Das Gegenteil eines Menschen - Lieke Marsman - E-Book

Das Gegenteil eines Menschen E-Book

Lieke Marsman

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Beschreibung

»Wenn der Mensch schlecht war und ich gut sein wollte, musste ich irgendwie zusehen, dass ich das Gegenteil eines Menschen war.« Wie ist es um unsere Fähigkeit bestellt, die großen Fragen unserer Zeit anzugehen? Klimawissenschaftlerin Ida treibt genau diese Frage um. Für ein Forschungsprojekt reist sie in die norditalienischen Alpen und erkundet in der Einsamkeit der Natur, was ihre Fähigkeit zu lieben mit all dem zu tun hat. Ein stilistisch einzigartiger Roman einer talentierten neuen Stimme aus den Niederlanden: relevant, tiefschürfend und originell. Ida, eine junge Klimawissenschafterin aus Amsterdam, malt sich als Kind häufig aus, eine Gurke zu sein − ihr Lieblingsgemüse, das zwar wächst, aber nicht fühlt. Jahre später stellt sie ihr biologisches Geschlecht in Frage und hinterfragt eindringlich das gegenwärtige Verhältnis von Mensch und Natur. Wie findet man seinen Platz in einer Welt, deren Bevölkerung existenzielle Fragen der Erderwärmung am liebsten auf morgen verschiebt? Ida verlässt Amsterdam für ein Forschungsprojekt in den norditalienischen Alpen, wo ein künstlicher Staudamm gesprengt werden soll. Doch der Preis für die neue Erfahrung ist hoch, denn sie lässt ihre Freundin Robin in Amsterdam zurück, was die Liebe der beiden Frauen auf eine harte Probe stellt.  »Ein außergewöhnlicher und mitreißender Ideenroman« Handelsblad »Die Originalität und die Athmosphäre, die Marsmans Lyrik auszeichnen, prägen auch ihren Roman.« De Volkskrant »Marsman ist eine herausragende Stilistin. Ihre Bereitschaft, mit Formen zu experimentieren, macht ihr Werk einzigartig.« Het Parool »Ein verblüffend spielerischer Roman und ein hochaktuelles Ideengebäude. Jede Seite ist einzigartig, und doch ist der Ton trotz der Fülle an stilistischer Variation bemerkenswert konsistent.« De Groene Amsterdammer

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EPUB
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Seitenzahl: 142

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Lieke Marsman

Das Gegenteil eines Menschen

Roman

Aus dem Niederländischen von Christiane Burkhardt und Stefanie Ochel

Klett-Cotta

Impressum

Diese Publikation wurde durch die Niederländische Stiftung für Literatur gefördert.

Dieses E-Book basiert auf der aktuellen Auflage der Printausgabe.

Klett-Cotta

www.klett-cotta.de

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel »Het tegenovergestelde van een mens«

im Verlag Atlas Contact, Amsterdam

© 2017 by Lieke Marsman

Für die deutsche Ausgabe

© 2022 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung

Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart

Alle Rechte vorbehalten

Cover: ANZINGER UND RASP Kommunikation GmbH, München

unter Verwendung einer Abbildung von © Rocío Montoya Doblas

Gesetzt von C.H.Beck.Media.Solutions, Nördlingen

Gedruckt und gebunden von GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 978-3-608-96591-9

E-Book ISBN 978-3-608-11922-0

EIN MORGEN

dieser morgen

der eine bedrohliche zeitlosigkeit

ausstrahlt

so als müsste man erfahren

dass dieser sommer seit 1986

derselbe ist

so als könnte man länger als eine sekunde

auf etwas zeigen

dieses licht

das aus der vergangenheit zu kommen scheint

als ob dort jemand mit einem spiegel steht

und es zu uns zurückwirft, licht

und dann derselbe spiegel

der ungeschickt versucht

das licht festzuhalten

doch es läuft davon, licht

wegen dem was es heißt

ein spiegel zu sein

so wie zwei menschen

die sich eines morgens verlassen

wegen dem was es heißt

zwei menschen zu sein

man könnte natürlich einen weiteren spiegel

gegenüberstellen

um es zurückzuwerfen, licht

um sie aufzuhalten, mensch

aber dieses unendliche zurückweichen:

spiegel und spiegel

mensch und mensch

DRINNEN BLEIBEN

1.

Als Kind stellte ich mir gern vor, ich wäre eine Gurke. Abends lag ich mit den Armen eng am Körper unter meiner Dinosaurierdecke und versuchte, mal kerzengerade, mal mit leicht angezogenen Beinen, die Form meines Lieblingsgemüses anzunehmen. Bin eine Gurke, bin eine Gurke, bin eine Gurke, flüsterte ich meinem achtjährigen Ich zu, bis mir aufging, dass Gurken nicht flüstern können. Also sagte ich das Mantra nur noch still im Kopf auf, bis mir wieder einfiel, dass innere Rede auch nicht funktioniert. In aller Regel war ich da aber schon in einen tiefen, süßen Schlaf gefallen. Damals war Achtsamkeit übrigens noch kein Begriff und auch Meditieren war etwas so Exotisches, dass die meisten Menschen schon beim Gedanken daran in Panik verfielen.

Ich wohnte mit meinen Eltern und meinem Bruder Carl in einem Neubaugebiet am Rande einer mittelgroßen Provinzstadt. Die Häuser in unserer Straße waren aus weißem, mit hellgrauem Zement verfugtem Backstein. Fenster- und Türrahmen hatten die meisten Anwohner in Blau, Gelb oder Rot gestrichen: Primärfarben, die sich grell vom Weiß der Steine abhoben. Es war eine kinderreiche Gegend, darum durften die Autos nur dreißig fahren. Wenn die Familienkutschen auf dem Weg zur Schule oder zur Arbeit vorbeirollten, wirkten sie wie schwerfällige Tiere: grasende Bisons in einer Steppe aus geraden Bordsteinkanten und Basketballplätzen. Nur abends hörte man manchmal ein Auto beschleunigen, ganz selten auch mal einen Motorroller.

Von ihrem Urlaubsgeld kauften sich die Leute aus unserer Straße einen neuen Sonnenschirm oder einen neuen Kärcher. Oder eben eine Reise. Wie wir machten die meisten Nachbarn Urlaub im eigenen Land, im Bungalowpark in der Veluwe oder auf einem Campingplatz an der Nordseeküste, aber ab und zu bog Ende August auch mal ein Wohnwagen mit einer sonnengebräunten Familie in die Straße ein, der samt Faltpavillon drei Wochen auf einer spanischen Wiese gestanden hatte. Sie sollte dann beim alljährlichen Nachbarschaftsgrillen am ersten Septemberwochenende für Aufsehen sorgen.

Mein Zimmer maß nur acht Quadratmeter, dafür gehörte es mir ganz allein. Darin standen ein Bett, eine kleine dunkelgrüne Kommode und ein Ikea-Schreibtisch. Weil ich in meinen Mitschüler P. verliebt war, hatte ich seinen Namen in den Schreibtisch geritzt (auf der Rückseite, wo ihn nie jemand lesen würde). Als Kleinkind hatte ich auf einer bunten Tupfentapete bestanden, die aussah wie ein endloser Konfettiregen, und so war neben der Gurkenfantasie das Abpiddeln von Tapetenfetzen mein zweites Einschlafritual.

Sich vorzustellen, wie es ist, ein Ding zu sein, ein Gemüse, eine Gurke – etwas, was zwar wächst, aber nicht fühlt, stellt das Empathievermögen auf die härteste Probe. Meist verstehen wir unter Empathie: nachfühlen, was ein anderer fühlt. Aber sich in etwas einzufühlen, was keine Gefühle hat – das erfordert, gar nichts zu fühlen. Und damit meine ich nicht, dass man eine Weile von Alltagsemotionen verschont bleibt, sondern dass einem jedes Fühlen unmöglich geworden ist.

Oft hält man den Moment, in dem ein Kind merkt, dass sich etwas an ihm verändert, für den Moment, in dem es sich seiner Identität bewusst wird. Für mich jedoch war der Moment, in dem ich begriff, dass ich nichts und niemand anders sein konnte, derjenige, in dem ich mich erstmals einer kritischen Inspektion unterzog. Wenn man niemand anders sein kann, muss man wenigstens dafür sorgen, möglichst man selbst zu sein. Schon möglich, dass diese Art Nabelschau ein Ausdruck von Narzissmus ist, sie könnte aber genauso gut ein Ausdruck von Bescheidenheit sein. Schließlich ist man selbst der einzige Gegenstand, über den man eine gewisse Autorität hat. Jedwede Äußerung zu einem anderen Thema wäre in diesem Fall reine Anmaßung.

Das Ergebnis meiner Inspektion, notiert in einem kleinen Heft, lautete wie folgt:

Ida, 8 Jahre

Schwarze Haare

1 m 28,5 cm

Wird einmal Professorin oder Direktorin

Große Muttermale an der linken Hüfte und der linken Schulter

Eine große Narbe am rechten Arm (Stacheldraht)

Eltern: 2

Bruder: Carl, 12 Jahre

Hobbys: Lesen, Zeichnen

Held: Donald Duck

Lieblingsgemüse: Gurke

Inzwischen würde das Ergebnis einer ähnlichen Überprüfung wie folgt lauten:

Ida, 29 Jahre

Schwarze Haare, erster Graustich

1,76 m

Wird vorerst weder Professorin noch Direktorin

Sondern Klimatologin

Arbeitslos, aber egal

Große Muttermale an linker Hüfte und linker Schulter sowie viele kleine über den ganzen Körper verteilt

Eine Tätowierung (seitlich am Brustkorb)

Eine große Narbe am rechten Arm (Stacheldraht), eine große Narbe am linken Knie, ziemlich viele kleine Narben

Hobby: Lesen

Heldin: Naomi Klein

Lieblingsgemüse: Brokkoli

2.

»Wann geht’s denn endlich los?«, frage ich.

»Keine Ahnung.«

»Es hätte schon vor einer Viertelstunde anfangen sollen.«

»Vielleicht hat jemand einen Blackout.«

»Oder einen Herzinfarkt.«

»Warte, ich glaube, das Licht wird gedimmt.«

Die Frau auf dem Platz neben mir habe ich vor einer Woche auf dem Geburtstag unseres gemeinsamen Freunds Steven kennengelernt, der dafür berüchtigt ist, sich überall Geld zu leihen und es nie oder aber in Form von Dingen zurückzugeben, um die man nie gebeten hat. Als er mich in sein Schlafzimmer mitnahm, um mir ein uraltes Badminton-Set zu zeigen – er schuldete mir noch achtzig Euro –, sah ich sie zum ersten Mal. Sie stand in der Küchentür, ganz allein, aber nicht so, dass sie Mitleid erregt hätte: eine zierliche, gut aussehende Frau in Jeans, eine Hand in die Seite gestemmt. Sie sah mir direkt in die Augen. Es dauerte einen Moment, bis ich merkte, dass Steven an meinem Ärmel zerrte und über die Musik hinweg meinen Namen brüllte.

Den weiteren Abend über war ich mir ihrer Anwesenheit schmerzlich bewusst. Zum Glück nahm dieses Bewusstsein im selben Maße ab, wie die von mir konsumierte Alkoholmenge zunahm, sodass ich es gegen ein, zwei Uhr dann doch noch wagte, sie anzusprechen. Sie stellte sich als Robin vor. Sie war zweiunddreißig, lebte erst seit Kurzem in Amsterdam und promovierte über den italienischen Schriftsteller Giacomo Leopardi. Nach einer Anekdote über sein unglückliches Liebesleben (»Die Liebe seines Lebens hat ihm einen Korb gegeben, weil er so gestunken hat!«) bat ich sie mithilfe einer lahmen Überleitung, die sich auf mein eigenes unglückliches Liebesleben bezog (»Aber ich stinke nicht, soweit ich weiß.«) um ein Date.

Und jetzt sitzen wir hier, in diesem großen Theatersaal, in dem die Beleuchtung soeben gedimmt wurde. Ab und zu berühren sich unsere Oberschenkel, die Aufführung von Michel Houellebecqs Elementarteilchen kann jeden Moment beginnen. Im letzten bisschen Licht tun wir so, als vertieften wir uns in den Flyer, der uns an der Tür in die Hand gedrückt wurde. Demnächst findet im kleinen Saal ein asiatischer Filmnachmittag statt, lese ich. Ich nehme einen zu großen Schluck Bier und muss husten.

Der Vorhang geht auf, laute House-Musik ertönt. Ein Mann mittleren Alters betritt langsam die Bühne und ruft der Frau, die ungefähr zehn Meter hinter ihm geht, etwas zu. Sie hat die gleiche schwarze Kurzhaarfrisur wie Robin. Ich blinzle mehrmals, weil irgendwo ein Spot angeht.

Ab und zu gelingt es mir, mich von den Dialogen und Monologen der Schauspieler mitreißen zu lassen, doch vor allem nach der Pause schweife ich gedanklich ab. Mir geht der Artikel über Atombomben, den ich am Nachmittag gelesen habe, einfach nicht aus dem Kopf. Ein Blitz, heißt es. Ein Blitz, und wenn man Glück hat, hört man anschließend noch ein Donnern wie bei einem Gewitter, aber die meisten dürften das schon nicht mehr mitbekommen. Vor wenigen Wochen habe ich mein Studium der Geowissenschaften abgeschlossen und heute Morgen im Sekretariat mein Diplom abgeholt – endlich kann ich wieder selbst bestimmen, womit ich mich beschäftigen will. Und aus irgendeinem Grund fiel meine erste Wahl auf Nuklearkatastrophen.

Die Schauspieler machen eine letzte tiefe Verbeugung. Robin nimmt meine Hand und fragt, wie ich die Vorstellung fand.

Im Theater wäre der Blitz nicht zu sehen auch wenn ich mir da nicht ganz sicher bin, schließlich soll er mindestens tausend Mal so hell sein wie ein Gewitterblitz, und wer weiß, vielleicht steht ja irgendwo eine Tür offen.

»Gut«, sage ich. »Richtig gut. Der Schauspieler mit den langen Haaren hat mich echt berührt.«

Ich lächle der Garderobenfrau zu und reiche ihr meine Nummer. Der Codename des Flugzeugs, das die Hiroshima-Bombe abwarf, lautete dimples, sprich Lachgrübchen. Bei unseren Fahrrädern verabschieden wir uns. Ich verspreche Robin, sie bald anzurufen. Dann beugt sie sich zu mir und küsst mich flüchtig auf den Mund.

Zu Hause rufe ich den Teletext auf, um zu gucken, ob es irgendwelche Big News gibt. In diesem Fall ist der gesamte obere Teil der Seite einem einzigen Thema gewidmet oder eine Schlagzeile in Großbuchstaben geschrieben. Big News kann alles Mögliche sein, aber wenn man es über Teletext erfahren muss, darf man wenigstens davon ausgehen, dass es sich nicht in nächster Nähe ereignet hat. Heute drehen sich die wichtigsten Nachrichten um die Tarifverhandlungen, die schon länger in einer Sackgasse stecken, und um einen Brand in der Altstadt von Zwolle. Ich drücke den Teletext weg und lande bei einem Fußballspiel, gerade bekommt ein Verteidiger wegen eines missglückten Tacklings die Rote Karte. Seine Mitspieler sind sauer, aber dann schießen sie völlig unerwartet doch noch das entscheidende Tor. Der Stürmer, der getroffen hat, ist außer sich vor Freude und zieht sein Trikot aus, wofür auch er eine Karte bekommt.

Neben Hunger, Durst und Lust auf Sex ist auf den unbeirrbaren Rhythmus der Sportsendungen am meisten Verlass: Was auch passiert, es gibt jeden Tag Sport. Sollte nächsten Dienstag eine Atombombe über China abgeworfen werden, würden die europäischen Ligen am Wochenende darauf ganz normal weiterspielen – mit Trauerflor am Arm.

3.

Ich habe ein paar Semester Politologie studiert, weshalb ich den Klimawandel anfangs vor allem aus politisch-philosophischer Sicht interessant fand. Wie lässt sich ein Problem wie die Erderwärmung, das eine langfristige Lösung erfordert, mit der Kurzsichtigkeit der politisch Verantwortlichen vereinbaren? Selbst wenn sich die ganze Welt einig wäre, dass etwas gegen den Klimawandel unternommen werden muss, will keine Regierung die erste oder einzige sein, die sich durch Umweltschutzmaßnahmen zusätzliche Kosten aufbürdet. Ein echtes Gefangenendilemma, so das Fazit fast jeder Vorlesung.

Irgendwann hingen mir all die theoretischen Texte zum Hals raus. Auf dem Papier klangen die Analysen und Lösungen, die sich die Politologen ausdachten, großartig, aber in der Praxis – na ja, von Praxis konnte keine Rede sein. Ich fragte mich, inwiefern sich die Regierenden auch nur ansatzweise von dem wahnsinnigen Papierausstoß beeindrucken ließen, der Jahr für Jahr von der Fakultät produziert wurde, beantwortete die Frage mit »gar nicht« und beschloss, in einen Studiengang zu wechseln, von dem ich mir mehr Realitätsbezug erhoffte. Daher schrieb ich mich im letzten Jahr meines Bachelorstudiums für Future Planet Studies als Nebenfach ein, verbrachte dann ein Jahr damit, meine naturwissenschaftlichen und mathematischen Kenntnisse aufzufrischen, und bekam schließlich einen Platz im Masterstudiengang Geowissenschaften. Statt mit Politik konnte ich mich jetzt mit dem beschäftigen, wovon politische Entscheidungen gelenkt werden: Daten.

Zu Beginn dieses Studiums stieß ich auf Naomi Kleins Buch Die Entscheidung: Kapitalismus vs. Klima (ein Buch, das für mich tatsächlich einiges entschied). Laut Klein hat die Forschung gezeigt, dass die Bereitschaft, an die Existenz des Klimawandels zu glauben, von der Lösung abhängt, die man für das Problem vorschlägt. Liberal-Konservative sind beispielsweise durchaus bereit zu glauben, dass der Mensch das Klima beeinflusst, wenn man den Bau weiterer Atomkraftwerke als Ausweg empfiehlt. Wohingegen eine Verringerung der CO2-Emissionen durch den Umstieg auf Wind- und Sonnenenergie ihre Klimaskepsis eher noch vergrößert. Man könnte also sagen, dass die Politik tatsächlich häufig von Daten gelenkt wird, aber erst, nachdem politische Entscheidungsträger die Daten gelenkt haben.

Nach unserem ersten Date sehen Robin und ich uns regelmäßig, schon bald übernachten wir auch unter der Woche beieinander. Während sie immer mehr Stress mit ihrer Doktorarbeit hat, habe ich das erste Mal seit Jahren kaum etwas zu tun. Aus reiner Langeweile räume ich stundenlang die Wohnung auf. Ich fange sogar an, meine Socken und Unterhosen zu bügeln. Immerhin war mein wissenschaftlicher Betreuer hellauf begeistert von meiner Abschlussarbeit: Der Einfluss von Fracking auf die Deichqualität in Noord-Holland ist seiner Meinung nach ein hochaktuelles Thema.

In einem Interview mit der Unizeitung erkläre ich, dass viele Konzerne mit hohen CO2-Emissionen nach wie vor staatlich gefördert werden, darunter Ölfirmen und Massentierhaltungsbetriebe. Weltweit werden jährlich mehr als fünftausend Milliarden Dollar an Fördergeldern in fossile Brennstoffe investiert. Gleichzeitig sehen sich viele grüne Unternehmen mit einer deregulierten Wirtschaft konfrontiert, die, wenn es ihr gerade nutzt, plötzlich doch großen Wert auf Regeln zu legen scheint. Davon, dass das so gar nicht zur neoliberalen Der-Markt-wird’s-schon-richten-Logik passt, die all diese Firmen befürworten, redet niemand.

Neben dem Interview befindet sich ein großes Foto von mir, mit dem mich meine Freunde gern aufziehen, weil ich so übertrieben ernst in die Kamera schaue.

»Meine kleine Intellektuelle«, sagt Robin, während sie die Seiten vorsichtig aus der Zeitung reißt und an ihre Pinnwand hängt. Ich habe vor, den Rest meines Lebens mit ihr zu verbringen, traue mich aber noch nicht, es ihr zu sagen.

4.

Mit etwa elf Jahren war ich von Dingen regelrecht besessen. Dinge, das wusste ich, sagten nie etwas Gemeines. Dass sie auch nichts Nettes oder Lustiges sagten, nahm ich dabei in Kauf. Deshalb sammelte ich alles Mögliche: Teelöffel, Füller, Milchkännchen, Murmeln. An Gurken dachte ich nicht mehr, aber manchmal stellte ich mir vor, ein Tisch zu sein. Dafür musste ich mich nicht großartig anstrengen: Ich fühlte mich so plump und unbeweglich wie der schwere Eichenholz-Esstisch, der bei unseren calvinistischen Nachbarn im Wohnzimmer stand. Sonntagmorgens versammelte sich die ganze Familie vor dem Haus auf dem Bürgersteig. Von meinem Fenster aus konnte ich sie genau beobachten. Sie wirkten vornehm mit ihren schwarzen Hüten und langen Röcken. Vor dem Küchenfenster hingen weiße Spitzengardinen. Ich stellte mir vor, was diese Leute wohl sahen, wenn sie mir auf der Straße begegneten. Einen riesigen Tisch vermutlich, der auf winzigen Rädern langsam vorbeirollte. Vielleicht hatte ich ja sogar eine Decke. Eine Häkeldecke, die mich am Rücken kitzelte.

5.

Da ich ohne jede Weltanschauung oder Religion aufgewachsen bin (dafür mit jeder Menge Prinzipien beziehungsweise strengen Eltern, nur dass es nichts gab, was diese Prinzipien erklärte), in einer Stadt, die nicht unbedingt uninteressant war, aber dafür außergewöhnlich uninteressiert, habe ich keine Muttersprache, was den Sinn des Lebens angeht, keinen roten Faden, an dem ich mich entlanghangeln könnte. Seitdem ist für mich jede Ideologie, die mir unterkommt, ein bisschen so wie das Wetter: heute ziemlich entscheidend für meine täglichen Aktivitäten (meist ein Grund, zu Hause zu bleiben), morgen egal. Ich bin hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, einen aktiveren Beitrag zur Gesellschaft zu leisten, und dem, diese Gesellschaft völlig auszublenden. Mein Kompromiss sieht so aus, dass ich vor allem viel über die Gesellschaft lese. Ganz allein an meinem Schreibtisch überfliege ich Dutzende Websites, schaue auf YouTube eine Doku nach der anderen, lese Diskussionen im WikiLeaks-Forum und teile auf Facebook Memes, in denen Trumps Gesicht mit roher Hühnerbrust verglichen wird.

Meine Abschlussarbeit wurde in zwei Online-Datenbanken aufgenommen. Nach dem Einloggen kann ich sehen, dass der Text im letzten Monat von niemandem angeklickt wurde (meine eigenen Aufrufe werden automatisch aus der Besucherstatistik herausgerechnet). Von meinem Prof habe ich schon seit Wochen nichts mehr gehört. Wenn ich in meinem Fachgebiet weiterkommen will, muss ich neue Erfahrungen sammeln, neue Kontakte knüpfen. Inzwischen hat die Hälfte derer, die mit mir den Abschluss gemacht haben, eine Stelle bei Shell angetreten.

Ich bewundere, wie Robin mit ihren Ambitionen hausieren geht: als wäre es bereits beschlossene Sache, dass sie in ungefähr vier Jahren zu den führenden Wissenschaftlerinnen ihres Fachs gehört. Und dann hockt sie auch noch in diversen Ausschüssen und Aktionskomitees, wobei sie die meisten Aufgaben locker wegdelegiert.

6.