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Das Foto hing bei meinen Großeltern in der Stube, direkt neben dem hölzernen Kreuz. Es war ein Schwarz-Weiß-Bild, groß, gerahmt. Eine blasse, junge Frau mit langen, dunklen Haaren war darauf zu sehen, auf ihrem Arm ein Kind. Das Foto erinnerte mich an die Bilder von Jesus und Maria, die ich aus der Kirche kannte, und ich wusste: Über dieses Bild durfte ich niemals sprechen … »Das Foto« - ein Roman über eine deutsche Familie im langen Schatten des Zweiten Weltkriegs. Der Inhalt in Kürze: Ein Foto im Müll: Wer hat es weggeworfen? Und: Wer ist die Frau auf dem Bild? In zwanzig Kapiteln, Briefen und Gedichten wird das Leben von Gustav Kerzinger erzählt. Gustav wird 1918 geboren. Seine Kindheit ist geprägt von Gewalt und Vernachlässigung. Als junger Mann sympathisiert er mit den Nazis, kämpft als Wehrmachtssoldat in Nordafrika und gerät in amerikanische Kriegsgefangenschaft. 1947 kehrt Gustav traumatisiert nach Deutschland zurück, heiratet Käthe und bekommt mit ihr sieben Kinder. Das Familienleben ist überschattet von Gustavs Stimmungsschwankungen und Gewaltausbrüchen. Über seine Kriegserlebnisse spricht er mit niemandem, genauso wenig wie über seine Nazi-Vergangenheit. Verdrängte Schuld, verdrängte Traumata, Tabus und Sprachlosigkeit innerhalb der Familie - das hat Folgen für die nachfolgenden Generationen: Die Kinder und Enkel leiden an Schwermut, diffusen Ängsten, Orientierungslosigkeit und einem tiefen Gefühl der Unsicherheit und Entwurzelung. »Das Foto« ist ein multiperspektivischer Generationenroman: Jedes Kapitel wird aus der Sicht einer anderen Person erzählt. Gustav als Kriegskamerad, als Schwiegersohn, Ehemann, Vater, Großvater oder Nachbar - nach und nach setzt sich seine Biografie mosaikartig aus unterschiedlichen Blickwinkeln zusammen. Und, Schritt für Schritt, enthüllt sich auch das Geheimnis um die ominöse Frau auf dem Foto im Müll …
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Seitenzahl: 350
Veröffentlichungsjahr: 2016
Elva Schevemann
Roman
© 2016 Elva Schevemann
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
Coverbild: © cydonna /photocase.de
CoverGestaltung: Christine Joos
ISBN
Paperback:
978-3-7345-68565
Hardcover:
978-3-7345-68572
e-Book:
978-3-7345-68589
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Für Opa
November 2009, Süddeutschland
Herr Yıldız merkte sofort, dass etwas nicht stimmte. Die Mülltonne war zu schwer, als er sie an ihren Platz zurückstellen wollte. Da war noch etwas drin.
Das war ungewöhnlich. So etwas passierte beim Restmüll eigentlich nie. Beim Biomüll ja, da kam es schon mal vor, im Winter, bei starkem Frost, dass die feuchten Abfälle – Kartoffelschalen, Tomatenkerne, Soßenreste – in der Tonne festfroren und alles Rütteln und Schütteln der Maschine nichts half. In den vergangenen Tagen waren die Temperaturen aber nie unter den Gefrierpunkt gesunken.
Paulino, Herr Yıldız’ Kollege, schob die nächste Tonne zum Müllauto. Die Greifzähne der Ladehydraulik packten zu und hoben den Mülleimer empor. Ein kräftiger Ruck. Der Behälter kippte nach oben und erbrach seinen Inhalt in den Bauch der Maschine. Mit großem Klappern wurde nachgerüttelt.
Was konnte dieser Wucht standhalten? Herr Yıldız kratzte sich am Kopf, öffnete den Deckel der Mülltonne und schaute hinein. Da sah er das gerahmte Foto. Es hatte sich verkantet und steckte im unteren Drittel der Tonne fest. Darunter quoll ein grauer Plastikmüllsack hervor. Jemand musste das Bild mit großer Kraft in die Tonne gepresst haben.
Thomas, der Fahrer, beugte sich aus dem Seitenfenster.
„Was ist los, Ibrahim?“, rief er Herrn Yıldız über das Dröhnen des Motors hinweg zu.
„Da steckt was fest!“, rief Herr Yıldız.
„Dann hol’s raus, zackzack, wir haben keine Zeit!“
Thomas klopfte mit der Hand auf eine nicht vorhandene Uhr.
„Moment!“
Herr Yıldız stellte sich auf die Zehenspitzen, streckte seinen Arm in die Tonne und drehte dabei sein Gesicht gen Himmel. Ein Glück, dachte er, dass November ist. Im Sommer, bei heißen Temperaturen, war der süßlich-faulige Gestank des Mülls kaum zu ertragen. Doch heute war es kühl, einer dieser grauen, feuchten Herbsttage, an denen es kaum hell wurde und der Nebel alles verschluckte. Mit seiner behandschuhten Hand griff Herr Yıldız nach dem Bild und rüttelte daran, einmal, zweimal. Es löste sich. Seltsam, dachte Herr Yıldız, so einfach? Er zog das Foto aus der Mülltonne und wischte mit dem Ärmel seiner orangefarbenen Jacke darüber. Es war ein Schwarz-Weiß-Porträt, groß, gerahmt. Eine blasse, junge Frau mit langen, dunklen Haaren war darauf zu sehen. Das Haar war nach hinten gekämmt und fiel ihr in leichten Wellen über die Schultern. Sie trug eine schwarze, hochgeschlossene Bluse und blickte mit ernstem Gesicht in die Kamera. Auf dem Arm hielt sie ein Kind, einen kleinen Jungen, noch keine zwei Jahre alt.
Paulino schaute Herrn Yıldız über die Schulter. Er piff.
„Mega, die Schwester.Bellissima!“,sagte er, lachte und klopfte Herrn Yıldız auf die Schulter. „Ist aber keine Jungfrau mehr!“
Herr Yıldız ärgerte sich. Er fand, dass Paulino nicht so über die Frau sprechen sollte. Das war nicht richtig. Sie hatte mehr Respekt verdient. Wieder wischte er mit dem Ärmel über das Foto. Wer hatte es in die Mülltonne geworfen? Und warum?
Er blickte zum Haus hinüber. Es war ein Doppelhaus, die eine Hälfte war in einem etwas helleren Beige gestrichen als die andere. Die rechte Einfahrt war mit grauen Knochensteinen, die linke mit quadratischen, gelben Platten gepflastert. Dazwischen: eine Buchenhecke, zu einem langgezogenen Quader gestutzt. Rauch stieg aus einem Kamin. Die braunen Dachziegel glänzten. Ein Fenster im Erdgeschoss war schwach erleuchtet.
Seit fast dreißig Jahren kam Herr Yıldız hier vorbei, Woche um Woche. Früher hatte auf dem Grundstück ein Apfelbaum gestanden, im Frühjahr sahen die Knospen der Apfelblüten aus wie blutige Nägel, im Sommer schaukelte eine Hängematte unter dem Baum, und im Herbst war der Boden mit Äpfeln übersät, doch die waren mit den Jahren immer weniger geworden. Eines Tages war der Apfelbaum nicht mehr da. Nur ein Baumstumpf ragte noch eine Zeit lang in den Himmel, bis auch der verschwand.
Kinder hatten hier früher gewohnt, zwei Mädchen, ein blondes und ein braunhaariges, die kamen aus dem Haus gerannt, wenn der Müllwagen vorfuhr, beobachteten, wie er und sein Kollege die Mülltonnen leerten, und winkten ihnen zu. Eine der Mülltonnen – damals noch rund und aus verzinktem Blech – war irgendwann knallblau lackiert und mit bunten Blumen verziert gewesen. Im Laufe der Zeit war die Farbe aber abgeblättert, die Blumen waren kaum noch zu erkennen. Die Mädchen kamen da schon lange nicht mehr aus dem Haus gerannt.
Im Haus rechts wohnte ein altes Ehepaar, Herr Yıldız hatte den Mann manchmal beim Holzhacken gesehen, die Frau hantierte bei offenem Fenster in der Küche. Einmal hatte das Paar Seite an Seite auf der Holzbank vor dem Haus gesessen, und Herr Yıldız hatte sich ausgemalt, wie er und Ayla, seine Frau, auf einer Bank sitzen würden, in einigen Jahren, wenn sie in Rente waren. Die Bank stünde unter einem Feigenbaum, und sie würden sich an den Händen halten und aufs Meer blicken.
Herr Yıldız wandte den Kopf und schaute die Stichstraße hinab: sechs Häuser, die sich am Waldrand drängten. Der Tann war dunkel und dicht. Hinter den Häusern Streuobstwiesen, Starkstromleitungen, braune Äcker. Der Mais war seit einigen Wochen abgeerntet.
„Los, schmeiß’ das Foto in die Maschine und dann weiter!“, sagte Paulino.
Herr Yıldız presste das Bild gegen seine Brust und schüttelte den Kopf. „Ich nehm’ sie mit“, sagte er.
Paulino zuckte die Achseln.
Sie fuhren über Land, von Weiler zu Weiler, von Gehöft zu Gehöft. Herr Yıldız mochte diese Fahrten. Sie sprachen wenig, hörten Radio 7 oder SWR 3 und sahen aus dem Fenster. Die Landschaft war hügelig, Obstbaumwiesen wechselten mit Äckern, Mischwäldern und kleinen Seen. Im Frühling war die Szenerie von weißen und gelben Schlieren überzogen, im Sommer war alles in tiefes Grün getaucht, Mais und Hopfenranken wucherten in den Himmel, die Buchenwälder schienen von innen heraus zu leuchten. Bevor er nach Deutschland gekommen war, hatte Herr Yıldız nicht gewusst, wie viele unterschiedliche Grüntöne es gab. An klaren Tagen sah man den Bodensee und die dahinter liegenden Alpen: eine riesige, tiefblaue Fläche vor einem atemberaubenden, zerklüfteten, grau-weiß-marmorierten Felsmassiv. Heute jedoch war nichts zu sehen. Der Nebel war undurchdringlich.
Herr Yıldız hatte sich das Foto auf die Schenkel gelegt und hielt es mit beiden Händen.
„Das Ding ist doch uralt, mindestens dreißig Jahre oder so“, sagte Paulino. „Was willst du denn damit? Du kennst die Frau doch gar nicht!“
Thomas, der Fahrer, warf einen Blick auf das Bild, sah wieder nach vorn auf die Straße.
„Das ist viel älter“, sagte er. „Bestimmt sechzig oder siebzig Jahre. Vielleicht aus dem Krieg.“
„Ja, wahrscheinlich ist die Alte so ’ne Nazitante!“, rief Paulino.
„Du hast keinen Respekt“, sagte Herr Yıldız, seine Stimme klang scharf. „Ich verbiete dir, so über sie zu sprechen.“
Pause.
„Ja, Mann, alles klar. Alter!“, sagte Paulino. Er verdrehte die Augen.
Thomas bremste, bog in ein Seitensträßchen ein, zuckelte weiter, hielt an. Es zischte. Der nächste Weiler.
„Avanti, avanti,alter Mann!“ Paulino boxte Herrn Yıldız gegen den Arm, stieß die Seitentür auf und sprang aus dem Wagen. „Lass’ uns die Maschine füttern!“
Am späten Vormittag, nach ihrer ersten Tour, machten sie Pause in der Zentrale. Männergrüppchen saßen an Tischen verteilt. Es roch nach Kaffee, feuchter Kleidung, Zigarettenrauch und Salami. Die Deckenleuchten brannten und tauchten den Pausenraum in grelles Licht. Stiefel quietschten auf dem Linoleumboden, Stühle scharrten.
Herr Yıldız setzte sich. Mit dem Unterarm wischte er Krümel beiseite, legte das Foto vorsichtig auf den Tisch. Thomas und Paulino gesellten sich zu ihm, zogen Stühle heran, stellten Pappbecher vor sich. Dampf stieg auf, Kaffeegeruch. Widerlich, dieses Automatengesöff, fand Herr Yıldız. Die Deutschen konnten vieles, aber Kaffee, das konnten sie nicht. Aus seiner Thermoskanne goss er sich Tee ein, biss in eine Brezel. Thomas kaute an seinem Wurstweckle und starrte ins Leere. Paulino tippte etwas in sein Smartphone. Weitere Männer betraten den Raum, grüßten, verteilten sich an den Tischen. Stimmengewirr erfüllte die Luft, Stühlescharren, Männerlachen.
„Der Nebel ist wieder schlimm heute, nicht?“ Es war Sergej. Der Kollege zog sich einen Stuhl heran und setzte sich neben Herrn Yıldız. „Was hast du denn da?“
Er deutete auf das Bild.
„Ibrahim hat sich eine Süße zugelegt“, sagte Paulino, sah von seinem Smartphone auf, grinste. „Aber red’ nicht schlecht über sie, sonst kriegst du Ärger!“
Herr Yıldız tat, als hätte er Paulino nicht gehört.
„Ich hab’ sie im Müll gefunden, sie und ihren Sohn, und ich hab’s nicht über’s Herz gebracht, die beiden in die Maschine zu werfen“, sagte er.
Sergej strich sich mit einer Hand über den Kopf, musterte das Bild.
„Sie sieht traurig aus“, sagte er. „Oder was meinst du?“
Er stieß einen Kollegen an und deutete auf das
Foto.
„Also ich finde, sie lächelt!“
Hinter Herrn Yıldız bildete sich eine Traube aus Männern.
„Ey, die zieht doch voll die Fresse, Mann!“
„Quatsch, sie lächelt!“
„Was für Glutaugen ...“
„Also ich seh’ das Lächeln auch!“
„Da muss man aber schon sehr genau hinschauen ...“
In Gedanken entschuldigte sich Herr Yıldız bei der fremden Frau, dass er sie nicht besser vor den Blicken seiner Kollegen beschützte.
„Was machst du denn jetzt mit ihr?“ Sergej sah Herrn Yıldız an.
„Ich frag’ den Chef, ob ich sie mitnehmen darf.“
Der Chef war noch jung, Herr Yıldız schätzte ihn auf Mitte dreißig. Er war erst im vergangenen Sommer Chef geworden, nachdem der alte in Rente gegangen war.
Herr Yıldız hatte den alten Chef gemocht. Der hatte ihn eingestellt, damals, Anfang der neunzehnhundertachtziger Jahre, und nie anders behandelt als die deutschen Kollegen. Sogar zur alljährlichen Betriebsweihnachtsfeier hatte er Herrn Yıldız eingeladen, ihn, den Türken! Das hatte es in der Firma, in der Herr Yıldız die Jahre zuvor gearbeitet hatte, nicht gegeben. Zur Weihnachtsfeier waren nur die deutschen Kollegen gegangen.
Der neue Chef wirkte oft müde. Das lag vermutlich daran, dass er zwei kleine Kinder hatte. Einer der Kollegen hatte den Chef einmal mit seiner Familie in der Stadt gesehen.
„Der hat sein Baby in einem Rucksack am Bauch getragen, wie eine Frau!“, erzählte er, fassungslos.
Die anderen lachten und schüttelten den Kopf.
Schimpfworte auf dem Betriebshof hatte der neue Chef verboten, gleich an seinem ersten Arbeitstag.
„Wir sind ein modernes, wertiges Unternehmen“, sagte er.
„Wir müssen Dienstleistung großschreiben“, sagte
er.
„Alter, was für ein Hurensohn“, sagte Paulino.
Im Vorzimmer des Chefs saß Frau Hartmann, die Sekretärin. Sie war sehr jung und sehr dick. Als Herr Yıldız eintrat, schob sie sich gerade ein Schokoladenherz in den Mund.
„Herr Yıldız“, sie kaute, „was gibt’s?“
„Ich möchte den Chef fragen, ob ich das“, er zeigte ihr das Foto, „mitnehmen darf. Ich habe es im Müll gefunden.“
Frau Hartmann schluckte. „Oooh, ist das ein süßes Baby! Wer wirft denn sowas weg?“ Ihre Stimme klang höher als sonst.
Im Türrahmen stand der Chef.
„Herr Yıldız,“ sagte er, „wie kann ich Ihnen helfen?“
Er wirkte auf Herrn Yıldız immer etwas angespannt, so, als wolle er auf gar keinen Fall einen Fehler machen.
Herr Yıldız fühlte sich unwohl in seiner Gegenwart. Er wiederholte sein Anliegen.
„Hmmm“, sagte der Chef, sah erst Frau Hartmann, dann Herrn Yıldız an. „Eigentlich ist es ja verboten, Abfall zu behalten. Sie wissen, dass der Müll Eigentum des Kreises ist?“
„Das weiß ich“, sagte Herr Yıldız, „aber ich habe es nicht über’s Herz gebracht, sie wegzuwerfen oder einfach irgendwo liegenzulassen.“
„Hmmm“, sagte der Chef.
Herr Yıldız sah, wie es in seinem Gesicht zuckte.
„Gibt es für so einen Fall irgendein Formular?“, fragte der Chef die Sekretärin.
Frau Hartmann schüttelte den Kopf.
„Hmmm“, machte der Chef wieder.
Er richtete sich auf, zog sein Jackett glatt.
„Wissen Sie was, Herr Yıldız“, sagte er, „ich mach’ da heute mal eine Ausnahme. Nehmen Sie das Bild einfach mit!“ Er wandte sich Frau Hartmann zu. „Wir Deutschen müssen ja auch nicht immer so überkorrekt sein, was?“
Er lachte und klopfte Herrn Yıldız auf die Schulter. Herr Yıldız lachte mit.
Es war Nachmittag, als Herr Yıldız nach Hause kam. Die zweite Tour war gut verlaufen. Der Nebel war nach und nach aufgerissen und hatte den Blick auf einen strahlendblauen Novemberhimmel freigegeben. Die Luft war frisch. Ein goldener Schimmer lag über der Landschaft, das Herbstlaub leuchtete in Rot und Braun und Gelb. Es roch nach vermoderten Blättern und vergorenem Obst – ein trauriger Geruch, fand Herr Yıldız. Das Jahr war fast vergangen. Der Winter stand vor der Tür.
Herr Yıldız zog sich die Schuhe aus und betrat seine Wohnung. Er nahm das Foto aus einer Plastiktüte und legte es auf den Esstisch im Wohnzimmer. Danach ging er in die Küche und wusch sich die Hände. In einem Topf bereitete er sich ein Gericht aus weißen Bohnen und Tomaten zu. Ein Schuss Olivenöl, etwas Zitronensaft, dazu drei gepresste Knoblauchzehen, ein Bund gehackte, frische Petersilie, Pfeffer und Salz – fertig. Den Teller mit den Bohnen in der einen, das Besteck und ein Stück Fladenbrot in der anderen Hand, ging er ins Wohnzimmer und setzte sich an den Tisch. Sein Blick fiel auf die gegenüber liegende Wand. Oberhalb eines Beistelltischchens, von einer Blumenbordüre umrahmt, hingen etwa dreißig Fotos, größere und kleinere, schwarz-weiße und farbige, alle in hölzerne Rahmen gefasst: Bilder seiner Familie. Auf dem Beistelltischchen lag eine weiße Häkeldecke. In einer türkisfarbenen Vase blühten bunte, glitzernde Plastikblumen.
Herr Yıldız’ Blick blieb an einem Farbfoto hängen. Er und Ayla waren darauf zu sehen, sie saßen auf einem knallroten Sofa in ihrer ersten Wohnung, er hatte den Arm um sie gelegt. Es hatte lange gedauert, bis sie sich richtige Möbel gekauft hatten. Als Herr Yıldız nach Deutschland gekommen war, neunzehnhundertdreiundsiebzig, als junger Mann, hatte er zunächst in einer Gastarbeiterbaracke gewohnt. Mit drei anderen Türken teilte er sich ein Zimmer. Zwei Jahre wollte er bleiben und in dieser Zeit viel Geld verdienen. Aus den zwei Jahren wurden drei, dann vier – aber auch, nachdem er und Ayla geheiratet und eine gemeinsame Wohnung bezogen hatten, sagten sie sich: Es lohnt sich nicht, richtige Möbel zu kaufen, wir gehen bald wieder zurück in die Türkei. Ihre Wohnungseinrichtung bestand aus Möbeln, die sie von Freunden und Bekannten geschenkt bekommen oder auf dem Sperrmüll gefunden hatten. Ihr Sohn Muharrem wurde geboren und wuchs heran. Irgendwann gestanden sie sich ein, dass sie nicht so bald in die Türkei zurückkehren würden. Ihre ersten richtigen Möbel bestellten sie sich aus dem Quelle-Katalog. Vor allem stabil sollten sie sein – damit sie den Rücktransport in die Türkei eines Tages überstehen würden ...
Herr Yıldız schüttelte den Kopf. Damals, als er sein Dorf in den Bergen verlassen hatte, um nach Deutschland aufzubrechen, hätte er niemals gedacht, dass er fast vierzig Jahre später immer noch dort leben würde. Am Tag seiner Abreise war es heiß gewesen. Mit einem braunen Lederkoffer in der Hand war er die staubige, steinige Straße entlang in die nächste Stadt gewandert, um die lange Reise ins ferneAlmanyaanzutreten. Die Dorfsippe begleitete ihn bis zur Ortsgrenze. Zum Abschied wurde viel geweint und umarmt und geschluchzt. Seine Mutter und sein Vater schluchzten am heftigsten.
Herr Yıldız betrachtete das Foto seiner Eltern, ihre faltigen, ledernen, ausgemergelten Gesichter. Ihr Leben war hart und entbehrungsreich gewesen. Ibrahim wurde als fünftes von acht Kindern geboren, am Tag, als der Kuckuck zum ersten Mal rief, so erzählte es seine Mutter. Sie konnte weder lesen noch schreiben und verstand nichts von Kalendern. Später wurde sein Geburtstag auf den ersten Juni datiert. Herr Yıldız war zweiundzwanzig, als er nachAlmanyaaufbrach. Die Eltern hatten es nie verwunden, dass er gegangen war.
Die erste Zeit in Deutschland war hart. Deutschland roch anders, schmeckte anders, hörte sich anders an. Das Geräusch der Kirchenglocken erschreckte ihn, er vermisste den vertrauten Ruf des Muezzins. Es gab keine Feigen, keine eingelegten Oliven, keine gefüllten Weinblätter, die Lebensmittel in Deutschland waren eingepackt und schmeckten fad. Und dann die schwere Arbeit! „Will lernen“ und „kann machen“ waren seine ersten deutschen Worte. Auf der Straße oder beim Einkaufen fühlte er sich verloren und hilflos, weil er die Menschen nicht verstand. Jedes Mal betete er, dass kein Deutscher ihn ansprechen möge. Dabei hatte er es immer gemocht, mit anderen Menschen zu plaudern und zu scherzen. In der Gastarbeiterbaracke hörten sie türkischsprachige Sendungen auf Radio Budapest und BBC, um ihre Sehnsucht nach der Heimat zu stillen.
Als Herr Yıldız Ayla kennenlernte, wurde es besser. Ayla arbeitete als Akkordnäherin in einer Unterwäschefabrik. Sie heirateten und bekamen einen Sohn, Muharrem. Weil das Gehalt von Herrn Yıldız nicht ausreichte, um die Familie zu ernähren, musste Ayla wieder arbeiten gehen. Muharrem gaben sie während der Woche in eine deutsche Pflegefamilie, mit blutendem Herzen. „Papa Heiner“ und „Mama Brigitte“ nannte Muharrem seine Pflegeeltern. Die Wochenenden verbrachte der Junge zuhause, bei Ayla und ihm. Muharrem weinte jedes Mal und vermisste seine deutschen Eltern. Das türkische Essen, das Ayla ihm vorsetzte, schmeckte ihm nicht, aber Herr Yıldız zwang seinen Sohn aufzuessen. Dieser Ekel, dieser Widerwille, dieser ewige Kampf! Herr Yıldız schüttelte den Kopf.
Einmal, Muharrem musste sieben oder acht Jahre alt gewesen sein, ging Herr Yıldız mit seinem Sohn einkaufen. Im Laden verlor er Muharrem aus den Augen. Er hastete durch die Gänge und entdeckte seinen Sohn schließlich beim Regal mit den Süßigkeiten. Ein älterer Mann in einem Kittel stand neben ihm und redete auf ihn ein. Muharrem heulte und zeigte seine leeren Taschen vor.
„IchHABaber nichts gestohlen!“ rief er. Sein Gesicht glühte.
Als der Mann Herrn Yıldız erblickte, sagte er: „Du immer gut aufpassen auf Sohn!“, zeigte dabei erst auf Herrn Yıldız, dann auf Muharrem. Herr Yıldız sagte nichts und nickte.
Sie schwiegen, als sie nach Hause gingen. Lange konnte Herr Yıldız seinem Sohn nicht mehr in die Augen sehen.
Von diesem Tag an weigerte sich Muharrem, Türkisch zu sprechen. Auch seinen Namen legte er ab.
„Ich heiße Harry!“, schrie er seine Eltern an, wenn sie ihn „Muharrem“ nannten.
Später besorgte Papa Heiner Muharrem eine Lehrstelle bei der Sparkasse. Dort arbeitete er auch heute noch, in leitender Position. Muharrem heiratete Melanie, eine Deutsche, ebenfalls bei der Sparkasse angestellt. Die beiden bauten ein Haus und bekamen zwei Kinder, Leon und Laura. Vor Kurzem war Muharrem Mitglied in der örtlichen Narrenzunft geworden, darüber wurde sogar in der Zeitung berichtet. Herr Yıldız hatte nur so viel verstanden, dass eine Narrenzunft etwas sehr Deutsches mit sehr langer Tradition war. In dem Zeitungsartikel stand, dass Muharrem ein „Beispiel für gelungene Integration“ sei. Herr Yıldız war an diesem Tag stolz gewesen auf seinen Sohn, aber in seinem Herzen war keine Freude gewesen. Merkwürdig, dachte Herr Yıldız.
Ab und zu kam Muharrem mit seiner Familie zu Besuch. Herr Yıldız machte für die Enkel Pommes oder Spaghetti oder Pfannkuchen. Er freute sich, wenn sie kamen, aber er freute sich auch, wenn sie wieder gingen. Die Kinder waren sehr laut und ungehorsam.
Er schaute auf das Hochzeitsfoto von Muharrem und Melanie, dann glitt sein Blick zu seinem eigenen Hochzeitsfoto. Ayla war wunderschön gewesen. „Mein kleines Vögelchen“, hatte er sie genannt. Im vergangenen Jahr war sie gestorben, an Krebs. Innerhalb weniger Monate war sie völlig abgemagert. Sein Vögelchen flog ihm davon.
Sie hatten immer darüber gesprochen, eines Tages in die Türkei zurückzugehen und sich ein Häuschen am Meer zu kaufen.
„Wenn wir in Rente sind“, hatten sie gesagt.
Jedes Jahr im Sommer waren sie einige Wochen in die Türkei gefahren und hatten die Verwandtschaft besucht. Sie brachten Geschenke mit, Nescafé, Feinstrumpfhosen, deutsche Schokolade.
„Seht ihr nicht, dass die türkischen Supermärkte inzwischen voll sind von deutscher Schokolade?“, hatte Muharrem eines Tages zu ihnen gesagt.
Aber Ayla wollte es nicht wahrhaben, sie brachte weiterhin deutsche Schokolade mit. Irgendwann gestanden sie sich ein, dass sie sich der alten Heimat entfremdet hatten.
„Wenn ich in Deutschland bin“, sagte Ayla, „sehne ich mich nach der Türkei, und wenn ich in der Türkei bin, will ich wieder nach Hause.“
Würde er ohne Ayla in die Türkei zurückkehren?
Nein, dachte Herr Yıldız, vermutlich nicht. Hier war sein Leben. Er schätzte die Ruhe und die Ordnung und das viele Grün. Deutschland war jetzt seine Heimat, auch wenn ihm immer noch vieles fremd war.
Herr Yıldız seufzte. Dann blickte er auf das Foto, das er am Morgen aus dem Müll gezogen hatte. Er stand auf, holte einen Hammer und einen Nagel, schlug den Nagel in die Wand und hängte das Foto neben die anderen. Dann trat er einen Schritt zurück und betrachtete sein Werk. Er war noch nicht zufrieden. Nacheinander hängte er alle Fotos ab, legte sie auf den Tisch, hängte sie von Neuem auf: die Fotos von seinen Eltern, seinen Brüdern und Schwestern, die Fotos von Ayla und ihm, von Aylas Eltern und Geschwistern, von Muharrem, Melanie und den Enkeln – und mittendrin, umrahmt von der ganzen Verwandtschaft, hing nun das Bild von der fremden Frau mit ihrem Sohn. Herr Yıldız trat zwei Schritte zurück. Die weißen Bohnen waren kalt geworden, aber das machte nichts. Er schaute die Frau auf dem Foto an. Sie lächelte.
Juni 1929, Süddeutschland
Er wusste, was jetzt kommen würde. Gustav versuchte, sich dem Griff des Vaters zu entwinden, aber der hielt seinen Arm wie in einem Schraubstock.
„Nein!“, schrie er, als der Vater in die Schale mit dem Salz griff.
Gustav hatte sich beim Kartoffelschälen in die Hand geschnitten, und nun rieb ihm der Vater mit festem Druck die feinen, weißen Körnchen in die Wunde. Brennender, beißender Schmerz zuckte Gustavs Arm hinauf. Er sog die Luft ein. Ein scharfes Zischen. Tränen schossen ihm in die Augen. Der Vater schlug Gustav mit der flachen Hand auf die Wange.
„Und du weinst nicht!“, sagte er mit erhobenem Zeigefinger. „Bist du ein Soldat?“
Gustav atmete ein, aus, ein, aus, der Schmerz wogte durch seinen Körper, flutete in seinen Kopf, ganz schwindelig wurde es ihm, die Welt war ein einziges Hämmern und Pochen. Er kniff die Augen zusammen.
Der Vater schüttelte Gustav und fragte, diesmal lauter: „Ob du ein Soldat bist!“
Gustav riss die Augen auf und wischte sich mit dem Ärmel seines Hemdes die Tränen aus den Augenwinkeln. Er nickte. Henny, die Stiefmutter, stand daneben, stemmte ihre Arme in die Hüften und feixte.
„Und jetzt ab in dein Zimmer!“, sagte der Vater.
„Nicht mal zum Kartoffelschälen ist er zu gebrauchen“, sagte die Stiefmutter.
Gustav saß auf seinem Bett, zitterte und atmete schwer. Er hatte sich ein Stofftaschentuch um die verletzte Hand gebunden und presste sie zwischen seine Schenkel. Etwas glühte in seiner Brust, etwas Großes, Dunkles, Furchterregendes, und Gustav spürte, gäbe er diesem Glühen nach, er schlüge die ganze Welt in Trümmer. Das ist der Teufel, dachte Gustav, der Teufel, und er wusste, dass er jetzt beten müsste, um den Leibhaftigen zu vertreiben, aber er tat es nicht. Stattdessen ging er zum Fenster und starrte in die Dunkelheit hinaus. Hier stand er jeden Abend, blickte zu dem Haus am Ende der langen, schmalen Gasse und suchte nach dem Fenster direkt unter dem Dach. Es war abends schwach erleuchtet, und manchmal konnte Gustav eine schemenhafte Bewegung dahinter erkennen. So stand er da, stundenlang, bis ihm vor Müdigkeit der Kopf auf die Brust sackte oder er seine Beine nicht mehr spüren konnte. Auch heute war hinter dem Fenster Licht zu sehen – ein kleines, leuchtendes Rechteck in der Dunkelheit.
„Mama“, schluchzte Gustav, legte seine Stirn an die Scheibe und weinte.
Am nächsten Tag erwachte Gustav vom allmorgendlichen Gekeife der Stiefmutter. Er sprang aus dem Bett, rannte zum Fenster und sah hinaus. Mit hoch erhobenem Kopf schritt seine Mutter die schmale Gasse entlang. Sie trug einen dünnen Mantel und hatte ihre braunen Haare hochgesteckt. Wie jeden Morgen, wenn sie unten am Haus vorbeiging, sah sie zu Gustavs Fenster hinauf, lächelte und winkte ihm zu. Wie jeden Morgen winkte Gustav zurück.
„An deiner Stell’ würd’ ich den Kopf nicht so hoch tragen“, hörte Gustav die Stiefmutter keifen. „Mich hat er genommen, mich, weil ich ihm geben konnt’, was er braucht!“
Gustav hielt sich die Ohren zu, aber er verstand trotzdem jedes Wort.
„Ja, lach’ du nur, du Weibsstück, aus deinem Bauch sind einzig nutzlose Bälger herausgekrochen ...“
Gustav sah, wie die Mutter zusammenzuckte. Dann ging sie weiter, zu ihrer Arbeit in der Spinnerei.
Letztes Jahr im Frühling war die Mutter gegangen, an einem grauen Sonntag im April. Die Eltern hatten sich wieder einmal angeschrien. Gustav sah sie im Schlafzimmer stehen.
„Das kannst du mitnehmen“, sagte der Vater und warf etwas aufs Bett, das Gustav nicht erkennen konnte. „Das bleibt hier!“
Gustav und seine drei großen Geschwister waren ganz still unten in der Stube gesessen, als die Mutter mit einem Koffer in der Hand die Treppe hinabgeklettert war und sich von ihnen verabschiedet hatte. Sie strich ihnen durchs Haar und weinte, und Gustav und die Geschwister weinten auch.
Kurz danach zog Henny bei ihnen ein, mit drei glotzäugigen Kindern im Gefolge und einem dicken Bauch.
„Da ist dein neues Geschwisterchen drin“, sagte sie zu Gustav.
Das Balg kam im Sommer zur Welt und plärrte Nacht und Tag. Gustavs Brüder verschwanden zuerst, irgendwann kehrte auch die große Schwester nicht mehr von der Arbeit zurück. Hennys Kinder nahmen ihren Platz am Küchentisch ein und glotzten.
Eines Tages fuhr Henny Gustav an: „Ich bin jetzt deine Mutter, also nenn’ mich auch so!“
„Du bist nicht meine Mutter!“, schrie Gustav, und da verprügelte Henny ihn das erste Mal mit der Reitpeitsche.
Ein Viertel plus zwei Drittel mal ein Achtel. Punkt vor Strich. Zwei Drittel mal ein Achtel. Sind zwei Vierundzwanzigstel. Kürzen mit zwei. Ein Zwölftel. Gustav schaute von seinem Heft auf. Es war still im Raum, nur das Kratzen Dutzender Federn auf Papier war zu hören und ab und zu ein Knarzen, wenn ein Mitschüler auf seiner Bank hin und her rutschte. Ein Viertel plus ein Zwölftel. Kleinster gemeinsamer Nenner: zwölf. Ein Viertel ist gleich drei Zwölftel. Draußen bellte ein Hund. Es roch nach Schweiß, feuchter Tinte und muffigen Landkarten. Staub tanzte im Sonnenlicht. Drei Zwölftel plus ein Zwölftel gleich vier Zwölftel. Kürzen mit vier. Lösung: ein Drittel. Gustavs Kopf fühlte sich leicht und klar an. Licht fiel durch die hohen Sprossenfenster und malte ein leuchtendes Streifenmuster an die Wand. Über der Tafel hing Christus am Kreuz und schaute geblendet auf sie herab. Sieben Achtel plus sieben Vierundzwanzigstel minus zwei Drittel. Kleinster gemeinsamer Nenner: vierundzwanzig ...
Werner, Gustavs Nebensitzer, stöhnte leise. Seine Backen glühten, die Zungenspitze hing ihm aus dem Mund. Einundzwanzig Vierundzwanzigstel plus sieben Vierundzwanzigstel minus sechzehn Vierundzwanzigstel ... Werner stöhnte wieder. Gustav sah nach vorn zum Lehrerpult. Herr Haberstroh saß im Streifenlicht und starrte vor sich hin. Mit drei Fingern zwirbelte er seinen roten Schnurrbart, die schräg einfallenden Sonnenstrahlen brachten seine Haare zum Leuchten wie einen orangeglühenden Heiligenschein. Gustav schob langsam sein Heft zu Werner hinüber, ließ den Lehrer dabei nicht aus den Augen. Der stierte und zwirbelte und leuchtete weiter.
Als die Glocke zur Pause schrillte, ging Herr Haberstroh durch die Reihen und sammelte die Schulhefte ein.
„Auf Wiedersehen, Herr Lehrer“, sagten sie im Chor.
„Bis morgen, Kinder“, sagte er. „Bis morgen.“
Heft um Heft wuchs der Stapel in seinem Arm. Gustav und Werner stopften ihre Federmäppchen in die ledernen Ranzen, warfen sich die Ranzen auf den Rücken und rannten los. Sie waren schon fast aus der Tür, als der Lehrer rief: „Kerzinger! Komm’ mal her!“
Gustav erstarrte. Sein Herz begann zu klopfen. Er sah Werner an, drehte sich um und ging zurück ins Klassenzimmer. Herr Haberstroh beugte sich über das Lehrerpult und legte den Heftstapel darauf ab. Er prustete. Sein Streifensakko spannte sich über den gekrümmten Rücken. Als er sich wieder aufrichtete, war seine grüne Krawatte aus der Weste gerutscht. Der Lehrer strich sie glatt.
„Na, komm her, ich beiß’ nicht!“, sagte er.
Gustav trottete näher. Herr Haberstroh musterte ihn.
„Der Kerzinger Gustav, mein Einserschüler!“, sagte er nach einer Pause. „Ich hab‘ im Klassenbuch gesehen, dass du heute Geburtstag hast.“ Herr Haberstroh streckte die Hand aus und lächelte: „Herzlichen Glückwunsch!“
Gustav war verwirrt. Er hatte heute Geburtstag?
„D-danke“, stammelte er und ließ sich die Hand schütteln.
Sie drängten sich durch lärmendes Gewühl, den langen Flur entlang, nach draußen auf den Pausenhof. Die Kirchturmuhr schlug zehn Mal. Kindergeschrei und Blütenduft schwirrten durch die Luft.
„Mensch, wieso hast du denn nicht gesagt, dass du heute Geburtstag hast?“, fragte Werner. „Wenn ich das gewusst hätt’, dann hätt’ ich dir ein Geschenk mitgebracht.“
Sie setzten sich auf die steinernen Stufen der überdachten Pausenhalle und reckten ihre Nasen in die Sonne.
„Ich hab’s ja selbst nicht gewusst“, sagte Gustav.
Werner starrte Gustav mit zusammengezogenen Augenbrauen an. Dann brach er sein Brot entzwei und reichte Gustav eine Hälfte.
„Da“, sagte er.
Das Brot war rösch1und saftig und dick mit Butter und Schinken belegt. Gustav beneidete Werner jeden Tag um sein Pausenbrot. Er wünschte, er würde auch auf einem Bauernhof wohnen, wo es immer genug zu essen gab. Sie schwiegen und kauten.
„Ich versteh’ einfach nicht, wie du so gut im Rechnen sein kannst“, sagte Werner mit vollem Mund und schüttelte den Kopf. „Ich muss Zahlen bloß anschauen, schon wuseln die mir im Kopf herum wie lauter Feldmäuse!“
Gustav lachte und zuckte die Achseln.
Auf dem Nachhauseweg ließen sie sich Zeit, trödelten durch die Gassen, pressten ihre Nasen an das Schaufenster des Krämerladens, um einen Blick auf das adrette Fräulein Hammerschmid zu erhaschen, betrachteten die Torten und Pralinen in der Auslage der Konditorei List und warfen von der alten Holzbrücke Kastanien in den Bach.
„... ustav!“
Gustav horchte. Rief da jemand seinen Namen? Er drehte sich um. Hinter einer Hausecke, halb versteckt, stand seine Mutter und winkte. Etwas hüpfte in seiner Brust.
„Da ist meine Mutter“, flüsterte er Werner zu. „Die ist bestimmt gekommen, um mir zu gratulieren!“
Werner nickte.
„Verrat’ mich bitte nicht!“, sagte Gustav.
Werner nickte wieder. „Ehrensache! Bis morgen!“, sagte er und trabte davon.
Gustav rannte auf seine Mutter zu und stürzte sich in ihre Arme. Sie roch noch genauso wie früher, nach Jute und Öl und rohen Kartoffeln. Die Mutter drückte ihn an sich und küsste ihn aufs Haar.
„Herzlichen Glückwunsch zu deinem elften Geburtstag, mein Büble!“, sagte sie.
Es war lange her, dass Gustav seiner Mutter so nahe gewesen war. Der Vater hatte verboten, dass er mit ihr sprach.
„Ich hab’ nicht viel Zeit“, sagte die Mutter und sah sich um. „Ich muss bald wieder zurück in die Spinnerei. Aber ich hab’ eine Überraschung für dich!“
Sie nahm Gustav an der Hand und zog ihn mit sich.
Geduckt bogen sie in eine kopfsteingepflasterte Gasse ein, huschten durch ein Tor, durchquerten einen düsteren, feuchten Hinterhof, in dem es nach Fäulnis und Urin stank und ausgeblichene Wäsche auf Schnüren zum Trocknen hing, und betraten schließlich einen kleinen, überwucherten Garten. Unter einem Apfelbaum stand ein grobgezimmerter Tisch mit ein paar Stühlen ringsumher. Die Wiese war genadelt von Gänseblümchen. Es roch nach Blüten, warmer Milch und modrigen Blättern. Ein Vogel zwitscherte. Bienen summten.
„Hier wohnt die Lissi, eine Kollegin von mir“, sagte die Mutter. „Sie hat mir erlaubt, dass wir in ihrem Garten feiern.“
Eine dürre, blonde Frau mit roten Backen kam aus dem Haus und stellte ein Tablett auf dem Tisch ab. Sie zwinkerte ihnen zu und verschwand wieder. Gustav und die Mutter setzten sich an den Tisch. Auf dem Tablett standen zwei Teller mit duftendem Käsekuchen, ein Krug selbst gemachte Limonade und zwei Gläser. Die Mutter schenkte Gustav ein und schob ihm einen der beiden Teller hinüber.
„Iss!“, sagte sie.
Der Käsekuchen war noch lauwarm und schmeckte süß und fest und weich und cremig. Gustav schloss die Augen.
„Erzähl’“, sagte die Mutter, „sind sie auch gut zu dir?“
Gustav schluckte, musterte seine Mutter. Ihre Haare waren mit grauen Strähnen durchzogen, ihr Gesicht wirkte spitz und knochig. Fältchen hatten sich um ihre Augen gelegt. Sie sah müde aus. Ihr dunkles Wollkleid war abgewetzt. Gustav schlug die Augen nieder. Er konnte es ihr nicht sagen. Er konnte ihr nicht sagen, dass Henny ihn so fest mit der Reitpeitsche schlug, dass sein ganzer Körper mit Striemen übersät war. Er konnte ihr nicht sagen, dass er jeden Tag bis spät am Abend das Geschirr spülen und den Boden schrubben musste. Er konnte ihr nicht sagen, dass er den neuen Geschwistern die Schuhe putzen und die Kleider bügeln musste und dass sie das frische, gute Weißbrot zu essen bekamen, er aber nur das trockene Schwarzbrot.
Er nickte und sagte: „Ja, Mama, sie sind gut zu mir“, und als er sah, wie froh und erleichtert sie darüber war, fühlte er sich beinahe wie ein Soldat.
Die Mutter stand auf. „Ich hab’ ein Geschenk für dich!“, sagte sie und eilte davon.
Kurz darauf kam sie zurück, mit einer Pappschachtel im Arm, um die eine gelbe Schleife gebunden war. In den Deckel der Pappschachtel waren Löcher geschnitten. Ein kratzendes Geräusch war zu hören. Die Mutter setzte den Karton auf dem Tisch ab.
„Mach‘ auf“, sagte sie, „aber sei vorsichtig!“
Gustav löste die Schleife und hob den Deckel an. Ein kleines, pelziges Köpfchen mit großen, spitzen Ohren kam zum Vorschein, es reckte seine zitternde Schnauze empor.
„Ein Kätzle!“, rief Gustav.
Die Mutter lachte. „Freust dich?“, fragte sie.
Gustav legte den Pappdeckel beiseite, griff mit beiden Händen nach dem winzigen Tier und drückte es sich an die Brust. Das Kätzchen war weiß mit roten und schwarzen Flecken und sah Gustav aus großen, grünschimmernden Augen an. Es strampelte.
„Mei, ist die putzig!“, sagte Gustav.
„Jetzt bist nie mehr allein!“, sagte die Mutter.
Gustav hob die Katze empor und drückte ihr Gesicht an seine Nase. Das Tier zappelte, seine Barthaare kitzelten ihn an der Wange. Gustav lachte.
„Sie braucht noch einen Namen“, sagte die Mutter.
„Ich nenn’ sie nach dir“, sagte er. „Frieda.“
Als sie gehen musste, klammerte sich Gustav wie ein Ertrinkender an seine Mutter.
Was sollte er nur mit Frieda machen? Gustav war auf dem Nachhauseweg. Noch immer pochte der Abschiedsschmerz in seiner Brust. Der Vater würde niemals erlauben, dass Gustav eine Katze ins Haus brachte. Schon gar nicht, wenn sie ein Geschenk der Mutter war. Frieda kratzte am Deckel der Pappschachtel und maunzte.
„Pschh“, flüsterte Gustav.
Er würde Frieda erst einmal im Holzschuppen hinten im Garten verstecken. Der Vater und Henny waren schon lange nicht mehr dort gewesen. Das Holzmachen war inzwischen Gustavs Aufgabe.
Geduckt huschte er am Küchenfenster vorbei. Henny war nicht zu sehen. Gustav schlich weiter, nach hinten in den Garten, schaute sich beim Kastanienbaum noch einmal um, ob auch niemand ihm folgte, und erreichte den alten Schuppen. Vorsichtig, um kein Geräusch zu machen, schob er den metallenen Riegel zur Seite, zog die Tür auf und trat ein.
Schicht um Schicht stapelten sich die Holzscheite an den Wänden. Hinten links stand eine massive, hölzerne Werkbank, in der Mitte des Raumes thronte ein großer Holzklotz, in dem eine Axt steckte. Es roch nach Harz. Staub kitzelte Gustav in der Nase. Er stellte die Schachtel auf dem Boden ab und öffnete den Deckel. Frieda sprang heraus, sah sich um und begann umherzutapsen. Hin und wieder blieb sie stehen und schnupperte. Dann duckte sie sich, sprang auf und klammerte sich an den Holzscheiten fest. Sie kippte nach hinten, fiel auf den Rücken und strampelte mit ihren kurzen Beinchen. Gustav setzte sich auf den kalten Boden, sah ihr zu und lachte.
Er hatte eine Apfelkiste mit einer Wolldecke ausgelegt, die Kiste unter die Werkbank geschoben und ein paar Holzscheite davor drapiert, damit sie nicht gleich zu sehen war. Außerdem hatte er eine Schale Milch besorgt. Das Kätzchen schlabberte, seine kleine, rosafarbene Zunge war zu sehen. Gustav hockte daneben und streichelte das Tier.
„Komm, Frieda, komm!“, lockte er.
Mit einem Stück Stoff, das er an einem Wollfaden festgebunden hatte, wedelte er dem Kätzchen vor der Nase herum. Frieda starrte auf das flirrende Etwas, wich zurück, spannte ihren Körper, machte einen Satz und krallte sich an dem Stoff fest. Gustav zog. Das Kätzchen purzelte auf den Rücken, sprang wieder auf die Beine und schüttelte sich.
So verbrachten sie den Nachmittag. Es wurde bereits dunkel, als Gustav sich von Frieda verabschiedete. Er nahm sie hoch, küsste sie zwischen die Ohren und legte sie in die Apfelkiste.
„Mach’ keine Dummheiten heut’ Nacht!“, mahnte er beim Hinausgehen.
„Wo bist du den ganzen Tag gewesen?“, polterte der Vater, als Gustav die Küche betrat.
„Draußen“, antwortete er, schritt durch den Raum, ohne den Vater oder Henny oder die glotzenden Stiefgeschwister anzusehen, und rannte die Treppe zu seinem Zimmer hinauf. Er lauschte eine Weile, ob der Vater emporgepoltert käme, um ihm eine Tracht Prügel zu versetzen, aber es blieb still.
Gustavs Magen knurrte. Er legte sich ins Bett und zog sich die Decke über den Kopf. Ein seliges Gefühl durchströmte ihn. Schon lange hatte er keinen so schönen Tag mehr gehabt. Frieda war wirklich das beste Geschenk, das er jemals bekommen hatte! Er schlief ein, ohne noch einmal nach dem Fenster der Mutter Ausschau zu halten.
Am nächsten Morgen schlich Gustav zum Holzschuppen. Er musste gleich in die Schule, wollte aber vorher nach Frieda sehen und ihr etwas zu essen bringen. Er betrat den halbdunklen Raum. Es stank. Gustav stellte die Schüssel mit Milch auf dem Boden ab, ging zur Apfelkiste und spähte hinein. Auf der Wolldecke prangte ein Kothaufen. Frieda war nicht zu sehen. Gustav sah sich im Schuppen um.
„Frieda, wo bist du?“, rief er halblaut. „Pssspssss!“
Er hörte ein leises, klägliches Maunzen. Gustav horchte. Kam das von einem der Stapel? Er benutzte den Klotz, um auf das aufgeschichtete Holz zu klettern. Es knackte und rumpelte. Da sah er sie. Frieda klemmte zwischen Wand und Holzscheiten fest.
„Was machst du denn, du Dummerle“, schimpfte Gustav, legte sich bäuchlings auf den Holzstapel und streckte seine Hand nach dem Kätzchen aus. Das Tier fing an zu zappeln und biss ihm in den Finger. Gustav fluchte.
„Ich will dir doch nur helfen!“
Er bekam Frieda zu packen und zog sie zu sich hoch. Das Tier zitterte.
„Dich kann man ja unmöglich allein lassen“, sagte Gustav.
Er sprang von der Holzbeig2, hob die Katze herunter und ließ sie Milch aus der Schüssel trinken. Dann steckte er sich das Kätzchen unter die Jacke und verließ den Schuppen.
„Was hast du denn unter deiner Jacke?“, fragte Werner.
Sie saßen auf ihrer Schulbank im Klassenzimmer, der Deutschunterricht würde gleich anfangen. Frieda zappelte und kratzte Gustav mit ihren kleinen, spitzen Krallen.
„Autsch“, fluchte er.
Er zog das Kätzchen unter seiner Jacke hervor und versteckte es unter dem Schreibpult.
„Bist du verrückt?“, flüsterte Werner. „Wenn das rauskommt, schlägt dich der Lehrer grün und blau!“
Gustav sah sich um, öffnete seinen Ranzen, stopfte das Kätzchen hinein und ließ den Deckel wieder zufallen. Die Schultasche schwankte.
„Schhh“, machte Gustav.
Herr Gausebrink, der Deutschlehrer, betrat das Klassenzimmer. Alle Schüler erhoben sich.
„Guten Morgen, Herr Lehrer“, sagten sie im Chor.
Sie sollten ein Gedicht abschreiben. Gustav öffnete sein Heft und nahm den Füllfederhalter in die Hand. Das Blut rauschte ihm in den Ohren. Immer wieder glitt sein Blick zu seiner Schultasche. Sie vibrierte.
„Die Füße im Feuer“, schrieb Gustav. „Wild zuckt der Blitz. In fahlem Lichte steht ein Turm. Der Donner rollt.“3
Ein leises Miauen war zu hören. Herr Gausebrink sah die Schüler über seine ovalen, randlosen Brillengläser hinweg an.
„Hat hier einer miaut?“, fragte er.
Gekicher. Kopfschütteln. Gustav drückte mit dem Fuß gegen seinen Ranzen. Sie schrieben weiter. Federn kratzten auf Papier.
„Der Kinder Blick hing schreckensstarr am Gast und hing am Herd entsetzt ...“, schrieb Gustav. „Die Flamme zischt. Zwei Füße zucken in der Glut.“
Der Schulranzen fiel um. Es klapperte. Ein Fellknäuel raste davon.
„Frieda!“, rief Gustav und sprang von der Bank, dem Fellknäuel hinterher.
Kinder kreischten, andere lachten. Frieda war nach vorn Richtung Tafel gerannt und hetzte an der Wand entlang. Gustav stürmte ihr nach. Jesus Christus starrte von seinem Kreuz auf sie herab. In der Ecke des Raumes blieb Frieda stehen. Gustav packte sie am Nacken, hob sie hoch und drückte sie gegen seine Brust. Das Lachen verstummte. Gustav drehte sich um. Herr Gausebrink stand vor ihm, die Arme in die Hüften gestemmt. Sein Schnurrbart zitterte. Gustav roch schweres, süßes Parfüm.
„Ich warte auf eine Erklärung, Kerzinger“, sagte der Lehrer.
Gustav stand mit hängenden Schultern da. Am liebsten hätte er geweint.
„Das ist Frieda, meine Katze“, stammelte er, „ich hab sie gestern zum Geburtstag bekommen, und heute früh hat sie sich hinter der Holzbeig eingeklemmt, und da konnt’ ich sie doch nicht alleine ...“ Er brach ab.
„Soso“, sagte Herr Gausebrink.
Gustav sah zu ihm hoch. Der Lehrer machte ein strenges Gesicht, aber um seine Augen lagen Lachfältchen.
„Und dann hast du dir gedacht, du bringst deine Katze heut’ in die Schule mit.“
Gustav nickte.
„Das geht natürlich nicht“, sagte Herr Gausebrink.
Gustav nickte wieder.
„Ich schlag’ vor, du bringst dein Kätzle für heut’ zur Hausmeistersfrau. Und für die Zukunft“, der Lehrer streckte den Zeigefinger in die Luft, „überlegst du dir eine andere Lösung.“
Die Wohnung des Hausmeisters lag im Keller des Schulhauses. Es war düster und feucht und roch nach Schimmel.
„So schönen blauen Augen kann ich doch nichts abschlagen“, trällerte die Hausmeistersfrau, als Gustav ihr seine Bitte vortrug.
Sie war dick und rotbackig und hatte strähniges, blondes Haar. Drei kleine Kinder mit schmutzigen Wangen und Rotznasen hingen ihr an der Schürze.
Als Gustav Frieda mittags wieder bei ihr abholte, sagte die Hausmeistersfrau: „Mei, so ein hübscher Junge“, gab ihm einen nassen Kuss auf die Wange und streichelte ihm über den Arm.
„Was machst du denn jetzt mit deinem Kätzle?“, fragte Werner.
Sie saßen auf einem sonnenwarmen Stein am Ufer des Baches. An manchen Stellen, da, wo Licht durch die Baumkronen fiel, leuchtete das Wasser wie blasses Gold, an anderen Stellen floss es dunkel wie Walnusssirup. Leises Plätschern war zu hören. Das Ufer war gelb gefärbt von Dotterblumen. Frieda hüpfte durch das Gras und versuchte, Schmetterlinge zu fangen.
„Ich weiß nicht“, sagte Gustav. „Du kommst doch von einem Bauernhof. Kann die Frieda nicht bei euch wohnen?“
Werner zog die Augenbrauen hoch. „Das ist keine gute Idee“, sagte er und schüttelte den Kopf.
„Wieso? Ihr habt doch bestimmt Katzen?“, fragte Gustav.
