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Der vierzehnjährige Patrick genießt die Sommerferien im Camp. Umgeben von dichtem Wald führt nur ein schmaler Pfad hinab in die Schlucht zu der einzig seichten Stelle im Fluss. Patrick ist an ein solches Leben in der freien Natur gewöhnt und hat von seinem Großvater viel über den Wald und seine Bewohner gelernt. Als er glaubt, alles zu kennen, trifft er auf die charismatischen Brüder Sebastian und Johannes. Gemeinsam entdecken sie ihre Umgebung neu und stoßen dabei auf unerklärliche Dinge. Auf der anderen Seite des Flusses verbirgt sich eine geheime Welt. Sollten Elviras fantasievolle Erzählungen am Lagerfeuer doch der Wahrheit entsprechen? Als die alte Lady spurlos verschwindet, wagen sie den gefährlichen Schritt und begeben sich auf die Suche nach ihr.
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Veröffentlichungsjahr: 2021
Inhaltsverzeichnis
Eins
Zwei
Drei
Vier
Fünf
Sechs
Sieben
Acht
Neun
Neun
Zehn
Elf
Zwölf
Dreizehn
Vierzehn
Impressum
„Langsam aussteigen!“, warnte Hajo mit seiner markanten Stimme.
Die Halbwüchsigen zuckten zusammen und hörten tatsächlich auf zu drängeln. Patrick musste schmunzeln, nicht zum ersten Mal bemerkte er, dass Hajo diese Wirkung auf die Neuen hatte. Unsicher drückten sie sich an ihm vorbei und gingen in Richtung des Camps. Böser Fehler! Gleich würde Hajo sie erneut anraunzen.
„Vergesst nicht, euer Gepäck mitzunehmen! Wir sind hier nicht im Hotel Mama!“
Patrick kicherte verhalten, als die Letzten an ihm vorbeistoben und sich in die immer länger werdende Schlange an der Seite des Busses einreihten.
„Anfänger!“, schüttelte Patrick den Kopf. Möglicherweise waren sie das tatsächlich. Anfänger und zum ersten Mal in einem Feriencamp. Sie mochten vielleicht elf oder zwölf Jahre alt sein und zählten somit zu den Jüngeren hier. Ein paar größere Exemplare waren wohlwissend am Bus stehen geblieben und feixten die Gescholtenen hämisch an. Patrick merkte sich die Gesichter. Er mochte solche Typen nicht, die sich auf Kosten der Schwächeren aufspielten und würde ihnen aus dem Weg gehen. So tat er es mit den meisten hier im Camp, wenn auch aus anderen Gründen.
Der Busfahrer zog eine Tasche nach der anderen aus dem Bus und warf sie auf den staubigen Boden. Es interessierte ihn nicht, welcher Name auf den kleinen Schildchen stand. Die Kids konnten lesen und waren alt genug, sich zu merken, welche Tasche, die ihre war. Sie würden sie schon irgendwie untereinander aufteilen. Es dauerte eine Weile, bis die Meute begriff, dass seinerseits nicht mit mehr Entgegenkommen zu rechnen war. Ein besonders mutiges Exemplar näherte sich dem Stoffberg und zupfte an einer lila Tasche.
‚Ist das nicht eine Mädchenfarbe?‘, schoss es Patrick durch den Kopf.
Der Typ überragte ihn vermutlich um einiges, er war groß und kräftig gebaut. Ausgerechnet der! Mit seinen blauen Augen war er bestimmt der absolute Mädchenschwarm an seiner Schule! Noch so ein Traumtyp stellte sich neben ihn und zerrte – Tatta! – an noch einer lila Tasche. Wo kamen die den nur her? Gab es hier irgendwo ein Nest? War das etwa der neueste Trend?
Die beiden schulterten mühelos ihre Taschen und drehten sich zu ihm um.
„Ui!“, entfuhr es Patrick. Wenn das mal keine Brüder sind. Die waren ja kaum auseinanderzuhalten. Patrick musste blinzeln. Doch, wenn man genauer hinsah, waren sie ganz gut zu unterscheiden. Der zweite wirkte etwas jünger und hatte grüne Augen, wie er selbst. Genau diese grünen Augen blitzten ihn nun abenteuerlustig an und zum ersten Mal, seit er selbst vor einer Woche ins Camp eingezogen war, hatte er das Bedürfnis nach menschlicher Nähe.
Die beiden waren in seinem Alter. Vierzehn, der kräftigere vielleicht fünfzehn. Die beiden strahlten ein ungeheures Selbstvertrauen aus, aber was ihn noch viel mehr beeindruckte, war ihr wacher Verstand, mit dem sie blitzschnell ihre Umgebung scannten und voila – ihre Blicke trafen sich.
„Siehst du den Kleinen da drüben?“, stupste Johannes seinen Bruder an.
„Hm? Was ist mit dem?“
„Der starrt uns die ganze Zeit an.“
„Soll er machen“, antwortete Sebastian beiläufig. „Wenigstens wirkt er nicht so spießig wie der Rest hier.“
Johannes antwortete mit einem zustimmenden Schnaufen.
Der Kleine fiel tatsächlich aus der Reihe. Er hatte sich etwas abseits der anderen unter eine alte Buche gehockt und beobachtete ihre Ankunft aus sicherer Entfernung. Er war sehr schlank, geradezu schmächtig. Johannes bezweifelte, ob der einen 100-Meter-Lauf überhaupt schaffen könnte, geschweige denn, dass er ihn dabei schlagen würde. Vermutlich vergrub er sich den ganzen Tag nur hinter irgendwelchen Büchern.
Doch so ganz konnte das nicht stimmen. Er war ebenso braun gebrannt wie sie und seine dunklen Klamotten waren von einer dicken Staubschicht bedeckt. An seinen Füßen war sie so dick, dass man die Farbe seiner dünnen Stoffturnschuhe schon gar nicht mehr erkennen konnte.
Jetzt stand der Junge auf und ging zu den anderen hinüber. Sein geschmeidiger Gang bestätigte, was Johannes soeben vermutet hatte. Klein und schmächtig vielleicht, aber seine freie Zeit verbrachte er, genau wie sie, lieber draußen als drinnen. Sie stellten sich in einer Reihe auf. Der Knautzbart von vorhin baute sich vor ihnen auf und holte tief Luft.
‚Oh, bitte nicht!‘, resignierte Johannes. ‚Noch eine Ansprache!‘
„Mein Name ist Hajo“, begann der Bärtige. „Ich bin hier der Campleiter. Wenn ihr irgendwelche Fragen oder Probleme habt, dann kommt ihr damit zu mir! Ich erfahre es sowieso, als nur keine falsche Scheu.“
Er blickte prüfend in die Runde. Alle Augen waren auf ihn gerichtet. Niemand außer ihm sprach ein Wort. Das funktionierte also schon mal. Zufrieden fuhr er fort:
„Ich werde euch jetzt auf die Hütten aufteilen. Immer drei gehen zu einem Älteren. Die sind nicht wirklich älter als ihr. Die sind nur schon länger hier und kennen die Regeln. Die Älteren sind für ihre Hütte verantwortlich und kommen zu mir, wenn es was zu klären gibt. Verstanden?“
Eifriges Nicken unter den Neuankömmlingen, etwas betreteneres Kopfwiegen unter den Älteren. Der Schmächtige rührte sich nicht. Ernsthaft? Der sollte die Aufsicht über eine Hütte haben? Na, das konnte ja heiter werden! Die würden den Kleinen doch unangespitzt in den Boden rammen, sobald er versuchte, sie zu verpfeifen!
Johannes verspürte etwas Mitleid mit ihm. Er nahm sich vor, in nächster Zeit ein Auge auf ihn zu haben.
„Euch beide behalte ich mal besser in meiner Nähe!“, murmelte Hajo ihnen zu. Er zog Johannes und Sebastian zu einem bebrillten Jungen, der seinem Handy die ganze Zeit mehr Aufmerksamkeit gewidmet hatte, als den Ereignissen hier am Bus.
„Das ist Ben“, stellte sie Hajo vor. „Ihr habt die Hütte direkt neben meiner.“
Na, fantastisch! Besser konnte es doch einfach nicht laufen. Vor ihnen lagen zwei Wochen ödes Lagercamp! Direkt neben der Hütte vom Campleiter und mit dem coolsten Jungen des ganzen Camps. Mit einem leisen Klirren war gerade seine Hoffnung auf ein paar Wochen voller Abenteuer in tausend kleine Teile zersprungen und aus seinem Leben verschwunden. Unter diesen Bedingungen würde sie ganz bestimmt nicht zurückkehren! Ein Blick zu Sebastian bestätigte ihm, dass dieser ihre Lage ähnlich dramatisch einschätzte.
Neben Ben trat ein ebenfalls mit Handy bewaffneter Datenkrieger nervös von einem Fuß auf den anderen und beachtetet sie nach kurzem Aufsehen nicht weiter.
„Johannes!“, stellte er sich mit möglichst tiefer Stimme vor. Sebastian sah ihn vorwurfsvoll an. „Und das ist mein Bruder Sebastian. Auf eine gute Zeit!“
Er streckte Ben seine Hand hin. Ben nickte nur stumm und starrte wieder auf sein Handy.
„Und wer bist du?“, versuchte Sebastian sein Glück bei dem anderen. Mit demselben niederschmetternden Erfolg. Sebastian verleierte die Augen und sah sich um.
„Das ist Thorben“, raunte jemand in seinen Rücken.
Sebastian fuhr herum. Da war niemand. Er senkte den Blick etwas und wurde fündig. Das war ja der Kleine von vorhin! So aus der Nähe wirkte er noch schmächtiger. „Ich bin Patrick“, stellte er sich ihnen vor. „Ich habe die Hütte am Ende des Camps, gleich die letzte vor dem Wald. Ihr könnt sie nicht verfehlen.“
Spitze! Der Kleine hatte die beste Hütte vom Camp, aber sie mussten ausgerechnet bei Ben landen.
Patrick also. Wenigstens konnte er reden! Damit hatte er einigen anderen hier ja schon sehr viel voraus!
„Ach, da bist du“, brummte Hajo hinter Sebastian und klopfte Patrick auf die Schulter. „Du musst Mike und Lukaz zu dir nehmen. Das Camp ist leider randvoll.“
Patrick nickte stumm und betrachte zweifelnd die beiden Neuankömmlinge. Meinte Hajo das im Ernst? Die beiden reihten sich folgsam neben ihm ein und standen da, wie ein Schluck Wasser. So bleich wie die waren, würden die sich unter normalen Umständen nicht weiter in den Wald wagen, als das W-LAN reichte. Ausgerechnet die waren nun also seine Schützlinge. Patrick warf den beiden Brüdern noch einen vielsagenden Blick zu, bevor er mit seinen Helden davontrabte.
„Zumindest, wirst du mit denen keinen Ärger bekommen“, murmelte Johannes. „Höchstens, dass sie sich mal zum Essen verspäten.“
Aber so wie Mike aussah, konnte er selbst das beruhigt ausschließen!
Die Hütten waren winzig. Sie waren gerade groß genug, um zwei Etagenbetten darin unterzustellen. An deren Fußende befand sich jeweils ein Schrank und am Kopfende eine Truhe, die wohl gleichzeitig als Tisch dienen sollte. Stühle gab es nicht. Zum Sitzen mussten die unteren Betten herhalten. Selbstverständlich waren das die Schlafplätze von Johannes und Sebastian.
Johannes warf seinem Bruder einen genervten Blick zu. Dieser ließ sich auf seiner Seite ins Bett fallen und schloss zufrieden die Augen. Eine Etage über ihm hob Ben den Kopf und sah panisch nach unten. Erst als das Bett aufhörte zu schwanken, vergrub er sich wieder in seine Decken.
„Ist es wenigstens bequem?“, fragte Johannes seinen Bruder.
„Zum Schlafen völlig ausreichend“, antwortete dieser und richtete sich halb auf. Über ihm hielt sich Ben krampfhaft am Bettrahmen fest, während Sebastian seine Füße betont langsam aus dem Bett schob und das Bett dabei gehörig ins Schwanken brachte. „Was machen wir jetzt?“
„Keine Ahnung? Wie wäre es mit einer kleinen Führung?“
Johannes sah auffordernd in Bens Richtung, doch dieser tat, als habe er nichts gehört. Fein. Dann würden sie sich eben ohne ihn umschauen. Wortlos standen sie auf und verließen die Hütte.
Sebastian nahm einen tiefen Atemzug und stiefelte aufs Geratewohl los. Egal wohin, Hauptsache raus aus dieser winzigen Zelle.
„Ziemlich eng da drinnen, oder?“, fragte Johannes neben ihm.
„Schätze, die sind nur zum Pennen gedacht. Dafür ist es ok. Der Rest wird sich in den drei großen Hütten im Zentrum abspielen. Mal sehen, was man hier draußen alles anstellen kann. Denkst du, das ist ein richtiger Wald?“
„Wäre cool“, zuckte Johannes mit den Schultern. „Bis hierher ist er jedenfalls noch ziemlich bewohnt.“
Sebastian folgte dem schmalen Kiesweg, der sie an den letzten Schlafhütten vorbeiführte. Stattdessen wuchsen nun Sträucher zwischen den Bäumen und verdeckten die Sicht ins Waldesinnere. Jemand hatte ein kleines Holzschild in den Boden gerammt, auf dem ‚Feuerlichtung´ stand. Das klang zumindest interessant genug, um diesen Weg weiter zu verfolgen. Es dauerte eine Weile, bis sie die besagte Lichtung erreichten.
Sie war nicht besonders groß. In ihrer Mitte hatte man ein tiefes Loch in die Erde gehoben, an dessen tiefsten Punkt sich tatsächlich eine Feuerstätte befand. Die Seiten verliefen stufenartig nach oben, so dass man wie in einer antiken Arena darum sitzen konnte und jedermann freien Blick auf das wärmende Feuer hatte. Nicht übel!
Sebastian sah sich um. Das Camp war von hier aus nicht mehr zu sehen. Sie schienen weiter gegangen zu sein, als es ihnen vorgekommen war. Sie waren von hohen Bäumen und dichtem Buschwerk umgeben. Das Rauschen des Waldes und der Gesang der Vögel machten die Illusion perfekt, ganz allein hier draußen zu sein. Johannes stupste seinen Bruder an und deutete mit einem Kopfnicken auf eine einsame Hütte am Rande der Lichtung. Was war denn das? Warum hatte man diese so weitab von den anderen Hütten errichtet? Sie war etwas größer als die anderen Schlafhütten, sah aber ansonsten genauso aus. Die Eingangstür war angelehnt, es musste also jemand anwesend sein. Ohne es recht zu wollen, waren sie auf die Hütte zugelaufen und standen nun vor deren Eingang.
Sebastian fasst sich ein Herz und stieß sie auf. Mit einem unüberhörbaren Quietschen schwang sie auf und prallte irgendwo ab.
„Autsch!“, protestierte jemand prompt. Johannes lugte an seinem Bruder vorbei und sah ins Innere. Dort stand Lukaz und hielt sich die schmerzende Stirn. Patrick hockte auf der anderen Seite und grinste sie beide an.
„So schnell sieht man sich wieder!“, kam er freudestrahlend auf sie zu. „Eine Führung gefällig? Die beiden hier wollen sich erst einmal einrichten.“
Patrick sprach das letzte Wort besonders langsam aus und verleierte dabei die Augen. Sebastian trat zur Seite und winkte den Kleinen nach draußen. Der Bursche war nach ihrem Geschmack!
„Warum ist deine Hütte so weit abseits von den anderen?“
„Feuerwache. Eine der fünf Prüfungen, die ihr im Lager ablegen könnt. Die Feuerwache ist härteste von ihnen, die zieht kaum einer bis zum Ende durch. Aber jemand muss nun mal auf das Feuer aufpassen, wenn Nachtruhe gerufen ist und mir gefällt es hier.“
„Was soll so schwer an der Feuerwache sein? Muss man da die ganze Nacht wachbleiben, oder was?“
„Nö. Nur bis die Glut ausgegangen ist. Ab dann bist du hier draußen ganz allein und das ist für die meisten Großstädter ziemlich gruselig. Ich bin es nicht anders gewöhnt. Mein Großvater ist Jäger und wohnt wirklich mitten im Wald. Solange es noch Strom und fließendes Wasser gibt, ist ihm das zu nah an der Zivilisation.“
„Aha“, brummte Sebastian. „Und deine beiden kommen hier draußen klar?“
„Ist ihre erste Nacht in der Hütte“, grinste Patrick schelmisch. „Die wissen noch nicht, was sie erwartet. Heulender Wind, knackende Äste, ein Käuzchen. Hajo kommt gegen Mitternacht nochmal vorbei, dann können sie entweder mit ihm ins Camp zurückgehen oder den Rest der Nacht hierbleiben. Die meisten entscheiden sich für die erste Option und kommen nicht wieder.“
„Würde dir mit uns nicht passieren“, behauptete Sebastian selbstbewusst.
„Wenn ihr meint. Also. Was soll ich euch zeigen? Ich vermute mal, das eigentliche Camp kennt ihr schon. Ist aufgebaut wie die Camps, die man so kennt. In der Mitte die Gemeinschaftsräume, Speisesaal, Duschen und so weiter. Rings herum die Schlafhütten. Im Osten ist der Bolzplatz und noch weiter in der Richtung geht es runter zum Fluss und zum Strand. Meine Ecke kennt ihr jetzt auch. Hier gibt es eigentlich nur die Feuerlichtung. Abends gibt’s hier immer ein Lagerfeuer, wir grillen ein bisschen und Hajo lässt uns so lange aufbleiben, bis das Feuer runtergebrannt ist. Wenn wir Frau Reser überzeugen können mitzukommen, wird es am besten. Die kann vielleicht Geschichten erzählen!“
„Wer ist denn Frau Reser?“, unterbrach ihn Johannes neugierig.
„Sowas wie die Campmutter. Sie kümmert sich darum, dass hier alles funktioniert. Sie besorgt die Vorräte, verarztet unsere Wehwehchen, sowas eben. Wenn du irgendetwas brauchst, geh lieber zu ihr. Die kann dir immer helfen. Hajo ist mit sowas überfordert.“
„War sie mit am Eingang? Eine Frau ist mir gar nicht aufgefallen?“, fragte Sebastian.
„Nö. Sie ist nie dabei, wenn der Bus kommt. Da ist ihr zu viel los. Zu viele Leute. Zu laut. Wenn ihr sie heute Abend kennenlernt, werdet ihr verstehen, was ich meine.“
Sie gingen weiter. Ihr Weg war inzwischen einem unscheinbaren Trampelpfad gewichen. Patrick hatte sie immer tiefer in den Wald hineingeführt. Soweit Johannes das mitbekommen hatte, waren sie die meiste Zeit geradeaus gegangen. Sie mussten sich also inzwischen weit außerhalb des Lagers befinden. Sehr weit außerhalb, wie er mit Blick auf sein Handy feststellte. Er hatte keinen Empfang mehr. Irritiert sah er zu Patrick.
„Gibt es hier keinen Zaun?“
„Nicht im eigentlichen Sinn, nein. Aber du würdest merken, wenn du zu weit gelaufen bist“, antwortete Patrick geheimnisvoll. „Gleich da vorne kommt der Steilhang, da geht’s von hier aus nicht weiter. Der Slid, hat sich tief in die Ebene gegraben und bildet die natürliche Begrenzung für das Camp. Wie beim Grand Canyon in Nordamerika. Durch die starke Flussbiegung sind wir von drei Seiten eingegrenzt. Im Grund genommen, kannst du das Camp nur über den Hauptausgang verlassen und dort sind auch die Erwachsenen. Der Eingang wird jeden Abend verschlossen.“
„Und wenn jemand über den Slid verschwinden will?“
Patrick lächelte Sebastian weise an.
„Das versucht keiner. Kommt mit! Ich zeige euch, was ich meine.“
Er führte sie eine kleine Anhöhe hinauf. Der Boden wurde immer steiniger und zuletzt gingen sie auf dem blanken Felsen. Hinter ihnen lag das Ende des Waldes und vor ihnen endete der Boden zu ihren Füßen. Vor ihnen klaffte ein riesiger Spalt in der Erde. Nicht besonders breit, aber dafür umso tiefer. Das war allerdings besser als jeder Zaun!
„Sagtest du nicht etwas von einer Flussbiegung?“, wunderte sich Johannes. „Wo ist sie?“
„Wenn du genau hinsiehst, kannst du zwischen ein paar der Felsvorsprünge etwas glitzern sehen. Das ist der Slid.“
„Das ist irre tief! Wie soll man da runterkommen?“
„Genau das ist der Trick. Im Osten des Camps gibt es vom Bolzplatz aus einen Pfad, über den man den Hang hinunterkommt. Auf der Innenseite der Biegung fließt der Slid recht langsam. Deshalb merkt man auf unserer Flusshälfte die Strömung fast gar nicht. Aber auf gerader Strecke wird er wieder schneller und weiter flussabwärts dann auch tiefer. Keine gute Idee, dort ins Wasser zu steigen. Jedenfalls, wer verschwinden will, müsste auf der anderen Seite wieder hoch. Ist `ne genauso blöde Idee, weil er dort drüben irre schnell ist. Dort an Land zu gehen, hat noch keiner versucht. Zumindest habe ich von keinem gehört, der es geschafft hätte.“
Patrick deutete auf einen größeren Felsvorsprung, der ziemlich weit unten lag.
„Seht ihr die Plattform da drüben? Das ist die vierte Prüfung. Ungefähr hundert Meter steil nach oben. Wer es bis da hoch schafft, hat nur noch die Feuerwache vor sich.“
„Nicht unlösbar“, stellte Sebastian unbeeindruckt fest. „Und es hat noch keiner bis ganz nach oben versucht?“
„Bis ganz hoch? Nicht, dass ich wüsste. Das ist sehr hoch und wird schwierig mit der Sicherung von unten. Das wäre schon ziemlich leichtsinnig, oder?“
„Wenn man den Aufstieg zu zweit macht, müsste es eigentlich gehen“, grübelte Sebastian und sah Johannes herausfordernd an.
„Ihr könnt klettern?“, war nun Patrick überrascht.
„Klar!“, antworteten sie gleichzeitig.
„Muss ich mir merken. Lasst uns zurückgehen. Frau Reser mag es nicht, wenn man zu spät zum Essen kommt. Nachschlag gibt es bei ihr nicht.“
Der Speisesaal war bereits gut gefüllt. Es gab eine zentrale Essenausgabe. Sebastian staunte nicht schlecht, als er bemerkte, dass sie von den Jungen aus dem Camp bedient wurde.
„Gibt es denn kein Personal für sowas?“, fragte er Patrick.
„Wozu? Immer drei Hütten kümmern sich einen Tag um Kochen, Austeilen und Aufräumen. Am Ende des Tages haben sie die erste Prüfung bestanden. Und der Rest vom Camp hat auch was davon.“
„Das funktioniert?“
„Hier muss niemand von Hand spülen, falls das dein Problem ist. Frau Resers Küche ist auf dem neuesten Stand. Wer kocht, bestimmt auch den Essensplan für den nächsten Tag“, klärte Patrick sie weiter auf. „Außerdem kann man dabei noch etwas lernen. Es ist nicht die erste Prüfung, weil sie sonst keiner machen würde, sondern, weil sie tatsächlich die einfachste ist. Hat ja irgendwie jeder schon mal gemacht.“
„Was kommt danach?“, fragte Johannes neugierig.
„Na, was denkst du? Wir sind hier an einem Fluss. Die zweite Prüfung sind hundert Meter schwimmen und zwei Meter bis auf den Grund tauchen. Ist gar nicht so einfach bei der Strömung hier. Deshalb muss die hier auch jeder machen, bevor er weiter als bis zu den Knien ins Wasser darf. Die ersten beiden Prüfungen schafft hier jeder innerhalb der ersten Woche.“
„Die dritte schon nicht mehr? Warum?“
„Orientierungslauf. Hajo lässt sich für jeden etwas Besonderes einfallen. Mal ist es nachts oder früh am Morgen, mal startet ihr außerhalb vom Camp, mal muss noch ein Schatz gefunden werden, aber immer müsst ihr in der vorgegebenen Zeit zurück sein, sonst gilt die Prüfung als nicht bestanden.“
„Ist sie schwer?“
„Wie gesagt. Hajo lässt sich für jeden etwas Besonderes einfallen. Er lässt sie euch erst machen, wenn er weiß, was das bei euch sein soll.“
„Ist ja fies“, murrte Johannes. „Können wir die dann wenigstens zusammen machen?“
„Vermutlich. Aber denke nicht, dass sie dadurch einfacher wird!“, tat Patrick geheimnisvoll.
„Kinderkram!“, murmelte Sebastian. Er hatte den Mund mit Kartoffelbrei vollgestopft und die nächste Ladung hielt er schon vor dem Eingang bereit.
„Schlingt der immer so?“, fragte Patrick besorgt.
„Gewöhnt dich daran! Eher können Elefanten fliegen, als dass der mal vernünftig isst.“
„He!“, beschwerte sich Sebastian. „Is kann eus hören!“
„Iss weiter!“, konterte ein Bruder liebevoll.
Das lärmende Stühlerücken um sie herum endete und es wurde ruhiger im Saal. Endlich hatte ein jeder seinen Platz gefunden. Ein undurchdringliches Gemurmel füllte nun den Raum und übertönte das Geklapper der Teller. Die drei saßen sich schweigend gegenüber und beobachteten die anderen Jungs und Mädchen. Die meisten waren sonnengebräunt und hatten ihre Sommerferien bisher wohl überwiegend am Strand verbracht. Bleiche Typen wie Mike und Lukaz waren eher die Ausnahme und fielen sofort ins Auge. Ganz besonders, weil sie sich freiwillig an Hajos Tisch gesetzt hatten und mit stolzgeschwellter Brust in die Runde blickten.
‚Nicht besonders helle, die beiden‘, dachte Johannes. ‚Aber jedem das seine.‘
Ben hatte Thorben etwas weiter weggelotst und warf den Brüdern immer mal wieder einen grimmigen Blick zu. Johannes fiel auf, dass die meisten sich entsprechend ihrer Aufteilung in den Hütten an den Tischen eingefunden hatten. Immer brav in der Nähe ihres Ältesten. Naja. Sie hatten sich eben einen gesprächigeren Tischpartner gesucht. Patrick war cool.
Einige der Älteren hatten sich ein paar Tische zusammengeschoben und blieben ebenfalls unter sich.
„Was sind das für komische Armbänder, die sie da alle tragen?“, fragte Johannes.
„Die gibt’s für die Prüfungen“, erklärte Patrick. „Sobald ihr die ersten drei geschafft habt, bekommt ihr das Lederband. Die silberne Perle gibt es nach der vierten Prüfung. Die Gravur darauf für die letzte Prüfung.“
„Wow!“, entfuhr es Sebastian. „Die haben alle die fünf Prüfungen geschafft? Dann kann es ja doch nicht so schwer sein!“
„Nicht übermütig werden!“, warnte Patrick.
Hajo baute sich in der Mitte des Saals auf und sah streng in die Runde. Es wurde so still, dass man eine Stecknadel fallen hören konnte. Nichts fiel zu Boden und niemand wagte auch nur zu atmen. Alle starrten auf Hajo. Zufrieden entspannte er sich und hub an zu reden:
„Also, ich schätze ihr habt alle eure Hütten gefunden und euch soweit eingerichtet. Ich bin auch sehr glücklich darüber, dass wir hier vollzählig versammelt sind. Das bedeutet, jeder kennt jetzt seinen Schlafplatz und den Speisesaal. Um das Ganze abzuschließen, in dem blauen Haus auf der anderen Seite des Innenhofes sind die Duschen und Toiletten. Gelb sind die Gemeinschaftsräume, falls da mal Bedarf bestehen sollte.“
Wie auf Kommando drehten sich alle Köpfe zu den Fenstern und starrten auf den Innenhof, als hätten sie noch nie etwas Aufregenderes gesehen. Sebastian schüttelte verständnislos den Kopf und widmete sich wieder seinem Essen. Hajo fuhr nach einer kleinen Pause mit seiner Ansprache fort:
„Wie der eine oder andere von euch vielleicht schon vernommen hat, gibt es in unserem Camp ein paar Besonderheiten. Allem voran gibt es hier keine Begrenzung in Form von einem Zaun, einer Mauer oder so etwas Ähnlichem. Wir befinden uns hier am Rande einer Schlucht, die von unserer Seite ganz gut zu bewältigen ist, auf der anderen Seite des Flusses geht es steil nach oben. Die Älteren von euch wissen, wovon ich rede. Da drüben ist nichts. Also wirklich nichts. Nur Sand und Steine. Es wäre also ziemlich dämlich von euch, euch die Mühe zu machen, den Slid zu überqueren und die Felswand hochzuklettern. Hier ist nämlich nichts weiter als dieses Camp und das kleine Tal unten an der Flussbiegung. Wer unbedingt nach Hause möchte, nimmt bitte den normalen Ausgang, also das Haupttor und meldet sich vorher bei mir ab. Ansonsten ist das Tor verschlossen. Noch Fragen bis hierher?“
Es blieb ruhig im Saal. Sebastian schnappte sich Patricks Teller und aß seelenruhig weiter. Hajo beobachtete ihn und hob dann seinen rechten Arm, an dem eines der Lederbänder hing. Er zupfte demonstrativ an der gravierten Silberperle.
„Das hier bedeutet, dass ich alle Camp-Prüfungen absolviert habe. Eure Hütten-Ältesten werden euch erklären, was es damit auf sich hat und bei wem ihr euch anmelden könnt. Ich muss jetzt erstmal nur eins von euch wissen. Wer von euch kann nicht schwimmen?“
Hajo machte eine Pause und blickte in die Runde. Fast alle Augen waren auf ihn gerichtet. Niemand meldete sich. Die Pause wurde zu einem Schweigen. Sebastian schob seinen Teller zur Seite und sah nach vorne zu Hajo.
„Das hatte ich vermutet, dann müssen wir zumindest nicht ganz von vorne anfangen. Vermutlich kann sich also jeder von euch in einem Schwimmbecken fünfzig Meter über Wasser halten. Das ist doch schon mal was. Nur damit wir uns richtig verstehen, niemand setzt einen Fuß in den Slid, bevor ich nicht sicher weiß, dass ihr auch wirklich schwimmen könnt. Ich starte heute Nachmittag mit den Schwimmprüfungen. Wer ins Wasser will, findet sich pünktlich unten am Strand ein.“
Hajo fixierte Sebastian mit seinem Blick.
„Um zwei geht es los und mit dir fange ich an!“
„Er mag dich!“, kicherte Patrick und senkte den Blick.
„Urkomisch! Ist das ´ne ganz normale Schwimmprüfung oder blamiere ich mich da gleich bis auf die Knochen?“
„Nein, nein“, beruhigte ihn Patrick. „Alles gut. Achte auf die Strömung. Ab der Flussmitte nimmt sie etwas zu. Wenn du einfach nur gerade auf die Boje zuhältst, wirst du abtreiben und sie verfehlen. Peil einfach irgendein Ziel weiter oben an und lass dich dann bis zur Boje treiben. Spar dir deine Kraft bis zur Strömung. Es geht nicht um Tempo, du musst nur die Strecke schaffen. Beim Tauchen solltest du wissen, dass die Strömung kurz unter der Oberfläche am stärksten ist. Also gerate nicht in Panik, wenn du beim Auftauchen plötzlich etwas langsamer wirst und auf einen Widerstand stößt. Je nachdem, wo er euch runterjagt, musst du richtig dagegen anschwimmen. Ok?“
„Alles klar. Gibt es einen Probelauf?“
„Für dich scheinbar nicht. Aber dafür kann ich dir ja ein paar Tipps geben.“
Patrick drehte sein rechtes Handgelenk nach oben und gewährte den beiden einen Blick auf die gravierte Perle, bevor er sie wieder unter den anderen Bändern verbarg.
„Wow. Du hast auch eins?“
Patrick grinste.
„Ich habe euch doch von meinem Großvater erzählt. Ich sehe vielleicht aus wie diese Großstadtkids, aber ich bin keins und ihr auch nicht, wenn ich mich nicht ganz täusche.“
„Damit könntest du recht haben“, schmunzelte Johannes.
Hajo blieb fair. Er versammelte die Jungen und Mädchen etwas oberhalb von der Flussbiegung. Hier war der Flusslauf am breitesten. Der Slid floss sanft dahin und strafte seinen Namen Lügen. Seine spiegelglatte Oberfläche gewährte den Blick auf einen feinen Sandboden, wie er sich nur bei sehr langsamer Geschwindigkeit absetzen konnte.
Ein ganzes Stück weiter flussabwärts zwängte sich der Slid laut tosend durch eng stehende Felswände. Wer hier hineingeriet, befand sich mit Sicherheit in echter Gefahr. Hajo tat gut daran, eine gesonderte Schwimmprüfung abzunehmen, bevor er den Teenagern das Baden im Fluss gestattete.
Patrick ließ sich an der Felswand in den Sand sinken und lehnte sich gegen den warmen Stein. Johannes und Sebastian setzen sich links und rechts neben ihn. Sie beobachteten in stillem Einvernehmen, wie Hajo die Schwimmleinen über den Fluss zog und weiter unterhalb der geplanten Strecke noch zwei weitere Sicherheitsleinen legte.
Dann legte er die Pontons ins Wasser und sicherte sie. Sie bildeten nun einen leuchtend blauen Steg. Etwas wackelig, aber Hajos Messlatte zufolge war der Fluss an dieser Stelle tief genug für den zweiten Teil der Prüfung.
Patrick nickte zufrieden: „Das sollte zu schaffen sein. Hast wohl doch noch den Frischlingsbonus bei ihm. Es geht los.“
Sebastian stand träge auf und zog T-Shirt und Sandalen aus. Er schlenderte langsam zum Flussufer, während Hajo bereits den Ablauf der Prüfung erklärte.
„Also Leute. Da ihr alle schon schwimmen könnt, ist das heute für euch nichts Neues. Trotzdem möchte ich euch ein paar Tipps mit auf den Weg geben. Wie ihr unschwer erkennen könnt, befinden wir uns hier an einem Fluss. An dieser Stelle ist er zum Baden freigegeben. Also keine Panik, solange ihr ein paar Grundregeln einhaltet, ist das Baden nicht anders wie an einem See. Der Slid ist hier eher flach und seine Strömung ist auf unserer Seite sehr gering. Trotzdem solltet ihr niemals unterschätzen, wie gefährlich er sein kann. Weiter unten wird er tiefer und vor allem schneller. Die Strömung ist dort so stark, dass ihr keine Chance mehr habt, ans Ufer zu gelangen. Wenn ihr einmal unter Wasser seid, wird es sogar schwierig, wieder an die Oberfläche zu kommen. Von den vielen Felsblöcken im Flussbett möchte ich gar nicht erst anfangen. Ihr habt genug Fantasie, um euch auszumalen, was mit euch passiert, wenn ihr dazwischengeratet. Hier am Fluss gibt es nur zwei Regeln für euch. Erstens. Niemand geht in den Fluss, ohne dass ein Erwachsener in der Nähe ist. Zweitens. Niemand geht außerhalb der gelben Schwimmleinen in den Fluss. Die beiden roten Sicherheitsleinen weiter unten sind eure letzte Chance, um euch an Land zu ziehen. Danach kann euch keiner mehr helfen. Alles klar?“
Betretenes Schweigen.
„Gut. Kommen wir zur heutigen Prüfung. Erster Teil sind hundert Meter Schwimmen. Ihr seht alle die rote Boje? Das ist euer Ziel. Ganz einfach. Ihr schlagt an und kommt zurück. Sobald ihr zurück seid, habt ihr die volle Strecke und damit den ersten Teil geschafft. Zweiter Teil findet hier drüben auf den Pontons statt oder besser gesagt: davor und darunter. Ich lasse einen Gummiring ins Wasser fallen. Wer ihn vom Boden zurückholt, hat die Prüfung bestanden. Alles ganz einfach, sofern ihr es in einem normalen Schwimmbecken oder an einem See macht. Aber! Unterschätzt den Fluss und seine Strömung nicht. Teilt eure Kräfte ein. Wer clever ist, wird nicht direkt auf die Boje zuschwimmen, sondern einen etwas spitzeren Winkel wählen, sonst müsst ihr das letzte Stück direkt gegen die Strömung schwimmen. Das ist zu schaffen, aber nicht zu empfehlen. Auch beim Tauchen werdet ihr überrascht sein, wie stark euch die Strömung nach unten drückt. Geratet nicht in Panik, sondern schwimmt kräftig dagegen an. Denkt immer daran, dass wir bei euch sind. Falls es wirklich eng wird, können wir euch jederzeit helfen und ihr versucht es einfach morgen noch einmal. Wenn keine Fragen sind, dann fangen wir mit Sebastian an.“
Sebastian stand inzwischen direkt neben Hajo. Er war nervös, was außer seinem Bruder keiner der Anwesenden erkennen konnte. Hajo zog ihn zu sich heran und raunte ihm noch etwas zu. Sebastian nickte eifrig und strahlte Hajo an.
Sebastian sah zu Johannes zurück und winkte ihm noch einmal zu. Dann drehte er sich auf der Stelle und sprintete ins Wasser. Als er etwa knietief im Fluss war, sprang er ab und landete ein gewaltiges Stück weiter vorne im Fluss. Nach wenigen Zügen hatte er die gute Hälfte der Strecke geschafft. Johannes war stolz auf seinen Bruder. Doch von jetzt an ließ es Sebastian ruhiger angehen. So wie es Patrick ihm geraten hatte, schwamm er kraftvoll und achtete dabei vor allem auf seine Technik. Er reizte seine sonstige Schnelligkeit nur zur Hälfte aus. Zug um Zug näherte er sich der Boje. Und nach jedem Zug trieb ihn die Strömung ein Stück weiter flussabwärts. Johannes hielt den Atem an. War Sebastian schnell genug? Oder musste er am Ende doch direkt gegen die Strömung anschwimmen? Hatte er dafür noch genügend Kraftreserven? Die Spannung in der Luft war beinahe greifbar. Niemand saß mehr auf seinem Platz. Sie alle standen aufgereiht am Flussufer und verfolgten Sebastians Weg.
Plötzlich drehte der sich zu ihnen um und winkte ihnen zu. Johannes stockte der Atem. Er wollte aufschreien, ihn davor warnen, dass die Strömung ihn abtreiben würde. Doch es war bereits zu spät. Sebastian wurde von ihr erfasst und nahm schnell an Fahrt auf. Verdammt! Er hätte es schaffen können!
Wie ein Delphin presste Sebastian sich aus dem Wasser und warf seinen Oberkörper der Boje entgegen. Ein lautes Klong donnerte über den Fluss zu ihnen und der Jubel setzte ein. Sebastian nutzte den Abprall und drückte sich so gut es ging zurück in das seichtere Gewässer. Er kämpfte, aktivierte all seine Reserven und ließ sich dann sanft zurück ans Ufer gleiten. Sobald er Boden unter den Füßen hatte, stellte er das Schwimmen ein und ging zu Fuß. Erschöpft sank er in den Sand, rollte sich auf den Rücken und blieb liegen.
Johannes sank keuchend neben ihn auf die Knie. Das mit anzusehen, war beinahe anstrengender gewesen, als die Strecke selbst zu absolvieren.
„Sehr gut“, lobte Hajo. „So wird das gemacht. Weiter unten lässt die Strömung nochmal etwas nach und es wird einfacher für euch, wieder Boden unter die Füße zu bekommen. Leider verlängert sich die Strecke dann auf etwa zweihundert Meter. Und wenn gar nichts geht, habt ihr die roten Schwimmleinen. Haltet euch daran fest und zieht euch einfach an Land. In dem Fall gilt die Prüfung dann allerdings als nicht bestanden. Ok, Freiwillige vor. Wer ist der Nächste?“
Zahlreiche Arme schnellten nach oben. Das war ganz nach dem Geschmack der Jungen. Dem der meisten zumindest. Johannes stellte fest, dass Mike und Lukaz sich dezent in die Reihen der Mädchen geschoben hatten. Er stand auf und gesellte sich zu den Jungs rings um Hajo.
Mit einem zaghaften Pling meldete sich die Messleiste seiner Abenteuerlust wieder zurück in den Dienst.
„Heute Abend gibt es Lagerfeuer“, begrüßte sie Patrick, als sie mit vollen Tellern an seinen Tisch kamen. „Haut euch nicht zu viel drauf. Es gibt Stockbrot.“
„Ich glaube nicht, dass ich heute allzu lange durchhalten werde“, murmelte Sebastian. „Ich bin ziemlich groggy.“
„Wundert mich nicht“, stimmte Johannes zu. „Hajo hat dich jedes Mal ganz schön bluten lassen. Glaub mir, es wäre viel einfacher gewesen, wenn man sich auf dem Rückweg einfach treiben lässt und nur ganz langsam aus der Strömung rausgeht. Aber du musstest ja unbedingt mit dem Kopf durch die Wand gehen.“
„Im wahrsten Sinn des Wortes!“, schmunzelte Patrick und klopfte ihm auf die Schulter. „Niemand hat behauptet, dass du beim Tauchen nicht den Boden berühren und dich abstoßen darfst. Mach dir nichts draus. Du hast die Prüfung bestanden und das ist alles, was zählt. Außerdem hast du heute bei den Mädels mächtig Eindruck geschunden!“
Sebastian rollte die Augen nach oben. Offensichtlich war ihm seine Wirkung auf Mädchen zwar bewusst, aber nicht weiter von Interesse für ihn.
„Ich bin trotzdem müde und will eigentlich nur pennen gehen!“
„Ach, komm schon!“, quengelte Johannes. „Nur ganz kurz. Ich will ja nur mal gucken, ob es wirklich so toll ist, wie alle tun. Wenn es öde ist, komme ich auch gleich wieder mit dir zurück. Versprochen!“
„Klar. Für wen hältst du mich? Als ob du deinen Arsch gleich wieder hochbekommen würdest, wenn du einmal gemütlich irgendwo hockst.“
„Jetzt sei nicht so!“
„Ist ja schon gut. Ich komme mit. Was ist das hier eigentlich?“
Sebastian hatte ein großes Stück eines sehr hellen und weichen Fleisches aufgespießt und hielt es so weit in die Luft, dass es alle am Tisch gut sehen konnten. Es roch intensiv würzig und war geschmacklich soweit akzeptabel, dass Sebastian schon einige Stücke verschlungen hatte, ohne zu wissen, was er sich da eigentlich einverleibte.
„Fisch“, klärte ihn Patrick auf. „Geräucherter Aal, um genau zu sein.“
„Bäh!“, entfuhr es beiden Brüdern synchron. „Ist ja widerlich!“
„Etwas fettig“, murmelte Patrick, während er aß. „Aber durchaus lecker, wenn man genug Brot dazu nimmt.“
„Wie kann man sowas nur essen?“
„Man gewöhnt sich daran. Ist mal was anderes, als immer nur diese blöde Teewurst.“
Johannes rümpfte die Nase und legte seinen mit süßlich duftender Wurst bestrichenen Brotkanten wieder auf den Teller.
„Iieeh! Lieber hungere ich.“
„Tja, solltest dich vielleicht doch zum Küchendienst anmelden. Je weniger sich anmelden, desto spezieller wird der Essensplan. Am Feuer wäre nachher übrigens ´ne gute Gelegenheit dafür.“
„Jaja“, grummelte Sebastian und entschied sich für den Aal und gegen die Teewurst.
Patrick entließ die beiden nach dem Essen aus seiner Obhut und schlenderte allein zu seiner Hütte zurück. Johannes und Sebastian hatten es nicht weit bis zu der ihren und sanken erschöpft auf ihre Betten. Hier drinnen war es warm und extrem stickig. Heiße Luft hüllte sie wie eine Membran ein und machte sie nur noch schläfriger. Johannes stand auf und öffnete das Fenster. Draußen war es immer noch hell und der Lärm des Camps drang nun umso lauter zu ihnen. Eigentlich war es noch viel zu früh zum Schlafen. Sebastian wühlte sich tiefer in sein Kissen und war nach wenigen Atemzügen weg.
Johannes lächelte seinen Bruder liebevoll an und legte sich dann ebenfalls auf sein Bett.
Wenig später kam Ben herein. Er sah kurz auf Sebastians Seite und nickte dann Johannes zu. Leise näherte er sich Johannes‘ Bett und setzte sich auf die Kante.
„Ihr wart heute den ganzen Tag mit Patrick unterwegs, stimmts?“
Johannes nickte.
„Das ist ok. Wenn du mich fragst, ist Patrick ´ne ziemlich gute Wahl als Ältester. Manche behaupten, dass der hier jeden Stein kennt. Zumindest kann er euch mehr über das Camp und die Gegend erzählen als ich. Meldet euch beim nächsten Mal aber bitte ab, damit ich weiß, wo ihr steckt.“
Johannes nickte erneut. Er war erleichtert. Nach Bens finsterem Blick beim Essen hatte er eher eine Standpauke erwartet. Ben sah noch einmal zu dem schlafenden Sebastian hinüber und richtete sich dann wieder an Johannes.
„Soll ich nachher nochmal nach euch sehen, bevor es auf der Feuerlichtung losgeht? Oder wollt ihr lieber pennen?“
„Schlafen können wir zu Hause. Wäre cool, wenn du kurz reinschaust. Ich glaube zwar nicht, dass es mich genauso umhaut, wie den da. Aber man weiß ja nie.“
„Alles klar. Wir sehen uns.“
Ben schlich aus der Hütte und schloss behutsam die Tür. Wahrscheinlich war er doch ganz ok, wenn man ihn erstmal kennengelernt hatte.
Johannes schrak hoch, als ihn jemand an der Schulter berührte. Das helle Sonnenlicht war verschwunden. Die Dämmerung hatte eingesetzt und von draußen wehte ein kühler Luftzug in die Hütte. Johannes blinzelte. Jemand hatte die Tür geöffnet. Vor ihm saß Sebastian und blickte auf ihn herab.
„Endlich wach? Ben war gerade hier. Die anderen sind schon auf der Feuerlichtung.“
Erst jetzt fiel Johannes auf, um wie viel ruhiger es im Camp geworden war. Hastig schwang er sich aus dem Bett. Er wühlte kurz in seiner Tasche und griff sich den erstbesten Pulli, den er finden konnte. Dann sprintete er seinem Bruder hinterher.
Zum Glück kannten sie den Weg zur Feuerlichtung schon. Wie sich herausstellte, waren außer ihnen noch einige dahin unterwegs und sie würden längst nicht die Letzten am Lagerfeuer sein. Als sie die kleine Arena erreichten, brannte in ihrer Mitte bereits ein großes Feuer. Die untersten Reihen waren dicht belegt. Johannes schätzte seine Chance auf ein warmes Plätzchen und etwas Stockbrot als sehr gering ein, bis er Patrick entdeckte, der ihnen eifrig zuwinkte.
Natürlich hatte der die besten Plätze am Feuer ergattert und für sie freigehalten. Sie drängelten sich zu ihm durch und nahmen ihn in ihre Mitte. Hier unten war es warm, eigentlich kaum auszuhalten, doch wenn das Feuer erst ein wenig heruntergebrannt wäre und es Zeit für die Stockbrote wurde, waren das die perfekten Plätze.
Gegenüber von ihnen saß eine Frau mit schneeweißen, langen Haaren. Ihre Haut war noch immer faltenfrei, doch aus ihren Augen sprachen die Weisheit und die Erfahrung eines jahrzehntelangen Lebens. Ihre Augen waren so hell, dass man meinen konnte, sie hätten gar keine Farbe. Nur ein dunkler Ring grenzte die Iris vom Rest des Auges ab. Sie beobachtete, wie Johannes und Sebastian ihre Stöcke holten und lächelte ihnen freundlich zu, als sie zurück an ihrem Platz waren.
Johannes verstand jetzt, warum er nach Patricks Meinung mit einem Problem lieber zu ihr gehen sollte. Frau Reser wirkte so überaus freundlich und friedliebend, als könnte sie auf niemanden böse sein. Ganz anders als der bärtige Knautzbart neben ihr.
Sie trug helle Turnschuhe, ein dunkles geblümtes Kleid und darüber eine gelbe Strickjacke. Irgendwie schien nichts davon richtig zusammenzupassen. Johannes konnte nicht sagen, was ihn genau an ihr störte. Doch es wirkte unpassend. Unpassend für diesen Ort, für diese Tageszeit und für eine Person ihres Alters. Sie war eben eine kuriose alte Lady. Kurios und sehr sympathisch.
Als das Feuer etwas heruntergebrannt war, formten die jungen Leute den Teig um ihre Stöcke und begannen ihre Brote zu grillen. Es wurde ruhig am Feuer und Frau Reser ergriff das Wort.
„So viele neue Gesichter. Das bedeutet, es muss wieder Samstag sein. Ich heiße euch willkommen, meine Freunde. Ihr dürft mich Elvira nennen, doch eure Älteren bevorzugen meinen alten Namen und rufen mich Frau Reser. Ich glaube, sie wissen gar nicht, warum sie das tun. Soll ich es euch erzählen?“
Die Älteren sahen begeistert zu ihr auf und die Frischlinge nickten aufgeregt. Also begann sie zu erzählen.
„Mein Name bedeutet so viel wie die Reisende. Er wurde mir gegeben, weil es mich in jungen Jahren nie lange an einem Ort gehalten hat. Ich war so alt wie ihr es seid, als ich von zu Hause fortgegangen bin. Ich bin so weit gelaufen, wie mich meine Beine getragen haben. Ich wollte alles, wovon ich bis dahin nur in Büchern gelesen hatte, mit meinen eigenen Augen sehen. Die hohen Berge, das weite Meer, dichte Wälder und die prunkvollsten Städte unserer Gesellschaft. Mutter Natur meinte es stets gut mit mir. Der Tisch war immer reich gedeckt. Die Winter waren damals nicht so kalt und schneereich wie heute und wenn meine Vorräte doch einmal zur Neige gingen, so lenkte sie meinen Weg zu einer kleinen Sippe oder einer ganzen Ortschaft. Doch meist war ich auf mich allein gestellt. Nachts schlief ich unter dem freien Sternenhimmel. Die Seen und Flüsse waren mein Badezimmer. Die Pflanzen und Tiere waren meine Freunde.
Ich kann mich kaum entsinnen, dass je die Sehnsucht heimzukehren über mich gekommen wäre. So glücklich war ich.“
Sie seufzte und machte eine kleine Pause, in der sie ihr Stockbrot vom Feuer nahm und genüsslich davon abbiss.
„Einmal“, begann sie mit vollem Mund zu sprechen, „hatte ich einen schlimmen Traum. Ich sah meine Mutter weinend vor unserem Haus stehen. Um sie herum tobte ein Sturm und zerzauste ihr wunderschönes, kupferfarbenes Haar. Dann war es plötzlich still und sie stand auf dem Hügel über unserem Dorf. Ich erkannte die uralte Linde, die schon meiner Großmutter Schatten gespendet hatte, als sie noch ein Kind gewesen war. Es war ein sonniger Tag, die Wiese blühte in allen Farben und ein sanfter Wind glitt darüber hinweg. Ich folgte meiner Mutter und sah an ihr vorbei ins Tal. Hinunter zu unserem Dorf, das es nicht mehr gab. Es war einfach nicht mehr da. Niemand war mehr da. Angst und Kummer engten mein Herz ein. Ich wachte auf. Mit einem Mal fühlte ich mich sehr allein. Zum ersten Mal auf meiner weiten Reise hatte ich Sehnsucht nach meiner Heimat.
Ihr müsst wissen, dass ich zu diesem Zeitpunkt sehr weit weg von zu Hause war. Wenn ich jetzt zurückginge, dann würde ich mehrere Wochen unterwegs sein und erst im Winter heimkehren. Aber ich musste im jeden Preis erfahren, was dieser Traum zu bedeuten hatte. Ich musste mit eigenen Augen sehen, dass mein Dorf noch stand und es allen, die darin lebten, gutging.“
Der Ruf eines Käuzchens unterbrach ihre Rede. Es saß gut verborgen auf einem Ast am anderen Ende der Lichtung. Doch Frau Reser blickte auf und schien es anzusehen. Schweigend sah sie in die Richtung, aus der der Ruf erklungen war. Dann nickte sie kurz und lächelte.
Sie sah die Jungen und Mädchen an, die um das Lagerfeuer versammelt waren. Ihre Gesichter wurden vom warmen Schein der Flammen angestrahlt und waren auf sie gerichtet. Niemand hatte begonnen zu sprechen. Also erzählte sie weiter.
„Ich wollte auf dem schnellsten Weg zurück in mein Heimatdorf. Das bedeutete jedoch, dass mich mein Weg diesmal auch durch größere Städte führen würde. Die größte und berühmteste von ihnen war Luhmia – die leuchtende Stadt. Sie machte ihrem Namen alle Ehre. Man erzählte sich allerlei wundersame Dinge über sie. Vieles so fantastisch, dass ich es gar nicht glauben wollte. Man berichtete sich zum Beispiel, dass es in Luhmia niemals Nacht wurde. In ihren Häusern, auf den Straßen, ja selbst auf ihren Plätzen sei es stets so hell, dass man sein Gegenüber schon von weitem erkennen und bequem ein Buch lesen konnte. Die Stadt selbst sei das Schönste, was man je erblickt hat. Die Menschen in ihr seien wohlgenährt und edel gekleidet. Alle wären fröhlich und gut gelaunt, denn niemand musste mehr schwere Arbeit verrichten. Alle Krankheiten, ja selbst das Alter, habe man besiegt. Ich war sehr neugierig, was davon alles der Wahrheit entsprach. Auch wenn mir wenig Zeit bleiben würde, um all ihre Geheimnisse zu ergründen.
Ich sollte meine Neugierde bald befriedigen können. Nur wenige Tage später erblickte ich die leuchtende Stadt in der Ferne. Dieser Punkt entsprach also schon einmal der Wahrheit. Sie leuchtete bei Tag und bei Nacht. So hell, dass man wirklich den Eindruck gewinnen konnte, es würde in ihr nie Nacht werden. Tags strahlte und funkelte sie in einer solchen Pracht, dass ich ganz geblendet von ihr war. Und nachts leuchtete sie aus sich selbst heraus und erhellte wie eine kleine Sonne das ganze Tal. Für mich war das wie Magie!
Luhmia lag in einem fruchtbaren Tal, umgeben von saftigen Weiden und üppigen Feldern. Ich lief noch einen halben Tag, bis ich sie endlich erreichte. Als ich die Stadt betrat, bemerkte ich, dass man entlang der Straßen und auf ihren Plätzen hohe Lampen errichtet hatte. Sie waren so hoch wie ein Haus und würden in der Nacht wohl weit leuchten. Was für eine Verschwendung! Warum sollte man so viele Lampen anzünden, wenn doch alle während der Nacht schliefen?
Ihr fragt euch jetzt bestimmt, warum mich das so in Erstaunen versetzt hat. Aus eurer Sicht war Luhmia eine ganz normale Stadt. Im Vergleich zu euren Großstädten vielleicht sogar ein wenig altertümlich. Doch wir kannten keine leuchtenden Straßen mit selbst fahrenden Autos und riesigen Fabrikhallen. Für uns in Goduun war eine solche Stadt einzigartig. Das Leben in ihr, kam dem Leben in eurer Welt wohl noch am nächsten.
Goduun unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht von eurer Welt. Die Natur offenbart uns ihre Geheimnisse auf ihre eigene Art. Sie flüsterte sie uns in unseren Träumen zu. Immer nur dann, wenn wir sie brauchten. Sie spricht zu jedem Lebewesen. Jeder, der sie hören möchte, kann ihr Wispern vernehmen. Wenn ihr ganz leise seid und genau zuhört, dann könntet auch ihr sie hören.
Luhmia war eine Stadt der Wissenschaft und des Fortschritts. Viele Wissenschaftler tüftelten in Laboren und stellen die Gesetze der Natur auf den Kopf. Nicht alles geschah im Einklang mit der Natur und nicht alles geschah zu unserem Besten. In Luhmia wartete man nicht mehr darauf, welche Geheimnisse die Natur auf ihre Art preisgab. Man entriss sie ihr gewaltsam und hatte dabei auch einiges zu Tage gefördert, was besser im Verborgenen geblieben wäre.
Zunächst war Luhmia sehr erfolgreich und hatte viel Wissen angehäuft. Der Wohlstand dieser Stadt war weithin sichtbar und zog noch mehr Menschen an. Doch der Preis, den sie dafür zahlten, war hoch. Die Menschen hasteten von einem Ort zum anderen, nahmen voneinander kaum Notiz und wenn sie es doch taten, dann schrien sie sich gegenseitig an. Überhaupt empfand ich diese Stadt als sehr laut. Ich war es ja auch gar nicht gewöhnt, so viele Menschen um mich herum zu haben.
Also kämpfte ich mich durch Luhmias Straßen und erreichte bald einen Platz, auf dem dieses laute Treiben seinen Höhepunkt erreichte. Der Lärm war so ohrenbetäubend, dass man sein eigenes Wort nicht verstand. Selbst wenn man, so laut wie man konnte, schrie.
Es mag ein Fest oder ein ganz normaler Markttag gewesen sein, ich weiß es nicht. Auf jedem freien Fleck hatte man einen kleinen Stand platziert und bot seine Ware feil. Dazwischen drängten und schubsten sich die Bewohner, um frisches Obst oder ein duftendes Brot zu erwerben. Es gab Körbe, Töpfe, Kleidung und Schmuck, einfach alles, was das Herz begehren konnte. Manch einer bot wilde Tiere zum Kauf und seltene Gewürze aus weit entfernten Regionen. Es gab nichts, was es hier nicht zu kaufen gab und doch berührte keiner dieser Kostbarkeiten mein Herz oder weckte mein Begehren. Ich wollte nur fort von hier.
Zwischen all dem Geschrei konnte ich ganz leise eine lustige Melodie vernehmen. Sie gefiel mir und ich wollte sehen, was es wohl damit auf sich hatte. Also zwängte ich mich in ihre Richtung und kam zu einer Bühne. Es waren nur ein paar einfache Bretter, die man auf ein paar Kisten aufgelegt hatte. Darauf stand ein paar lustige Gesellen. Sie trugen bunte Gewänder aus sehr feinem Gewebe und mit allerlei Stickereien und Verzierungen. Sie waren ebenso schön anzusehen, wie sie für die Arbeit auf dem Feld ungeeignet waren. Im Takt ihrer Musik vollführten sie allerlei Verrenkungen, tollkühne Sprünge und mir gänzlich unbekannte Tänze, dass es eine wahre Pracht war. Es war atemberaubend und wunderschön anzusehen. Das Publikum war ganz in ihrem Bann gezogen und klatschte im Rhythmus zu der Musik.
Kaum jemand bemerkte, wie dunkle Wolken aufzogen. Erst waren sie klein und in weiter Ferne. Doch sie kamen schnell näher und schlossen sich zu immer größeren und dunkleren Formationen zusammen. Das Ungewöhnliche daran war jedoch, dass sie gleichzeitig aus allen Richtungen zu kommen schienen und uns einkreisten, wie ein dunkler Ring. Noch während ich über die Ursache dieses Phänomens nachdachte, brach das Unglück über uns herein.
Ein Sturm brach los und fegte alles hinfort, dass nicht niet- und nagelfest war. Regen prasselte auf uns hernieder. Er war kalt. Kein warmer Sommerregen, sondern so eisig, dass das Wasser in ihm gefror. Spitze Hagelkörner verletzten unsere unbedeckte Haut und bedeckten den Boden. Noch bevor die ersten die Flucht in die Häuser antraten, standen wir bereits knöcheltief im kalten Wasser. Ich fror bitterlich, wurde geschubst und gestoßen. Menschen schrien in Panik durcheinander.
Ich wusste mir nicht zu helfen. Wohin sollte ich mich wenden? Ich war neu in der Stadt und kannte doch niemanden. Wer würde mir an diesem fremden Ort Schutz gewähren? Niemand achtete auf mich und so tat ich das wohl einzig Vernünftige. Ich drängte mich bis ganz an die Bühne heran und kroch darunter. Ich zwängte mich zwischen den Kisten hindurch und hatte Glück. Eine der Kisten stand etwas erhöht, ihr Boden war trocken und die Bretter darüber hielten das meiste vom Regen ab. Ich kroch hinein und zog eine weitere Kiste vor ihre Öffnung.
Mir war immer noch empfindlich kalt, doch ich war wenigstens im Trockenen. Ich schloss die Augen und versuchte mich zu beruhigen. Was war nur geschehen? Eben noch war ein wunderschöner Sommertag gewesen. Die Menschen waren von überall hergekommen und hatten ausgelassen gefeiert. Ein solches Unwetter hatte ich noch nie erlebt und noch dazu war es ohne jede Vorwarnung über uns hereingebrochen. Das war es, was mich am meisten verunsicherte. Auf meinen langen Reisen hatte ich so einige Unwetter erlebt. Doch sie kündigten sich lange Zeit vorher am Horizont an. Ich kannte die Anzeichen und hatte stets genug Zeit gehabt, um mir einen schützenden Unterschlupf zu suchen. An einem solchen Tag verließ kein Bauer seinen Hof und streifte kein Jäger durch den Wald. Aber diesmal war es anders. Viel schneller als sonst und diesmal schien es keine Richtung zu geben, aus der das Unwetter kam. Bedeutete das auch, dass es keine Richtung gab, in die es wieder abziehen würde? Gut geschützt unter meiner kleinen Kiste begann ich mir große Sorgen zu machen.
Was war, wenn ich recht hatte? Wie lange konnte ich es in meinem Versteck aushalten? Wie lange würde es mir noch ausreichend Schutz vor dem Regen bieten? Eng und kalt wie es war, würde ich hier ohnehin nicht ewig ausharren können.
Dann setzten die Schreie ein. Ich meine, richtige Schreie. Angsterfüllt. Lebensbedrohlich und abrupt versiegend. Sie waren direkt über mir. Neben mir. So viele. So laut. Sie kamen von überall her. Wohin hätte ich fliehen können? Ich kuschelte mich ganz eng in meiner kleinen Höhle zusammen und hoffte auf ein Wunder. Ich wartete.
Plötzlich war es ganz still um mich herum.
Niemand rief mehr. Keine Schritte waren zu hören. Das Heulen des Sturms hatte sich gelegt. Der Regen war versiegt. Ich wagte es kaum zu atmen und lauschte weiter in die Stille. Ich blieb noch lange, wo ich war. Vor lauter Angst war ich wie gelähmt. Was hatte ich nur in den letzten Minuten gehört? Wohin waren die Menschen verschwunden?
Der Gesang eines Vögelchens weckte mich. Ich konnte es durch die Bretter sehen. Sein goldenes Gefieder funkelte in der Sonne. Die Luft war warm und duftete nach Frühling. Die Umgebung wirkte wieder friedlich und so kam ich aus meinem feuchten und kalten Versteck hervor. Die Sonne wärmte mich und begann sogleich meine Kleidung zu trocknen, wofür ich ihr mit einem Lächeln dankte.
Das Vögelchen sah mich an und legte den Kopf schief. Ganz so, als wolle es zu mir sprechen. Gehorsam schwieg ich und lauschte meinen Gedanken.
‚Sie sind fort.‘
‚Wohin, sind sie verschwunden?‘
‚An den Ort, an den ihnen niemand folgen kann und von dem es keine Rückkehr gibt.‘
‚Von einem solchen Ort habe ich noch nie etwas gehört.‘
‚Das solltest du auch nicht.‘
‚Warum sind sie fort?‘
‚Sie sind fort‘, stellte das Vögelchen erneut fest und flog davon. Nachdenklich blickte ich ihm nach und verfolgte seinen Flug, so lange wie ich es vermochte.“
Frau Reser schwieg und betrachtete den Sternenhimmel. Tausende Sterne waren heute zu sehen. Große, kleine, nahe und weit entfernte. Johannes war noch nie aufgefallen, wie viele Sterne es da oben gab und wie hell sie hier draußen leuchteten. Er sah zu seinem Bruder, der sich gerade das nächste Stockbrot genehmigte und sich währenddessen um zwei weitere bemühte, die über dem Feuer bucken. Sebastian konnte immer essen, stellte er beruhigt fest. So schnell würden sie heute wohl nicht zurückgehen, seine Chancen standen gut, dass er das Ende der Geschichte hören konnte.
