Das Flüstern des Moorsees - Eric Lorup - E-Book

Das Flüstern des Moorsees E-Book

Eric Lorup

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Beschreibung

Ein verfallener Steg. Ein dunkler See. Und ein Flüstern, das nicht vergeht. In den Herbstferien entdecken Mira, Lea und Jan eine alte Karte – und mit ihr ein vergessenes Geheimnis. Als sie dem Ruf des Moorsees folgen, geraten sie in einen Strudel aus Nebel, Erinnerung und einer uralten Macht, die tief unter der Wasseroberfläche wartet. Atmosphärisch, unheimlich und voller Gänsehaut: Ein Kindergruselroman ab 8 Jahren, der lange nachhallt.

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Ein unheimlicher Abend

Der Regen fiel in dichten Schleiern vom Himmel, als hätte jemand die Welt in Wasser aufgelöst. Er rauschte, prasselte, hämmerte unaufhörlich auf das Dach von Elviras altem Haus, trommelte gegen die Fensterscheiben und verwandelte den Garten in ein matschiges Labyrinth. Der Wind zischte durch die Bäume, rüttelte an den Ästen der alten Kastanie vor dem Haus und brachte hin und wieder ein hohles, unheimliches Stöhnen mit sich – ein Geräusch, das nicht nur Lea frösteln liess.

Im Wohnzimmer war es warm, und obwohl der Regen gegen die Scheiben peitschte, lag eine eigenartige Stille in der Luft – als hielte das alte Haus die tosende Welt draussen mit aller Kraft fern. Das Feuer im Kamin knisterte behaglich, warf tanzende Schatten an die Wände und tauchte den Raum in ein flackerndes, rötliches Licht. Auf dem Teppich sassen die drei Freunde Mira, Lea und Jan, jeder in eine dicke Decke gewickelt, jeder mit einer Tasse dampfenden Tees in der Hand. Es war einer dieser Abende, an denen man nicht hinauswollte, an denen die Welt draussen fast vergessen schien – und gerade das machte es noch spannender, Geschichten zu hören.

Elvira, Mira’s Grossmutter, sass in ihrem Ohrensessel, der schon so viele Jahre auf seinem Platz stand, als gehöre er zur Familie. Ihre Hände lagen ruhig im Schoss, und obwohl sie nicht sprach, lag etwas in ihrer Haltung, das Mira verriet, dass sie nachdachte. Tief. Vielleicht über etwas, das weit zurücklag.

„Oma“, begann Mira schliesslich, „erzählst du uns heute wieder eine Geschichte? Eine richtige? Eine zum Gruseln?“

Elvira hob langsam den Blick. Ihr Gesicht war von den Jahren gezeichnet, aber ihre Augen – die waren wach. Sehr wach. „Eine Geschichte?“, wiederholte sie mit dieser leisen Stimme, die so oft mehr sagte als jedes Donnerwort. „Ihr wollt euch fürchten, obwohl ihr so warm und sicher sitzt?“

„Jaaa!“, rief Jan. „Aber bitte keine von diesen harmlosen, bei denen der Spuk nur ein Luftzug war oder eine Katze unter dem Bett.“

„Ich weiss nicht …“, murmelte Lea, die sich ein wenig tiefer in ihre Decke verkroch. „Vielleicht eher was mit einem guten Ende?“

Elvira lächelte. Es war kein fröhliches Lächeln, eher ein wissendes. Eines, das deutlich machte: Das Ende liegt nicht in unserer Hand.

„Nun gut“, sagte sie nach einer Weile. „Dann bekommt ihr heute eine Geschichte. Keine erfundene. Keine aus einem Buch. Sondern eine, die ich selbst erlebt habe.“

Die Kinder rückten näher ans Feuer. Sogar Lea. Der Regen trommelte noch heftiger und fordernder gegen die Fensterscheiben, doch die Kinder bemerkten es nicht. Gebannt blickten sie mit grossen Augen und leicht geöffneten Mündern auf Elvira.

„Ich war damals etwa in eurem Alter“, begann Elvira und lehnte sich zurück. Ihre Stimme wurde leiser, geheimnisvoller. „Zehn oder elf. Es war ein Oktober wie dieser. Wochenlang hatte es geregnet, und die Felder standen unter Wasser. Das Laub war schwer von Nässe, und nachts lag Nebel über allem. Dick wie Watte. Aber nicht weiss – sondern grau. Als würde der Nebel selbst etwas verbergen wollen.“

Sie machte eine kurze Pause. Niemand wagte zu sprechen.

„Damals lebte ich bei meiner Grosstante. Meine Eltern waren weit weg – in einer anderen Stadt. Meine Tante war streng. Sie glaubte nicht an Märchen. Alte Erzählungen und Berichte tat sie als Humbug und dummes Zeug ab. Aber ich hörte Dinge, die sie nicht hörte. Geräusche im Nebel. Schritte auf dem Kiesweg, wenn niemand draussen war. Und manchmal… eine Glocke.“

„Eine Glocke?“, fragte Jan leise.

Elvira nickte. „Nicht laut. Nicht klar. Nur dumpf. Tief. Als würde sie unter Wasser schlagen. Zuerst dachte ich, es sei mein Herz, das ich hörte. Aber dann hörte ich es auch am nächsten Abend. Und am übernächsten.“

„Und…?“, flüsterte Mira. „Was hast du gemacht?“

Elvira sah ins Feuer. „Ich habe gemacht, was ich immer machte, wenn ich hinter etwas kommen wollte. Nicht die Leute fragen, sondern ich bin hinausgegangen, eines Abends, habe mich vorsichtig und unbemerkt aus dem Haus geschlichen. Meine Tante hätte mich eingesperrt und hart bestraft, wenn sie mich erwischt hätte.“

Ein plötzlicher, heftiger Windstoss liess das Haus knarren und ächzen. Die Kinder zuckten zusammen und rückten noch näher zusammen.

„Es war eine dieser Nächte, in denen man nichts sieht, obwohl man direkt hinschaut. Der Nebel war so dicht, dass meine Laterne nur einen engen Kreis aus Licht schuf – alles andere war weg. Verschwunden. Verschluckt. Ich kannte den Weg zum Moorsee. Jeder im Dorf kannte ihn – oder vermied ihn.“

„Der Moorsee…“, sagte Lea tonlos.

„Ja“, flüsterte Elvira. „Ein vergessener Ort. Kein Steg, kein Schild, keine Bank. Nur Schilf, schwarzes Wasser, und das Gefühl, dass dort etwas wartet.“

Die Kinder hielten die Luft an. Jan blies die Luft heraus und brach das Schweigen, „Warum bist du zum ...“.

„Ihr wollt wissen, warum ich zum Moorsee ging?“, Elvira fiel ihm ins Wort. „Ich hatte diese Glocke schon einmal gehört – in einem Traum. Damals war ich überzeugt, es sei nur meine Fantasie. Aber als ich sie wirklich hörte, in einer dieser Nächte, da wusste ich: Es war ein Ruf. Ich hatte Geschichten darüber gehört – heimlich, aus Gesprächen der Erwachsenen. Über eine Glocke, die tief unter dem Moorsee läuten soll. Manche sagten, sie ruft nur die, die etwas verloren haben. Andere, sie warnt vor etwas, das besser nicht geweckt wird. Ich war jung. Ich wollte wissen, was wahr ist.“

„Als ich beim Moorsee ankam, hörte ich sie wieder. Die Glocke. Ein dumpfer Schlag, als würde sie aus der Tiefe rufen. DONG. Ich kann ihn heute noch hören.“

Elvira schloss die Augen und ihre Stimme bebte ein wenig. „Und dann war da… eine Stimme. Sie sprach meinen Namen. Nicht laut. Nicht aggressiv. Fast… zärtlich. Elvira, flüsterte sie. Du bist da.“

Lea schüttelte den Kopf. „Das ist nicht wahr. Das kann nicht sein.“

„Ich schwöre es dir“, sagte Elvira ruhig, aber bestimmt. „Gerade weil die Stimme so zärtlich klang, jagte sie mir einen Schauer über den Rücken. Es war eine Zärtlichkeit, die nicht menschlich war.“

In Elviras Stimme schwang plötzlich etwas Ungewohntes mit – eine Hektik, die nicht zu ihr passte. Ihre ruhige Erzählweise brach auf, wurde hastiger, atemloser.

„Ich bin gerannt. Barfuss – meine Stiefel hatte der Matsch verschluckt…“

Ihre Hände verkrampften sich um die Teetasse, als wolle sie sich an der Gegenwart festhalten.

„Die Laterne… sie fiel, das Licht war weg. Einfach weg. Und das Schilf… es riss an mir, zerschnitt meine Waden, ich…“

Sie hielt inne, blinzelte. Ihre Stimme war leiser geworden, fast brüchig.

„Ich weiss nicht mehr, wie ich zurückkam. Nur dass ich nicht allein war – nicht im Kopf. Es war, als würde etwas mit mir gehen – nicht aussen, sondern in mir. Gedanken, die nicht meine waren. Erinnerungen, die ich nie erlebt hatte.

---ENDE DER LESEPROBE---