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Graz, 1902: Maria »Mizzi« von Axster, jüngster Spross einer ehrwürdigen Adelsfamilie, will nur eins: frei sein und ein selbstbestimmtes Leben führen. Ihr Vater hat jedoch andere Pläne für sie - hinter den Herd oder ins Kloster. Kurzerhand packt die Achtzehnjährige ihre Koffer und flieht in die Hauptstadt. Doch als die Wiener Akademie für Malerei ihr die Aufnahme verweigert, ihr Ehemann ihr Geld verspielt und schließlich die Polizei sie bezichtigt, ihren Gatten ermordet zu haben, scheint ihr Traum von Freiheit ferner denn je. Aber Aufgeben kommt nicht infrage.
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Seitenzahl: 339
Veröffentlichungsjahr: 2020
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PROLOG
KAPITEL EINS
KAPITEL ZWEI
KAPITEL DREI
KAPITEL VIER
KAPITEL FÜNF
KAPITEL SECHS
KAPITEL SIEBEN
KAPITEL ACHT
KAPITEL NEUN
KAPITEL ZEHN
KAPITEL ELF
KAPITEL ZWÖLF
KAPITEL DREIZEHN
KAPITEL VIERZEHN
KAPITEL FÜNFZEHN
KAPITEL SECHZEHN
KAPITEL SIEBZEHN
KAPITEL ACHTZEHN
KAPITEL NEUNZEHN
KAPITEL ZWANZIG
KAPITEL EINUNDZWANZIG
KAPITEL ZWEIUNDZWANZIG
KAPITEL DREIUNDZWANZIG
KAPITEL VIERUNDZWANZIG
KAPITEL FÜNFUNDZWANZIG
KAPITEL SECHSUNDZWANZIG
KAPITEL SIEBENUNDZWANZIG
KAPITEL ACHTUNDZWANZIG
KAPITEL NEUNUNDZWANZIG
KAPITEL DREISSIG
KAPITEL EINUNDDREISSIG
KAPITEL ZWEIUNDDREISSIG
Graz, 4. Januar 1916
Scotch. Wenn ich einen letzten Wunsch hätte, bevor ich sterbe, würde ich mir jetzt einen genehmigen. Einen doppelten. Doch fürs Sterben ist es zu früh. Ich bin hier, um Abschied zu nehmen.
Ich stehe auf dem Friedhof St. Leonhard und lausche. Es ist kurz vor zehn. Eine gespenstische Ruhe liegt über den Gräbern des Grazer Friedhofs, die Toten ruhen. Als die Glocke der Kirche an diesem Januarmorgen ihren gewohnten monotonen, dunklen Klang schlägt, zucke ich zusammen. Von weiter weg nehme ich nun das Trappeln der Pferde, die die Kutschen übers Kopfsteinpflaster ziehen, wahr. Leise und gedämpft.
Außer mir ist heute keine Menschenseele zwischen den engen Reihen der Gräber unterwegs, nicht ein Mütterchen, das sich an diesem Morgen sehen lässt, um ein Grab zu richten. Kein Wunder. Alles ist in Kälte erstarrt. Die Nacht hat weißen Raureif wie eine Decke über alles gelegt. Die dichten grauen Wolken hängen tief und dunkel über dem Friedhof.
Mir ist kalt. Ich schlinge meinen grauen Wollmantel enger um mich und schlage den pelzbesetzten Kragen höher. Die Kälte kriecht von meinen Zehen langsam die Beine empor, dann den Rücken hinauf übers Gesicht bis in meine Haarspitzen. Ich habe das Gefühl, dass selbst meine Wimpern starr vor Kälte sind.
Doch es ist nicht die Kälte, die mir einen Schauer durch den Körper jagt, es ist die Ruhe, die dieser Ort ausstrahlt. Sie geht mir bis ins Mark. Ich schließe die Augen. Zwei Nächte habe ich kaum geschlafen. Meine Hände sind vom vielen Arbeiten ausgetrocknet und rau vom Gips, mein Haar unfrisiert. Nicht einmal ein frisches Kleid habe ich mir heute Morgen noch überziehen können.
Gleich wird der Beerdigungszug hier sein und den Sarg in die kleine Kapelle mit ihren dunkel getönten Fenstern bringen. Es ist düster in unserer Familiengruft, und ich kann nur verschwommen erkennen, dass die Grabplatte im Boden schon geöffnet ist. Ein nasskalter, muffiger Geruch steigt mir in die Nase. Selbst die zarten Rosenblätter, die sonst so hübsch an dem kleinen Gemäuer aus Sandstein emporranken, sehen jetzt aus wie in der Bewegung erstarrte Eisgebilde. Nicht eine Spur Lebendiges ist hier zu erkennen.
Ich blicke hinauf zur Inschrift. »Familie von Axster« steht in großen, goldenen Lettern über der Tür. Werde auch ich eines Tages hier zur letzten Ruhe gebettet werden? Ich, Maria von Axster, besser bekannt als Mizzi, Nesthäkchen der Familie, schwarzes Schaf, Künstlerin?
Ich höre jemanden laut fluchen. Neugierig blicke ich mich um. Sehen kann ich niemanden. Doch dann tauchen hinter den Grabsteinen rechts von mir zwei Männer auf. Der eine groß und hager, der andere dick und untersetzt. Sie ziehen schnaufend einen Handwagen hinter sich her, der auf dem unebenen, gefrorenen Boden immer wieder stecken zu bleiben droht.
»Nie mehr saufen! Jessas Maria. Ich hab´ einen Schädel, breit wie ein Elefant«, jammert einer der Träger.
»Hör mir auf mit deinem Gejammer. Dieses Riesenteil kostet mich meine letzte Kraft«, erwidert der andere.
Die Träger, die ich heute Morgen engagiert habe, kommen schnaufend und laut fluchend auf mich zu. Bei jedem ihrer Schritte zucke ich zusammen und hoffe, dass der Wagen nicht umkippt. Auf ihm steht aufrecht und hoch mein Abschiedsgeschenk für Vater, mit Tauen festgezurrt und geschützt durch eine weiße Stoffplane.
»Hier herüber, die Herren«, rufe ich.
Der eine Träger schenkt mir einen Blick, als würde er mir gleich an die Gurgel gehen. Ich deute auf den Eingang der Gruft. Gerade will er etwas erwidern, da stutzt er. Wir hören Schritte über den Kiesweg kommen und leises Gemurmel. Jetzt ist auch meine Neugier geweckt. Wie abgesprochen beugen wir uns gleichzeitig zur Seite, um an der Gruft vorbeizuschauen. Ich sehe einen langen Tross von rund sechzig Leuten durch die engen Friedhofswege in unsere Richtung laufen. Wie eine Raupe schleppt er sich langsam, aber zielstrebig den Pfad entlang. Sie sind nur noch wenige Meter von uns entfernt, gleich werden sie um die Ecke biegen.
Klar, dass viele Victor Heinrich Ignatz Edler von Axster, Königlich-Kaiserlicher Hauptmann im Regiment »König der Belgier«, die letzte Ehre erweisen wollen. Du warst eben ein angesehener Mann, Vater.
Vier seiner engsten Militärkameraden tragen gemeinsam seinen Sarg an der Spitze des Zuges. Da der Boden glatt ist, müssen sie aufpassen, dass sie nicht ausrutschen. Ich beuge mich zurück und räuspere mich laut, damit meine Träger sich wieder auf die Arbeit konzentrieren. In diesem Augenblick kommt der Priester um die Ecke, gefolgt von den Sargträgern, die für die Kurve etwas weiter ausholen müssen. Gleich hinter ihnen läuft meine Mutter Thekla, gestützt von meiner ältesten Schwester Gisela. Meine Schwester Carola – im siebten Monat schwanger - und ihr Mann Julius folgen ihnen. Ich kann sehen, dass Carola das Gehen schwerfällt. Sie hält sich den Bauch, als würde sie das Gewicht nach unten ziehen. Gerne würde ich auf sie zulaufen, sie stützen, doch ich habe noch etwas zu erledigen. Ich wende mich wieder den Männern zu, die nun ächzend und schnaufend das riesige Etwas von ihrem Handwagen abladen.
»Obacht, bitte«, sage ich energisch.
Die Männer fluchen lautstark. Dann ziehen sie die Plane herunter. Eine Skulptur kommt zum Vorschein. Ich lächele. Es ist ein Engel, mein Engel, doch kein gewöhnlicher. Dieser hier hat nur einen Flügel. Er ist aus Gips gefertigt, weiß und leuchtend, auf nur einem Fuß stehend, als wollte er gerade im Lauf abheben und käme nicht vom Boden los. Er ragt gute zwei Meter hoch in den Himmel.
»Ein Engel? Und was für eine Bohnenstange!«
»Genau wie sie«, sagt der andere lachend und zeigt mit dem Finger auf mich.
Ich seufze. Ja, ich weiß. Bohnenstange, Giraffe, langer Meter. Ich kenne alle Veralberungen, denn ich bin groß, riesig für eine Frau, dazu sehr schmal, auf langen, schlanken Beinen. Die allerdings haben schon so manchen Mann verzückt.
Langes Elend soll Vater mich getauft haben, als er mich kurz nach der Geburt am 25. März 1884 zum ersten Mal in Augenschein nahm. Ich bin das jüngste von vier Kindern. Und trotzdem das größte. Schon mit acht überragte ich meine sechs Jahre ältere Schwester Carola um zwei Köpfe und reichte meiner damals achtzehnjährigen Schwester Gisela bis zur Nasenspitze.
Vom Vater habe ich die dunkelbraunen, gelockten Haare, die ich mir zu einem Bob habe schneiden lassen. Ich mag, wie sie mein Gesicht umrahmen und einen scharfen Kontrast zu meinen hellblauen Augen bilden. Die habe ich von Mutter geerbt. Ein Blau, wie man es nur in Gebirgsseen findet, hat Carola oft gesagt. Hell und klar, weit und unergründlich.
»Was fällt dir ein?«, höre ich plötzlich Gisela kreischen.
Sie hat sich aus dem Zug gelöst und rennt an den Sargträgern vorbei geradewegs auf mich zu. Ihre Augen funkeln zornig. Sie baut sich direkt vor mir auf und stemmt ihre Hände in die Hüften. Ich weiche einen Schritt zurück. Trotz des großen schwarzen Hutes auf dem Kopf kann ich die Zornesfalten in ihrem Gesicht erkennen.
»Wie kannst du es wagen?«, schimpft sie.
Ich bemerke, wie die anderen Gäste, die bisher hinter der Familie gelaufen sind, sich aus dem Zug lösen, die Sargträger, die nun stoppen, überholen und schnell näher kommen. Viele recken neugierig die Köpfe und bilden schnell einen Halbkreis. Ich komme mir vor wie in einem Boxring, als warteten wir beide auf das Erklingen des Gongs.
»Selbst im Tod kannst du es nicht lassen, Vater zu provozieren.« Giselas Lippen beben vor Empörung bei jedem Wort.
»Hast du mich vermisst?«, frage ich bissig, obwohl ich weiß, dass mein Fernbleiben vom Trauergottesdienst für Gisela eine Todsünde ist.
Sie sieht aus, als wollte sie mir jeden Augenblick ins Gesicht springen. »Entferne augenblicklich das abscheuliche Monstrum von diesem heiligen Ort«, zischt Gisela und kommt noch einen Schritt näher auf mich zu, sodass ihre Stirn und mein Kinn nur noch wenige Zentimeter voneinander entfernt sind. Doch ich weiche nicht zurück.
»Nein.« Ich atme tief ein. »Es ist mein letztes Geschenk an Vater. Ich habe lange daran gearbeitet. Und ich werde es ihm heute mit in die Gruft geben.«
»Dass ich nicht lache«, ruft Gisela höhnisch. »Du hast Vater doch nicht geliebt. Warum solltest du ihm plötzlich etwas schenken wollen?«
»Hört auf!« Carola drängt sich mit ihrem dicken Bauch zwischen uns. »Dass ihr euch nicht schämt, hier auf dem Friedhof zu streiten.«
Ich greife nach ihrer Hand. »Ist mein Engel nicht schön? Sag mir, ist es ein Vergehen, dass ich meinem Vater auf seinem letzten Weg noch etwas mitgeben will?« Jetzt blicke ich Gisela direkt ins Gesicht. »Auch ich habe das Recht, mich von ihm zu verabschieden. Auf meine Art.«
»Verschwinde! Du beschmutzt Vaters Grab«, brüllt sie.
Sie versetzt mir einen Stoß gegen die Schulter. Carola starrt Gisela fassungslos an.
»Schluss jetzt«, ertönt plötzlich eine hohe, fispelnde Stimme.
Es ist die von Mutter. Erstaunt drehen wir uns zu ihr um. So lange, wie ich zurückdenken kann, habe ich sie noch nie ihre Stimme erheben hören. Ihre Augen richten sich auf uns drei. »Die Skulptur kommt in die Gruft, wenn sie für Vater ist«, sagt sie knapp und hüstelt. Ihre gewohnte Lethargie scheint wie weggeblasen.
»Mutter!«, sagt Gisela entrüstet.
Mutter macht eine Handbewegung, als wollte sie eine Fliege vertreiben. »Kein Wort mehr, Gisela. Sie kommt nicht vorne zum Sarg, sondern wird gleich im Eingang in eine Ecke gestellt. Dort stört sie nicht.«
Gisela schaut verdutzt. Ich muss lächeln. Ich kann mein Glück kaum fassen. Mutter deutet den anderen Gästen an, dass sie zurücktreten sollen. Schnell gebe ich den Männern ein Zeichen, die Skulptur in die Gruft zu bringen. Missmutig weicht auch Gisela einen Schritt nach hinten, um die Männer durchzulassen.
Ich sehe zu, wie nun auch der Sarg in die Gruft gebracht und in das geöffnete Grab hinabgelassen wird. Er ist schwer, deshalb geht es nur langsam. Der engste Kreis unserer Familie hat sich um das Grab im Boden versammelt, die anderen Gäste warten vor der Gruft. Der Priester beeilt sich, noch ein paar tröstende Worte zu sagen, denn die Gruft gleicht einem Eispalast. Ich kann sehen, wie ihm kleine weiße Rauchwolken beim Reden aus dem Mund entweichen.
Ich blicke mich nach meinem Engel um. Er steht in einer Ecke im Eingang. Hat er das verdient? Ich seufze. Ich werde ihn nie wiedersehen.
Draußen stellen wir uns auf, um das Beileid der anwesenden Trauergäste entgegenzunehmen. Erst Mutter, dann Gisela, Carola und ich. Die vier Frauen der von Axsters. Ich schaue zu, wie die Pforte der Gruft verschlossen wird. Leb wohl.
Plötzlich spüre ich eine unglaubliche Müdigkeit in mir aufsteigen. Ich schließe die Augen. Als ich sie wieder öffne, steht ein kleiner, untersetzter Mann mit Glatze in einem dunkelblauen Mantel vor mir. Ich zucke zusammen.
»Entschuldigen Sie, dass ich Sie anspreche, gnädige Frau. Ich wollte Sie nicht erschrecken. Noch dazu an einem so traurigen Tag«, sagt er und verbeugt sich knapp. Er sieht abgehetzt aus. Sein Atem geht schnell, doch er lächelt. »Aber ich habe von Weitem Ihre wunderschöne Skulptur gesehen und – ich muss sie einfach haben! Verzeihen Sie, ich habe mich noch nicht vorgestellt. August Paul von Rittersberg, Kurator.« Er lächelt. »Wollen Sie den Engel nicht bei mir ausstellen, gnädige Frau?« Dann hält er inne. »Sie sind doch die Erschafferin dieses Kunstwerks?«
Ich nicke. Sein starkes Parfüm dringt in meine Nase, ein strenger Geruch von Moschus und einer unangenehmen, schweren Süße. Mir wird übel. Ich bekomme kaum Luft. Gerade will ich etwas erwidern, als mir Gisela zuvorkommt.
»Haben Sie nicht gesehen, dass diese«, sie zögert, »Figur in die Gruft unserer Familie getragen wurde? Sie ist eine Grabbeigabe. Also gehen Sie bitte.«
Der Kurator blickt Gisela irritiert an. »Verzeihen Sie, aber ich sprach mit dieser Dame. Oder ist die Statue etwa von Ihnen?« Seine Stimme hat einen leicht provozierenden Unterton bekommen.
Gisela schaut ihn empört an. Die umstehenden Gäste rücken wieder etwas näher, fasziniert von diesem ungewöhnlichen Spektakel. Kein Mensch sagt ein Wort.
Von Rittersberg wendet sich erneut mir zu. »Darf ich Sie in den nächsten Tagen kontaktieren, gnädige Frau? Ich würde mich wirklich freuen, wenn ich Ihren Engel ausstellen dürfte.«
Er blickt mich erwartungsvoll an.
»Der Engel ist für unseren Vater«, bricht es schrill aus Gisela hervor. »Sie platzen hier in eine Familienfeier, eine Beerdigung, und wollen Geschäfte machen? Dass Sie sich nicht schämen!«
Von Rittersberg will gerade etwas erwidern, als Gisela ihre Hand hebt und ihm gebietet, still zu sein.
»Der Engel bleibt, wo er ist!«, sagt sie knapp.
Ich starre sie an. Dann passiert es. Ein Lachen bricht aus mir hervor und steigt aus den Tiefen meiner Brust empor. Wie Lava aus einem Vulkan sprudelt es aus mir, und ich kann es nicht stoppen. Ich muss so laut lachen, dass mir Tränen in die Augen schießen.
Carola nimmt mich sanft am Arm und führt mich Richtung Ausgang. Ich muss immer noch lachen. Mein ganzer Körper bebt. Als wir vor dem Tor stehen, hält sie an und schüttelt mich.
»Wie kannst du nur lachen an so einem Tag?« Sie hat Falten auf der Stirn und schaut mich verständnislos an.
Ich vermag mich kaum zu beruhigen. Mit den Fingern wische ich mir die Tränen vom Gesicht. »Weil es lustig ist, Schwesterherz. Ich hätte nicht geglaubt, dass Gisela unserer Familie mal so einen Dienst erweisen würde. Tja, sie ist einfach hilfsbereit, unsere große Schwester.« Ich mache eine kurze Pause. »Einfach ein Engel!«
Wieder muss ich losprusten. Ich kann mich nicht beherrschen. Nur langsam ebbt das Lachen ab, und ich versuche mich zu sammeln.
»Und Vater bekommt zum Abschied das, was er verdient. Einen Engel, der über ihn wacht.«
Graz im April 1889
Bis in den Himmel, mit den Zehenspitzen die Wolken berühren. Immer wenn die Schaukel ausholte, um mit langem Schwung wieder nach vorne zu schnellen, den Wolken entgegen, quietschte ich wie verrückt. Es kribbelte mir in Stirn und Nase, mein Rock bauschte sich auf und ich hatte das Gefühl abzuheben. Es war wunderbar, so durch die Luft zu wirbeln.
Bis ich eines Tages losließ und sprang. Ich war fünf und wollte testen, wie es ist zu fliegen. Mutter und Carola schrien. Es waren sicher drei Meter bis zum Boden. Noch beim Aufprall entfuhr mir kein Mucks. Doch dann stieß ein brennender Schmerz in meine Beine. Ich jaulte auf. Tränen liefen mir übers Gesicht. Vater kam angelaufen und hob mich hoch. Meine Beine schmerzten. Er legte mich vorsichtig auf eine Bank und trat einen Schritt zurück. Dieses ist meine einzige Erinnerung an eine zärtliche Berührung von ihm. Nach ein paar Minuten, in denen Mutter sanft auf mich einredete, spürte ich nichts mehr, und ich trottete etwas ungelenk wieder los zur Schaukel.
Ich liebte unsere sonntäglichen Ausflüge in den Grazer Stadtpark, wenn ich mit meinen Schwestern auf der grünen Wiese Fangen spielen durfte. Carola und ich knüpften dann Blumenkränze und setzten sie uns in die Haare. Viele Kinder waren mit ihren Eltern und Kindermädchen unterwegs. Manchmal gesellte sich ein Mädchen oder Junge zu uns und spielte mit uns Ringelreihn. Gisela wollte meistens nicht mitmachen. Fürs Spielen sei sie zu alt, sagte sie dann schnippisch und setzte sich auf die Bank neben Vater und Mutter, denen sie aus einem Buch Gedichte vorlas. Ich schwor mir, mit fünfzehn Jahren immer noch herumzutoben. Überhaupt ein Leben lang. Erwachsene schienen mir keinen Spaß zu haben.
Mindestens genauso wie das Herumtollen liebte ich aber unser Kindermädchen Maria. Nicht nur weil sie so hieß wie ich, sondern weil sie immer gut gelaunt war. Wenn sie daheim durch unsere Räume lief mit ihrem wiegenden Gang, summte sie meistens ein ungarisches Lied aus ihrer Heimat. Und wenn ich mir versehentlich einen Kakao übers Kleid gegossen hatte, lächelte sie nur und wuschelte durch meine widerspenstigen Locken.
»Mizzi, du bist ein kleinerrrr Wildfang«, sagte sie dann und ließ ihr R lange rollen. Danach lachte sie ihr lautes, ungezähmtes Lachen. Es klang für mich wunderschön. Es schien ganz tief aus ihrem Bauch zu kommen und gluckerte leicht und dunkel empor.
Meine Mutter hörte ich nie lachen. Sie zog sich oft zurück in ihr Turmzimmer. Dann kämmte sie sich gedankenverloren ihr langes blondes Haar vor dem Spiegel oder saß einfach nur stundenlang in ihrem Zimmer und schaute aus dem Fenster. Sie sah aus wie eine Prinzessin. Wenn Carola und ich ihr etwas zeigen, erzählen oder vorsingen wollten, schien ihr Blick durch uns hindurchzuwandern. Manchmal lächelte sie auch. Doch nicht über uns. Sie schien in einer anderen Welt zu sein.
Im Winter konnte man auf dem kleinen Ententeich und dem Wassergraben rund um den Burggarten Schlittschuh laufen, doch im Sommer erschien mir der große Stadtpark mit seinem Springbrunnen und den vielen knorrigen Bäumen noch verführerischer.
»Können wir Engelein flieg spielen? Bitte, bitte, bitte«, bettelte ich oft. Vater schritt stets ein paar Meter vor uns und schaute stur geradeaus. Mutter seufzte dann und schüttelte fast immer den Kopf.
»Ich bin etwas schwach heute. Sicher können Maria und Gisela dich ein wenig durch die Luft wirbeln, mein Liebling.«
»Du bist viel zu groß und zu schwer, du Kalb«, raunzte mich meine Schwester Gisela nur knapp an.
Dann rannte sie los, um Vater einzuholen. Tränen stiegen in mir hoch.
»Es gibt so viele stumme Denker, doch häufiger sind dumme Stänker.«
Unbemerkt hatte sich Carola neben mich gesellt. Ich kicherte. Sie kannte immer so lustige Reime. Sie nahm mich an die Hand.
»Der Kurti ließ ein Stinkerl wehn, drum muss er jetzt im Winkerl stehn!«, reimte sie weiter.
Maria lachte so laut auf, dass Gisela herumfuhr und uns strafend ansah. Lachen habe ich sie nur selten gesehen. Damals versuchte ich noch, Frieden mit ihr zu schließen. Ich verstand nicht, warum Gisela mich nicht mochte.
»Mach dir nichts draus. Sie hätte Vater und Mutter eben gerne für sich allein und ist nur neidisch, weil wir uns so gut verstehen«, erklärte mir Carola.
Doch sie hätte sich keine Sorgen machen müssen. Ich war sicher, dass Vater mich nicht leiden konnte. Wäre ich ein Junge geworden, Vater hätte mich vergöttert. Hochgewachsen, schlank, aufrecht, ein fester Wille. Als Mädchen aber, noch dazu das dritte in diesem Weiberhaus, hatte ich von allem zu viel. Ich war zu groß, zu dürr, ein Sturkopf, der sich nichts sagen ließ. Ein Egoist, der nur seine eigenen Wünsche kannte und machte, was er wollte. Nachdem unser ältester Bruder Richard mit sechs Jahren an Keuchhusten gestorben war, wünschte er sich nichts sehnlicher als einen Sohn. Einen strammen Jungen, der ihm nacheiferte und später auch Hauptmann in Graz sein würde.
Ich eiferte ihm nicht nach, ich machte ihn rasend. Ich weiß nicht, was es war, doch ich bebte vor Neugier, Aufregung und Entdeckergeist. Alles, was Vater mir verbot, übte einen unfassbaren Reiz auf mich aus. Ich musste es ausprobieren, schmecken, fühlen, anschauen. Dass Vater mich dafür oft lautstark ausschimpfte, kümmerte mich nicht. Doch Gisela machte es fuchsteufelswild.
»Immer musst du dich in den Vordergrund drängen mit deinen Dummheiten«, schalt sie mich.
Als ich eines Tages meine Schwester Carola dazu überredete, dass wir einmal Vaters goldfarbenen Likör kosteten, erwischte uns Gisela im Arbeitszimmer. Vor Schreck fiel mir die Flasche aus der Hand und der gesamte Inhalt entleerte sich auf den Boden. Ich schaute wie erstarrt der Flasche hinterher.
Gisela grinste und rannte sofort los, um Vater davon zu unterrichten. Damals war ich acht und meine Schonzeit als Nesthäkchen vorbei. Vater wies mich an, mich über den Schreibtisch zu beugen. Leise und unter Tränen zählte ich die Gürtelhiebe mit, die auf meinen Po niedergingen. Gisela hatte sich hinter dem Türrahmen versteckt und sah dem Spektakel zu. Es war eines der wenigen Male, bei dem ich sie lächeln sah.
Danach wiederholte sich dieses Spielchen immer und immer wieder. Als ich verstand, dass ich Vater niemals für mich gewinnen könnte, kehrte ich den Spieß um. Ich reizte ihn, provozierte, forderte ihn heraus. Ich tat alles, um ihn zu ärgern. Er reagierte mit dem Gürtel. Doch ich lernte, meine Tränen zu unterdrücken und mich zu beherrschen. Sosehr er mich auch schlug, keine Träne rann mehr über mein Gesicht. Gisela linste oft durch den Türschlitz. Es bereitete ihr eine diebische Freude, mich leiden zu sehen. Mich, das böse Kind. Sie dagegen war die Gute, die er lieben und auf die er stolz sein konnte.
Dass ich bei den Schlägen nicht mehr weinte, ärgerte sie. Das sah ich. Und Vater reizte es umso mehr und er schlug fester zu. Ich legte mir eine Maske zu. Keiner sollte mir meine Gefühle ansehen.
Geweint habe ich nur nachts, heimlich unter meiner Bettdecke. Nur Carola, mit der ich mir ein Zimmer teilte, hörte es. Dann kroch sie wortlos zu mir ins Bett und streichelte über meinen Kopf, bis meine Tränen versiegt waren.
Als Gisela volljährig wurde, gab ihr unser Hauslehrer, Herr Meierhofen, zusätzliche Einzelstunden in Romanistik. Gisela wollte ebenfalls Lehrerin werden und später in anderen adligen Familien Französisch unterrichten.
Ich wusste, dass ihr die Naturwissenschaften eigentlich mehr gefielen, doch Vater war überzeugt davon, dass Französisch die kommende Weltsprache sein würde. Auch in unserem schönen Österreich. Also studierte Gisela daheim Französisch. Da Herr Meierhofen meinte, dass sie auch Praxisunterricht bräuchte, um später eine gute Lehrerin zu werden, vereinbarte er mit einem Waisenhaus im Westen der Stadt, dass Gisela dort für ein paar Unterrichtsstunden vorbeikommen konnte. Geld verdiente sie daran nicht, aber immerhin war sie nicht mehr so oft zu Hause.
Den Westen von Graz kannte ich nicht gut. Nur wenn wir mit unserer Kutsche ab und zu zum Bahnhof fuhren, sah ich die heruntergekommenen kleinen Häuser ringsum und die vielen Menschen auf der Straße. Es erschien mir dann wie eine andere Welt. Hier lebten vorwiegend Handwerker, Arbeiter, Eisenbahner und die Armen, die kein Einkommen hatten.
Mit dem Bau der Eisenbahn hatte sich Graz verändert, hatte mir Maria erzählt. Da, wo früher noch Flusslandschaften gewesen waren, wurden nun Fabriken errichtet und zahlreiche Wohnhäuser. Viele Menschen waren in unsere Stadt gezogen und suchten nach Arbeit und einem Platz zum Wohnen. Es gab mehr Handel, mehr Gasthöfe, aber auch mehr Diebstahl, wetterte Maria manchmal, wenn sie von den Bauern zurückkam, wo sie Eier und Milch kaufte. Nur unser Viertel veränderte sich nicht. Wir kannten die meisten Familien, die hier wie wir ein schmuckes Haus bewohnten und jeden Sonntag in die Kirche gingen. Man grüßte sich. Fremde wurden nicht gerne gesehen. Doch wir kamen mit den neuen Grazer Bürgern auch kaum in Kontakt. Nur Gisela besuchte zu Praxiszwecken nun ab und zu das Waisenhaus im Westen, wo sie den Kindern kostenlos Unterricht erteilte.
»Natürlich kein Französisch«, erzählte sie hochnäsig. »Die meisten können ja noch nicht einmal ihren Namen schreiben! Aber ich lehre sie Rechnen und Lesen, so gut ich kann.«
Eines Abends sah ich, dass sie nicht mit einer Kutsche nach Hause kam, sondern ein junger Mann sie auf einem Fahrrad brachte. Gisela saß seitlich auf seinem Gepäckträger und lachte, als sie absprang. Ja, wirklich, sie lachte! Dann huschte sie schnell durch den Hintereingang ins Haus. Mit meinen elf Jahren machte ich mir keine Gedanken darüber. Aber das Fahrrad interessierte mich brennend. Ich kannte nur wenige, die so ein neumodisches Gefährt besaßen. Frauen sah man mit ihren langen Röcken fast nie darauf sitzen. Ab diesem Abend jedoch kam Gisela nun regelmäßig mit dem jungen Mann auf dem Fahrrad nach Hause. Immer hielten sie vor der Hintertür. Jedes Mal fieberte ich dem Moment entgegen, in dem ich das Fahrrad in Augenschein nehmen konnte. Es war pechschwarz und brauchte tatsächlich nur zwei Räder, um sich zu bewegen. Ich war fasziniert von dem Gefährt.
Als Vater eines Abends beim Essen fragte, wie der Tag bei Gisela gelaufen sei, platzte es nur so aus mir heraus.
»Wie ist das Fahrradfahren? Macht es Spaß? Ich würde es so gerne auch mal probieren. Ob mich dein Freund auch einmal mitnehmen könnte?«
Gisela wurde aschfahl, Vaters Gesicht dagegen puterrot. Er schickte uns alle aus dem Zimmer. Nur Gisela musste bleiben. Eine halbe Stunde später kam sie weinend aus dem Esszimmer gelaufen und rannte hoch in ihr Zimmer. Ab diesem Tag ging sie nie wieder in eines der Kinderheime. Vielleicht war es dieser Augenblick, der eine Freundschaft zwischen uns auf alle Zeit unmöglich machte. Gisela sprach nie mit mir über diesen Vorfall, doch wenn ich sie anschaute, sah ich den Hass in ihren Augen. Er ist bis heute geblieben.
Als ich schließlich zu alt für Schläge war, drohte mir Vater:
»Ich werde dich früh verheiraten. Oder du gehst ins Kloster!«
Er wusste, dass mir unsere Kirchgänge verhasst waren. Jeden Sonntag gingen wir gemeinsam in die Herz-Jesu-Kirche. Hier traf sich alles, was Rang und Namen hatte, das gesamte Bildungsbürgertum. Hier tauschte man sich in den Kirchenbänken aus, was es Neues gab, wer ein Kind bekommen hatte oder verschieden war, was ein Nachbar Unmögliches gesehen hatte. Es war einer der wichtigsten Tage der Woche, um sich über alles, was in Graz passierte, auf den neuesten Stand zu bringen.
Wir Kinder langweilten uns dagegen zu Tode. Einmal, als wir die Ersten in der Kirche waren und Mutter und Vater im Eingang den Priester begrüßten, schlichen Carola und ich schnell hinauf auf die Kanzel und verteilten Knallerbsen, die wir auf dem Weg zur Kirche gefunden hatten. Der Aufgang zur Kanzel lag hinter einer Säule, sodass wir ungesehen rauf- und wieder heruntersteigen konnten. Unser Herz schlug uns bis zum Hals, als der Priester während des Gottesdienstes endlich die Treppen hochstieg. Es knallte wunderbar, und wir hatten Schwierigkeiten, unser Lachen zu unterdrücken. Vater sah uns nach dem Gottesdienst prüfend an, doch da er keine Beweise hatte, entgingen wir ausnahmsweise der Strafe.
Ein Kloster hätte mich vor Langeweile umgebracht. So viel steht fest. Und was sollte ich mit einem Mann?
Kurz nach meinem achtzehnten Geburtstag nahm uns Mutter mit in eine Ausstellung. Sie galt als revolutionär, weil nur junge, unbekannte Maler dort ihre Bilder zeigten. Ein Freund von Vater hatte ihn überredet, seine Damen dort einmal hinzuschicken. Die Mädchen müssten schließlich ihren Horizont erweitern. Vater, der sich überhaupt nicht für Kunst interessierte, hatte schließlich eingewilligt, und so stand ich an einem warmen Maitag 1902 in einem kleinen Raum des Landhaushofs in der Herrengasse und bestaunte die ungewöhnlichen Bilder. Auch ich hatte vor Kurzem die Malerei für mich entdeckt. Unser Hauslehrer hatte mir eine Staffelei mitgebracht, auf der ich nun fast täglich malte. Ich war ganz in die Werke versunken, als mich plötzlich ein junger Mann ansprach.
»Gefällt es Ihnen?«, fragte er und lächelte mich an.
Er war groß, schlank mit blondem, leicht gewelltem Haar. Sein Lächeln verzauberte mich auf Anhieb. Er war sicher fünf bis sieben Jahre älter als ich, doch ich verliebte mich auf der Stelle in ihn. Ich brachte keinen Ton heraus.
»Hat es Ihnen die Sprache verschlagen? Nun, ich werte das mal als Kompliment«, sagte er schmunzelnd und streckte mir seine Hand entgegen.
»Hans. Und wie heißt du?«
Dass er mich plötzlich duzte, gefiel mir.
»Mizzi«, sagte ich leise und lächelte.
Mein Gesicht wurde heiß. Er zeigte mir noch weitere Bilder von sich, doch ich hatte nur Augen für ihn.
Ab diesem Moment trafen wir uns öfter. Es war nicht leicht, Mutter davon zu überzeugen, mich immer wieder aus Studiengründen in die Ausstellung gehen zu lassen oder mir zu erlauben, mit Carola längere Spaziergänge zu unternehmen. Immer schickte sie Maria mit. Carola und Maria waren die Einzigen, denen ich von Hans erzählte. Ich schwärmte von ihm in den höchsten Tönen. Auch Carola war von ihm und seinem charmanten Wesen hingerissen.
Nur Maria war skeptisch. »Hüte dich vorrr den charmanten Männerrrrn. Sie versprechen dir das Blaue vom Himmel.« Doch ich glaubte ihr kein Wort. Hans war nicht so. Den ganzen Sommer über bewegte ich mich wie durch eine rosarote Wolke. Ich bewunderte Hans, klebte an seinen Lippen und bestaunte seine Werke.
Auch trieb es mich an zu arbeiten, und so malte ich ohne Unterlass. Als er mir eines Abends zum Abschied einen sanften Handkuss gab und mir tief in die Augen sah, schwebte ich mindestens einen Zentimeter über dem Boden.
»Du hast mir mein Herz gestohlen, kleine Mizzi«, raunte er in mein Ohr.
Mir wurde so heiß, dass ich dachte, meine Ohren würden Feuer fangen. Alles in mir strebte ihm entgegen. Ich wollte ihn berühren, in den Arm nehmen, küssen ... Doch Maria ging dazwischen und zog mich nach Hause.
Eines Tages wurde Hans auf einem unserer Spaziergänge sehr ernst. Er nahm mich bei der Hand und ich zuckte zusammen. Ein wohliger Schauer durchfuhr meinen Körper.
»Ich werde Graz verlassen und nach Wien gehen.«
Ich erstarrte. Mir war, als hätte er mir seine Faust mitten in die Magenkuhle gerammt.
»Was? Warum das denn?«
Er drückte meine Hand fester.
»Ich muss weiterkommen. In Wien, da weht ein ganz neuer Wind. Künstler haben sich zusammengeschlossen, um Neues auszuprobieren, neue ästhetische, modernere Ausdrucksformen zu finden. Sie nennen ihre Vereinigung Wiener Secession. Sie haben sich gelöst von all den Grenzen und Regeln der Malerei. Es ist fantastisch!«
Er geriet ins Schwärmen. Er ließ meine Hand los und malte beim Reden große Gesten in die Luft.
»Ich muss dahin! Ich will dort malen, auch mich ausprobieren. Es eröffnet so viele neue Möglichkeiten.«
Als er mir schließlich in die Augen blickte, sah er meine Tränen.
»Aber Mizzi, wein´ doch nicht, komm mit mir.«
Ich riss mich von ihm los und lief schluchzend nach Hause. Ich war am Boden zerstört. Ich weinte nächtelang. Mitgehen – wie denn? Mein Vater würde das nie erlauben. Ich war noch nicht mal volljährig. Selbst meine Schwester Carola konnte mich nicht trösten. Als mein Hauslehrer sah, wie betrübt ich war, brachte er mir einen Klumpen Ton und eine Töpferscheibe mit.
»Arbeit hilft gegen Kummer. Erschaffe etwas mit deinen eigenen Händen«, sagte er und zeigte mir, wie ich mit den Sachen umzugehen hatte.
Tagelang formte und knetete ich. Und tatsächlich ging es mir besser. Ich musste weniger an Hans denken. Und trotzdem wusste ich, dass er seine Koffer gepackt hatte und morgen oder übermorgen weg sein würde. Für immer. Er hatte mir einen Brief geschrieben und mich noch mal gebeten, mit ihm zu kommen. Ich verwahrte den Brief heimlich unter meiner Matratze. Jedes Mal wenn ich ihn wieder las, kamen mir die Tränen. Am Morgen seines Abreisetages saß ich an meiner Tonscheibe und arbeitete. Ich wusste nicht, was ich entwerfen sollte. Ich knetete und formte, drehte und zog.
Als ich mir meine Figur genauer ansah, erkannte ich eine Art Engel. Er gefiel mir. Er war etwa zwanzig Zentimeter hoch und sein Gesicht hatte keine Augen. Insgesamt war er noch etwas unförmig, doch seine Konturen waren zu erkennen. Er hatte sich irgendwie selbstständig aus meinen Händen entwickelt. Nicht ich hatte ihn erschaffen, sondern er sich selbst. Er sah aus, als wollte er jeden Augenblick losfliegen. Er lief, hing aber noch mit einem Fuß am Boden, gleich würde er abheben. Doch er konnte nicht. Er hatte nur einen Flügel. Einen Flügel, mit dem er niemals würde fliegen können. Genau wie ich.
Plötzlich schwang die Tür auf und Vater stand im Rahmen. Ich zuckte zusammen.
»Was machst du hier? Warum lernst du kein Französisch?«
Ich brachte keinen Ton heraus. Dann sah er auf meinen Engel und sein Blick verfinsterte sich. Schnell trat er ans Pult, packte den Engel und feuerte ihn gegen die Wand, sodass der Ton auf den Boden klatschte. Ich war wie erstarrt und blickte entsetzt auf die Masse am Boden.
»So ein teuflischer Mist kommt mir nicht ins Haus«, brüllte er.
Wut stieg in mir hoch. Unbändige Wut.
»Der einzige Teufel in diesem Haus bist du!«
Vater gab mir eine schallende Ohrfeige. Dann verließ er das Zimmer.
»Du hast Hausarrest.«
Gisela linste zur Tür herein. Als sie den Ton sah und meine geschwollene Wange, lachte sie. Dann drehte sie auf dem Absatz um und verschwand.
In diesem Moment fasste ich einen Entschluss: Ich würde mit Hans nach Wien gehen. Noch in dieser Nacht.
Wien, Oktober 1902
Meine Freiheit war einundzwanzig Quadratmeter groß. Einundzwanzig Quadratmeter, die nur uns gehörten, Hans und mir. Hans hatte dieses Zimmer für uns in der Webgasse in Wiens sechstem Bezirk Mariahilf gefunden. Der Vermieter hatte Gott sei Dank nichts zu unserem Verhältnis wissen wollen, auch keine Hochzeitspapiere verlangt. Ihm reichten zwei Monatsmieten im Voraus, die Hans mit seinem Ersparten gerade noch begleichen konnte.
Wir wohnten zusammen mit zwei weiteren jungen Künstlern im dritten Stock und teilten uns Bad und Atelier. Jeder besaß ein Zimmer, nur Hans und ich teilten uns eines.
Die Wohnung war nicht weit vom Karlsplatz entfernt, und da auf der Mariahilfer Straße seit Kurzem eine elektrische Straßenbahn verkehrte, brauchten wir noch nicht einmal eine Kutsche zum Fahren. Wir lebten mitten im Geschehen. Ein herrliches Gefühl.
Die Wohnung war zwar alt, dafür war die Miete erschwinglich. Der große Atelierraum war dabei alles für uns, ein Refugium, ein Ort der Zusammenkunft, eine Experimentierstube. Hier trafen wir uns zum Malen, Essen, Reden. Meine Töpferscheibe hatte ich in Graz zurücklassen müssen, dafür entdeckte ich meine Leidenschaft für die Malerei. Täglich füllte ich Leinwände und experimentierte mit Farben und Formen. Nacht für Nacht saßen wir zusammen, debattierten über die richtige Farbauswahl, irrwitzige Ideen der modernen Künstler, interpretierten Bilder von Gustav Klimt oder Max Kurzweil oder lästerten über Kollegen. An manchen Abenden kamen auch befreundete Künstler zu uns. Dann rauchten wir wie die Schlote und tranken Wein. Ja, ich rauchte! Obwohl mich die erste Zigarette zum Husten brachte und mir speiübel wurde. Doch ich wollte mit dabei sein, alles in mich aufsaugen, fühlen, schmecken. Ich war elektrisiert von diesem Leben, unserem Leben in der Freiheit. Endlich war ich frei. Frei von meinem Vater, frei von allen Konventionen. Ich war zusammen mit Hans, den ich über alles liebte; und er mich. Ich konnte malen und durfte einfach nur sein. Ich war glücklich.
»Wir brauchen Geld«, sagte Hans eines Tages, als wir aneinandergekuschelt im Bett lagen. »Die paar Bilder, die ich verkaufe, reichen gerade für die Miete.«
Ich schluckte. Ich hatte bei unserer Flucht nach Wien all mein Erspartes mitgenommen und Carola hatte mir noch ihren Sparstrumpf aufgezwungen. Sie war die Einzige, die mir fehlte. Doch ich schrieb ihr jede Woche einen Brief. Dass ich sie allerdings um Geld anbettelte, kam nicht infrage.
»Ich weiß nicht, ob sich meine Bilder verkaufen lassen«, sagte ich schüchtern.
Was sollte ich tun? Putzen, kellnern, mich als Kindermädchen anbieten? Ich schauderte. Mit Kindern hatte ich nichts im Sinn.
»Unter deinem Namen nicht.«
Hans riss mich aus meinen Gedanken.
»Aber unter meinem.«
Ich konnte nicht fassen, was er gerade gesagt hatte.
»Aber es sind doch meine Bilder«, stammelte ich.
»Frauen sind keine Künstler. Als Frau wirst du deine Bilder niemals verkaufen können.«
Ich schaute ihn entsetzt an. Was war geschehen? War ich nicht eine von ihnen? Diskutierte ich nicht mit, malte ebenso Bilder, war Nacht für Nacht dabei? Ich fühlte mich plötzlich ausgeschlossen. Wut kochte in mir hoch. Ich löste mich aus seinen Armen.
»Ich bin aber Künstlerin«, sagte ich mit fester Stimme.
»Ich weiß doch, Mizzi-Maus. Das ist ja auch nicht meine Meinung«, versuchte Hans mich zu beschwichtigen. Er schmunzelte, was mich noch ärgerlicher machte. »Du willst doch, dass wir weiterhin hier zusammenwohnen können, oder?«, sagte er sanft. »Wir brauchen Geld. Gut, wenn du deine Bilder nicht verkaufen willst, ist das in Ordnung. Aber dann müssen wir irgendwo anders Geld herkriegen. Meinst du, du kannst deinem Vater schreiben und ihn um Unterstützung bitten?«
Ich schaute ihn entgeistert an. Wie konnte er nur so naiv sein? Glaubte er wirklich, mein Vater würde mir noch einen Heller geben, nachdem ich Hals über Kopf in der Nacht von zu Hause abgehauen war?
Hans sah mein Gesicht. »Dann sag du mir, wie es weitergehen soll, Mizzi! Wir haben kein Geld mehr. Du trägst nichts zu unserem Leben bei. Und meine Einkünfte reichen nicht, um uns über Wasser zu halten.« Hans schaute verärgert. Er holte tief Luft. »Ich kann deine Bilder unter meinem Namen zum Verkauf anbieten. Sie sind gut, aber niemand kennt dich in der Kunstszene. Ich habe mir zumindest einen Namen gemacht, wenn auch keinen großen. Aber so können wir von dem leben, was wir erschaffen. Du und ich. Wir gehören doch zusammen. Warum nicht gemeinsam für unseren Lebensunterhalt sorgen? Gleichberechtigt.«
»Gleichberechtigt unter deinem Namen«, knurrte ich.
Hans wandte sich genervt ab. Doch ich wusste, dass ich nichts dagegen würde sagen können, wenn ich so weiterleben wollte.
»Gut. Probiere es aus und biete meine Bilder unter deinem Namen zum Verkauf an. Wenn es klappt, schön. Wenn nicht, kann ich es vielleicht unter einem männlichen Pseudonym tun«, sagte ich leise.
Er nickte stumm. Ich wusste, dass ein ganz und gar unbekannter Künstler sich schwertun würde in der Kunstszene. Und wenn ich mich als Mann verkleidete? Ich seufzte traurig. Hans nahm mich in den Arm.
»So machen wir es.«
Ich schmiegte mich an ihn. In dieser Nacht liebten wir uns. Doch unsere Berührungen waren nicht leidenschaftlich wie sonst. Sie waren grob und schmerzten mich fast. Ich kämpfte gegen den kleinen Stachel in meiner Brust an und versuchte, gegen meine Trauer und, ja, auch gegen meinen Neid anzukämpfen.
In den nächsten Wochen bot Hans meine Bilder in Galerien in Mariahilf und diversen kleineren Ausstellungen an. Mariahilf war ein quirliger Stadtteil. Auf der Mariahilfer Straße tummelten sich Studenten, Handwerker, Unternehmer, Reiche, Arme, Künstler. Und eben auch Galeristen. Die Ausbeute war nicht riesig, aber immerhin verkauften sich einige meiner Gemälde und wir konnten gut davon leben. Hans erzählte niemandem von dem Pakt, den wir geschlossen hatten. Auch unseren Mitbewohnern und Freunden sagten wir nichts. Wenn sie dann abends bei Wein und Zigaretten Hans für seine Bildmotive stichelten oder ihm anerkennend auf die Schulter schlugen, versuchte ich meine Gefühle im Zaum zu halten. Ich zog mich zurück. Hans verlor kein Wort mehr darüber und leerte das Geld nur stumm in unsere gemeinsame Kasse.
Es kam nun immer häufiger vor, dass unsere Mitbewohner junge Damen mit nach Hause brachten. Ihre »Musen«, wie sie sagten. Meistens gaben sie sich keine große Mühe, ihre Liebschaften vor mir zu verstecken. Hans und ich machten uns oft über sie lustig, die Rot- und Schwarzhaarigen, Blonden und Brünetten. Vor allem eine Rothaarige – Elisabeth – bot uns immer wieder Grund zum Spott. Sie war groß gewachsen, schlank, mit makelloser weißer Haut, einer schmalen Nase und feinen Gesichtszügen. Eines ihrer hervorstechenden Merkmale aber war ihr riesiger Mund, der immer knallrot geschminkt war und von der Form her stark an einen Entenschnabel erinnerte, weil ihre Vorderzähne vorragten und die Oberlippe nach vorne stülpten. Wenn sie lachte, klang es wie lautes Schnattern. Hans und ich nannten sie deshalb heimlich nur »Entlein«.
Sie stakste wie ein Storch in viel zu hohen Stöckelschuhen durch unser Atelier und ihre Stimme war laut und schrill.
»Peter, such meinen Mantel, mir ist kalt«, kommandierte sie gern unseren Mitbewohner herum.
»Peter, warum sind deine Zigaretten alle? Ich brauche den Rauch zum Nachdenken.«
Und Peter rannte los, um neue zu besorgen. Hans und ich grinsten uns dann vielsagend an. Worüber wollte das dumme Huhn nachdenken?
»Peter, warum malst du nicht mal hübsche Sachen? Eine Landschaft oder so?«
Bei unseren abendlichen Treffen waren sie und Peter gar nicht mehr dabei. Vermutlich hatten sie zu viel zum Nachdenken oder Peter malte für sie Landschaften. Doch Peter schien die Lust an Entlein nicht zu verlieren. Elisabeth kam nun fast dreimal die Woche zu uns. Man hörte sie schon von Weitem im Hausflur reden. Schlimmer aber waren die Laute, wenn Peter und sie auf sein Zimmer gingen. In kurzen, knappen Quiektönen arbeitete sie sich beim Liebesakt dem Höhepunkt entgegen, der sich dann in einem lauten Ächzen und Grunzen entlud. Manchmal schrie sie auch schrill und hell. Nein, gewöhnen konnte ich mich nicht an sie.
Wie selbstverständlich aß und trank sie von unseren Sachen, breitete ihre Utensilien im Bad aus, drückte sich aber nur zu gern vor unserem gemeinsamen Hausputz. Dann klimperte sie kokett mit ihren Augen und verließ mit elegantem Hüftschwung das Zimmer. Das machte mich wütend, doch Hans hielt mich zurück.
»Das ist Peters Sache. Misch dich da nicht ein.«
Es war nun schon ein gutes Jahr her, dass wir nach Wien geflüchtet waren. Ich malte oft im Atelier, versteckte aber immer meine Bilder vor unseren Freunden, damit Hans sie unter seinem Namen verkaufen konnte. Es lief gut. Ich war zufrieden. An sonnigen Tagen stürzte ich mich ins Gedränge der Mariahilfer Straße und atmete die Großstadtluft in tiefen Zügen ein. Wien erschien mir bunt und voller Leben. Die Menschen flanierten über die Boulevards, Pferdegetrappel und das laute Bimmeln der vorbeifahrenden Straßenbahnen begleiteten sie. Auch Fahrräder waren immer häufiger zu sehen.
