Das geheime Leben des Sam Holloway - Rhys Thomas - E-Book

Das geheime Leben des Sam Holloway E-Book

Rhys Thomas

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Beschreibung

Seit dem plötzlichen Verlust seiner Familie ist der 26-jährige Sam wie gelähmt. Doch nachts überwindet er seine emotionale Starre und verwandelt sich in den Superhelden »Phantasma«. In einem selbst gebastelten Kostüm unternimmt er Streifzüge durch die Nachbarschaft und versucht, Menschen zu helfen. Als eines Tages eine wunderschöne junge Frau in sein Leben tritt, wird Sams Welt komplett auf den Kopf gestellt. Wird es ihm gelingen, auch im Alltag den Mut aufzubringen, den er als »Phantasma« schon lange beweist?

Als Hardcover unter dem Titel »Wenn der Rest der Welt schläft« im Wunderraum Verlag erschienen.

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Seitenzahl: 497

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Buch

Seit dem plötzlichen Verlust seiner Familie ist der 26-jährige Sam Holloway vor Trauer wie gelähmt. Seinen Alltag gestaltet er möglichst so, dass kein Raum bleibt für Überraschungen oder Gefühle. Nur nachts ist alles anders: Wenn der Rest der Welt schläft, überwindet Sam seine emotionale Starre und verwandelt sich in den Superhelden »Phantasma«. In einem selbst gebastelten Kostüm unternimmt er Streifzüge durch die Nachbarschaft und versucht, seinen Mitmenschen zu helfen. Doch als eines Tages eine wunderschöne junge Frau in sein Leben tritt, wird Sams Welt komplett auf den Kopf gestellt. Wird es ihm gelingen, auch im Alltag den Mut aufzubringen, den er als »Phantasma« schon lange beweist?

Autor

Rhys Thomas lebt mit seiner Lebensgefährtin und drei Katzen in Cardiff, Wales. Wenn er nicht gerade schreibt, arbeitet er am Institut für Pharmazie an der Cardiff University.

Rhys Thomas

Das geheime Leben des Sam Holloway

Roman

Aus dem Englischen von Wibke Kuhn

Die Originalausgabe ist 2018 unter dem Titel »The Unlikely Heroics of Sam Holloway« bei Wildfire, an imprint of Headline Publishing Group, London erschienen.

Auf Deutsch unter dem Titel »Wenn der Rest der Welt schläft« im Wunderraum Verlag erschienen.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

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Taschenbuchausgabe April 2020

Copyright © der Originalausgabe 2018 by Rhys Thomas

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2018 by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: Uno Werbeagentur, München

Umschlagmotiv: FinePic c/o Zero Werbeagentur, München

mb · Herstellung: kw

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN: 978-3-641-26313-3V001

www.goldmann-verlag.de

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Für Amy

Das Phantasma #001

Eine neue Bedrohung

Nur in der Dunkelheit werden Helden geboren. Eine ganz gewöhnliche Straße, spätnachts. Die Straßenlaternen verbreiten einen orangen Schimmer. Die erste Kälte des Winters verleiht der Luft etwas Beißendes. Vom Wind verwehter Müll, mit Metalljalousien gesicherte Geschäfte und eine stille Kreuzung, geparkte Autos, auf die das Kondenswasser einen ersten Hauch von Reif gelegt hat. Oben leuchten die Sterne aus Milliarden von Jahren.

Eine Bewegung. Schatten ziehen über die Büsche beim Bahnhofseingang. Und doch – es ist kein Schatten: Ein Mann ist es, unsichtbar für die Welt, ein Beschützer, der in den Straßen wacht. Schweigend wartet er. Wenn das Verbrechen niemals schläft, dann schläft er eben auch nicht. Eine Maske bedeckt seinen Kopf und seine obere Gesichtshälfte. Eine kugelsichere Weste schützt seinen Brustkorb und seine Schultern. In seinem Ausrüstungsgürtel, der an der Kampfweste festgeschnallt ist, steckt die komplette Ausrüstung, die ein Superheld braucht.

Nebel hat sich ausgebreitet. Für die meisten ist es zu kalt, aber er bleibt in seinem Versteck im Gebüsch und wartet. Seine Uniform hat ein Tarnmuster, er verschmilzt mit den Schatten und wird unsichtbar. Er atmet ganz leise und blinzelt in die Ferne. Ein Zug fährt in den Bahnhof ein, Passagiere steigen aus, huschen nach Hause in die Geborgenheit. Er zieht einen Toffee Crisp aus einer Gürteltasche. Er schmeckt gut, und er spült ihn mit ein paar Schlucken köstlicher Cherry Cola hinunter. Zwei seiner absoluten Favoriten. Früher gab es mal einen Schokoriegel namens Spira, der ihm auch so gut in Kombination mit Cherry Cola schmeckte, aber die Verkaufszahlen waren so niedrig, dass er wenig später schon wieder vom Markt genommen wurde. Was würde dieser dunkle Held darum geben, dass Cadbury ihr Meisterstück wiederauferstehen ließe. Verlust hinterlässt oft eine klaffende Lücke.

Der Zug fährt davon in die Nacht. Er spürt das Rumpeln in seinem ganzen Körper und ändert seine Sitzhaltung, um den Bahnhofseingang besser im Blick zu haben. Ein Superheld des 21. Jahrhunderts muss geduldig sein. Das altmodische Verbrechen ist seltener geworden, doch es geschieht immer noch. Gerüchte sind der Geruch, den ein Held wittern muss. Rowdys, die am Bahnhof abhingen, mit Steinen nach vorüberfahrenden Zügen warfen, Passagiere beschimpften. Er hatte im Supermarkt davon gehört; die Kunden erledigten ihren Wocheneinkauf und waren sich nicht bewusst, dass in ihrer Mitte ein schweigender Wächter weilte. Packen Sie Ihren Vollkornreis ein, alte Lady, und vergessen Sie Ihr Wechselgeld nicht. Kommen Sie gut nach Hause. Und danke für die Information.

Und hier steht er nun und wartet auf seine Beute. Warum tun die Leute so etwas? Warum werfen sie mit Steinen auf einen Zug? So viele Menschen könnten ums Leben kommen. Diese Rowdys hatten jede Chance auf Gnade verwirkt, als sie beschlossen, die Gesetze des Landes zu übertreten. Also müssen sie jetzt auch klaglos jede Strafe akzeptieren, die ihnen die herabsausende Faust des Rechts auferlegt. Doch wenn diese Hand auch nur zaudert, so fällt das Königreich. Was diese Dreckskerle brauchen, ist ein Schock, der sie auf den rechten Weg zurückführt.

Zerrüttete Familien, ADHS, das Internet, häusliche Gewalt, Armut, der Tod der Gemeinschaft – die Menschen sind trotzdem noch verantwortlich für ihre Taten.

Ah, da kommen sie ja.

Sechs sind es. Nein, sieben. Schätzungsweise im Alter von vierzehn bis sechzehn. Sie sind drahtig, aber ihre voluminösen Trainingsanzüge und Anoraks verleihen ihnen optisch mehr Substanz. Ihre Trainingshosen mit den Gummibündchen am Beinabschluss sehen lächerlich aus.

Unser Held wartet im Dunkeln. Wartet und beobachtet. Die Jugendlichen schlendern zum Bahnhofseingang, und der Wächter wirft einen Blick auf seine Kamera. Sie ist auf Nachtsichtmodus gestellt und zeichnet alles auf.

Die Jungen lehnen sich an den Zaun. Einer von ihnen spuckt aus. Vorerst bewegen sie sich noch innerhalb des Gesetzes und sind in Sicherheit. Aber lang wird es nicht mehr dauern. Er weiß es, so wie er weiß, dass die Sonne im Osten aufgeht. Früher vertat er sich da immer, er verwechselte Ost und West, aber diese Unsicherheiten sind heute ganz ausgeräumt. Es ist ihm völlig klar, so klar wie die Tatsache, dass er sehen wird, wie diese Jugendlichen gegen den Gesellschaftsvertrag verstoßen, wenn er nur lange genug wartet.

Vielleicht wünscht sich ein Teil von ihm, dass sie es tun. In ihm brennt ein Zorn wie ein schwelender Kohlebrand, ein tausend Jahre alter Schmelzofen. Der jetzt jäh auflodert.

In der Ferne das Geräusch eines nahenden Zuges. Ein Frachtzug, der Industriegüter transportiert; unser einsamer Retter weiß, dass bis 22.47 Uhr keine Personenzüge fahren werden. Die Jugendlichen hören das Geräusch und wenden alle gleichzeitig die Köpfe. Erdmännchen. Eine unausgesprochene Organisation wird sichtbar.

Sie sammeln Steine von dem Schotterhaufen auf, den ein ahnungsloser Bauarbeiter neben der Straße hat liegen lassen. Dann bewegen sich die Jungen schweigend in den Bahnhof und gehen auf die Fußgängerbrücke, bis sie direkt über den Gleisen sind.

Der Rächer kommt aus seinem Versteck hervor. Für die Jungen würde er aussehen wie ein Schatten, der über den Boden zieht. Sie sehen ihn aber nicht. Bis es zu spät ist.

Jetzt muss er sich entscheiden: Soll er handeln, bevor sie die Steine schmeißen? Genau in diesem Moment fährt ein unschuldiger Lokführer, ein Mann, der die Zahnrädchen der Weltwirtschaft mit am Laufen hält, blindlings in eine Falle. Warum sollte er das durchmachen müssen? Diese Steine werden geworfen, sie liegen bereits in den Händen der Übeltäter. Somit hat er gar keine Wahl. Er muss handeln.

Er betritt den Bahnhof, geräuschlos wie ein Stein, der durch die Unendlichkeit des Weltalls fliegt. Er kann die aufgeregte Unterhaltung der Jungen hören, die sich geduckt haben, damit der Fahrer sie nicht sieht. Aber so sind sie auch blind für das Ding, das Jagd auf sie macht. Er schleicht die Treppe hoch, greift nach seinem Ausrüstungsgürtel und löst eine kleine Glaskugel, die Chemikalien enthält.

Der Zug kommt näher. Das Gelächter der Jungen mischt sich mit dem Maschinenlärm. Sein Herz schlägt schnell, und er schließt die Augen. Vergiss die Polizei, die haben Wichtigeres zu tun. Manchmal sind die einzigen Hände, in die die Angelegenheiten genommen werden können, die Hände eines Meisters. Und er ist dieser Meister. Er ist ein Held.

Er denkt an all die guten Dinge auf der Welt. Sie sind es wert, dass man sie verteidigt.

Er springt los.

»Aaaaargh!«, schreit er aus voller Lunge und schmeißt, ohne zu zögern, die Kugel mit den Chemikalien. Sie zerbricht am Boden, und dicker Rauch quillt heraus. Die Jungen bewegen sich nicht, weil sie nichts sehen können. Der Schatten bewegt sich durch sie hindurch, schnell, leicht. Er ist bereit zum Angriff. Jetzt!

»ES HAT BERICHTE ÜBER UNSOZIALES VERHALTEN IN DIESER GEGEND GEGEBEN, DAS BEEINTRÄCHTIGT DIE OPFER UND DIE LEUTE, DIE IN DER NÄHE WOHNEN UND EUCH SCHREIEN UND FLUCHEN HÖREN! HALTET EIN, SONST WERDE ICH EINE AKTE MIT BEWEISEN ZUSAMMENSTELLEN UND SIE DEN BEHÖRDEN VORLEGEN! DIES IST …« Er hustet. Verdammt. Das ist jetzt doch mehr Rauch, als er erwartet hat. Das wird seinem Asthma gar nicht guttun. Aber würden sie ihn verstehen, wenn er eine Gasmaske tragen würde? Er wischt sich über die Augen. »DIES IST … die letzte Warnung!« Und dann ist er weg, wie ein plötzlicher Windstoß. Er hustet, und seine Augen tränen, als er die Treppe hinuntertaumelt. Die Jungen rennen ihm nicht nach. Er rutscht aus und stürzt.

»Was war das denn?«

Er späht nach oben und erkennt verschwommen einen Jungen, der vom Treppenabsatz zu ihm herunterschaut. Er muss jetzt stark sein. Mit einem athletischen Satz springt er auf die Füße. »Wisset, wer ich bin!«, bringt er heraus. »Ich bin … das PHANTASMA!«

Und dann bewegt sich der Frachtzug sicher durch den Rauch in die Ferne, und wieder ist eine Nacht lang für Gerechtigkeit gesorgt. Er rennt, rennt in die Schatten, die Straßen, die Gassen, die Orte, die wir nicht sehen, seinem neuen aufregenden Abenteuer mutig entgegen.

1. Kapitel

Das Licht der Oktobersonne fiel durch die Fenster hinter dem Waschbecken, der Wechsel der Jahreszeiten lag ganz unverkennbar in der Luft. Er stand in seiner schönen Küche und dachte sich: Es ist okay. So kann ich ziemlich glücklich für immer leben. Das Haus war auf eine verzweifelte Art still, aber Sam bemerkte diese Verzweiflung nie.

Zwei Scheiben handgeschnittenen Vollkorntoast mit Rühreiern, übergossen mit Baked Beans. Bohnen musste man beim Kochen Zeit lassen. Wenn er eine Mahlzeit zubereitete, tat er die Bohnen immer als Erstes in den Topf, ließ sie aufwallen und dann bei geringer Hitze köcheln, während er den Rest kochte. Auf die Art wurden die Bohnen schön weich und die Tomatensauce dick. Die Leute kochten ihre Bohnen immer so eilig, machten sie nur heiß und aßen sie dann. Aber aus allem im Leben kann man eine Kunst machen, so auch aus Bohnen.

Am ersten Morgen eines einwöchigen Urlaubs tat Sam gerne nichts, außer eine Weile sein Zuhause zu genießen. Es war ein wunderschönes Haus, und er fand es außergewöhnlich gemütlich. Während die Bohnen allmählich weich wurden, betrachtete er die Sauberkeit seiner Küche: die freien Arbeitsplatten, die Frühstücksbar und der Eichentisch mit Stühlen, der Toaster und der Wasserkocher aus derselben Reihe, die glänzende Chrommikrowelle, die versenkten Strahler in der Decke. Alles war schön und schlicht. Schlichtheit ist wie Brennstoff für die Seele, hatte sein Vater einmal gesagt.

Sam wohnte allein in einem Reihenhaus in einer Siedlung, die noch keine zehn Jahre alt war. Sein Vorgarten bestand aus einem kleinen gepflegten Rasenviereck, begrenzt von Sträuchern, daneben eine makellose schwarze Auffahrt. Es sah nicht aus wie das Haus eines sechsundzwanzigjährigen Mannes.

Im Wohnzimmer hatte er seine ordentlich sortierte CD- und DVD-Sammlung sowie ein Entertainment-Center, bestehend aus HD-Fernseher, Blu-Ray-Player, Xbox, Chromecast, Hi-Fi und sogar einen Videorecorder. Die Kabel waren alle säuberlich hinter den Geräten versteckt.

Er hatte einen Job, in dem er nicht viel Verantwortung tragen musste, sodass er ihn am Ende des Arbeitstages vergessen und jeden Monat ein bisschen Geld beiseitelegen konnte. Er hatte zwei Extrazimmer als Arbeitszimmer und Bibliothek, einen Wintergarten zum Lesen und Entspannen und einen großen Garten hinterm Haus, mit einem Teich ganz am Ende. Im Grunde waren ihm diese Dinge nicht so wichtig, aber sie befriedigten ihn, weil sie den verheerenden Strudel von Einsamkeit verdeckten, der ihn in den dunkelsten Momenten der Nacht zu zerreißen drohte.

Er starrte auf seine Bohnen und lauschte der einzigartigen Stille eines Hauses an einem durchschnittlichen Montagmorgen, wenn der Rest der Welt schon zur Arbeit gegangen ist.

Die See. Das offene Meer, sein Branden und Wogen. Sam liebte den Ozean, und am ersten Tag seines Urlaubs fuhr er immer an die Küste. Dort gab es ein kleines Café, das er sehr mochte, es kauerte sich an die Klippe und hatte große Fenster, an denen er ein, zwei Stunden vor einer dampfenden Teekanne und einer Cremeschnitte sitzen, aufs Wasser starren und seinen Geist komplett leer machen konnte.

Doch davor musste er Proviant besorgen, also machte er in der Hauptstraße seiner kleinen Heimatstadt kurz Halt, um ein wenig Schokolade und Cherry Cola zu kaufen. Sein Handy summte in der Tasche. Ein heftiger Schreck durchfuhr ihn, denn ihm graute davor, es könnte jemand aus der Arbeit sein, der ihn bat, doch noch einmal reinzukommen. Aber es war niemand aus der Arbeit. Es war eine Nachricht von seinem Freund Tango.

Morgen Pub?

Sam steckte das Handy wieder ein und ärgerte sich über die Störung seines festen Tagesablaufs. Er wollte nicht in den Pub. Einen Augenblick blieb er auf dem Gehweg stehen und ließ sich die kalte Luft ins Gesicht wehen.

»Gib mir mal ein bisschen Geld.«

Vor ihm stand auf einmal eine Obdachlose. Sie war klein und ein bisschen pummelig, ihre Schultern waren nach vorn gesackt. Sie mochte Ende vierzig sein und hatte dickes, strohiges schwarzes Haar.

»Wie bitte?«, fragte Sam.

Sie schaute ihm in die Augen mit einem außergewöhnlich kraftvollen Blick.

»Gib mir mal ein bisschen Geld.« Die aggressive Forderung wurde abgemildert von der Sanftheit ihrer Stimme, der Ruhe, die darin lag, dem sanften Singsang eines irischen Akzents.

»Ähm«, sagte er, wühlte in seiner Tasche und bekam ein 50-Pence-Stück zu fassen. »Hier, bitte.«

Die Obdachlose starrte die Münze an, nahm sie und schob sie in ihren Mantel, dessen Saum schmutzverkrustet war.

»Kauf mir ein Sandwich«, sagte sie.

»Wie bitte?«

»Kauf mir ein Sandwich da drüben.«

»Ich hab Ihnen gerade fünfzig Pence gegeben.« Sam spendete eine Menge Geld an verschiedene Wohltätigkeitsorganisationen und merkte, dass er diese Forderungen ein klein wenig überzogen fand und dass ihn das ärgerte. »Können Sie nicht jemand anders fragen? Wenn Sie noch mal fünfzig Pence kriegen, können Sie sich ein Sandwich kaufen.«

»Nein.«

»Doch.«

»Nein.«

»Bitte.«

»Nein«, sagte er abschließend.

»Ach, jetzt komm. Da drüben.« Sie deutete mit einem Kopfnicken auf eine Bäckerei. Ihre Stimme war so sanft wie eine Brise, die durch die Baumkronen eines tausend Jahre alten Zedernwaldes in einem nepalesischen Tal streicht, und im nächsten Augenblick, bevor Sam wusste, wie ihm geschah, ging er mit ihr die Straße entlang. Na, ich sollte froh sein, dass es mir so viel besser geht, tröstete er sich selbst. Ich bin nicht überfallen worden, ich bin einfach nur nett zu jemand.

»Und, wie heißen Sie?«, fragte er und schaute zu ihr hinüber. Sie ging zielstrebig auf die Bäckerei zu, hatte die Hände in die Hosentaschen geschoben und den Blick fest auf ihr Ziel gerichtet.

»Gloria«, sagte sie. »Du?«

»Sam.«

»Samuel ist ein schöner Name, find ich«, sagte sie geistesabwesend, und ihre Stimme war im Wind mal besser, mal schlechter zu hören.

»In Wirklichkeit heiße ich Samson. So hieß mein Urgroßvater. Woher kommen Sie?«

»Cork.«

»Ich mag Irland«, sagte er.

»Irland ist scheiße«, sagte sie.

Sie hatten jetzt die Bäckerei erreicht, und Sam hielt Gloria die Tür auf. Sie drängte sich hungrig an ihm vorbei. Sie ging nicht zur Sandwichtheke, sondern zu den Getränken und griff nach einer Dose San Pellegrino.

Die sind ziemlich teuer, dachte Sam. Das war wegen dieser Folienstücke obendrauf. Aber dann wanderte Glorias Hand zu den Colas, die im Preis etwas moderater waren. Schon besser, dachte er. Nicht dass er sich bereit erklärt hätte, ihr auch noch ein Getränk zu kaufen, er hatte ja nicht mal explizit eingewilligt, ihr ein Sandwich zu kaufen. In letzter Sekunde wanderte ihre Hand weg von den Colas zum Regal mit den frischen Smoothies, wo sie sich einen mit Orange und Mango aussuchte. Kostenpunkt 2,65 £.

Nachdem sie sich ihr Getränk ausgesucht hatte, ging sie zum nächsten Stand. »Ob die wohl Suppe haben?«, überlegte sie laut.

»Ich glaube nicht, dass die hier Suppe verkaufen.«

»Ah«, sagte sie tonlos. »Dann nehm ich, glaub ich, einfach ein Sandwich.« Woraufhin sie ins Regal griff und sich kein Sandwich herausnahm, sondern ein großes Baguette. Ohne Sam anzusehen, drehte Gloria sich um und ging zur Kasse.

»Vor einem Jahr ist mein Mann gestorben«, sagte sie. »Einfach umgefallen. Herzanfall.«

Die Worte verstärkten das Mitleid, das Sam für sie empfand. »Es tut mir wirklich leid, das zu hören«, sagte er.

Sofort zerrte der Gedanke an seine eigenen Erlebnisse an ihm, doch er schaltete schnell seine Standardreaktion ein und schob die Erinnerungen relativ mühelos beiseite. Die kühle Taubheit drang durch seinen Körper.

Gloria steuerte die Mitte des Ladens an, wo eine kleine Insel mit Minikuchen in Tüten stand. Sie nahm sich eine. Sam versuchte zusammenzurechnen, wie viel das alles kosten würde, während Gloria noch eine Tüte Cheese-and-Onion-Chips obendrauf packte.

Die Verkäuferin lächelte sie an. »Zum Hieressen oder Mitnehmen?«, fragte sie.

Sam bemerkte ein paar Stühle und Tische an der Wand. Sie berechneten zusätzlich für …

»Zum Hieressen«, verkündete Gloria.

Da die Verkäuferin bemerkt hatte, dass die Kundin obdachlos war und Sam zahlte, schaute sie zu ihm.

»Zum Hieressen«, echote er.

»Und ich hätte gern noch einen Kaffee, meine Liebe. Americano. Schwarz«, sagte Gloria.

Wieder schaute die Verkäuferin Sam an. Gloria betrachtete die Donuts in der gläsernen Kuchentheke auf dem Tresen. »Alles, was sie will!«, sagte er. »Geben Sie ihr alles, was sie will!«

»Klein, normal oder groß?«, fragte die Verkäuferin.

Sam verzog das Gesicht, doch Gloria gab plötzlich klein bei. »Ich nehm einfach einen normalen«, sagte sie und ging zu dem kleinen Regal neben der Theke, wo Zucker und Milch standen. Sam ließ sie an der Kasse stehen.

»Sind Sie sicher, dass das für Sie klargeht?«, fragte die Verkäuferin.

Gloria stopfte sich Zuckertütchen in die Taschen.

»Ja. Tun Sie noch ein paar Donuts dazu«, sagte er.

Die Verkäuferin zuckte mit den Schultern, und Sam zahlte. »Okay, dann geh ich jetzt mal«, rief Sam zu Gloria hinüber, die sich gerade eine Unmenge von Zucker in ihren Kaffee schüttete. Sie blickte nicht mal auf.

»Hat mich gefreut«, sagte er. Doch Gloria interessierte sich schon nicht mehr für ihn. Er wandte sich zum Gehen und wäre beinahe mit dem Mädchen zusammengestoßen, das hinter ihm stand. »Oh, Entschuldigung«, sagte er. Sie hatte rot gefärbte Haare und eine Brille und hatte das Ganze offensichtlich mitbekommen, weil sie ihn breit anlächelte. Das Herz schlug ihm vor Schreck bis zum Hals, weil sie so hübsch war. Mit puterrotem Gesicht verließ er den Laden.

Das Phantasma #002

Ein Held handelt

Das ist der Moment, auf den er hintrainiert hat. Monatelang ist er durch die Nacht gestreift, und zu guter Letzt hat sich seine Wachsamkeit ausgezahlt. Das ist was Richtiges, ein großes Ding. Er beobachtet gerade einen Einbruch. Die Alarmanlage hat ihn auf das Verbrechen aufmerksam gemacht hat, und jetzt zeichnet unser Held, der sich in der Krone einer großen alten Eiche verbirgt, den Vorgang auf – in glasklarer HD-Qualität.

Die zwei Schurken hinterm Haus handeln schnell. Sie haben ein Fenster eingeworfen, und ein Mann mit Pudelmütze steht draußen Schmiere, bis ihm sein Freund mit dem rasierten Schädel im Hausinneren einen Laptop herausreicht und dann selbst wieder hinausklettert. Sie springen über den hinteren Zaun, der Laptop wird noch einmal weitergereicht wie der Stab im Staffellauf, und dann sprinten sie die Straße hinunter.

Und unser Held folgt ihnen. Er springt aus seinem Versteck hinunter auf die Parkwiese, geht beim Aufkommen tief in die Knie, rollt sich geschickt ab und springt geradezu olympiareif wieder auf die Beine. Sein Fahrrad lehnt am Baumstamm, und in der nächsten Sekunde sitzt er auch schon darauf und tritt kräftig in die Pedale. Völlig geräuschlos fährt er den beiden hinterher. Er kann nicht glauben, dass das gerade wirklich passiert.

So wie ein Fisch ruhig im warmen Ozean schwimmt, in seliger Unkenntnis der Tatsache, dass ihn schon der Hai umkreist, so erreichen Pudelmütze und der Rasierte ihr Auto und legen den Laptop in aller Ruhe auf den Rücksitz.

Unser Held bleibt stehen. Erst mal das Kennzeichen entziffern. Es ist eine runtergerockte Karre, die einen Heidenlärm macht, als sie den Zündschlüssel drehen, und obwohl sie heute Abend vielleicht davonkommen, werden ihnen die Herren von der Polizei morgen mal einen Besuch abstatten. Die Kamera nimmt noch immer auf.

Das Phantasma sieht zu, wie das Auto losfährt. Seine Arbeit ist getan. Doch dann beginnt er zu überlegen. Der Laptop. Wenn sie den nun vor morgen früh losschlagen? Dann haben die armen Leute ihren Computer verloren, wahrscheinlich mit zahllosen unersetzlichen Fotos und Dateien. Ja, zwischen ihren Donuts und Kaffee leistet die Polizei schon großartige Arbeit, aber wie oft gelingt es ihnen, Diebesgut wirklich sicherzustellen? Nachdem er sich blitzschnell umentschieden hat, fährt er wieder auf die Straße und nimmt die wilde Verfolgung des Autos auf. Es ist spät, die Straßen sind leer, ihre Rücklichter sind leicht zu verfolgen auf der Hauptstraße. Natürlich ist sein Rad nicht so schnell wie ein Auto, aber vielleicht werden die Ampeln dieses Landes ihm ja zur Seite stehen.

Und das tun sie auch. Als er um eine Kurve biegt, sieht er das Auto an einer Ampel warten, Abgase strömen in die kalte Luft. Seine Beine rasen auf und ab wie Kolben, als er aufs Auto zuschießt. Er weiß nicht genau, was er jetzt tun will.

Die Ampel schaltet um.

Gelb.

Er legt noch etwas zu, der Motor des Autos heult auf.

Grün!

Das Auto fährt los, aber in diesem Moment ist unser Held auch schon neben ihm. Der Rasierte schaut aus dem Fenster und wieder weg. Dann schaut er wieder her. Ja, du hast ganz recht gesehen, mein Lieber, hier ist ein Superheld, der für Gerechtigkeit sorgen wird. Das Auto beschleunigt und entkommt beinahe. Doch in der nächsten Sekunde lenkt das Phantasma sein Fahrrad gegen das metallene Tier und tritt mit voller Kraft gegen die Fahrertür, sodass es eine Beule hinterlässt. Die Wucht des Trittes bringt ihn selbst ins Schlingern, aber irgendwie, vielleicht durch bislang unbekannte, übernatürliche Gleichgewichtssuperkräfte, findet er die Balance wieder.

Das Auto kommt mit quietschenden Reifen zum Stehen.

Oje.

Die Fahrertür geht schwungvoll auf, und der Rasierte steht auf der Straße. Und er ist extrem wütend. Er brüllt. Das Phantasma bringt eine gewisse Distanz zwischen sich und das Auto. Pudelmütze ist jetzt ebenfalls ausgestiegen.

»Gebt mir den Laptop«, verlangt der Gladiator der Nacht.

»Du kleiner Wichser, für die Beule wirst du schön bezahlen.«

»Okay, okay«, sagt er, steigt vom Fahrrad und legt es auf die Fahrbahn. »Wie viel wollen Sie dafür?«

»Alter, warum bist du so komisch angezogen?« Sein Ärger scheint vorübergehend etwas nachgelassen zu haben.

»Ich habe Ihr Auto beschädigt, da ist es nur fair, dass ich Sie entschädige. Wie viel?«

»Hundert Pfund.«

»Kommt mir jetzt fast ein bisschen überteuert vor, aber okay.« Er greift in seinen Ausrüstungsgürtel. Pudelmütze stellt sich neben den Rasierten, und sie beugen sich beide vor, um zu erkennen, was der Superheld da aus seinem Gürtel zieht. Aber es ist kein Geld. Es ist nur der Mittelfinger seines Handschuhs, den er vor ihnen in die Höhe hält. Es dauert eine Sekunde, bis sie kapieren, was er hier gerade für eine Dreistigkeit an den Tag gelegt hat. Und dann schlagen sie zu. Unser Held tritt blitzschnell zurück, wirbelt auf seinem rechten Fuß herum, schleudert sein linkes Bein in die Höhe zu einer 360-Grad-Pirouette – eigentlich wollte er einen Roundhouse-Kick versuchen, aber er verpasst sie alle beide, sein Standbein rutscht weg, und er knallt aufs Pflaster.

In der Ferne hört man weiter die Alarmanlage.

»Mann, komm, wir fahren weiter«, hört er Pudelmütze flehen. »Die Bullen können jeden Augenblick hier sein.«

Doch das interessiert den Rasierten gar nicht. Er hat den Fuß des Phantasmas gepackt, aber der Rächer tritt mehrmals nach der Hand des Rasierten und kann sich wieder befreien. Er springt auf die Füße, doch der Rasierte macht einen Satz auf ihn zu. Er ist groß und dünn und hat eine intensive, drahtige Kraft. »Ich mach dich fertig«, flüstert er.

Pudelmütze ist jetzt um die Motorhaube herumgekommen und stellt sich dazu, um unserem Helden ins Gesicht zu treten. Der duckt den Kopf weg, als der Fuß auf ihn zusaust, aber er fühlt nichts, denn seine Maske ist auch ein Schutz, vor allem oben auf dem Kopf. Unser Held packt Pudelmütze am Knöchel und reißt kräftig. Die vereiste Straße ist gerade so glatt, dass Pudelmütze ins Wanken kommt, und er fällt auf die beiden, sodass sie jetzt ein Drei-Mann-Knäuel bilden. Irgendwie kann unser Held sich unter den beiden herausbuddeln. Er springt auf die Füße, gerade als man das Geräusch näher kommender Sirenen hört.

Er war kurz aus dem Konzept geraten, aber manchmal gehört das Glück doch dem Tüchtigen, und irgendwie steht das Phantasma plötzlich wieder neben dem Auto. Pudelmütze und der Rasierte sind hin- und hergerissen. Das rhythmische Aufblitzen der blauen Lichter ist in einiger Entfernung schon an den Wänden der Bürohochhäuser zu sehen.

Aber unser Held kennt kein Zögern, und er greift auf den Rücksitz. Er nimmt den Laptop und steigt wieder auf sein Fahrrad. Die Diebe müssen sich entscheiden, ob sie in ihr Auto springen und fliehen oder sich den Laptop zurückholen und sich mit ihrem Erzfeind anlegen sollen. Der Arm der Gerechtigkeit beobachtet sie einen Augenblick aus seiner Position; mit einem ironischen Lächeln genießt er ihre Wut, bevor er davonradelt. »Danke für die Ware«, ruft der Dunkle Beschützer über die Schulter und winkt mit dem Laptop, bevor sie die Autotüren zuknallen. Er weiß, dass sie ihn beobachten, und er weiß, dass sie ihn nicht verfolgen können, denn sie haben jetzt ganz andere Probleme. Mit überschäumend guter Laune reißt er den Lenker hoch und fährt auf seinem Hinterrad davon in die unendliche Nacht.

2. Kapitel

Seit fünf Monaten war Sam jetzt schon ein Superheld. Die Gründe, warum überhaupt irgendjemand irgendetwas tut, sind zahlreich und schwer fassbar, doch Sam hielt sein Schicksal als Superheld im Großbritannien des 21. Jahrhunderts für mehr oder weniger unausweichlich. Alle Flüsse seines Lebens hatten ihn hierher geführt.

Er war ein Einzelkind; Kind zweier Eltern, die ebenfalls Einzelkinder gewesen waren, und so war er in seiner frühen Kindheit oft allein. Diese Einsamkeit empfand er besonders stark in den langen Sommerferien, wenn sein Vater in der Arbeit war und seine Mutter, eine Lehrerin, Geld dazuverdiente, indem sie stundenlang Examensarbeiten korrigierte. An einem dieser langen, faulen Sommernachmittage gab ihm seine Mutter eine abgegriffene Ausgabe des ersten Harry-Potter-Romans. Nicht ahnend, was es mit ihm machen würde, griff Sam nach dem Buch, ging in sein Zimmer und begann zu lesen. Der einzige Grund, warum er später überhaupt noch einmal herunterkam, war sein Riesenhunger. Für Sam ging die Magie von Geschichten weit über bloße Unterhaltung hinaus – sie woben eine alternative Wirklichkeit, in der er sich weniger allein fühlte. Wenn Harry und seine Freunde in die Winkelgasse gingen, um Süßigkeiten oder Zauberstäbe oder Besen zu kaufen, war es für Sam, als wäre er direkt dabei. Er liebte die Welt, die ein Autor aufbaute, er spürte, wie er vom Bett glitt und in die Seiten des Buches hinein, in ein anderes Universum. In Büchern fand er seine ersten wahren Freunde.

Als er sieben oder acht war, nahm ihn sein Vater mit ins Kino, wo sie sich Jurassic Park anschauten, und danach gingen sie Eis essen, saßen in einem Einkaufszentrum und beobachteten die Leute, die ihr aufregendes Stadtleben führten. Vielleicht war es mehr als bloßer Zufall, dass Sam an diesem perfekten Tag eine zweite lebensverändernde Entdeckung machte. Sie gingen in eine große Buchhandlung, und sein Vater kaufte ihm seinen ersten Batman-Comic. Vor dem Laden, im gleißenden Sonnenschein auf der Hauptstraße mitten in der Innenstadt, umgeben von glänzenden Gebäuden und dahineilenden Passanten, hielt Sam den Comic in beiden Händen und starrte darauf. Er musste blinzeln, weil es so hell war.

Als er zu Hause war, legte er sich aufs Bett und blätterte die Seiten durch. Er hatte das Gefühl, dass er das hier eigentlich gar nicht lesen durfte. Wusste sein Vater, dass diese Comics so voller Gewalt waren? Hier wurden Polizisten erschossen, Säure war eine beliebte Waffe, und der Protagonist war kein unschuldiger, sondern ein wütender Antiheld, der das Gesetz selbst in die Hand nahm. Aber abgesehen davon war es real. Bruce Wayne war ein normaler Mensch aus Fleisch und Blut. Sam war fasziniert. Als wäre es das Natürlichste auf der Welt, begann er so zu tun, als wäre er Batman. Er fuhr mit dem Rad durch die Nebenstraßen seiner kleinen Wohnsiedlung, in der Hoffnung, auf einen Tatort zu stoßen, der untersucht werden musste, obwohl es natürlich nie einen gab.

Er begann die großen Wälder am Stadtrand zu erforschen. Die Bäume waren größer und älter als die, die hinter seinem Haus wuchsen, dort gab es Hügel und tiefe Täler und senkrecht abfallende Klippen – die Gefahren, die dort lauerten, hatten etwas Archaisches. Eines Winters entdeckte er eine seltsame Bodenmulde, die mit Herbstlaub gefüllt war, und auf der anderen Seite sah er eine dunkle Öffnung unter den Wurzeln eines Baumes. Er kletterte hoch und in die Öffnung. Die Decke wurde von oberhalb der Erde verlaufenden Baumwurzeln gebildet, und als er über das Becken mit den herbstlichen Blättern hinwegschaute, hatte er noch keine Ahnung, wie wichtig dieser Ort einmal für ihn werden würde. Er hatte seine Batcave gefunden. Damals wusste er es noch nicht, aber in den nächsten Jahren würde ihm diese Höhle ein Ort des Trostes werden. Denn Sam war ein Spätzünder. Der Abstand zwischen ihm und den anderen Kindern in der Schule wurde immer größer. Man lud ihn nicht zu den Partys ein, auf denen die Jungen und Mädchen ihre ersten Küsse tauschten. Er war kleiner als die meisten anderen Kinder. Er war nicht besonders gut in Sport, und obwohl er sicher nicht dumm war, war er auch definitiv nicht unter den Klassenbesten. Mit zwölf bekam er seine erste Brille, mit dreizehn eine Zahnspange. Er wusste, dass er hässlich war, aber er konnte nichts dagegen tun. Er lächelte in den Spiegel, und seine Spange sah aus wie Insekten in seinem Mund, und daraufhin hörte er auf, in der Öffentlichkeit zu lächeln, was seine Isoliertheit bloß noch verstärkte.

Er ging regelmäßig in seine Batcave, verkroch sich dort stundenlang und las seine Comics, sogar im Winter, wenn es draußen schneidend kalt war. Im Sommer schaute er ins Gitterwerk der Zweige über ihm, auf die lebhaft grünen Blätter, die im leichten Wind schaukelten. Er starrte auf den Waldboden unter sich, auf die Farne und Büsche, auf die Art, wie sich ein Wald bewegt, wenn niemand da ist. Manchmal fühlte er sich, als könnte er komplett von der Welt verschwinden, durch irgendeine seltsame Membran hindurchfallen und außerhalb jeder bekannten Existenz landen. Er hatte niemals ein Verbrechen gelöst oder eines verhindert, aber er war ganz sicher, dass eines Tages seine große Zeit kommen würde.

Sams Stammkneipe war ein traditioneller Pub, mit Holzstühlen und -tischen, Steinfliesenboden und Kaminfeuer.

»Es sind also alle noch dabei am Freitag«, sagte Blotchy. Über die untere Hälfte seines großen Gesichts mit dem Doppelkinn zog sich ein Stoppelbart, die kleinen Gläser seiner runden Brille spiegelten das gedämpfte Licht, sodass man seine Augen nicht sah. Auf seiner Stirn glitzerten Schweißtropfen wie Edelsteine, und das lange Haar, das er sich zum Pferdeschwanz gebunden hatte, sah strähnig aus. »Ich muss den Jungs bloß Bescheid geben«, sagte er und nahm einen Schluck von seinem Cider.

Sams rechtes Bein zitterte, wie so oft. Das Zimmer war warm, er war stolz, dass er den gestohlenen Laptop seinem Besitzer hatte zurückgeben können, er hatte ein frisches Bier in der Hand und besprach mit seinen zwei besten Freunden die Pläne für ein Astronomieprojekt.

»Wir treffen uns hier um sieben, aber ein paar Leute kommen schon um sechs zum Essen, wenn ihr mögt.«

»Willst du was essen?«, fragte Sam.

»Ja, schon.«

Sie lachten.

Blotchy beugte sich vor und hob die Hände. »Das. Essen. Hier. Ist. Gut.«

»Ich will nicht gemein sein, aber du musst wirklich ein bisschen fitter werden«, sagte Tango.

»Keine Sorge, keine Sorge«, sagte Blotchy defensiv. »Ich bin bloß extrem gestresst im Moment.« Blotchy verdankte seinen Spitznamen der Tatsache, dass er oft rote Flecken im Gesicht bekam, und heute war es ganz besonders übel. Wenn er einen schlechten Tag hatte, sah er mit seinen sechsundzwanzig glatt zehn Jahre älter aus. »Manche von uns müssen arbeiten und haben nicht die Zeit, jeden Tag zum Joggen zu gehen.«

»Ich arbeite auch.«

»Romane schreiben ist keine Arbeit, außer du wirst dafür bezahlt.«

»Ich arbeite bei Colin’s Books.«

»Die zahlen dir drei Pfund die Stunde.«

»Na und?«

»Das ist doch nicht mal legal.«

Sam kannte Tango schon seit Ewigkeiten. In Wirklichkeit hieß er Alan beziehungsweise Al, und ihre Eltern waren befreundet gewesen. Wenn Sam außerhalb der Schule mit anderen Kindern Zeit verbrachte, war Tango immer dabei, und heute ging ihre Freundschaft so tief, dass sie überhaupt nicht mehr darüber nachdachten. Blotchy hatten sie in der Gesamtschule kennengelernt und ihn langsam in ihre Gruppe integriert, weil sie im Laufe der Jahre im selben unteren Bereich der sozialen Rangordnung gelandet waren: nicht wirklich beliebt, aber nicht seltsam genug, um gemobbt zu werden. Fast Geister; nur Nummern in der riesigen Masse der Schüler. Sie mochten dieselben Filme und Fernsehsendungen, teilten ihre Neugierde fürs Übernatürliche, für Verschwörungstheorien und das, was Freud das Unheimliche nannte.

Sam musste die nächste Runde holen, aber bevor er an die Bar ging, machte er einen Abstecher zur Jukebox. Er stützte sich rechts und links auf der Maschine ab und fühlte sich angenehm betrunken. Er überlegte, ob die Polizei wohl schon die Einbrecher gefangen hatte, die er gemeldet hatte. Es war eine Jukebox, die mit dem Internet verbunden war, und Sam tippte ins Suchfeld »What’s So Funny About Love, Peace and Understanding«. Seine Mutter hatte ihm immer Elvis Costello vorgespielt, und in diesen Song, der auch das Lieblingslied seiner Mutter war, hatte Sam sich damals verliebt. Die Musik setzte ein, und er schloss eine Sekunde die Augen. Er sah sie in den Sonnenstrahlen auf dem Berg stehen, und dann war er bereit, an den Tresen zu gehen.

Als er wartete, wanderten seine Augen zu dem Spiegel hinter den Schnapsflaschen, und er bemerkte ein helles Aufblitzen von Farben hinter sich. Als er sich umdrehte, erblickte er ein Mädchen mit roten Haaren, so rot wie dunkles Blut, mit schwarzen Strähnen darunter. Es war das Mädchen, das er in der Bäckerei gesehen hatte, als er Gloria ihr Essen gekauft hatte. Sie war klein, noch kleiner als Sam, und sie trug ein schwarzes T-Shirt mit dem Bild eines Roboters darauf, einen kurzen Schottenrock und cool aussehende Ankle Boots. Ihr Haar war zu einem akkuraten Bob geschnitten, während sich vorne zu beiden Seiten ihres Gesichts zwei sichelförmige Strähnen nach vorne bogen. Kleine Nase, kleiner Mund, klarer Teint und zwei große Augen hinter einer dick umrandeten Brille.

»Hi«, sagte sie zu ihm und lächelte.

Auf einen Schlag spielte sein Herz verrückt. Redete sie etwa mit ihm?

»Wie geht’s?«, fragte sie und trat näher an Sam heran.

»Danke, gut«, sagte er.

»Sag an, Kumpel.« Der Barkeeper im kurzärmligen Hemd mit Schlips hatte einen erwartungsvollen Blick aufgesetzt. Sam fiel es schwer, sich zu konzentrieren. »Zwei Red Stripes und ein Strongbow-Cider, bitte«, sagte er, als er sich halbwegs erholt hatte. »Eins von den Hellen mit einem Schuss Limo. Und zwei Tüten Cheese-and-Onion-Chips.« Er spürte, dass ihr Blick auf ihn gerichtet war.

»Wer trinkt das Helle mit Schuss?«, fragte sie.

»Ich.« Das Helle floss unglaublich langsam aus dem Zapfhahn. Er wollte wieder zurück zur Sicherheit seiner Freunde.

»Dein T-Shirt gefällt mir.«

Sein T-Shirt war grau und vorne mit dem Wort InGen bedruckt. »Das ist von …«

»Jurassic Park, ich weiß schon.«

Sein Herz schaltete schlagartig einen Gang höher. Dieses Mädchen war ja großartig.

»Schöpfung ist ein reiner Akt des Willens«, zitierte sie. Ihr Gesichtsausdruck blieb unverändert. Er versuchte, ein mentales Foto von ihr zu machen, und überlegte, wie alt sie wohl war. Vielleicht zweiundzwanzig oder dreiundzwanzig.

»10 Pfund 20 bitte.«

Die Getränke standen auf den durchtränkten Bierdeckeln. Die Kohlensäure perlte nach oben.

»Das ist mein Lieblingslied«, sagte sie und deutete über sich in die Luft. Die Musik waberte. »Das war übrigens total nett von dir gestern in der Bäckerei.«

Oh Gott, dachte er, ich werde rot. Auf einmal wurde ihm ganz heiß. »Ach, nicht der Rede wert«, sagte er und versuchte zu lachen, doch dann geriet er in Panik, klemmte sich die Chipstüten unter den Arm, nahm alle drei Gläser in seine kleinen Hände – nicht ohne gehörig Bier zu verschütten –, nickte ihr zum Abschied zu und rannte zurück zu seinen Freunden. Als er die Getränke ungeschickt auf dem Tisch abgestellt hatte, drehte er sich noch einmal um und schaute zur Bar, aber das Mädchen mit den blutroten Haaren schaute nicht her. Sie hatte die Arme auf den Tresen gelegt und wippte auf den Zehen auf und ab, während sie mit dem Barkeeper sprach.

»Was meint ihr, wie viele wir am Freitag sehen?«, fragte Blotchy. Doch Sam war nicht besonders konzentriert. Obwohl er sich gerade wie ein Volltrottel benommen hatte, schossen Glückshormone durch seine Blutbahn. Er hatte ganz vergessen, wie sich das anfühlte.

»Sam?«

Er sollte zurückgehen und noch mal mit ihr reden. Das war ihr Lieblingslied – und seines auch. Wie oft schenkte das Universum zwei Menschen einen solchen Zufall? Und wie hoch war die Wahrscheinlichkeit, dass ebendiese zwei Menschen sich zuvor schon beim Bäcker begegnet waren? Das musste ein Zeichen sein.

»Hä?«

»Was meinst du, wie viele Meteore wir Freitagnacht sehen? Die Jungs veranstalten ein Gewinnspiel.«

Das Mädchen nahm ihren Drink, und Sam sah zu seiner Überraschung, dass sie ein Glas Guinness zu ihrem Tisch trug. Sie saß versteckt in einer Ecke des Pubs, neben dem Kamin. Sie zog ein Buch heraus, dessen Titel im gedämpften Licht nicht zu erkennen war.

»Sam?«

Er drehte sich wieder zu seinen Freunden um und setzte sich. »Freitagnacht«, sagte er. Er überlegte, ob das Mädchen mit den roten Haaren ihn wohl gerade anschaute. Er musste ganz cool wirken, was bedeutete, dass er auch nicht zu viel reden durfte. »Keine Ahnung«, sagte er und lehnte sich zurück. »Wie kann man aus so was überhaupt ein Gewinnspiel machen?«

Im Licht des Kaminfeuers sah das Bier aus wie Magma. Sam schluckte ein Drittel auf einmal und fühlte sich gleich besser. Er überlegte, was sie wohl las. Das Buch sah gebraucht aus, mit vergilbten Seiten und beschädigtem Cover. Musste sie sich anstrengen, um sich auf die Worte konzentrieren zu können, so wie er sich anstrengen musste, dem roten Faden in der Unterhaltung seiner Freunde zu folgen? Er überlegte, wo sie wohl lebte und warum er sie noch nie in der Stadt gesehen hatte. Vielleicht war sie erst hergezogen und hatte ihn deswegen angesprochen: weil sie Freunde finden wollte. Er sollte hinübergehen und sie fragen, ob sie sich nicht zu ihnen setzen wolle. Aber ob sie wirklich bei einer Unterhaltung über einen merkwürdigen Trip aufs Land am Freitagabend zum Meteorgucken dabeisitzen wollte – wo die meisten Leute seines Alters in die Stadt gingen und sich betranken?

»Was schreibst du denn im Moment?«, fragte Blotchy Tango.

Tango, mit dem schmalen rechteckigen Gesicht und dem drahtigen, kurzen braunen Haar, der auf der anderen Seite des Tisches saß, meinte: »Ich hab da so eine Idee: Da ist so ein Raumschiff, und die Besatzung fängt an, nachts ganz tief zu schlafen, alle immer zur selben Zeit. Und nach einer Weile merken sie, dass das Raumschiff nicht mehr so toll funktioniert, und dann findet einer der Ingenieure raus, dass Teile entfernt und ausgetauscht worden sind, während sie geschlafen haben. Aber sie merken, dass diese Ersatzteile, auch wenn sie sehr gut sind, die Originale nicht ersetzen können, und dass das Schiff mit ihnen nicht reibungslos fliegen kann.«

Sam lauschte und tat ganz bewusst so, als hätte er das Mädchen mit dem rot-schwarzen Haar vergessen.

»Und dann kriegt die Besatzung auf einmal Nasenbluten. Und dann werden sie krank.« Er verstummte, machte die Cheese-and-Onion-Chips auf und riss die Tüte seitlich komplett auf, sodass die Chips offen dalagen wie auf einer Schale. »Der Schiffsarzt untersucht die Mannschaft, und sie entdecken, dass nicht nur das Schiff Stück für Stück ersetzt wird, sondern auch sie. Ihre Organe sind nicht ihre eigenen, sondern perfekte Kopien, die ihnen von irgendeiner fremden Macht in den Körper eingesetzt werden, wenn sie schlafen. Doch so perfekt sie auch sind, die Funktion der Originale ist einfach zu komplex, und die neuen Körper versagen auch.«

Vielleicht war es die Wirkung des Mädchens, aber der Gedanke, ersetzt zu werden, jagte Sam Schauer über den Rücken: Wenn ich Stück für Stück ersetzt werden würde– wäre ich dann überhaupt noch derselbe?

»Und, was ist das dann am Ende gewesen?«, fragte Blotchy ruhig.

Sam drehte sich auf seinem Stuhl um und überlegte, ob er heute Abend nach Hause gehen und wie jede Nacht die Voicemail auf seinem anderen Handy abhören sollte, das er in der Schublade seines Nachtkästchens aufbewahrte. Er spürte die Hitze, die vom Kaminfeuer am anderen Ende des Raumes kam, und jetzt war es ein ungleichmäßiges, unangenehmes Gefühl. Er drehte sich noch weiter herum, um sie zu sehen, das Mädchen mit den roten Haaren, aber sie war nicht dort. Nur ein halb ausgetrunkenes Glas trübes schwarzes Guinness stand noch dort, dessen Schaum seltsame Muster am Glasrand bildete. Dann vernahm er Tangos Stimme: »… langsame Invasion.«

Das Phantasma #003

Die Tragödie des Mr Ho

Der Regen fällt so dicht, dass er nasse Wände bildet. Ein kleines Kind bei diesem Wetter draußen? Warum? Man würde das Kind auf zwölf, dreizehn schätzen, vielleicht auch erst elf. So etwas lässt sich heutzutage schwer sagen, weil die Kinder so früh groß werden, weil sie so früh lernen müssen, wie die Welt wirklich tickt. Das Kind belauert eine Bushaltestelle, es steht auf dem grasbewachsenen Abhang dahinter und schaut nach unten. All das sieht unser maskierter Kreuzritter durch die lichtspendende Magie einer Nachtsichtbrille. Er versteckt sich wieder in einem Baum. Eine Frau sitzt im Wartestand, der von einer einzelnen Glühbirne erleuchtet wird. Ein klassisches Szenario: das Raubtier, die Beute, der Beschützer.

Auf eines kann man Gift nehmen: Dieser Rotzlöffel führt nichts Gutes im Schilde. Das Phantasma spürt es in den Knochen. Unschuldig bis zum Beweis des Gegenteils mag schön und gut im Schutze des Gerichtssaals sein, aber wenn man im Dschungel unterwegs ist, entwickelt man einen sechsten Sinn für die Gefahr. Und entweder reagiert man auf die Umgebung, oder die Umgebung reagiert auf einen selbst.

Und selbstverständlich passiert es dann auch. Der Junge hebt einen Stein auf und schmeißt ihn auf das Bushäuschen. Durch die Nachtsichtbrille sieht man die Fluglinie wie von Leuchtspurmunition. Der Regen prasselt herunter. Das Geschoss verfehlt das Dach des Häuschens um eine knappe Handbreit, und die kleine alte Dame mit ihrem Alte-Leute-Einkaufstrolley wartet weiter auf den Bus, nicht ahnend, dass sie gerade unter Beschuss geraten ist. Aber es gibt jemand, der weiß es. Ein Mann mit Nachtsichtbrille auf einem Baum weiß es.

Nur in der Dunkelheit werden Helden geboren, und heute Nacht ist es sehr dunkel. In seinem Herzen singt er eine Elegie auf den Niedergang des Respekts.

Jetzt kommt ein neuer Retter den Hügel hinauf. Der 49er-Bus. Er glüht in der Nacht wie ein Leuchtfeuer der Hoffnung, als er den Sturzregen in zwei Hälften schneidet. Seine Fenster sind hellgelbe Lichtrechtecke, die Regentropfen ziehen ihre Spuren vor den Scheinwerfern wie Pfeile. Mit einem Zischen kommt der Bus zum Stehen, und die ältere Dame steigt ein, um sich an einen sichereren Ort fahren zu lassen.

Das Spiel kann beginnen.

Er ist von seinem Baum geklettert, bevor der Bus den zweiten Gang eingelegt hat. Er geht über die Straße. Die Regentropfen sind hart und kalt, aber wir haben es hier nicht mit einem gewöhnlichen Menschen zu tun. Hier wird es keine Regenschirme geben. Er hebt den Arm und deutet mit dem Finger der Gerechtigkeit auf das Kind.

»Du da!«, ruft er.

Er hofft, dass der Junge vor Angst davonrennen wird, aber das tut er nicht. Er späht zum Ritter der Nacht hinunter und richtet sich zu seiner ganzen Größe auf, was nicht besonders viel ist. Die Entfernung vom Wartehäuschen bis nach oben auf den kleinen Abhang beträgt wenig mehr als drei Meter. Ganz schön tollkühn für sein Alter.

»Verpiss dich!«, ruft das Kind.

»Sehr charmant! Küsst du mit dem Mund auch deine Mutter?«

»Mit dem Mund küss ich deine Mutter«, sagt der Junge.

Der Kleine hat ja ganz schön Mumm. Neben dem Jungen steht ein Abfalleimer, in dem er jetzt etwas entdeckt hat. Aus der dunklen Höhle des Mülleimerschlundes hat er etwas herausgeangelt, was aussieht wie eine weggeworfene Pommestüte. Er wirft mit einer Fritte nach dem Phantasma, aber der maskierte Krieger ist zu schnell und duckt sich rasch in die Deckung des Bushäuschens. Die Fritte trifft mit einem dumpfen Laut gegen die Plexiglasscheibe und fällt zu Boden.

Der Held steckt seinen Kopf heraus. »Was machst du denn da?«

Der Junge wirft die nächste Fritte. Bei Schurken des 21. Jahrhunderts muss man oft zu den Lösungen des 21. Jahrhunderts greifen. Der Held zieht das Phantaphone aus seinem Ausrüstungsgürtel und schießt demonstrativ ein Foto von dem Jungen. Aber der hat die Kapuze auf, und ein Schal verdeckt den unteren Teil seines Gesichts.

»Machst du hier Fotos von kleinen Kindern, du Pädo, oder was soll das werden?«

»Ich bin kein Pädo!«

»Klar bist du einer.«

Noch eine Fritte, die direkt neben dem Kopf des Phantasmas vorbeizischt. Sein Instinkt reagiert, und er reißt einen Arm hoch. Die Fritte wird aufgefangen. Der Rächer wirbelt einmal um die eigene Achse und schleudert sie zurück auf den Jungen. Er trifft das Kind auf die Brust. Aber wirft ihn nicht um. Nicht dass man jemand mit Pommes umschießen könnte. So beeindruckend es auch war, die Newton’schen Gesetze sind die gleichen für jeden Menschen.

Jetzt hat sich der Junge einen angebrochenen Behälter mit Currysauce geschnappt.

»Hör sofort auf!«, ruft unser Held. »Wenn du das wirfst, dann werd ich …«

PLATSCH!

Er kann es schmecken. Es ist noch warm. Hmm. Er kennt diese Currysauce. Die ist vom Chinarestaurant Golden Boat. Mr Ho wäre am Boden zerstört, wenn er wüsste, dass sein feines Produkt als Waffe eingesetzt wird. Er wischt sich die Sauce aus den Augen und fixiert den Jungen.

Ja, du merkst es auch. Ich. Bin. Stocksauer. Er jagt das Kind den Hügel hoch. Der Junge wirft mit der ganzen Pommestüte nach ihm, aber das Phantasma schlägt sie beiseite, als wäre es nichts. Auf einmal bleibt der Junge stehen und dreht sich um. Er ist kleiner, als er vorhin aussah, und jünger. Was zum Teufel hat ein Kind in diesem Alter um diese Uhrzeit noch draußen zu suchen?

»Willst du mich angreifen? Verpiss dich«, sagt der Junge. Seine Augen blitzen, man sieht die ganze Wut, die in ihm wohnt. Im Kopf des Phantasmas läuft seine ganze tragische Zukunft wie ein Film ab. Und dann schwappt ihm das Wasser einer Pfütze entgegen, in die der kleine Rowdy mit einer ungeheuer geschickten Fußbewegung hineingetreten ist, und es durchnässt den dunklen Wächter.

»Okay.« Er starrt dem Jungen in die Augen.

»Lösch das Foto«, sagt das Kind.

»Was?« Er ist tropfnass.

»Das Foto«, sagt das Kind. »Das Bild, das du da grade von mir gemacht hast, das löschst du jetzt, sonst melde ich es der Polizei.«

»Du hast mit Currysauce nach mir geworfen!«

»Na und? Du bist ein Irrer, der sich angezogen hat wie ein Depp – was meinst du wohl, auf welche Seite sich die Polizei stellen wird?«

Der maskierte Rächer verengt die Augen zu Schlitzen. Er knurrt leise und zeigt dem Kind das Display seines Handys. Mit seinen Handschuhen lässt sich der Touchscreen bedienen – es sind Zukunftshandschuhe –, und als er das Symbol mit dem kleinen Abfalleimer drückt, verdunstet das Bild in den Myriaden von Informationsströmen auf der Datenautobahn. »Bitte schön. Zufrieden?«

Das Kind nickt widerwillig, macht aber keine Anstalten wegzulaufen.

»Was machst du bei dem Regen draußen, mein Sohn?«, fragt unser Held.

Der Junge zuckt mit den Schultern.

»Na, komm.«

Sie stellen sich in einem Ladeneingang unter.

»Schau dich doch an, wie pitschnass du bist«, sagt das Phantasma. Er hat eine Aludecke in seinem Rucksack, die er dem Jungen jetzt um die Schultern legt. »Bist du in der Schule auch so ungezogen?«

Der Junge zuckt mit den Schultern, und das Phantasma merkt, dass sie jetzt auf Augenhöhe miteinander reden können. »Darf ich dich mal was fragen? Magst du Sportwagen?«

»Was?«

»Und große Häuser?«

»Na ja … schon.«

Das Phantasma legt dem Jungen die Hände auf die Schultern. »Jeder möchte im Leben Erfolg haben. Du kannst diese Sachen auch alle haben. Egal, was irgendwer behauptet. Du bist ein kluges Köpfchen, Junge. Aber du musst dich konzentrieren. Ich sag dir mal eines. Ich kenne dich nicht, aber wenn deine Lehrer gemein sind, oder selbst wenn deine Eltern gemein sind, du musst immer an dich selbst glauben, okay? Du kannst alles schaffen, was du willst. Aber von nichts kommt nichts – du musst schon was dafür tun. Und das fängt mit der Schule an. Weißt du, was ein Astronaut der NASA mal zu mir gesagt hat, als ich so in deinem Alter war? Er hat mir das Geheimnis verraten, wie man alles erreicht, was man will. Und es ist ganz einfach. Willst du’s wissen?«

Das Kind blickt zum Rächer auf. Und nickt.

»Es ist viel einfacher, als du denkst. Er hat gesagt, dass du jeden Tag dreißig Minuten lesen musst. Ganz egal, was. Aber du musst es machen. Keine Musik, kein Fernseher, kein Handy. Du liest einfach dreißig Minuten. Dann denkst du fünf Minuten drüber nach, was du gerade gelesen hast, und wenn du merkst, dass du was vergessen hast, schaust du es noch mal nach. Das machst du jeden Tag, und wenn du erwachsen bist, wird dich jeder für ein Genie halten. Und weißt du, was der Clou ist? Du bist dann auch tatsächlich ein Genie. Dein Gehirn ist bis dahin nämlich eine feingetunte Maschine. Glaubst du mir?« Das Kind starrt ihn an. Es nickt noch einmal hastig.

»Du musst nicht mal jemand verraten, dass du das machst. Niemand braucht zu wissen, dass du liest.« Er lächelt. »Hey, da ist ein Spar auf der anderen Straßenseite. Hast du Hunger? Welchen Schokoriegel magst du am liebsten?«

»Keine Ahnung.«

»Ach komm, du musst doch einen Lieblingsschokoriegel haben.«

»Twirl mag ich gern.«

Das Phantasma nickt.

»Gute Wahl. Twirl schmeckt super. Früher gab’s mal einen Riegel, der hieß Spira. Schon mal gehört? Das waren auch zwei in einer Packung. Aber in der Mitte hatte der ein Loch, sodass man ihn quasi als Strohhalm benutzen konnte. Das Zeug war super. Okay.« Er zieht eine 10-Pfund-Note aus seinem Ausrüstungsgürtel. »Komm, wir machen einen Deal. Du versprichst mir, dass du dich in der Schule mehr anstrengst, und ich lass ein Twirl und eine Cherry Cola springen.«

Der Junge überlegt. »Okay«, sagt er.

Das Phantasma gibt ihm das Geld. »Hol mir auch eine Cherry Cola. Und ein Wispa.«

»Im Ernst?«

»Im Ernst.«

Das Kind rennt zum Spar hinüber, und der maskierte Rächer wartet im Ladeneingang. Nach ein paar Minuten kommt der Junge wieder aus dem Geschäft. Er könnte jetzt davonrennen, wenn er wollte. Unser Held würde ihn nicht verfolgen. Einen Augenblick passiert nichts. Und dann lächelt das Phantasma in sich hinein, während der Junge die Straße überquert und auf ihn zugetrabt kommt.

3. Kapitel

Das Schneidern eines Kostüms und eines Ausrüstungsgürtels ist von größter Wichtigkeit für einen Superhelden. Das Kostüm bildet die äußere Barriere zwischen ihm (oder ihr) und der Welt. Das Kostüm hebt den Helden von allen anderen ab, und oft ist es das Einzige, was ihm das Leben retten kann.

Sam hatte den Großteil seiner Ausrüstung online bestellt, über sechs Wochen hinweg von verschiedenen Websites, damit niemand Verdacht schöpfte. Er hatte eine kugelsichere Kampfweste bei Amazon bestellt. Schwarz, mit ganz vielen Taschen und Laschen, in die man die Ladestreifen mit der Munition stecken konnte. Wenn man die anhatte, fühlte man sich wahnsinnig sicher und stark. Sie war leicht und atmungsaktiv und ließ einem maximale Bewegungsfreiheit. Er bewahrte ihre Leichtigkeit, indem er nur ein paar Schokoriegel hineinsteckte, kleine Flaschen mit Wasser oder Cherry Coke und eine Thermoskanne Kaffee, für den Fall, dass es kalt wurde. Er trug die Weste über einem Ninja-Shirt von Odlo, einer dünnen Thermohaut mit einer Kapuze, die man sich über den Kopf ziehen konnte. Die war ursprünglich dazu gedacht, das Gesicht eines Radfahrers vor beißendem Wind zu schützen, aber sie eignete sich auch hervorragend als Basisschicht für einen Helden des 21. Jahrhunderts. Zusätzlich waren Silberionen darin verarbeitet, um den Körpergeruch zu reduzieren. Er trug außerdem eine schlichte enge Laufhose für Männer mit kleinen Schienbeinschützern darunter und einem Tiefschutz, und ein Paar New-Balance-Sportschuhe-507. Um seine Augen zu verbergen, trug er eine schwarze Schlafmaske, in die er Löcher geschnitten hatte. Die Haut rund um seine Augen bemalte er sich mit dunklem Eyeliner. Sein Kopf wurde von einem schwarzen Rugbyhelm geschützt, seine Hände von Allwetter-Radfahrerhandschuhen mit touchscreentauglichen Fingerspitzen. Dazu trug er noch superleichte Kevlar-Ellbogenschützer (nicht nur zu seinem eigenen Schutz, sondern auch um seine Feinde damit zu schlagen, statt ihnen einen Fausthieb zu versetzen – wobei er freilich sein Lebtag noch niemand geschlagen hatte) sowie einen Schutz, der sich über Schultern, Brustkorb und Bizeps zog (den trug er über seinem Ninja-T-Shirt und unter der kugelsicheren Weste). Das alles hatte Sam für etwas weniger als einen Wochenverdienst gekauft. Es war wichtig, das Gleichgewicht zwischen Sicherheit und Beweglichkeit zu finden, und Sam war sehr zufrieden mit dem Kompromiss, den er gefunden hatte.

Das Lieblingsstück seines Kostüms war jedoch der Ausrüstungsgürtel. Den Gürtel selbst hatte er auf eBay gekauft, er war bequem gepolstert und ließ sich sowohl an seiner Weste befestigen als auch einfach um den Bauch schnallen. Er hatte sieben Taschen, die laut Produktbeschreibung für folgende Utensilien gedacht waren: Pistole, doppelläufige Pistole, Ladestreifen, Schlagstock und Handschellen. Sam hatte sie anders bestückt: eine Rolle Zwirn, Rauchbomben, Kompass, Notizblock und Stift, Handwärmer, Maßband, Laserpointer, 100 £ in bar, Katzenleckerli, Taschenlampe, Asthmaspray, Handtaschenalarm. An seinem Gürtel war die teurere Ausstattung befestigt: Fernglas, Nachtsichtgerät (das war ganz neu dazugekommen und tatsächlich gar nicht so teuer gewesen, wie man meinen könnte, obwohl er das erste prompt kaputtgemacht hatte) und eine kleine Digitalkamera, mit der er nicht nur Verbrecher fotografieren, sondern sie auch in HD-Qualität filmen konnte. Manchmal verstaute er die teuren Sachen im Rucksack, manchmal blieben sie ganz zu Hause. Das Phantaphone hatte er unter der Hand bar gekauft – es war robust und praktisch und hatte eine 50-£-Prepaidkarte. Sein persönliches Handy nahm er nie mit auf seine Patrouillengänge. Das alles war also seine Ausrüstung.

Er hatte mit dem Gedanken gespielt, ein Cape zu tragen, und hatte online auch ein wasserfestes gekauft, aber er zog es nie an. Wenn es dumm lief, konnte ein Feind sein Cape packen und es ihm über den Kopf werfen, wie beim Eishockey, sodass Sam blind und exponiert dastand. Außerdem sieht ein Cape in echt einfach nie so gut aus wie die Dinger in den Comics, also blieb es säuberlich zusammengefaltet auf dem Boden der verschlossenen feuerfesten Truhe in seinem Kleiderschrank. Ansonsten lagen in dieser Truhe noch: 5000 £, 1000 $ und 1000 € in bar, Reisepass, Geburtsurkunde, Sozialversicherungsausweis, Notübernachtungstasche, zwölf Dosen Baked Beans mit Würstchen und ein großes Paket mit einem Zelt und weiterer Survivalausrüstung.

Bevor er sein Zeichen auf dem Kostüm anbrachte, trug er es im Wald und absolvierte mehrere längere Läufe damit, um sicherzustellen, dass er alles bequem über längere Zeiträume und längere Strecken tragen konnte, inklusive Ausrüstungsgürtel. Am Anfang war es sehr anstrengend, aber als sich seine Rumpfmuskulatur kräftigte, wurde es leichter. Das Logo war ihm im selben Moment eingefallen, als ihm die Idee kam, ein Superheld zu werden. Das Abzeichen war einfach da, schlicht und wahr und so rein, dass er wusste, es war richtig so:

Er entwarf es auf seinem Computer und schickte es an eine riesige Firma, die Stickereien anfertigte und sich niemals daran erinnern würde. Als er das Produkt bekam, hielt er den Stoff in der Hand und wusste, das, was er hier tat, war unausweichlich geworden.

Wenn etwas richtig ist, wird es unveränderlich. Er nähte sich das Abzeichen an seine kugelsichere Weste, und dann stand er vor seinem Schlafzimmerspiegel und konnte den Blick nicht losreißen von der maskierten Figur. Die Aprilsonne schien durchs Fenster, von irgendwo in der Straße kam das Geräusch eines Rasenmähers. In diesem Moment, mitten in dieser ruhigen, perfekten Vorstadt, wurde eine neue Macht geboren.

Ein Gefühl von Verzweiflung mischte sich mit Euphorie. Das Kostüm war großartig und schrecklich, es war wahnsinnig. In der Frühlingssonne begriff er, dass irgendetwas schiefgelaufen war am großen Plan seines Lebens. Er war lächerlich, aber trotzdem war die Euphorie – dieses Gefühl, sich in eine andere Person zurückziehen zu können – berauschend, und mehr noch als das: Es war einfach. Es fühlte sich alles ganz einfach an. Seitdem er die Maske angezogen hatte, hatte er endlich inneren Frieden gefunden. Ob nun wahnsinnig oder nicht – er musste das hier tun. Das war seine Berufung, sein spezieller Daseinszweck. Egal, was andere darüber denken mochten, dass ein Mann in seinen Zwanzigern so etwas machte, das Phantasma war Sams Antwort auf den Vorfall, der vor vielen, vielen Jahren wie ein Güterzug in sein Leben gekracht war. Und es war die einzige Antwort, die ihm einfiel.

Jetzt lag sein ausgezogenes Kostüm auf dem Boden. Er hatte sich auf seinem Bett ausgestreckt, ließ einen Arm herunterbaumeln und starrte das Kostüm an. Es war bereits Donnerstag, und er sinnierte darüber, wie eine freie Woche so schnell vergehen konnte.

Er fuhr zu einem Café am Stadtrand und bestellte sich ein englisches Frühstück mit allem. Er mochte das Lokal, weil die Einrichtung solide war, die Tische immer sauber und das Frühstück haargenau richtig bemessen: zwei Eier, zwei Würstchen, zwei Scheiben Speck, zwei Kartoffelpuffer, eine Scheibe Blutwurst, Bohnen, Tomaten und Toast.

Sam nahm sich alle zwölf Wochen eine Woche frei. Er hatte Anspruch auf fünf Wochen Jahresurlaub und teilte sich das Jahr gerne in Quartale ein. Die eine Woche, die dabei übrig blieb, war für Notfälle gedacht. Und alle freien Wochen liefen ungefähr nach demselben Schema ab. An Tag eins fuhr er an die Küste, an Tag zwei fuhr er über die Landstraßen und aß in irgendeinem Pub zu Mittag. An Tag drei drehte er eine Runde durch die Gewerbegebiete, durch die er als Teenager mit dem Rad gestreift war. Sam mochte Gewerbegebiete. Er mochte die sauberen Grasbankette und die einfachen Straßen mit dem soliden Bordstein. Er mochte die Bäche, die oft unter kleinen Brücken hindurchliefen, und die Schilder am Eingang, auf denen kleine Karten zeigten, welches Geschäft wo zu finden war – alles hübsch und schlicht und organisiert. Er parkte dann einfach und spazierte herum, ganz anonymer Mensch in einem anonymen Raum.

Zu Hause bestellte er sich jeden Abend eines seiner liebsten Takeaway-Gerichte und schaute einen Lieblingsfilm. Montag hatte es Pizza und Matrix gegeben, Dienstag Würstchen, Bohnen und Pommes und Pacific Rim. Mittwoch Döner und Prestige– Die Meister der Magie. Indem er die Dinge reglementierte und ordnete, schuf sich Sam einen stabilen Seelenzustand. Ein paarmal hatte er auch schon darüber nachgedacht zu verreisen, aber er hatte Flugangst, und die bloße Anstrengung und der Gedanke, in eine unbekannte Umgebung aufzubrechen, schreckten ihn ab. Er kannte und liebte seine Heimatstadt – warum also sollte er sie verlassen?

Tag vier war sein Wallfahrtstag. Nach seinem englischen Frühstück fuhr er in den nahe gelegenen Wald und machte einen langen Spaziergang durch die Kiefern zu einem kleinen Teich, der von einer natürlichen Quelle im Berg gespeist wurde. Es war ein Ort, den er mit tief eingebrannten Erinnerungen verband, und er war ihm heilig geworden: Er wusste, wenn er hier nicht in regelmäßigen Abständen herkam, würde etwas in ihm zerbrechen, und dann würde er sterben.