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Der vierzehnjährige Ben gelangt in den Besitz einer alten Zeichenmappe mit ganz besonderen Stiften. Begeistert füllt er Seite für Seite mit den Fantasiewelten, in die er sich so gern hineinträumt. Doch was er nicht weiß: Der Zeichenblock besitzt magische Kräfte. Ben kann es zunächst kaum glauben, als er sich nun Nacht für Nacht in seinen eigenen Bildern wiederfindet. Zusammen mit Toni, dem Nachbarsmädchen, das er in sein Geheimnis einweiht, stürzt er sich in aufregende Abenteuer. Doch schon bald müssen die beiden erfahren, dass ihre Reisen keinesfalls so harmlos sind, wie sie zunächst glaubten. Die magischen Welten scheinen mit der ihren verbunden und die Gefahren sind plötzlich ganz real. Als Ben und Toni auf einer ihrer Reisen sogar die Vergangenheit verändern, bleibt das nicht ohne Folgen und Ben glaubt, alles verloren zu haben.
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Seitenzahl: 217
Veröffentlichungsjahr: 2021
Uta Schemm
Das Geheimnis der magischen Bilder
© 2021 Uta Schemm
Lektorat, Layout: Dr. Matthias Feldbaum, Augsburg
Illustrationen, Cover: Nicole Waldow
Verlag und Druck:
tredition GmbH, Halenreie 40–44, 22359 Hamburg
ISBN
Hardcover:
978-3-347-21162-9
Paperback:
978-3-347-21161-2
E-Book:
978-3-347-21163-6
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1. Kapitel
Laut hallten die schnellen Schritte des jungen Mannes auf dem Pflaster, als er keuchend die dunkle Straße entlangrannte. Die hohen Gebäude rechts und links von ihm nahm er nur verschwommen wahr, registrierte nur am Rande, dass nicht eines der unzähligen Fenster erleuchtet war. Die Straße war menschenleer und über der Häuserschlucht brauten sich finstere Gewitterwolken am Nachthimmel zusammen. Endlich erreichte er eine Querstraße, bog scharf nach rechts ab und blieb nach einigen Metern schwer atmend stehen. Völlig erschöpft stützte er sich auf seine Knie und wartete, dass sich sein Herzschlag beruhigte.
Als der Himmel fast unmerklich noch eine Spur düsterer wurde und er hinter sich ein tiefes, bedrohliches Knurren hörte, fuhr er herum. Sein Gegner hatte ihn eingeholt. Ein kurzer Blick über die Schulter nach hinten verriet ihm, dass er sich in einer Sackgasse befand. Es schien, als würde sein schlimmster Albtraum Wirklichkeit …
Der Gong ertönte, gefolgt vom lauten Gerumpel der Stühle, die von 25 Schülern der Klasse 8b des Albert-Schweizer-Gymnasiums gleichzeitig mit einem Ruck zurückgeschoben wurden. Ausgelassenes Schwatzen und Lachen setzte augenblicklich ein. Fast alle Kinder waren erleichtert und gut gelaunt und während noch der letzte seine Sachen vom Tisch einsammelte und in die Schultasche packte, wurde die Tür des Klassenzimmers bereits von den ersten ungeduldig aufgerissen und Schulter an Schulter drängten sie hinaus. Endlich Ferien!
Ben hörte wie sich einige der Schüler von Herrn Hecht, ihrem Klassenlehrer, verabschiedeten und sich gegenseitig schöne Ferien wünschten. Er war mit seinen Gedanken immer noch bei dem Ende seiner Geschichte und konnte sich nur langsam davon lösen.
Ein paar der Mädchen waren stehen geblieben und erzählten von ihren Plänen für die langen Sommerferien, von den Ausflügen und Verwandtschaftsbesuchen, die geplant waren und von ihren Urlaubszielen, eines exotischer als das andere.
Ben würde dieses Jahr wieder zu seiner Tante Heike fahren. Auch wenn er vielleicht nach den Ferien nicht, wie seine Klassenkameraden, von außergewöhnlichen Erlebnissen berichten konnte, so mochte er die Besuche bei Tante Heike trotzdem. Sie machte sich nie über Bens Träumereien und die völlig verrückten Fantasiewelten, die er sich so gerne ausdachte, lustig. Vor allem aber bewunderte sie Ben für seine Zeichenkünste. Ben erfand nicht nur gern Geschichten über fremde Welten und düstere Fantasiegestalten, er zeichnete sie auch und hatte dafür, wenn man ihrem Urteil vertrauen durfte, sehr viel Talent. Und vollkommen egal, wo er die Ferien verbrachte, es war einfach ein gutes Gefühl, sechs schulfreie Wochen vor sich zu haben.
Mit einem tiefen Seufzer schwang Ben sich seinen Rucksack über die rechte Schulter, stellte seinen Stuhl auf die Schulbank und schob sich ebenfalls zur Tür hinaus.
„Wann fahrt ihr denn dieses Jahr zu deiner Tante?“, fragte ihn Jannik.
Jannik war Bens bester Freund seit dem Kindergarten und wie er ein Außenseiter. Mit ihm konnte er stundenlang in seinem Zimmer rumhängen, Marvel-Comics lesen und die Geschichten anschließend weiter spinnen. Jannik war ein Einzelkind und Bens jüngerer Bruder Basti erst drei und eine Nervensäge. Deshalb wünschten sie sich oft, sie wären Brüder.
„Am Sonntag schon“, antwortete Ben. „Wir bleiben dieses Mal fast zwei Wochen, weil bei meiner Tante einige Renovierungen im Haus anstehen und meine Eltern ihr dabei helfen wollen.“
Tante Heike war die 20 Jahre ältere Halbschwester von Bens Mutter. Sie hatte Rheuma und schaffte es oft nicht mehr ohne Hilfe, sich um das alte Haus und den riesigen Garten zu kümmern. Seit Jahren fuhren Bens Eltern deshalb mit ihm zu Tante Heike, halfen ihr in Haus und Garten und leisteten ihr für eine Weile Gesellschaft. Ben liebte die Besuche bei seiner Tante.
Sie wohnte in einer alten Stadtvilla mit einem urigen, zugewachsenen Garten. Die Bäume waren mindestens so alt wie das Haus und ihre Kronen beschatteten fast das ganze Grundstück. Wie ein Stadtpark war es außen herum komplett von einer zwei Meter hohen Steinmauer umgeben. Tante Heike hatte keine eigenen Kinder und verwöhnte deshalb gerne ihre Neffen.
„Wir fahren übernächste Woche auf einen Campingplatz am Bodensee. Das heißt, wir werden uns erst in drei Wochen wiedersehen“, überlegte Jannik.
„Stimmt“, meinte Ben. „Daran habe ich auch schon gedacht. Bei meiner Tante gibt es ja kein Internet. Ich werde also die meiste Zeit offline sein. Aber wenn du willst, könnten wir uns schreiben?“, schlug Ben nun vor. „So ganz oldschool“, fügte er noch mit einem Augenzwinkern hinzu.
„Gute Idee“, stimmte Jannik zu. „Und du könntest mir vielleicht ein paar deiner Comics schicken. Dann muss ich nicht so lange auf die Fortsetzung der letzten Geschichte warten.“
Gerade hielt der Bus vor dem Schultor. Ben stieg auf die erste Stufe des kleinen Treppchens und drehte sich noch einmal um. „Klar, mach ich“, versprach er seinem Freund. „Ich werde sowieso viel Zeit zum Zeichnen haben“, fügte er lachend noch hinzu, drehte sich um und stieg ein.
2. Kapitel
Am Sonntag regnete es. In der Nacht hatte ein schweres Gewitter die Julihitze vorerst beendet. Der Himmel war bleigrau und an den Autoscheiben rollten dicke Tropfen herab.
Ben hatte seinen Ellbogen gegen die Autotür gelehnt, die Wange auf seine Faust gestützt und starrte zum Fenster hinaus. Missmutig lauschte er dem Verkehrsfunk im Autoradio und im Hintergrund dem monotonen Schnarren und Quietschen der Scheibenwischer. Ausgerechnet zum Ferienbeginn musste das Wetter umschlagen. Er hoffte, dass es bei Tante Heike wenigstens nicht regnen würde. Aus dem Sitz neben ihm kamen leise Schnarchlaute. Basti war in seinem Kindersitz eingeschlafen, den Kopf nach hinten gelehnt, den Mund offen, während ihm ein dünner Speichelfaden über das Kinn lief.
Mama und Papa würden sich wieder die meiste Zeit um seinen kleinen Bruder kümmern, wenn sie nicht gerade mit der Renovierung von Tante Heikes alter Villa beschäftigt wären. Sie würden mit ihm im Garten Verstecken spielen und ihn auf der Schaukel anschubsen, die an dem großen Kastanienbaum befestigt war. Dafür würde Ben seine Tante ganz für sich allein haben, könnte ihr seine neuen Zeichnungen zeigen und ihr dabei zuhören, wenn sie von früher sprach. Am meisten faszinierten ihn dabei die Menschen, die vor langer Zeit in der alten Villa gelebt hatten.
Auch wenn er die Geschichte schon oft gehört hatte, lief es ihm immer noch eiskalt den Rücken herunter, wenn sie zum Beispiel von dem fünfzehnjährigen Mädchen Luise erzählte, deren Eltern Anfang des letzten Jahrhunderts die Villa erbaut hatten. Das Mädchen war vor rund hundert Jahren auf unerklärliche Weise verschwunden. Man erzählte sich, sie sei über Nacht aus ihrem Zimmer entführt worden. Sie wurde aber nie mehr gefunden.
Das war für Ben viel schöner als die Urlaubsreisen, die seine Klassenkameraden in den Ferien machten. Er verspürte weder Fernweh noch Abenteuerlust, denn dafür hatte er seine eigenen Geschichten, in die er sich jederzeit hineinträumen konnte.
„Hast du deine Zeichensachen eingepackt, Schatz?“, fragte seine Mutter über die Schulter nach hinten.
„Mmh“, machte er bloß.
„Und hast du auch ein paar von deinen Heften dabei?“, hakte sie nach.
„Ja“, gab er knapp zurück.
Sie meinte damit Bens eigene Comics, die er sich selbst ausdachte und illustrierte. Tante Heike war immer ganz begeistert von Bens Geschichten. Sie war neben Jannik die einzige Person, die sie lesen durfte.
Als der Wagen am Straßenrand vor dem schmiedeeisernen Tor zum Stehen kam, hatte es aufgehört zu regnen. Zwar tropfte es immer noch stetig von den großen Bäumen herunter, aber die Wolken ließen bereits wieder zarte Sonnenstrahlen hindurch.
Ben stieg als Erster aus und streckte sich gähnend. Basti war gerade aufgewacht und quengelte verschlafen. Während Mama Bens verschwitzten kleinen Bruder aus dem Kindersitz befreite und ihn tröstend auf den Arm nahm, holte Papa bereits das Gepäck aus dem Wagen.
„Wie schön! Ihr kommt an und die Sonne scheint wieder“, flötete Tante Heike schon von Weitem.
So schnell es ihre schmerzenden Gelenke zuließen, kam sie den schmalen Kiesweg zum Tor heruntergelaufen. Sie ging immer ein wenig hin und her schwankend, um das eigentliche Humpeln zu verstecken. Wie immer trug sie eine ihrer weiten Stoffhosen und eine formlose Strickjacke. Tante Heike strickte Pullover und Jacken, häkelte Mützen und Schals und nähte auch sonst ihre Kleidung selbst. Da sie die Stoffe dafür meist als Restposten bezog und diese nicht immer für ihre Schnittmuster ausreichten, sahen viele ihrer Kleidungsstücke aus wie bunte Flickenteppiche.
Mit einem glücklichen Strahlen umarmte sie nun zuerst Mama mit Basti auf dem Arm und strich dann Ben liebevoll durchs Haar. Papa begann sofort aufzuzählen, welche Werkzeuge sie mitgebracht hatten und was er noch alles für die Renovierungsarbeiten im Baumarkt besorgt hatte, während er geschäftig Koffer, Taschen und Kisten ins Haus trug. Mama folgte ihm mit Basti auf dem Arm.
Tante Heike wartete, bis Bens Eltern im Haus verschwunden waren und legte dann mit einem bedeutungsvollen Blick einen Arm um Bens Schultern.
„Ich habe gestern bereits den Dachboden entrümpelt, damit wir gleich mit der Arbeit beginnen können, sobald ihr da seid. Dabei habe ich etwas gefunden, das dir gehört“, verriet sie ihm in verschwörerischem Tonfall.
Erstaunt sah Ben seine Tante von der Seite an. Wie konnte das sein? Der Dachboden war einer der wenigen Orte der alten Villa, an dem Ben sich nie aufhielt. Er fand es unheimlich dort oben. Alles stand voller Kisten, alter Möbel und wuchtiger Kleiderschränke, aus denen ein muffiger Geruch strömte. Die einzige Lichtquelle war eine schwache Glühbirne in der Mitte des Raumes, deren diffuser Schein kaum bis in die hintersten Winkel reichte. Wie also konnte etwas, das ihm gehörte, dort hingekommen sein?
Als er gerade zu einer Frage ansetzte, schüttelte Tante Heike den Kopf.
„Später!“, sagte sie nur und schob Ben zur Tür.
3. Kapitel
Nach dem Abendessen bezog Ben das Zimmer, das er immer bewohnte, wenn sie Tante Heike besuchten. Es war nur ein kleiner Raum, mit einem knarrenden Dielenboden und einem zugigen Doppelfenster mit Holzrahmen und Fensterläden. Viele Möbel gab es hier nicht, nur ein Bett an der Wand links vom Fenster, ein dunkles Ungetüm von einem Kleiderschrank auf der gegenüberliegenden Seite und unter dem Fenster einen kleinen Schreibtisch. Doch Ben fühlte sich hier wohl, umgeben von den vertrauten Gerüchen und Geräuschen des alten Hauses.
Durch das Fenster blickte er in das üppige Grün des Gartens mit dem riesigen Kastanienbaum, den Obstbäumen und den Stachelbeer- und Himbeersträuchern. In dem weniger schattigen Teil des Gartens, nahe dem Haus, standen Hochbeete mit Erdbeeren, verschiedenen Gemüsesorten und Kräutern und am Haus wuchs Wein, in dessen Laub die Bienen beständig summten. Ben öffnete die Fensterläden und sog tief die Luft ein, die nach dem Regen herrlich frisch und würzig nach den Kräutern unter seinem Fenster roch.
Tante Heike klopfte an den Rahmen der offenen Tür.
„Komm rein“, rief er und drehte sich erwartungsvoll zu ihr um.
„Hier, ich bin mir sicher, dass das hier dir gehört“, sagte Tante Heike, zog etwas unter ihrem Arm hervor und hielt es ihm hin.
Es war eine braune Ledermappe, die mit einer Kordel verschlossen war.
„Ich glaube nicht, dass …“, begann Ben, doch seine Tante unterbrach ihn sogleich.
„Es ist ein Skizzenblock mit Zeichenkreiden. Ich habe ihn zwischen einer Reihe alter Bücher in einer Blechkiste auf dem Dachboden gefunden. Ich muss ehrlich zugeben, dass ich ihn noch nie zuvor gesehen habe, jedenfalls kann ich mich nicht daran erinnern. Und ich weiß auch nicht, wem er einmal gehört hat. Aber als ich ihn sah, wusste ich sofort, wem ich ihn geben würde. Vielleicht gehörte er schon immer dir.“
„Wie meinst du das: Er gehörte schon immer mir?“, fragte Ben verwundert.
„Nun, ich denke, manche Dinge gehören einfach fest zu einem bestimmten Menschen“, erklärte sie. „Und sie bleiben solange verborgen, bis der für sie bestimmte Besitzer sie findet. In dem Fall war zwar ich der Finder, aber ich denke, dass es kein Zufall war, dass ich die Mappe genau am Tag vor eurer Anreise gefunden habe.“
Mit einem Augenzwinkern wandte sie sich wieder zur Tür, blieb aber im Türrahmen noch einmal stehen.
„Probier es aus. Mach was daraus. Und ich würde mich natürlich wie immer sehr freuen, wenn du mich daran teilhaben lässt.“ Mit diesen Worten drehte sie sich um und ging hinaus.
„Wenn du Lust hast, wir spielen unten Karten“, rief sie, während sie schon die Treppen hinunterging.
„Ja, mal sehen. Vielleicht“, antwortete er. „Und Danke, Heike“, fügte er noch schnell hinzu.
Ben drehte sich wieder zu seinem Schreibtisch um, setzte sich und legte die Mappe vor sich auf den Tisch. Das Leder war weich und abgegriffen und an den Kanten mit kleinen Blumenranken bestickt. Er zog die Kordel aus der Schlaufe und klappte die Mappe auf. Auf der einen Seite war ein dünnes Heft mit leeren Blättern eingeklebt. Die ersten Seiten hatte jemand herausgerissen, wie Ben feststellte. Auf der anderen Seite der Mappe war eine Tasche eingenäht, die man über einen Druckknopf öffnen konnte. Darin befand sich eine Reihe feiner Zeichenkreiden in allen Farben des Regenbogens, außerdem eine ganze Auswahl an verschiedenen Grautönen und ein kleines Messer zum Anspitzen der Kreidestifte.
Gedankenverloren strich Ben über die feinen Papierfetzen der herausgerissenen Seiten, die noch am Heftrand hingen. Wem dieser Skizzenblock wohl mal gehört hatte? Das Papier war schon leicht vergilbt und roch nach Staub und muffigem Dachboden. Was sollte er denn mit Zeichenkreide anfangen? Normalerweise zeichnete Ben mit Buntstiften oder noch lieber mit Finelinern.
Für die detaillierten, kleinen Bilder in seinen Comics war Zeichenkreide überhaupt nicht geeignet. Trotzdem reizte es ihn, die Stifte auszuprobieren und die leeren Seiten dieses wunderschönen Skizzenblocks zu füllen.
Er zog die schwarze Kreide heraus. Sie war sehr schmal, fast schon zerbrechlich dünn und rund geschliffen. Mit dem Daumen strich er über die glatte Oberfläche und drehte den Stift zwischen Daumen und Zeigefinger hin und her. Dann sah er auf die noch leere erste Seite und machte ohne darüber nachzudenken einen kräftigen ersten Strich.
Weich ließ sich der Stift über das Papier führen und hinterließ eine tiefschwarze, geschwungene Linie. Ben legte den Kopf schief und betrachtete das Blatt. Die Linie erinnerte ihn an das windschnittige Profil eines Sportwagens. Er machte noch ein paar Striche und lehnte sich zurück, um das Ergebnis mit etwas Abstand zu betrachten. Es sah fast ein bisschen aus wie das Batmobil, fand er. Nun zog er ein dunkles Grau aus der Tasche und setzte seine Arbeit fort. Die Stirn angestrengt gerunzelt und die Unterlippe zwischen die Zähne gezogen, beugte Ben sich tief über die Tischplatte. Mit dem Daumen und den Handballen verwischte er die Farbe auf den Flächen der Seiten- und Heckflügel des Autos und setzte mit einem helleren Grau einige Lichtreflexe. Schließlich stieß er den angehaltenen Atem aus und setzte sich auf. Fertig.
Ben konnte selbst kaum glauben, wie gut ihm die Zeichnung gelungen war. Der Rennwagen in tiefschwarz, auf dessen Lack sich ein heller Schimmer in Grau und Weiß spiegelte, sah fast aus wie echt. Zufrieden mit dem Resultat blätterte er knisternd die erste Seite um und strich sie glatt.
Er überlegte nur kurz und griff dann nach einem satten Grün. Schnell füllte sich die Seite mit verschlungenen Linien und pflanzenähnlichen Gebilden bis ein täuschend echt wirkender Dschungel auf dem Blatt erschien. Doch zwischen Urwaldriesen, dicken Lianen und fleischfressenden Pflanzen zeichnete er eine Stadt – verwitterte Wolkenkratzer und Ruinen alter Häuser, fast ganz vom Dschungel überwuchert. Hier und da deutete Ben mit wenigen Strichen Menschen an, die zwischen Pflanzen und Häusern auf kaputten Straßen standen, winzig klein gegen die gewaltige Pflanzenwelt. Völlig versunken und voller Eifer malte er weiter, wählte kräftige Farben, schraffierte, verwischte, zeichnete Konturen.
Als Ben endlich aufsah, stellte er fest, dass es draußen schon dunkel war. Er öffnete das Fenster und starrte in den nächtlichen Garten hinaus. Bis auf das Zirpen der Grillen war nichts zu hören. Ohne den Blick vom Fenster abzuwenden, setzte er sich langsam wieder. Dann sah er auf die Kreidestifte. Die Reihe an dunklen Grautönen bis hin zum Schwarz fielen ihm ins Auge und das Ende seiner letzten Geschichte fiel ihm wieder ein.
Es ging um einen jungen Mann, der in einer grauen Welt, die nach und nach alles Farbige und Lebendige verloren hatte, gegen ein grauenvolles Unwesen kämpfen musste – Gigantrom. Diese unvorstellbare Gestalt saugte, ähnlich wie ein schwarzes Loch, alle Energie, alles Licht und Leben aus der Welt und wurde davon immer größer, stärker und gefährlicher.
Bisher war ihm eine Zeichnung von diesem Monstrum noch nicht gelungen. Er schaffte es einfach nicht, die Gestalt in ihrer ganzen Abscheulichkeit so zu Papier zu bringen, wie er sie im Kopf hatte. Doch nun hatte er das Gefühl, dass es ihm gelingen könnte. Mit diesen wunderbaren Zauberkreiden, die allen seinen Bildern ein lebendiges Aussehen verliehen hatten, würde er Gigantrom zeichnen können. Entschlossen griff er nach einem Stift, beugte sich wieder über das Papier und begann sein Werk.
Unter Bens Händen entstand das Bild einer abscheulichen Kreatur. Der unförmige, massige Körper sah aus wie geschmolzener Asphalt. Unter der krustigen Haut zeichneten sich Muskelberge ab. Am furchteinflößendsten jedoch war das unförmige Gesicht. Die Augen glühten tiefrot und aus dem klaffenden Loch, das das Maul sein sollte, ergoss sich gleißend helles Licht aus seinem Inneren. Es sah erschreckend echt aus, als könnte es jeden Moment aus dem Bild herausklettern und Wirklichkeit werden.
„Du bist ja noch wach!“, kam es plötzlich von der Tür.
Ben zuckte zusammen, klappte schnell die Mappe zu und drehte sich auf seinem Stuhl herum. Seine Mutter kam herein, stellte sich neben seinen Stuhl und legte ihm eine Hand auf die Schulter, während sie versuchte einen Blick auf seine Zeichnung zu erhaschen.
„Es ist schon weit nach Mitternacht“, ermahnte sie ihn gähnend. „Geh ins Bett, Schatz!“
„Gleich“, versprach er.
Sie drückte ihm einen Kuss auf den Scheitel, wünschte eine gute Nacht und ging hinaus.
Seufzend drehte sich Ben wieder zu seinem Schreibtisch um. Vielleicht sollte er wirklich lieber ins Bett gehen. Jetzt, da die konzentrierte Anspannung und Aufregung, die er immer empfand, wenn er etwas Neues und Bedeutungsvolles zeichnete, von ihm abfiel, merkte er erst, wie müde er war.
Er wollte nur noch schnell die Kreidestifte aufräumen, bevor er sich schlafen legte. Als Ben den letzten Stift in die Mappe schob, stutzte er. Die schwarze Kreide ließ sich nicht ganz in die Tasche drücken. Er zog sie wieder heraus, und fühlte mit den Fingern, was dort im Weg war. Verwundert zog er einen weiteren Kreidestift heraus, den er bisher noch gar nicht bemerkt hatte. Er drehte ihn hin und her, konnte aber nicht genau sagen, um welche Farbe es sich da handelte.
Die Kreide sah fast farblos aus, sie war weder weiß noch grau. Als er sie unter die Lampe hielt, bemerkte er, dass sie leicht durchsichtig war, ein wenig wie milchiges Glas oder Wachs. Wozu sollte dieser Stift gut sein?
Ben sah auf das erste Bild, das er gezeichnet hatte, der schwarze Rennwagen. Vorsichtig machte er in der Ecke des ersten Blattes einen kleinen Strich, doch es war nichts zu sehen. Vielleicht konnte dieser Stift eine Art Effekt erzeugen? Er machte wieder einen vorsichtigen Strich, dieses Mal direkt auf dem Auto. Verblüfft blinzelte er.
Der Strich, den er quer über den Kotflügel gezogen hatte, schien vor seinen Augen zu schwimmen und sich irgendwie zu bewegen. Schnell schraffierte er quer über das ganze Auto und konnte kaum glauben, was er da sah. Das Auto sah plötzlich dreidimensional aus, als könnte er es anfassen. Die Optik erinnerte ihn an einen 3-D-Film, den er einmal mit einer speziellen 3-D-Brille im Kino gesehen hatte.
Wieder betrachtete er den Stift in seiner Hand. Wie konnte diese seltsame Kreide so einen Effekt erzeugen? Verwirrt schob er sie zurück in die Tasche und schloss die Mappe. Er wollte am nächsten Morgen Tante Heike davon erzählen. Jetzt fühlte er sich einfach zu müde und erschöpft, um weiter darüber nachzudenken.
4. Kapitel
Ein Geräusch hatte ihn geweckt. Mit angehaltenem Atem lauschte er. Im Haus war es still, nichts rührte sich. Ben drückte den Knopf an seiner Armbanduhr und die Uhrzeit leuchtete auf: 1:20 Uhr. Lange hatte er also nicht geschlafen. Von was war er bloß aufgewacht? Angestrengt horchte er noch einmal.
Da! Da war doch etwas! Ein tiefes Grollen, fast wie ein Brummen. Aber es kam von draußen.
Ben schlug die Decke zurück und schwang die Beine aus dem Bett. Er schlich über die knarrenden Dielen zum Fenster und öffnete einen Flügel. Jetzt hörte er es ganz deutlich. Ein Motor. Auf der Straße vor dem Haus lief ein Motor. Um diese Uhrzeit? Tante Heikes Haus stand in einer sehr ruhigen Ecke des Kleinstädtchens. Ben beugte sich weit aus dem Fenster, aber er konnte von hier aus die Straße nicht einsehen. Normalerweise hätte es ihn nicht weiter beunruhigt, mitten in der Nacht ein Auto vor dem Haus zu hören, doch er verspürte den unerklärlichen Drang, nachzusehen. Eine innere Stimme sagte ihm, dass irgendetwas nicht stimmte.
Leise schlich er die Treppe hinunter und suchte in der Schüssel auf der kleinen Kommode hinter der Tür nach dem Haustürschlüssel. Ben öffnete die Tür und spähte hinaus. Jetzt war das Brummen des Motors noch lauter zu hören, ungewöhnlich laut. Das war ganz sicher kein normales Auto.
Aufgeregt tapste er die steinerne Treppe vor der Haustür hinab und schlich über den Kiesweg bis zum Tor. Er stockte. Sein Herz hämmerte und es rauschte in seinen Ohren. Direkt vor dem Tor stand ein schwarzer Rennwagen mit laufendem Motor und er sah genauso aus, wie der, den er am Abend gezeichnet hatte. Niemand saß am Steuer.
Ben blickte rechts und links die Straße entlang, konnte aber keine Menschenseele sehen. Dann beugte er sich vor und spähte durch das Seitenfenster. Alle Sitze waren leer.
Langsam ging er um das Auto herum und betrachtete es von allen Seiten. Nein, es sah nicht nur so aus, es war das Auto, das er gezeichnet hatte. Ungläubig schüttelte er den Kopf. Er ging zur Fahrertür und legte die Hand auf den Türgriff. Zögernd sah er zum Haus hinüber. Alles war dunkel und ruhig. Der brummende Motor hatte also nur ihn aufgeweckt.
Ohne weiter darüber nachzudenken, öffnete Ben die Tür und stieg ein. Es fühlte sich fantastisch an, in einem solchen Sportwagen zu sitzen. Die Armaturen leuchteten blau, Sitze und Lenkrad waren mit Leder bezogen.
Er wusste selbst nicht, woher er den Mut nahm und warum er es tat. Entschlossen schnallte er sich an und griff nach dem Lenkrad, das sich geschmeidig in seinen Händen anfühlte, als sei es für ihn gemacht. Sein Vater hatte ihn schon einmal auf einem Feldweg ein Stück fahren lassen und wie ihm ein Blick auf den Schalthebel verriet, war dies hier ein Automatikgetriebe.
Ben löste die Handbremse, stellte den Schalthebel auf Drive und tastete vorsichtig mit dem Fuß nach dem Gaspedal. Sogleich heulte der Motor auf und das Auto fuhr ruckartig an. Erschrocken verringerte er den Druck seines Fußes und schon fuhr er in gleichmäßigem Tempo weiter.
Als er die Kreuzung am Ende der Straße erreichte, hielt er kurz, aber außer ihm waren keine weiteren Autos unterwegs. Also fuhr er einfach weiter, ohne noch einmal anzuhalten, bis er die Stadt schließlich verließ und nun übermütig in rasender Geschwindigkeit die Landstraße entlangflog.
Tief röhrte der Motor, als Ben das Gaspedal weiter durchdrückte und mit berauschendem Glücksgefühl spürte er, wie sein Körper durch die rasche Beschleunigung in den Sitz gedrückt wurde.
Er fühlte sich großartig, erwachsen, unwahrscheinlich cool und unbesiegbar. Nichts konnte ihn aufhalten und er wünschte sich, dass dieser fantastische Moment niemals vergehen würde.
Doch das Gefühl hielt nicht lange. Nur wenige Augenblicke später spürte Ben mit blankem Entsetzen, wie der Rennwagen in einer scharfen Kurve über den Straßenrand schlitterte. So sehr Ben auch am Lenkrad riss, das Auto ließ sich nicht auf der Straße halten. Ben war einfach mit viel zu hoher Geschwindigkeit in die Kurve gefahren. Verzweifelt versuchte er gegenzulenken, doch der Wagen geriet dabei nur noch mehr ins Schlingern.
Ben bremste, doch es war zu spät. Holpernd pflügte er über eine abgemähte Weide und versuchte dabei mit den vor Angst schweißnassen Händen das Lenkrad gerade zu halten und das Auto wieder unter seine Kontrolle zu bringen. Plötzlich tauchte am Feldrand eine Scheune im Lichtkegel seiner Scheinwerfer auf. Auf der vom Regen noch nassen Wiese schaffte Ben es nicht, rechtzeitig zu bremsen und krachte schreiend durch die hölzerne Seitenwand der Scheune. Dann wurde es dunkel.
5. Kapitel
Ben erwachte, als die ersten schrägen Sonnenstrahlen durch das Fenster auf sein Bett trafen. Kaum hatte er die Augen aufgeschlagen, griff er sich an den Kopf. Woher kamen bloß diese Kopfschmerzen? Verwundert betastete Ben seine Stirn, wo sich eine Beule über seinem linken Auge wölbte. Was für ein Traum! Wahrscheinlich hatte er sich dabei so sehr im Bett herum gewälzt, dass er sich den Kopf am Bettgiebel angeschlagen hatte.
Ben blieb noch eine Weile liegen und lauschte. In der Küche hörte er, wie sich seine Eltern und Tante Heike lachend unterhielten und sein kleiner Bruder immer wieder dazwischenkrähte. Ben gähnte und setzte sich auf, schob müde die Beine aus dem Bett und blieb auf der Bettkante sitzen. Verschlafen blickte er durch das Fenster in den sonnigen Morgen hinaus und dachte an seinen Traum letzte Nacht. Es hatte sich unglaublich echt angefühlt, in dem schicken Sportwagen über die Straßen zu fliegen, ein wundervolles Gefühl, bis zu dem Zeitpunkt, als er die Kontrolle über den Wagen verloren hatte. Das hatte sich für seinen Geschmack viel zu realistisch angefühlt. Es schüttelte ihn bei der Erinnerung daran. Träume sollten sich nicht so wirklich anfühlen, vor allem Albträume nicht.
Mit einem Ruck sprang er hoch und merkte mit einem Mal, wie hungrig er war. Auf dem Weg nach unten stieg ihm bereits der Duft von frischen Brötchen in die Nase. Mit jeder Stufe die Treppe hinunter streifte er die letzten bedrückenden Erinnerungen an seinen Traum ein bisschen mehr ab und freute sich jetzt auf das gemeinsame Frühstück mit seiner Familie.
