8,00 €
Benjamin ist mit seinen beiden Freunden, dem Zwerg Tirai und der Elfe Elvora, weiterhin auf der Suche nach den sieben Regenbogensteinen. Nur wenn er diese findet, kann er in die Welt der Menschen zurückkehren! Die einzige Spur zu den restlichen vier Steinen scheinen die wilden Wolkenwichtel zu sein. Bevor er sich jedoch auf seine Reise in die Wolken machen kann, muss der Junge zunächst seine Höhenangst überwinden – dabei soll ihm eine alte Unke helfen. Ob das eine gute Idee ist, wird sich noch herausstellen. Als die drei Freunde schließlich die Ebene der Wolken erreichen, treffen sie dort leider nur auf die gutmütigen Wolkenweisen. Niemand scheint die mysteriösen wilden Wolkenwichtel zu kennen! Wird es Benjamin und seinen Freunden gelingen, dieses Geheimnis zu lüften und weitere Steine ausfindig zu machen?
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 435
Veröffentlichungsjahr: 2022
Thorsten Hegemann
Das Geheimnis der Wolkenwichtel
© 2021 Thorsten Hegemann
Umschlaggestaltung: Elke Zimmermann und Armin Odenthal
Illustration: Thorsten Hegemann
Lektorat: Sina Röpke
ISBN
978-3-3474-5784-3 (Softcover)978-3-3474-5785-0 (Hardcover)978-3-3474-5786-7 (e-Book)
Druck und Distribution im Auftrag des Autors:tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Germany
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung „Impressumservice“, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Deutschland.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Für Sintje
Danke, dass es mit dir nie langweilig ist!
Kröten-Unki und die Höhenangst
Gähnend erwachte Benjamin. Der Menschenjunge reckte seine Arme und setzte sich dann mit einem Ruck auf. Dabei wanderte sein Blick suchend umher. Wieso war er alleine am Ufer des Bergsees? Wo waren Elvora und Tirai? Benjamin kratzte sich am Kopf. Das Letzte, woran er sich erinnern konnte, war, dass er gestern Nacht mit der kleinen Elfe und dem Zwerg hier am See gesessen und die Nymphen beobachtet hatte. Dabei musste er eingeschlafen sein.
Seufzend ließ der Junge sich zurück ins Gras fallen, schloss die Augen und erinnerte sich an die letzten Tage. Puuuh! Waren die aufregend gewesen. Das Abenteuer hatte damit begonnen, dass Benjamin sich mit seinem Fahrrad im Wald überschlagen hatte und dann in der Welt der Zwerge und Elfen wieder aufgewacht war. Aus irgendeinem Grund hatte er seitdem zwei Körper. Zum einen den Körper, mit dem er gerade durch die Welt der Naturgeister reiste und zum anderen seinen menschlichen Körper, der leblos im Wald zurückgeblieben war. Der Vater seines Zwergenfreundes Tirai hatte versucht, ihm zu erklären, dass es sich bei dem Körper, in dem er sich jetzt befand, um seinen Geistkörper handelte. So richtig konnte Benjamin das immer noch nicht begreifen. Der Junge wusste lediglich, dass er die sieben Regenbogensteine finden musste, damit beide Körper wieder zu einem Ganzen zusammengefügt werden konnten. Nur so würde er jemals wieder in die Welt der Menschen zurückkehren können!
Benjamin lächelte, als er an den Zwergenjungen und die kleine grüne Elfe dachte. Wer weiß, was aus ihm in dieser wunderlichen Welt geworden wäre, wenn er nicht die zwei Naturgeister kennengelernt hätte? Tirai und Elvora waren schnell seine Freunde geworden und hatten sich sofort bereit erklärt, ihm bei der Suche nach den sieben Regenbogensteinen zu helfen. Drei dieser Steine hatten sie schon gefunden. Den ersten Regenbogenstein hatte Tirai im Gras einer Bergwiese entdeckt, auf der EliSol, die Wächterin des Regenbogens, die drei Freunde nach ihrem Besuch im Regenbogenland abgesetzt hatte. Es war ein rot leuchtender Kristall. Den zweiten Regenbogenstein, ein orangefarbiger Kristall, hatte ihnen leider eine Gruppe von Mangel-Wichteln direkt vor der Nase weggeschnappt. Aber mit Hilfe von Elvoras Elfenstaub war Benjamin unsichtbar geworden und hatte der Wichtelbande den Stein wieder abgenommen. Den dritten Regenbogenstein, ein gelber Kristall, hatte ihm das Volk der grauen Bergzwerge geschenkt, weil er geholfen hatte, die Diebstähle ihrer Heil- und Kraftsteine aufzuklären. Trotzdem fehlten Benjamin immer noch vier Regenbogensteine.
Der Menschenjunge seufzte bei diesem Gedanken. Er sehnte sich nach seinen Eltern und Freunden, auch wenn er die Zeit im Reich der Naturgeister bisher sehr genossen hatte. Langweilig war es nämlich in der Welt hinter dem Licht, wie die Naturwesen ihre Heimat nannten, keine Sekunde gewesen. Ein Abenteuer hatte das Nächste gejagt und Benjamin hatte dabei viele seltsame Gestalten kennengelernt. Schmunzelnd erinnerte er sich an den ständig plappernden Säuselwurm Otto, den Feuerkobold Krixks, die unheimlichen Torwächter und natürlich … an den Wassermann Obo.
Als hätte Obo Benjamins Gedanken gelesen, schoss dieser plötzlich direkt vor ihm aus dem Wasser des Bergsees und spritzte den Jungen dabei nass.
„Hey, du müde Schuppe! Bist du endlich aufgewacht?“, rief der Wassergeist in seiner unnachahmlichen langsamen Sprechweise. „Heute wird ein schöner Tag. Ich spüre in meinen Schwimmhäuten, dass es bald anfangen wird zu regnen. Ich freue mich schon auf einen kräftigen Regenguss.“
Skeptisch richtete Benjamin seinen Blick zum Himmel. Nach Regen sah es nun wirklich nicht aus.
„Ich glaube, du irrst dich, Obo“, antwortete der Menschenjunge. „Sieh doch! Überall ist blauer Himmel. Es ist das schönste Wetter.“
„Du glaubst mir nicht?“ Entrüstet blickte Obo den Jungen an. Dabei traten seine Glubschaugen vor Empörung noch weiter hervor als sonst. „Dir ist schon klar, dass ich ein Wassermann bin?“
„Ja, ja“, stammelte Benjamin, der über die heftige Reaktion seines Freundes erschrocken war. Erneut warf er einen Blick in den Himmel. „Nirgends ist auch nur das kleinste Wölkchen zu entdecken. Wie kommst du darauf, dass es bald regnen …“ Der Menschenjunge verstummte, denn er hatte auf einmal das Gefühl, dass es besser war, nicht weiterzureden.
Obo, der bisher immer ruhig und freundlich gewesen war, begann nämlich auf einmal sein Aussehen zu verändern. Es schien, als würde der gesamte Körper des Wassermanns plötzlich aufquellen. Außerdem fing sein Gesicht an, sich vor Wut mehr und mehr zu verzerren. Beunruhigt verfolgte der Junge, wie Obo tatsächlich immer größer wurde. Dabei wurde er den Eindruck nicht los, dass sich der Körper seines Freundes mit Wasser vollsog.
„Ääh, ist schon gut, Obo. Du brauchst dich nicht aufzuregen. Ich wollte dich nicht beleidigen“, rief Benjamin schnell, um den Wassermann zu beruhigen. Doch dafür war es bereits zu spät!
„Du wolltest mich nicht beleidigen?“, schrie Obo wütend. „Und was war das eben?“
Zum Entsetzen des Menschenjungen hörte der Wassermann überhaupt nicht auf anzuschwellen. Wie ein Gummitier, das man zu stark aufgeblasen hatte, ragte Obo inzwischen hoch aus dem Wasser und schwankte dabei gefährlich hin und her.
„Bitte beruhige dich wieder“, bettelte Benjamin. „Ich entschuldige mich auch bei dir.“
Während der Menschenjunge verzweifelt auf seinen Freund einredete, ertönte plötzlich Tirais Stimme neben ihm. Ohne, dass Benjamin es bemerkt hatte, war der kleine Zwerg an seiner Seite aufgetaucht und deutete verwundert auf Obos riesigen Körper: „Was für Spielchen treibt ihr beide denn hier?“
„Wir … blubberblubber … treiben hier keine … blubber … Spielchen!“
Tirai und Benjamin konnten deutlich sehen, dass es dem Wassermann in seinem aufgequollenen Körper immer schwerer fiel zu sprechen.
„Benjamin hat … blubber … behauptet, dass ich … blubberblubber … kein Wetter vorhersagen kann. Ich glaub … blubber … ich platze gleich vor Wut.“ Obos langsamer Sprechweise zu folgen, war schon schwer genug. Doch nun mischte sich auch noch ein Blubbern und Gurgeln mit in seine Worte … durch diese Geräusche war der Wassermann fast gar nicht mehr zu verstehen.
„Wie konntest du nur so etwas sagen?“ Entsetzt sah Tirai seinen Freund Benjamin an.
„Das habe ich nicht mit Absicht gemacht. Ich habe doch nur gesagt …“ Viel weiter kam Benjamin nicht, denn im selben Augenblick zerplatzte Obos aufgeblasener Körper. Dabei ergoss sich ein riesiger Schwall Wasser über den Menschenjungen und riss diesen zu Boden.
„Oh, man! Was war das denn?“, rief Benjamin, während er seine nassen Haare schüttelte. Gleichzeitig sah der Junge sich nach dem Wassermann um. Als er diesen nirgends entdecken konnte, sprang er voller Sorge auf und jagte ins Wasser.
„Ist alles in Ordnung mit dir, Obo? Hast du dich verletzt? Nun sag doch bitte etwas!“ Verzweifelt hielt Benjamin nach dem Wassermann Ausschau … doch vergeblich. Stattdessen erklang Tirais genervte Stimme hinter ihm.
„Das hast du ja prima hinbekommen“, beschwerte der Zwerg sich. „Ärgerst den armen Obo so sehr, dass er platzt.“
Pitschnass stand Tirai am Ufer des Sees und pulte sich mit den Fingern das Wasser aus den Ohren. „Hast du eigentlich mitbekommen, dass ich über die halbe Wiese geschwemmt worden bin?“
„Das ist mir völlig egal!“, fuhr Benjamin seinen Freund gereizt an. „Viel wichtiger ist im Augenblick, ob Obo etwas passiert ist.“
„Was ist denn hier los?“, ertönte im selben Moment die Stimme von Elvora. „Euch kann man auch keine fünf Minuten aus den Augen lassen.“ Mit belustigter Miene schwebte die kleine Elfe über ihren beiden Freunden. „Womit habt ihr zwei denn Obo geärgert? Ich habe schon lange keinen Wassermann mehr gesehen, der vor Wut so groß geworden ist.“
„Ich habe nichts damit zu tun“, beteuerte Tirai und deutete stattdessen auf den Menschenjungen: „Da musst du schon Benjamin fragen.“
„Das war ein Versehen, wirklich! Das musst du mir glauben!“, versicherte der Menschenjunge seiner Freundin, während er immer noch verzweifelt das Wasser absuchte. „Ich habe Obo doch nur gesagt … ich kann mir nicht vorstellen, dass es bald regnen wird.“
„Und ich glaube“, erklärte Elvora, während sie auf Benjamins Schulter landete, „dass du damit Obos Stolz verletzt hast. Du weißt es sicherlich nicht, aber alle Wassermänner sind sehr stolz darauf, dass sie das Wetter genau vorhersagen können. Außerdem hast du Glück gehabt, dass Obos Familie deine Worte nicht gehört hat. Wassermänner und Wasserfrauen können bei solchen Beleidigungen sehr aufbrausend werden. Wahrscheinlich hätten sie sich fürchterlich aufgeregt und den Rest des Tages meterhohe Wellen ans Ufer schwappen lassen. Ich kann dir Geschichten von Wassermännern erzählen, die in ihrer Wut ganze Landstriche überflutet haben. In solchen Momenten sollte man sich besser nicht zu dicht am Rand eines Sees aufhalten.“
Benjamin schluckte und blickte dann langsam auf seine Füße, die immer noch im Wasser standen. Auf einmal hatte er es sehr eilig, wieder an Land zu kommen. Doch auch am Ufer ließ den Menschenjungen die Sorge um den Wassermann nicht los.
„Sollten wir nicht doch nachsehen, ob Obo sich verletzt hat?“ Flehend schaute der Junge seine zwei Freunde an. „Schließlich ist er ja … geplatzt.“
„Du brauchst dir keine Sorgen um mich zu machen!“, ertönte es plötzlich vom Wasser her. „Mir ist nichts passiert. Und beruhigt habe ich mich auch wieder.“
Schnell drehte der Menschenjunge sich zu Obo um. Benjamin fiel ein Stein vom Herzen, als er seinen Freund gesund und munter aus dem Wasser ragen sah. Mit Erleichterung stellte er fest, dass dieser wieder seine normale Körpergröße angenommen hatte.
„Du, Obo“, begann Benjamin sich sofort zu entschuldigen, „ich habe das nicht so gemeint, als ich sagte …“
„Ist schon gut!“ Sein Freund winkte mit einer lässigen Handbewegung ab. „Ich habe das auch nicht so gemeint. Es ist nur so … wenn wir Wassermänner erst einmal anfangen, wütend zu werden, dann saugen sich unsere Körper mit Wasser voll und schwellen immer mehr an, ohne dass wir es verhindern können. Irgendwann platzen wir dann vor Wut. Was dabei herauskommt, hast du gerade selber erlebt. Aber ich denke, meine Wut ist jetzt weg … obwohl?“
Obo verstummte und setzte plötzlich ein nachdenkliches Gesicht auf. „Ich glaube, ich spüre da noch ein wenig Verärgerung. Wenn ich wieder größer werde, dann musst du mir sofort Bescheid sagen.“
„Äh, ja. Klar! Das mache ich“, antwortete Benjamin und ließ seinen Blick angespannt über Obos Körper schweifen. Dieser schien nicht erneut anzuschwellen … oder etwa doch? War Obo nicht gerade ein wenig größer geworden? Beunruhigt verfolgte der Menschenjunge jede Bewegung des Wassermannes.
„Benjamin, es ist alles gut. Du kannst dich entspannen“, flüsterte Elvora dem Jungen ins Ohr. „Obo hat sich nur einen Scherz mit dir erlaubt.“
„Bist du dir da sicher?“ Zweifelnd sah Benjamin seine Freundin an.
„Ganz sicher. Verlass dich ruhig auf mich!“, antwortete das kleine Elfenmädchen, während sie auf Obos grinsendes Gesicht deutete.
„Puuuh! Da bin ich aber froh.“ Der Menschenjunge seufzte erleichtert auf. Doch bereits im nächsten Augenblick kam ihm ein anderer beunruhigender Gedanke. Mit angespannter Miene wandte er sich an Tirai und Elvora: „Eines würde ich gerne von euch wissen. Könnt ihr beide so etwas auch?“
„Was können wir auch?“, fragte Tirai.
Der Zwergenjunge hörte auf, sich wie ein nasser Hund zu schütteln, und schaute seinen Freund verwundert an.
„Nun, ja …“ Benjamin druckste ein wenig herum. „Könnt ihr auch anschwellen und so groß werden, wenn ihr wütend seid?“
„Natürlich!“, versicherte ihm Tirai mit ernstem Gesicht. „Du solltest mich einmal erleben, wenn ich richtig wütend bin. Dann werde ich so groß wie ein Riese und walze alles platt, was mir in die Quere kommt.“ Mit hochgezogenen Schultern begann der Zwerg, durchs Gras zu stampfen, und ahmte dabei eine kräftige, furchterregende Gestalt nach.
„Tirai! Hör auf! Erzähl Benjamin nicht so einen Blödsinn“, schimpfte Elvora und warf ihrem Freund dabei vorwurfsvolle Blicke zu.
„Du kannst ganz beruhigt sein“, wandte das Elfenmädchen sich dann an den Jungen. „Wir Elfen und Zwerge können so etwas nicht.“ Verständnislos schüttelte Elvora ihren Kopf, als sie sah, dass Tirai sich lachend im Gras wälzte. „Das können nur wenige Naturwesen“, fuhr sie fort, „wie zum Beispiel Wassermänner oder wilde Wolkenwichtel.“
Benjamin stutzte. Wo hatte er nur von den wilden Wolkenwichteln schon einmal gehört? Grübelnd starrte er zum Himmel.
„Ich hab´s!“, rief der Menschenjunge plötzlich. „Jetzt weiß ich, wer uns von den wilden Wolkenwichteln erzählt hat. Es war EliSol. Sie hat davon gesprochen, dass uns die wilden Wolkenwichtel sagen können, wann und wo der nächste Regenbogen erscheint. Jetzt wissen wir zumindest, wer uns helfen kann, die restlichen Regenbogensteine zu finden.“
Begeistert klatschte Benjamin in die Hände: „Lasst uns auf die Suche nach den wilden Wolkenwichteln gehen!“
„Nicht so schnell“, unterbrach Tirai den Jungen in seinem Eifer. „Ich weiß nicht, ob das eine so gute Idee ist.“ Der Zwerg kratzte sich am Kopf und warf dem Elfenmädchen dabei nachdenkliche Blicke zu.
„Ich muss Tirai recht geben“, pflichtete Elvora dem Zwergen-jungen bei. „Wir sollten es uns genau überlegen, ob wir die wilden Wolkenwichtel aufsuchen.“
„Was ist denn mit euch beiden los?“ Benjamin war von dem seltsamen Verhalten seiner Freunde genervt. „Warum sollen wir uns nicht auf die Suche nach den Wolkenwichteln machen?“
Statt ihm zu antworten, begannen die beiden Naturgeister, leise miteinander zu tuscheln.
„Vielleicht kann ich es dir erklären?“, mischte sich nun Obo in die angespannte Stimmung ein. „Die wilden Wolkenwichtel sind eher unangenehme Naturgeister. Du hast eben selber gesehen, was passiert, wenn wir Wassermänner uns aufregen, und ich glaube nicht, dass du miterleben möchtest, wenn die Wolkenwichtel wild werden. Gegen diese Typen erzeugen wir nur kleine Wasserspiele.“
„So schlimm werden diese Kerle dort oben in den Wolken schon nicht sein.“ Benjamin winkte mit einer lässigen Hand-bewegung ab. „Viel wichtiger ist, dass wir die restlichen Regen-bogensteine finden. Oder habt ihr eine bessere Idee?“ Fragend schaute der Junge in die Runde.
Tirai und Elvora senkten schweigend ihre Blicke. Weder die kleine Elfe noch der Zwergenjunge hatten die geringste Ahnung, wo sie nach den restlichen Regenbogensteinen suchen sollten. Andererseits verspürten die zwei aber auch keine Lust, die wilden Wolkenwichtel aufzusuchen. Doch wie sollten sie das ihrem Menschenfreund erklären?
„Bist du dir sicher, dass du dich zu den wilden Wolkenwichteln wagen willst? Obwohl diese Kerle noch wütender werden können als Wassermänner?“, fragte Elvora und hoffte dabei insgeheim, dass Benjamin es sich anders überlegen würde.
„Natürlich!“, stieß der Menschenjunge hervor. Das zögerliche Verhalten seiner beiden Freunde begann ihn immer mehr zu ärgern.
„Dir ist schon klar, dass wir dafür hoch in die Wolken müssen?“, hakte die kleine Elfe nochmals nach.
„Mhmm …“, brummte der Junge. Ihm dämmerte gerade, dass er sich über diesen Punkt noch gar keine Gedanken gemacht hatte.
„Und dir ist auch bewusst, dass du trotz deiner Höhenangst dort oben auf den Wolken herumspazieren musst?“ Dieses Mal hatte Elvora mit ihren Worten direkt ins Schwarze getroffen.
„Nun, ja … eigentlich … nein!“ Benjamin zögerte und warf dabei einen unsicheren Blick in Richtung Himmel. Daran hatte er überhaupt nicht gedacht. So ein Mist!
„Also gut …“, seufzte der Menschenjunge resigniert. „Ihr habt gewonnen. Es macht keinen Sinn. Wir werden uns wohl etwas anderes überlegen müssen.“ Niedergeschlagen hockte Benjamin sich ins Gras. Irgendwie schienen sich alle gegen ihn verschworen zu haben.
Elvora und Tirai sahen sich triumphierend an. Sie hatten es geschafft! Benjamin hatte endlich seine wahnwitzige Idee aufgegeben.
Als die beiden Naturgeister jedoch bemerkten, wie unglücklich der Junge aussah, bekamen sie plötzlich ein schlechtes Gewissen. Ihr Freund schien auf einmal allen Mut verloren zu haben.
„Hey, Benjamin, so war das nun auch nicht gemeint“, versuchte das Elfenmädchen, den Jungen aufzumuntern. „Ich habe mir nur Sorgen gemacht, dass die wilden Wolkenwichtel dir …, dir …“
Irgendwie wollten Elvora nicht die passenden Worte einfallen, „… dir einfach zu wild sind.“
„Ja, ja. Ist schon gut“, murmelte Benjamin, während er unglücklich zu Boden starrte. „Ich hatte mich nur so gefreut, endlich eine heiße Spur zu haben.“
„Hey, Kumpel, lass jetzt bloß nicht den Kopf hängen!“ Aufmunternd klopfte Tirai seinem Freund auf die Schulter. „Wir werden bestimmt einen anderen Weg finden. Oder? Was sagst du dazu, Elvora?“
Angestrengt begann die Elfe zu überlegen. Aber ihr wollte einfach keine Lösung einfallen. Von welcher Seite sie das Problem auch betrachtete … es blieb dabei: Die wilden Wolkenwichtel waren im Augenblick die einzige Spur zu den restlichen Regenbogensteinen. Sollten sie es vielleicht doch wagen?
Unsicher warf das Elfenmädchen einen Blick zum Himmel. Wohl war ihr bei diesem Gedanken nicht. Sie war bisher immer froh gewesen, die wilden Wolkenwichtel aus sicherer Entfernung beobachten zu können. Schließlich waren diese Kerle schon von der Erde aus fürchterlich anzusehen, wenn sie in den Gewitter-wolken umhertobten.
„So leid es mir tut, aber wir haben keine Wahl“, gestand Elvora nach einer Weile. „Im Augenblick sehe ich auch keine andere Lösung. Vielleicht sollten wir uns doch auf den Weg zu den wilden Wolkenwichteln machen?“
Ungläubig starrte Tirai die kleine Elfe an. Mit dieser Antwort hatte er nun überhaupt nicht gerechnet.
„Vorher müssen wir aber noch Benjamins Problem mit der Höhenangst lösen“, erklärte das Elfenmädchen weiter. „Doch dazu brauchen wir jemanden, der sich mit Ängsten auskennt …“
„Also ich wüsste jemanden, der euch bei diesem Problem helfen kann“, schaltete sich Obo ein. „Niemand weiß besser über Ängste Bescheid.“
Neugierig sahen die drei den Wassermann an.
„Erzähl schon! Wer ist es?“, rief Tirai ungeduldig. „Ich hoffe nur, dass wir dafür nicht bis zum Grund des Bergsees tauchen müssen.“
„Nein, nein“, entgegnete Obo. „Da könnt ihr ganz beruhigt sein! Am Ende des Sees liegt ein kleines Moorgebiet. Dort lebt eine alte Unke. Es wird erzählt, dass sie in ihrem Leben schon Hunderte von Menschen beinahe zu Tode erschreckt hat. Wie viel davon wahr ist, weiß ich nicht … aber ich denke, ihr findet keine bessere Expertin für Ängste als Kröten-Unki.“
„Oh, nein“, stöhnte der Zwerg. „Das hat mir noch gefehlt … eine Unke! Die sollen noch schlimmer sein als Moorsirenen. An unser Treffen mit dem Sirenenmädchen könnt ihr euch doch sicherlich noch erinnern, oder?“
Natürlich hatten Benjamin und Elvora ihren Streit mit der Moorsirene nicht vergessen. Die Sirene war von dem Steinedieb Yarrish in einem Sack verschleppt worden und hatte geglaubt, dass Tirai für ihre Entführung verantwortlich gewesen war. Es hatte Elvora viel Überredungskunst gekostet, das Sirenenmädchen von der Unschuld ihres Zwergenfreundes zu überzeugen.
„Ich glaube, Tirai, du siehst das viel zu schwarz“, rief Benjamin entschlossen und fegte damit alle Bedenken beiseite. „Worauf warten wir noch? Lasst uns die Unke suchen!“
Energisch sprang der Menschenjunge auf. „Zeigst du uns den Weg, Obo?“
„Na klar!“ Der Wassermann verzog grinsend seinen Mund und machte einen Hechtsprung aus dem Wasser. Dann führte er die drei Freunde am Seeufer entlang in Richtung Moor.
Während Benjamin, Elvora und Obo sich fröhlich miteinander unterhielten, trottete Tirai missmutig hinter seinen Freunden her. Genervt schoss der Zwerg immer wieder kleine Steinchen mit dem Fuß durch die Luft. „Das war wieder klar“, grummelte er. „Von allen Naturgeistern, die hier leben, kann uns ausgerechnet nur eine Unke helfen. Wir werden uns mächtigen Ärger einhandeln. Das spüre ich.“
Nach einer Weile blieb der Zwerg stehen. „Hey, hört ihr mir eigentlich zu?“ Entrüstet starrte er seinen Freunden nach. Doch die hatten sein ständiges Genörgel satt und marschierten einfach weiter.
„Ich warne euch! Ihr werdet schon sehen, was ihr davon habt“, rief Tirai erneut. Doch niemand schien seine Worte zu beachten. Deshalb fasste der Zwerg nach kurzem Überlegen einen Entschluss: Er würde seinen Freunden nicht ins Moor folgen! Beleidigt blieb er stehen.
„Wo bleibst du?“ Winkend forderte Benjamin den Zwergenjungen auf, sich zu beeilen. „Komm schon! Trödel nicht so.“
Doch Tirai tat so, als hätte er seinen Freund nicht gehört.
Schließlich kam der Menschenjunge atemlos angelaufen. „Was ist denn nur los mit dir?“
„Ich komme nicht mit!“, antwortete der Zwerg. Dabei starrte er eingeschnappt über das Wasser des Bergsees.
„Aber warum denn?“ Verständnislos sah der Junge seinen Freund an.
„Wir Zwerge verstehen uns mit den Moorbewohnern nicht besonders gut. Hast du vergessen, wie wütend das Sirenen-mädchen auf mich gewesen ist?“ Tirai verstummte kurz, dann platzte es aus ihm heraus: „Und überhaupt … jedes Zwergenkind weiß, dass Unken und Zwerge sich nicht mögen.“
„Vielleicht ist diese Unke ganz anders als du denkst?“, versuchte Benjamin, seinen Freund umzustimmen. „Die Moor-sirene war doch zum Schluss auch ganz freundlich zu uns. Sicherlich ist Kröten-Unki genauso nett.“
„Ich lache mich kaputt … eine nette Unke.“ Tirai schüttelte über so viel Naivität seinen Kopf. „Es gibt keine netten Unken! Was hast du denn für Vorstellungen von diesen alten Schachteln?“
„Bisher waren doch die meisten Naturgeister, die wir getroffen haben, ganz freundlich zu uns“, erwiderte der Menschenjunge.
„Und?“ Herausfordernd sah der Zwerg den Jungen an. „Wie viele Unken hast du schon in deinem Leben kennengelernt? Das würde ich gerne von dir wissen.“
„Öhhh, ja …“, stammelte Benjamin verlegen. „Bisher ist mir noch keine Unke begegnet.“
„Siehst du!“, antwortete Tirai. „Und dann willst gerade du mir erzählen, dass wir auf eine nette Unke treffen?“ Der Zwergenjunge rollte mit den Augen und verschränkte seine Arme vor der Brust. „Meine Entscheidung steht fest. Ich warte hier!“
Elvora, die sich inzwischen zu den beiden gesellt hatte, wandte sich nachdenklich an Benjamin: „Vielleicht hat Tirai recht? Ich habe auch schon von dem Gerücht gehört, dass Zwerge und Unken sich nicht besonders gut verstehen.“
Mit fragendem Blick sah die Elfe den Zwerg an: „Du willst wirklich hierbleiben?“
Tirai nickte nur.
„Dann müssen wir unser Glück wohl alleine versuchen.“ Entschlossen wandte Elvora sich um. „Komm, Benjamin! Wir zwei werden diese Unke auch ohne Tirais Hilfe finden.“ Und schon sauste sie davon.
Der Menschenjunge blieb noch einen Moment lang unschlüssig stehen, dann zuckte er mit den Schultern und eilte dem Elfen-mädchen hinterher.
„Hey, nicht so schnell!“, rief Benjamin nach einer Weile atemlos. „Warte auf mich!“
„Tut mir leid! Für einen kurzen Moment hatte ich dich völlig vergessen“, entschuldigte sich Elvora, wobei sie genervt in Richtung ihres Zwergenfreundes blickte. „Aber ich habe mich gerade ziemlich über Tirai geärgert. Manchmal verstehe ich diesen Kerl nicht. Auf der einen Seite will er immer der Mutigste sein und auf der anderen Seite hat er dann Angst vor einer Unke.“ Das Elfenmädchen schüttelte verständnislos ihren Kopf.
Doch bereits nach kurzer Zeit hatte Elvora ihre gute Laune wiedergefunden. Fröhlich lachend, umrundete sie Benjamin und rief: „Es kann nicht mehr weit sein! Ich habe schon den typischen Geruch des Moores in der Nase.“
Und tatsächlich! Hinter der nächsten Biegung erblickten Benjamin und Elvora das Moorgebiet, von dem Obo gesprochen hatte.
Der Wassermann, der neben den beiden her geschwommen war, deutete auf einen alten, knorrigen Stamm in der Ferne: „Seht ihr den abgestorbenen Baum da hinten?“
Der Junge und die Elfe nickten.
„Dort lebt Kröten-Unki“, erklärte Obo. „Den Rest des Weges müsst ihr alleine gehen. Ich werde nicht weiter mitkommen … schließlich will ich mir nicht den ganzen Tag verderben.“ Mit diesen Worten tauchte er ab.
„Was soll das denn heißen? Er will sich nicht den ganzen Tag verderben?“ Beunruhigt sah Benjamin seine kleine Freundin an. „Jetzt haben sich schon zwei von unseren Freunden einfach aus dem Staub gemacht. Gibt es vielleicht doch noch etwas, was du mir über Unken erzählen solltest?“
Das Elfenmädchen kicherte geheimnisvoll. „Das wirst du in Kürze selber herausfinden, mein lieber Benjamin.“ Dann sauste sie davon, um aus der Luft nach einem Weg zu suchen, der zu dem knorrigen Baumstamm führte.
Dem Menschenjungen blieb nichts anderes übrig, als auf die Rückkehr von Elvora zu warten. Je länger der Junge dabei über das seltsame Verhalten von Tirai und Obo nachdachte, desto nervöser wurde er.
Allzu lange brauchte Benjamin jedoch nicht zu grübeln, denn das kleine Elfenmädchen kam bereits nach kurzer Zeit wieder angeflitzt. „Folge mir!“, rief sie. „Ich glaube, ich habe einen Weg zu dem abgestorbenen Baum gefunden.“
„Du glaubst es nur?“ Der Junge starrte verunsichert auf den morastigen Boden zu seinen Füßen. „Und wenn du dich irrst, dann habe ich wohl Pech gehabt und versinke im Moor. Oder wie soll ich deine Worte verstehen?“
„Es wird schon gut gehen!“, versicherte Elvora ihrem Freund.
„Du hast gut reden. Schließlich bist du in der Luft in Sicherheit.“ Benjamin blickte nervös zu Boden und setzte vorsichtig einen Fuß vor den anderen. Als es plötzlich neben ihm im Moor blubbert, fuhr der Junge erschrocken zusammen. „Was war das?“
„Ach, das war nur ein Blubber-Kramb“, antwortete das Elfenmädchen beiläufig. „Den brauchst du nicht weiter zu beachten.“
„Was ist denn nun schon wieder ein Blubber-Kramb?“ Der Menschenjunge starrte misstrauisch auf einige Bläschen, die aus dem Morast aufstiegen.
„Blubber-Krambs befreien das Moor von Gasen, die sich bilden, wenn Pflanzen vermodern“, begann die Elfe zu erklären. „Meistens lassen die Blubber-Krambs diese Gase genau in dem Moment aufsteigen, wenn sich Fremde nähern.“
„Dann wollen die Blubber-Krambs damit also die Leute erschrecken?“
„Nein!“, kam Elvoras lachende Antwort. „Das machen sie nur, um ihre Ruhe zu haben. Sie hassen es, wenn ständig Menschen durch ihr Moor laufen, und lassen sich einiges einfallen, um diese zu vertreiben.“
„Was lassen sie sich denn sonst noch einfa…“ Weiter kam Benjamin nicht, denn neben ihm stieg auf einmal eine große Blase aus dem Moor auf und zerplatzte.
„Igitt!“, stieß der Junge aus, als er plötzlich über und über mit Matsch bespritzt war.
„DAS … lassen sie sich zum Beispiel einfallen“, rief Elvora ihrem Freund kichernd aus sicherer Entfernung zu. Sie selbst hatte sich vor den Schlammspritzern gerade noch in die Höhe retten können.
Benjamin wischte sich angeekelt den Dreck von der Hose. „Vielleicht hätte ich nicht fragen sollen“, murmelte der Junge, während er mit angespannter Miene seine Umgebung beobachtete. „Ich hoffe, es gibt hier im Moor nicht noch mehr solcher Überraschungen.“
Während der Menschenjunge seiner kleinen Freundin mit wachsender Nervosität folgte, ließ diese sich nicht aus der Ruhe bringen. Unermüdlich kundschaftete sie den Weg aus. Dabei wechselte die Elfe ständig die Höhe. Mal flog sie hoch über Benjamins Kopf, dann wiederum sauste sie dicht über dem Erdboden entlang.
Nachdem der Junge unzählige Umwege gelaufen war und schon nicht mehr geglaubt hatte, jemals zu dem alten, knorrigen Baum zu gelangen, hatten die zwei schließlich ihr Ziel erreicht.
„Wir sind da!“ Freudestrahlend deutete Elvora auf den abgestorbenen Stamm, von dem nur noch einige abgebrochene Äste wie Geisterarme abstanden.
„Und wo ist diese Kröten-Unki?“, brummte Benjamin, während er missmutig umherblickte. „Hier ist sie jedenfalls nicht. Wie finden wir die Unke denn jetzt?“
„Unken lassen sich nicht finden“, erklärte Elvora dem Jungen. „Kröten-Unki wird sich uns schon zeigen. Aber nur dann, wenn sie es will. Wir beide können im Augenblick nichts anderes tun, als hier zu warten.“
„Noch so eine tolle Neuigkeit“, knurrte Benjamin verärgert. „Hoffentlich lässt die Unke sich nicht ewig Zeit!“
Kaum hatte der Menschenjunge diese Worte ausgesprochen, da ertönte auf einmal eine krächzende Stimme: „Ooh, ooh, da hat es aber jemand eilig.“
Verwundert schaute Benjamin sich um … doch es war niemand zu sehen!
„Hast du das auch gehört, Elvora?“
„Natürlich!“, antwortete die kleine Elfe. „Kröten-Unki scheint also doch zu Hause zu sein.“
„Was habt ihr beide denn gedacht?“, erklang die schnarrende Stimme erneut. „So laut, wie ihr hier herumgeschrien habt, wissen jetzt auch die letzten Krambs im tiefsten Matschloch, dass ihr zu mir wollt.“ Mit diesen Worten löste sich ein Schatten vom Baumstamm.
Entgeistert starrte Benjamin auf die sonderbare Gestalt, die ihm entgegen geschlurft kam. Die alte Unke war ungefähr genauso groß wie er, hatte aber einen dürren, ausgemergelten Körper. Auf ihren knochigen Beinen stelzte sie heran und fuchtelte dabei ständig mit ihren dünnen Ärmchen in der Luft herum. Für den Jungen sah die Alte wie eine Hexe aus. Schaudernd wich er einen Schritt zurück.
„Wen haben wir denn hier?“, krächzte Kröten-Unki und piekte Benjamin mit einem ihrer Spinnenfinger vor die Brust.
Entsetzt zuckte der Junge zusammen. Die alte Unke sah nicht nur hässlich aus, sondern schielte auch noch stark. Während ihr rechtes Auge auf ihm ruhte, zuckte das Linke immer wieder in alle Richtungen davon. Benjamin lief eine Gänsehaut über den Rücken. So hatte er sich Kröten-Unki nun überhaupt nicht vorgestellt.
Elvora dagegen schien das Aussehen der Unke nicht zu stören. Munter umkreiste sie deren Kopf und redete dabei ununterbrochen auf die Alte ein: „Wir sind hier, weil wir deine Hilfe benötigen. Mein Freund Benjamin kann erst wieder in seine Welt zurück-kehren, wenn wir die sieben Regenbogensteine gefunden haben. Deshalb wollen wir die wilden Wolkenwichtel aufsuchen.“ Die kleine Elfe deutete bei diesen Worten zum Himmel. „Wir möchten die Wolkenwichtel bitten, uns einen Regenbogen zu rufen. Doch leider hat unser Plan einen Haken, denn Benjamin hat Höhenangst. Er kann noch nicht einmal auf einen Berg klettern, ohne dabei vor Angst zu erstarren.“
„Und wie soll ich euch dabei helfen?“, unterbrach Kröten-Unki den Redeschwall der kleinen Elfe.
„Obo hat uns erzählt, dass du eine Expertin für Ängste bist. Wir sind hierhergekommen, um dich darum zu bitten, Benjamin von seiner Höhenangst zu befreien.“ Erwartungsvoll wartete Elvora auf eine Antwort der Unke.
„So, so … deshalb seid ihr also hier.“ Die Alte kicherte leise. „Wenn das mal kein Fehler war.“
Genau dasselbe hatte Benjamin auch gerade gedacht. Am liebsten wäre er einfach weggelaufen … doch dazu war es nun zu spät!
„Du möchtest also, dass ich dich von deiner Höhenangst befreie?“ Die Hände in die Seiten gestützt, starrte die Unke den Jungen an.
Benjamin nickte stumm. Zu seinem Entsetzen trat die Alte ganz dicht an ihn heran. Kröten-Unki drehte seinen Kopf so, dass sie ihm direkt in die Augen sehen konnte. Dann flüsterte sie: „Als Erstes müssen wir einmal sehen, ob ich dir helfen darf …“
Mehr bekam Benjamin nicht mehr mit, denn im selben Augenblick wurde ihm schwarz vor Augen. Wie ein nasser Sack fiel er zu Boden.
*
„Was für eine blöde Idee!“, grummelte Tirai, der am Ufer des Bergsees saß. Wütend warf er eine Handvoll kleiner Steinchen ins Wasser. „Als wenn es keine anderen Naturgeister gibt, die Benjamin bei seiner Höhenangst helfen können. Nein! Ausgerechnet eine Unke muss es sein. Wo doch jeder Zwerg weiß, dass mit Unken und Moorsirenen nicht zu spaßen ist.“
Der Zwergenjunge steigerte sich immer mehr in seine Verärgerung hinein. „Ihr beide werdet schon sehen, was ihr davon habt!“, rief er seinen zwei Freunden nach. Doch Benjamin und Elvora waren schon lange außer Sicht … sie konnten ihn nicht mehr hören.
Um sich zu beruhigen, legte Tirai sich ins Gras und fing an, den Himmel zu beobachten. „Sieh an, sieh an, es wird immer wolkiger“, murmelte der Zwerg. „Obo hat also mit seiner Wettervorhersage recht gehabt.“
Je länger Tirai in den Himmel starrte, desto mehr zog ihn die Wolkenlandschaft in ihren Bann. Er entdeckte Gesichter und Gestalten, die sich für wenige Augenblicke zeigten und dann wieder verwehten. Neugierig verfolgte er, wie sich ständig neue Formen und Figuren bildeten. Der Zwergenjunge war so sehr in die Betrachtung der Wolken vertieft, dass er erst nach einer Weile den Gesang bemerkte, der leise an sein Ohr drang. Entspannt schloss er die Augen, um der lieblichen Melodie besser lauschen zu können.
Wer sang hier bloß so wunderbar? Während Tirai aufmerksam horchte, kam ihm plötzlich ein ganz anderer Verdacht. Was war, wenn es sich um den magischen Gesang einer Sirene handelte, die andere Wesen zu sich ins Moor locken wollte?
Der Zwergenjunge überlegte kurz. Nein! Es konnte kein Bannlied sein, denn dann wäre er dieser Magie bereits verfallen und würde der Sängerin wie ein Schlafwandler folgen. Und trotzdem … irgendwie hatte diese Stimme etwas Zauberhaftes an sich.
Entschlossen sprang Tirai auf. Er musste herausfinden, woher der Gesang kam! Die Stimme führte den Zwerg direkt ins Moor. Doch die Suche nach der Sängerin war nicht so einfach, wie er gedacht hatte. Kaum glaubte er, den richtigen Weg eingeschlagen zu haben, da erklang die Melodie auch schon von einer anderen Seite her. Der Zwerg blieb stehen, horchte und wechselte dann die Richtung. So ging es eine ganze Weile hin und her. Immer, wenn er sich sicher war, auf dem richtigen Weg zu sein, ertönte die Stimme aus einer anderen Richtung. Nach einiger Zeit hatte Tirai den Eindruck, fast das halbe Moor durchquert zu haben. Doch das Verwirrspiel stachelte ihn noch mehr an. Er würde diese mysteriöse Sängerin schon finden, denn schließlich hatte er das weltbeste Zwergengehör.
Rastlos huschte Tirai durch die Moorlandschaft. Mehrmals war er sich sicher gewesen, hinter dem nächsten Busch sein Ziel erreicht zu haben. Leider musste er jedes Mal feststellen, dass der Gesang ihn wieder in die Irre geführt hatte.
Nach endlosem Umherlaufen erreichte der Zwerg schließlich eine Wand aus Schilfrohren, die ihm den weiteren Weg versperrte. Tirai hielt inne und lauschte. Dieses Mal war er sich sicher … die geheimnisvolle Sängerin verbarg sich hinter diesen Pflanzen. Also begann er, sich einen Weg durch das Schilf zu bahnen. Doch die Reihen der Halme schienen kein Ende nehmen zu wollen. Während der Zwergenjunge sich langsam vorantastete, erklang der herrliche Gesang immer klarer und deutlicher. Tirai konnte seine Ungeduld kaum noch zügeln. Gleich würde er wissen, zu wem diese wunderschöne Stimme gehörte.
Endlich lichteten sich die Reihen. Der Zwerg schob vorsichtig einige Schilfrohre beiseite und erblickte eine kleine Lichtung. Erstaunt stellte er fest, dass diese nur so vor Tieren und Natur-geistern wimmelte. Alle starrten auf einen Felsen, der aus dem Morast ragte. Ungläubig rieb der Zwerg sich die Augen, als er sah, wer auf diesem Felsen saß. Es war niemand anderes als die Moorsirene, die der alte Yarrish in seinem Sack verschleppt hatte. Sie war also die gesuchte Sängerin!
Schaudernd ließ Tirai seinen Blick umherschweifen. Auf dieser Lichtung schienen sich nur Geschöpfe versammelt zu haben, um die man normalerweise einen großen Bogen machte: Mit Warzen übersäte Kröten, alte Schluffkas mit schlammigen Haaren und verwitterten Gesichtern, züngelnde Schlangen und sogar Blubber-Krambs. Kurzum, alle hässlichen und abstoßenden Wesen des Moores hockten hier friedlich beieinander und lauschten dem Gesang der Moorsirene.
Da der Zwerg in dieser Runde auf keinen Fall stören wollte, trat er leise den Rückzug an. Dabei passierte es! Laut knackend, gaben einige Schilfrohre nach, auf die er versehentlich getreten war. Im selben Moment ruckten sämtliche Köpfe herum und sahen ihn erschrocken an.
„Hallo, wie geht´s denn so?“ Mit gequältem Lächeln winkte Tirai den Tieren und Naturgeistern des Moores zu. Gleichzeitig verfluchte er seine Unvorsichtigkeit. Wieso musste ihm dieses Missgeschick gerade jetzt passieren?
Die Bewohner des Moores sahen den fremden Zwerg verängstigt an, huschten dann blitzschnell davon und waren innerhalb weniger Sekunden verschwunden. Es raschelte noch einen Moment lang, dann war Ruhe. Still und verlassen lag die Lichtung vor dem Zwergenjungen. Lediglich das Sirenenmädchen war auf ihrem Platz geblieben.
Als Tirai sich der Sirene mit zerknirschtem Gesicht näherte, rief diese verärgert: „Du schon wieder?“ Kopfschüttelnd seufzte die Moorsirene: „Womit habe ich das nur verdient?“
„Es tut … tut … tut mir leid“, stammelte Tirai, wobei er sich unbehaglich umsah. „Warum sind alle verschwunden?“
„Das fragst du noch?“ Die Sirene starrte den Zwerg entrüstet an. „Erst belauschst du uns, dann platzt du in unsere friedliche Runde und nun fragst du mich auch noch, warum alle verschwunden sind. Ich fasse es einfach nicht!“ Verständnislos schüttelte sie ein weiteres Mal den Kopf. „Und nun?“
„Was? Und nun?“
„Was willst du hier?“, wollte das Sirenenmädchen genervt wissen. „Seid ihr Zwerge wieder einmal auf der Suche nach jemandem, den ihr in einem Sack verschleppen könnt?“
„Oh nein, nun geht das schon wieder los“, stöhnte Tirai. „Ich dachte, wir hätten dieses Missverständnis geklärt. Du scheinst ziemlich nachtragend zu sein, obwohl ich dir nie etwas getan habe.“
Die Sirene senkte ihren Blick. „Du hast recht! Ich habe dich schon einmal zu Unrecht beschuldigt. Aber ich würde trotzdem gerne wissen, was du hier im Moor zu suchen hast.“
Der Zwerg schluckte kurz.
„Ich habe am Ufer des Bergsees gesessen und deinen Gesang gehört. Da habe ich mich gefragt, wer denn so schön singt …“ Tirais Worte stockten. Gleichzeitig vermied er es, die Moorsirene anzusehen. Dadurch entging ihm auch, dass kurz ein Lächeln über das Gesicht des Sirenenmädchens huschte.
„Du findest meinen Gesang schön?“, fragte die Sirene erstaunt.
„Jaaaa…. das klang gar nicht so übel“, krächzte der Zwerg, wobei ihm fast die Stimme versagte. Die ganze Situation war ihm so peinlich, dass er am liebsten auf der Stelle im Boden versunken wäre.
„Soll ich dir etwas vorsingen?“ Amüsiert beobachtete die Moorsirene, wie der Zwergenjunge nervös mit seinen Fingern spielte. Außerdem schien er die Stimme verloren zu haben.
„Halloooo? Bist du noch da?“, erkundigte sich das Sirenen-mädchen deshalb. „Ich habe dich gerade gefragt, ob ich dir etwas vorsingen soll?“
„Ääh … ja … gerne“, stammelte Tirai und holte tief Luft. „Aber nur, wenn du nichts Besseres vorhast.“
Die Moorsirene lächelte. „Da du gerade mein gesamtes Publikum verjagt hast, habe ich zufälligerweise jede Menge Zeit.“ Bevor der Zwergenjunge etwas antworten konnte, fing die Sirene mit ihrem Gesang an. Tirai hockte sich ins Gras und lauschte verträumt ihrer herrlichen Stimme.
*
Als Benjamin aus seiner Ohnmacht erwachte, war er alleine. Niemand war mehr da! Von der alten Unke und von Elvora fehlte jede Spur.
Nachdenklich kratzte der Junge sich am Kopf. Warum waren die beiden verschwunden? Und wieso hatten sie ihn alleine zurückgelassen?
Der Menschenjunge sprang auf die Beine und schaute neugierig umher. Was war mit ihm passiert? Er konnte sich nur noch daran erinnern, dass ihm plötzlich schwarz vor Augen geworden war.
Während Benjamin noch angestrengt grübelte, wehten auf einmal von allen Seiten Nebelschwaden herbei. Innerhalb kürzester Zeit hatte sich über die gesamte Moorlandschaft ein grauer Schleier gelegt.
„Auch das noch!“, stöhnte der Junge. „Wo kommt denn dieser Nebel auf einmal her?“ Zaghaft versuchte er, einige Schritte zu gehen. Doch der Nebel war am Boden so dicht, dass er kaum seine Füße erkennen konnte. Benjamin spürte, wie Panik in ihm aufstieg. Nicht nur, dass ihn alle verlassen hatten, jetzt steckte er auch noch in diesem verdammten Moor fest.
„Elvora, Elvora, wo bist du?“ Der Junge sah sich nach allen Seiten um … doch er erhielt keine Antwort. Von der kleinen Elfe war nichts zu hören oder zu sehen.
Erneut wagte Benjamin einige Schritte durch den grauen Teppich zu seinen Füßen. „Elvora!“, rief er ein weiteres Mal. „Zeig dich! Du kannst mich doch nicht einfach alleine lassen.“
Der Menschenjunge blieb stehen und horchte. Nichts! Es war nicht das leiseste Geräusch zu hören.
Benjamin schüttelte sich vor Unbehagen. So wie es aussah, befand er sich ganz alleine an diesem unheimlichen Ort. Fröstelnd schlang er die Arme um sich und wartete. Aber nichts geschah. Mit jeder Minute, die verstrich, wurde der Junge nervöser. Was sollte er jetzt machen? Sollte er hier am alten Baum warten, bis der Nebel sich wieder verzogen hatte? Oder sollte er sich auf die Suche nach Elvora machen?
Dann hörte Benjamin auf einmal aus der Ferne eine leise Stimme. Angestrengt begann er zu lauschen. Ja … eindeutig! Da war diese Stimme wieder.
Unruhig trat der Junge von einem auf das andere Bein.
Erneut erklang ein leises Rufen.
Plötzlich stieg in dem Menschenjungen ein beängstigender Gedanke auf. Gehörte diese Stimme etwa zu Elvora? Benötigte die Elfe seine Hilfe?
So sehr Benjamin auch horchte, er konnte einfach nicht fest-stellen, ob es Elvoras Stimme war, die immer wieder leise zu ihm herüber wehte. Durch den Nebel klangen die Worte seltsam verzerrt und dumpf.
Nach kurzem Zögern fasste der Junge schließlich einen Entschluss. Da es Elvora überhaupt nicht ähnlich sah, ihn hier alleine zurückzulassen, konnte dieses nur eines bedeuten: Das Elfenmädchen steckte in Schwierigkeiten und benötigte seine Hilfe!
„Elvora, wo bist du?“, rief der Menschenjunge entschlossen. „Ich komme und helfe dir!“ Mutig begann er, sich durch den Nebel zu tasten. „Puuh, ist das unheimlich!“, entfuhr es ihm dabei, denn er konnte kaum erkennen, wohin er trat. Doch die Sorge um seine Freundin trieb ihn voran.
Abrupt blieb der Junge stehen. Da war sie wieder … die Stimme.
„Hii … e, Hi … e, is … a … ein … a!“
Benjamin beschleunigte seine Schritte. Neben ihm gluckste und blubberte es im Moor. Obwohl dem Jungen bei jedem Geräusch die Nackenhaare zu Berge standen, ließ er sich nicht beirren und eilte weiter. Da geschah es! Sein rechter Fuß steckte plötzlich im Schlamm fest. Voller Panik begann er, an diesem zu zerren … und hatte Glück! Mit einem schmatzenden Geräusch gab das Moor seinen Fuß wieder frei.
„Oh man, das war knapp!“ Erleichtert stöhnte der Menschenjunge auf. „Ich muss vorsichtiger sein und besser darauf achten, wohin ich trete.“
Im selben Augenblick drang die verzerrte Stimme von Elvora erneut an sein Ohr: „Hi … lf … e! Hi … lf … e!“
„Ich komme schon!“, rief der Junge. „Wo bist du?“
Doch niemand antwortete … stattdessen legte sich eine unheimliche Stille über das Moor.
Benjamin hielt seinen Atem an. Hoffentlich kam er nicht zu spät! Zu seiner Erleichterung erklangen im nächsten Moment die Worte: „Hier … her! Schnell! Be … eil … dich!“
„Wo steckst du?“, schrie der Junge. „Ich kann dich nicht sehen!“
„Du … musst … dich … beeilen! Ich … versinke … im … Moor“, ertönte Elvoras dumpfe Stimme links von ihm.
Sofort sprintete Benjamin los. Glücklicherweise wurde der Nebel ein wenig lichter, sodass er einen schmalen Weg erkennen konnte, der auf einen kleinen Erdhügel zuführte. Hastig eilte der Menschenjunge den Pfad entlang. Als er plötzlich ein jämmerliches Schluchzen hörte, gab es für ihn kein Halten mehr. Mit einem Satz sprang er auf den Hügel und kam dort gerade noch schwankend zum Stehen … denn direkt vor ihm befand sich ein Moorloch.
Ungläubig starrte Benjamin auf das Moorloch hinunter. Die Stimme, die ihn hierher gelockt hatte, gehörte überhaupt nicht zu Elvora!
Vor ihm steckte ein fremdes Wesen bis zum Bauch im Morast fest. Und dieses Wesen hatte überhaupt keine Ähnlichkeit mit seiner kleinen Freundin. Im Gegenteil! Benjamin hatte noch nie zuvor eine hässlichere Kreatur gesehen. Wäre die Stimme nicht gewesen, dann hätte er noch nicht einmal gewusst, ob dieses Wesen männlich oder weiblich war. Erschrocken brachte der Junge keinen Ton heraus.
„Hilf mir! Bitte!“ Die gruselige Gestalt streckte ihre knöcherige Hand aus und schaute ihn dabei flehend aus großen, dunklen Kulleraugen an.
Doch Benjamin konnte sich immer noch nicht rühren, denn das Äußere dieses Geschöpfes war zu abstoßend. Das Gesicht der Fremden zeigte eine plattgedrückte Nase mit zwei großen Nasenlöchern und war von völlig verdreckten Haaren durchzogen, die strähnig herabhingen. Am schlimmsten war jedoch die kröten-ähnliche Haut des Wesens. Diese war nicht nur mit Schleim bedeckt, sondern auch mit vielen Beulen und Pickeln übersät. Der Menschenjunge erschauderte vor Ekel und wich einen Schritt zurück.
„Geh nicht weg!“ Bittend streckte die Kreatur erneut ihre Hand nach Benjamin aus. Bei dieser Bewegung sackte ihr Körper tiefer ins Moor ein. Angstvoll schrie sie: „Worauf wartest du noch? Hilf mir! Sonst versinke ich!“
Der Junge schluckte. Am liebsten wäre er auf der Stelle davon-gelaufen. Was sollte er bloß tun? Unschlüssig starrte Benjamin auf die schaurige Gestalt hinunter.
*
Elvora hatte hilflos mit ansehen müssen, wie Benjamins Körper zu Boden gesackt war, nachdem Kröten-Unki dem Jungen tief in die Augen gesehen und dabei einige Worte gemurmelt hatte.
„Was hast du mit ihm gemacht?“, rief die kleine Elfe entsetzt.
„Eigentlich nichts“, kicherte die Unke. „Bevor ich den Menschenjungen von seiner Angst befreien kann, muss ich ihn einer Prüfung unterziehen.“
Als die Alte bemerkte, wie verschreckt das Elfenmädchen sie ansah, begann sie, beruhigend auf diese einzureden: „Du musst keine Angst haben, kleine Elfe. Deinem Freund wird nichts passieren. Sieh nur! Er wacht schon wieder auf.“ Mit ihrem knöcherigen Finger deutete Kröten-Unki auf den Jungen, der gerade seine Augen geöffnet hatte und sich nachdenklich am Kopf kratzte.
„Benjamin, ist alles in Ordnung mit dir?“ Erleichtert flog Elvora direkt vor das Gesicht ihres Freundes. Doch zu ihrer großen Verwunderung kam von dem Menschenjungen keine Antwort. Es schien fast so, als ob dieser sie nicht gehört hätte.
„Hallo, Benjamin, ich bin´s!“ Wild mit den Armen winkend, versuchte das Elfenmädchen, die Aufmerksamkeit des Jungen auf sich zu ziehen … aber auch dieses Mal kam keine Reaktion von ihrem Freund.
„Was hast du mit ihm gemacht?“, wiederholte die kleine Elfe ihre Frage, während sie die Unke wütend anfunkelte.
„Ich sagte dir doch schon … eigentlich nichts.“ Kröten-Unki rieb sich bei diesen Worten freudig die Hände. „Ich will nur sehen, ob es richtig ist, dass ich dem Jungen helfe …“
„Was redest du da?“, unterbrach Elvora die Alte. „Ich will sofort von dir wissen, was du mit ihm gemacht hast!“
„Im Augenblick sieht und hört dein Freund nur das, was ich will.“ Kröten-Unki grinste zufrieden und schnippte dabei mit ihren Fingern. Prüfend verfolgte sie, wie der Menschenjunge darauf reagierte.
Benjamin schien sich genauso zu verhalten, wie die Unke es erwartet hatte, denn er murmelte: „Auch das noch! Wo kommt denn dieser Nebel auf einmal her?“ Verwirrt starrte der Junge auf seine Füße.
„Was ist nun schon wieder passiert?“ Beunruhigt fing das Elfenmädchen an, ihren Freund zu umfliegen.
„Mach dir keine Sorgen! Er sucht nur gerade seine Füße“, antwortete die Alte amüsiert.
„Wieso sucht er denn seine Füße?“ Elvora stöhnte kurz auf. „Ich verstehe hier gar nichts mehr.“
„Das ist doch ganz einfach, meine Liebe.“ Die alte Unke lachte laut und quakte dabei wie eine Kröte. „Überall um deinen Freund herum steigt gerade Nebel auf.“
„Von welchem Nebel redest du? Ich sehe keinen Nebel.“ Elvora schaute Kröten-Unki an, als ob diese nicht mehr ganz richtig im Kopf sei. Die Alte schien völlig durchgeknallt zu sein.
Dem Elfenmädchen blieb jedoch keine Zeit, weiter über Kröten-Unkis seltsames Verhalten zu grübeln, denn plötzlich rief Benjamin ihren Namen.
Das war zu viel für Elvora! Blitzschnell sauste sie auf die Schulter ihres Freundes und brüllte diesem ins Ohr: „Ich bin hier! Direkt neben dir.“
Doch auch das half nichts.
Der Menschenjunge zuckte noch nicht einmal, als Elvora ihm ins Ohr schrie. Stattdessen rief er unentwegt nach ihr … ohne zu bemerken, dass sie längst auf seiner Schulter saß.
In ihrer Verzweiflung begann die kleine Elfe, an Benjamins Ohrläppchen zu zerren und an seinen Haaren zu reißen. Doch egal was Elvora auch veranstaltete, der Junge schien sie weder hören noch sehen zu können.
„Deinem Freund wird nichts passieren. Das verspreche ich dir“, versicherte Kröten-Unki dem Elfenmädchen. „Komm zu mir und lass uns sehen, wie er sich im Moor verhält.“
„Habe ich eine andere Wahl?“ Resigniert ließ Elvora sich auf der ausgestreckten Handfläche der alten Unke nieder. Aufmerk-sam verfolgte sie von dort aus, wie Benjamin einige unsichere Schritte durchs Moor wagte.
„Nun entspann dich endlich!“ Kröten-Unki warf der kleinen Elfe einen aufmunternden Blick zu. „Es ist doch lustig mit anzusehen, wie dein Freund umherirrt.“
„Nein!“, rief Elvora verärgert. „Daran kann ich überhaupt nichts Lustiges finden.“ Am liebsten wäre sie wieder zu Benjamin geflogen, um ihm beizustehen. Doch die Elfe wusste, dass auch dieser Versuch sinnlos sein würde. Sie konnte für ihren Freund im Moment nichts tun.
Benjamin blieb auf einmal stehen und begann, angestrengt zu horchen.
„Was ist denn nun schon wieder los?“, stöhnte Elvora.
„Alles ist gut, meine Liebe“, versuchte Kröten-Unki, das Elfen-mädchen zu beruhigen.
„Die Frage ist nur, für wen alles gut ist?“ Elvora rollte bei diesen Worten genervt mit den Augen.
„Dein Freund hört gerade, wie jemand nach ihm ruft“, erklärte die Unke und tat dabei so, als hätte sie die spitze Bemerkung der Elfe nicht gehört.
„Ooh, da kommt mir eine tolle Idee!“ Die Alte klatschte begeistert in die Hände. „Es ist bestimmt noch interessanter, wenn ich ihn deine Stimme hören lasse. Ja, das mache ich.“ Stumm bewegte sie ihre Lippen.
Elvora konnte sehen, wie Benjamin im selben Augenblick erstarrte. Dann begann ihr Freund, mit hastigen Schritten durchs Moor zu eilen. Dabei passierte es! Der Menschenjunge kam vom Weg ab und versank mit einem Fuß im Morast. Verzweifelt begann er, an seinem Bein zu zerren … doch vergeblich!
Erst auf ein Fingerschnippen von Kröten-Unki hin, gab das Moor den Fuß des Jungen wieder frei.
Als die Elfe das sah, atmete sie erleichtert auf. Nun wusste sie zumindest, dass die Unke nicht zulassen würde, dass ihrem Freund etwas zustieß. Doch bevor sie der Alten danken konnte, wurde die Aufmerksamkeit des Elfenmädchens wieder auf Benjamin gelenkt. Der Junge war inzwischen stehengeblieben. Angestrengt lauschend, ließ er seinen Blick über das Moor schweifen. Dann rief er aufgeregt: „Elvora, wo bist du? Ich komme und helfe dir!“
„Wie machst du das?“ Fassungslos starrte die kleine Elfe Kröten-Unki an.
„Wie mache ich was?“
„Warum sieht Benjamin überall Nebel? Und wieso hört er meine Stimme, obwohl ich gar nicht mit ihm rede?“
„Ach, das meinst du.“ Gelangweilt winkte die Alte ab. „Das ist doch ganz einfach. Ich erzeuge mit meinen Gedanken Bilder vom Nebel und schicke deinem Freund diese Bilder in seinen Kopf. Auf dieselbe Weise lasse ich ihn auch deine Stimme hören.“
Das war doch nicht zu fassen! Woher nahm Kröten-Unki sich das Recht, so mit ihrem Freund Benjamin umzugehen? Empört starrte Elvora die Alte an: „Du weißt schon, dass man so etwas nicht macht?“
Bei diesen Worten lachte die Unke schallend. „Meine Liebe, du hast noch viel zu lernen. Wir Unken arbeiten mit Tricks, von denen du überhaupt keine Ahnung hast. Wichtig ist dabei nur, dass wir unser Ziel erreichen.“
„Und was ist euer Ziel?“, fragte die kleine Elfe gereizt. Sie konnte immer noch nicht glauben, was Kröten-Unki ihr gerade erzählt hatte.
„Unser Ziel ist es, die verborgenen Ängste, schlechten Angewohnheiten und üblen Verhaltensweisen von anderen Wesen ans Licht zu zerren“, antwortete die Alte. „Doch du kannst beruhigt sein. Das mache ich heute mit deinem Freund nicht! Mich interessiert im Augenblick nur, ob er sein Herz auf dem rechten Fleck hat.“ Kröten-Uni kicherte leise und rieb sich vor Vergnügen die Hände.
*
Benjamin starrte auf das sonderbare Geschöpf, das vor ihm im Moor feststeckte. Mit flehendem Blick streckte es dem Jungen seine Hände entgegen. Doch der Menschenjunge konnte sich immer noch nicht dazu durchringen, die schleimige, warzige Hand dieser Gestalt zu ergreifen. Alles an diesem Wesen erzeugte Ekel und Abscheu in ihm.
„Wenn du es dir nicht bald anders überlegst, dann bin ich verloren. Siehst du nicht, wie tief ich schon im Moor eingesunken bin?“ Aus großen Augen schaute ihn die Fremde an. Dann senkte sie den Blick. „Es ist mein Aussehen, nicht wahr?“
Benjamin schluckte und nickte leicht.
„Ich kenne das! Immer, wenn Menschen uns Schluffkas sehen, laufen sie schreiend weg. Das passiert uns ständig.“ Das Geschöpf ließ traurig den Kopf hängen. „Du bist nicht weggelaufen … aber du wirst es tun, nicht wahr?“ Alle Hoffnung war aus dem Gesicht der Schluffka verschwunden.
„Nein! Das werde ich nicht“, rief Benjamin plötzlich mit entschlossener Stimme. „Gib mir deine Hand! Ich helfe dir!“
Die Schluffka konnte kaum glauben, dass der Junge ihr tatsächlich helfen wollte. Fassungslos starrte sie auf die Hand, die ihr entgegengestreckt wurde. „Du hilfst mir? Du hilfst mir wirklich? Danke!“ Blitzschnell, bevor der Menschenjunge es sich anders überlegen konnte, packte sie zu.
Kaum hatte das fremde Wesen seine Hand ergriffen, konnte Benjamin auch schon fühlen, wie der Schleim ihrer Haut zwischen seinen Fingern hervorquoll. Der Junge merkte, dass ihm übel wurde … doch da musste er jetzt durch! Im Augenblick war nur wichtig, dass er dieser seltsamen Kreatur half.
Die Rettung der Schluffka war jedoch nicht so einfach, wie der Junge gedacht hatte. Da ihre Hand extrem glitschig war, rutschte ihm diese immer wieder durch die Finger. Benjamin war jedoch fest entschlossen, auf keinen Fall aufzugeben. Vorsichtig beugte der Junge sich weiter vor. Dadurch gelang es ihm schließlich, die Schluffka mit beiden Händen zu packen. Stück für Stück begann er, ihren Körper aus dem Schlamm zu ziehen.
„Ja! Weiter, weiter“, rief das Moorwesen. „Gleich bin ich frei! Dann hast du mich gerettet.“
Sicherlich hatte die Schluffka es nur gut gemeint und den Jungen mit diesen Worten anspornen wollen … doch Benjamin wäre es lieber gewesen, sie hätte ihren Mund gehalten. Denn kaum hatte die Kreatur angefangen, ihn anzufeuern, da konnte er auch schon ihren verfaulten Atem riechen. Um aus der Reichweite dieses ekligen Mundgeruches zu kommen, nahm der Menschen-junge alle Kraft zusammen und zog mit einem letzten, verzweifelten Ruck. Dieses Mal hatte er Erfolg!
