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Die englischen Dichter John Keats († 1821) und Percy Bysshe Shelley (†1822) wollten die Welt verändern. Wurden sie deshalb von Agenten der britischen Krone umgebracht? 200 Jahre später ist ein Literaturprofessor aus Oxford einem magischen Liebesgedicht auf der Spur, das die Poeten gemeinsam verfasst haben sollen. Doch mächtige Kräfte - und ein skrupelloser Widersacher - wollen ihn um jeden Preis aufhalten. Der Deutsche Benjamin Heller gerät eher unfreiwillig in ein hinterhältiges, lebensgefährliches Ränkespiel. Nicht zuletzt wegen der attraktiven, sonderbaren, idealistischen Poesie-Fanatikerin Claire Beaumont. Der Roman basiert auf den wahren Begebenheiten der bewegten Leben Keats' und Shelleys, die in einer Zeit der Unterdrückung und großer sozialer Ungerechtigkeit fest daran glaubten, dass Gedichte eine mächtige Waffe im Kampf gegen Ausbeutung, für die Freiheit und für eine bessere Welt seien.
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Seitenzahl: 573
Veröffentlichungsjahr: 2021
Thomas Hasel
Das Gedicht der Toten
Thomas Hasel
Das Gedicht
der Toten
© 2021 Thomas Hasel
Autor: Thomas Hasel
Umschlaggestaltung: Manuel Kostrzynski
Lektorat, Korrektorat: Andreas Thamm
Übersetzung: Thomas Hasel
Verlag &; Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359
Hamburg
978-3-347-24483-2 (Paperback)
978-3-347-24484-9 (Hardcover)
978-3-347-24485-6 (e-Book)
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung. Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Dieses Buch ist all jenen gewidmet, die Liebe in sich spüren, die Liebe geben und Liebe empfangen. Und vor allem jenen, die das noch nicht können. Amor omnia vincit!
“Is there another Life? Shall I awake and find all this a dream? There must be, we cannot be created for this sort of suffering.“ (John Keats)
„Gibt es ein anderes Leben? Werde ich erwachen und erkennen,dass dies alles ein Traum ist?Es muss so sein! Wir können nicht erschaffen worden sein,um so zu leiden.“
*
“Peace, peace, he is not dead, he doth not sleep –He hath awakened from the dream of life –‘Tis we, who lost in stormy visions, keepWith phantoms an unprofitable strife…“(Percy Bysshe Shelley)
„Seid unbesorgt! Er ist nicht tot und schläft auch nicht –Er ist aus jenem Traum, der Leben heißt, erwacht –Wir alleine haben, verloren in der Phantasien Licht,Mit Geistern sinnlos einen Kampf entfacht…“
1.
Küste vor Viareggio, Norditalien, 8. Juli 1822
Das acht Meter lange Boot namens Don Juan wurde in der stürmischen See wie ein Spielzeug hin- und hergeworfen, stieg fast senkrecht zu den Gipfeln der Brandung hinauf und stürzte im nächsten Moment in die Tiefen der Wellentäler hinab, so dass das salzige Wasser alles an Bord überspülte. Mit jedem weiteren Brecher ergoss sich mehr Wasser ins Schiffsinnere.
Die drei Männer an Bord krallten sich mit aller Kraft an die beiden Masten und an die Reling, um nicht in die Fluten zu stürzen. Zwei der Männer sahen aus, als habe das Entsetzen über ihre unheilvolle Situation sie in wenigen Augenblicken um viele Jahre altern lassen. Charles Vivian, der Bootsjunge, starrte kreidebleich und voller Angst der nächsten heranrollenden Wellenwand entgegen und schickte ein stummes Stoßgebet in den Himmel. Edward Williams, ein erfahrener Soldat in seinen Dreißigern, hatte zwar dem Tod schon einige Male in der Schlacht Mann gegen Mann ins Auge gesehen. Diesmal jedoch schien jede Rettung zu spät. Die Ahnung, was bevorstand, drückte auch diesem mutigen Mann die Brust zusammen. Dennoch brachte er die Kraft auf, dem dritten Passagier an Bord zuzurufen, er solle endlich versuchen, in das hinter dem Schoner an einem Seil angebundene Beiboot zu klettern. Doch der 29-jährige Percy Bysshe Shelley reagierte nicht. Er stand aufrecht, den hinteren Mast fest umklammert, und bestaunte mit weit aufgerissenen Augen das erbarmungslose Wirken der Naturgewalt. Wie klein und hilflos war doch der Mensch angesichts dieser Übermacht des Schicksals.
Eine betörende innere Ruhe hatte Shelley ergriffen. In seinem Kopf schwiegen die Stimmen, die er an guten Tagen in klingende Poesie, an schlechten Tagen in düstere Albträume verwandelte. Nur die Verse, die er kurz zuvor in einem kleinen Gedichtband von John Keats gelesen hatte, hallten nach, und er musste über das seltsame Zusammentreffen von Poesie und Wirklichkeit lächeln.
Darkling I listen; and, for many a timeI have been half in love with easeful Death,Call‘d him soft names in many a musèd rhyme,To take into the air my quiet breath;Now more than ever seems it rich to die…
Umdunkelt lausch ich; ich hab‘ manches MalMich beinah in den leichten Tod verliebt,Gab ihm zarte Namen ohne Zahl,Damit die Luft mir ruhiges Atmen gibt;Jetzt begreif ich erst, wie schön das Sterben ist…
„… wie schön das Sterben ist…“, flüsterte Shelley unhörbar. Und doch, dachte er, wie unerbittlich der Tod über den Menschen hereinbricht, so plötzlich und eigensinnig wie das Leben zu Beginn des Daseins. Eben noch segelt man auf hoher See einem Ziel entgegen, liegt ausgestreckt auf den Planken, genießt eine frische Brise, saugt den salzigen Duft des Meerwassers ein, freut sich über die weißen Schaumkronen, die wie Meeresnymphen tanzen, oder versinkt in den Reimen eines Dichters und auf einmal taucht ein undurchdringlicher, schwarzer Nebel auf, der die dahinterliegenden, tödlichen Klippen verbirgt. Geburt und Tod waren die beiden sich am Meer des Lebens gegenüberliegenden Küsten, die der Mensch niemals würde beherrschen können, auch wenn er jeden Winkel der Welt durchleuchtet oder alle erdenklichen Maschinen erfunden hatte.
„Sie müssen ins Beiboot, Shelley!“
Vermutlich wusste auch Williams, dass Shelley bei diesem Wellengang niemals dorthin gelangen würde. Außerdem würde er seine beiden Begleiter auf keinen Fall auf dem sinkenden Schiff alleine zurücklassen. Die Frage war nicht mehr, wie dem Tod zu entkommen war, sondern vielmehr, wie man die letzten Momente seines Lebens in Würde verbringen konnte. Mit einem Gedicht auf den Lippen? Nein, im Tod gab es keine Worte mehr zu verlieren. Das einzige, was blieb, waren die eigene Kraft und der Wille, sich dem Schicksal entgegenzustemmen. Shelleys Körper spannte sich, zum Kampf bereit, als eine nächste, mächtige, schwarze Woge heranrollte, wie der dunkle Bug eines riesigen Schiffes.
„Sie rammen uns!“, dachte Shelley fassungslos. Ein lautes Bersten ertönte, als brächen Knochen oder der eigene Schädel. Der Mast, den Shelley eben noch umklammert hatte, knickte, als sei er ein dünner Zweig. Shelley verlor das Gleichgewicht. Er versuchte sich im Fallen an der Reling festzuhalten, doch seine Hände griffen ins Leere. In diesem Moment, als sein Körper zur Seite gerissen wurde und über den Rand des Schiffes dem aufgebrachten Meer entgegenstürzte, wusste Percy Bysshe Shelley, dass die Mächte der Natur immer stärker waren als der Dichter, der sie so eifrig und doch so hilflos in vielen seiner Schriften und Verse in Worte zu bannen versucht hatte. Und während Shelley in das brausende Wasser eintauchte, während er die Arme ausbreitete, als begrüße er einen alten Freund, während er das salzige Wasser schluckte, nahm ihn die sorgenvolle Frage gefangen, ob er in seinem kurzen Leben alles getan hatte, was getan werden musste, um mit sich selbst versöhnt zu sein. Er hatte einigen Menschen große Schmerzen zugefügt, seelische Qualen. Er hatte viele gegen sich aufgebracht, durch Worte und Taten. Doch war es ihm wenigstens einmal gelungen, die verhärteten Seelen der Lebenden um ihn herum zu berühren? Hatte er zumindest einen Mann und eine Frau von ihren zahlreichen Irrtümern befreien können und ihnen geholfen, durch seine Poesie die Wahrheit zu erkennen? Den Menschen war die Sprache gegeben worden und die Fähigkeit, daraus Poesie zu erschaffen. Dann würden die Menschen in Gottes Namen doch auch in der Lage sein, das Traurige, das Verletzte, das Törichte und das Böse in ihren Herzen zu überwinden und sich der universellen Kraft der Liebe zu öffnen, jener Liebe, die alles Leben durchdrang und miteinander eins werden ließ …
Shelleys letzter Versuch zu Atmen scheiterte, denn das Meer hatte sich bereits über ihm geschlossen. Bevor Wasser seine Lungen füllte, sah er vor seinem inneren Auge die geliebte Claire in der Ferne, die schöne Jane Williams an Land und seine Frau Mary, die vermutlich voller Sehnsucht auf die Rückkehr ihrer Männer warteten, während diese im Begriff waren, sich bald in aufgedunsene Wasserleichen zu verwandeln.
2.
As I lay asleep in ItalyThere came a voice from over the Sea.And with great power it forth led meTo walk in the visions of Poesy.
Als einst ich in Italien schliefEine laute Stimme vom Meer mich rief.Sie drängte mich mit EnergieZu wandern in den Visionen der Poesie.
Die Strahlen der Nachmittagssonne fielen durch die Zweige der Zypressen und Pinienbäume auf eine Ansammlung von Gräbern, die zwischen blühenden Oleandersträuchern, Buchsbaumhecken und Olivenbäumen über ein leicht abfallendes Gelände verteilt waren. Während außerhalb der Mauer, die den Friedhof umgab, das hektische Treiben einer modernen Großstadt herrschte, schien hier die Zeit still zu stehen, konserviert in Dutzenden von Gräbern und verzierten Sarkophagen.
Eine lähmende Hitze lag über Rom. Auf einer verwitterten Grabplatte streckte eine schläfrige graue Katze ihre Pfoten weit von sich. In der Nähe schlich ein schwarzer Kater um einen marmornen Sarkophag. Bis auf die Katzen, die laut knarrenden Zikaden, Mückenschwärme in der Luft und einige Vögel in den Bäumen und Eidechsen, die über die Erde und die Steine huschten, gehörte der Friedhof an diesem ungewöhnlich heißen Tag allein den Toten.
Das änderte sich, als ein Mann schwitzend und leicht torkelnd durch die kleine Friedhofspforte trat. Er war auf der Suche nach einem schattigen Ort, an dem er sich ausruhen konnte, denn die brütende Hitze und zwei Gläser Whiskey sowie zwei Flaschen Bier, die er sich zur Mittagszeit in einer Bar genehmigt hatte, hatten seine Sinne benebelt und gaben ihm das bedrückende Gefühl, die Erdanziehungskräfte hätten sich innerhalb kurzer Zeit verdreifacht. Der Mann, Benjamin Heller, stapfte etwas orientierungslos über die schmalen Kieswege. Er hatte erwartet, hinter den Steinmauern einen Park vorzufinden und betrachtete etwas verwundert die Gräber. Er mochte Friedhöfe nicht besonders. Sie erinnerten ihn zu sehr an den Tod. Nun aber fühlte er sich so kraftlos und müde, dass ihm jede halbwegs waagerechte Fläche zum Schlafen geeignet schien. Schließlich entdeckte er am Rand des Friedhofs im Schatten der hohen Stadtmauer eine glatte Steinplatte, die ihm in seinem Zustand für ein kurzes Nickerchen geeignet schien. Ächzend ließ er sich auf ihr nieder, schloss die Augen und schlief fast augenblicklich ein.
Benjamin Heller träumte, was für ihn ungewöhnlich war. Zumindest erinnerte er sich seit Jahren selten an das, was sich in seinem Geist während des Schlafs abgespielt hatte. Diesmal war es anders, vielleicht, weil mitten in seine Träume hinein nach gut einer halben Stunde Schlaf ein Schmerz in seinen Körper fuhr, genauer in sein Schienbein. Dazu erklang eine hohe, weibliche, streng klingende Stimme.
„Aufwachen! Wachen Sie sofort auf!“
Benjamin Heller ächzte, als er wieder einen kurzen, harten Schlag am Schienbein spürte. Das bleierne Gefühl in seinen Gliedern wich zögerlich, schattige Umrisse verdichteten sich über ihm. Mühsam rührte er einen Finger, dann noch einen. Sein Mund war ausgetrocknet, der Geschmack vom Alkohol schal, Hemd und Hose klebten am schweißnassen Körper. Heller knurrte, als die Stimme ihn ein weiteres Mal aufforderte, unverzüglich aufzustehen. Im Gegenlicht der Sonne und vor dem Hintergrund der dunklen Bäume erkannte Heller die Silhouette einer nicht allzu großen Gestalt. Mühsam richtete er den Oberkörper von der harten Steinplatte auf und rieb sich die Augen. Sein Rücken schmerzte. Die Person vor ihm schien merkwürdig zu schwanken.
„Verfügen Sie denn über keinen Funken Anstand?“, giftete die schrille Stimme in einem sehr britisch betonten Englisch. Bevor Heller sich die rüde Ansprache verbitten konnte, setzte die Stimme vorwurfsvoll nach:
„Sie können sich doch nicht auf einem Grab schlafen legen. Vor allem nicht auf diesem.“
Heller grunzte unwillig. Er blickte unter sich, sah Buchstaben, die in die Steinplatte eingraviert waren, und kratzte sich am unrasierten Kinn. Er wollte etwas erwidern, doch seiner ausgetrockneten Kehle entwich nur ein heiseres Krächzen. Die Augen mit der flachen Hand vor dem grellen Licht abschirmend, versuchte er, die Frau zu mustern. Das erste Detail, das er ausmachen konnte, war ein breitkrempiger Strohhut, der ihr Gesicht beschattete. Dann sah er das bunt geblümte, kurzärmlige Kleid, das die Frau trug und das fast bis zum Boden reichte. Am Hals war es hoch geschlossen, ansonsten jedoch so weit geschnitten, dass es beinahe einem Sack glich. In ihrer linken Hand hielt die Frau einen kleinen Blumenstrauß. Es dauerte noch einen Moment, bis Hellers Augen sich an das helle Licht so gewöhnt hatten, dass er in dem ovalen Gesicht über sich Konturen ausmachen konnte. Die Frau trug eine Brille mit schwarzem Gestell. Ihr Gesicht war bleich und die blauen Augen hinter den Gläsern wirkten kalt und streng. Heller glaubte zwar, ansehnlich geschwungene Lippen und ein paar hübsche Details in ihren Zügen ausmachen zu können, doch die Mundwinkel der Frau waren verächtlich nach unten gezogen. Ihre Haare hatte sie nach hinten gekämmt und zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Er schätzte ihr Alter auf Ende Zwanzig.
„Stehen Sie endlich von diesem Grabstein auf“, zischte die Frau.
Heller räusperte sich und sprach: „Mir ist gar nicht aufgefallen, dass das ein Grab ist. Aber der Verblichene dürfte kaum etwas dagegen haben, wenn ich hier ein Nickerchen mache. Oder glauben Sie an rachsüchtige Geister?“
„Sie unverschämter Mensch!“, blaffte die Frau. „Sie entweihen das Grabmal eines großen, britischen Poeten.“
„Schreien Sie nicht so! Davon kriege ich Kopfweh.“
Er blickte noch einmal unter sich, dann erhob er sich schwerfällig von der Steinplatte. Als er stand, betrachtete er mit müden, brennenden Augen und leicht schwankend die Buchstaben, die zu seinen Füßen in die schmutzig-weiße und teilweise mit Flechten bewachsene Platte eingraviert waren. Ihre Bedeutung erschloss sich ihm nur sehr begrenzt.
PERCY BYSSHE SHELLEYCOR CORDIUMNATUS IV AUG: MDCCXCIIOBIIT VIII JUL. MDCCCXXII
Nothing of him that doth fadeBut doth suffer a sea=changeInto something rich and strange.
Heller zuckte mit den Achseln. „Sollte man wissen, wer hier unter der Erde liegt?“
Die junge Frau wirkte erst erschrocken, dann ungläubig.
„Jeder halbwegs gebildete Mensch weiß, wer Percy Bysshe Shelley ist. Selbst, wenn man nicht aus dem angelsächsischen Kulturraum stammt. Aber ich denke, Shelley würde ohnehin keinen Wert darauf gelegt haben, von einem Idioten gekannt zu werden.“
„He!“, rief Heller und runzelte in einem Anflug von Ärger die Stirn. „Warum so unfreundlich?“
„Steigen Sie endlich da runter, Sie dumpfgeistiger Teutone!“, blaffte die Engländerin ungeduldig.
„Jetzt werden Sie auch noch fremdenfeindlich. Und woher wollen Sie überhaupt wissen, woher ich komme?“
„Ihren schwerfälligen Akzent erkennt sogar ein Tauber“, sagte die Frau spöttisch.
Dumme Kuh, dachte Heller, der auf seine englische Aussprache recht stolz war, und suchte vergeblich nach einer schlagfertigen Erwiderung. Ihm fiel nichts Geeignetes ein und so sagte er bloß: „Ist der Kerl etwa so etwas wie ein britischer Nationalheiliger?“
Die Engländerin musterte ihn abschätzig und murmelte kaum hörbar: „Das Land der Dichter und Denker: Dass ich nicht lache!“
„So wichtig scheint der Typ nicht gewesen zu sein, wenn kein Mensch ihn mehr kennt“, erwiderte Heller herausfordernd.
„Sie kennen ihn nicht!“, sagte die Frau. „Percy Bysshe Shelley ist einer der wichtigsten romantischen Poeten Englands und hat sich mit seinem Werk unsterblich gemacht.“
„Unsterblich scheint der Kerl nicht zu sein, sonst wäre er nicht tot, Schätzchen! Außerdem lesen nur Spinner Gedichte. Und dreizehnjährige Mädchen vielleicht. Aber Sie dürften deutlich älter sein.“
„Sie haben keine Ahnung von der Bedeutung der Poesie, deshalb sollten Sie zu diesem Thema Ihren Mund halten.“
„Wenn ich Sie so betrachte, habe ich das Gefühl, Gedichte zu lesen, ist schrecklich frustrierend. Es macht jedenfalls nicht sexy. Und offensichtlich auch nicht besonders glücklich.“
Zufrieden stellte Heller fest, dass seine Worte nicht ganz wirkungslos blieben. Die Unterlippe der Engländerin begann zu beben und ihm schien, als würden ihre Augen feucht. Sie senkte den Blick und sah auf Hellers Schuhe, die immer noch auf der Grabplatte standen. Mit beinahe hilflos klingender Stimme sagte sie: „Steigen sie nun endlich von Shelleys Grab?“
Heller zögerte kurz, dann tat er es. Die Frau wich augenblicklich einen Schritt zurück und verzog das Gesicht.
„Sie stinken nach Alkohol! Und das am helllichten Tag.“
„Na und?“, erwiderte Heller. „Was geht Sie das an?“
Er blickte an der Engländerin herab, deutete auf den Strauß aus weißen und violetten Blumen in ihren Händen und sprach: „Sind die für mich?“
„Lassen Sie mich in Frieden!“, zischte die Frau.
Sie wandte sich um und lief mit schnellen kurzen Schritten zwischen den Gräbern davon. Heller sah ihr hinterher, bis die kleine Person aus seinem Gesichtsfeld verschwunden war. Er war sich nicht sicher, ob er über ihren Auftritt lachen oder sich über ihre Frechheit ärgern sollte. Für beides fühlte er sich eigentlich zu schlapp. Er blickte sich um und versuchte sich zu erinnern, aus welcher Richtung er gekommen war und wo der Ausgang des Friedhofs lag. Weil er es nicht mehr genau wusste, stapfte er auf einem Pfad zwischen den Gräbern und der alten Stadtmauer entlang. Gut dreißig Meter weiter gelangte er an eine gelb getünchte Mauer, hinter der sich eine weißgraue Pyramide erhob, so hoch wie ein zweistöckiges Haus. Er trat durch eine kleine Pforte in der Mauer und stieß dahinter auf eine Wiese, auf der sich zwischen Dutzenden von Bäumen und Büschen weitere steinerne Gräber befanden.
Auf der Suche nach dem Friedhofsausgang folgte Heller einem schmalen Weg aus weißen Steinquadern, die in den Rasen eingelassen waren. Er hatte nur wenige Schritte gemacht, als er durch eine Reihe von Sarkophagen und Grabskulpturen gut zwanzig Meter entfernt die junge Frau entdeckte. Sie kniete vor einem Grab, mit gesenktem Kopf und gefalteten Händen, als würde sie beten. Ihre Augen hatte sie geschlossen und sie bewegte stumm ihre Lippen. Heller zögerte kurz. Die erste Begegnung war anstrengend genug gewesen und doch hielt er inne und beobachtete sie. Langsam näherte er sich ihr. Als er fast bei ihr war, ergriff die junge Frau den Blumenstrauß, den sie neben sich ins Gras gelegt hatte, und legte ihn behutsam auf das linke von zwei Gräbern, hinter denen zwei fast identisch aussehende grauweiße Stelen aus der Erde ragten. Beide waren an ihrer oberen Kante abgerundet. Auf dem rechten Gedenkstein war das Relief einer Farbpalette und eines Pinsels zu sehen, auf dem linken das einer Leier oder Harfe. Darunter stand in verblassten Buchstaben ein englischer Text, den Heller von seiner Position aus nur bruchstückhaft entziffern konnte. This Grave war dort eingraviert, und ein wenig darunter in Großbuchstaben YOUNG ENGLISH POET. Dann folgten einige kleingeschriebene Wörter, bis fast am Fuße des Grabsteins ein merkwürdiger Satz zu lesen war:
Here lies OneWhose Name was writ in Water
Heller kratzte sich an der Stirn. Hier liegt einer, dessen Name im Wasser geschrieben wurde? Was war das für ein Blödsinn? Er versuchte das Datum am unteren Ende des Grabsteins zu entziffern: Feb. 24th 1821.
Heller räusperte sich. Die kniende junge Frau zuckte zusammen und fuhr herum. Ihre Augen hinter den Brillengläsern waren tränennass. Sie schien ihn im ersten Moment nicht wiederzuerkennen, dann aber wich schlagartig das Weiche und Verletzliche, das sich auf ihrem Gesicht einen Moment lang gezeigt hatte, und sie funkelte Heller zornig an.
„Was wollen Sie schon wieder?“, fragte sie in scharfem Ton und erhob sich sofort. Heller setzte eine ernsthafte Miene auf und sagte:
„Mir ist etwas eingefallen, das Sie interessieren könnte. Es ist ziemlich rätselhaft.“
Die junge Frau musterte Heller misstrauisch, als sie aber nichts erwiderte, fuhr er fort: „Ich weiß, es klingt verrückt. Aber als ich auf dem Grab von diesem Shelley schlief, hat der mich tatsächlich im Traum heimgesucht. Er hat sogar zu mir gesprochen.“
Die junge Frau blickte erst ungläubig, dann argwöhnisch und schließlich nahm ihr Gesicht einen zutiefst feindseligen Ausdruck an.
„Reden Sie keinen Unsinn!“, schnappte sie.
„Doch! Es ist wahr“, verteidigte sich Heller. „Er hat zu mir gesprochen und mir gesagt, ich solle ihm einen kleinen Dienst erweisen und ein Gedicht für ihn aufschreiben. Ein Liebesgedicht!“
Heller fiel es schwer, nicht laut loszulachen. Als er sah, welche Wirkung seine fantastische Lüge auf die junge Frau hatte, drohte ihm jedoch fast seine Selbstbeherrschung verloren zu gehen. Denn kaum hatte er die letzten Worte gesprochen, da erblasste sie noch mehr und starrte ihn an, als sei er der Teufel persönlich.
„Das … das ist nicht wahr“, stammelte sie. „Das ist nicht möglich.“
„Aber wenn ich es Ihnen doch sage! Percy Dingsbums Shelley hat mich auserkoren, um ein Liebesgedicht für ihn aufzuschreiben. Es soll magische Wirkung haben.“
Was hinter der Stirn der jungen Frau vor sich ging, war kaum zu erraten. Doch es war offensichtlich, dass Heller sie mit seiner Geschichte vollkommen durcheinander brachte. Schließlich schüttelte sie energisch den Kopf.
„Das kann nicht sein! Sie lügen mich an.“
„Ich würde Sie niemals anlügen“, sagte Heller und setzte eine Unschuldsmiene auf. Zu seinem Erstaunen schien sich die junge Frau ihrer Sache überhaupt nicht sicher zu sein. Mit ernstem Gesicht sah sie zu Boden. Heller freute sich über die Wirkung seines Märchens, konnte aber kaum fassen, wie leicht die Engländerin aus der Ruhe zu bringen war. Was war nur mit ihr los? Warum besuchte sie die Gräber toter Dichter und vergoss dort stille Tränen? War sie einsam? Oder ein bisschen verrückt?
„Wissen Sie was?“, sagte Heller und nickte in Richtung des Grabsteins mit der Leier. „Ich lege mich jetzt auch auf diesem Dichter hier schlafen, dann spricht der ebenfalls im Traum zu mir. Was halten Sie davon?“
Die junge Frau schnappte nach Luft wie ein Fisch auf dem Trockenen. Zornesröte stieg ihr ins Gesicht und sie ballte drohend die Fäuste.
„Wenn Sie es wagen, die Ruhestätte von John Keats zu schänden, rufe ich die Polizei.“
Sie schickte einen vernichtenden Blick hinterher, bevor sie mit schnellen Schritten über die Wiese davonlief.
Heller leckte sich über die trockenen Lippen, während er die schmale, seiner Ansicht nach so unvorteilhaft gekleidete Frau über das Gras davoneilen sah. Er kramte seine Zigaretten aus der Hemdtasche und zündete sich eine davon an. Während er den Rauch tief in die Lunge zog, betrachtete er den Strauß weißer Gänseblümchen und Veilchen, den die Frau auf dem grün bewachsenen Grabhügel niedergelegt hatte. In der Hitze würde er innerhalb weniger Stunden vertrocknet sein. Heller las die Inschrift auf dem grauen Stein und übersetzte.
Dieses GrabEnthält alles SterblicheEinesJUNGEN ENGLISCHEN POETENDer,Auf seinem TotenbettIn der Bitterkeit seines HerzensUnd unter der bösartigen Macht seiner FeindeWünschteDass diese Worte auf seinem Grabstein eingraviert würdenHIER LIEGT EINERDESSEN NAME IN WASSER GESCHRIEBEN WURDE24. Februar 1821
Heller schüttelte den Kopf über diese gestelzte Sprache, rauchte gemächlich seine Zigarette zu Ende und schnippte sie dann hinter das Grabmal.
„Ruhe sanft, Du armer Poet“, sagte er leise.
3.
Piazza di Spagna, Rom, Italienische Halbinsel, 25. Januar 1821
Joseph Severn steckte den rostigen Schlüssel ins Schloss der hölzernen Tür aus unebenen Bohlen und drehte ihn herum. Als er ins Dunkel des kleinen Vorraumes eintrat, fragte er sich, wie viele Male er noch durch diese Pforte treten, wie oft den Duft von Moder und kaltem Stein einatmen würde, bevor der Tod auch ihn aus diesem Haus trieb. Severn stieg leise und mit vor Aufregung klopfendem Herzen über die Schwelle in den Hauptraum der Wohnung, der mit einem schweren dunkelgrünen Vorhang in zwei Hälften geteilt war. Hinter dem Vorhang waren schlurfende Schritte auf dem steinernen Boden zu hören. Im nächsten Moment erklang eine hohe Stimme.
„Chi è?“
„Ich bin es, Signora Angeletti. Joseph Severn!“
Der Vorhang bewegte sich, und an der Stelle, wo sich die beiden Teile des schweren Stoffes trafen, tauchte das runzlige, gebräunte Gesicht Anna Angelettis auf, der Besitzerin der kleinen Privatpension, in der der Engländer mit seinem Freund untergekommen war. Die kleinen, wässrigen Augen der alten Frau musterten Severn, als stünde ein Fremder vor ihr, dem es mit Vorsicht zu begegnen galt. Schließlich aber nickte sie und zog sich in ihrem verschlissenen Arbeitskittel wieder hinter den Vorhang zurück. Severn schritt durch den dunklen Salon auf eine weitere Tür zu und drehte behutsam an deren Knauf. Er gelangte in ein großzügig bemessenes Zimmer, in dem der Geruch von Krankheit und Tod hing. Die Hoffnungslosigkeit schien sich wie eine Staubdecke über Wände und Möbel gelegt zu haben. In einer Ecke entdeckte Severn die grauhaarige englische Krankenschwester, die ihm seit ein paar Tagen bei der Pflege seines Freundes half. Nur deshalb hatte er es überhaupt gewagt, die Wohnung zu verlassen. Doch es ging mittlerweile nicht mehr darum, den Kranken zu heilen. Es ging nur noch darum, ihn möglichst sanft bis zu jener Klippe zu begleiten, hinter der das Leben ein Ende fand.
Die Krankenschwester saß auf einem der zwei Holzstühle im Zimmer und putzte ein Paar Stiefel. Mit Verwunderung erkannte Severn, dass es sich um Keats’ Stiefel handelte. Als hätte der Bettlägrige noch die Kraft, einen Spaziergang zu unternehmen. Die Schwester unterbrach ihre Arbeit für einen Moment, sah mit ernstem Blick auf und erwiderte, als hätte sie Severns Gedanken erraten:
„Ganz gleich, wohin der Weg des jungen Herrn von hier aus führen wird, seine Stiefel sollten glänzen.“
Severn nickte stumm.
„Wie geht es ihm?“, fragte er leise.
„Er schläft“, erwiderte die Krankenschwester. Ihr Gesicht verdüsterte sich, als hege sie einen geheimen Groll, dann ergänzte sie mit leiser Empörung in der Stimme: „Zumindest bat er mich, das Zimmer zu verlassen, damit er schlafen könne.“
Severn nickte betrübt und wandte sich ab. Er ahnte, dass Keats nur einen Vorwand gesucht hatte, um alleine zu sein. Nachdenklich nahm er seinen Hut vom Kopf und legte ihn zusammen mit dem Gehstock leise auf das Pianoforte, das er gemietet hatte, um sich zu zerstreuen und Keats zu unterhalten. Dann schlüpfte er aus seinem Mantel, legte ihn über den freien Stuhl und trat an Keats’ Tür. Fast lautlos schob er sie einen Spalt breit auf und lugte hinein. Obwohl eines der beiden Fenster geöffnet war, schlug ihm sofort der Gestank von Schweiß und der leicht metallische Geruch von Blut entgegen. Severn vernahm das rasselnde Atmen seines Freundes.
Keats schlief nicht. Er starrte mit einem erbarmungswürdig traurigen Gesichtsausdruck an die Zimmerdecke, die mit blau und golden bemalten Blumenreliefs verziert war. Als er Severn bemerkte, wandte er leicht den Kopf, seine Züge entspannten sich und er rang sich ein Lächeln ab.
„Severn!“, sagte er mit zärtlicher, doch kraftloser Stimme. „Treten Sie ein!“
Severn folgte der Aufforderung und warf einen kurzen Blick zum geöffneten Fenster, durch das die Geräusche des Platzes davor hereindrangen: das Klappern von Pferdehufen, die lauten Stimmen der Römer, das Rufen eines Wasserverkäufers, das Plätschern des nahen Brunnens und das Zwitschern der Vögel. Wie sehr hatte Keats den Ausblick von hier auf die Spanische Treppe geliebt. Wie optimistisch hatte er an dem Tag in die Zukunft geblickt und von seiner Genesung geträumt, als er die breite Treppe bis zur Kirche emporgestiegen war. Kaum zwei Monate war das her. Nun aber war von diesem kurzen Aufglimmen der Lebenskraft kaum noch etwas übriggeblieben.
Severn wandte sich seinem fahlhäutigen Freund zu, der angestrengt versuchte, den abgemagerten Körper ein wenig aufzurichten. Sofort sprang Severn herbei, schob seinen Arm fast zärtlich hinter Keats’ Rücken und half ihm, sich vorzubeugen. Der Kranke schien in den vier Stunden seiner Abwesenheit noch leichter geworden zu sein. Severn zog das Kissen ein wenig nach oben und drückte es an das Kopfende des Bettes, damit sich Keats anlehnen konnte. Keats hustete, keuchend, nach Luft schnappend, mit schmerzverzerrtem Gesicht. Als der Anfall vorüber war, standen ihm glänzende Schweißperlen auf der Stirn. Er zitterte am ganzen Leib. Feine Blutspritzer hatten sich wie von einem Pinsel geschüttelt über die Bettdecke verteilt. Severn nahm ein Tuch und tupfte die feinen Blutfäden vom Kinn des Tuberkulosekranken. Er spürte, wie sich Tränen in seinen Augen ihren Weg bahnten. Keats’ Zustand war herzzerreißend. Der junge Dichter sah ihn aus seinen tief in den Höhlen liegenden Augen erwartungsvoll an. Severn wusste, was Keats von ihm wissen wollte.
„Es ist wunderschön“, sagte Severn mit sanfter Stimme. „Eine Wiese, die direkt an der Stadtmauer liegt. Eine weiße Pyramide überragt sie, in der ein alter römischer Patrizier namens Caius Cestius vor langer Zeit beerdigt wurde. Die Wiese ist mit zahllosen Blumen übersät, mit Gänseblümchen und Veilchen. Die Veilchen wachsen sogar auf den Gräbern.“
Severn unterbrach die Erzählung, verwirrt durch den enthusiastischen Klang seiner eigenen Stimme, ganz so, als wolle er dem Dichter den Ort, der seine letzte Ruhestätte sein würde, anpreisen. Mehr noch berührten ihn aber die tränenglänzenden Augen seines Freundes. Keats starrte abwesend ins Nichts,, als sehe er den Friedhof in diesem Moment vor sich, und nun bemerkte Severn den ovalen, glattpolierten, rotbraunen Karneolstein in Keats’ Hand, den er zärtlich umfasste, wie die Hand der geliebten Frau, die ihm dieses Andenken bei ihrem Abschied überlassen hatte.
„Gänseblümchen, sagen Sie?“, sprach Keats schließlich. „Und Veilchen auch?“
Severn nickte.
„Entzückend“, sagte Keats mit weicher Stimme. „Welche Blume ist schöner als das zartgliedrige Veilchen?“ Er lächelte wieder und sagte leise: „Mir ist, als spüre ich die Blumen schon über mir wachsen.“
Severn konnte nicht anders, als zur Seite zu blicken und sein Gesicht zwischen den Händen zu vergraben, damit Keats seine Tränen nicht sah. Nachdem er sich wieder gesammelt hatte, beeilte Severn sich zu sagen:
„Ich habe auch eine Ziegen- und Schafsherde und einen jungen Hirten auf der Wiese gesehen. Ganz friedlich grasen sie, während über ihnen die Vögel singen. Es ist…“, Severn suchte nach den richtigen Worten, „…ein so friedvoller Ort.“
Er scheute sich, das Wort Friedhof auszusprechen. Es klang zu sehr nach Endgültigkeit.
„Ziegen und Schafe“, sagte Keats flüsternd. „Wie gerne würde ich ihr Meckern hören. Das Getrappel ihrer Hufe über mir, das Rascheln des Grases.“ Er runzelte die Stirn und wirkte plötzlich besorgt.
„Die Ziegen werden doch nicht die Veilchen fressen?“
Draußen wieherte ein Pferd und eine tiefe, kräftige Männerstimme begann zu schimpfen. Severn schüttelte stumm den Kopf.
Keats seufzte. Den Blick wieder dem jungen Maler zuwendend, der ihm seit ihrer Abfahrt aus England vor vier Monaten treu zur Seite stand, sagte er:
„Das stille Grab wird mir die erste wirkliche Ruhepause meines Lebens gewähren.“
Severn saß still, betrachtete den jungen Dichter, dem jeglicher Ruhm verwehrt geblieben war, und fragte sich, warum der Tod so ungerecht war.
4.
Mit brennenden Augen, klopfendem Herzen und pochenden Schmerzen hinter den Schläfen stieg Benjamin Heller die schmale, steile Treppe hinauf. Sie führte in das erste Stockwerk des kleinen Hotels, in dem er untergekommen war. Flackernde Neonröhren erleuchteten die mit einem fleckigen Teppich ausgelegten Stufen. Der Aufstieg ließ ihn keuchen und trieb ihm Schweißperlen auf die Stirn.
Angesichts seines Zustands ahnte Heller, dass es ziemlich überflüssig gewesen war, sich nach dem Friedhofsbesuch in einer Bar weitere drei Gläser Bier zu genehmigen. Er musste die Sauferei einschränken, zumal bei dieser Hitze. Aber er hatte zum Trinken guten Grund. Mehrere gute Gründe sogar.
Als er endlich die erste Etage des schäbigen Hotels erreichte, das er gestern früh nach einer zweiundzwanzigstündigen Busreise nahe dem römischen Hauptbahnhof gefunden hatte, hielt Heller schnaufend inne und lehnte sich an eine Wand. Während er versuchte, Atem zu schöpfen, blickte er in den schummrigen Raum vor sich. Eine mit gelbbraunem Stoff bespannte Lampe an der Decke tauchte ihn in milchiges Licht. Die alte Frau, die ihn gestern hier empfangen hatte, war nirgends zu sehen. Hinter der Theke hingen an einem mit zwölf Nummern beschrifteten Brett die Schlüssel für die Hotelzimmer. An der Wand hinter einer verschlissenen Sitzecke klebte ein vergilbtes Plakat, auf dem unter einer Ansicht des Colosseums der Schriftzug ROMA zu lesen war. Die Fotografie musste einige Jahrzehnte alt sein, denn die davor geparkten Autos gab es schon lange nicht mehr. Aus der gleichen Zeit schien auch das Telefon auf der Theke zu stammen. Die Wählscheibe war mit einem winzigen Schloss gesichert. Drei Türen gingen von dem Raum ab. Eine führte geradewegs in die Wohnung der alten Besitzerin. Eine zur Treppe nach unten und eine zur Treppe, über die man zu den Gästezimmern der oberen drei Etagen gelangte.
Obwohl sich Ende August unzählige Touristen in Rom aufhielten, schien in diesem Hotel kaum ein Zimmer belegt zu sein. Heller wunderte sich darüber kaum, denn ein derart abgewohntes und altmodisches Etablissement hatte er in einer Hauptstadt der westlichen Welt noch nie gesehen. Vermutlich verfügte das Hotel weder über eine eigene Website, noch wurde es von Reiseagenturen angeboten. Das war verständlich, denn die schmutzige, nach Urin und Abfall stinkende Gasse, in der das Hotel lag, war ebenso abschreckend wie seine heruntergekommene Fassade.
Heller hatte es zufällig entdeckt und hätte es unter anderen Umständen nicht einmal dann ausgewählt, wenn man ihm für zwei Wochen kostenlose Übernachtung gewährt hätte. Doch in diesem Fall spielte die Ästhetik keine Rolle. Nur zwei Kriterien waren für seine Entscheidung ausschlaggebend gewesen: Es sollte so günstig und so unauffällig wie möglich sein. Ohne den unregelmäßig und schwach aufflackernden, neonroten Schriftzug über dem unscheinbaren Eingang, dessen E und L des Wortes HOTEL und A in FLORA komplett ausgefallen waren, hätte Heller das Haus vermutlich gar nicht bemerkt. Es glich einem billigen Stundenhotel und als das wurde es sicherlich auch immer wieder genutzt. Für Heller war dieser Ort gerade richtig. Hier würde ihn niemand finden. Vor allem nicht Vladimir Brokman und seine Schläger, denen er in Frankfurt nur knapp entkommen war. Vermutlich hatten Brokmans Leute inzwischen seine Wohnung ausgeräumt, das wenige Verwertbare gestohlen und den Rest zu Kleinholz verarbeitet. Das war bedauernswert, aber Heller würde dorthin ohnehin nicht mehr zurückkehren können. Und die wirklich wertvollen Sachen, seinen Fernsehapparat, seine Spielekonsole und seinen Computer, hatte er schon vor Wochen versetzt. Leider für viel zu wenig Geld. Er hoffte nur, dass sie seine drei Goldfische in Ruhe gelassen oder zumindest mitgenommen hatten. Tick, Trick und Track hatten etwas Besseres als den Tod verdient.
Hellers Atem hatte sich inzwischen beruhigt, er löste sich von der Wand und ging hinüber zur Theke, hinter der er seinen Schlüssel mit der Nummer 11 hervorholte. Die Zahl war mit einem schwarzen Stift auf ein Holzstück gemalt, das an einer Kordel am Schlüssel baumelte. Kaum hatte er ihn in der Hand, da vernahm Heller ein Klappern und leise Musik aus der Wohnung der Hotelbesitzerin. Er wollte ihr nicht begegnen, denn sie roch nach süßlichem Parfüm, Bratfett und Mottenpulver. Außerdem verstand er nicht, was sie sagte.
Heller stieg behäbig die schmale Treppe in die oberen Etagen hinauf. Als er im dritten Stock angekommen war, schlurfte er durch den fensterlosen, aber zumindest von ein paar surrenden Neonröhren erhellten Korridor zur Tür seines Zimmers. Zweimal verfehlte er das Schlüsselloch, bevor es ihm gelang, die Tür zu öffnen. Mit dem Fußabsatz stieß er die Tür hinter sich zu, stolperte zum Bett und warf sich, ohne die zerschlissene Tagesdecke zurückzuziehen, auf die durchgelegene Matratze.
„Francesco!“ rief eine Frau im Innenhof, zwei Katzen kreischten und von irgendwoher dudelte Musik.
Heller nahm wahr, wie sein Körper rasch schwerer wurde und das monotone Tropfen des Wasserhahns, das aus dem Badezimmer zu ihm drang, in der Ferne verhallte. Das Schlafen, dachte er, ist eine kluge Erfindung, es lässt einen alle Sorgen vergessen. Zumindest für eine Weile.
Kurz kam ihm die Frau vom Friedhof wieder in den Sinn, doch der Gedanke an sie wurde durch die brutale Visage und die fetten, tätowierten Arme Vladimir Brokmans verdrängt. Heller wünschte sich, jemand würde den feisten Russen einbetonieren. Oder mit Gewichten an den Füßen im Main versenken. Oder ihm Gift in den Wodka schütten. Dann wäre Heller auf einen Schlag seine 25.000 Euro Spielschulden los, die er in einer unglaublich hartnäckigen Phase des Pechs beim Pokern angehäuft hatte. Und mit ihnen Brokmans Schläger. Doch hier, mehr als tausend Kilometer von Frankfurt entfernt, konnten sie ihn nicht finden. Heller war davon überzeugt, dass sie seine Spur verloren hatten. Das einzige Problem: Heller brauchte dringend Geld. Denn mit kaum 200 Euro, die er noch in der Tasche hatte, ließ es sich nicht lange überleben.
Mürrisch wälzte er sich zur Seite, versuchte an etwas Schönes zu denken, etwa eine hübsche, dunkelhaarige Frau im kurzen schwarzen Kleid, die ihm am Nachmittag auf der Straße aufgefallen war. Dann schlief er ein. Er schlief lange. Bis er ein lautes Klopfen vernahm.
5.
Edmonton, Borough of Enfield, England, März 1810
Wie die Flügel eines jungen Schmetterlings, der sich geruhsam auf einer Blüte niedergelassen hatte, öffneten sich seine Lider. Sein Herz schlug schnell, erregt von dem süßen Traum, in den er eben noch versunken gewesen war. Hatte er sich gerade noch in seinem Bett gewähnt, so lag er nun in hohem, feucht duftendem Gras, das er weich unter sich spürte. Doch wie mochte er dort hingekommen sein? War er im Schlaf hierher gewandelt? Was geschah nicht alles zwischen Himmel und Erde, Geburt und Tod. Schlafen und Wachen, Träumen und Erleben? Vorstellung und Wirklichkeit flossen ineinander, wie Wasser, Erde, Luft und der unendliche Weltraum.
„Klopf, klopf!“
Keats hob ein wenig den Kopf. Hoch am Stamm, der über ihm aufragte, erblickte er einen Specht, dessen Schnabel rhythmisch in das Holz hackte. Darum herum spannten sich die Äste und Zweige einer alten Buche in alle Richtungen. Erste Knospen grünten an ihren Spitzen. Großmutter hatte erzählt, die Soldaten des Königs hätten vor über hundert Jahren an den kräftigen Bäumen der Gegend Hunderte republikanische Rebellen aufgeknüpft. John schauderte bei dem Gedanken, diese prachtvollen und stolzen Gewächse könnten für solche grausamen Taten missbraucht worden sein, statt als Hort der herrlichen Vögel zu dienen, die sich im Geäst niederließen, Nester bauten und ihre Lieder trällerten. Wie sinnvoll und leicht schien das Dasein der Vögel zu sein, das daraus bestand, den Nachwuchs aufzuziehen, durch die Luft zu brausen und zu singen. Und wie bedrückend war dagegen das menschliche Leben mit seinem Kampf ums tägliche Brot und mit all seinen Sorgen und Nöten. Armut, Ungerechtigkeit, Krankheit und Tod lauerten überall. Ihnen zu entkommen war kaum möglich, und wenn man es schaffte, kam es nicht nur darauf an, zu überleben, sondern aus der Existenz etwas Besonderes zu machen. Doch wie gelang das?
„John!“, rief eine Stimme aus der Ferne. „John, wo bist du?“
Tom, dachte John lächelnd. Doch er wollte sich noch nicht erheben. Er wollte liegen, die Natur betrachten und sich auf diese Weise dem Schicksal entgegenstellen. Vielleicht vergaßen ihn die Übel der Welt und ließen ihn einfach ein angenehmes, langes Leben leben. Zweimal hatte Gott ihn bereits leiden lassen: das eine Mal, als der sogenannte Allmächtige seine Kraft dazu nutzte, Vater vom Pferd stürzen und sich den Schädel brechen zu lassen. Das andere Mal, als er Mutter kurz danach dazu brachte, einen schrecklichen und kaltherzigen Mann zu ehelichen, der Mutters Geld an sich riss. John wusste, dass eine Frau ohne Mann ein hartes Los hatte. Aber dieser Kerl war ein Fehlgriff gewesen. Zum Glück hatte Mutter ihn wieder verlassen und sie waren zu Großmutter gezogen.
Dafür lebten sie nun in noch bescheideneren Verhältnissen und oft wünschte sich John, wohlhabend zu sein. Dem Adelsstand anzugehören als Baron oder Graf, mit einem Titel geboren zu werden, Ländereien und einen Sitz im Parlament zu erben, das schmutzige Spiel der Mächtigen gegen die Armen zu spielen, auf hohem Ross über seine Felder und durch seine Wälder zu reiten, den Untertanen bei der Arbeit zuzusehen und sich niemals fragen zu müssen, wie man am nächsten Tag seinen Magen füllt – war dieses Leben nicht tausendmal angenehmer als das, was die Familie des verstorbenen Stallmeisters Thomas Keats führte? Angenehmer sicherlich, sorgloser ebenso, aber gerecht und gut? Besaß John nicht fast alles, was ein Fünfzehnjähriger zum Leben brauchte? Drei Geschwister hatte er, denen er sich sehr verbunden fühlte. Eine sie umsorgende Großmutter. Ihm wohlgesinnte Lehrer an der Schule. Und eine gütige Mutter, die ihre vier Kinder abgöttisch liebte, so lange sie es vermochte.
Doch John wusste, dass bald der Tag kommen würde, an dem er als ältester Sohn für seine jüngeren Geschwister zu sorgen hätte. Schließlich hatte er ein Alter erreicht, in dem die Kindheit zu Ende war. Er wollte diese Bürde auf sich nehmen, wie es von ihm erwartet wurde, sei es als Schreiber in einem Kontor oder als Apotheker, wie es Mutter wünschte. Und doch verstummte die Stimme in seinem Kopf nicht, die ihm immer wieder zuflüsterte, seine Bestimmung liege in einer anderen Tätigkeit.
„John!“, rief nun eine andere Stimme. Es war die seiner Großmutter. John konnte sich noch immer nicht durchringen, sich aus seinen weichen Kissen aus Gras zu erheben und sich der Wirklichkeit zu stellen. Nun beanspruchte ein kleiner Vogel seine Aufmerksamkeit, der Haken schlagend durch die Luft flog, hinter dem Baum verschwand, wieder auftauchte und sich dann auf einem ausladenden Ast niederließ. Der Vogel hob zu pfeifen an und John fragte sich, ob er es aus Übermut und Freude tat, ob er eine Geschichte erzählte oder ob es jemanden gab, den er damit beeindrucken wollte.
Wenn ich nur mit euch sprechen könnte, dachte er, spitzte die Lippen und versuchte ungeschickt, den Gesang des kleinen Vogels nachzuahmen. Er lächelte über die schiefen Töne, die er hervorbrachte. Doch als hätte der Vogel verstanden, gab er zwei helle Triller von sich, flatterte zwei Runden und verschwand im Himmel.
John blickte dem Vogel mit ernster Miene hinterher.
„Oh Vogel!“, sagte er leise zu sich. „So wie du mir für einen Moment die Sorgen mit deinem Gesang vertrieben hast, möchte ich den Menschen mit Worten die Sinne erhellen.“
„John!“, rief nun wieder eine Stimme. Sie klang fast verzweifelt. „Wo bist du, John? Mutter …!“
John sprang auf, als hätte ihn eine Wespe gestochen, und rannte durch das hohe Gras auf das Haus zu, vor dessen Eingang er Großmutter, seine Brüder Tom und George und seine Schwester Fanny erkannte. Als Großmutter ihn erblickte, winkte sie. John wollte die Geste erwidern, doch ihr strenges und gleichzeitig unendlich sorgenvolles Gesicht hielt ihn davon ab. Atemlos erreichte er die Pforte des kleinen Vorgartens. Die entsetzten Blicke seiner Brüder und das verweinte Gesicht seiner Schwester verrieten ihm sofort, dass etwas Schreckliches geschehen war.
„Mutter?“, rief John und wollte ins Haus. Seine Großmutter versuchte ihn aufzuhalten.
„Bleib!“, forderte sie und stellte sich ihm in den Weg. „Der Doktor ist bei ihr.“
Was hatte der Doktor bei ihr zu suchen? Niemand war in der Lage, so gut für Mutter zu sorgen wie John selbst. Nur er hatte die heilenden Kräfte. Voller Gewissensbisse, sich von seiner sterbenskranken Mutter eine Weile entfernt und träumend im Gras gelegen zu haben, ermüdet von den vielen nächtlichen Stunden an ihrem Bett, entzog er sich den Armen seiner Großmutter und war mit drei Schritten im Haus. Er rannte die Treppe hinauf, durch den kurzen Korridor und riss die Tür zum Zimmer auf, in dem seine Mutter lag. Ein dumpfer Geruch schlug ihm entgegen. Über das Bett der Mutter beugte sich ein schmaler, kleiner Mann im braunen Gehrock. Vom Lärm des Hereinstürzenden erschreckt wandte sich der Doktor um und gab dabei den Blick auf das Bett frei, in dem Mutter seit Wochen lag, zu schwach, das Zimmer oder gar das Haus zu verlassen. John sah ihren zusammengeschrumpften Leib, ihr bleiches, von Schweiß bedecktes eingefallenes Gesicht, und vor allem das, was ihm vom weißen Nachthemd der Mutter und vom Laken auf ihrem Bett rot entgegenleuchtete: unzählige, feine Blutstropfen und Schlieren. Hilfesuchend wandte er sich dem Arzt zu, der schweigend vor ihm stand. John erstarrte. Er kannte dieses Gesicht. Die lange, schmale Nase, die hohe Stirn, die suchenden Augen. So sah nur ein Mensch aus. Er selbst.
Verwundert rieb sich John Keats die Augen. Als er sie das nächste Mal öffnete, saß er auf einem Stuhl neben einem Bett, in dem, mit halbgeöffneten Lidern und dem starren Blick einer Toten, seine Mutter lag.
6.
Heller schreckte aus dem Schlaf, wälzte sich orientierungslos zur Seite und öffnete die Augen. Einen Moment lang wähnte er sich in seinem Appartement in Frankfurt. Er tastete nach seinem alten Radiowecker mit der roten Digitalanzeige, der auf dem Nachtkästchen neben seinem Bett gestanden hatte. Doch er griff ins Leere. Es klopfte. Dann wieder. Und wieder.
„Herein!“, sagte Heller schlaftrunken, doch das Klopfen kam nicht von der Tür, sondern von der Wand am Kopfende des Bettes.
„Ruhe!“, rief er, tat es jedoch recht kraftlos. Sein Kopf schmerzte noch immer.
Nun gesellte sich ein quietschendes Geräusch zu dem Trommeln. Und dann ein zweistimmiges Stöhnen, mal hintereinander, mal gleichzeitig.
Heller verzog den Mund. Die Geräusche kamen offenbar aus dem Nebenzimmer. Er wälzte sich mühsam aus dem Bett, erhob sich und torkelte schläfrig auf das Fenster zu. Mit einem Faustschlag öffnete er die hölzernen Fensterläden. Hitze schlug ihm entgegen, gleißende Helligkeit und der Gestank von Bratfett und Abfall. Ein langgezogener, halbwegs unterdrückter Schrei erklang zu seiner Linken, worauf das quietschende Geräusch erstarb.
Endlich!, dachte er. Heller hasste es, anderen Menschen beim Sex zuhören zu müssen. Das war, als sähe man hungrig dabei zu, wie jemand ein opulentes Mahl verspeiste. Es gab also noch andere Hotelgäste, offenbar ein Liebespaar. Oder Frischvermählte auf Hochzeitsreise. Oder eine Prostituierte mit ihrem Freier.
Heller verwarf die Hochzeitsreisen-Theorie, da ihm das heruntergekommene Hotel für diesen Zweck kaum geeignet schien. Er überlegte, wie lange er nicht mehr mit einer Frau geschlafen hatte. Drei Wochen war das nun schon her. Eine Nacht mit einer Frau nach einem Diskobesuch. An ihren Namen konnte er sich nicht mehr erinnern. Entweder, weil er sie nicht danach gefragt hatte. Oder weil er so betrunken gewesen war, dass er ihn vergessen hatte.
Heller sah auf seine Armbanduhr. Sie zeigte kurz nach halb zehn. Für einen Augenblick nahm er an, dass die Uhr stehengeblieben sei, denn das bedeutete, dass er mehr als fünfzehn Stunden geschlafen hätte. Das war außergewöhnlich lange, selbst für seine Verhältnisse. Doch er hatte keine Termine und niemand wartete auf ihn. Die Zukunft lag wie ein unbeschriebenes Blatt vor ihm.
Heller stapfte ins Badezimmer, warf zwei Kopfschmerztabletten ein und spülte sie mit Leitungswasser herunter. Er duschte sich, zunächst warm, dann so kalt wie möglich, um seinen Kreislauf in Schwung zu bringen. Anschließend kämmte und rasierte er sich sorgsam, rieb sich mit Rasierwasser und Parfum ein und wischte mit dem Handballen über den vom Wasserdampf angelaufenen Badezimmerspiegel, um sich zu betrachten. Er gefiel sich. In seinem Gesicht zeigte sich noch kaum eine Falte und sein dunkelbraunes Haar war voll. Dank früher regelmäßiger Besuche in einem Fitnessstudio war er einigermaßen muskulös, wenn auch nicht übertrieben. Sein Bauch zeigte zwar vom vielen Alkohol in den letzten Jahren einen kleinen Fettansatz, der aber noch keine bedrohlichen Ausmaße angenommen hatte. Seine Nase war gerade und wenn er lächelte, zeigten sich schöne, weiße Zähne. Sein Trumpf jedoch waren seine blauen Augen. Alles in allem war Heller sich seiner Attraktivität bewusst. Aber er war pleite, und diese Tatsache bedrückte ihn. Welche Frau mochte etwas mit einem Mann ohne Geld anfangen?
Heller kleidete sich rasch an, Jeans und ein weißes Hemd. Er war froh, dass er bei seiner überstürzten Abreise aus Frankfurt zumindest Kleidung für ein paar Tage eingepackt hatte. Sein knurrender Magen erinnerte ihn daran, dass er dringend etwas frühstücken musste. Als letztes nahm er noch sein Handy, ein altes und einfaches Gerät, und steckte es in seine Hosentasche. Sein teures Smartphone hatte er beim Pokern verloren.
Er verließ sein Hotelzimmer und stieg zur Rezeption hinunter. Noch auf der Treppe glaubte er, von unten erst eine männliche Stimme, dann Schritte zu hören, die sich entfernten. Als er die Rezeption erreichte, war sie leer. Einen Moment hielt er inne und sah zur Tür der Hotelbesitzerin hin. Musik dudelte dahinter. Sonst waren keine Geräusche zu vernehmen.
Heller stieg die letzten Stufen zum Ausgang des Hotels hinab und ins helle Sonnenlicht hinaus. Im nächstbesten Eck-Café kehrte er ein und bestellte bei einer jungen, hübschen Frau einen Espresso, ein Bier und ein Schinkensandwich. Er versuchte mit der jungen Kellnerin, die lange dunkelbraune Haare und braunen Teint hatte, zu flirten, doch sie ging nicht darauf ein. Während er auf Essen und Getränke wartete, sah er zu einem Fernseher hinüber, der an einer Wand im Café angebracht war. Er gab zwar keinen Ton von sich, jedoch flackerten Bilder über den Schirm, offensichtlich eine Nachrichtensendung, denn eine Ansagerin wechselte sich mit kurzen Filmberichten ab, die das Weltgeschehen an einem durchschnittlichen Tag zeigten: explodierende Gebäude in irgendeinem Krieg, Männer mit Gewehren, Hungernde, Dürre an dem einen, eine Flutkatastrophe an einem anderen Ort, Politiker, die sich die Hände schüttelten, Politiker, die Reden hielten. Schwankende Börsenkurse, die Heller daran erinnerten, dass er vor zwei Wochen noch in einer Frankfurter Bank unbedarften und leichtsinnigen Kunden bescheuerte Aktienpakete verkauft hatte. Den Job war er los, nachdem er ein wenig zu oft angetrunken zur Arbeit gekommen war und Kunden allzu unfreundlich behandelt hatte. Ihre Dummheit war für ihn unerträglich gewesen.
Die Kellnerin brachte Espresso, Bier und das Sandwich. Als er den Kaffee getrunken und einen ersten Schluck Bier zu sich genommen hatte, holte er sein Handy aus der Hosentasche. Bei seinem Anblick ärgerte er sich, denn es kam ihm wie ein Symbol seines sozialen Abstiegs in den vergangenen Wochen vor. Solche aus der Mode gekommenen Geräte trugen nur alte Menschen bei sich oder Leute, die der modernen Technik zutiefst misstrauisch begegneten. Oder eben arme Schlucker. Obwohl mit diesem Handy, im Gegensatz zu seinem verlorenen schicken Smartphone, wenig anzufangen war, schaltete er es an. Es dauerte einen Moment, bis das Telefon sich in ein italienisches Mobilfunknetz eingeklinkt hatte, dann vibrierte es. Er hatte eine Nachricht bekommen. Als er ihren Inhalt las, zuckte er zusammen.
„In 48 Stunden hab’ ich mein Geld oder du bist tot. Ich finde dich! Egal wo du dich versteckst. Brokman“
Heller starrte ungläubig auf den Text und las ihn noch einmal Wort für Wort. Er fing leicht zu zittern an. Dann hob er den Blick und sah sich prüfend zu allen Seiten hin um. Woher hatte Brokman seine Telefonnummer? Konnte er wissen, wo Heller sich befand? Dann aber schüttelte er ärgerlich den Kopf. Das war unmöglich. Hier in Rom war er sicher. Heller schüttete sich das Bier in die Kehle, zahlte schnell und verließ das Café.
Auf der Straße ließ er noch einmal den Blick in alle Richtungen schweifen. Brokmans Drohung ängstigte ihn. Der Russe war für zwei Dinge bekannt: Hartnäckigkeit und Brutalität. Bei vierstelligen Schulden, die nicht rechtzeitig bezahlt wurden, ließ er seinen Opfern normalerweise einen Arm brechen oder ein bis zwei Knie zertrümmern. Jenen Pechvögeln, deren Schulden im fünfstelligen Bereich lagen, war dringend geraten, die Summe unverzüglich zurückzuzahlen. Die wenigen Menschen, die das nicht getan hatten, lebten nicht mehr.
Es gab keine Alternative. Heller brauchte Geld. Egal wie. Und wenn er dafür jemanden ausrauben musste.
7.
Tanyrallt, Wales, 27. Februar 1813, kurz vor 4 Uhr morgens
Shelley umklammerte die beiden hölzernen, an den Griffen mit Messing verstärkten Pistolen, die auf seinem Schoß lagen. Sie waren geladen, denn er war bereit, den Tod abzuwehren, wenn er sich noch einmal hinterhältig anschleichen würde. Mit einem Nachthemd bekleidet und eingehüllt in eine Wolldecke saß der Zwanzigjährige in einem Sessel nahe dem Kamin, in dem Holzscheite glühten. Der Wärme des Feuers gelang es nur teilweise, die kalte Luft, die durch die Fensterritzen von außen in das Zimmer drang, im Zaum zu halten. Draußen stürmte es, der Wind brauste laut wie die Brandung mächtiger Wellen, die sich auf Felsen zerschlug, und der Regen prasselte unaufhörlich gegen die Scheibe und auf das Dach des kleinen Landhauses, in dem Shelley mit seiner jungen Frau Harriet und deren Schwester Elizabeth seit gut fünf Monaten Zuflucht gefunden hatte. Der Aufenthalt, der so hoffnungsfroh begonnen hatte, belastete ihn inzwischen. Denn er wusste, dass man ihn von hier vertreiben wollte. Dass man ihn beobachtete. Dass man ihn verfolgte! Viele Menschen ertrugen nicht, wenn man ihnen die Wahrheit sagte – die Wahrheit über ihr falsches Denken und ihr unmoralisches Handeln. Die Welt der Menschen war eine Welt voller Missgunst, Gier und Unterdrückung, für die es keine Rechtfertigung gab. Die Mächtigen und Reichen beanspruchten selbstherrlich für sich, was sie den Machtlosen und Armen verweigern wollten. Dabei war jeder Mensch von Geburt an gleich, nur die Verhältnisse schufen Hierarchien der Beherrschung und Ausbeutung. Der Kampf gegen diese ungerechten Verhältnisse war auch Shelleys Kampf. Er focht ihn in Taten. Und mit Poesie!
Shelley blickte auf das kleine Tischchen neben sich, auf das er einige Manuskriptseiten seines Gedichts Queen Mab gelegt hatte. Er war sich nicht sicher, ob das Werk sich bereits eignete, der Öffentlichkeit vorgestellt zu werden. Er spürte, wie wichtig es ihm war, seine Gedanken in Poesie zu gießen. Doch konnte man damit die Menschen besser erreichen, als durch direkte politische Aktionen, durch Pamphlete, heißblütige Reden und die Revolte? Durch den Kampf?
Shelley lächelte matt, als er die ersten Zeilen seines Gedichts überflog.
How wonderful is Death,Death and his brother Sleep!One, pale as yonder waning moon,With lips of lurid blue;The other, rosy as the mornWhen throned on ocean’s waveIt blushes o’er the world:Yet both so passing wonderful!
Wie wundervoll ist der Tod,der Tod und sein Bruder, der Schlaf!Der eine, bleich wie der abnehmende Mond,Mit Lippen von grellem Blau;Der and’re, rosig wie der MorgenAuf des Ozeans Wellen thronendEr errötet über der Welt:Und doch sind beide, für diesen MomentWundervoll!
Shelley war nicht zufrieden. Zu viele Fehler waren in dem Werk. Die enthaltenen Ideen wollten zwar ausgesprochen und bedacht werden, denn sie waren allesamt bedeutsam. Doch die wortreiche Hülle, in die er sie gekleidet hatte, schien ihm nicht recht gelungen. Und dann wieder: jemand musste die Wahrheit in die Welt hinausschreien, damit die Unterdrückten sich ihrer Situation bewusst wurden und dagegen aufbegehrten. Wer sollte es tun, wenn nicht er: Percy Bysshe Shelley?
Nature rejects the monarch, not the man;The subject, not the citizen; for kingsAnd subjects, mutual foes, forever playA losing game into each other’s hands,Whose stakes are vice and misery. The manOf virtuous soul commands not, nor obeys.Power, like a desolating pestilence,Pollutes whate‘er it touches; and obedience,Bane of all genius, virtue, freedom, truth,Makes slaves of men, and of the human frameA mechanized automaton.
Die Natur verstößt den König, nicht den Mann,den Untertan und nicht den Bürger, denn Königeund Untertanen steh’n sich feindlich gegenüberund spielen miteinander doch ein Spiel, das ohne Sinnund dessen Einsatz Leid und Elend sind.Ein Mensch mit tugendhafter Seele befiehlt nicht,noch gehorcht er. Denn Macht vergiftet, wie die Pest,alles, was sie berührt. Und Gehorsam,der Fluch über Genie, Tugend, Freiheit, Wahrheit,macht aus den Menschen Sklaven undaus der Menschen Körper eine kalte Maschine.
Shelley erbebte angesichts seiner eigenen Worte. Nachdenklich starrte er in das glutorangene Feuer des Kamins. Seine Augen brannten und er fühlte sich vom Laudanum, das er geschluckt hatte, um seine angegriffenen Nerven zu beruhigen, benommen. Es war, als züngelten in der Kaminöffnung die Flammen der Hölle herauf, die brannten wie der Schmerz, den er in seinen Gliedern spürte. Sein Körper war schwer und sein Geist so schläfrig, dass seine Lider immer wieder zuzufallen drohten. Und immer, wenn das geschah, reckten sie wieder ihre Köpfe: die Dämonen und fahlen Spukwesen der Dunkelheit.
Einer davon fuhr in ein loderndes Holzscheit, ließ es geräuschvoll zerbersten und schleuderte kleine Glutstückchen auf den Boden vor dem Kamin. Shelley schreckte hoch. Hatte er da draußen nicht noch einen anderen Laut vernommen? Ein Knirschen und Knarren? Er starrte zum Fenster, die Pistolen umklammernd. War der Attentäter zurückgekehrt, der in dieser Nacht bereits einmal aufgetaucht war und auf ihn geschossen hatte? Wollte der Lump sein Werk nun vollenden? Shelley hob die Pistolen und zielte auf das Fenster. Ihm klang die raue, hasserfüllte Stimme des Banditen noch im Ohr.
„Ich werde deine Frau töten! Ich werde ihre Schwester schänden!“
Shelley erzitterte beim Gedanken an die boshafte Fratze des Lumps. Sie mussten auf der Hut vor seiner Rache sein.
Als sich nichts rührte, ließ Shelley die Waffen wieder in seinen Schoß sinken. Den schweren Kopf zur Tür wendend, hielt er nach seinem treuen irischen Diener Ausschau, der nun schon eine ganze Weile fort war. Ohne ihn fühlte Shelley sich nicht recht wohl. Es war gut, Dan wieder im Haus zu haben. Acht Monate hatte er im Gefängnis verbracht, acht lange Monate, weil er für Freiheit und Gerechtigkeit für sein von der englischen Krone unterdrücktes Volk kämpfen wollte.
Shelley dachte an das, was Dan ihm von seinem Aufenthalt im Gefängnis erzählt hatte, von den Schicksalen der Mitgefangenen und von der Härte der Wärter. Sie hatten über die Leiden der irischen Bevölkerung jenseits des Meeres gesprochen, die von den britischen Truppen drangsaliert und ausgebeutet wurden. Shelley hatte ihm gesagt, dass auch in England die Unterjochten aufbegehrten, und ihm von den jüngsten Kämpfen der englischen Weber und Spinner berichtet, die sich nun mit Gewalt gegen jene neuen Maschinen wandten, die sie überflüssig zu machen drohten – Maschinen, die statt der Menschen Stoffe webten und spannen und die in der Zeit, in der ein Weber ein Hemd herstellte, zehn produzierten. Den Gewinn strich sich der Manufakturbesitzer ein, die Weber verloren ihre Arbeit und verarmten. War das der sogenannte Fortschritt?
Dann hatten sie von Napoleon gesprochen, der im vergangenen Sommer mit seiner riesigen Armee in Russland gegen Zar Alexander gekämpft hatte und gescheitert war. Napoleon hatte im letzten Jahrzehnt Europa erobert, nun aber schickten sich die Monarchen an, ihre Throne zurückzuerlangen. Die Errungenschaften der französischen Revolution drohten sämtlich wieder verloren zu gehen. War es nun an den einfachen Menschen selbst, ihr Schicksal in die Hand zu nehmen? Das Volk, davon war Shelley überzeugt, musste seine Trägheit abschütteln und aufbegehren. Und es musste das Licht erkennen, das die Menschen ihrem Glück entgegenführen würde. Die Menschen mussten zu moralischen, zu guten und liebenden Wesen werden, damit die Ungerechtigkeit endlich ein Ende fand!
Ein erneutes Knacken, das von der Veranda kam, ließ Shelley aufhorchen. Der Fensterladen hatte gewackelt, der Vorhang sich bewegt. War es nur ein Windstoß?
Shelley sprang auf. Die Pistolen fest umklammert, eilte er zu dem großen Fenster, hinter dem die Veranda und der Garten lagen. Er starrte durch die Scheibe und mitten in das Gesicht eines Mannes, hässlich, grobschlächtig, der Shelley hasserfüllt entgegenblickte. Ein lauter Knall ertönte. Glas splitterte. Noch ein Knall. Die Mündungsfeuer von Pistolen. Schreie in der Nacht.
„Hinfort, du Teufel!“
Erschüttert betrachtete Shelley den Rauch, der von seinem Revolver aufstieg, und die geborstene Scheibe des Fensters. Er schien den Mann in die Flucht geschlagen zu haben. Schritte näherten sich. Jemand rief nach ihm. Es war Dan. Shelley fuhr herum. Sein Diener hielt in jeder Hand eine Pistole.
„Sind Sie verletzt?“, rief der junge Mann. Shelley starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an.
„Da!“, sagte Dan und stierte auf das Nachtgewand seines Herrn. Er trat näher und berührte den Stoff. Nun sah auch Shelley das rußgeschwärzte Loch an seiner Seite. Er atmete tief durch. Die Mächte des Lebens hatten ihn vor den Mächten der Finsternis beschützt.
Nun stürzten zwei Frauen mit entsetzten Gesichtern in die Stube. Harriet und ihre Schwester Elizabeth. Beide fuchtelten mit den Armen, als wäre ein Dämon in sie gefahren, und plapperten mit hohen Stimmen durcheinander. Nachdem sie sich hatten berichten lassen, was geschehen war, wurden die Frauen totenbleich und forderten, man müsse so schnell wie möglich fliehen. Fort aus Tanyrallt! Fort aus Wales! Doch Shelley blieb stumm. Denn wo konnte er sich seines Lebens sicher sein, wenn mächtige Gegner seinen Tod wollten?
8.
Benjamin Heller glaubte weder an Vorsehung noch das Wirken irgendwelcher verborgener Mächte. Erstaunt war er aber doch, als nach einem ziellosen kleinen Stadtbummel durch die Straßen und Gassen von Rom sein Blick auf ein rosafarbenes Eckhaus fiel, an dem ein großes rotes Plakat hing. Darauf waren drei Gesichter abgebildet, neben denen folgende Worte geschrieben standen: Keats-Shelley-House. Museum.
Heller meinte im ersten Moment, sich verlesen zu haben. Doch auch bei zweiter Betrachtung blieben die Worte auf dem Plakat die gleichen. Ein Museum hatte man also den beiden toten Dichtern vom Friedhof gewidmet. Aber was gab es in solch einem Haus zu sehen? Gedichte? Irgendwelche Bücher? Die Stifte, mit denen sie ihre geistigen Ergüsse geschrieben hatten? Ihre Unterhosen?
Heller grinste. Das Haus lag an einem großen Platz, der von vielen alten Häusern gesäumt war, und am Fuße einer breiten Treppe. Vor der Treppe plätscherte Wasser in einem großen Brunnen. Er hatte die Form eines Bootes und schien eine Attraktion zu sein, denn er wurde von zahllosen Touristen umringt. Auf der breiten Treppe tummelten sich stehend und sitzend Hunderte von Menschen.
Heller sah noch einmal zu dem rosafarbenen Haus hin und hätte fast doch an schicksalshafte Kräfte geglaubt. Denn in dem Moment näherte sich eine Frau, die er, trotz der Sonnenbrille, die sie auf der Nase trug, des mausgrauen Kleides und der zu einem Dutt hochgebundenen Haare, sofort wiedererkannte. Es war die Engländerin vom Friedhof. Wie eine Touristin wirkte sie nicht, eher wie eine strenge Lehrerin oder eine Sekretärin auf dem Weg zur Arbeit. Zielstrebig trat sie in das Museumsgebäude.
Heller überlegte, was er tun solle. Er hatte Hunger und schon wieder Durst, obwohl er sich vorhin in einem Café noch ein Bier genehmigt hatte. Irgendwie reizte ihn aber auch der Gedanke, der Engländerin noch einmal auf die Nerven zu gehen. Außerdem war es in dem Gebäude mit Sicherheit kühler als hier draußen.
Er lief zu dem Haus hinüber, zögerte noch einen Moment, dann trat er durch die Eingangstür, durch die ihm wohlig kalte Luft entgegenströmte. Am Ende eines Korridors lag eine schmale Treppe. In der zweiten Etage stand eine Tür offen, hinter der eine ältere Frau hinter einem Tischchen saß. Sie las in einer Zeitschrift, von der sie jedoch aufblickte, als Heller herantrat.
