Das Freudengärtlein - Johanna Zürcher - Siebel - E-Book

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Johanna Zürcher - Siebel

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Beschreibung

Es war vor Weihnachten; aber deshalb blieb der kleine Bubi Emil doch unartig. Er wollte einfach nicht folgen. Er war nun schon über drei Jahre und hätte wirklich ein bisschen besser wissen können, dass man nicht so böse sein darf. Manchmal legte er sich auf den Boden, stampfte und strampelte und schrie aus Leibeskräften, kein Mensch wusste eigentlich warum, und er selber wusste es auch nicht.

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Veröffentlichungsjahr: 2013

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Johanna Zürcher - Siebel

Das Freudengärtlein

BookRix GmbH & Co. KG81371 München

Johanna Zürcher-Siebel: Das Freudengärtlein

Johanna Zürcher-Siebel

 

Das Freudengärtlein

 

 

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1. Der Herr Gehorsam

Es war vor Weihnachten; aber deshalb blieb der kleine Bubi Emil doch unartig. Er wollte einfach nicht folgen. Er war nun schon über drei Jahre und hätte wirklich ein bisschen besser wissen können, dass man nicht so böse sein darf. Manchmal legte er sich auf den Boden, stampfte und strampelte und schrie aus Leibeskräften, kein Mensch wusste eigentlich warum, und er selber wusste es auch nicht.

Meistens wollte er sich nicht an- und ausziehen lassen, und wenn man mit dem Schwamme kam, so schrie er am allerärgsten: «Es ist so nass, das Wasser muss nicht so nass sein!» Man konnte ihm lange sagen, dass es kein trockenes Wasser gäbe auf der Welt, er wollte es einfach nicht glauben und wehrte sich gegen das Waschen mit Armen und Beinen. Auf der Strasse wollte er auch nicht folgen, und wenn ein Tram kam, so war seine Mutter immer in Todesängsten. Einmal musste sogar ein Tram halten, weil der Bubi Emil über den Randstein gesprungen, und der Tramwagenführer läutete und schimpfte schrecklich, und ein vorübergehender Mann sagte: «Wenn du mir gehörtest, Junge, so bekämst du jetzt eine gehörige Tracht Prügel. Weisst du, so eine, die du nicht so leicht wieder vergessen würdest. Was ist das für ein Betragen für ein so kleines Bürschchen! Schäme dich auch, so zu tuen!» Der kleine Bubi Emil brüllte nämlich, dass die Leute stehen blieben, und seine gute Mutter sah ganz verzweifelt aus. Ja, die Mutter von Bubi Emil war oft sehr traurig und hatte wirklich allen Grund dazu. Sie hatte doch ihren Bubi so lieb und tat alles, um ihn bräver zu machen; sie hatte eine Engelsgeduld, aber es wollte dennoch nicht recht gelingen damit. So sass sie auch einmal vor Weihnachten bekümmert am Wiegenbettchen von Bubis Brüderchen. Bubi Emil hatte alle Stühle und Tische im Kinderzimmer umgeworfen, und alle Spielsachen lagen zerstreut auf dem Boden. «Ich kann nicht aufräumen», sagte Bubi Emil, «es ist gar nicht schön und viel zu schwierig». Als seine Mutter ihm helfen wollte, legte er sich auf den Boden und schrie, und seine Mutter sagte leise und bedrückt: «Ich hätte doch nie gedacht, dass ich ein so unartiges Kind haben würde! Ach! wenn mir doch wer helfen möchte, dieses Kind lieb und gut zu machen!»

Wie der Bubi Emil noch so schrie, kam ein schwerer Schritt die Treppe herauf, und durch die Türe des Kinderzimmers trat ein Mann. Er hatte einen grauen Bart und sah recht gut und freundlich aus, freilich war in seinem Gesicht ein ganz besonderer Ausdruck. «Ist das der Bubi Emil, den man so viel und so bös schreien hört?», fragte der Mann. «Ja», nickte die Mutter; sie wagte gar nicht, den Mann anzuschauen, so schämte sie sich für ihren Jungen, und ihre Brust zitterte von einem Seufzer. Bubi Emil aber blickte aus seinen grossen Augen ein wenig ungehalten auf den Eingetretenen. «Ich bin der Herr Gehorsam», sagte dieser, und dann fragte er die Mutter: «Wollen Sie, dass ich Ihnen helfe, den kleinen Bubi Emil brav und folgsam zu machen?» «Ach ja, sehr», nickte die Mutter, und sie schämte sich wieder, dass ihr dies trotz aller grossen Liebe selber nicht gelungen sei.

Da nahm der Herr Gehorsam aus seiner Manteltasche ein grobes graues Mäntelchen und Mützchen hervor und zog die Sachen dem kleinen Emil an. «Ich will mein Mäntelchen mit dem Matrosenkragen und mein Matrosenmützchen», sagte der Bubi Emil, «der Mantel ist ganz hässlich, darin sehe ich aus wie ein Mädchen».

«Wer so unartig ist wie du, muss diese grauen Sachen anziehen», sagte der Herr Gehorsam, «dann sehen es alle die andern Kinder», und er nahm den Bubi Emil bei der Hand. Er umschloss die Hand so fest, dass der Bubi Emil nicht fortschlüpfen konnte, obgleich er grosse Lust dazu hatte.

Sie verliessen das Haus. «Gehst du jetzt mit mir durch die dunkeln Gassen von Amerika?», fragte der Bubi Emil und schaute erwartungsvoll den Herrn Gehorsam an, «meine Maria hat mir davon erzählt. Meine Marie ist mein Kindermädchen; ich habe sie gern, sie macht mir Kränze aus bunten Blumen; im Winter nimmt sie Papier dazu. Sie will ganz bestimmt mit mir durch die dunklen Gassen von Amerika gehen. Oder willst du das jetzt tun?»

«Nein», sagte der Herr Gehorsam, «wir bleiben hier in der Stadt, wir gehen in das Haus vom Herrn Gehorsam».

«Ist auch ein Badezimmer dort?», fragte der Bubi Emil, «Badezimmer habe ich nicht gerne, man muss sie alle zerstören, dann kann man nicht darin eingesperrt werden.» Es zuckte ein wenig um die Mundwinkel vom Herrn Gehorsam: «Du wirst es bald sehen, wie es bei mir ist», sagte er.

Nachdem sie ein wenig gegangen waren, kamen sie an einem Bahnhofe vorbei, es hielt gerade ein grosser Zug mit Küche und Speisewagen vor dem Gebäude. Man konnte die gedeckten Tische sehen, und Bubi Emil wäre gerne still gestanden und hätte sich alles angeschaut. «Das darf ich immer, wenn ich mit Mutter und Vater gehe, und Vater zeigt und erklärt mir auch die Lokomotive, das interessiert mich sehr», sagte er zum Herrn Gehorsam und wollte sich losmachen von seiner Hand. Aber der Herr Gehorsam sagte: «Wer so unfolgsam ist wie du, darf das nicht», und Bubi Emil musste mit ihm weitergehen; ganz verdutzt sah er aus. Das war ihm nämlich etwas ganz neues, auf's Wort zu folgen; er wusste wirklich gar nicht mehr recht, wie ihm geschah.

So gelangten sie an das Vogelhaus in den Anlagen am See. Weil es ein schöner klarer Wintertag war, zwitscherten und flatterten die vielen bunten glänzenden Vögel hinter dem Drahtgeflecht heiter auf und nieder. «Ich will die Vögel anschauen», sagte Bubi Emil, «meine Mutter bleibt immer mit mir bei diesen Vögeln stehen und erzählt mir von ihnen». Doch der Herr Gehorsam sagte: «Wer so unfolgsam ist wie du, darf die Vögel nicht anschauen». Da seufzte der Bubi Emil; aber er hatte es mittlerweile gemerkt, dass da nichts zu machen war.

Sie schritten weiter zum See. Die kleinen Wellen tanzten und flirrten in der goldenen Wintersonne. «Ich will sehen, wie die kleinen Wellen über die Ufersteinchen streicheln», sagte der kleine Bubi Emil bittend nach einiger Zeit, und er sah den Herrn Gehorsam recht freundlich an, «was die Wellen erzählen, das ist immer so lustig, und die Möven auf der langen Stange, die möchte ich auch gerne anschauen». Aber der Herr Gehorsam liess ihn kein Augenblickchen stehen, er zog ihn immer vorwärts und bei allem, was der Bubi Emil sehen wollte, erhielt er stets die gleiche Antwort. In den grossen Spielwarenläden in der Stadt waren die verlockendsten Sachen ausgestellt; in einem Schaufenster hatte man eine ganze Schlacht aufgebaut mit feldgrauen und blauen Soldaten, Kanonen, Schützengräben, zerschossenen Häusern und Verbandplätzen, und die kleinen und grossen Mädchen und Buben drängten sich förmlich, um alles genau zu betrachten. Aber der Bubi Emil durfte überhaupt nicht stehen bleiben. Nicht eine Minute! Auch nicht vor dem andern Spielwarenfenster, wo ein ganzer, grossmächtiger Zirkus mit Affen und Kamelen, Elefanten und Akrobaten, Negern und Indianern ausgestellt war. Immer, wenn der Bubi Emil mit einem heftigen Ruck sein Händchen loszerren wollte und zornig und weinerlich zugleich sagte: «Lass mich los, lass mich doch endlich einmal los, ich habe es nicht gern, so fest gehalten zu werden!», so bekümmerte das den Herrn Gehorsam gar nicht, er hielt das Händchen nur umso fester und sagte immer in demselben gleichmütig bestimmten Tone: «Wer so unfolgsam ist wie du, darf das nicht».

Sie kamen aus den grossen belebten Strassen in enge winkelige hinein. «Da bin ich noch gar nicht gewesen», sagte Bubi Emil ein wenig beklommen, «in dieser Gasse hat meine Mutter noch nie Besorgungen gemacht!» Der Herr Gehorsam lächelte ein wenig, und dann stand er still vor einem hohen dunklen Hause, schloss die Haustüre auf und ging mit Emil hinein.