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Als Mira, Lea und Jan von einem alten Haus am Waldrand lesen, das abgerissen werden soll, ahnen sie nicht, dass sie damit eine Geschichte aufwecken, die nie zu Ende erzählt wurde. Ein Mädchen, das vor über hundert Jahren verschwand. Ein Versprechen, das nie eingelöst wurde. Und ein Flüstern, das noch immer durch die alten Mauern zieht … Neugierig und mutig folgen die drei Freunde den Spuren von Martha, deren Schicksal in vergessenen Fotos, einem geheimnisvollen Notizbuch und rätselhaften Spiegeln weiterlebt. Was sie finden, ist mehr als ein Spuk – es ist die Wahrheit einer Seele, die nur darauf gewartet hat, endlich gehört zu werden.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Der Sommer neigte sich dem Ende zu, als Mira, Lea und Jan an einem Donnerstagnachmittag auf Elviras knarrender Veranda sassen. Der Wind rauschte leise durch die hohen Linden hinter dem Haus, und irgendwo in der Ferne bellte ein Hund. Es war einer dieser Nachmittage, an denen die Luft nach Staub, Sonne und einem Hauch von Unruhe roch.
„Ich hab’s euch doch gesagt!“ Mira schlug die Zeitung auf den kleinen Holztisch, dass die Tassen klirrten.
„Hey! Pass auf, das ist mein Lieblingstee!“ Lea zog ihre Tasse zur Seite und sah neugierig auf den Zeitungsartikel.
Jan beugte sich vor. „Was steht da?“
Mira tippte auf die grosse Überschrift auf der Titelseite des Lokalblatts:
„Stadt plant Abriss von leerstehendem Hof am Waldrand – Arbeiten beginnen im Herbst“
Ein verblasstes Schwarzweiss-Foto zeigte ein altes Haus mit bröckelnden Maürn, ein zugeschlagenes Fenster im ersten Stock und einen krummen Zaun, der sich wie ein schiefer Mund durchs Bild zog.
„Das ist das Haus ganz hinten im Wald, oder?“ fragte Jan. „Das, an dem man immer vorbeigeht, wenn man zum Weiher will?“
„Genau das,“ sagte Mira mit leiser Stimme. „Ich hab da immer ein komisches Gefühl, wenn wir vorbeikommen.“
Lea nickte. „Ich auch. Als würde es uns beobachten.“
„Quatsch,“ meinte Jan. „Es ist halt alt und verlassen.“
„Alt ja,“ erklang da Elviras Stimme hinter ihnen. Die alte Dame trat mit einem Tablett voller frischgebackener Kekse auf die Veranda. „Aber verlassen? Das wage ich zu bezweifeln.“
Drei Paar Augen sahen sie neugierig an.
„Du kennst das Haus?“ fragte Lea und nahm sich vorsichtig einen Keks.
„Aber natürlich,“ sagte Elvira, setzte sich auf den Schaukelstuhl und legte die Zeitung neben sich. „Früher nannte man es Marthas Hof.“
„Martha?“ fragte Mira.
Elvira nickte langsam. „Martha war ein Mädchen. In eurem Alter. Sie lebte dort mit ihren Eltern, vor sehr langer Zeit. Aber eines Tages verschwand sie – und niemand hat sie je wieder gesehen.“
Stille.
Der Wind wurde stärker und trug einen kalten Hauch auf die Veranda.
„Einfach so?“ fragte Jan, leiser als sonst.
„Einfach so,“ wiederholte Elvira. „Einige sagten, sie sei im Wald verloren gegangen. Andere, sie sei... ins Haus zurückgekehrt. Doch was immer wirklich geschah, seitdem steht der Hof leer.“
„Und jetzt soll er abgerissen werden,“ sagte Mira und starrte erneut auf das Foto. „Aber was, wenn da noch etwas ist?“
„Etwas?“ fragte Jan. „Was denn?“
„Ich weiss nicht,“ antwortete Mira. „Aber ich will es herausfinden.“
Elvira sah sie eindringlich an. „Manche Geschichten wollen lieber ruhen, Mira.“
Doch Mira hatte bereits dieses Leuchten in den Augen, das sie immer bekam, wenn etwas Geheimnisvolles in der Luft lag.
Am nächsten Tag regnete es. Nicht stark, aber stetig. Mira sass am Fenster und starrte auf die Tropfen, die die Welt in flüssige Schleier tauchten. Ihre Gedanken kreisten um das Haus.
Wer war Martha gewesen? Warum war sie verschwunden? Und wieso sprach niemand mehr über sie?
Sie schnappte sich ihr Notizbuch, das sie seit ihrem letzten Abenteür mit Jan und Lea führte, und schrieb:
Fragen zu Marthas Hof:
Wer war Martha wirklich?
Wann ist sie verschwunden?
Was sagt Elvira nicht?
Warum jetzt der Abriss?
Sie klappte das Buch zu. Es war beschlossene Sache. Sie würden den Hof besuchen. Noch bevor die Bagger kamen.
Zwei Tage später trafen sich die drei Freunde am Waldrand. Der Regen hatte den Boden matschig gemacht, und ihre Stiefel sanken bei jedem Schritt ein kleines bisschen tiefer.
„Bist du sicher, dass wir das tun sollten?“ fragte Jan und sah sich nervös um.
„Du musst ja nicht mitkommen,“ meinte Mira.
„Nein, ich meine nur...“ Jan seufzte. „Ach, egal.“
Lea hielt ihren Kompass in der Hand, obwohl sie den Weg kannte. „Nur zur Sicherheit,“ sagte sie. „Wenn es wirklich ein Spukhaus ist, sollten wir wissen, wo Norden ist.“
„Wieso?“
„Weil in Gruselgeschichten immer der Kompass spinnt, wenn Geister in der Nähe sind.“
Jan verdrehte die Augen, aber ein Lächeln zuckte über sein Gesicht.
Der Pfad wurde schmaler, das Gestrüpp dichter. Der Wald schien den Atem anzuhalten. Kein Vogel sang, kein Blatt raschelte.
Und dann stand es plötzlich vor ihnen.
Der Hof.
Er war noch grösser, als sie ihn in Erinnerung hatten. Die Fassade war grau, das Dach zur Hälfte eingestürzt. Ein Fensterladen hing schief, wie ein halb geschlossenes Auge. Die Tür war nur angelehnt.
„Wer geht zürst?“ fragte Mira.
Niemand antwortete.
Dann stiess der Wind plötzlich die Tür auf. Ein dumpfes Knarren, ein Schatten huschte ins Innere.
„War das... der Wind?“ flüsterte Lea.
„Oder etwas anderes,“ sagte Mira. Und trat über die Schwelle.
Das Haus roch nach Moder, altem Holz und einer seltsamen Süssigkeit, die nicht ins Bild passte. Vielleicht Parfum. Oder getrocknete Blumen.
„Schaut euch das an,“ flüsterte Mira und deutete auf die Wand im Flur.
Dort hingen noch verblasste Tapeten mit winzigen Blümchen. Daneben ein umgestürzter Stuhl, als sei jemand in Eile aufgestanden und nie zurückgekehrt.
Sie gingen weiter, ihre Schritte hallten auf dem alten Dielenboden. Jeder Raum erzählte eine Geschichte aus Staub und Schatten. In der Küche stand noch ein Tisch mit einer zerbrochenen Teekanne. In der Ecke lag ein altes Springseil.
„Es ist, als wäre jemand einfach... verschwunden,“ murmelte Jan.
„Oder als würde jemand noch hier wohnen,“ sagte Mira.
Sie standen im Wohnzimmer, als es passierte.
Ein dumpfes Klopfen. Oben.
Drei Mal.
Klopf. Klopf. Klopf.
Alle drei erstarrten.
„War das... im oberen Stock?“ fragte Lea.
Mira nickte langsam.
Jan schluckte. „Vielleicht... sollten wir gehen.“
Doch Mira ging bereits auf die Treppe zu.
„Wir sind doch hier, um Antworten zu finden, oder?“
Die Stufen knarrten unter ihren Füssen. Oben angekommen, war der Flur dunkel. Nur schwaches Licht fiel durch ein Fenster am Ende.
Mira drehte sich zu den anderen. „Seht ihr das?“
Im Fenster, im Spiel von Licht und Schatten, stand für einen winzigen Moment eine Gestalt.
Ein Kind. Mit hellem Haar.
Dann war es verschwunden.
Sie rannten. Nicht, weil sie wollten, sondern weil etwas sie dazu brachte. Etwas Unsichtbares, das in ihren Nacken hauchte, dass es genug für heute war.
Draussen blieben sie keuchend stehen. Der Himmel war dunkler geworden, obwohl es erst Nachmittag war.
„Ich hab sie gesehen,“ sagte Jan atemlos. „Ein Mädchen. Im Fenster.“
„Ich auch,“ sagte Mira. „Und ich glaube... sie wollte, dass wir sie sehen.“
Lea nickte. „Vielleicht... will sie uns etwas sagen.“
Mira blickte noch einmal zum Haus zurück.
„Dann sollten wir zurückkehren. Aber nächstes Mal sind wir besser vorbereitet.“
Und während der Wind in den Bäumen rauschte, war sich Mira sicher:
Das Abenteür hatte gerade erst begonnen.
Drei Tage nach ihrem ersten Besuch standen Mira, Lea und Jan erneut vor dem alten Haus. Diesmal war es früher Nachmittag, die Sonne warf lange Schatten durch die Bäume, und das Licht hatte etwas Irreales, als würde es sich durch einen Schleier kämpfen. Die Blätter raschelten leicht im Wind, und in der Ferne rief ein Eichelhäher.
„Ich hab den ganzen Tag an nichts anderes gedacht,“ murmelte Mira, während sie ihren Rucksack zurechtrückte. „Ich konnte kaum schlafen.“
„Ich auch nicht,“ sagte Lea. „Ich hab sogar von ihr geträumt. Sie stand am Fenster und hat gewartet.“
„Von wem?“ fragte Jan, obwohl er es eigentlich wusste.
„Von dem Mädchen im Fenster,“ antwortete Mira. „Sie hat mich angesehen. Ich bin mir sicher.“
Sie näherten sich dem Haus vorsichtiger als beim letzten Mal. Der Wind hatte die Zweige der Bäume weiter zurückgedrängt, als wollten sie den Weg freigeben. Die Eingangstür quietschte nicht mehr im Wind, sondern stand offen, als hätte sie auf sie gewartet.
„Das war vorher nicht so,“ flüsterte Jan. „Ich schwöre, wir haben sie letztes Mal zugemacht.“
„Vielleicht war jemand hier,“ sagte Lea, doch es klang nicht überzeugend. „Oder... sie hat sie geöffnet.“
Sie traten ein. Staub wirbelte auf, als ihre Füsse den Boden berührten. Die Atmosphäre war schwer, fast wie in einer Kirche. Jede Bewegung schien ein Echo zu hinterlassen, jede Stimme wurde vom Haus verschluckt. Es war, als hätte das Haus Ohren.
„Lass uns nach oben gehen,“ schlug Mira vor. „Dorthin, wo wir sie gesehen haben.“
