Das Fulcanelli-Komplott - Scott Mariani - E-Book

Das Fulcanelli-Komplott E-Book

Scott Mariani

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Beschreibung

Die Formel für ewiges Leben. Doch vielleicht birgt sie den Tod Entführte Kinder zu befreien ist das Spezialgebiet des ehemaligen SAS-Majors Ben Hope. Daher zögert er, als man ihn beauftragt, ein altes Manuskript ausfindig zu machen. Es soll aus der Feder des brillanten Alchemisten Fulcanelli stammen. Inhalt: Die Formel für ein Unsterblichkeitselixier. Doch daran sind offenbar auch andere interessiert. Eine gefährliche Jagd beginnt. Die Spur führt von Paris zu den Katharerfestungen im Languedoc …

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Seitenzahl: 555

Veröffentlichungsjahr: 2010

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Scott Mariani

Das Fulcanelli-Komplott

Thriller

Deutsch von Axel Merz

Für Marco, Miriam und Luca

Suche, mein Bruder, ohne dich entmutigen zu lassen; die Aufgabe ist schwer, ich weiß, doch Erobern ohne Gefahr ist wie Triumph ohne Ruhm.

DER ALCHEMIST FULCANELLI

Kapitel 1

Irgendwo in Frankreich,

Oktober 2001

Pater Pascal Cambriel zog sich den Hut fest über den Kopf und schlug den Mantelkragen hoch, um sich gegen den peitschenden Regen zu schützen. Der Sturm hatte die Tür zum Stall aufgerissen, und die Hühner rannten in Panik durcheinander. Der vierundsechzig Jahre alte Priester trieb sie mit seinem Stab wieder zurück und zählte nach, ob alle da waren. Was für eine Nacht!

Ein Blitz erhellte für Sekundenbruchteile den Hof und das alte Dorf ringsum. Hinter der Mauer des Gartens lag die aus dem zehnten Jahrhundert stammende Kirche von Saint-Jean mit ihrem einfachen Friedhof, auf dem die verwitterten Grabsteine allmählich zerfielen und von Efeu überwuchert wurden. Die Dächer der Häuser und die schroffe Landschaft dahinter erstrahlten hell im Licht eines Blitzes und versanken in schwärzester Nacht, als eine Sekunde später der Donner folgte. Völlig durchnässt vom Regen, schob Pater Pascal den Riegel vor die Tür und sperrte die gackernden Vögel ein.

Ein weiterer Blitz durchzuckte den Himmel. Der Priester wandte sich um und wollte hastig ins Haus zurückkehren, als ihm etwas ins Auge fiel. Erschrocken hielt er inne.

Einen kurzen Augenblick hatte er eine zerlumpte, hagere Gestalt gesehen, die ihn über die niedrige Mauer hinweg beobachtete. Doch sogleich war sie wieder verschwunden.

Pater Pascal rieb sich mit den nassen Händen die Augen. Hatte er sich die Gestalt etwa nur eingebildet? Ein weiterer Blitz zuckte auf, und in dem kurzen Moment flackernden weißen Lichts sah er, wie die fremde Gestalt aus dem Dorf hinaus und in den dahinterliegenden Wald rannte.

Nach all den Jahren in seiner Gemeinde war es der Priester gewohnt, jeder in Not geratenen Seele augenblicklich zu helfen. «Warte!», rief er gegen den Wind. So schnell, wie sein krankes Bein es zuließ, humpelte er durch das Tor nach draußen und eilte die schmale Gasse zwischen den Häusern entlang zu der Stelle, wo der Mann in den Schatten der Bäume verschwunden war.

Kurz darauf fand Pater Pascal den Fremden mit dem Gesicht nach unten im Unterholz am Waldrand liegen. Er zitterte am ganzen Leib und hielt sich die dürren Seiten. Trotz des Regens und der Dunkelheit konnte der Priester erkennen, dass die Kleidung des Mannes in Fetzen hing. «Gütiger Gott!», murmelte er voller Mitgefühl und zog, ohne nachzudenken, seinen Mantel aus, um ihn dem Fremden zu geben. «Mein Sohn, ist alles in Ordnung? Was ist passiert? Bitte lass mich dir helfen.»

Der Fremde redete mit leiser Stimme zu sich selbst, ein wirres Gemurmel, durchsetzt von Schluchzern. Seine Schultern zuckten. Pater Pascal legte ihm den Mantel über den Rücken, während er spürte, wie sein eigenes Hemd vom strömenden Regen augenblicklich durchnässt wurde. «Wir müssen ins Haus», sagte er mit leiser, beruhigender Stimme. «Ich habe eine warme Stube, etwas zu essen und ein Bett. Ich rufe Doktor Bachelard. Bist du imstande zu gehen?» Er versuchte den Mann vorsichtig herumzudrehen, um seine Hände zu nehmen und ihm aufzuhelfen.

Entsetzt zuckte er vor dem zurück, was der nächste Blitz enthüllte. Das zerfetzte Hemd des Mannes war blutgetränkt. Sein ausgemergelter Körper war überzogen von langen, tiefen Schnitten. Schnitte über Schnitte. Wunden, die verheilt und erneut geöffnet worden waren.

Pascal traute seinen Augen nicht. Es waren keine willkürlichen Schnitte, sondern Muster. Blutverkrustete Symbole und Formen.

«Wer hat dir das angetan, mein Sohn?», fragte der Priester, der nun das Gesicht des Fremden genauer betrachtete. Es war runzlig, wie vertrocknet, hager wie bei einer Mumie. Wie weit war er in diesem Zustand durch die Nacht geirrt?

Mit spröder Stimme murmelte der Mann etwas. «Omnis qui bibit hanc aquam…»

Verwundert bemerkte Pater Pascal, dass der Fremde lateinisch sprach. «Wasser?», fragte er. «Du möchtest Wasser?»

Der Mann murmelte unablässig weiter, während er den Geistlichen aus wilden Augen anstarrte und an seinem Ärmel zerrte. «…si fidem addit, salvus erit.»

Pascal runzelte die Stirn. Der Mann sagte irgendetwas über Glaube und Erlösung? Er redet wirr, dachte der Priester. Die arme Seele ist umnachtet. Der nächste Blitz zuckte beinahe direkt über ihnen; und noch während der Donner grollte, sah Pascal mit Erschrecken, dass der Mann die blutigen Finger fest um den Griff eines Messers geschlungen hatte.

Ein Messer wie dieses hatte er noch nie gesehen: ein kreuzförmiger Dolch mit einem kunstvollen goldenen Heft, auf dem Juwelen glitzerten. Die lange, schmale Klinge troff vor Blut.

Erst in diesem Moment wurde dem Priester klar, was der Fremde getan hatte. Er selbst hatte sich diese Schnittwunden zugefügt.

«Was hast du nur gemacht?», entfuhr es Pater Pascal, und Entsetzen erfüllte ihn.

Der Fremde beobachtete ihn, während er sich auf die Knie erhob. Plötzlich wurde sein schmutziges, blutbesudeltes Gesicht von einem weiteren Blitz erhellt. Seine Augen waren leer, verloren, als wäre sein Verstand längst an einem anderen Ort. Er hob die verzierte Waffe.

Einige schreckliche Sekunden lang war der Priester überzeugt, dass ihn der Fremde töten würde. Da war er also, der Tod. Was käme danach? Pascal glaubte fest daran, dass er in irgendeiner Form weiterexistieren würde, wenngleich er nicht sicher war, in welcher. Er hatte sich oft gefragt, wie er dem Tod gegenübertreten würde, wenn der Zeitpunkt kam. Er hatte gehofft, dass seine tiefe Religiosität ihm helfen würde, mit Würde und Gelassenheit zu ertragen, was immer Gott ihm auferlegte. Doch jetzt, angesichts des kalten Stahls, der im Begriff stand, sich in sein Fleisch zu senken, wurden seine Knie weich.

In diesem Moment, als er nicht länger daran zweifelte, dass sein Tod unmittelbar bevorstand, überlegte er, wie man ihn in Erinnerung behalten würde. War er ein guter Mensch gewesen? Hatte er ein würdiges Leben geführt?

Herr, gib mir Kraft.

Der Geistesgestörte starrte zunächst in verzückter Faszination auf die Klinge in seiner Hand und dann auf den hilflosen Priester. Plötzlich fing er an zu lachen – ein leises, gurgelndes Gackern, das zu einem hysterischen Kreischen anschwoll. «Igne natura renovatur integra!» Er schrie die Worte wieder und wieder.

Und voller Entsetzen sah Pascal Cambriel zu, wie der Fremde sich mit der Klinge immer wieder in den eigenen Hals schnitt.

Kapitel 2

In der Nähe von Cadiz, Südspanien,

September 2007

Ben Hope sprang von der Mauer und landete lautlos im Hof. Einen Moment verharrte er geduckt in der Dunkelheit und lauschte. Doch außer dem Zirpen der Grillen, dem Ruf eines Nachtvogels, den er eben im Wald aufgeschreckt hatte, und seinem kontrollierten Herzschlag war alles ruhig. Er schob den engen schwarzen Ärmel seiner Combat-Jacke zurück. Vier Uhr vierunddreißig.

Ein letztes Mal kontrollierte er seinen 9-mm-Browning, um sicherzugehen, dass sich eine Patrone in der Kammer befand und die Pistole einsatzbereit war. Er entsicherte sie leise und steckte die Waffe zurück ins Holster. Er nahm die schwarze Skimaske aus der Tasche und zog sie sich über den Kopf.

Das halbverfallene Haus lag in völliger Dunkelheit. Ben folgte nun dem Plan, den er von seinem Informanten erhalten hatte. Er umrundete die Begrenzungsmauer – fast in Erwartung der grell aufflammenden Lichter von Sicherheitsscheinwerfern, die jedoch niemals kamen – und erreichte den Hintereingang. Alles war so, wie man es ihm gesagt hatte. Das Türschloss bot nur wenig Widerstand, und einige Sekunden später schlich er ins Innere.

Er folgte einem dunklen Korridor und gelangte in ein Zimmer, das er durchquerte, um den Raum dahinter zu betreten. Er zog seine Pistole heraus, an der eine kleine LED-Lampe befestigt war. Ihr schmaler Lichtkegel wanderte über verrottende Dielen und feuchte Wände. Auf dem Boden lagen Berge von Abfällen. Ben erreichte eine Tür, die mit einem Riegel und einem Vorhängeschloss gesichert war. Als er beides im Licht seiner Lampe untersuchte, sah er, dass selbst ein Amateur hier ein leichtes Spiel gehabt hätte. Der Riegel war einfach auf das wurmzerfressene Holz geschraubt worden. Es dauerte weniger als eine Minute, bis er das Schloss völlig lautlos von der Tür entfernt hatte. Langsam und vorsichtig schob er sich in den Raum, um den schlafenden Jungen nicht aufzuwecken.

Der Elfjährige rührte sich auf seiner Pritsche und stöhnte, als Ben sich zu ihm herunterbeugte. «Tranquilo, soy un amigo»,flüsterte er dem Knaben ins Ohr. Er leuchtete ihm mit seiner Lampe in die Augen: so gut wie kein Pupillenreflex– Julián Sánchez war offensichtlich betäubt worden.

Der Raum stank nach Feuchtigkeit und Dreck. Eine Ratte, die sich an dem kleinen Tisch am Fußende des Bettes über die Reste einer kärglichen Mahlzeit in einem Blechteller hergemacht hatte, sprang zu Boden und huschte in Deckung. Behutsam drehte Ben den Knaben auf den verdreckten Laken um. Seine Hände waren mit einem Kunststoffkabel gefesselt worden, das tief in sein Fleisch schnitt.

Julián stöhnte erneut, als Ben die Fessel vorsichtig mit einer Klinge durchtrennte. Die linke Hand des Jungen war mit einem schmutzigen Stofffetzen voll getrockneten Blutes verbunden. Hoffentlich war es nur der eine Finger, den sie ihm abgeschnitten hatten. Ben hatte schon Schlimmeres gesehen. Viel Schlimmeres.

Die Lösegeldforderung betrug zwei Millionen Euro in gebrauchten Scheinen. Als Beweis dafür, wie ernst sie es meinten, hatten die Kidnapper den abgetrennten Finger in einem Päckchen verschickt. Eine Dummheit wie beispielsweise das Benachrichtigen der Polizei, hatte die Stimme am Telefon gesagt, und das nächste Päckchen würde mehr Körperteile enthalten. Vielleicht einen weiteren Finger, vielleicht seine Hoden. Oder seinen Kopf.

Emilio und María Sánchez hatten die Drohungen ernst genommen. Die zwei Millionen Euro zu beschaffen war kein Problem für das reiche Paar aus Málaga, doch sie wussten nur allzu gut, dass die Zahlung des Lösegelds keineswegs die unbeschadete Rückkehr ihres Sohnes garantierte. Im Vertrag ihrer Kidnapping-Versicherung stand zwar, dass die Verhandlungen unter allen Umständen über offizielle Stellen erfolgen mussten. Doch das hätte bedeutet, die Polizei einzubeziehen – und so Juliáns Todesurteil zu unterschreiben. Eine brauchbare Alternative musste her, um die Chancen für die sichere Heimkehr ihres Sohnes zu erhöhen.

In Fällen wie diesen kam dann Ben Hope ins Spiel, wenn man die richtige Telefonnummer kannte.

Ben rollte den betäubten Jungen von der Pritsche und wuchtete den schlaffen Leib über seine Schulter. Irgendwo hinter dem Haus hatte ein Hund angefangen zu bellen. Ben hörte Geräusche, und irgendwo wurde eine Tür geöffnet. Er hielt den schallgedämpften Browning als Lampe vor sich und trug Julián durch die dunklen Räume, durch die er gekommen war.

Drei Männer, hatte sein Informant ihm verraten. Einer war die meiste Zeit über sturzbetrunken und halb ohnmächtig, doch vor den beiden anderen musste er auf der Hut sein. Ben hatte seinem Informanten geglaubt – wer lügt schon mit der Mündung einer Pistole am Kopf?

Vor ihm öffnete sich eine Tür, und eine Stimme rief etwas Unverständliches. Bens Licht erfasste die Gestalt eines fetten, unrasierten Kerls, der Shorts und ein abgerissenes Unterhemd trug. Sein Gesicht verzerrte sich wegen des hellen Lichtstrahls, der ihm genau in die Augen leuchtete. In den Händen trug er eine abgesägte Schrotflinte. Die breiten Zwillingsläufe waren auf Bens Bauch gerichtet.

Der Browning spie zweimal durch den langen Schalldämpfer. Der gebündelte Lichtstrahl folgte dem zu Boden stürzenden Körper. Der Mann war höchstwahrscheinlich tot, noch bevor er auf dem Boden aufschlug. Er lag still da, mit zwei sauberen Löchern mitten im T-Shirt. Unter ihm bildete sich rasch eine große Blutlache. Ohne nachzudenken, trat Ben zu ihm hin und tat, was er zu tun gelernt hatte, wenn Umstände wie diese eintraten: Vorsichtshalber beendete er den Job mit einem Schuss in den Kopf.

Alarmiert von den Geräuschen, kam der zweite Mann eine Treppe heruntergerannt, eine Taschenlampe in der Hand. Ben feuerte auf das Licht. Ein kurzer Aufschrei, und der Mann stürzte der Länge nach die Stufen hinunter, bevor er Gelegenheit fand, seinen Revolver abzufeuern. Die Waffe schlitterte über den Boden. Ben trat zu dem Mann und stellte sicher, dass auch er sich nicht wieder erhob. Dann wartete er dreißig Sekunden und lauschte auf weitere Geräusche.

Der dritte Mann tauchte nicht auf.

Er war nicht wach geworden.

Dabei sollte es bleiben.

Mit dem bewusstlosen Julián über der Schulter durchquerte Ben das Haus und gelangte in eine heruntergekommene Küche. Die LED-Lampe an seiner Pistole erfasste eine flüchtende Schabe, folgte ihrem Weg quer durch den Raum und blieb an einem alten Herd hängen, der mit einer großen Gasflasche verbunden war. Behutsam ließ er Julián auf einen Stuhl gleiten. Dann kniete er in der Dunkelheit neben dem Herd nieder und durchtrennte mit seinem Messer den Gummischlauch an der Rückseite des Ofens. Er benutzte eine leere Bierkiste, um das Ende des Schlauchs an der Seite der kalten Gasflasche zu verkeilen. Dann öffnete er das Drehventil auf der Oberseite der Flasche ein wenig und zündete sein Feuerzeug an. Der schwach zischende Gasstrom entzündete sich in einer kleinen gelben Flamme. Ben drehte das Ventil weiter auf. Aus der Flamme wurde ein brüllender Strahl blau-weißen Feuers, der aggressiv an der Seite des Stahlzylinders leckte und die Farbe verbrannte. Rasch packte er Julián und eilte nach draußen.

Drei gedämpfte Schüsse aus dem Browning, und das Vorhängeschloss fiel vom Haupttor ab. Ben zählte die Sekunden, während er den Jungen weg vom Haus und auf die Bäume zu trug.

Sie waren am Waldrand angelangt, als das Haus in die Luft flog. Ein plötzlicher Blitz und ein gewaltiger, sich aufblähender orangefarbener Feuerball erhellten die Bäume und Bens Gesicht, als er sich umwandte und zusah, wie der Unterschlupf der Kidnapper aufhörte zu existieren. Brennende Trümmer segelten durch die Luft und fielen ringsum herunter. Eine dicke Säule aus blutig rot leuchtendem Rauch stieg in den Himmel.

Der Wagen wartete in seinem Versteck auf der anderen Seite der Bäume. «Jetzt geht es nach Hause, mein Junge», sagte Ben zu dem immer noch bewusstlosen Julián.

Kapitel 3

Irische Westküste,

vier Tage später

Ben schrak aus dem Schlaf. Einige Sekunden lag er orientierungslos und verwirrt da, während die Realität sich allmählich Stück für Stück zusammensetzte. Neben ihm auf dem Nachttisch schrillte sein Telefon. Er streckte die Hand nach dem Hörer aus. Da er immer noch nicht ganz aus seinem langen Schlaf erwacht war, stieß er ungeschickt das leere Glas und die Whiskeyflasche um, die neben dem Telefon standen. Das Glas zersprang auf dem Holzboden. Die Flasche prallte mit einem dumpfen Schlag auf die Dielen und rollte zu einem Haufen achtlos weggeworfener Kleidung.

Ben fluchte und setzte sich in seinem zerwühlten Bett auf. In seinem Kopf pochte es, und seine Kehle war ausgetrocknet. Im Mund hatte er noch den schalen Geschmack von Whiskey.

Er nahm den Hörer von der Gabel. Er versuchte, sich mit «Hallo?» zu melden. Doch er brachte nur ein heiseres Krächzen zustande, das einem Hustenanfall wich. Er schloss die Augen und hatte jene unangenehm vertraute Empfindung, sich unablässig rückwärts zu überschlagen und dabei in einen langen, dunklen Tunnel gesaugt zu werden, bis ihm schwindlig und übel wurde.

«Bitte entschuldigen Sie», sagte eine Stimme am anderen Ende der Leitung. Eine Männerstimme, abgehackter ausländischer Akzent. «Habe ich die richtige Nummer? Ich suche nach einem Mr.Benjamin Hope.» Die Stimme hatte einen missbilligenden Unterton, der Ben trotz seiner Benommenheit augenblicklich ärgerte.

Er hustete erneut, wischte sich mit dem Handrücken über das Gesicht und versuchte, die verklebten Augen vollständig zu öffnen. «Benedict», murmelte er, dann räusperte er sich und sprach ein wenig deutlicher weiter. «Ich heiße Benedict Hope. Was… Wie spät haben wir es eigentlich?», fügte er gereizt hinzu.

Die Stimme klang noch missbilligender, als hätte sich der Eindruck, den der andere von Ben hatte, soeben bestätigt. «Nun ja, es ist eigentlich schon halb elf…»

Ben ließ den Kopf in die Hand sinken. Er blickte auf seine Uhr. Die Sonne schien durch die Lücke zwischen den Vorhängen. Allmählich erwachte seine Konzentration. «Okay. Tut mir leid. Ich hatte eine anstrengende Nacht.»

«Offenkundig.»

«Kann ich Ihnen helfen?», fragte Ben in scharfem Tonfall.

«Mr.Hope, mein Name ist Alexander Villiers. Ich rufe im Auftrag meines Arbeitgebers Mr.Sebastian Fairfax an. Mr.Fairfax hat mich angewiesen, Ihnen mitzuteilen, dass er Ihre Dienste in Anspruch zu nehmen wünscht.» Eine Pause. «Allem Anschein nach sind Sie einer der besten Privatdetektive.»

«Dann hat man Sie falsch informiert. Ich bin kein Detektiv. Ich finde verschwundene Personen.»

«Mr.Fairfax würde Sie gerne sehen», fuhr der andere unbeeindruckt fort. «Können wir ein Treffen arrangieren? Selbstverständlich würden wir Sie abholen und für Ihre Mühen finanziell entschädigen.»

Ben lehnte sich gegen das eichene Kopfteil des Bettes und griff nach seinen Gauloises und dem Zippo. Er klemmte die Packung zwischen seinen Knien ein und pflückte eine Zigarette hervor, dann schlug er das Rad des Feuerzeugs und steckte sich die Zigarette an. «Tut mir leid, ich stehe nicht zur Verfügung. Ich habe gerade einen Auftrag erledigt und mache ein paar Tage frei.»

«Ich verstehe», erklärte Villiers. «Ich wurde außerdem angewiesen, Sie zu informieren, dass Mr.Fairfax bereit ist, ein großzügiges Honorar zu zahlen.»

«Es ist keine Frage des Geldes.»

«Dann sollte ich Ihnen vielleicht sagen, dass es bei dieser Angelegenheit um Leben und Tod geht. Man hat uns informiert, dass Sie möglicherweise unsere einzige Chance sind. Möchten Sie nicht wenigstens vorbeikommen und mit Mr.Fairfax persönlich reden? Wenn Sie sich angehört haben, was er zu sagen hat, ändern Sie vielleicht Ihre Meinung.»

Ben zögerte.

«Danke für Ihr Einverständnis», sagte Villiers nach einer kleinen Weile. «Bitte halten Sie sich bereit; wir werden Sie in den nächsten Stunden abholen. Auf Wiedersehen.»

«Warten Sie. Wo?»

«Wir wissen, wo wir Sie finden, Mr.Hope.»

Ben absolvierte seinen täglichen Lauf am einsam und verlassen daliegenden Strand mit nichts außer dem Wasser und ein paar kreisenden, kreischenden Seevögeln als Gesellschaft. Das Meer war ruhig. Die Sonne schien, doch ihre Strahlen verbreiteten keine Wärme mehr, da jetzt der Herbst vor der Tür stand.

Nach zwei Kilometern den Strand hinauf und hinunter war sein Kater kaum noch zu spüren. Er rannte zu der felsigen Bucht, die sein Lieblingsplatz an der Küste war. Niemand kam jemals hierher außer Ben. Er war ein Mann, der die Einsamkeit mochte, auch wenn seine Arbeit darin bestand, Menschen mit denen wiederzuvereinigen, die ihnen verloren gegangen waren.

Er suchte häufig diese verlassene Bucht auf, wenn er nicht unterwegs war, um irgendeinen Job zu erledigen. Es war ein Ort, an dem er alles vergessen konnte – wo er für ein paar kostbare Momente nicht mehr an die Welt und all ihre Mühen und Probleme dachte. Selbst das Haus war außer Sicht, verborgen hinter der steilen Böschung aus Fels, Lehm und Grasbüscheln. Ben machte sich wenig aus dem Haus mit den sechs Schlafzimmern – es war viel zu groß für ihn und Winnie, seine ältliche Haushälterin. Er hatte es nur gekauft, weil dieser knapp fünfhundert Meter lange private Strandabschnitt dazugehörte: sein Zufluchtsort.

Er saß auf demselben großen, flachen, muschelüberkrusteten Felsbrocken wie immer und warf müßig Kieselsteine ins Meer, während die einsetzende Flut leise gurgelnd ringsum an den Strand brandete. Die Sonne schien so grell, dass er die Augen zusammenkneifen musste, während er die sinkende Bahn eines Steins vor dem Himmel beobachtete. Als der Kieselstein in einer herannahenden Welle versank, hinterließ er einen kleinen weißen Fleck im Wasser, der sich rasch auflöste. Gut gemacht, Hope, dachte er bei sich. Der Stein hat tausend Jahre gebraucht, um vom Meer ans Ufer zu gelangen, und du wirfst ihn einfach so zurück. Er steckte sich eine neue Zigarette an und starrte hinaus auf das Meer, während die sanfte, salzige Brise durch seine blonden Haare strich.

Nach einer Weile erhob er sich zögernd, sprang von seinem Felsen und stieg den Weg hinauf zu seinem Haus. Er fand Winnie in der großen Küche, wo sie geschäftig das Mittagessen zubereitete. «Ich bin in ein paar Stunden wieder weg, Win. Mach nichts Aufwendiges für mich.»

Sie drehte sich um und sah ihn an. «Aber du bist erst gestern zurückgekommen. Wohin geht es denn diesmal wieder?»

«Ich weiß es noch nicht.»

«Wie lange bist du weg?»

«Auch das weiß ich nicht.»

«Na, dann solltest du besser etwas Anständiges essen», sagte sie entschieden. «Die ganze Zeit durch die Weltgeschichte fahren, nie lange genug an einem Ort, um zu Atem zu kommen…» Sie seufzte und schüttelte den Kopf.

Winnie war viele Jahre lang eine treue und unerschütterliche Begleiterin der Hope-Familie gewesen. Seit einer ganzen Weile war Ben der Einzige, der noch übrig geblieben war. Nach dem Tod seines Vaters hatte er das Elternhaus verkauft und war hierher an die Westküste von Irland gezogen. Winnie hatte ihn begleitet. Sie war mehr als eine Haushälterin – eher wie eine Mutter. Eine besorgte, oft ärgerliche, aber stets geduldige und hingebungsvolle Mutter.

Sie ließ die angefangene warme Mahlzeit stehen und bereitete ihm rasch einen Berg Schinkensandwiches. Ben saß am Küchentisch und verzehrte zwei davon. In Gedanken war er weit, weit weg.

Winnie ließ ihn allein und ging ihren anderen Arbeiten im Haus nach. Sie hatte nicht viel zu tun. Ben war fast nie da, und wenn er nach Hause kam, war seine Anwesenheit kaum zu spüren. Er redete nie über seine Arbeit, doch sie wusste auch so, dass sie gefährlich war. Das bereitete ihr Sorgen. Sie sorgte sich auch wegen seines Alkoholkonsums, vor allem wegen des Whiskeys, der kistenweise und für ihren Geschmack viel zu regelmäßig ins Haus geliefert wurde. Sie hatte es nie offen angesprochen, doch sie befürchtete ernsthaft, dass er sich selbst auf die eine oder andere Weise in ein frühes Grab brachte. Gott allein wusste, was ihm zuerst den Rest geben würde – der Whiskey oder eine Kugel. Ihre größte Sorge war, dass ihm nicht einmal das etwas auszumachen schien.

Wenn er doch nur jemanden fand, der ihm etwas bedeutete, dachte sie. Irgendjemanden. Sein Privatleben war ein wohlgehütetes Geheimnis, doch sie wusste, dass er die wenigen Frauen, die versucht hatten, ihm nahe zu sein, regelmäßig hatte ziehen lassen. Er hatte niemals jemanden mit nach Hause gebracht, und viele, viele Anrufe waren unbeantwortet geblieben. Irgendwann gaben sie immer auf und riefen nicht mehr an. Er fürchtete sich davor, jemanden zu lieben. Es war, als hätte er diesen Teil von sich getötet, sich selbst emotional ausgehöhlt und leer gemacht, um nicht verwundbar zu sein.

Sie konnte sich noch deutlich an den jungen Mann erinnern, voller Träume, strahlendem Optimismus und Glauben, voller Selbstvertrauen und Kraft, die nicht aus einer Flasche kam. Das war lange, lange Zeit her. Bevor es geschehen war. Sie seufzte bei der Erinnerung an diese schrecklichen Zeiten.

Waren sie überhaupt jemals zu Ende gegangen?

Sie war der einzige Mensch – außer Ben selbst natürlich–, der wusste, was ihn insgeheim umtrieb. Sie kannte den Schmerz, der tief in seinem Herzen brannte.

Kapitel 4

Der Privatjet trug ihn über die Irische See nach Süden, in Richtung der Küste von Sussex. Nach der Landung fuhr eine vornehme schwarze Bentley-Limousine herbei. Zwei Männer in grauen Anzügen schoben Ben auf den Rücksitz. Es waren dieselben, die ihn an diesem Nachmittag zu Hause abgeholt und mit ihm im Flugzeug gesessen hatten – wortkarge, grimmig dreinblickende Gesellen, die sich noch nicht einmal vorgestellt hatten. Sie selbst stiegen in einen schwarzen Jaguar Sovereign, der mit laufendem Motor auf dem Vorfeld stand und darauf wartete, dass der Bentley losfuhr.

Ben machte es sich gemütlich in den weichen cremefarbenen Lederpolstern des Bentley. Er ignorierte die Bordbar und zog stattdessen seinen verbeulten stählernen Flachmann aus der Tasche, um einen großzügigen Schluck Whiskey zu trinken. Als er den Flachmann zurück in die Tasche schob, bemerkte er, dass ihn die Augen des uniformierten Fahrers im Rückspiegel beobachtet hatten.

Die Fahrt dauerte etwa vierzig Minuten. Der Jaguar folgte ihnen den ganzen Weg. Ben behielt die Straßenschilder im Auge und versuchte, sich die Route einzuprägen und sich zu orientieren. Nach einigen Kilometern auf einer vierspurigen Autobahn glitt der Bentley ebenso flüsterleise wie zügig über einsame Landstraßen. Nur ein einziges Mal passierten sie eine Ortschaft. Schließlich bog der Wagen von der Hauptstraße ab und fuhr in einen großen Torbogen hinein, der in eine hohe Steinmauer eingelassen war. Der Jaguar blieb dicht hinter ihnen. Ein automatisches Tor öffnete sich, ließ die Fahrzeuge passieren und schloss sich sogleich wieder. Der Bentley rollte eine gewundene Abfahrt hinunter, vorbei an einer Reihe von Cottages. Ben drehte den Kopf, um eine Reihe edel aussehender Pferde zu beobachten, die über eine Koppel mit weißer Umzäunung galoppierten. Als sein Blick durch die Heckscheibe fiel, bemerkte er, dass der schwarze Jaguar verschwunden war.

Der Weg führte anschließend zwischen einer Reihe französischer Gärten hindurch. Am Ende einer Allee stattlicher Zypressen erschien das Wohnhaus: ein georgianisches Herrenhaus mit einer breiten geschwungenen Steintreppe vor dem Eingang und einem klassischen Säulenvorbau.

Ben fragte sich, womit sein möglicher Klient wohl seinen Lebensunterhalt verdiente. Das Haus war gut und gerne sieben, wenn nicht acht Millionen Pfund wert. Wahrscheinlich wartete ein weiterer «K&R-Job» auf ihn – Kidnapping und Ransom –, wie bei der großen Mehrzahl seiner reicheren Klienten. Entführung und Lösegelderpressung waren dieser Tage der am schnellsten wachsende Geschäftszweig. In manchen Ländern war «K&R» zu einer regelrechten Industrie geworden, die dem Heroingeschäft den Rang abgelaufen hatte.

Der Bentley passierte einen großen Zierbrunnen und hielt am Fuß der breiten Treppe. Ben wartete nicht, bis der Fahrer ihm die Tür aufhielt, sondern stieg allein aus.

Ein Mann kam die Treppe herunter, um ihn zu begrüßen. «Ich bin Alexander Villiers, der persönliche Assistent von Mr.Fairfax. Wir haben miteinander telefoniert.»

Ben nickte nur und betrachtete Villiers genau. Er schien etwa Mitte vierzig zu sein und besaß glattes Haar, das an den Schläfen ergraute. Er trug einen engsitzenden Navy-Blazer und eine Krawatte mit einem Wappen, das nach dem Abzeichen eines Colleges oder einer Privatschule aussah.

«Ich bin ja so froh, dass Sie gekommen sind», verkündete Villiers. «Mr.Fairfax erwartet Sie oben.»

Ben wurde durch einen marmorgefliesten Eingangssaal geführt, der groß genug gewesen wäre, um einen Passagierjet aufzunehmen. Dann stiegen sie eine weite, geschwungene Treppe hinauf und betraten einen holzgetäfelten Korridor, in dem mehrere Glasvitrinen standen und an dessen Wänden Gemälde hingen. Villiers begleitete ihn wortlos bis vor eine Tür, wo er stehen blieb und anklopfte.

Eine volltönende Stimme antwortete: «Herein!»

Der Assistent führte Ben in ein Arbeitszimmer. Sonnenlicht flutete hell durch ein bleiverglastes Bogenfenster, das von schweren Samtvorhängen gesäumt war. In der Luft hing der Duft von Möbelpolitur und Leder.

Der Mann hinter dem großen Schreibtisch erhob sich, als Ben den Raum betrat. Er war groß und schlank und trug einen dunklen Anzug, der die zurückgekämmten, vollen weißen Haare betonte. Ben schätzte sein Alter auf siebzig oder fünfundsiebzig, obwohl er noch einen fitten Eindruck machte und eine aufrechte Haltung besaß.

«Mr.Hope, Sir», sagte Villiers. Anschließend zog er sich zurück und schloss die schwere Doppeltür hinter sich.

Der große Mann trat auf Ben zu und streckte ihm die Hand entgegen. Seine grauen Augen waren wach und durchdringend; und er empfing seinen Gast mit freundlichen Worten. «Mr.Hope, mein Name ist Sebastian Fairfax. Ich bin Ihnen ja so dankbar, dass Sie einverstanden waren, auf meine so kurzfristige Nachricht hin den weiten Weg auf sich zu nehmen und hierher zu reisen.»

Sie reichten sich die Hände.

«Bitte, so nehmen Sie doch Platz», sagte Fairfax. «Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?» Er trat zu einem Cocktailschrank und nahm eine Kristallkaraffe zur Hand. Ben griff in seine Jackentasche, zog seinen alten, zerbeulten Flachmann hervor und schraubte den Deckel auf. «Ah», entfuhr es Fairfax. «Wie ich sehe, haben Sie Ihren eigenen Whiskey mitgebracht. Sie sind ein einfallsreicher Mann, wenn ich das bemerken darf.»

Ben trank von seinem Whiskey, wohl wissend, dass Fairfax ihn genau beobachtete. Ihm war bewusst, was der alte Mann von ihm denken musste. «Es beeinträchtigt meine Arbeit nicht», beteuerte Ben, während er den Deckel erneut aufschraubte.

«Da bin ich mir ganz sicher», erklärte Fairfax. Er nahm wieder hinter dem Schreibtisch Platz. «Wenn wir gleich zum Geschäft kommen könnten?»

«Von mir aus gerne.»

Fairfax lehnte sich in seinem Sessel zurück und schürzte die Lippen. «Sie sind jemand, der Menschen findet», begann er.

«Ich versuche es zumindest», erwiderte Ben.

«Ich möchte, dass Sie jemanden für mich finden. Es ist eine Aufgabe für einen Spezialisten. Ihr Hintergrund ist höchst beeindruckend.»

«Sprechen Sie weiter.»

«Ich suche einen Mann namens Fulcanelli. Es ist eine extrem wichtige Angelegenheit, und ich brauche einen Profi mit Ihren Talenten, um ihn zu finden.»

«Fulcanelli… Hat dieser Fulcanelli auch einen Vornamen?», fragte Ben.

«Fulcanelli ist ein Pseudonym. Niemand kennt seine wahre Identität.»

«Das ist hilfreich. Verstehe ich das richtig, dass dieser Mann kein sonderlich enger Freund von Ihnen ist, kein verschwundenes Familienmitglied und kein sonstiger Angehöriger?» Ben lächelte kalt. «Normalerweise kennen meine Klienten die Personen, nach denen ich für sie suchen soll.»

«Sie haben recht. Das ist er nicht.»

«In welcher Verbindung stehen Sie dann zu ihm? Warum suchen Sie ihn? Hat er Sie bestohlen? Das ist eine Angelegenheit für die Polizei, nicht für mich.»

«Nein, nein, nichts dergleichen», sagte Fairfax mit wegwerfender Handbewegung. «Ich hege keinerlei Groll gegen Fulcanelli. Ganz im Gegenteil, Fulcanelli bedeutet mir eine Menge.»

«Gut. Können Sie mir sagen, wann und wo dieser Fulcanelli zum letzten Mal gesehen wurde?»

«Fulcanelli wurde zum letzten Mal in Paris gesehen – soweit es mir möglich gewesen ist, das zurückzuverfolgen», antwortete Fairfax. «Was das ‹Wann› angeht…» Er zögerte. «Es ist eine Weile her.»

«Das macht die Dinge schwieriger. Wie lange genau ist es her? Mehr als zwei Jahre?»

«Ein wenig länger, ja.»

«Fünf? Zehn?»

«Mr.Hope, Fulcanelli wurde zum letzten Mal lebendig im Jahr 1926 gesehen.»

Ben starrte Fairfax an. Er rechnete rasch nach. «Das ist mehr als achtzig Jahre her. Reden wir von einer Kindesentführung?»

«Er war kein Kind, falls Sie das meinen», erwiderte Fairfax mit schwachem Lächeln. «Fulcanelli war bei seinem unerwarteten Verschwinden bereits über achtzig Jahre alt.»

Ben kniff die Augen zusammen. «Soll das ein schlechter Witz sein? Ich hatte eine weite Anreise, und offen gestanden…»

«Ich versichere Ihnen, dass ich es vollkommen ernst meine, Mr.Hope», beeilte sich Fairfax zu antworten. «Ich bin kein Witzbold. Ich wiederhole: Ich möchte, dass Sie für mich Fulcanelli finden.»

«Ich finde Leute, die am Leben sind», stellte Ben klar. «Die Geister Verstorbener interessieren mich nicht. Wenn Sie so etwas brauchen, sollten Sie beim Institut für Parapsychologie anrufen und sich einen von ihren Ghostbustern kommen lassen.»

Fairfax lächelte. «Ich verstehe Ihre Skepsis, Sir. Allerdings habe ich Veranlassung zu glauben, dass Fulcanelli noch lebt. Vielleicht sollte ich an dieser Stelle ein wenig genauer werden. Mein Hauptinteresse gilt nicht so sehr dem Mann, sondern dem Wissen, das er besitzt oder besaß. Informationen von außerordentlicher Bedeutung, die meine Agenten und ich bisher nicht finden konnten.»

«Informationen welcher Art?», fragte Ben.

«Die Informationen befinden sich in einem Dokument, einem kostbaren Manuskript, um genau zu sein. Ich möchte, dass Sie dieses Fulcanelli-Manuskript für mich finden und es mir bringen.»

Ben schürzte die Lippen. «Könnte es sein, dass hier ein Missverständnis vorliegt? Ihr Mann Villiers hat mir gegenüber behauptet, dass es um Leben und Tod geht.»

«Das tut es», erklärte Fairfax.

«Ich verstehe nicht. Was sind das für Informationen, über die wir hier reden?»

Fairfax lächelte traurig. «Ich werde es Ihnen erklären, Mr.Hope. Ich habe eine Enkeltochter. Ihr Name ist Ruth.»

Ben zuckte leicht zusammen. Er hoffte, dass Fairfax es nicht bemerkt hatte.

«Ruth ist neun Jahre alt, Mr.Hope», fuhr Fairfax fort. «Und ich fürchte, sie wird ihren zehnten Geburtstag nicht erleben. Sie leidet an einer seltenen Krebserkrankung. Ihre Mutter, meine Tochter, ist völlig verzweifelt. Die berühmtesten Kapazitäten – medizinische Experten aus der ganzen Welt – waren bisher außerstande, die schreckliche Krankheit aufzuhalten, trotz meiner finanziellen Mittel.» Fairfax streckte eine schlanke Hand aus und drehte den goldenen Rahmen auf seinem Schreibtisch zu Ben um. Die Fotografie darin zeigte ein kleines blondes Mädchen, das auf einem Pony saß und vor Glück strahlte.

«Ich muss nicht erwähnen», erzählte Fairfax, «dass dieses Bild bereits vor einer Weile gemacht wurde – bevor man die Krankheit entdeckte. Sie sieht nicht mehr so aus. Sie wurde zum Sterben nach Hause geschickt.»

«Das tut mir leid zu hören», sagte Ben. «Ich verstehe trotzdem nicht, was das mit…»

«Mit dem Fulcanelli-Manuskript? Es hat alles damit zu tun, Mr.Hope, alles. Ich glaube, dass das Fulcanelli-Manuskript lebenswichtige Informationen enthält. Uralte Kenntnisse, die das Leben meiner geliebten Enkeltochter retten könnten. Die sie zu uns zurückbringen und wieder zu dem machen könnten, was sie auf diesem Foto war.»

«Uralte Kenntnisse? Um was für eine Art von Wissen handelt es sich?»

Fairfax lächelte grimmig. «Mr.Hope, Fulcanelli war – und ist es, wie ich glaube, auch heute noch – ein Alchemist.»

Es herrschte ein lastendes Schweigen. Fairfax studierte angespannt Bens Gesicht.

Ben sah für einige Sekunden auf seine Hände. Dann stieß er einen Seufzer aus. «Sie meinen, dieses Manuskript zeigt Ihnen einen Weg, wie man eine… eine Art lebensrettenden Trank zubereiten kann?»

«Ein alchemistisches Elixier, jawohl», antwortete Fairfax. «Fulcanelli kannte das Geheimnis.»

«Hören Sie, Mr.Fairfax. Ich verstehe durchaus, wie schmerzlich Ihre Situation ist», sagte Ben, der seine Worte vorsichtig abwog. «Ich fühle mit Ihnen. In einer solchen Lage glaubt man leicht, dass irgendein geheimes Heilmittel Wunder bewirken könnte. Doch ein Mann von Ihrem Intellekt… Glauben Sie nicht, dass Sie sich vielleicht selbst etwas vormachen? Ich meine, Alchemie…? Wäre es nicht besser, nach fundierterem medizinischem Rat zu suchen? Nach einer neueren, revolutionären Behandlungsmethode vielleicht, irgendeiner modernen Technologie…?»

Fairfax schüttelte den Kopf. «Wie ich bereits sagte, alles, was die moderne Wissenschaft zu tun imstande ist, wurde bereits versucht. Ich habe keine Möglichkeit ausgelassen. Glauben Sie mir, ich habe dieses Thema in größtmöglicher Tiefe recherchiert, und ich gehe die Sache gewiss nicht leichtgläubig an… Das Buch der Wissenschaften enthält weit mehr, als die heutigen Experten uns gerne glauben machen möchten.» Er zögerte. «Mr.Hope, ich bin ein stolzer Mann. Ich war im Leben außerordentlich erfolgreich, und ich verfüge über beträchtlichen Einfluss. Und doch sehen Sie mich hier als einen unglücklichen alten Großvater. Ich würde mich vor Ihnen auf die Knie werfen, um Sie anzuflehen, mir zu helfen – Ruth zu helfen–, wenn ich der Meinung wäre, Sie damit bewegen zu können. Sie mögen meine Suche nach Fulcanelli als Torheit abtun; doch bei der Liebe Gottes und um des kleinen unschuldigen Mädchens willen haben Sie Nachsicht mit einem alten Mann und nehmen Sie mein Angebot an. Was haben Sie zu verlieren? Wir hingegen verlieren Unermessliches, wenn unsere Ruth nicht überlebt.»

Ben zögerte immer noch.

«Ich weiß, dass Sie keine eigene Familie und keine Kinder haben, Mr.Hope», fuhr Fairfax fort. «Vielleicht kann nur ein Vater oder ein Großvater verstehen, was es bedeutet, wenn ein leiblicher Nachkomme leidet oder stirbt. Kein Vater und keine Mutter sollte derartige Qualen erleiden müssen.» Er sah Ben unverwandt in die Augen. «Finden Sie das Fulcanelli-Manuskript, Mr.Hope. Ich bin überzeugt, dass Sie das können. Ich zahle Ihnen ein Honorar von einer Million Pfund Sterling, ein Viertel im Voraus, den Rest bei Ablieferung des Manuskripts.» Er öffnete eine Schublade in seinem Schreibtisch, nahm einen Streifen Papier hervor und schob ihn Ben hin. Es war ein Scheck, ausgestellt auf seinen Namen, über den Betrag von zweihundertfünfzigtausend Pfund.

«Nur meine Unterschrift fehlt», sagte Fairfax leise. «Und das Geld gehört Ihnen.»

Ben erhob sich, den Scheck hielt er in der Hand. Fairfax sah ihm angespannt hinterher, als er zum Fenster trat und hinaussah über den weiten Rasen zu den sanft im Wind schwankenden Bäumen. Er schwieg eine volle Minute, bevor er laut durch die Nase ausatmete und sich zu Fairfax umwandte. «Das ist nicht das, was ich tue. Ich suche nach vermissten Menschen.»

«Ich bitte Sie, das Leben eines kleinen Mädchens zu retten. Spielt es eine Rolle für Sie, wie Sie das bewerkstelligen?»

«Sie bitten mich, einem Hirngespinst hinterherzujagen, von dem Sie glauben, dass es Ihre Enkeltochter retten könnte.» Er warf den Scheck zurück auf Fairfax’ Schreibtisch. «Ich sehe nicht, wie das zu schaffen wäre. Es tut mir leid, Mr.Fairfax. Danke für Ihr Angebot, aber ich bin nicht interessiert. Wenn Ihr Fahrer mich jetzt bitte zurück zum Flughafen bringen könnte?»

Kapitel 5

Ein Teenager und ein junges Mädchen rannten Hand in Hand ausgelassen über ein großes, weites Feld voller wilder Blumen und sanft schwankendem üppigem Gras. Beide hatten blondes Haar, das golden im Sonnenlicht leuchtete. Der Junge ließ die Hand des Mädchens los und kniete sich nieder, um eine Blume zu pflücken. Das Mädchen rannte kichernd weiter, während es mit schelmischem Blick und geröteten sommersprossigen Wangen zu ihm zurücksah. Der Junge hielt der Kleinen die Blume hin, doch plötzlich stand sie weit, weit weg. Neben ihr war ein Tor: der Eingang zu einem Labyrinth mit hohen Mauern.

«Ruth!», rief er ihr zu. «Komm zurück!»

Das Mädchen legte die Hände trichterförmig an den Mund und rief: «Komm doch und hol mich!» Dann verschwand es, immer noch lachend, durch das Tor zum Labyrinth.

Der Junge rannte der Kleinen hinterher, doch irgendetwas war nicht richtig. Die Entfernung zwischen ihm und dem Labyrinth streckte sich mehr und mehr. «Geh nicht fort, Ruth!», rief er verzweifelt. «Geh nicht allein da rein! Lass mich nicht zurück!» Er rannte und rannte, doch jetzt war der Grund unter seinen Füßen nicht länger Gras, sondern Sand – tiefer, weicher Sand, in dem er versank und der ihn stolpern ließ.

Dann blockierte ein großer Mann in einem wallenden weißen Gewand seinen Weg. Der Junge reichte ihm nur bis zum Bauch, und er fühlte sich merkwürdig klein und hilflos. Er rannte um den Mann herum und zum Eingang des Labyrinths. Dort sah er gerade noch, wie Ruth in weiter Ferne lief. Sie lachte nicht mehr, sondern schrie laut und angstvoll auf, als sie hinter einer Biegung verschwand. Ihre Blicke begegneten sich ein letztes Mal. Dann war sie weg.

Plötzlich waren überall andere große Männer in weißen Gewändern. Sie hatten schwarze Bärte und drängten sich um ihn. Sie überragten ihn, blockierten seinen Weg und seine Sicht und redeten in einer Sprache auf ihn ein, die er nicht verstand. Die Augen in ihren mahagonifarbenen Gesichtern waren rund und weiß, und schwarze Zahnlücken klafften in ihren Mündern. Plötzlich packten sie ihn mit kräftigen Händen an Armen und Schultern und hielten ihn fest. Er schrie und kämpfte und wehrte sich, doch es waren mehr und mehr und mehr, und er konnte sich nicht mehr rühren…

Er hielt das Glas fest in der Hand und spürte das Brennen des Whiskeys auf der Zunge. In der Ferne, jenseits des schwarzen, wogenden, rauschenden Meeres, wurde der Horizont allmählich heller und färbte sich rot im ersten Licht der Morgendämmerung.

Er wandte sich vom Fenster ab, als er hörte, wie sich hinter ihm die Tür öffnete. «Morgen, Win», sagte er und lächelte gezwungen. «Wieso bist du schon so früh auf?»

Sie sah ihn sorgenvoll an. Ihr Blick huschte zu dem Glas in seiner Hand und der leeren Flasche auf dem Tisch hinter ihm. «Ich dachte, ich hätte Stimmen gehört. Ist alles in Ordnung, Ben?»

«Ich konnte nicht mehr schlafen.»

«Wieder die Albträume?», fragte sie mitfühlend.

Er nickte.

Winnie stieß einen Seufzer aus und nahm das alte, abgegriffene Foto hoch, das er angesehen und neben der Whiskeyflasche auf dem Tisch hatte liegenlassen. «War sie nicht wunderschön?», flüsterte die alte Haushälterin. Sie schüttelte den Kopf und biss sich auf die Lippe.

«Ich vermisse sie so sehr, Winnie. Nach all den Jahren vermisse ich sie immer noch.»

«Und du meinst, das wüsste ich nicht, Junge?», erklärte sie und sah zu ihm hoch. «Ich vermisse sie alle.» Sie legte das Foto vorsichtig wieder zurück.

Er hob das Glas an die Lippen und leerte es in einem Zug.

Winnie runzelte die Stirn. «Ben, diese Trinkerei…»

«Keine Vorträge, Winnie.»

«Ich habe noch nie ein Wort gesagt, Ben», erwiderte sie mit fester Stimme. «Aber es wird immer schlimmer. Was ist los, Ben? Seit du zurückgekommen bist von diesem Mann, bist du rastlos. Du isst nicht mehr, du hast in den vergangenen drei Nächten kaum ein Auge zugetan. Ich mache mir Sorgen um dich. Sieh dich doch an – du bist blass. Und ich weiß, dass du diese Flasche erst gestern Abend aufgemacht hast.»

Er lächelte schwach, beugte sich vor und küsste sie auf die Stirn. «Tut mir leid, wenn ich aufgebracht reagiert habe. Ich wollte dich nicht verletzen, Win. Ich weiß, wie schwierig es sein muss, mit mir zu leben.»

«Was wollte dieser Mann überhaupt von dir?»

«Fairfax?» Ben drehte sich zum Fenster, blickte hinaus auf das Meer und beobachtete, wie die aufgehende Sonne die Unterseite der Wolken mit ihrem goldenen Licht anstrahlte. «Er wollte… Er wollte, dass ich Ruth rette», sagte er und wünschte, sein Glas wäre nicht leer.

Er wartete bis kurz vor neun, dann griff er nach seinem Telefon.

«Haben Sie sich mein Angebot noch einmal überlegt?», fragte Fairfax.

«Sie haben niemand anderen gefunden?»

«Nein.»

«In diesem Fall nehme ich an.»

Kapitel 6

Oxford

Ben war zu früh für seine Verabredung in der Oxford Union Society. Wie viele andere ehemalige Studenten der Universität war er ein lebenslanges Mitglied der ehrwürdigen Institution in der Nähe von Cornmarket, die nur Mitgliedern offensteht und diesen seit Jahrhunderten als Treffpunkt und Debattierclub dient. Wie in seinen Studententagen mied er den prunkvollen Haupteingang und betrat das Gebäude von hinten. Er ging an einem McDonald’s-Restaurant vorbei und durch eine schmale Seitengasse. Am Eingang zeigte er seinen abgenutzten alten Mitgliedsausweis; danach wanderte er zum ersten Mal seit nahezu zwanzig Jahren durch die geheiligten Hallen.

Was für ein merkwürdiges Gefühl, wieder hier zu sein. Er hätte nie geglaubt, dass er je wieder den Fuß an diesen Ort setzen würde – oder auch nur in diese Stadt – angesichts all der dunklen Erinnerungen, die hier begraben lagen. Erinnerungen an einen Lebensplan und an das, was das Schicksal stattdessen für ihn auserkoren hatte.

Professor Rose war noch nicht eingetroffen, als Ben die alte Bibliothek der Oxford Union betrat. Nichts hatte sich verändert. Er blickte sich um, musterte die dunkle Holzvertäfelung an den Wänden, die Lesetische und die hohen Galerien voller ledergebundener Folianten. Eine mit kostbaren Fresken aus der Artuslegende verzierte Deckenkuppel, deren Seiten kleine Rosettenfenster aufwiesen, dominierte den prachtvollen Raum.

«Benedict!», rief eine Stimme hinter ihm. Er drehte sich um und erblickte Jonathan Rose, der stämmiger, grauer und kahler geworden war. Dennoch war es unverwechselbar der Geschichtspapst, den er seit so vielen Jahren kannte. Rose eilte ihm freudig über die gebohnerten Dielen entgegen, um ihm die Hand zu schütteln.

«Wie geht es Ihnen, Professor? Lange nicht gesehen.»

Sie setzten sich in zwei der abgewetzten ledernen Lehnsessel und ergingen sich minutenlang in Smalltalk. Für den Professor hatte sich wenig verändert – das akademische Leben in Oxford verlief mehr oder weniger genauso wie seit eh und je. «Ich muss gestehen, ich war ein wenig überrascht, nach all diesen Jahren von Ihnen zu hören, Benedict. Welchem Umstand verdanke ich dieses Vergnügen?»

Ben erklärte ihm den Anlass für seinen Besuch und beendete seine Ausführungen mit den Worten: «…und dann fiel mir ein, dass ich einen der bedeutendsten Gelehrten des Landes für alte Geschichte kenne.»

«Nennen Sie mich nur nicht einen alten Gelehrten, wie es die meisten meiner Studenten heutzutage tun», entgegnete Rose lächelnd. «Sie interessieren sich also für Alchemie, hm?» Er hob die Augenbrauen und schielte Ben über den Rand seiner Brille hinweg an. «Ich hätte nicht gedacht, dass derartige Dinge Ihre Kragenweite sind. Sie sind doch wohl nicht einer von diesen New-Age-Typen geworden, oder?»

Ben lachte. «Ich bin Schriftsteller, Professor. Ich stelle einige Nachforschungen an, das ist alles.»

«Schriftsteller? Gut, sehr gut. Was sagten Sie gleich, wie der Name dieses Mannes lautet? Fracasini?»

«Fulcanelli.»

Rose schüttelte den Kopf. «Kann nicht sagen, dass ich ihn je gehört hätte. Ich bin nicht der richtige Mann, um Ihnen weiterzuhelfen, wissen Sie? Es ist ein etwas weit hergeholtes Thema für altmodische Gelehrte wie uns, selbst in diesem Post-Harry-Potter-Zeitalter.»

Die Worte versetzten Ben einen Stich. Er hatte von Anfang an keine große Hoffnung gehegt, dass Jonathan Rose ihm viel über Fulcanelli würde erzählen können, ganz zu schweigen über ein geheimnisvolles Fulcanelli-Manuskript. Doch angesichts der wenigen Informationen war das Fehlen einer verlässlichen Quelle bitter und seine Enttäuschung riesengroß. «Können Sie mir wenigstens etwas über Alchemie im Allgemeinen erzählen?»

«Wie ich bereits sagte, es ist nicht mein Gebiet», antwortete Rose. «Ich neige im Gegenteil wie die meisten ernsthaften Gelehrten dazu, Alchemie als völligen Hokuspokus abzutun.» Er lächelte. «Auch wenn ich einräumen muss, dass nur wenige esoterische Kulte die Jahrhunderte so wohlbehalten überstanden haben. Seit den Tagen des alten Ägyptens und Chinas, durch die dunklen Jahre des Mittelalters und die Renaissance hindurch… Es ist eine Untergrundströmung, die während der gesamten Geschichte immer wieder auftaucht.» Der Professor lehnte sich in seinem Ledersessel zurück, während er sprach, und nahm die ihm eigene, zur zweiten Natur gewordene Lehrerpose ein. «Und das, obwohl der Himmel allein weiß, was sie eigentlich verfolgt – oder zu verfolgen glaubt. Die Verwandlung von Blei in Gold, meine Güte, oder die Erschaffung magischer Elixiere, Lebenstränke und der ganze Rest.»

«Ich entnehme Ihren Worten, dass Sie nicht an die Möglichkeit eines alchemistischen Elixiers glauben, das imstande ist, Kranke zu heilen?»

Rose runzelte die Stirn. Er bemerkte Bens Gesichtsausdruck und fragte sich, worauf sein einstiger Schüler hinauswollte. «Ich denke, wenn die Alchemie ein Elixier gegen die Pest und die Pocken, gegen Cholera, Typhus und all die anderen Krankheiten entwickelt hätte, die uns im Verlauf der Geschichte immer wieder heimgesucht haben, so würden wir davon wissen.» Er zuckte die Schultern. «Das Problem ist – es ist alles rein spekulativ. Niemand weiß wirklich, was die Alchemisten entdeckt haben könnten. Die Alchemie ist berüchtigt für ihre Unergründlichkeit. All diese Mantel-und-Degen-Geschichten, die geheimen Bruderschaften, Rätsel und Codes und das angebliche geheime Wissen… Ich persönlich denke, dass nicht viel dahintersteckt oder gesteckt hat.»

«Und warum dann die Verschleierung?», fragte Ben. Er musste an die Literatur denken, die er in den vergangenen Tagen studiert hatte, an die Suche im Internet nach Schlagworten wie «altes Wissen» und «Geheimnisse der Alchemie», an die zahllosen esoterischen Webseiten, die er durchgegangen war. Er hatte eine Vielzahl von alchemistischen Schriften entdeckt, angefangen in der heutigen Zeit und bis zurück ins vierzehnte Jahrhundert. Sie alle hatten eines gemeinsam: die verwirrende und bombastische Sprache. Und natürlich hatten sie alle die gleiche dunkle Aura des Geheimnisvollen. Ben war nicht imstande gewesen, zu unterscheiden, wie viel davon echt war und wie viel esoterisches Getue, das den gutgläubigen Anhängern gefallen sollte, die die Alchemie im Verlauf der Jahrhunderte angezogen hatte.

«Wenn ich zynisch sein wollte, würde ich sagen: weil es nichts gab, das sich zu enthüllen lohnte», antwortete Rose grinsend. «Aber wir dürfen nicht vergessen, dass die Alchemisten mächtige Feinde hatten; und ihre Besessenheit von der Geheimhaltung diente teilweise vielleicht auch reinem Selbstschutz.»

«Vor wem?»

«Auf der einen Seite waren die Spekulanten und Haie, die versuchten, das Wissen der Alchemisten für ihre Zwecke auszubeuten», erzählte Rose. «Es kam immer wieder vor, dass der eine oder andere glücklose Alchemist entführt wurde, der zu laut mit seiner Kunst geprahlt hatte, Gold herstellen zu können, und unter der Folter gezwungen wurde, zu verraten, wie man es machte. Und wenn er es nicht sagen konnte – was natürlich stets der Fall war–, dann landete er meist mit einem Strick um den Hals am nächsten Ast.» Der Professor hielt kurz inne. «Doch ihr wahrer Feind war die Kirche, insbesondere in Europa, wo man Alchemisten jahrhundertelang als Häretiker und Hexenmeister verbrannte. Sehen Sie nur, was die katholische Inquisition im mittelalterlichen Frankreich mit den Katharern angestellt hat – auf direkten Befehl von Papst InnozenzIII. Sie nannten die Auslöschung eines ganzen Volkes ‹das Werk Gottes›. Heutzutage nennen wir so etwas Genozid.»

«Ich habe von den Katharern gehört», sagte Ben. «Können Sie mir mehr erzählen?»

Rose setzte seine Brille ab und polierte sie mit der Spitze seiner Krawatte. «Es ist eine grauenhafte Geschichte. Die Katharer waren eine verbreitete religiöse Bewegung im Mittelalter, hauptsächlich in der Gegend des heutigen Languedoc im Süden von Frankreich. Ihr Name leitet sich vom griechischen katharós ab und bedeutet ‹die Reinen›. Ihr Glaube war ein wenig radikal in der Hinsicht, dass sie Gott als eine Art kosmisches Prinzip der Liebe betrachteten. Sie maßen Christus keine große Bedeutung bei, und viele von ihnen glaubten nicht einmal, dass er existiert hatte. Ihrer Vorstellung nach war Christus, selbst wenn er existiert hatte, ganz bestimmt nicht der Sohn Gottes gewesen. Die Katharer glaubten, dass alle Materie grundsätzlich primitiv und verdorben sei, und das schloss die Menschheit ein. Für die Katharer war religiöse Frömmigkeit ein Weg, die grundlegende Materie zu perfektionieren und zu spiritualisieren in dem Bemühen, Einheit mit dem Göttlichen zu erlangen.»

Ben lächelte. «Ich kann verstehen, dass diese Ansichten die Orthodoxie nicht wenig beunruhigt haben.»

«Absolut», pflichtete Rose ihm bei. «Die Katharer hatten im Grunde genommen einen Freistaat geschaffen, den die Kirche nicht zu kontrollieren vermochte. Schlimmer noch, sie predigten offen und unverhohlen Ideen, die dazu geeignet waren, die Glaubwürdigkeit und Autorität der Kirche ernsthaft zu unterminieren.»

«Waren die Katharer Alchemisten?», fragte Ben. «Was Sie da über die Perfektionierung der Materie gesagt haben, klingt ganz danach.»

«Ich glaube nicht, dass irgendjemand imstande ist, diese Frage mit Bestimmtheit zu beantworten», erwiderte Rose. «Als Historiker würde ich mich bestimmt nicht so weit aus dem Fenster lehnen. Aber Sie haben ganz recht, Benedict. Das alchemistische Konzept der Reinigung von primitiver Materie, um etwas Vollkommeneres, Unzerstörbares zu erhalten, steht durchaus im Einklang mit den Überzeugungen der Katharer. Wir werden die Wahrheit nie erfahren. Leider. Die Katharer haben nicht lange genug überlebt, um ihre Geschichte weiterzugeben.»

«Was wurde aus ihnen?»

«Auf den Punkt gebracht: Massenvernichtung», antwortete Rose. «Als Papst InnozenzIII. im Jahre 1198 gewählt wurde, verschaffte ihm die angebliche Häresie der Katharer eine wunderbare Ausrede, um die Macht der Kirche auszudehnen und zu festigen. Zehn Jahre später stellte er eine gewaltige Armee aus Rittern zusammen – die größte, die Europa zur damaligen Zeit je gesehen hatte. Es waren allesamt hartgesottene Söldner, von denen viele schon im Heiligen Land gekämpft hatten. Unter dem Befehl des ehemaligen Kreuzritters Simon de Montfort, der außerdem Earl of Leicester war, eroberte diese Streitmacht das Languedoc. Eine nach der anderen wurde jede Stadt, jede Ortschaft und jede Festung eingenommen, die auch nur entfernt etwas mit den Katharern zu tun hatte, und die Bewohner wurden ohne Ausnahme massakriert. De Montfort wurde berühmt als glaive de l’église.»

«Schwert der Kirche», übersetzte Ben.

Rose nickte. «Und er meinte es ernst. Die Berichte der damaligen Zeit sprechen von zigtausend Männern, Frauen und Kindern, die allein in Béziers ermordet wurden. Im Verlauf der nächsten paar Jahre fegte die Armee des Papstes über die gesamte Region. Sie vernichtete alles, was in ihrem Weg lag, und wer nicht durch das Schwert starb, wurde bei lebendigem Leib verbrannt. In Lavaur warf man im Jahre 1211 vierhundert katharische Häretiker auf einen riesigen Scheiterhaufen.»

«Nett», merkte Ben an.

«Es war eine schlimme Geschichte», fuhr Jonathan Rose fort. «Und während dieser Zeit entstand die Inquisition der katholischen Kirche, ein neuer bürokratischer Apparat, um den Ungeheuerlichkeiten der Armee mehr Autorität zu verleihen. Die Inquisitoren leiteten Verhöre, Folterungen und Hinrichtungen. Sie waren dem Papst direkt unterstellt und niemandem sonst Rechenschaft schuldig. Ihre Macht war absolut. Irgendwann im Jahre 1242 agierten die Inquisitoren so blutrünstig, dass sich in einem Ort namens Avignonet eine Abteilung entsetzter Ritter gegen sie erhob und eine ganze Gruppe von ihnen erschlug. Selbstverständlich wurde die Rebellion der Ritter rasch niedergeschlagen. Dann schließlich, 1243, nachdem der Widerstand der Katharer weit länger ausgehalten hatte, als von irgendjemandem erwartet worden war, beschloss der Papst, sie ein für alle Mal auszurotten. Achttausend Ritter belagerten die letzte Festung der Katharer auf dem Berg von Montségur. Sie schleuderten mit ihren Katapulten zehn Monate lang gewaltige Felsbrocken gegen die Wälle und Mauern, ohne dass es ihnen gelungen wäre, die Festung niederzuringen. Das Ende kam schließlich, als die Katharer verraten wurden. Nach ihrer Aufgabe wurden zweihundert von ihnen vor die Inquisitoren gebracht und bei lebendigem Leib auf einem Scheiterhaufen verbrannt. Das war mehr oder weniger das Ende. Das Ende eines der skandalösesten Völkermorde aller Zeiten.»

«Ich verstehe. Alchemistische Häresie war ein riskantes Unterfangen», sagte Ben.

«Das ist es in gewisser Hinsicht immer noch», erklärte Rose scherzhaft.

Ben sah ihn überrascht an. «In welcher Hinsicht?»

Der Professor warf den Kopf in den Nacken und lachte. «Ich meine damit nicht, dass sie immer noch in der Öffentlichkeit ihre häretischen Bräuche ausüben. Ich dachte eher an die Gefahr für Menschen wie mich selbst, für Akademiker und Wissenschaftler. Der Grund, warum niemand dieses Thema auch nur mit einer Kneifzange anrühren mag, ist ganz einfach: Man kommt in den Ruf, ein Verrückter zu sein. Es kommt immer wieder vor, dass irgendjemand einen Biss in den verbotenen Apfel wagt, und es endet regelmäßig damit, dass sein Kopf rollt. Es ist noch gar nicht so lange Zeit her, dass irgend so eine arme Sau deswegen rausgeschmissen wurde.»

«Was ist passiert?»

«Es war an der Pariser Universität. Eine amerikanische Biologieprofessorin bekam Probleme wegen unautorisierter Forschungsarbeiten…»

«Über Alchemie?»

«Etwas in der Art, ja. Sie hat ein paar Artikel veröffentlicht, die anscheinend einigen Leuten sauer aufgestoßen sind.»

«Wer war diese Amerikanerin?», hakte Ben nach.

«Ich versuche mich gerade zu erinnern», antwortete Rose. «Eine Dr.Roper… nein, Ryder. Ja, so hieß sie. Dr.Ryder. Es gab ihretwegen einen großen Wirbel in der akademischen Welt. Die Geschichte wurde sogar im French Medieval Society Bulletin erwähnt. Anscheinend hat Dr.Ryder ein Universitätstribunal angerufen, um gegen ihre unberechtigte Entlassung zu klagen. Es hat ihr nichts genützt. Wie ich bereits sagte, wenn man erst als Irrer gebrandmarkt ist, beginnt eine regelrechte Hexenjagd.»

«Dr.Ryder in Paris», sagte Ben und notierte sich den Namen.

«Ich habe einen ausführlichen Artikel über die Geschichte in einer älteren Ausgabe der Scientific American gelesen, die seit Wochen im Gemeinschaftsraum des Colleges herumliegt. Wenn ich nachher dorthin gehe, suche ich Ihnen den Artikel raus und rufe Sie an. Vielleicht gibt es eine Telefonnummer, unter der man Ryder erreichen kann.»

«Danke. Gut möglich, dass ich dieser Spur nachgehe.»

«Oh…», entfuhr es Rose. «Mir kommt gerade noch ein Gedanke. Wenn Sie nach Paris fahren, gibt es eine weitere Person, mit der Sie unbedingt reden sollten, einen Mann namens Maurice Loriot. Er ist ein bedeutender Verleger, fasziniert von allen möglichen esoterischen Themen; und er publiziert eine Menge von diesem Zeug. Er ist ein guter Freund von mir… Hier ist seine Karte. Wenn Sie ihn treffen, bestellen Sie ihm einen schönen Gruß von mir.»

Ben nahm die Karte. «Danke. Mache ich. Und geben Sie mir die Nummer von dieser Dr.Ryder, wenn Sie sie finden. Ich würde sie wirklich zu gerne sprechen.»

Sie verabschiedeten sich mit einem freundschaftlichen Händedruck. «Viel Glück bei Ihren Nachforschungen, Benedict», sagte Professor Rose. «Und lassen Sie sich nicht wieder zwanzig Jahre Zeit bis zu Ihrem nächsten Besuch.»

Weit entfernt unterhielten sich zwei Stimmen am Telefon.

«Sein Name ist Hope», wiederholte eine der beiden Stimmen. «Benedict Hope.» Der Mann redete in einem gehetzten, verstohlenen Tonfall, leicht gedämpft, als würde er die Hand über den Hörer halten, damit niemand seine Worte hören konnte.

«Keine Sorge», sagte die andere Stimme. Es war eine italienische, und sie klang zuversichtlich und gelassen. «Wir werden uns genauso um ihn kümmern, wie wir uns um die anderen von seiner Sorte gekümmert haben.»

«Sehen Sie, das ist genau das Problem», zischte die erste Stimme. «Benedict Hope ist nicht wie die anderen. Ich fürchte, er kann uns eine Menge Scherereien machen.»

Eine Pause. Dann: «Halten Sie mich auf dem Laufenden. Wir kümmern uns darum.»

Kapitel 7

Rom, Italien

Der große Mann blätterte durch eine alte Ausgabe von Scientific American, bis er die gekennzeichnete Seite erreichte. Der Artikel, nach dem er suchte, war überschrieben mit Mittelalterliche Quantenphysik. Die Autorin war Dr.Roberta Ryder, eine amerikanische Biologin, die in Paris arbeitete. Er kannte die wissenschaftliche Abhandlung zwar bereits, doch wegen der Berichte, die er im Verlauf der vergangenen Tage erhalten hatte, betrachtete er ihn nun in einem ganz neuen Licht.

Beim ersten Lesen von Dr.Ryders Artikel hatte er zufrieden registriert, wie die Herausgeber des Magazins ihre Arbeit angegriffen hatten. Sie hatten die Abhandlung in Stücke gerissen und das gesamte Editorial verwendet, um alles, was Ryder behauptete, in Misskredit zu ziehen und der Lächerlichkeit preiszugeben. Sie waren nicht einmal davor zurückgeschreckt, die Wissenschaftlerin auf der Titelseite zu verspotten. Es war ein unverhohlener Verriss. Doch was sonst sollte man mit einer einst gefeierten, mit Preisen ausgezeichneten jungen Wissenschaftlerin anfangen, die plötzlich wilde und haltlose Behauptungen über etwas derart Absurdes wie die Alchemie aufstellte? Das akademische Establishment konnte eine radikale Meinung wie diese nicht tolerieren, geschweige denn eine Kollegin, die verlangte, alchemistische Forschung ernst zu nehmen und ordentlich zu finanzieren. Sie behauptete sogar, der weitverbreitete Ruf der Quacksalberei wäre unverdient und möglicherweise sogar Ergebnis einer Verschwörung. Darüber hinaus glaubte sie, die Alchemie würde eines Tages die moderne Physik und die Biologie revolutionieren.

Der große Mann hatte den weiteren Werdegang der Wissenschaftlerin seit jenem Artikel verfolgt und zufrieden zur Kenntnis genommen, wie ihre Karriere abgestürzt war. Ryder war gründlich in Verruf geraten. Die wissenschaftliche Welt hatte ihr den Rücken zugewandt und sie quasi exkommuniziert. Sie hatte ihre Anstellung an der Universität verloren. Als er damals die Neuigkeit erfahren hatte, war er außer sich gewesen vor Freude.

Jetzt hingegen war er gar nicht mehr so erfreut. Tatsächlich war er wütend, stinkwütend sogar; zudem fühlte er sich nervös und verunsichert.

Diese verdammte Frau ließ nicht locker. Angesichts zahlreicher Widrigkeiten zeigte sie eine unerwartete Zähigkeit und Härte. Trotz der allgemeinen Geringschätzung, die sie von Kollegen und Zeitgenossen erfuhr – und obwohl ihre finanziellen Mittel zur Neige gingen–, setzte sie ihre privaten Forschungen unbeirrt fort. Und jetzt meldete seine Quelle, dass ihr ein Durchbruch gelungen war. Nicht unbedingt ein großer Durchbruch, doch immerhin einer, der groß genug war, um ihn zu beunruhigen.

Sehr clever, diese Dr.Ryder, keine Frage. Gefährlich clever. Sie erwirtschaftete mit ihrem denkbar bescheidenen Budget bessere Resultate als er mit seinem gut ausgestatteten, hochbezahlten Team von Experten. Er durfte nicht zulassen, dass sie so weitermachte. Was, wenn sie zu viel herausfand? Er musste sie aufhalten.

Kapitel 8

Paris

Wenn die Wahl der Dinge, die eine Person in einem schwerbewachten Bankschließfach aufbewahrte, etwas über ihre Prioritäten aussagte, dann war Ben Hope ein Mann mit einer sehr simplen Lebensauffassung.

Sein Schließfach in der Banque Nationale de Paris war praktisch identisch mit denen, die er in London, Mailand, Madrid, Berlin und Prag unterhielt.

Sie alle enthielten lediglich zwei Sachen. Bei der ersten gab es lediglich Unterschiede in der Währung. Die Summe war stets die gleiche – genug, um ihm auch für längere Zeit uneingeschränkte Beweglichkeit im jeweiligen Land zu ermöglichen. Hotels, Transportmittel und Informationsbeschaffung waren seine größten Ausgabeposten. Es war schwer vorherzusagen, wie viel Zeit er wegen seines derzeitigen Jobs in Frankreich würde verbringen müssen. Während die Männer vom Sicherheitsdienst draußen vor dem abgeschlossenen Raum standen, öffnete er die Kassette und nahm etwa die Hälfte der ordentlich gebündelten Euro-Scheine heraus, um sie in seinem alten Army-Seesack zu verstauen.

Die zweite Sache, die Ben im Herzen jenes halben Dutzends großer europäischer Banken aufbewahrte, war stets gleich. Er zog das obere Fach mit den restlichen Geldscheinen aus der Kassette heraus und legte es auf den Tisch. Dann nahm er die Pistole, die unter dem Schubfach zum Vorschein gekommen war.

Der Browning Hi-Power GP35 9mm Semiautomatik war ein altes Modell, das die meisten Organisationen inzwischen durch moderne SIG-, HK- oder Glock-Combat-Pistolen mit viel Plastik ersetzt hatten. Doch bei dem Browning handelte es sich um eine in vielen Jahren erprobte Waffe. Sie war extrem zuverlässig, die Konstruktion einfach und robust und die Feuer- sowie Durchschlagskraft ausreichend, um jeden Angreifer zu stoppen. Das Magazin enthielt dreizehn Patronen, zudem gab es noch eine in der Kammer – genug, um mehr oder weniger jede bedrohliche Situation rasch zu beenden. Ben benutzte den Browning fast sein halbes Leben lang, und er passte ihm wie ein alter Handschuh.

Die Frage war: Sollte er sie in der Bank lassen oder lieber mitnehmen? Es galt, das Für und Wider abzuwägen. Dafür sprach die Tatsache, dass es in seinem Job nur eine Sache gab, die vorhersehbar war – nämlich die vollkommene Unvorhersehbarkeit. Der Browning verschaffte ihm eine gewisse Sicherheit und inneren Frieden, und das war eine Menge wert. Dagegen sprach, dass immer ein gewisses Risiko darin bestand, eine unregistrierte Waffe versteckt durch die Gegend zu tragen. Man musste besonders vorsichtig sein bei allem, was man anfing. Ein einziger übereifriger Bulle, der auf die Idee kam, ihn zu durchsuchen