangen will, drückte sie mit beiden Pranken und ließ sie erst wieder frei, als sich Frau Gustavson zu Wort meldete.
„Lasst uns doch im Schatten weiterplaudern, ich bereite solange das Abendessen vor.“
Frau Tilman bot sich sofort an, Frau Gustavson bei den Salaten zu helfen. Unter einigen Komplimenten reichte sie ihr den Strauß, der aus rosaroten Chrysanthemen bestand, wie man nun erkennen konnte.
Während die Frauen Salate vorbereiteten, diskutierten die Männer bei einem Gläschen Chardonnay. Herr Tilman war Leiter einer italienischen Restaurantkette ganz in der Nähe der Stadt und zurzeit herrschte Vollbetrieb – es war Hauptsaison und man suchte ständig Aushilfskräfte. Gerade ließen sie sich über unqualifizierte Gastarbeiter aus, auf die man aber „beim besten Willen“ nicht verzichten könne, „nicht bei dieser Geschäftslage“, da kam Frau Gustavson mit einem Schichtsalat bewaffnet in den Garten hinaus.
Es gab tatsächlich ein Mehrgänge-Menü, das Herr Tilman bei jedem zweiten Bissen lobte. Seine Frau kicherte die ganze Zeit über und aß mindestens so viel wie ihr Mann, was man ihr wirklich nicht ansah. Es gab zur Vorspeise eine passierte Gemüsesuppe mit Basilikum, anschließend ein Weißweinrisotto mit Pilzen, Tomaten und Artischocken und zur Nachspeise Crème brulée.
„Vortrefflich, wirklich. Ich sollte dich als Chefköchin für vegetarische Küche einstellen, das Talent dazu hast du ja, wie man neidlos feststellen muss.“
Der Tisch lachte.
Unvermittelt richtete Herr Tilman dann das Wort an Sophie, die gar nicht damit gerechnet hatte: „Und wie stehts mit dir? Womit verbringst du denn gerade deine Zeit, wenn man fragen darf?“
Sophie errötete leicht und ärgerte sich gleichzeitig über ihre Unsicherheit, die sie heute an den Tag legte. Aus dem Augenwinkel bemerkte sie, wie ihre Mutter ihrem Vater einen Seitenblick zuwarf. Scheinbar blieb dies Frau Tilman genauso wenig verborgen, denn sie stieß ihrem Mann unsanft in die Rippen, woraufhin dieser zusammenfuhr, und tadelte ihn mit den Worten: „Also Wolfi, lass doch das arme Ding. Sophie will in Ruhe essen, stimmts?“
Sophie hatte ihre Fassung wiedererlangt und quittierte Frau Tilmans Verteidigung mit einem angedeuteten höflichen Kopfschütteln, dann antwortete sie: „Ich bin zurzeit auf Arbeitssuche. Man hat mir bei der Gärtnerei gekündigt.“
