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Das Jahr 2159. Detective Avory ermittelt in Kentarion City den rätselhaften Tod seines früheren Kollegen Edward Harmer in der Produktionshalle des Roboterkonzerns GRE. Anfänglich vermutet er eine Vertuschung des weltumspannenden Wirtschaftsriesen Global Robot Enterprises. Die Allmacht des Weltkonzerns scheint unbezwingbar. Doch mit der Unterstützung seines neuen Partners, dem humanoiden Ermittlungsrobot Roni, führen ihn die Ermittlungen bald in die Mondkolonie Lunar City. Sie strotzen den Attentatsversuchen durch humanoide Robot und Nanorobots. Doch auf dem Mond scheinen Erdlinge nicht willkommen. Dort geraten beide Ermittler in den Strudel etwas viel Gefährlicheres. Eine bevorstehende Revolution.
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Seitenzahl: 472
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Kapitel: Das Jahr 2159
Kapitel: Kentarion City - Industriegebiet
Kapitel: Kentarion City - Police Department
Kapitel: Kentarion - Innenstadt
Kapitel: GRE-Gelände - Tiefgarage
Kapitel: Kentarion City - GRE-Fabrikhalle
Kapitel: Kentarion City - Autobahn
Kapitel: Kentarion
Kapitel: Kentarion City - Autobahntunnel
Kapitel: Kentarion - KCPD
Kapitel: Kentarion City
Kapitel: Harmers Apartment - Kentarion City
Kapitel: Kentarion City Hochhaus - im Fahrstuhl
Kapitel: Kentarion - GRE-Gelände
Kapitel: Kentarion – Altes Stadtviertel
Kapitel: Lisshammers Ruine
Kapitel: GRE - Werksgelände
Kapitel: Kentarion City - GRE-Gelände
Kapitel: GRE - Konzerngelände
Kapitel: GRE-Konzerngelände - unterirdischer Komplex
Kapitel: GRE-Gelände - unterirdisches Areal
Kapitel: GRE - Geheimareal
Kapitel: GRE - Werksgelände
Kapitel: Kentarion City - Westviertel
Kapitel: Traum - Kentarion
Kapitel: Kentarion City - Police Department
Kapitel: GRE - Konzerngelände
Kapitel: Kentarion - KCPD
Kapitel: Kentarion City
Kapitel: KCPD
Kapitel: Kentarion City – Raumhafen
Kapitel: KCPD
Kapitel: Kentarion - GRE
Kapitel: Sonnensystem - Erde
Kapitel: Erde - Kentarion City
Kapitel: Sonnensystem - Mondorbit
Kapitel: Kentarion City - GRE-Hauptgebäude
Kapitel: Lunar Cargo Havens
Kapitel: Lunar City - Hotel
Kapitel: Lunar City
Kapitel: Lunar City
Kapitel: Lunar City
Kapitel: Lunar City
Kapitel: Lunar City - Gouverneursturm
Kapitel: Mare Imbrium - Hadley-Rinne
Kapitel: Lunar City – Harrys Apartment
Kapitel: Auf dem Spielplatz Kentarion City - West Hills - 2127 a.D.
Kapitel: Battle Dance Kentarion City – 2137 a.D.
Kapitel: Schulzeit Kentarion City – East High School – 2137 a.D.
Kapitel: Avory und Harmer KCPD – 2158 a.D
Kapitel: Lunar City
Kapitel: Lunar City
Kapitel: Mare Imbrium - Hadley-Rinne
Kapitel: Mond - Orbit
Kapitel: Mare Imbrium - Hadley-Rinne
Kapitel: Mond - Lunar Cargo Havens
Kapitel: Lunar City
Kapitel: Mondkolonie - Gouverneursturm
Kapitel: Mare Imbrium - Cargo Havens
Kapitel: Mare Imbrium - Hadley-Rinne
Kapitel: Mare Imbrium - Hadley-Rinne
Kapitel: Lunar City - Gouverneursturm
Kapitel: Mare Imbrium
Kapitel: Mare Imbrium - im Mondinneren
Kapitel: Mare Imbrium
Kapitel: Lunar Cargo Havens
Kapitel: Mond - Montes Apenninus
Kapitel: Montes Apenninus
Kapitel: Montes Apenninus
Kapitel: Mond
Kapitel: Unterhalb der Montes Apenninus
Kapitel: Mond - Tempel der Maschinen
Kapitel: Mond - Tempel der Maschinen
Kapitel: Mond - Mare Tranquilitatis
Kapitel: Erde - Kentarion City
Wie steinerne Zeugen ragten die Hochhäuser in der Nacht auf. Starr, stumm und mitleidlos. Die Finsternis verdrängte jedes Licht auf den menschenleeren Straßen in Kentarion City. Detective Harmers Schädel dröhnte, als er an den aufragenden Bürogebäuden vorbeihastete. Lediglich die Wachrobots hielten an den Eingängen Stellung, da alle Menschen diesen Teil des Industriegeländes schon vor Stunden verlassen hatten. Harmer war allein, und das wusste er.
Sein Gang war unsicher, als er mit schwindenden Kräften etwas hinterherjagte; von einem inneren Ansporn rastlos vorwärts getrieben. Immer wieder rieb er sich mit den Händen an Schläfen und Hinterkopf. Er keuchte. Sein dunkelbraunes glattes Haar lag vom Regen platt gedrückt bis an die Ohren herunter.
Irgendetwas war geschehen. Er konnte sich nicht mehr erinnern, warum er mitten in der Nacht durch Kentarions Straßen irrte. Wie benommen stolperte er voran, ohne ein Ziel vor Augen zu haben oder zu wissen, woher er kam.
Dieser Schmerz! Dieser stechende Schmerz in meinem Kopf. Was ist das nur?
Harmer war Ende dreißig und gehörte zu den Leistungsträgern des Kentarion City Police Departments. Doch in dieser Nacht, in der der Regen die Straßen flutete, war davon nichts zu merken. Der ansonsten sportliche Mann krümmte sich vor Schmerz und quälte sich Meter für Meter vorwärts.
„Wieso ist denn hier keiner? Ich … brauche ...“
Ein Ausruf, klar in seinem Kopf vorhanden, wollte Harmer nicht über die Lippen gehen.
Hilfe!
Das Schlurfen von Harmers Schritten verstummte unter dem Prasseln des Regens. Weiter und weiter tastete er sich nach vorn, in der Hoffnung, einen Ort zu finden, an dem der Schmerz in seinem Kopf enden würde. Geplagt hielt er an Straßenlaternen inne und versuchte, zu verschnaufen. Seine Finger krallten sich um den Laternenmast. Statt der erhofften Kraft überflutete neuer Schmerz seinen ausgezehrten Leib, brennend und stechend.
Er bewegte sich auf dem Gehweg in einem wandernden xenongrellen Lichtkegel, den die Straßenlaternen über ihn warfen. Als Harmer um die Ecke des gläsernen Gebäudes an der breiten Kreuzung bog, setzte das Stechen in seinem Kopf für einen kurzen Moment aus. Plötzlich überkam ihn Ruhe. Sein Blick schärfte sich.
Vor ihm erhob sich die riesige Halle der Global Robot Enterprises. Harmer erblickte die drei übereinander gesetzten Ebenen des pyramidenförmigen Gebäudes, in dem Maschinen andere Maschinen im Minutentakt erschufen. Hoch wie ein Wolkenkratzer ragte die Halle in den verregneten Himmel auf. An Tagen, an denen der Nebel tief über der Stadt hing, konnte man in der Lounge unterhalb der Spitze auf ein Wolkenmeer blicken, das nur von wenigen Gebäuden der Skyline in Kentarion City durchbrochen wurde.
Im Inneren der größten Robot-Fabrik der Welt arbeitete eine unvergleichbare Produktionsmaschinerie Tag und Nacht daran, die Zahl der global vertretenen Robots stetig über einer Milliarde zu halten. Neue Fabrikate verließen das Gelände in Fahrzeugen und in unterirdischen Transportzügen, die auf Schiffen, Raumgleitern oder über den Landweg in die Welt exportiert wurden, während andere gewartet und instandgesetzt wurden. Alte Modelle wurden bei irreparablen Schäden im Recycling demontiert und gaben Baumaterial für neue Robots ab. Robots in jeglichen Formen und Größen verließen das Gelände der GRE, um ihren jeweiligen Aufgaben zugeführt zu werden.
Klobige Baustellenrobots bohrten Löcher in die Erde, um Häuser darauf zu errichten oder Straßenzüge entlang programmierter Routen zu walzen. Humanoide Robots verstärkten nahezu jede Branche und jeden Haushalt, um die Produktivität zu steigern und das Leben lebenswerter zu gestalten. Kleine Biobots unterstützten Ärzte, Apotheker und Medizintechniker in diversen Aufgabenbereichen, um menschliches Leben zu erhalten.
Einzig das Militär unterlag einer strengen Exportkontrolle. Robots durften nur in kasernierten Einheiten oder in rückwärtigen Frontgebieten eingesetzt werden, um nicht an der Tötung von Menschen aktiv beteiligt zu sein. Daher belieferte die GRE offen jegliche Streitkräfte auch mit gleichen Serienmodellen, sodass keinerlei Kräfteunterschiede oder strategische wie auch taktische Vorteile entstanden. Darauf hatten sich die Regierungen geeinigt, nachdem deutlich geworden war, dass die Robots bei einem nicht limitierten Einsatz mehr Schaden als Nutzen verursachen würden.
Drei bikonvex geformte Gebäudetürme aus semitransparenten Baustoffen und Unmengen an Glas umschlossen synchron die Fabrikpyramide der GRE. In diesen drei Türmen befand sich das Robotministerium. Das Ministerium war kurz nach der Firmengründung eingerichtet worden, und viele Menschen setzten es seitdem mit der GRE gleich. Weisungen und Gesetze in jedweder Verbindung zu Robots entstammten dem hier ansässigen Ressort. Kein Robot konnte gefertigt werden, ohne dass das Robotministerium dies nicht zuvor genehmigte.
Aus den Turmspitzen speiste sich der weiße wie ein Kristall schimmernde konzentrische Knotenpunkt des Uplinks, der das Ministerium mit allen in der Welt und auf dem Mond befindlichen Robots vernetzte. Um den senkrecht zum geostationären Satelliten nach oben schießenden Energiestrahl wanden sich flankierende dünne Strahlen der Downlinks nach unten, die den Hauptstrahl wie funkelnde Schlangen umrankten. Das entfernte Rauschen der Kentarion City Railway lag über dem Gelände und überlagerte jeden Winkel der Fabrik mit dem Geräuschpegel der Hochgeschwindigkeitsbahn der Millionenstadt.
Harmer erkannte das Fabrikgelände für Robots auf Anhieb wieder und war froh, in dieser Nacht auf etwas Bekanntes gestoßen zu sein. Für einen kurzen Augenblick verschwanden all die Schmerzen, und Edward Harmer richtete sich erleichtert auf.
Die Fabrik. Aber was soll ich hier? Wieso bin ich hier?
Noch bevor er einen ausgiebigen Blick auf Kentarion Citys hintere Skyline werfen konnte, setzte das Stechen in seinem Schädel erneut ein, um dieses Mal stärker und brennender loszubrechen als die Stunden zuvor.
Oh Gott! Was … ist das? Ich halte das ... nicht mehr … aus.
Ohne dass er eine Erklärung fand, setzten sich seine Beine in Bewegung und trugen ihn zum Eingangstor des Robotgeländes. Als er vor die stangenartige Portalkonstruktion trat, durchstieß ein höllisches Summen seinen Kopf, sodass er laut ächzte und halb zu Boden ging. Harmer wankte und taumelte. Das Eingangstor öffnete sich, und die martialisch wirkende Konstruktion der Sperrgitter verschwand nach einer Drehbewegung im Boden.
Die humanoiden Sicherheitsrobots im Wachhäuschen registrierten Harmer mit flüchtigen Blicken, wandten sich jedoch wieder der Zufahrtsstraße zu und schenkten dem Mann keinerlei Beachtung. Es schien, als interessiere er sie nicht.
Harmer wollte sich ihnen zuwenden und sie um Hilfe anrufen, doch er vermochte es nicht. Weder Gliedmaßen noch Zunge gehorchten ihm. Stattdessen schritt sein Körper vorwärts auf das Gelände der GRE und ging geradeaus.
Autonome Transportrobots in ovalen und quaderförmigen Konstruktionsformen kreuzten Harmers Weg und umkurvten ihn wie ein Hindernis. Vor dem Eingang der Fabrikhalle ging das Stechen in pochendes Hämmern über, das seinen Schädel auseinanderzuschlagen drohte.
Diese Schmerzen. Was ist hier los?
Detective Harmer sehnte sich nach einem Ende der Qualen und nach einem Ende dieser Nacht.
Die drei ineinander verschobenen Portalplatten des Eingangs der vorderen Konfigurationshalle öffneten sich mit einem metallischen Schlagen. Die ovalen Module scherten gleichzeitig auseinander und gaben einen Durchgang frei. Eine Öffnung tat sich auf, die gerade reichte, um den Mann hindurchschlüpfen zu lassen, ohne zu viel vom Inneren preiszugeben.
Nur wenige Menschen hatten die Erlaubnis erhalten, das Innere der Fabrik ausgiebig zu inspizieren, und dass auch nur, ohne der Öffentlichkeit davon zu berichten. Die Konfigurationshalle der GRE stellte eine Ministeriumsangelegenheit dar. Robot eyes only. Hier verschwammen die Grenzen zwischen Ökonomie und Politik.
Die Inhalte der Robotkonfigurations-, Serienfertigungs- und Programmierungshallen gehörten zu den weltweit bestgehüteten Wirtschaftsgeheimnissen, die der Monopolist Global Robot Enterprises vor der Weltöffentlichkeit verbarg.
Detective Harmer schlüpfte durch die Öffnung und verschwand in einer Halle der Finsternis. Kein rhythmisches Schlagen und keine surrenden Maschinengeräusche erfüllten den Raum, wie es üblich war. Eine Handvoll Positionsleuchten im Boden der Halle warfen ein schwaches weißes Licht, kleinen leuchtenden Bindfäden gleich, in dem Harmer nur die eigene Silhouette erkannte. Langsam erhob sich das schwache Echo sanft auf dem Hallenboden aufsetzender Schritte.
Ein Robot kam näher.
In Harmer stieg Furcht auf. Doch dafür blieb ihm keine Zeit. Das elektromagnetische Bombardement der Naniten schwoll wieder in seinem Kopf an und provozierte eine massive Ausschüttung von Schmerzmediatoren, die seinen ganzen Körper überfluteten. Wie ein Feuer fegte der Sturm aus Schmerz und glühender Hitze durch den Körper des Ermittlers und schien jeden Kubiknanometer zu erfassen. Es fühlte sich an, als würden seine Zellen zerkochen und schließlich platzen.
Harmer fiel auf die Knie, und ein qualvolles Klagen drang aus seinem aufgerissenen Mund. Er war am Ende.
Der Robot kam mit eiligen Schritten näher. Er war fast da. Obwohl der Ermittler nicht mehr viel Kraft hatte, über den Robot nachzudenken, ahnte er, dass er keine Hilfe von ihm erwarten konnte.
Die Naniten befanden sich in der letzten Phase ihres programmierten Auftrags.
Mensch in der Konfigurationshalle fixieren. Befehl 2 ausgeführt.
Die Naniten verschoben ihre Netzkolonie auf den Parietalkortex und bildeten einen neuen Schwerpunkt in der Mitte des Gehirns. Sie drangen zwischen die Nervenzellen und platzierten sich.
Dieser Schmerz … wandelt sich ständig … in meinem Kopf.
Harmer holte tief Luft.
Was … ist das nur? Ich kann nicht … mehr.
Aus der Dunkelheit trat eine Gestalt auf Harmer zu, die das letzte Aufbäumen seines Geistes bewirkte. Plötzlich verlosch der Schmerz. Doch sofort wich der Ausdruck der Erleichterung dem des Schreckens, denn er sah in die blaugrauen Augen des weltbekannten Politikers.
Er? ... Jetzt ist mir alles klar. Ich Narr!
Der Robot kam vor dem knienden Detective zum Stehen und warf einen mitleidslosen Blick auf ihn herab. „Korrekt. Sie sind ein Narr.“ Blitzartig schoss der Arm des Robots nach vorn, und die Servohand krallte sich um die Kehle des Ermittlers. Die positronischen Nervenbahnen des Robots leuchteten weiß von den haardünnen Plasmaströmen unter der Haut hervor, die als Lebensadern den Robot durchzogen. Die Tarnung war nun nicht mehr wichtig. Er verengte den Griff und schnürte Harmer die Kehle zu.
„Stopp!“ Das Krächzen verebbte, als der Polizist den letzten Hauch seines Lebens tat. Harmers Versuch eines Aufbäumens blieb erfolglos.
Wie kann das sein? Wo sind die anderen Robots, die in dieser Halle sein sollten?
Harmers Gedanken kreisten. Der Robot würde ihn töten.
Noch bevor etwas anderes aus dem gequälten Leib hervordringen konnte, brachten die Naniten sein Neuralnetz an den Rand des Kollapses.
Rückkehr zum Auftraggeber! Sammeln im Container!
Als die Naniten ihren letzten Befehl ausführten, schrillte ein schmerzerfüllter Schrei durch die dunkle Halle und Blut spritzte aus Harmers Nase, Ohren und Mund.
Scharenweise verließen die Naniten Harmers Schädel und strebten auf den Robotarm zu. Auf ihrem Weg nach draußen zerrissen zwei Schwärme die Trommelfälle und bahnten sich ihren Weg aus Harmers Gehörgang. Unter dem ohrenbetäubenden Kratzen ihrer Bewegungen wurde der Mann wahnsinnig und wollte sich augenblicklich mit seiner Dienstwaffe in den Kopf schießen, doch seine Arme reagierten nicht. Erstarrt hing er in der Robothand.
Andere Nanitenschwärme durchstießen die Sehnerven, Netzhäute und Linsen, um zwischen Nick- und Hornhaut aus den Augen des Ermittlers herauszuströmen. Harmer schrie.
Mehrere Ströme aus nicht endenden blau schimmernden Nanitenschwärmen überzogen leuchtend den humanoiden Arm des Robots, dessen weiße positronischen Nervenbahnen langsam verblassten. In dem Nanocontainer des Robotunterarms sog ein kleiner kugelförmiger Behälter alle Naniten ein. Das Verlöschen des blauen Lichts im Container verriet die Deaktivierung der Naniten. Die Verkleidung des Minicontainers schloss sich mit einem Surren.
Es war vorbei.
Harmer rang nach Luft. Sein Genick gab mit einem kurzen Knacken nach, und der Kopf des Ermittlers sackte nach vorn. Nur das Blut glitt über sein schlaffes Gesicht.
Als der Robot die Hand löste, sank Harmers Körper leblos zu Boden. Der Robot wandte sich ab und verschwand in der Finsternis der Halle. Er kehrte zurück zum Raumtransporter der GRE, um abzufliegen. Niemand würde bemerken, dass er je den Mond verlassen hatte.
Der Straßenverkehr im Stadtinneren verlief turbulent und mit lautem Getöse. Fahrzeuge fuhren über Kreuzungen, rauschten auf Zubringern zu den Skyways oder sausten von diesen herab. Menschen gingen zur Arbeit oder erledigten in den Geschäften der Stadt Besorgungen. Humanoide Robots überquerten die Straßen oder tappten auf den Bürgersteigen entlang und wichen dabei unachtsamen Fußgängern aus, ohne dass ihre Gesichtsmodule dabei einen Hauch von Anstrengung erkennen ließen. Die unzähligen Farbmuster und verschiedenen Symbole auf Brust und Rücken kennzeichneten ihre unterschiedliche Serienzugehörigkeit. Polygramme und griechische Symbole zierten die Oberkörperverkleidungen der Robots. Auf manchen Robots spiegelte sich das Sonnenlicht, sodass durch ihre hohe Anzahl in den Straßen der Stadt ein vielfaches Blitzen die Wege erhellte.
Die Sonne schien so grell an diesem Morgen, dass der Himmel mit einer milchigen Färbung blendete. Auf den Straßen und Wegen trocknete das Regenwasser der vergangenen Nacht.
Detective Morris Oliver Avory näherte sich in rascher Fahrt mit seinem City Transformatic Car dem Hauptgebäude des Kentarion City Police Department. Er bog mit dem oval geformten, sich nach hinten zuspitzenden Wagen um eine Kurve und hielt vor dem Department auf eine Freifläche zwischen den Häusern zu, auf der er das kleine Vehikel anhielt. Das leise Pfeifen des Wagens verstummte. Gerade als Avory aussteigen wollte, blitzte vor ihm das Menüfeld des Fahrzeugcomputers an der Frontscheibe auf, und eine gelbe Zeile blinkte.
„Möchten Sie eine zyklische Zwischenprüfung Ihres City Transformatic Car? Eine Servicestation ist in der Nähe und steht Ihnen zur Verfügung.“ Der Sprachcomputer hatte einen dominanten Unterton in der männlichen Stimme.
Die jeden Monat mehrmals erscheinende Systemmeldung nervte Avory. „Ja doch. Von mir aus.“ Er tippte auf die gelbe Zeile und setzte mit neuem Schwung zum Aussteigen an.
Die Fahrertür öffnete sich und glitt eng an der Karosse entlang über das Dach des Wagens. Der Fahrersitz drehte sich zur Seite, und Avory stieg aus.
„Hey, Phil!“, rief er scherzend einem alten Polizisten zu, dessen Bauch die Uniform spannte. „Wie war die Nachtschicht? Haben dir die Alarmmeldungen der Überwachungsdrohnen wieder den Schlaf geraubt?“
„Aus dem Alter bin ich raus, Morris“, antwortete der Polizist, der sich mit einem kleineren Beamten vor dem Polizeigebäude aufhielt. „Ich habe mich um mein Wohlbefinden gekümmert. Zwei Lieferantenrobots haben ein mächtiges Verkehrschaos vor der Wurstfabrik angerichtet. Den Einsatz habe ich freiwillig übernommen.“ Philipp Kensington klatschte sich zufrieden auf den dicken Bauch.
Die Männer lachten.
Während Avory die breite Eingangstreppe des dunkelblauen Polizeigebäudes hinaufstieg, transformierte sein Wagen in den Parkmodus. Die Räder schoben sich aufgereiht an die Seite des Wagens, der Motorraum und das Heckabteil vereinten sich unter dem Fahrzeug zu einem Metallblock. Gleichzeitig fuhr aus der Kante des Bordsteins eine Hebegabel heraus, um Avorys Wagen für das Einparken aufzuhängen. In dem Parkgerüst kletterte ein spinnenartiger Robot nach oben und kontrollierte sicherheitsrelevante Fahrzeugmodule.
In der großen Halle des Kentarion City Police Department fielen die morgendlichen Sonnenstrahlen wie ein schräger Vorhang durch die hohen Seitenfenster des blauen Gebäudes. Eine erhöhte Ebene durchzog die Halle, von der Treppen nach innen hinabführten. Auf ihr standen Schreibtische, Großserver und Waffenschränke. Auf der unteren Ebene der Zentrale herrschte das übliche Gewusel, in dem Polizisten in schwarzen Uniformen und optisch ähnlich designte Dienstrobots ihren Tätigkeiten nachgingen.
Detective Avory betrat in gewohnt lässiger Manier den Eingangsbereich und durchschritt das durchsichtige Kraftfeld des Haupttors, welches beim Durchschreiten kurz aufblitzte und Avorys Bewegungen für einen Moment wie eine Welle folgte. Auf einer holografischen Darstellung des Dienstrobots am Eingang erschienen Avorys Hologramm und einige Details zum Dienstbereich, in dem er tätig war. Name, persönliche Daten, Dienstgrad und Auszeichnungen zierten den Sockel unter Avorys Hologramm.
„Guten Morgen, Detective Avory“, begrüßte der Robot am Eingang den Ermittler.
„Bring mir einfach einen Kaffee, du Briefkasten!“
„Sehr gern, Detective Avory.“
Nicht auf Emotionen programmiert reagierte der Dienstrobot unbeeindruckt auf die Anweisung des Polizisten, dem jeden Tag neue Beschimpfungen für Robots einfielen. Der Robot gehorchte und wies per Lichtimpuls über das hausinterne KCPD-Intranet den Küchenrobot an, einen Kaffee aufzubrühen und durch einen Botenrobot an Avorys Schreibtisch zuzustellen. Der dürre Aktenträger glich bei seiner Bewegung mehr einer rollenden Lampe als einem Robot mit Halterungen für Getränke, Mahlzeiten oder Datenkristalle.
Er schob die Tasse mit einer blechern klingenden Meldung auf Avorys Tisch. „Ihr Kaffee, Sir.“ Danach verschwand der Bote mit einer zügigen Ausweichbewegung wieder an seinen Bereithalteplatz an der Wand.
Avory schwieg und blieb damit unhöflich gegenüber dem Robot. Eilig flogen seine Finger über die Hologrammtexte der Kriminalmeldungen des KCPD-Intranet. Überfälle, Diebstähle und andere kleinere Delikte der letzten Nacht. Seitdem Robots massiv in fast allen Staaten der Welt eingeführt worden waren, sank die Kriminalitätsrate auf einen neuen Tiefststand. Robots halfen mit raschen und detailgenauen Meldungen über kriminelle Vorfälle und engten jedes Verbrechen auf ein geringes Maß an Erfolgswahrscheinlichkeit ein. Es schien, als würden Maschinen den Menschen helfen, bessere Menschen zu werden.
Avorys Hologrammschirm zeigte bereits die letzten Meldungen an, als am Eingang des Departments Tumult entstand.
Zwei Polizisten von kräftiger, breitschultriger Statur brachten einen wild gewordenen Rowdy in den Eingangsbereich. Das Überwachungssystem erkannte die Gefahr und signalisierte allen Mitarbeitern des Departments mehr Achtsamkeit durch das flackernde Einblenden eines gelben Warnlichts an den Wänden und den Seiten des Mobiliars.
„Rob! Los, mach die Zelle auf!“ Einer der Officer schob den Rowdy voran, während er versuchte, ein paar Beweisstücke auf die Ablagefläche der Aufbauten zu schieben.
„Aber gern, Officer Zemcko. Schon erledigt.“ Der Robot trat bereits von seinen Aufbauten herunter, öffnete die Tür zum Zellenbereich an der Wand und grüßte den Rowdy, der ihm nur boshaft einen gehässigen Blick zurückwarf: „Guten Tag, Sir.“
„Ich scheiß auf dich, du Schrotthaufen! Ihr alle seid so scheiße.“
Der Rowdy zappelte zwischen Zemckos Armen und verschwand in der Kraftfeldzelle, deren Verschluss Dienstrobot 271 Alpha, von den Polizisten freundschaftlich Rob genannt, mit einer galanten Handbewegung auf den rot schimmernden Sensor aktivierte.
Ein kurzes Aufblitzen des Kraftfelds signalisierte den intakten Energiefluss, und einige Lichtfäden aus Photonit wehten in dem Kraftfeld hin und her, sodass jeder das Feld erkennen konnte.
Rob wandte sich kurz dem Rowdy zu. „Angenehmen Aufenthalt in Ihrer Zelle, Sir. Ich hoffe, die Ruhe lässt Ihnen Zeit, über Ihre begangenen sozialen Interaktionen nachzudenken.“
„Arschloch!“, schrie der Rowdy ihm nach und rannte gegen das Kraftfeld, als würde es ihn nicht aufhalten können. Ein kurzes Zischen stoppte ihn, und der Mann fiel benommen rücklings zu Boden. Die Lichtfäden verdichteten sich bei dem Sprungversuch, in dem sie ein Photonitgitter bildeten. Der weiche Zellenboden dämpfte den Aufprall des Rowdys zu einem weichen Plumpsen.
„Wenn Sie Hilfe brauchen, lassen Sie es mich wissen. Ich bin gern zu helfen bereit.“ Mit diesen Worten wandte sich der Robot endgültig ab und verließ den Zellenbereich.
„Ich mache euch alle fertig!“ Der Rowdy plusterte sich vor dem Kraftfeld auf und schrie auf alle Anwesenden ein, aber Zemcko und sein Partner verließen ebenfalls den Zellenbereich und scherzten im Fortgehen.
Avory, der die Szenerie von seinem Schreibtisch auf der oberen Ebene aus amüsiert beobachtet hatte, kommentierte sie mit einem trockenen „Freak“ und wandte sich ab.
Er nahm einen großen Schluck aus der dampfenden Tasse. Nach einem weiteren genüsslichen Schluck seines Lieblingsgetränks schaute er umher, und sein Blick fiel auf das Büro des Departmentleiters. In der hinteren Ecke des Gebäudes befand sich der erhöht liegende Dienstbereich von Chief Packelton.
Seit über acht Jahren führte James Packelton das KCPD nun schon mit Sorgfalt und Strenge. Der große schwergewichtige Mann versteckte sein Gesicht unter einem dunklen, dichten Vollbart. Sein Kopfhaar hingegen lichtete sich bereits und gab der Stirn ausreichend Platz. An diesem Morgen stand Chief Packelton mit einer solch finsteren Miene am Eingang seines Büros, die Avory noch nie bei ihm gesehen hatte. Ihre Blicke trafen sich. Chief Packelton nickte kurz und bedeutete Avory, zu ihm ins Büro zu kommen.
Avory setzte die Tasse ab, stand auf und ging die gläsernen Stufen der kleinen Treppe hinauf. Seine Schritte waren vorsichtig, er wollte gehorchen, dachte aber gleichzeitig darüber nach, welche seiner regelmäßig eintretenden Eskapaden den Chief aufgebracht haben könnte.
Packelton schaute auf den sich reumütig anschleichenden Avory und knurrte ohne seine düstere Miene zu verziehen: „Wir müssen reden, Mo. Setz dich.“
Avory betrat den Raum, der mit vielen Möbelstücken aus dunkelbraunem Nussbaumholz und mehreren Bildern an der Wand eingerichtet war. Einige Bilder dokumentierten Packeltons Zeit als Polizist im Laufe der Jahre. Auf den Fotografien wurde der Mann nicht nur älter und massiger, sondern die Jahre beim KCPD zeichneten sein Gesicht und zwangen ihm einen immer grimmigeren Ausdruck auf. Viele der Polizisten neben Packelton waren entweder tot, versetzt oder aus dem Dienst ausgeschieden. Die Bilder zeigten die Jahre, bevor die Robots ihren reduzierenden Einfluss auf die menschliche Kriminalität entfalten konnten.
Hinter Packeltons Stuhl, der einem Ufo glich und Moderne in das sonst so altertümlich wirkende Büro brachte, stand der Waffenschrank.
Avory nahm fläzig auf einem Ledersessel gegenüber dem Schreibtisch Platz. Er schaute kurz umher, und schnell fand sein Blick den Hologrammschirm an der gegenüberliegenden Ecke auf Packeltons Schreibtisch, wo ein kleiner Projektor auf der Ablagefläche nach oben leuchtend das persönliche Profil des Detectives anzeigte.
Im Gegensatz zu dem Dienstrobot im Eingangsbereich konnte Packelton Avorys komplette Personalakte einsehen und sich daher einen weit größeren Überblick über die Dienstpflichtverletzungen verschaffen, die Avory in seiner elfjährigen Karriere als Polizist des KCPD begangen hatte. Immer wieder fuhr ein Textabschnitt neben der dreidimensionalen Farbaufnahme des Detectives auf und ab, an deren unterem Ende ein rotes Banner für Avorys Verfehlungen blinkte.
Avory versuchte, die für einen sonnigen Morgen zu finstere Stimmung des Chiefs mit seinem Humor aufzuheitern. Er deutete auf das Hologramm und kicherte. „Hey, Chief, schaust du dir wieder alte Comics an?“
Avorys Lachen über seinen eigenen Witz verklang rasch, als Chief Packelton das Kraftfeld des Türrahmens verriegelte. Packelton trat ins Büro und tippte zweimal auf die Scheibe seines riesigen Bürofensters, das ihm einen tiefen Einblick in die gesamte Halle bot. Die Scheibe verschwamm in einem Grau des darin aufziehenden Nebels.
Packelton hatte den Verschlussmodus aktiviert. Niemand würde sie nun sehen oder hören können.
Stumm schritt er auf Avory zu, während er von oben auf den Detective herabsah. Er blieb vor ihm stehen. „Stuhl!“
Von einer der Bürowände löste sich ein dünner Stangenrobot, der beim Losfahren aus einer senkrecht an der Wand hängenden Halterung die Sitzfläche und Rückenlehne für einen provisorischen Bürostuhl herauszog, im Fahren an seinem Gestänge justierte und unter dem breiten Hintern des Chiefs zum Stehen kam. Die gedämpfte Stimme des Robots wiederholte den Befehl des Chiefs.
Packelton ließ sich auf der Sitzfläche nieder und rollte näher an Avory heran. Dabei sah er ihm tief in die Augen. „Wann hast du Edward das letzte Mal gesehen oder gesprochen?“
„Willst du mich jetzt verhören, Chief“, entgegnete Avory verdutzt.
Packelton schaute noch finsterer auf ihn, als er die Stirn runzelte. Sein bohrender Blick ließ keinen Zweifel daran, dass er eine Antwort verlangte. „Nein. Ich will wissen, wer ihn umgebracht hat. Und es wird deine Aufgabe werden, das herauszufinden. Bring mir Harmers Mörder!“
Chief Packelton warf sich den Mantel über und steckte die Dienstwaffe ins Holster unter der Achsel. Er holte tief Luft, bevor er von seinem Büro im KCPD aufbrach. Er trat durch das Kraftfeld, und der Verriegelungsmodus deaktivierte sich.
Packelton und Avory gingen zum Seitenausgang des Departments und verließen das Gebäude. Noch bevor sie aus dem Revier traten, erklang ein Krachen und Schlagen, als die Hebegabel das Transformatic Car des Chiefs herunterhievte, und es sich vor ihnen zu einem erkennbaren Fahrzeug wandelte. Die große Limousine glänzte in einem funkelnden Silber, verschob die Fahrertür automatisch nach oben und versetzte die Rücksitzbank, als der Beifahrersitz zum Einsteigen hinter dem Fahrersitz hervorkam.
Packelton nahm auf dem Fahrersitz Platz, während Avory es sich auf dem Beifahrersitz gemütlich machte. Währenddessen beratschlagten sie das Vorgehen.
„Heikler könnte der Fall nicht sein. Ein Todesfall in der Fabrikhalle der GRE, und dann ausgerechnet Ed. Ich fürchte, die Sache wird automatisch zur Ministeriumsangelegenheit.“ In Packeltons Kopf sprangen die Gedanken Salto, als er die Möglichkeiten durchging, die schiefgehen konnten.
„Ach, komm schon, Chief. GRE hin oder her. Ein Polizist des KCPD ist tot, und wir sind diejenigen, die es aufklären werden. Die vom Ministerium können uns gar nichts anhaben.“
Avory gab sich siegessicher, und seine Verklärung der Lage brachte Packeltons Gemüt auf. „Was glaubst du, was die machen, wenn wir nur einen Besen falsch abstellen. Die untersagen uns die Ermittlungen und regeln die Sache wie immer selbst. Und der Bürgermeister wird kuschen, wie eh und je. Verdammt noch mal!“, brauste Packelton auf und schüttelte den Kopf.
Zu oft hatte er Ermittlungen im Sand verlaufen sehen, wenn die GRE involviert war. Zu stark war der Einfluss des Konzerns, in dessen Schatten stets das Robotministerium lauerte. Zu schwach hatten sich staatliche Instanzen dem globalen Riesen gegenüber erwiesen. Packelton wusste das, Avory nicht.
Das Fahrzeug war fahrbereit und hatte den Elektromotor gestartet. „Ziel wählen“, forderte die weibliche Computerstimme.
„GRE-Fabrikgelände. Electronic Boulevard. Zügig! Einsatzmodus aktivieren.“ Packelton klang gereizt, als das Fahrzeug auf die Straße bog.
Leuchtstreifen, die sich rings um den Fahrzeugrahmen zogen, blinkten blau. Eine Leiste verschob sich quer auf dem Dach des Wagens und flackerte ebenfalls in einem aggressiv blitzenden Blau. Das akustische Warnsignal des KCPD-Einsatzwagens erklang in einer Reihe kurzer Akkorde, die Packelton oft als hässliche Polizeisonate verspottete.
Der Wagen fuhr unaufgefordert die schnellstmögliche Strecke zur GRE und umkurvte dabei Fahrzeuge, die von den Insassen offensichtlich manuell gesteuert nicht rechtzeitig auswichen, wie es computergesteuerte Wagen im Straßenverkehr taten, wenn ein Einsatzfahrzeug des KCPD an ihnen vorbeirauschte.
Sie fuhren in einen der Tunnelzubringer, und der Wagen tauchte in das unterirdische Verkehrssystem ab.
„Wer informiert Harmers Vater? Irgendjemand muss es ihm sagen“, konstatierte Avory und hoffte auf Packelton.
„Ist nicht mehr nötig. Ich war mit Harmer vor zwei Wochen zusammen auf der Beerdigung. Schon bitter, wenn Vater und Sohn in einem Monat sterben. Zum Glück hatte Ed noch keine Kinder, sonst wären die jetzt Vollwaise ohne Familie“, seufzte Packelton und rieb sich mit der Hand übers Gesicht „Ich hoffe, Valerie und meiner Tochter bleibt das erspart.“
Avory blieb stumm.
„Mir will noch immer nicht in den Kopf, dass ein Detective meines Departments einfach so zu Tode kommt und erst Stunden später eine Meldung an unsere Abteilung ergeht. Da steckt wieder eine dieser Alleingänge dahinter, zu denen sich Ed immer hinreißen ließ“, schimpfte Packelton und versuchte, seine Nervosität loszuwerden.
Avory stemmte einige Finger an den Innenrahmen des Beifahrerfensters und blickte hinaus. Packelton hatte schon immer eine gewisse Bewunderung für Detective Harmer gehegt.
Das Lob des Detectives fiel geringer aus. „Was soll denn dahinterstecken? Ed war ein Einzelgänger. Bei solchen Alleingängen kann man einfach mal sterben.“
Packelton schwenkte seinen Fahrersitz zu Avory. „Was redest du denn da? Man stirbt nicht einfach so. Man ist krank oder zu alt, oder es passieren Unfälle. Du solltest das wissen. In allen anderen Fällen hat irgendjemand nachgeholfen, damit ein anderer Mensch stirbt.“
Avorys trotzige Einstellung seinem früheren Partner gegenüber stieß Packelton heftig auf. Sie waren im Streit auseinandergegangen und hatten seither versucht, sich aus dem Weg zu gehen. Nun lag Detective Edward Harmer tot in der Fabrikhalle der GRE. Er konnte nicht glauben, dass das Avory so kalt ließ, wie er tat.
Das Gelände der GRE gehörte gleichzeitig zum Robotministerium und stellte damit eingeschränktes Gebiet für alle dar, die nicht zu einer der beiden Institutionen gehörten. Selbst das KCPD hatte nur bedingte Befugnisse, und oftmals kam es zwischen der Ministeriumsabteilung für kriminelle Vorfälle und dem KCPD zu Reibereien, die damit endeten, dass das KCPD den Kürzeren zog. Im Machtspiel um den Einfluss von Robots in Gesellschaft und Wirtschaft hatten sich schon vor sehr vielen Jahren Konstellationen ergeben, die sich in keiner der bisherigen politischen Strukturen widerspiegelten. Ein schleichender Prozess aus Intrigen, Schmiergeldern und bis dato ungeklärten Todesfällen verschaffte dem ersten Unternehmen für Robotproduktion einen Marktanteil, aus dem heraus Konkurrenten aufgekauft oder in den Ruin getrieben wurden. Seit Ende des 21. Jahrhunderts herrschte die GRE als weltweiter Monopolist und begann, Politiker zu kaufen oder sie massiv unter Druck zu setzen, damit die Interessen der GRE gewahrt blieben. All das geschah ohne Zeugen und ohne Anklagen. Ermittlungen konnten nie gerichtlich verwertbare Beweise erbringen und endeten damit, dass eine Menge Polizisten suspendiert und viele Stühle für jüngere aufstrebende Nachfolger frei wurden. Wahlgelder in bisher unbekannten Größenordnungen flossen, und die weltumspannende Macht des Geldes verhalf der GRE, Staaten zu kaufen, Gesetze zu verändern und ganze Ideologien aufzuweichen. Netzwerke entwickelten sich, die in keiner Struktur staatlicher Macht oder einer demokratischen Gewaltenteilung erschienen. Es war ein eigenes Netz aus Informationen, geheimen Kontakten und Bestechungen. Nur wenige wussten, dass der Schlüssel zur Unantastbarkeit dieser Netzwerke in der programmierten Schweigsamkeit der eingesetzten Robots lag. So kontrollierte die GRE die Welt auf ihre Weise und konnte sich rühmen, die politische Kompetenz eines übergeordneten Ministeriums zu genießen, was in Wirklichkeit nichts weiter als den manipulierenden politischen Arm der GRE darstellte.
Die GRE herrschte überall, und die Ressource wie auch das Produkt waren die Robots. Ein geschlossener Kreislauf. Doch wer kontrollierte ihn?
„Chief, wir werden herausfinden, wer oder was für Eddies Tod verantwortlich ist.“ Avorys Antwort beruhigte Packelton nur wenig, und er kommentierte dies nur mit einem stummen Nicken. „Ich möchte wissen, was Ed in der GRE zu suchen hatte. Ich kann den Laden nicht leiden.“ Avory machte sich weiter Luft. „Für die zählte doch nur der Schotter. Die Interessen des einfachen Mannes, der hart schuftet, sind nur von Belang, so lang er eine ihrer Dreckskisten kauft. Und dabei gehen sie über Leichen. Da wette ich drauf.“
Der Wagen verließ den unterirdischen Tunnel durch eine zur Seite ansteigende Ausfahrt und bog auf den Motherboardboulevard ein. Von Weitem erkannten beide das aufragende Gebäude der GRE, das von den Türmen des Robotministeriums umschlossen wurde. Der grell leuchtende Uplink schoss in den Himmel.
Packeltons Wagen kam vor dem Haupttor zum Stehen, und sie stiegen aus. Eine Gruppe humanoider Sicherheitsrobots der GRE kam auf die beiden Polizisten zu und stellte sich ihnen in den Weg.
„Guten Tag, Sirs. Wie können wir helfen?“
Die Robots trugen mehrere Schriftzeichen und Symbole der Sicherheitsabteilung der GRE. Auf ihren Rücken und an den Seiten trugen die Robots verschiedene Zusatzpackungen, die Schockwaffen und weitere Ausrüstung enthielten, womit die Robots in jeder Situation und an jedem Ort auf dem GRE-Gelände einen Eindringling oder Flüchtling verfolgen und festsetzen konnten. Ihre Erscheinung wirkte furchteinflößend.
Packelton zeigte mit dem Finger auf sich, Avory sowie die Fabrikhalle der GRE und trat einen Schritt auf die Robots zu. „Wir sind Chief Packelton und Detective Avory. Wir ermitteln im Todesfall Detective Edward Harmer, dessen Leiche sich dort in der Fabrikhalle befindet. Wir wollen sofortigen Zugang zum Tatort.“
Noch bevor der Robot antworten konnte, bellte die Stimme eines Mannes über den Platz. „KCPD? Hier rüber!“
Die Robots traten beiseite und öffneten eine Gasse für die beiden Polizisten. Einer der Robots wies zu einem kleinwüchsigen Mann in schwarzem Anzug und Mantel.
„Lass mich das Reden übernehmen. Es ist besser so“, sagte Packelton.
Avory rollte mit den Augen und verzichtete auf eine Antwort.
Die Gruppe aus Polizisten und Robots setzte sich in Bewegung und näherte sich dem Mann, der offensichtlich zur GRE oder zum Robotministerium gehörte. Der graue Mantel gab dem kleinen Mann ein förmliches Aussehen, und sein Blick verriet die ausgeprägte Arroganz. Das dunkelbraune, struppige Haar war jedoch etwas durcheinander.
„Sie sind hier, um zu ermitteln, nicht wahr? Auf dem Gelände der GRE haben wir zwar gesonderte Vorschriften, aber in diesem Fall sind wir da nicht so kleinlich.“ Er grinste. Dem Mann schien es großen Gefallen zu bereiten, die beiden Polizisten zu provozieren. „Oh, verzeihen Sie. Meine Manieren lassen heute Morgen zu wünschen übrig. Samuel Patrick Havington. Ich bin der Leitende Direktor für Sicherheit und kriminelle Zwischenfälle für die Global Robot Enterprises und damit der Referent für innere Angelegenheiten des Ministeriums für Robotentwicklung. Leider begann der sonnige und so schöne Tag mit einer Leiche.“ Bei dieser Bemerkung seufzte Havington, als handle es sich um eine verlorene Wette beim Pferderennen. „Nun ja, da will ich die unglückselige Sache schnell bereinigen. Sie verstehen?“ Er blickte kurz zu Packelton und machte sich nicht die Mühe, Beileid zu heucheln. Dann führte er die Polizisten zum Tatort.
„Bei einem toten Polizisten des KCPD kann man wohl kaum davon sprechen, eine Sache schnell zu bereinigen, Mr. Havington.“ Packeltons Stimme vibrierte vor Zorn.
Avory setzte nach. „Haben Sie den Tatort versiegelt oder schon alles kontaminiert? Würde mich bei dem Laden nicht wundern.“
Hier traf Avory offenbar einen wunden Punkt, denn Havington blitzte den Detective von der Seite mit einem äußerst giftigen Blick an.
„Ich dachte, ich komme dem KCPD ausnahmsweise entgegen und mache den Vorgang nicht zu meiner Angelegenheit. Ansonsten würde sich der Leichnam schon im städtischen Krematorium befinden und eine Notiz mit Lichtimpuls über das KCPD-Intranet an Sie ergehen. Dann wären wir alle nicht hier. Die Leiche eingeschlossen. Wie sagten Sie, war sein Name?“ Bei dieser Frage blieb Havington stehen und wandte sich vor dem Eingang der Fabrikhalle den beiden Ermittlern zu. Sein Gesicht versteckte ein unterdrücktes süffisantes Lächeln.
Avory spürte das Gefühl in sich aufsteigen, Havington auf der Stelle erwürgen zu wollen.
Doch noch bevor er etwas sagen konnte, ging Packelton dazwischen. „Harmer, Detective Edward Harmer. Wir würden jetzt gern den Tatort untersuchen. Ohne weitere Diskussionen.“
„Kein Problem“, antwortete der Direktor. Havington wandte sich mit Unschuldsmiene ab und gab den Sicherheitsrobots am Eingang der Halle eine Reihe von Anweisungen.
Währenddessen tippte Packelton Avory auf die Schulter. „Jetzt hör gut zu, Mo! Ich will Harmers Fall nicht verlieren, bevor ich ihn überhaupt in den Händen hatte. Also lass die Provokationen. Der Kerl sitzt am längeren Hebel und braucht nur mit den Fingern schnippen, damit wir wie die Anfänger abtrotten können.“
Avory rollte mit den Augen. „Ist ja gut.“
Packelton sah über seine Schulter zu Havington und vergewisserte sich, dass ihnen niemand zuhörte. „Die warten doch nur darauf, den gesamten Polizeidienst in Robothände zu legen.“
Avory zischte wie ein beleidigtes Kind zurück: „Hast du gesehen, wie der Knirps sich hier aufführt? Da kann doch kein normaler Cop ruhig bleiben.“
Der Chief fiel Avory ins Wort und tippte seinem Detective wie so oft auf die Brust. „Still jetzt! Ich rede, und du analysierst den Tatort. Klar? Die Spurensicherung erhielt mit ihrer Ausrüstung keine Zutrittserlaubnis. Das musst du übernehmen.“
Avory gehorchte und machte dabei das Gesicht eines kleinlauten Burschen, versuchte aber, sich vor Havington nichts anmerken zu lassen. Beide gingen zum Eingang der Halle, wo Havington auf sie wartete.
„Können wir anfangen?“, fragte dieser.
Packelton nickte. Sie betraten die Fabrikhalle, in der eine bis zur Decke hin aufragende Schutzwand die Konfigurationsmaschinen vom Tatort trennte. Das rhythmische Schlagen, Stampfen und Zischen von Maschinen und Lasern erfüllte hinter einer leichten Dämpfung das Halleninnere.
Avory schaute auf den von mehreren Lichtstrahlern beleuchteten Leichnam seines früheren Partners. Harmer lag auf dem Bauch in einer Lache seines eigenen Blutes, das aus Ohren, Augen und Nase ausgetreten war. In dem erstarrten Gesicht stand noch der Schrecken. Avory versuchte weiter, sich nicht anmerken zu lassen, wie sehr ihm der Tod seines früheren Partners nahe ging. Unweigerlich blieb sein Blick an Harmers kalten leblosen Augen hängen.
Nach einem Moment fing er sich jedoch wieder, trat näher an den Leichnam heran und beugte sich nach vorn. Er betrachtete die Augen des Toten genauer. Himmel, Ed, was ist nur mit dir passiert? Diese zerrissenen Augäpfel und aufgeplatzten Nasenflügel.
Harmers verkrustetes Blut klebte an den zerplatzten Lippen und Ohren, sodass es schien, als sei ein Großteil aufgrund innerer Verletzungen durch den Kopf ausgetreten und hätte sich über dem Hallenboden ergossen. Dunkle Blutflecken überzogen den Leichnam.
Protokollrobots mit kleinen Scheinwerfern und breiten Beleuchtungsreflektoren an verschiebbaren Seitenarmen schossen erneute Fotoserien, um Bildmaterial von den Ermittlern des KCPD und Harmers Leiche zu erstellen. Sie surrten dabei um Avory und Packelton herum, der einige Schritte hinter Avory stand und fassungslos auf den Toten schaute.
Ungeachtet der vielen Dienstjahre schockierte ihn offensichtlich der Anblick seines leistungsstärksten Detectives, der vor einigen Tagen überraschend um Urlaub gebeten hatte. Nun zeugte sein lebloser Körper von einem grausamen Verbrechen. Mitleid, Zorn und der Wunsch nach Rache mussten Packelton ebenso erfassen wie Avory.
Es gab nur eine Frage, die es zu beantworten galt: Wer hatte das getan?
Havington trat an Packeltons Seite und blickte ebenfalls auf Harmer herab. „Wir haben bisher keine Indizien entdecken können, die Hinweise auf einen Täter liefern. Auffällig sind die Verletzungen am Kopf und natürlich das Blut, was den ganzen Boden kontaminiert.“ Er wandte sich an Packelton und sprach mit gedämpfter Stimme weiter. „Aus einem uns unerklärlichen Grund waren nicht nur die Überwachungssensoren deaktiviert, sondern es befanden sich auch keine Sicherheitsrobots in diesem Teil der Fabrik. Wir klären derzeit die Gründe für einen solch groben Sicherheitsverstoß. Einen Moment.“ Havington griff nach einem Holostab, den ihm ein Sicherheitsrobot mit einer kurzen Meldung übergab. Der Direktor scannte seinen Finger, bestätigte mit einem Netzhautscan und aktivierte so das Holoprogramm der GRE-Security.
Er löste damit einen holografischen Fächer aus, der aus dem Stab herausstrahlte und die darin enthaltenen Sicherheitsmeldungen abbildete. Mit einem Finger schob Havington die durchgelesenen Meldungen nach oben. Nur durch einen speziellen Winkel vor Havingtons Brust war es möglich, die Meldungen des Holostabs auch an ungesicherten Orten zu lesen, da von allen anderen Seiten und Winkeln der blau schimmernde Fächer nur das Logo der GRE abbildete und keinerlei Inhalte der projizierten Dateien offen legte.
„Verdammt!“, flüsterte der Direktor. „Wie konnte jemand diese Befehlskette aktivieren? Alle Sicherheitscodes für die GRE und das Ministerium wurden manipuliert. Außer mir ist dazu niemand in der Lage. Wie kann das sein? Wer war am Bedienterminal im unteren Labor?“ Havingtons Blick huschte kurz umher, ob ihn jemand beobachtet hatte. Alle waren beschäftigt, und die beiden Ermittler analysierten weiter den Tatort. „Wurden wir tatsächlich infiltriert? Wenn das jemand herausbekommt, bin ich geliefert.“ Seine Gedanken kreisten.
Niemand wusste, welche Meldungen er soeben gelesen hatte, und er konnte sich auf die Verschwiegenheit des Robots verlassen, der die Sicherheitsmeldungen er- und ihm zustellte. Das Vertraulichkeitsmodul des Robots war von Havington selbst konfiguriert worden.
Sein Zeigefinger durchbohrte den roten Kreis im Menüfeld des Holostabs.
ALLE MELDUNGEN GELÖSCHT.
Der Stick deaktivierte.
„Haben Sie weitere Neuigkeiten?“ Packelton hatte sich ihm zugewandt und deutete auf den Holostab.
Der Direktor vergrub den Stab in der Innentasche seines Mantels und nahm die gewohnte abweisende Haltung an, die er stets zur Schau stellte. „Keine Neuigkeiten, Chief. Nichts von Interesse. Machen Sie weiter.“
In der Fahrzeughalle unterhalb des GRE-Geländes herrschte eine bedrückende Düsternis. Der unterirdische Fahrzeugpark erstreckte sich in einem Ausmaß, in dem ohne weiteres mehrere Kathedralen Platz gehabt hätten.
In ihm lagerten unzählige transformierte Automobile, die in identischen Regalen über Hunderte von Metern akkurat aufgereiht übereinander hingen. Die Regale durchzogen die zum Dach hin leicht gewölbte Halle und ragten bis knapp an die oberen Reduktionsventilatoren heran, die an der Decke überschüssige Wärme und Feuchtigkeit absorbierten.
An den schweren rechteckigen Bodenplatten der Regale blinkten in roten, blauen und grünen Leuchtfäden kleine Erkennungslaser nach oben, um den auf- und abfahrenden Hebegabeln den korrekten Bereithalteplatz der Fahrzeuge zuzuweisen. Metallische Schläge gaben ein martialisches Echo von sich, als sich an den Dachöffnungen der Halle Luken fortwährend öffneten und schlossen. Ein stetiges Gewirr aus ankommenden und abfahrenden Hebegabeln beherrschte das Innere der Halle.
Das fahle Licht der Dachluken huschte über die weiße Verkleidung des Robots, der am Boden zwischen den Regalen entlangging. Der humanoide Robot der Serie 271 Alpha eilte mit zügigen Schritten an den Regalen vorbei, bog nach rechts von einem Hauptgang ab und begab sich zu einem Regal mit mehreren Fahrzeugen, an dem vor wenigen Minuten das Ladesystem einen transformierten Wagen eingelagert hatte.
Einzelne Scanner versuchten, die Transportdaten des Robots als ein eventuell angeliefertes Fahrzeug zu erfassen, und ließen nach einigen erfolglosen Versuchen wieder von ihm ab, als sie die notwendigen Informationen nicht erhielten.
Ohne Umwege strebte der Robot ans Regalende und trat auf das Bedienpult an der Seite des Pfeilers zu. Mehrere Stabilisierungsverstrebungen schlängelten sich um den grauen Hauptpfeiler nach oben. Am Fuß des Sockels prangte ein trapezförmiges Bedienpult. Der Robot forderte eines der Fahrzeuge aus dem Regal an.
„Inspektionsfahrzeug bereit“, meldete der Ladecomputer, nachdem es abgestellt worden war.
Der humanoide Robot beugte sich nach vorn und prüfte die Fahrzeugkennung. „Identität des Zielfahrzeugs korrekt“, konstatierte er.
Er streckte die Hand aus und deutete auf den Wagen. Seine Fingerkuppe spaltete sich in zwei schalenförmige Hälften. Langsam öffnete sich der Zeigefinger des Robots, und in der halbierten Fingerspitze flammte eine Glasröhre auf, in der kleine blaue Flammen loderten. Der Robot zeigte auf die Steuereinheit des Wagens, die in dem kastenförmigen Motorblock verborgen war. Ein Schwall blau strahlender Naniten ergoss sich über das Antriebsmodul des Fahrzeugs und sickerte an verschiedenen Stellen in das Innere des Fahrzeugteils. Nachdem der Strom aus kleinsten Nanorobots verschwunden war, schloss sich der Zeigefinger und die Fingerkuppe wuchs wieder zusammen, ohne dass die Öffnung auf der Haut Spuren hinterließ.
Die Naniten fluteten zwischen den einzelnen Baugruppen des Motors hindurch und lokalisierten die zentrale Steuereinheit.
Zielfläche lokalisieren! Impulswellen initiieren!
Ihre Aufträge waren einfach und klar. Rote und blaue Blitze überzogen das kugelförmige Leitsystem der Steuereinheit, als elektromagnetische Entladungen das Eindringen der Naniten signalisierten. Ehe das Sicherheitssystem des Fahrzeugs eine Instandsetzung anfordern konnte, programmierten die Naniten den zentralen Steuerchip um. Sie zwangen dem System ihren Willen auf und gaben alles überwindende Befehle, als die Nanometer kleinen Infiltratoren ein Netz über das Steuersystem des Wagens legten. Das Automobil befand sich ab sofort unter ihrer Kontrolle.
Mit einem Ruck setzte sich der Greifarm in Bewegung, und die Hebegabel schoss mit dem kontaminierten Fahrzeug wieder nach oben. Der Blick des Robots folgte für einen kurzen Augenblick der aufwärts fahrenden Transportvorrichtung, an der das infiltrierte Fahrzeug zu einer der hinteren Dachluken davonschoss. Dann verschwand der Robot. Er hatte seinen Auftrag erfüllt.
Detective Avory hielt das elektronische Logbuch in der Hand und versuchte, eine logische Kette aus allen Geschehnissen der vergangenen Nacht herzustellen. Immer wieder verglich er kriminalhistorisch erfasste Verletzungen mit denen, die Harmers Leiche aufwies. Er konnte sich nicht erklären, weshalb Harmer dermaßen bizarre Verletzungen an verschiedenen Stellen des Kopfes aufwies.
„Gibt es bei Ihnen eigentlich eine Spurensicherung? Hat jemand die Leiche bereits untersucht? Ich habe einige Fragen zu den Verletzungen“, rief Avory über die Schulter Direktor Havington zu, in der Hoffnung, klärende Antworten zu erhalten.
Havington war in ein Gespräch mit Chief Packelton vertieft und reagierte nicht. Die beiden Sicherheitsrobots hinter Havington ignorierten Avory ebenso wie alle anderen Anwesenden in der Halle. Mit verkrampften Gesichtszügen bedeutete Packelton ihm, er solle sich weiter um die Leiche kümmern und ihn das Gespräch mit Direktor Havington führen lassen.
Ein weiterer humanoider Robot trat an Avorys rechte Seite und blickte ihm direkt in die Augen. „Verzeihung, Sir. Kann ich Ihnen helfen?“
„Warte mal, Schraubenkopf! Nicht jetzt.“ Avory erhob sich und trat erneut an Direktor Havington heran.
Dieser unterbrach das Gespräch mit Packelton, wandte sich Avory zu und deutete mit einem süffisanten Lächeln auf den Robot zu seiner Rechten. Avory drehte sich um und schaute erneut in die gläsernen, grün leuchtenden Augen des Robots, der ihn soeben angesprochen hatte.
„Sicherheitsrobot Serie 271 Beta zu Ihren Diensten. Meine Aufgabe umfasst die biologische und medizinische Fachberatung innerhalb der kybernetischen Abteilung der GRE. Meine Programmierer gaben mir den Namen Jason.
Darf ich Ihnen assistieren?“ Der Robot hatte einen Ausdruck von nichtssagender Aufmerksamkeit, als er menschengleich den Kopf etwas schief legte und auf Avorys Antwort wartete.
„Was willst du? Assistieren?“ In Avory schoss zynischer Argwohn auf. „Ich lach mich gleich tot, Freundchen. An welcher Universität hast du deinen Abschluss gemacht, Superdoc? Mickeys Werkzeugladen?“
Mit stoischer Ruhe überhörte der Robot Jason die Provokation in Avorys Frage. „Meine Kenntnisse greifen auf mehrere Exabyte an medizinischen Daten zurück, durch die ich wissenschaftliche Sachfragen beantworten kann. Darin inbegriffen sind Chirurgie, Neurologie und interdisziplinäre Forschungsbereiche artverwandter Wissenschaften der Medizin, die in diesem Fall helfen könnten.“
„Na gut. Dann erklär uns unwissenden Sterblichen mal etwas zur Leiche. Wie wäre es mit dem Zeitpunkt des Todes?“
Jason zeigte auf Harmers Kopf und die Fläche teilweise angetrockneten Bluts. „Bemessen an der Temperatur sowie dem Grad der eingesetzten Muskelstarre des Leichnams lässt sich der Zeitpunkt des Todes in die Zeit zwischen 23 Uhr 11 bis null Uhr sieben der vergangenen Nacht eingrenzen.“ Der Robot fokussierte ihn in Erwartung weiterer Fragen.
Avory betrachtete nachdenklich den Leichnam. „Gegen Mitternacht also. Wer hat Zugang zum Hallenbereich?“, bohrte er nach und notierte auf seinem Logbuch den Todeszeitpunkt.
„Die Robots der Produktionsassistenz, alle Sicherheitsrobots der Stufe 1 und die Direktoren des Ministeriums für Robotentwicklung, die zugleich die Direktoren der Konzernleitung der GRE sind.“
„Wer ist das alles? Ich brauche Namen. Besorg mir alle Namen“, befahl er und sah vom Logbuch kurz auf, da der Robot keine Reaktion zeigte.
„Verzeihung, Sir. Dies betrifft als geheim eingestufte Informationen der GRE, und diese dürfen nur mit Genehmigung der Direktoren freigegeben werden. Wie kann ich Ihnen außerdem weiterhelfen?“ Der Robot fuhr vorbehaltlos fort, als wäre das eine Selbstverständlichkeit.
Avory schüttelte den Kopf. „Welche Verletzungen rufen einen derart großen Blutverlust hervor, wie es hier der Fall ist?“
Der Robot trat näher an Harmer heran und hockte sich neben den Leichnam, um den Körper genauer zu betrachten. Sein Okularsystem vergrößerte einige Stellen, an denen die Kopfwunden stärker hervortraten. „Auffällig sind starke Blutverkrustungen an den Ohren, Nasenflügeln, Augen und dem Mund des Toten.“
Neben den geschwulstartigen getrockneten Blutklumpen zeichneten Risse die Haut des Opfers. Zerkratzte Hautschichten, wie aufgerissen und zerschnitten, gaben ein Bild des Grauens ab.
Der Robot verschob den Blick auf die Ohren des Opfers. „Ich erkenne einen überdurchschnittlich blutverschmierten Gehörgang. Die Haut scheint durch scharfe Gegenstände aufgerissen worden zu sein. Die Schnitttiefe ist jedoch ungewöhnlich flach, und die Schnitte selbst treten unregelmäßig in sehr dünner Form auf.“
„Kannst du noch etwas entdecken? Irgendeinen Hinweis auf eine Tatwaffe oder einen Grund für die Verletzungen?“
„Nein, Sir. Tut mir leid.“
Die Antwort des Robot erschien glaubhaft, und Avory sah sich in der Halle nach weiteren Anhaltspunkten um. Als sein Blick wieder auf die Leiche fiel, erkannte er eine merkwürdige Verfärbung. Die dunklen Hautflecken an Harmers Hals sahen wie Würgemale einer Hand aus. Eine Leiche mit Fingerabdrücken am Hals.
„Wird uns die Leiche für eine abschließende Obduktion übergeben?“, rief Avory Havington zu, obwohl er die Antwort bereits kannte.
Kopfschüttelnd schmunzelte der Direktor, als er sich kurz zu Avory umdrehte. „Wir lassen Ihnen die Informationen unserer Abschlussuntersuchungen zukommen.“
In diesem Moment zückte Chief Packelton seinen mitgebrachten Datenkristall aus dem Mantel und reichte ihn Havington, der ihn zögernd mit einem angewiderten Blick ergriff und in der Manteltasche verschwinden ließ.
Es schien, als würde Direktor Havington unendlichen Gefallen daran finden, Avorys Bemühungen zu torpedieren, nachdem er an Packelton vorbei einen kurzen Blick auf Avory geworfen hatte.
Ein einziger Irrsinn, dachte Avory. Eine Leiche, die man nicht untersuchen darf ... Jemand sollte diese GRE auf den Mond schießen. Da richtet sie wenigstens keinen Schaden an.
„Noch eins“, wandte er sich erneut an den Robot. „Was sind das für Flecken am Hals?“
„Verletzungen infolge des Sturzes zu Boden. Hämatome treten häufig nach Stürzen auf. Wie kann ich Ihnen weiterhelfen, Detective?“
Avorys Blick bohrte sich in die Augen des Robots.
Dieser verdammte Lügner. Sturz! Das sind Spuren eines Würgegriffs. Wen deckt er damit?
Avory kochte innerlich, versuchte aber, sich nichts anmerken zu lassen. Er baute sich vor dem Robot auf. Jason blieb stehen und blickte ihm direkt in die Augen, als er auf den Leichnam zeigte.
„Detective Edward Harmer liegt hier in einer hochmodernen und hermetisch abgeriegelten Fabrikhalle der GRE. Global. Robot. Enterprises. Global! Ein riesiger Konzern mit einem eigenen Ministerium am Hintern. Der Uplink aus eurem Laden geht um die ganze Welt und auch noch auf den Mond. Die Herrschaft der zweibeinigen Schraubenschlüssel. Alles wird dreimal kontrolliert und letztlich doch noch abgewiesen, wenn dem Konzern, dem System und den Verantwortlichen irgendwas nicht passt. Aber Ed kommt hier einfach rein und stirbt. Das stinkt doch nach einer Vertuschung, oder nicht?“ Sein Blick forderte eine klare Antwort von Jason.
„Ich erkenne die Diskrepanzen, die Sie andeuten, Sir.“ Die Antwort fiel nüchtern aus.
Avory wagte einen letzten Vorstoß, um noch irgendeine nützliche Information aus dem Robot herauszubekommen. „Diskrepanzen? Wer hat von gestern Abend ab 20 Uhr bis heute früh 2 Uhr die Halle betreten oder verlassen?“
„Diese Frage kann ich nicht beantworten. Mir liegen keine Informationen vor.“
Avory setzte nach. „Haben hier Menschen Zutritt? Wachpersonal, Ingenieure oder Personen anderer Kreise?“
„Gewöhnlich befinden sich hier nur Fertigungsrobots der Konfigurationsanlagen. Hin und wieder werden auch Inspektionen durchgeführt von Mitarbeitern des Robotministeriums und durch Sicherheitsrobots.“
„Wer ist das? Wann passiert das?“
Der Robot zögerte für einen Moment, bevor er antwortete. „Diese Frage kann ich nicht beantworten. Mir liegen keine Informationen vor.“
Frustriert dachte Avory nach. „Wer hatte ein Motiv, Detective Edward Harmer zu töten?“ Er erwartete auf diese Frage keine hilfreiche Antwort.
Jasons Reaktion fiel entsprechend einfach aus. „Diese Frage kann ich nicht beantworten. Mir liegen keine Informationen vor.“
Avory hatte die Nase voll. „Komm schon! Ihr steckt doch alle mit drin. Ich will mehr Indizien. Hinweise! Und schick mir einen Bericht der Obduktion ins KCPD, klar?“
In diesem Moment trat Havington hinzu. „Ich fürchte, das wird so nicht stattfinden, Detective. Sie werden vorerst keinen Bericht von uns bekommen. Die Untersuchungen der GRE werden erst vom Ministerium geprüft und bei Bedarf verdichtet.“
„Was soll das heißen? Das ist eine laufende Ermittlung des KCPD. Natürlich werde ich einen Bericht erhalten und bei Bedarf für weitere Fragen hierher zurückkommen.“
Havington schüttelte den Kopf. „Aber, aber, Detective Avory. Das habe ich bereits mit Ihrem Vorgesetzten, Chief of Department James Packelton, besprochen.“ Havington wandte sich ab und rief im Gehen zu den Sicherheitsrobots: „Sobald sich die Ermittler des KCPD entfernt haben, erwarte ich eine unverzügliche Bereinigung dieser Angelegenheit hier. Die Produktion muss laufen. Beeilung!“
Das Echo der vielen Robots schallte ihm nach. Havington verschwand hinter einer Tür. Die Sicherheitsrobots traten auf Avory und Packelton zu.
„Dürfen wir Sie zum Ausgangsort begleiten, Sirs?“, sagte einer von ihnen.
Avory holte Luft und ließ den Kopf nach hinten fallen. „Chief, das ist doch jetzt nicht wahr, oder?“
Packelton strotzte vor Ruhe und deutete auf Avory. „Hast du alle Indizien und Informationen für einen Anfang?“
„Was? Aber Chief, wir können doch nicht …“
„Hast du erste Indizien?“
„Ja, ich denke schon.“
„Dann gehen wir jetzt.“
Begleitet von einer Eskorte ausdrucksloser Sicherheitsrobots trotteten beide zum breiten Eingangstor des GRE-Geländes zurück und bogen danach in Richtung Wartebereich ab, an dem Packeltons Wagen sie aufnehmen würde.
„Das kann ich nicht glauben“, brauste Avory auf. „Nicht nur, dass du die laufenden Ermittlungen des KCPD nicht mit harter Hand durchgesetzt hast. Du hast dich, uns, von diesem kleinen Giftzwerg auch noch umherschubsen lassen wie ein unfähiger Rotzlöffel.“ Er schüttelte den Kopf und begann, seine Argumente mit den Fingern aufzuzählen, während er fortfuhr. „Und dann kommt noch hinzu, dass du Eddies Leichnam in den Fängen dieser widerwärtigen Blechdosen verkommen lässt. Er gehört einer ordnungsgemäßen rechtsmedizinischen Untersuchung zugeführt, die im Rahmen einer laufenden KCPD-Ermittlung unter fachgerechter Aufsicht umzusetzen ist. Durch unsere Leute, denen wir trauen können. Herrgott!“ Avory holte tief Luft und schüttelte erneut den Kopf. „Ich fasse es nicht.“
„Du hast es immer noch nicht begriffen“, bellte Packelton zurück. „Hier regiert das Robotministerium. Und da die meisten in einer Zweitfunktion bei der GRE tätig sind, herrscht hier die GRE. Der Machtbereich reicht weiter, als du dir vorstellen kannst. Unzählige Male haben sich Polizisten so wie du vorhin verhalten, und die Ermittlungen waren auf einmal beendet, bevor sie begonnen hatten. Ministeriumsangelegenheit. Fall geschlossen. Wir danken für Ihre Mühen.“ Er baute sich drohend vor ihm auf. „Du hast das nicht verstanden, Mo. Hier endet der Zuständigkeitsbereich des KCPD. Während du am Mosern warst, habe ich versucht, mit Engelszungen auf den Direktor einzuwirken, dass wir die Informationen bekommen, die das Ministerium als Abschlussbericht erhält. Er hat wenigstens den Datenkristall angenommen.“ Packelton seufzte und gab sich erzieherisch. „Mo, ich dachte, du wärst endlich weiter. Ich dachte, du hättest diese Aversionen überwunden und würdest zur Abwechslung mal deine Zeit damit verbringen, ein guter Detective zu werden. Edward hätte sich nie so verhalten.“
„Oh bitte. Was soll das denn jetzt?“ Die Worte trafen Avory, der sich in einem ewigen Vergleich mit seinem Partner befand, dem er sich offenbar selbst nach dessen Tod nicht entziehen konnte. Er verfiel in eine trotzige Angewohnheit, die ihn zu einem wortkargen Mitmenschen werden ließ. Kopfschüttelnd blickte er sich um, während Chief Packelton genervt umherstapfte.
„Wo bleibt denn der verdammte Wagen?“
Die Tür der Fahrzeugbox gab den Blick auf das Innere frei, und beide konnten noch den Abschluss der Transformationsbewegung verfolgen. Der Motor startete, und der Wagen rollte ihnen entgegen, die Türen öffneten sich, und sie stiegen ein, um zum Revier des KCPD zurückzufahren.
„Na endlich. Ziel KCPD!“, befahl Packelton.
Packeltons Wagen beschleunigte und bog auf den Fahrstreifen, der vom GRE-Gelände in das unterirdische Fahrbahnnetz hinabführte. Der Wagen tauchte in den Tunnelzubringer ein, und die Tunnelbeleuchtung tränkte die endlos scheinende Röhre vor dem Fahrzeug in ein erweckendes Hellblau. Vereinzelte Reklamebanner flimmerten an den Wänden, und Seitenmarkierungen des Tunnels spiegelten sich auf dem Beifahrerfenster, aus dem Avory trotzig hinausschaute.
Auf den mehrspurigen Fahrbahnen absorbierte die Dämpfungsschicht des Tunnels alle Fahrgeräusche, als der Wagen auf den Hauptstreifen stadteinwärts wechselte. Mit einer kaum wahrnehmbaren Steigerung erhöhte sich das Tempo des Wagens, während Avory seinem Unmut erneut Luft machte.
„Dieser kleine Giftzwerg. Was glaubt der eigentlich, wer er ist? Den würde ich am liebsten mal in die Mangel nehmen.“
Chief Packelton versuchte, seinen Ermittler zu beruhigen und fixierte seinen Beifahrer mit einem festen Blick. „Das bringt doch nichts. Wenn du dich nicht unter Kontrolle hast, fällt das wieder auf alle im Department zurück. Ich erinnere dich nur an deine letzten Ausraster. Jetzt reiß dich zusammen. Die oberste Priorität hat die Ermittlung in diesem Fall.“ Er stach mit dem Finger in die Luft. „Wenn die GRE uns den ersten Weg verstellt, müssen wir einen anderen suchen. Du bist Detective, also verhalte dich wie einer und nicht wie ein kleiner trotziger Schuljunge. Lass dir etwas einfallen und such auf anderen Wegen nach Beweisen. Ich werde den Fall nicht einfach so aufgeben.“
Avory rollte genervt die Augen und sah aus dem Fenster. Er stützte den Ellenbogen auf die Ablage in der Tür und brabbelte weiter vor sich hin. „Diese ganze Vernetzung von Ministerium und Konzern ist eine einzige Farce. Es gab mal Zeiten, da waren strikte Trennungen zwischen Wirtschaft und Politik gesetzlich verankert, und die Menschen brauchten sich vor Maschinen nicht zu fürchten.“
„Das glaube ich jetzt nicht.“
Avory nickte starrsinnig und schaute weiter aus dem Fenster. Die Farbmarkierungen an der Wand flogen immer rascher an ihnen vorbei.
„Doch, doch. Wenn ich es dir sage. Früher gab es so etwas gar nicht. Einen Ministeriumskonzern. So ein Irrsinn.“
Ungläubig schaute der Chief auf die leuchtenden Bordinformationen vor sich an der Frontscheibe, die eine überhöhte Geschwindigkeit anzeigten. Er fuhr Avory patzig an. „Mensch, ich meine den Wagen. Computer, Geschwindigkeit reduzieren!“
Avory rappelte sich in seinem Sitz auf.
Ohne eine Reaktion des Bordcomputers zu erhalten, musste Packelton mit ansehen, wie der Wagen weiter die Geschwindigkeit erhöhte.
„Was ist denn los? Chief! Wieso werden wir schneller? Was machst du?“ Avory warf Packelton einen verunsicherten Blick zu, um sofort danach vor sich die Straße nach Hindernissen abzusuchen.
„Gar nichts, verdammt. Es ist der Wagen. Er spinnt auf einmal.“
„Er spinnt?“
