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Das Geheimnis der Regenbogenblüte Ein Mystery-Thriller-Roman Die Buchhandelsausgabe von Sabine Traeder Ein Bunker unter Duisburg. Ein Samenkorn, das nie berührt werden durfte. Ein Medaillon, das niemand mehr loslässt. Florentine und Violette finden in den Tiefen eines alten Bunkers ein verborgenes Medaillon. Darin liegt ein Zettel mit einer Warnung, die sie übergehen. Was wie ein Spiel mit Grenzen beginnt, entfesselt etwas, das größer und tödlicher ist als sie selbst: die Regenbogenblüte. Sie wächst lautlos, schön und tödlich. Wer ihr zu nahe kommt, verfällt ihr. Stimmen flüstern, Erinnerungen kippen, Grenzen zwischen Wahn und Wirklichkeit zerreißen. Während Nachbarn krank werden und Mauern beben, wird klar: Niemand entkommt der Blüte, ohne Schuld zu tragen. Florentine kämpft für die Gruppe und für Violette, die in den Tiefen verschüttet liegt. Doch das Medaillon pocht weiter, als hätte es ein eigenes Herz. Ist es Waffe, Fluch oder der Schlüssel zum Überleben? Ein packender Mystery-Thriller über Schuld, Angst und die Macht des Unausgesprochenen. Atmosphärisch, beklemmend und mit Figuren, die bleiben.
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Seitenzahl: 246
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Für meine Mutter.
Es war ihre Idee, aus der ein Samenkorn wuchs – und ohne sie hätte es diese Geschichte nie gegeben.
Dieses Buch ist ihr Vermächtnis, mein Dank, mein Erinnern.
Widmung
Vorwort
Titeleinführung
Prolog
Prolog – Das Medaillon (Florentine & Violette)
Abschnitt 1 – Der Fund
Kapitel 1 – Unter Beton (Florentine)
Kapitel 2 – Das Amulett (Violette)
Kapitel 3 – Die Warnung (Florentine)
Kapitel 4 – Samen in der Hand (Violette)
Kapitel 5 – Trotz und Entscheidung (Florentine & Violette)
Abschnitt 2 – Die Pflanzung
Kapitel 6 – Der Riss im Boden (Violette)
Kapitel 7 – Erste Wurzeln (Florentine)
Kapitel 8 – Stille im Bunker (Violette)
Kapitel 9 – Misstrauische Nachbarn (Florentine)
Kapitel 10 – Das Aufblühen (Violette)
Abschnitt 3 – Erste Symptome
Kapitel 11 – Fieberträume (Violette)
Kapitel 12 – Herzflattern (Florentine)
Kapitel 13 – Schweiß und Kälte (Violette)
Kapitel 14 – Stimmen im Beton (Florentine)
Kapitel 15 – Haut wie Feuer (Violette)
Abschnitt 4 – Die Nachbarn
Kapitel 16 – Verdacht (Florentine)
Kapitel 17 – Die erste Attacke (Violette)
Kapitel 18 – Flucht durch Gänge (Florentine)
Kapitel 19 – Beschuldigungen (Violette)
Kapitel 20 – Geteilte Schuld (Florentine & Violette)
Abschnitt 5 – Die Blüte wächst
Kapitel 21 – Wurzeln im Schlafraum (Violette)
Kapitel 22 – Farben im Dunkel (Florentine)
Kapitel 23 – Nächtliches Pochen (Violette)
Kapitel 24 – Angriff auf die Kinder (Florentine)
Kapitel 25 – Rasendes Wachstum (Violette)
Abschnitt 6 – Angst im Kollektiv
Kapitel 26 – Die Versammlung (Florentine)
Kapitel 27 – Drohungen (Violette)
Kapitel 28 – Erste Tote (Florentine)
Kapitel 29 – Die Panik greift um (Violette)
Kapitel 30 – Misstrauen (Florentine & Violette)
Abschnitt 7 – Vergebliche Zerstörung
Kapitel 31 – Feuer im Bunker (Florentine)
Kapitel 32 – Wasser gegen Wurzeln (Violette)
Kapitel 33 – Eisenstangen (Florentine)
Kapitel 34 – Raserei (Violette)
Kapitel 35 – Blüte trotzt allem (Florentine)
Abschnitt 8 – Visionen
Kapitel 36 – Blutige Bilder (Violette)
Kapitel 37 – Stimmen der Blüte (Florentine)
Kapitel 38 – Wahn und Nähe (Violette)
Kapitel 39 – Spiegel aus Licht (Florentine)
Kapitel 40 – Verlockung (Violette)
Abschnitt 9 – Der Preis der Schuld
Kapitel 41 – Florentines Albtraum (Florentine)
Kapitel 42 – Violettes Schwäche (Violette)
Kapitel 43 – Nachbarn greifen an (Florentine)
Kapitel 44 – Isolation (Violette)
Kapitel 45 – Die Schuldfrage (Florentine)
Abschnitt 10 – Die letzte Warnung
Kapitel 46 – Das Medaillon glüht (Violette)
Kapitel 47 – Zettel neu gelesen (Florentine)
Kapitel 48 – Bittere Erkenntnis (Violette)
Kapitel 49 – Opfergedanke (Florentine)
Kapitel 50 – Die Blüte tobt (Violette)
Abschnitt 11 – Zerfall
Kapitel 51 – Mauern bersten (Florentine)
Kapitel 52 – Halluzinationen (Violette)
Kapitel 53 – Die Kranken (Florentine)
Kapitel 54 – Verlust (Violette)
Kapitel 55 – Schmerzen im Herz (Florentine)
Abschnitt 12 – Suche nach Lösung
Kapitel 56 – Alte Bücher (Violette)
Kapitel 57 – Verbotene Gänge (Florentine)
Kapitel 58 – Runen an der Wand (Violette)
Kapitel 59 – Gespräch im Dunkel (Florentine)
Kapitel 60 – Entschluss zur Vernichtung (Florentine & Violette)
Abschnitt 13 – Opfer und Entscheidung
Kapitel 61 – Die Rituale (Florentine)
Kapitel 62 – Ein letzter Versuch (Violette)
Kapitel 63 – Nachbarn im Aufruhr (Florentine)
Kapitel 64 – Abschied (Violette)
Kapitel 65 – Wahnvision der Erlösung (Florentine)
Abschnitt 14 – Zusammenbruch
Kapitel 66 – Mauern reißen (Violette)
Kapitel 67 – Feuersturm (Florentine)
Kapitel 68 – Letzte Angriffe (Violette)
Kapitel 69 – Herzschlag der Blüte (Florentine)
Kapitel 70 – Violettes letzter Versuch (Violette)
Abschnitt 15 – Finale Konfrontation
Kapitel 71 – Schrei im Dunkel (Florentine)
Kapitel 72 – Opfergang (Violette)
Kapitel 73 – Medaillon bricht (Florentine)
Kapitel 74 – Die Blüte vergeht (Violette)
Kapitel 75 – Letzter Herzschlag (Florentine & Violette)
Abschnitt 16 – Stille nach dem Sturm
Kapitel 76 – Rauch und Staub (Florentine)
Kapitel 77 – Verletzte (Violette)
Kapitel 78 – Die Überlebenden (Florentine)
Kapitel 79 – Misstrauen bleibt (Violette)
Kapitel 80 – Das Medaillon bleibt (Symbol)
Abschnitt 17 – Offene Wunde
Kapitel 81 – Nachbarn schweigen (Florentine)
Kapitel 82 – Blick zurück (Violette)
Kapitel 83 – Erinnerung (Florentine)
Kapitel 84 – Schweigen im Bunker (Violette)
Kapitel 85 – Schatten in der Tiefe (Florentine)
Epilog
Epilog – Die offene Frage (Erzähler)
Über die Autorin
(Erwachsenenfassung)
Liebe Leserinnen und Leser,
dieses Buch ist nicht die Fassung, die im Juni 2025 bei BoD erschienen ist.
Damals war Das Geheimnis der Regenbogenblüte eine Mischung aus Märchen und Thriller – ein erster Versuch, die Geschichte zwischen Fantasie und Bedrohung zu erzählen.
Die Fassung, die Sie jetzt in den Händen halten, ist eine vollständig neue Interpretation. Sie wurde von Grund auf überarbeitet, neu strukturiert und konsequent als psychologischer Mystery-Thriller erzählt. Figuren, Aufbau und Ende unterscheiden sich deutlich von der früheren Version.
Es ist mir wichtig, dass Sie wissen: Dies ist kein Aufguss, sondern ein eigenständiger Roman.
Eine Geschichte über Schuld, Freundschaft, Wahn und die Frage, was wir opfern müssen, um uns selbst treu zu bleiben.
Ich wünsche Ihnen eine intensive Lektüre.
Sabine Traeder
Ein Bunker unter Duisburg.
Zwei Frauen, die eine Warnung missachten.
Ein Samenkorn, das niemals hätte gepflanzt werden dürfen.
Als Florentine und Violette ein verborgenes Medaillon öffnen, setzen sie etwas frei, das größer ist als jeder Mensch: die Regenbogenblüte. Schön und tödlich zugleich, schenkt sie Trugbilder von Erlösung – und bringt doch nur Krankheit, Wahn und Angst. Je mehr die Bewohner des Bunkers gegen sie ankämpfen, desto unaufhaltsamer wächst sie.
Zwischen Misstrauen und Schuld, zwischen Sehnsucht und Widerstand müssen Florentine, klein an Gestalt, und Violette, gefesselt an ihren Rollstuhl, einen Weg finden, das Gewächs zu vernichten. Doch die Blüte spielt mit der Wirklichkeit, nährt sich von den Schwächen ihrer Feinde und hinterlässt selbst nach ihrem Untergang eine Frage, die niemand beantworten kann:
War alles nur Wahn?
Oder wurzelt ihr Geheimnis tiefer, als Menschen je begreifen können?
DAS MEDAILLON (FLORENTINE & VIOLETTE)
Die Treppe führte hinab in die Tiefe. Feuchtigkeit rann über die Wände, Tropfen schlugen im Dunkel einen unbeirrbaren Takt. Florentine setzte vorsichtige Schritte. Die Lampe in ihrer Hand streifte Schilder, deren Schrift längst verfallen war.
Neben ihr rollte Violette die Rampe hinunter. Die Räder quietschten, wenn sie über lose Steinchen stießen. Ihr Blick blieb fest, das Tempo unbeirrbar. Niemand hätte sie zurückhalten können.
Der Bunker unter Duisburg wirkte nicht wie ein Relikt. Er war ein Körper aus Gängen, hallend und schwer, als hätte er nie Menschen, sondern nur Stille beherbergt. Aus der Tiefe stieg der Geruch von Rost und altem Wasser.
„Noch ein Stück weiter“, sagte Violette, die Hände angespannt auf den Lehnen.
Das Licht glitt über eine Tür aus verbeultem Stahl. Halb offen stand sie da, als hätte jemand sie absichtlich nicht geschlossen. Dahinter: ein Raum, leer, staubig, vergessen.
Etwas Rundes glomm am Boden. Florentine kniete nieder, schob Geröll zur Seite. Ein Medaillon kam zum Vorschein, angelaufen und doch unversehrt. Ornamente umrankten den Deckel, Linien wie aus einer anderen Zeit.
„Zeig es mir“, flüsterte Violette.
Florentine nahm es auf. Das Metall war kalt, als habe es die Jahre in sich bewahrt. Kein Schmuckstück, eher etwas, das bewusst hier zurückgelassen worden war.
Mit Mühe öffnete sie den Verschluss. Kein Foto, kein Bild. Nur ein einzelnes Samenkorn, dunkel und glänzend. Daneben ein gefalteter Zettel.
Florentine entfaltete ihn. Die Schrift war brüchig, doch noch klar:
Nicht ohne Schutz berühren. Nicht einpflanzen. Gefahr einer Katastrophe.
Einen Moment herrschte Schweigen. Tropfen von oben fielen schneller, als drängten sie zur Entscheidung.
„Ein Scherz?“, fragte Florentine.
Violette zuckte die Schultern. „Oder eine Warnung, die niemand ernst nimmt.“ Trotz lag in ihrer Stimme, gemischt mit etwas, das Unsicherheit verdecken wollte.
Florentine legte den Zettel zurück. Das Korn aber blieb – unscheinbar und zugleich schwer, als fülle es den Raum mit unsichtbarer Wucht.
Ihre Gedanken schweiften. Ein Leben, das andere lenkten, Erwartungen, die sie klein hielten. Violette dagegen hatte jeden Meter erkämpft, sich gegen Widerstände gestemmt. Keine von beiden war eine, die vor einer Grenze Halt machte.
„Wir könnten es einsetzen“, sagte Violette schließlich.
„Aber die Warnung—“
„—ist nur Papier.“ Ihre Finger klopften gegen die Lehne.
„Vielleicht gehört es hierher. Vielleicht hat es einen Sinn.“
Das Korn schimmerte matt, als hätte es die Worte vernommen. Ein flüchtiger Glanz huschte über die Innenfläche des Medaillons.
Florentine klappte den Deckel zu. Noch war nichts entschieden, doch die Möglichkeit hing bereits im Raum wie ein Versprechen.
Der Bunker atmete gedämpfte Stille.
„Dann tun wir es“, sagte Florentine leise.
Violette nickte. „Endlich.“
Sie steckten das Medaillon ein. Das Licht der Lampe zerschnitt die Dunkelheit, erlosch gleich darauf. Wasser tropfte von der Decke. Der Boden vibrierte kaum merklich, als würde etwas erwachen.
Als sie den Raum verließen, blieb nur ein leerer Fleck zurück. Doch die Kälte folgte ihnen.
Und im Schweigen regte sich ein fremdes Atmen.
Unter Beton (Florentine)
Florentine klammerte die Lampe so fest, dass ihre Finger pochten. Der Gang zog sich endlos, feucht und grau. Tropfen lösten sich von der Decke, glitten über ihre Wangen und versickerten im Kragen. Jeder Schritt verschluckte sein eigenes Echo.
In Violettes Tasche ruhte das Medaillon. Unsichtbar, doch schwer in ihrem Denken. Immer wieder hörte Florentine das Knacken seines Verschlusses, als hätte der Raum es behalten.
„Vorsicht, hier ist eine Kante.“ Violettes Rad blieb hängen. Florentine beugte sich, hob es über den Absatz. Gemeinsam setzten sie den Weg fort.
Der Geruch von Rost und Kabelstaub legte sich in ihren Hals. Leitungen hingen von der Decke, ausgefranst wie alte Adern. „Wer das wohl gebaut hat“, murmelte sie.
„Leute mit Zement im Herzen.“ Violette schnaubte. „Aber immerhin haben sie uns ein Dach gelassen.“
Hinter einer Biegung flackerte Neonlicht. Strom summte, Stimmen drangen herüber, das Klirren von Metall. Der bewohnte Teil des Bunkers begann. Florentine sog die abgestandene Luft ein. Heimat – kein schönes Wort für diesen Ort, aber ein zutreffendes.
Frau König kam ihnen entgegen, das Tuch über den Haaren, die Arme voller Wäsche. „Schon wieder in den Schächten? Ihr habt keinen Respekt vor dem Dunkel.“
Florentine wich ihrem Blick aus, Violette nickte knapp.
„Nur kurz unten gewesen“, sagte Florentine. Die Stimme klang gleichmäßig, doch in ihr zog etwas an der unsichtbaren Kette des Medaillons.
Sie gingen weiter. Kinder malten Kreidefiguren auf den Boden. Männer stapelten Kisten, als könne Ordnung die Angst bändigen. Aus allen Winkeln drang Geräusch – Stimmen, Schritte, Türen. Ein improvisierter Herzschlag des Bunkers.
In ihrer Kammer stellte Florentine die Lampe ab. Der letzte Schein huschte über die Wand, dann erlosch er. Sie setzte sich auf die Pritsche, spürte die gespeicherte Kälte im Beton.
Violette rollte neben sie, zog die Tasche hervor und legte das Medaillon zwischen sie. Das Metall wirkte stumpf, doch die Gravur trat deutlicher hervor, als hätte die Zeit sie vertieft. Florentine beugte sich. Linien wie Wurzeln unter Haut.
„Es war falsch, es hierherzuholen“, flüsterte sie.
„Falsch wäre, es zu vergessen.“ Violette legte die Hand auf den Deckel. „Wir haben es gefunden. Das hat einen Grund.“
Florentine schwieg. Durch die dünnen Wände drangen Weinen, Lachen, Schritte – vertraute Geräusche, die dennoch fern wirkten.
Die Worte des Zettels stachen wieder auf: Nicht einpflanzen. Gefahr. Falle, Scherz oder letzter Versuch, etwas einzudämmen?
„Und wenn es wirklich gefährlich ist?“
Violette hob die Brauen. „Wir sitzen in einem Bunker. Gefährlicher geht es kaum. Vielleicht ist es unsere einzige Chance auf etwas anderes.“
Ein Rest Trotz flackerte in Florentine. Violette wich selten zurück. Sie drängte nach vorn, auch wenn es brannte. Das bewunderte sie – und fürchtete es zugleich.
Ein Schlag vibrierte durch die Wände. Wohl nur eine Tür, zu hart ins Schloss gefallen. Doch in Florentines Ohren klang es wie ein inneres Grollen.
„Wir behalten es heute hier?“
„Natürlich.“ Violettes Blick war unbeweglich. „Es gehört jetzt zu uns.“
Florentine zog die Decke enger. Draußen verklangen die Stimmen, nur das Summen der Leitungen blieb. Zwischen ihnen lag das Medaillon, unscheinbar und still. Und doch war sie sicher: Es griff bereits tiefer – mit Wurzeln, die niemand sehen wollte.
Das Amulett (Violette)
Die Nacht war kaum angebrochen, doch Violette wusste schon, dass sie nicht schlafen würde. Der Bunker lag still, die Luft stickig, die Decke schwer. Florentine hatte sich zusammengerollt, die Decke bis zum Kinn gezogen, ihr Atem gleichmäßig.
Violette blieb im Stuhl. Der Rücken schmerzte, die Felgen fühlten sich kalt unter ihren Händen an. Doch nicht der Körper hielt sie wach, sondern das Ding, das zwischen ihnen lag. Das Medaillon.
Sie streckte die Finger danach aus, zog sie zurück – und griff schließlich doch zu. Es war schwerer, als es aussah. Im Schimmer der Lampe wirkten die Linien auf dem Deckel fast lebendig, als zögen sie sich tiefer ins Metall.
Die Warnung war eindeutig gewesen. Aber gerade diese Strenge ließ sie nicht los. Wer schreibt so etwas, wenn er nicht selbst gezittert hat? Vielleicht haftete dem Metall noch immer die Angst jener an, die davor warnten.
„Schläfst du?“, flüsterte sie. Florentine rührte sich nicht.
Langsam drückte Violette den Verschluss auf. Er klemmte nicht mehr, als hätte das Medaillon gewartet. Das Korn lag darin, dunkel, schlicht. Und doch fesselnd. Ihr Atem beschlug den Rand, so nah war sie. Für einen Moment meinte sie, es habe gezuckt.
Ein Kältezug fuhr ihr über die Arme. Trotzdem ließ sie den Blick nicht los.
Ihre Gedanken schweiften. All die Tage hier unten: Essen, reden, warten. Beton, immer nur Beton. Dieses Korn war das erste, das sich anders anfühlte. Als könne daraus ein Riss entstehen, durch den etwas Neues kam. Vielleicht Licht. Vielleicht Gefahr. Beides war ihr lieber als Stillstand.
„Vielleicht bist du kein Fluch“, murmelte sie. „Vielleicht der Beweis, dass mehr möglich ist.“
Florentine murmelte im Schlaf etwas Unverständliches, drehte sich. Violette legte das Medaillon kurz beiseite, doch ihr Blick kehrte sofort zurück.
Im Gang klirrte Metall, Schritte hallten, verklangen. Violette lauschte, bis nur noch Stille blieb. Dann nahm sie es wieder auf.
Die Worte des Zettels ließen sie nicht los. Nicht berühren. Nicht pflanzen. Katastrophe. Befehle, zu hart, zu eindeutig, um nicht misstrauisch zu machen. Etwas so Kleines sollte alles zerstören? Vielleicht lag genau darin die Kraft, die sie brauchten.
Ihr Blick glitt zu Florentine. Im Schlaf wirkte sie jünger, fast verletzlich. Zäh war sie, aber vorsichtig. Zu vorsichtig. Manchmal brauchte es jemanden, der den Schritt tat, den andere nicht wagten.
„Morgen pflanzen wir dich ein“, flüsterte Violette zum Korn.
„Ob sie wollen oder nicht.“
Sie dachte an die Nachbarn. An Frau König mit ihrem Spott.
An die Männer, die von Ordnung redeten, aber selten handelten. An die Kinder, die nur Abwechslung suchten, ohne zu begreifen, was es bedeutete. Keiner von ihnen hätte den Mut, dieses Ding anzufassen.
Aber sie. Und Florentine.
Sie legte das Medaillon zurück, vorsichtig, als wäre es brennbar. Ihre Hände zitterten. Schließlich fielen ihr die Augen zu.
Das Metall blieb zwischen ihnen liegen. In der Dunkelheit schien das Korn zu pochen. Kein Laut, nur ein Gefühl – als ob in der Tiefe ein Herz den ersten Schlag wagte.
Die Warnung (Florentine)
Florentine erwachte mit Druck im Kopf. Die Luft war schwer, als läge mehr Beton über ihr als am Abend zuvor. Ein Summen hing im Raum – leise, doch tief genug, um sich in die Haut zu setzen.
Neben ihr schlief Violette, den Kopf schief, die Hand halb geöffnet. Zwischen ihnen lag das Medaillon. Der Verschluss stand offen, als hätte ihn jemand in der Nacht berührt.
Langsam richtete Florentine sich auf. Rücken steif, Muskeln müde. Doch wichtiger war das Stück Papier, das aus der Vertiefung ragte. Sie zog es heraus, faltete es.
Nicht ohne Schutz berühren. Nicht einpflanzen. Gefahr einer Katastrophe.
Das letzte Wort blieb ihr lautlos auf den Lippen hängen, schwer wie Stein.
Sie sah zu Violette. Die Freundin zuckte im Schlaf, als kämpfe sie gegen etwas Unsichtbares. Florentine wollte sie wecken, hielt inne. Der Zettel knisterte in ihren Händen. Warum hatte man eine solche Warnung in einem Schmuckstück verborgen? Wer vergräbt ein Korn und eine Drohung unter einer Stadt?
Ihr Blick wanderte zur Tür. Sie dachte an die anderen: Frau König mit ihrer scharfen Zunge, die Kinder, die jedes Dunkel für ein Abenteuer hielten, die Männer, die von Ordnung sprachen und doch nichts wagten. Würden sie das Korn zerstören wollen? Oder die Angst in Panik verwandeln?
Florentine presste die Finger fester um das Papier. Zerreißen wollte sie es, doch sie konnte nicht. Es war das Einzige, das noch warnte.
Schritte im Gang. Gedämpfte Stimmen, näherkommend.
Hastig schob sie den Zettel zurück, klappte das Medaillon zu und schob es unter die Matratze.
Die Tür öffnete sich. Frau König steckte den Kopf herein.
„Habt ihr das gehört? Die Leitungen haben gezittert.“
Florentine zwang ein gleichmäßiges Gesicht. „Vielleicht nur der Generator. Hier war alles still.“
Misstrauisch nickte die Frau und zog sich zurück. Schritte verklangen.
Florentine atmete tief. Ihr Herz schlug, als könnte es jeder hören. Katastrophe. Das Wort pochte darin wie ein Echo.
„Du hast es gelesen.“ Violettes Stimme, rau vom Erwachen.
Florentine nickte. „Ja. Und ich verstehe nicht, wie du überhaupt daran denkst, es einzupflanzen.“
Violette rieb sich die Augen. „Weil es mehr sein könnte als das hier. Wir können nicht ewig im Beton ersticken.“
„Und wenn es stimmt? Wenn es uns alle ins Verderben reißt?“
Stille breitete sich aus. Dann Violettes müdes Lächeln. „Dann sind wir die, die es herausfinden. Nicht die, die nur warten.“
Florentine wollte widersprechen, doch die Worte blieben stecken. Ein Teil von ihr wusste, dass Violette recht hatte. Ein anderer sah nur das Korn – und das letzte Wort der Warnung.
Sie ging zum Waschbecken, schöpfte Wasser, spürte die Kälte im Gesicht. Metallisch, bitter, wie die Botschaft selbst.
Zurück auf ihrem Platz bemerkte sie Violettes Blick. „Du hast Angst.“
„Ja.“ Florentine faltete die Hände im Schoß. „Und genau deshalb dürfen wir keinen Schritt überhastet gehen.“
Unwillkürlich glitt ihre Hand zum Rand der Matratze. Dort lag das Medaillon, verborgen, aber nicht vergessen. Sie meinte, einen leisen Schlag im Boden zu spüren, als ob etwas schon lebte.
Florentine wusste: Sie würde die Warnung wieder lesen. Immer wieder. Und jedes Mal würde das Wort schwerer werden.
Samen in der Hand (Violette)
Florentine kam mit feuchten Haarspitzen zurück und legte sich wortlos auf die Pritsche. Ihre Gedanken waren spürbar, auch wenn sie schwieg. Violette hatte den Blick gesehen, mit dem sie das Medaillon unter die Decke geschoben hatte.
Sie schob den Stuhl näher, strich mit den Fingern über den Stoff, bis sie das kalte Metall ertastete. Florentine beobachtete sie, sagte nichts. Vielleicht hoffte sie, Violette würde tun, was sie selbst nicht wagte.
„Lass es liegen“, warnte Florentine leise.
Doch Violette zog die Decke zurück, nahm das Medaillon in die Hand. „Wir können uns nicht ewig verstecken.“ Der Deckel sprang fast von selbst auf.
Das Korn lag da – unscheinbar, still. Violette hob es heraus. Es war leichter, als sie gedacht hatte, beinahe lächerlich. So etwas Kleines sollte eine Katastrophe sein? Der Gedanke wirkte absurd – und blieb doch hängen.
Ihre Finger prickelten. Kein Schmerz, nur ein feines Vibrieren, das sie innehalten ließ. Sie legte es in die offene Handfläche, betrachtete es im matten Licht. „Siehst du? Nichts geschieht.“
„Noch nicht“, entgegnete Florentine.
Violette lachte kurz, doch das Lachen brach zu schnell ab.
„Wenn wir jeder Warnung gehorchen, verrotten wir hier unten, bis wir selbst zu Staub werden.“
Sie dachte an die Jahre im Bunker. Tropfen, die die Zeit zählten. Schritte auf Beton, sonst nichts. Dieses Korn war anders. Es fühlte sich an wie ein Riss im Beton – ein Anfang. Selbst wenn er gefährlich war.
„Fühl es“, sagte sie und streckte Florentine die Hand hin.
Florentine wich zurück. „Nein.“
„Es ist nur ein Korn. Es wartet.“
Florentine schloss die Augen, als wolle sie das Bild ausblenden.
„Wenn es stimmt, setzen wir alle aufs Spiel.“
„Vielleicht hat es längst begonnen. Vielleicht sind wir nur blind.“
Die Worte hingen in der Luft. Einen Moment lang schämte Violette sich für ihre Härte. Doch das Pochen in der Hand drängte jeden Zweifel zurück. Es war, als atmete das Korn.
Draußen glitt ein Schatten vorüber. Schritte hielten an, zogen weiter. Violette verharrte reglos, das Korn offen in der Hand.
„Wir sollten es pflanzen“, flüsterte sie. „Nicht heute. Aber bald.
Der Boden hier unten ist feucht genug.“
Florentine fuhr herum. „Du tust, als sei es unvermeidlich.“
„Ist es auch. Es hat uns gefunden.“
„Unsinn. Wir haben es aufgehoben.“
„Nein. Es hat gewartet.“
Schweigen. Florentine presste die Stirn gegen den Beton.
Violette sah, wie sehr sie rang.
Das Korn lag warm in ihrer Hand, kleiner als ein Fingernagel, doch schwerer als jede Entscheidung zuvor.
„Wir können es nicht mehr zurücklegen“, sagte Violette. „Es gehört jetzt zu uns.“
Florentine wandte sich um. Ihre Augen blitzten. „Und wenn wir uns irren?“
„Dann tragen wir beide die Schuld. Aber wenigstens haben wir gehandelt.“
Ein Zittern fuhr durch Violettes Finger. Sie legte das Korn zurück in die Vertiefung, schloss den Deckel langsam. Das Metall fühlte sich nicht mehr kalt an.
Florentine setzte sich, den Blick starr auf den Tisch. Keine weiteren Worte. Nur das Summen der Leitungen, das ferne Tropfen im Beton.
Violette wusste, dass sie längst entschieden hatten. Das Korn würde den Boden berühren. Und dann gäbe es keinen Weg zurück.
Trotz und Entscheidung (Florentine & Violette
Die Still enach ihrem Streit spannte den Raum wie ein Seil. Florentine saß aufrecht, die Hände ineinander verschränkt, als hielte sie sich selbst fest. Violette rollte ein Stück zurück. Die Reifen quietschten über den Boden, ein Laut, der die Enge noch schärfer machte.
Florentine spürte Violettes Blick, hart und zugleich nah. „Du bist zu ungeduldig“, murmelte sie, ohne aufzusehen.
„Manchmal rettet nur das Warten.“
„Und manchmal ist Warten nichts als Flucht“, erwiderte Violette. „Wir haben zu viele Jahre hier unten verschwendet.
Vielleicht ist dieses Korn das Einzige, das uns noch etwas eröffnet.“
Florentine hob den Kopf. „Oder es bringt uns um.“
Violette lächelte matt. „Dann wenigstens nicht durch Stillstand.“
Ein Poltern im Nachbargang ließ beide zusammenzucken. Metall schepperte, Stimmen wurden laut, verstummten wieder. Ein banaler Zwischenfall – und doch wie ein Echo dessen, was geschehen würde, wenn die Nachbarn erfuhren, was unter ihrer Decke lag.
Florentine erhob sich, ging zum grauen Mauerwerk und lehnte die Stirn dagegen. „Ich habe Angst, Violette. Nicht vor dir. Nicht vor mir. Vor dem, was wir loslassen könnten.“
„Angst hat uns nie beschützt“, sagte Violette. „Sie hat uns nur kleiner gemacht.“
Florentine drehte sich um. „Sag mir offen, was du willst.“
„Das Korn pflanzen.“ Violette zögerte nicht. „Nicht länger auf Versprechen warten – sehen, was daraus wird.“
Florentine lachte heiser. „Du redest, als wäre es eine Tomate.“
„Nein. Es ist Hoffnung. Oder Wahrheit. Ich ertrage dieses Nichts nicht länger.“
Florentine ballte die Hände, trat näher. „Und wenn dieses Nichts besser ist als Wahnsinn?“
Das Schweigen, das folgte, war schwer. Zwei Gegensätze prallten aufeinander – und darunter die Jahre, die sie überlebt hatten, Schulter an Schulter.
„Wir dürfen nicht im Streit entscheiden“, sagte Florentine leiser.
Violette nickte. „Dann tun wir es zusammen.“
Sie legte das Medaillon auf den Tisch. Das Licht der Lampe glitt über die Gravur. Florentine setzte sich ihm gegenüber, die Hände zögernd auf der Platte.
„Wir berühren es beide“, schlug Violette vor. „Wenn es sich falsch anfühlt, hören wir auf.“
Florentine atmete lang aus, legte die Finger auf das Metall. Eine unsichtbare Schwere zog sie an. Violette legte ihre Hand darüber. Zwei Hände, ein Deckel, ein Korn.
Das Schloss sprang leise auf. Das Korn lag reglos, doch die Luft wurde dichter. Florentine spürte ein Gewicht in der Brust, ein Wort, das in ihr nachhallte: Trotz.
„Vielleicht treibt uns nur der Trotz“, flüsterte sie.
„Oder Mut“, erwiderte Violette.
Ihre Blicke hielten sich. Keine weiteren Argumente. Nur das Einverständnis, unausgesprochen und endgültig.
Florentine zog die Hand zurück. „Es wird geschehen. Aber nicht hier. Wir brauchen einen Ort, fern von den anderen.“
„Morgen“, sagte Violette. „Im alten Schacht.“
Die Entscheidung stand im Raum, so unausweichlich wie der Beton über ihnen. Keine nahm sie zurück.
Florentine legte sich schließlich auf die Pritsche, die Lider schwer. Violette blieb wach, die Hand noch am Medaillon. Sie wusste, dass Florentine nachgegeben hatte – und dass der Sieg hohl war. Denn auch in ihr nagte Unsicherheit.
Das Korn wirkte klein, fast verloren im Metall. Und doch lag darin eine Wucht, die sie beide nicht losließ.
Florentine murmelte im Schlaf etwas Unverständliches, drehte sich unruhig. Violette sah sie lange an, voller Zuneigung und Sorge zugleich. Morgen würden sie einen Schritt tun, von dem es kein Zurück gab.
Das Korn wartete. Und der Bunker wartete mit.
Der Riss int Boden (Violette)
Violette hatte kaum geschlafen. Immer wieder war sie in Fetzen aus Traum und Flüstern gefallen, Stimmen, die nicht die ihren waren. Als sie die Augen öffnete, hing fahles Neonlicht über ihr. Die Röhren flackerten unruhig, als hätten sie selbst Angst. Auf dem Tisch lag das Medaillon, reglos – und doch anwesend. Florentine schlief zusammengerollt auf der Pritsche, die Decke bis zum Kinn gezogen.
Violette schob den Rollstuhl näher. Das Metall wirkte stumpf, aber warm, als hätte es in der Nacht geatmet. Sie legte die Hand darauf, zog sie gleich wieder zurück. Kälte kroch in ihre Finger, schwerer als gestern. Heute würden sie es tun. Der Gedanke schnitt in ihr wie ein Seil, das nicht mehr loslässt.
Ein Teil von ihr wollte Florentine wecken, wollte sagen: Lass es uns vergraben, vergessen. Doch sie wusste, das war Lüge. Das Korn war mehr als ein Fundstück – es war ein Versprechen, das nicht mehr ungeschehen gemacht werden konnte.
Von draußen drangen Stimmen herein, ein Lachen, Schritte, die im Beton verhallten. Alltag im Bunker. Niemand ahnte, dass hier drinnen mehr entschieden wurde als über ein Stück Erde. Violette zog eine alte Decke aus dem Regal und schlug das Medaillon ein. In diesem Moment regte sich Florentine, blinzelte ins Licht.
„Schon wach?“
„Schon lange. Wir haben gesagt: heute.“
Florentine richtete sich auf, rieb sich übers Gesicht, trat zum Tisch. Einen Augenblick musterte sie das eingewickelte Metall, dann nickte sie knapp. „Dann bringen wir es in den Schacht.“
Mehr sprachen sie nicht. Eine Lampe, ein Seil, ein Brecheisen – das war alles. Florentine trug die Tasche, Violette das Medaillon im Schoß. Der Gang lag still, nur Tropfen von den Rohren begleiteten sie.
Der Schacht lag tief im alten Teil, wohin niemand mehr ging. Luft wie abgestandenes Wasser, nach Eisen, nach etwas, das Jahrzehnte geschwiegen hatte. Die Reifen quietschten über den rissigen Boden, das Licht der Lampe schlug flackernde Inseln in die Dunkelheit.
Vor ihnen klaffte die Wand auf. Sprünge im Beton, Erde quoll hervor, feucht und dunkel. Violette hielt inne. Das ist der Ort. Der Gedanke war da, bevor sie ihn selbst dachte. „Hier,“ sagte sie leise. Florentine kniete, tastete die Bruchkanten, Schmutz und Nässe an den Fingern. „Das ist instabil. Wenn wir hier graben, reißt es auf.“
„Vielleicht muss es das.“ Ihre Stimme klang fester, als sie fühlte. Hunger nach Gewissheit trieb sie.
Sie schlug die Decke zurück. Das Schloss klickte, das Korn lag da, unscheinbar. Daneben der Zettel, die Worte längst eingebrannt: Nicht berühren. Nicht pflanzen. Katastrophe.
Florentine presste die Lippen zusammen. „Wir treten über jede Grenze.“
„Und wenn das die einzige Wahrheit ist?“ Violette sah sie an, fast bittend.
Ein Seufzen, dann griff Florentine nach dem Brecheisen. Jeder Schlag löste Brocken, Staub wirbelte, Steine krachten. Ein Loch tat sich auf, schwarz und feucht. Violette nahm das Korn mit zwei Fingern. Es war schwerer als gestern. Sie ließ es gleiten. Ein leises Knacken folgte, trocken wie brechendes Holz.
Florentine schob Erde darüber, stopfte sie fest. Doch die Stelle blieb nicht still. Sie pulsierte, als würde der Boden atmen. Ein Zittern lief durch die Wände, erst zart, dann stärker. Kiesel rollten, die Lampe flackerte. Florentine hob den Kopf. „Hast du es gespürt?“
Violette nickte, die Hände an die Lehnen geklammert. „Es beginnt.“
Ein feiner Riss zog sich vom Loch fort, wuchs mit jedem Schlag ihres Herzens. Florentine stolperte zurück, Staub stieg in Wolken auf. Violette konnte nicht wegsehen. Unter der Erde schimmerte etwas, als wollte Licht hervorbrechen. Ihr Hals war trocken, die Stimme kaum hörbar. „Es lebt.“
Florentine hielt das Eisen, die Finger verkrampft. „Oder es stirbt mit uns.“
Der Riss weitete sich, dumpfes Knacken im Beton. Von fern Stimmen, erschrockene Rufe, Türen, die zufielen. Die Nachbarn hatten es bemerkt.
Violette spürte ein Lächeln auf ihren Lippen – bitter, unerklärlich. Sie wusste, es war entschieden.
Das Korn lag im Boden.
Der Riss hatte geantwortet.
Und die Blüte wartete.
Erste Wurzeln (Florentine)
Staub hing noch in der Luft, als Florentine das Brecheisen sinken ließ. Ihre Finger zitterten, kalter Schweiß rann ihr den Nacken hinab. Der Riss war nicht mehr nur ein Spalt – Erde quoll daraus hervor, feucht, unruhig, als wüsste sie, dass etwas darin erwachte. Violette hielt die Lampe, ihr Gesicht bleich, die Augen weit.
Ein dumpfes Grollen lief durch den Boden. Florentine kniete, legte die Hand neben den Spalt. Unter ihr schlug ein fremder Rhythmus. Hastig zog sie die Finger zurück.
„Es lebt“, flüsterte sie.
Violette nickte. Kein Laut kam über ihre Lippen. Die Lampe zitterte in ihrer Hand, warf Schatten an die Wände, die wie Gestalten wirkten.
Florentine zwang sich, genauer hinzusehen. Schwarze Fäden durchzogen die Erde, so dünn wie Haare. Erst hielt sie es für Einbildung, dann sah sie, wie sie sich bewegten – langsam, tastend, suchend.
„Wurzeln“, murmelte sie. Das Wort schmeckte nach Metall.
Der Samen hatte kaum den Boden berührt, schon griff er nach Raum. Florentine wich zurück, Tränen brannten, doch sie hielt sie zurück. Ein Teil von ihr wollte Violette anschreien, ein anderer einfach still zusammensinken.
