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Die Gesamtausgabe ausgewählter Gedichte von Marius Nam aus den Jahren 1990 - 2010 enthält die folgenden Sammlungen: - Gedichte von der Weisheit - Gedichte vom Reisen - Gedichte von Begegnungen - Gedichte von der Zeit - Gedichte vom Werden - Gedichte von der Liebe - vierundzwanzig Gedichte
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Seitenzahl: 172
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Für meine Eltern
Wenn Gedichte dir gefallen,
hast du Wertvolles gefunden,
denn dann strömt durch deine Hallen
Zauberkraft lebendger Stunden!
Gedichte von der Weisheit
Gedichte vom Reisen
Gedichte von Begegnungen
Gedichte von der Zeit
Gedichte vom Werden
Gedichte von der Liebe
vierundzwanzig Gedichte
Sprachen
Erkenntnis
Entwicklung
Begehren
Freiheit
Genuß
Gemeinschaft
Liebe
Mein Liedchen
Hörst du, wenn ich zu dir spreche,
welche Sprache soll ich wählen?
Durch das, was ich radebreche,
will sich dir mein Denken schälen.
Sprech ich doch so viele Zungen,
daß es schwer ist, die zu finden,
welche so mein Liedchen summen,
daß dich diese Töne binden.
Nun seh ich dich innig lauschen
mit andächtigem Gepräge,
doch wer sagt mir, ob das Rauschen
meiner Worte dich bewege?
Dieser Zweifel macht mich leiden,
und ich will das Wort verfluchen,
soll ich’s nutzen oder meiden?
Neue Rede muβ ich suchen!
Und dann formen meine Lippen
stummes Wort, das niemand höret,
und du lauschst, beginnst zu nippen
an dem Kuß, der dich beschwöret!
Bewahrung
In des Regens sanftem Fallen
künden sich mir alte Lieder,
Klänge, die schon längst verhallen,
nun erzählen sie sich wieder.
Sprechen von dem Fluß, dem langen,
der sich tief ins Meer ergießet,
das in Nebeldunst gefangen
zu mir wandert und mich grüßet.
Sprechen von den Wolkenfesten,
die der Eifer nie erreichet,
und von kleinen Perlenschätzen,
denen keine Perle gleichet.
Alte Lieder, wohl verwahret,
in des Tropfens Form geboren,
stetes Spiel, das mich ermahnet:
Dieser Klang geht nie verloren!
Vom Sprechen
Wir sprechen immerzu und sind betroffen,
von dem, was andre sagen oder meinen,
sprechen mit Händen, Küssen, einem Weinen,
und unser Reden ist ein sehnsuchtsvolles Hoffen,
mit einer andern Seele einmal uns zu einen.
Ein Hoffen, eine Sehnsucht, das zu sagen,
dem wir uns mühen, Ausdruck zu verleihen,
durch das Gedicht, die Geste, das Bezeihen
die Kräfte, die machtvoll an unsre Wände schlagen,
durch eine Öffnung sich befreiend zu befreien.
Ein Hoffen nur, da wir es niemals wissen,
ob die Bedeutung, die wir einem Laute schenken,
dieselbe ist, die wir in ein Verstehen senken,
ob unser Tasten, Lachen, Halten, Küssen
vermag, die Quelle hin zu einem Born zu lenken.
Wir schreiben Briefe, um dies Hoffen anuzeigen,
Briefe, die schwer in unsern Taschen liegen,
die wir wie eine Last in unsern Händen wiegen,
nocheinmal überfliegen und nocheinmal schreiben,
bis sie, verbrennend, über unsern Zweifel siegen.
Denn jedes Wort will sich in mancher Deutung brechen,
und jene sind verstanden, die am besten munden,
was wir verschweigen wollen, müssen wir bekunden,
ein Kuß kann bald Verrat sein, bald Versprechen,
und wo wir trösten wollen, werden wir verwunden.
Und weil wir sprechen wolln, beginnen wir zu schweigen,
doch auch das Schweigen mag uns keinen Trost verschaffen,
denn mit dem ersten Laut ward das Gespräch erschaffen,
und auch im Schweigen will sich die Bedeutung zeigen,
bis unser Drang beginnt, im Selbstgespräche zu erschlaffen.
Und wir beginnen, selbst uns zu erkennen,
da wir entäußernd vor uns treten,
wir uns befragen, ob es schuldig sei, zu reden,
und wenn wir leise einen Namen nennen,
so tun wir's ganz für uns, wie um zu beten.
Ikarus
Wie mühen wir uns, eifernd vorzudringen
zu einem Himmel fern veborgner Sonnen,
durch eine Nacht hinauf zu jenen Dingen,
die uns als Höchstes Heiligstes und Hehrstes frommen!
Die Fernen werden wir niemals bezwingen,
zu Boden zerrt uns schon die eigne Schwere,
denn in der Morgenglut erlahmen unsre Schwingen,
und unsern Sturz empfängt die alte Erde.
Durchschreiten
Nun, da du alleine wandelst,
faßt Unendlichkeit dich wieder,
und du grübelst, dichtest, handelst,
ringst die langen Stunden nieder.
Offne Zeit bestimmt dein Ringen
und die Angst beginnt zu reifen,
willst ein Ding sein unter Dingen
und das Endliche begreifen.
Doch kein Mund berührt den deinen,
keine Hand entführt dein Denken,
und du sinkst ins Weltvermeinen,
um dir selbst die Welt zu schenken.
Du erforschst die tiefsten Tiefen
und entfaltest alle Falten,
findest Wunder, die noch schliefen,
hältst sie, um dich festzuhalten.
Doch du findest keine Stille,
kannst die Wunder nur verstehen,
greifst vergeblich nach der Fülle,
bist ein Kind, das lernt, zu sehen.
Verborgenes Wissen
Da wir um Erkenntnis ringen
fassen wir des Lebens Fülle,
doch von den befragten Dingen
sehn wir nur die äußre Hülle!
Letzte Frage
Welchen Namen soll ich nennen,
daß mein Fragen Ruhe findet?
Gabst du dich mir zu erkennen?
Kennt ich dich und ward erblindet,
Quell, in den mein Fragen mündet?
Glaub ich manchmal zu verstehen,
was das Schicksal sich erdenket,
meine Schritte selbst zu gehen,
zu verstehen, wer sie lenket
und wer mir die Einsicht schenket.
Doch die Einsicht währt nicht lange,
wie sie kommt ist sie geschwunden,
sehe, daß ich Grillen fange,
wo ich meint, ich hätt gefunden
und bedaure diese Stunden.
So verstreicht des Lebens Dauer,
unsre Dummheit wir beklagen,
denn wir werden niemals schlauer,
und zuletzt, nach allen Plagen,
stellen wir dieselben Fragen.
Vom Wachsen
Schon als Kind warst du im Glauben,
keiner könnte an dich reichen,
keiner dürfte sich erlauben,
sich mit dir nur zu vergleichen.
Denn du fühltest, in dir schlummert
so ein Schatz, der noch verborgen,
ein Talent, das unbekümmert
seinen Tag sucht, seinen Morgen.
Dieser Stolz war unverletzlich,
von Bescheidenheit getragen,
wer sich dünket unersetzlich,
mag durch sein Bedecken ragen.
Immer wolltest du erlangen
deines höchsten Zieles Klärung,
war dein Hoffen und dein Bangen
deines Wesens stete Mehrung.
Wolltest allen Zweifel enden,
alles Wissen in dir schmelzen,
endlich alle Rätsel wenden,
die die Menschen ewig wälzen.
Zeichen wolltest du erfinden,
die wie Feuer sollten brennen,
tief Geheimnisse durchdringen
und die letzten Namen kennen.
Nach der Zeit, die du verloren
an vergebliche Gebärden,
siehst du ein, du bist erkoren
einzusehn des Zweifels Werden.
Und dir dünkt, daß es dich schmücket,
diese Einsicht zuzulassen,
bist von dir zutiefst entzücket,
wie ein Kind, das schon erwachsen!
Vom Verlangen
Sagte man dir auch beizeiten,
alles könne man nicht haben,
müßtest durch die Mitte schreiten,
zu des Ausgleichs holden Gaben?
Müßtest Kompromisse schließen
und im Warten dich gedulden,
die Bescheidenheit genießen,
aufrichtig und ohne Schulden.
Und du wolltest widersprechen,
denn es regte sich dein Zweifel,
doch du schwiegst, um nicht zu brechen,
machtest deinen Wunsch zum Teufel.
Du verachtetest das Kleine,
Mittelmaß war dir zuwider,
doch du wohntest in dem Scheine,
kämpftest deine Sehnsucht nieder.
Bis nach Jahren dein Verlangen
einmal wagt, sich zu befreien,
war zu lange schon gefangen,
nun hörst du es jauchzen, schreien.
Und erkennst aus diesem Zeichen
eine Ahnung, die sich kläret:
Suchst du nicht ganz hoch zu reichen,
ist die Mitte schon verwehret!
Alter und Reife
Wird der Wein, der gute, älter,
nimmt er zu an Reife, Schwere,
ruht, damit er sich noch kläre,
Geist und Körper, weiß der Kelter.
Alte Fresken, mit den Jahren,
Patina erst macht sie teuer,
weckt die Andacht, durch den Schleier
ein Geheimnis zu bewahren.
Von Planeten, die da kreisen,
nur das Licht scheint durch Äonen,
um nach tausend Jahrmillionen
noch ihr Dasein zu beweisen.
Ins unendlich Große, Kleine,
strebt das Denken, ist beflissen,
will berechnen, ordnen, wissen,
hält sich an die Eins, das Eine.
Nicht verändern sich die Zeiten,
nur die Uhren werden leiser,
du wirst reifer, teurer, weiser,
weitest dich und läßt dich weiten,
Wichtige Einsicht
Vieles magst du dir erdenken,
was die Wirklichkeit nicht findet,
denn das Schicksal wird dich lenken,
wie es dich ans Leben bindet.
Träumen magst du, grübeln, wägen,
in die Zukunft willst du sehen,
von den ungezählten Wegen
kannst du nur den einen gehen.
Magst ihn suchen und betreten,
diesen Teil kannst du erbringen,
und dann magst du fluchen, beten
und ums Heiterbleiben ringen!
Vom Spielen
Kennst du auch dies stete Ringen,
dieses Ziel nur zu erreichen,
nichts hat Wert von andern Dingen,
und die Sehnsucht will nicht weichen?
Wie ein Süchtiger im Spiele
kannst du die Idee nicht lassen,
siehst dein Glück in einem Ziele
und kannst keine andern fassen.
Jeden Einsatz mußt du geben,
jedes Opfer macht dich weicher,
gib nur mehr, als du vergeben,
und am Ende wirst du reicher.
Manchmal glaubst du, daß sich wende
deines Glückes strenge Bahnen,
du gewinnst gar eine Spende
und willst darin Reichtum ahnen.
Und du hoffst in jeder Runde,
daß sich dir das Schicksal zeige,
doch vernimmst du nur die Kunde
deiner Mittel rascher Neige.
Wenn nach einer Zeit des Quälens
deine Kräfte dann verflossen,
wunderst du dich ob des Fehlens,
und die Wut ersetzt dein Hoffen.
Und du fragst dich, wie es kommet,
daß dich die Idee gebunden,
schwörst ihr ab, weil es so frommet,
bis ein neues Spiel gefunden.
Chinesische Weisheit
Ich rate dir, nicht Kleider aus Gold zu begehren,
sondern die Tage der Jugend zu ehren.
Wenn Blüten reifen, muß man sie pflücken,
um nicht sich vergebens nach Stielen zu bücken.
Verletzlichkeit
Und du muβt lernen, selbst dich zu besiegen,
denn deine Wünsche werden sich verkehren,
dir bleibt versagt, was dich erfüllt mit brennendem Begehren,
und was dich achtlos läßt, das wirst du kriegen,
und niemand wird dich je die Gründe lehren!
Außer du selbst. Denn die Gesetze lernst du immer wieder:
daß Leiden leichter werden, wie sie dich beschwerten;
und niemand als du selbst kann dich bewerten;
daß jeder Sieg bequemer macht und macht dich müder;
und jede Niederlage wird dich stärken, härten!
Nur darf sich Härte nicht der Hartheit beugen,
muß Festigkeit bedeuten, die dir Halt verschafft,
und deine Nachsicht, Milde, Güte sind die Kraft,
die deine Weisheit immerzu bezeugen,
denn sie sind dauerhaft, da deine Trauer bald erschlafft.
So wird dein Leben einst sich klären,
worin du trankst, um deine Mitte fließen,
und wirst du wissend diesen Ort genießen,
wo du zuhause bist und kannst dich mehren
und kannst dich weiten und umfassen und entleeren.
Denn wird nicht alles einmal dir genommen?
Du warst ein Kind, hobst aus dem Sand die herrlichsten Paläste,
und dann beweintest du die böswillig geschaffnen Reste
und wolltest sterben, weil du etwas nicht bekommen,
das dir mehr wert erschien als alles andre Beste.
Und hast so viel geopfert diesem unnachgiebgem Gotte,
um seine Liebe, seine Güte zu erlangen,
dich aufgezehrt an deinem Hoffen, deinem Bangen,
und fühlst dich nun betrogen und gestraft vom Spotte,
und mühst dich aufzustehen und noch einmal anzufangen.
Und blickst auf den, dem sich kein Glück versagte
und fragst Warum? warum bin ich der eine,
der Gold verliert und ich gewinn nur immer Steine,
siehst nicht den andern, der wie du sich fragte,
weil ihm sein Schicksal Unglück schien gegen das deine,
*
Nur solche Weisheit kann ich dir erzählen
und muß mich selbst dafür verachten,
denn diese Klugheit will nach Ausgleich trachten
und will den Schmerzen einen Sinn erwählen,
schenkt schweren Wein ein denen, die nach Wasser schmachten.
Oh, wie ich hasse, die, die dich verletzen,
die es vermögen, traurig dich zu stimmen,
dich weinen machen, bis die Augen dir verschwimmen,
mit deinen Tränen ihre Eitelkeit benetzen!
Und müßt mein Haß nicht bei mir selbst beginnen?
Muß ich das Leben hassen, das mich dir verbindet,
nur weil mein Hoffen in Entbehrung mündet,
weil mein Begehren immer neuen Durst entzündet,
und weil mein Kopf eine Gerechtigkeit erfindet,
die Gleichheit ist und nicht im Leben gründet?
Denn gleich ist nichts in unseren Naturen,
es sei denn, daß wir es erst gleicher machten,
durch unser Urteil es verstümmeln und verachten,
und jede dieser einzigen lebendgen Spuren
würde geordnet nur zu einer ausgedachten.
Doch macht der Schmerz uns jede Einsicht schwerer,
und unser Leid will von Vernunft nichts wissen,
durch die wir selbst uns wieder ordnen müssen.
Wir streben weg von uns und werden leerer
und wollen unsern Schmerz nicht einmal missen.
Könnt ich dich trösten, wäre viel gewonnen,
könnt mich dein liebes Lachen doch bescheinen,
ich würde lachend mich mit ihm vereinen,
doch ich steh neben dir, bin wie benommen,
seh weinend dein Gesicht und möchte weinen.
Und könnt ich dich in einen Schlaf einwiegen,
der deine Fröhlichkeit erneuert und erweckt,
der deinen müden Kopf mit Leichtigkeit bedeckt,
ich wollte unauffällig bei dir liegen,
und dich bewachen, daß nichts deinen Schlaf erschreckt!
*
So lernen wir und macht kein Wissen reicher,
macht keine Weisheit weis und keine Klugheit schlauer,
wir fühlen jeden Schmerz noch tiefer und genauer,
denn jede Niederlage macht zerbrechlicher und weicher,
und nur die Müdigkeit ist stärker als die Trauer.
Selige Sehnsucht
Sagt es niemand, keinem Wesen,
alles Leben ist vergänglich,
was du dir zum Ziel erlesen
ist dem Sterben doch empfänglich.
Wenn du tief des Nachts beim Lichte
über deinen Versen brütest,
überlasten dich Gewichte,
die du in Gedichten hütest.
Keine Last kann dich erdrücken,
denn ein Ziel lockt in der Ferne,
und du siehst es näher rücken,
göttliche Gedankenschwärme.
Plötzlich sinkt dein Kopf in Schwere,
deine Feder harrt in Stille,
und du nimmst aus dieser Leere,
daβ dich Endlichkeit erfülle.
Endlich senkt auf deine Lider
sich der Schlaf und deckt die Wunden,
und nach nichtgezählten Stunden
weckt dich Morgensonne wieder.
Zarte Wärme auf den Wangen
weiß dich wohlig zu umweben,
und ein gänzlich neu Verlangen
heißt dich Leben, nicht mehr Streben!
Plötzlich liest du nicht mehr Zeichen,
die dir kaum die Welt verschönen,
sondern siehst mit reichen Augen
wie Musik, die Welt in Tönen!
Kaum ein Kleintier kannst du fassen,
du erstaunst vor jedem Steine,
kannst vom Halme nicht mehr lassen
und begibst dich so ins Kleine.
Und solang du das nicht hast,
dieses Glück im Kleinen,
zehrt an dir die Nimmerrast,
sollst du klagen, weinen!
Das Warten
Und immer wieder zwingt das Leben dich, zu warten,
weil nur Erwartungen dir Zukunft geben.
Du wählst das Spiel, jedoch ein andrer mischt die Karten,
Und mancher wartet auch sein ganzes Leben.
Wünsche
Sag, dürfen wir nicht mehr wünschen,
da Wünsche ihr Wirken lähmen?
Oder müssen wir lernen
Wünsche als Wünsche zu nehmen?
Wäre es besser zu beten,
betend den Tag zu bewachen?
Und wenn wir nicht wünschen:
Sag, dürfen wir lachen?
Enigma
Was wir ersehnen, aber nicht haben,
es schillert in den verlockendsten Farben,
und seine unnütze Zier
erfüllt uns mit Gier.
Doch wenn dann das Wunder geschieht,
und wir erringen, was ewig uns flieht,
finden wir in unsern Händen,
wie wir’s auch wenden,
Steine statt Perlen,
tönerne Scherben,
auf denen wir verwundert lesen:
Sie hat ein zweifach verborgenes Wesen,
die Art, wie du die Sehnsucht stillst.
Was du bekommst, ist nicht, was du willst!
Falke
Deine Flügel sind gebunden,
um die Krallen trägst du Reifen,
hast Gefangenschaft gefunden,
als du wolltst nach Beute greifen.
Teuer mußt du's nun bezahlen,
deine Freiheit ist verloren,
wirst nie mehr zur Höhe strahlen
und dich in die Lüfte bohren.
Zaghaft reißt du an dem Seile,
das dich an den Boden bindet,
gleichst nicht mehr dem schnellen Pfeile,
der sein Opfer tödlich findet.
Deine schwarzen wachen Augen,
die im Sturzflug dich geleitet,
man verdeckt sie dir mit Hauben,
weil in dir noch Wildes streiter.
Noch hast du dich nicht ergeben,
und du hackst nach deinem Fänger,
willst dich in die Lüfte heben,
doch die Kette wird nicht länger.
Schließlich fügst du dich der Enge,
und du harrst des Zähmers Nähe,
mit der Kette um die Fänge
hältst du still und bist Trophäe.
Du gehorchst dem fremden Willen,
der dich wieder lehrt, zu fliegen,
deine Sehnsucht darfst du stillen,
wenn du lernst, sie zu besiegen.
Und du breitest deine Schwingen,
um dich in die Luft zu schrauben,
läßt wild deinen Schrei erklingen,
und es spähen deine Augen.
Doch wie kunstvoll deine Flüge
nach der Lüfte Weite langen,
nimmer findest du Genüge,
denn du fliegst und bleibst gefangen!
Von den Werten
Manche Menschen tragen Werte,
hehre, tief in ihren Seelen,
regt sich ihnen das Verkehrte,
siehst du nun, wie sie sich quälen?
Siehst du, wie sie kämpfen, ringen,
wie sie sich beinahe spalten,
da sich Denken und Empfinden
nicht im süßen Einklang halten?
Herrlich ist dieses Gebilde,
furchtbar dieser Streit der Mächte,
Pendeln zwischen Härte, Milde
durch den Tag schlafloser Nächte!
Welche Freude, anzusehen,
wie sich die Natur behauptet,
wie statt lauer Worte Wehen
nun das Leben sich verlautet!
Mußte doch schon mancher tragen
an den Krücken, die nicht laufen,
ängstlicher Naturen Klagen
stützen, Sicherheit zu kaufen.
Woher rührt nun mein Vergnügen,
wenn ich dieses Spiel betrachte,
da ich selbst – ich müßte lügen –
hehre Werte mein erachte?
Sieh, ich trage so ein Wissen,
alle Werte gleich zu achten,
die sich erst verbiegen müssen
vor des Lebens klugen Mächten.
Lebensweise
Kraftvoll zu leben, solange du lebst,
die Stunden zu weben, solange du webst,
stets weiter zu gehen, als du dich traust,
bis hart an den Rand.
Zu leben wie eine geballte Faust
und nicht wie eine schlaffe Hand!
Weisheit des Schlafes
Endlos, quälend reihn sich manchmal
Aufgaben an Pflichtespflicht.
Dieses ist der Tage Merkmal,
nur im Schlaf müht man sich nicht.
In den Träumen ruht Vergessen,
nicht Erkenntnis, die ist Traum,
warum ihre Tiefe messen,
weiß man um das Wachen kaum!
Nur im Nirgendwo des Denkens
will die Ahnung leise keimen,
wenn entfernt dem Zwang des Lenkens
Träume sich mit Wünschen reimen.
In des Halbschlafs Überlegung
streut sich unbedachte Regung,
und man sieht in der Bewegung
einer Wahrheit Niederlegung!
Seeligkeit durchströmt die Glieder,
Leichtigkeit ergreift den Geist,
und du sinkst im Schlafe nieder,
weil du um den Weltsinn weißt.
In den Träumen ruht Vergessen,
das ist aller Träume Sinn,
wär nicht auch der Schlaf bemessen,
läge Tröstliches darin.
Bist verwundert im Erwachen,
... ahntest du nicht gradehin?
Doch schon macht dein Traum dich lachen;
Narrheit scheint der Welten Sinn!
Von den Genüssen
Spreche ich von den Genüssen,
muß ich wohl differenzieren,
denn nur durch das edle Wissen
kann ich das Genießen führen.
Es gibt solche der Genüsse,
die aus dem Besondern rühren,
selten teure Gaumenküsse,
die die Rarheit lassen spüren.
Diese darf man nicht bemühen
in zu häufigen Frequenzen,
da sie sonst die Rarheit fliehen
und so den Genuß begrenzen.
Dann gibt es auch solche Dinge,
die sind köstlich aus Verlangen,
ein Stück Brot, das ich verschlinge
mit vor Hunger bleichen Wangen.
Diesen Sachen ist es eigen,
daß sie schmerzhaft zu erflehen,
eine Qual oder ein Leiden
lassen erst Genuß entstehen.
Schließlich gibt es auch noch solche,
die am liebsten mir von allen,
unbegrenzt ist ihre Folge,
und kein Leid muß mich befallen.
Die ich mein, ist jene Speise,
die durch Liebe ausgewiesen;
alles, was ich „Lieblings-“ heiße,
kann ich immerzu genießen!
Vom Genieβen
Bist du einer, der gern fastet,
der von Körnern sich ernähret,
einer, den das Mahl belastet,
der sich selbst vor Gram verzehret?
Nun, dann kennst du diese Lehre,
die durch meine Kindheit hallte,
daß Genuß sich nur vermehre,
wenn man sparsam mit ihm walte.
Da ich Lehren niemals glaube,
ohne selbst sie zu beweisen,
aß ich eine Zeit vom Staube
und dann von erlesnen Speisen.
Was ich fand, muß nicht erstaunen:
Ewig könnte ich nur schlemmen,
leben durch die Lust im Gaumen,
tausend Freuden lernen kennen.
Und ich wähne, daß die Lehren,
die man zeigte meinem Glauben,
nur vermögen, zu bekehren
jene, die zum Fasten taugen.
Weiß ich doch, die sind erlesen,
die mit sich im Einklang leben;
nur dem sorgelosen Wesen
ist auch der Genuß gegeben!
Last des Genusses
Faßt das Glas des Weines Fülle,
werd ich es genieβend leeren,
bleibt dann nur die leere Hülle,
wird Entbehrung mich belehren.
Erschöpfung
Nach gesellig bunten Nächten
findst du dich alleine wieder,
mußt gegen die Schwere fechten,
wie aus Blei sind deine Glieder.
Eine Leere tief im Innern
ist das Kehrbild früher Fülle,
will dich an die Zeit erinnern,
die vergeht in aller Stille.
Jedes Tanzen, jedes Singen
wird aus dieser Zeit geboren,
will dich zu der Einsicht zwingen,
was geschieht, ist schon verloren.
Doch du darfst es besser wissen,
voller Sehnsucht und besonnen
möchtest du das Leben küssen:
was geschieht, ist auch gewonnen!
Von den Gästen
Könige haben geladen
zu hohem Feste,
doch in den Prunkgestaden
erschien keiner der Gäste.
Auch Goethen ging es nicht besser,
Freunde hat er bitten lassen,
aber die Trinker, Esser
kamen von den Straßen.
Und von Rossini sagt man
er ließ sich im Genuß unterweisen
als keiner kam,
bis auf die Speisen.
Das ist die Tradition,
aus ihr erwächst Gesetzeskraft.
Ersieh, mein Freund, davon:
Du hast noble Gesellschaft!
Vom Alleinsein
An den Tagen, die verschwommen,
wenn die Sonne dich nicht necket,
ist die Seele wie benommen,
fühlt sich nackt und unbedecket.
Alle kleinen Mißgeschicke
wolln dir dann den Tag beschweren,
halten fern dich jedem Glücke,
wolln die Ruhe dir verwehren.
Siehst du Liebende passieren,
regt in dir sich Neid und Trauer,
denn du mußt den Mangel spüren,
fühlst die Einsamkeit genauer.
Du bist einsam und verwegen,
haßt die Menschen, die dich hassen,
