Das Geheimnis der Zauberschnur - Rüdiger Poll - E-Book

Das Geheimnis der Zauberschnur E-Book

Rüdiger Poll

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Beschreibung

Eigentlich wollte sich Luca nur entschuldigen. Beim Skaten hatte er einen Rollstuhlfahrer gerammt: Theodor Langhans, den Direktor des Stadtmuseums, der an der Glasknochenkrankheit leidet. Doch bei dem einen Besuch bleibt es nicht. Theodor öffnet für Luca eine Zauberwelt. Zu jedem Treffen hält er eine Story parat, die in ferne Zeiten führt und schillernde Persönlichkeiten wie auf einem Schnürchen aneinanderreiht. Was soll Luca damit anfangen? Er hat genügend eigene Probleme – in der Schule, zu Hause und im Sportverein. Behutsam greift Theo Lucas Sorgen auf, spiegelt sie an vergangenem Geschehen. Bis Luca das Heft selbst in die Hand nimmt. Aber das Geheimnis der Zauberschnur wird erst am Ende gelüftet.

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Seitenzahl: 147

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2025 novum publishing gmbh

Rathausgasse 73, A-7311 Neckenmarkt

[email protected]

ISBN Printausgabe: 978-3-99130-831-7

ISBN e-book: 978-3-99130-832-4

Lektorat: Dr. Angelika Moser

Umschlag- & Innenabbildungen:Alle Bilder wurden von Matthias Jackisch erstellt und die Nutzungsrechte an Rüdiger Poll übertragen.

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

www.novumverlag.com

Widmung

Mein besonderer Dank gilt Frau Dr. Nicolette Bohn,

ohne deren Anleitung und Hilfe dieses Buch

nie entstanden wäre.

Kapitel 1

Wie alles begann

DER Tag, an dem wir Theodor über den Haufen fuhren, hatte ganz normal angefangen. Aber er endete im kompletten Chaos. Verrückte Welt. Und ich ahnte, dass noch mehr passieren sollte. Als ob etwas Rätselhaftes auf mich warten würde.

Wir fuhren Inliner. Alles war wie immer. Meine Schwester Lina sollte prüfen, ob Leute auf dem Fußweg waren. Sie hielt zwei Finger in die Höhe und gab grünes Licht. Total leer, hieß das. Dann stieß sie mich in die Seite und rief „Los!“ Also Wettkampf. Lina schoss los und ich drehte ebenfalls voll auf. Die Bäume der Ringallee flogen wie Schatten an uns vorbei. Wir waren auf gleicher Höhe, keuchten und schnauften wie Rennpferde. Keiner gab nach. Da passierte es. Ein Knall. Totaler Blackout – nur langsam tauchte die Welt wieder vor mir auf. Wir lagen alle drei auf dem Gehweg. Ein verhutzeltes Wesen mit tintenblauen, weit aufgerissenen Augen starrte mir direkt ins Gesicht. Im ersten Moment dachte ich, es wäre ein Hobbit. Daneben lag Lina. Sie wimmerte leise. Alle möglichen Leute standen um uns herum. Eine ältere Frau hielt sich erschrocken die Hand vor den Mund. Stimmen – so gedämpft und von weither wie beim Tauchen – drangen an mein Ohr:

„Immer mit diesen Dingern rumkurven. Und dann noch auf dem Gehweg …“

„Als Fußgänger ist man ja ständig in Lebensgefahr …“

„Kinder – so geht das aber nicht …“

„Das ist doch nicht zu fassen – die Eltern müsste man einsperren …“

Dann sah ich das umgestürzte Gefährt. Wir hatten einen Mann im Rollstuhl gerammt! Lina schluchzte jetzt laut. Sie zog den Helm vom Kopf und schüttelte die Haare. Mein Bein schmerzte. Zum Glück trug ich Knieschoner. Endlich waren die doofen Dinger mal für was gut. Ein Riesenkerl stellte mit einem heftigen Ruck den Rollstuhl wieder auf die Räder. Als er nach dem Verunglückten griff, rief der: „Vorsicht, ich habe die Glasknochenkrankheit. Am besten komme ich gleich ins Krankenhaus. Und kümmern Sie sich um die Kinder!“ Der Riese nickte. Er holte sein Smartphone heraus und rief den Notdienst. „Wir wollten das nicht, ehrlich“, hörte ich Lina jammern. Ein älterer Herr hielt ihren Arm und sprach tröstend auf sie ein. Um mich kümmerte sich niemand. Typisch. Es sind immer die Mädchen, die das Mitleid abgreifen.

Mein schöner Tag war im Eimer. Statt Sonnenschein herrschte Trübsal. Ich hatte es wieder mal verkackt! Der Boden unter mir gab nach, wie wenn man im Sumpf einsinkt. Nur nicht heulen, dachte ich und spürte im gleichen Moment die Tränen aufsteigen. Ich sah zu dem Mann vor mir. Er rührte sich nicht. Das linke Bein war komisch abgeknickt, Blut tropfte durch die Hose. Das gibt einen gewaltigen Anpfiff, schoss es mir durch den Kopf. Aber der blieb aus. „Ein schmerzhaftes Kennenlernen – bei Blitz und Donnerwetter. Ich heiße Theodor“, sagte der Verletzte und lächelte mir beruhigend zu. „Theodor Langhans. Ich bin der Direktor des Stadtmuseums.“

In diesem Moment ertönte das Martinshorn und ein Unfallwagen brauste heran. Gleich danach blinkte das Blaulicht des Polizeiautos auf.

Kapitel 2

Luca fasst einen Entschluss

EIN paar Schrammen und Kratzer, sonst waren Lina und ich okay. Aber der Schreck saß uns in den Knochen. Wie sollte es weitergehen? Wir hörten das Schnappen der Haustür und Schritte im Korridor. Mama kam nach Hause. Ehe uns einfiel, was wir sagen könnten, stand schon die Polizei vor der Tür. Unsere Mutter fiel aus allen Wolken. Sie überhäufte uns mit Fragen. Dann nahm sie sich die beiden Polizisten vor. „Wie geht es dem Verunglückten? Hat er Anzeige erstattet?“ Die Polizisten bemühten sich, die Situation zu beruhigen. Einer erklärte, Herr Langhans habe sich ein Bein gebrochen, sei aber medizinisch versorgt. Nein, er wolle keine Anzeige erstatten. Ausdrücklich habe der Mann die Kinder in Schutz genommen. Er sei so eine halbe Portion, die schon der Fahrtwind umpusten würde. „Wir machen nur ein Protokoll“, ergänzte der zweite. „Sobald Sie das unterschrieben haben, schließen wir den Vorgang ab.“ Tatsächlich dauerte es kaum eine halbe Stunde, bis die Polizei wieder weg war.

„Na, ihr macht ja Sachen. Ich weiß gar nicht, wie ich das Papa beibringen soll. Er hat genug Ärger auf Arbeit. Nun seht zu, wie ihr das wieder geradebiegen könnt. Auf alle Fälle müsst ihr euch bei dem Verletzten entschuldigen.“ Mehr wollte Mama dazu nicht sagen. Sie ließ uns stehen und ging gleich wieder an ihren Schreibtisch. Lina hatte sich zum Klavierüben verzogen.

Ich musste auch alleine sein. In meinem Zimmer gab es eine Tapetentür, die zu einer kleinen, leeren Kammer mit Dachluke führte. Das war das beste Versteck im ganzen Haus. Ich klappte das Fensterchen mit dem Metallrahmen hoch, durch das sonst nur der Schornsteinfeger zum Kaminkehren aufs Dach kletterte. Lange guckte ich in die tiefroten Blätter einer Blutbuche, die zwischen dem Sportplatz und unserem Haus ihre Krone hochreckte. Dann streifte mein Blick in die andere Richtung, wo die Häuser der Südvorstadt lagen. Ich liebte dieses Versteck, das ich „meine Baumhöhle“ nannte.

Schließlich holte ich meine Konsole hervor. Mittelalter-Spiele waren für mich das Größte. Außerdem besaß ich viele Bücher über Ritter, Waffen und Burgen. Aber heute hatte ich keine Freude daran. Mich plagte das schlechte Gewissen. Immer musste ich an Herrn Langhans denken. Ich sah die kleine Gestalt vor mir. Das schmale Gesicht und die dünnen Ärmchen, die einen seltsamen Kontrast zu dem prall hervorragenden Bauch bildeten. Und diese Augen: tintenblau, wo sonst das Weiße war. Hervorgequollen, als wollten sie aus den Höhlen springen. Natürlich, ich kannte das flaue Gefühl, wenn ich mal wieder etwas verbockt hatte. Aber diesmal ging es mir besonders schlecht, weil es einen anderen betraf. Und noch nie hatte ich es mit einem behinderten Menschen zu tun gehabt.

Eine Weile brütete ich so vor mich hin. Endlich kriegte ich mich wieder ein. Also, der Mann war behindert. Er brauchte Unterstützung, klare Sache. Mir schoss ein Gedanke durch den Kopf: Ist es nicht ritterlich, Schwache zu beschützen? Ich werde ihm meine Hilfe anbieten! Ich tue ihm etwas Gutes und werde mich selbst auch besser fühlen. Das könnte der Ausweg sein. Am Ende käme ich dabei noch groß raus!

Kapitel 3

Eine unerwartete Absage

„HALT, meine Freunde! Kann ich mal die Eintrittskarten sehen?” „Wir wollen gar nicht ins Museum“, sagte ich und hielt den Blumenstrauß hoch, für den ich mein Taschengeld ausgegeben hatte. Das neue Add-on, das ich mir eigentlich kaufen wollte, konnte ich getrost erst mal vergessen, aber das war mir die Sache wert. „Wir wollen zu Herrn Langhans“, ergänzte Lina. „Aha. Dann seid ihr also die rollenden Vorstadt-Rowdys“, bemerkte der Museumswärter und setzte ein Ich-weiß-alles-Gesicht auf. „Na, kommt mit. Ich bringe euch zu ihm.“ Aus dem Augenwinkel sah ich ausgestopfte Tiere und goldene Monstranzen an mir vorbeiziehen. Edelsteine, zerbrochene Schalen, nachgestellte Kriegsschlachten, Landkarten und alte Bücher – einfach alles war hier ausgestellt.

Bei dem Wort Rowdys war mir ganz flau im Magen geworden. Doch dann nickte der Museumswärter mir zu und meinte locker: „Alles halb so wild. Herr Langhans freut sich bestimmt über den Besuch. Ihr kommt doch sicher von nun an öfter ins Museum?“ Ich nickte, obwohl ich nicht die geringste Absicht hatte, alle naselang hier aufzutauchen. Eine uncoolere Freizeitbeschäftigung konnte ich mir gar nicht vorstellen. Ich hatte an das Museum keine guten Erinnerungen. Einmal waren wir mit der Schulklasse hier gewesen. Danach gab es einen schriftlichen Test über Geschichtszahlen, den ich völlig verbockt hatte. Herr Endlich, unser Geschichtslehrer, hatte mir eine Wiederholung angeboten, aber die hatte ich abgelehnt. Es wäre glatte Heuchelei gewesen, denn ich hasse Geschichtszahlen. Und Herrn Endlich konnte ich ebenso wenig leiden. Lina drückte meine Hand. Bleib ruhig, wollte sie mir sagen. Sie wusste, dass ich bei guten Ratschlägen, Erwachsenenweisheiten und so was abdrehte. Am schlimmsten war es, wenn die eigenen Eltern auch noch als Lehrer arbeiteten – wie meine Mutter. Wir hatten die Ausstellung durchquert und das Treppenhaus erreicht. „So, die Diensträume sind im zweiten Stock.“ Der Museumswärter zog einen Schlüsselbund aus der Hosentasche, suchte nach dem passenden Schlüssel und öffnete die Tür mit der Aufschrift „Notausgang“. Während wir gemeinsam die Stufen in den zweiten Stock hinaufstiegen, kam das mulmige Gefühl wieder. Wie sollte denn meine Hilfe für den Verletzten aussehen? Musste ich dann nicht öfter hierherkommen? Endlich standen wir in seinem Zimmer.

„Guten Tag. Also wir …“ Weiter kam ich nicht. Ich war völlig von der Rolle. Im Moment hätte ich nicht einmal meinen Namen gewusst. Klar, ich war schon Rollstuhlfahrern begegnet. Ich wusste, es gab Menschen mit Behinderung. Aber das war doch selten. Ich hatte mir nie Gedanken darüber gemacht. Das war eine andere Welt. Wie beim Fernsehen – da flimmerten auch die ungeheuerlichsten Dinge über den Schirm, ohne dass es einen kümmerte. Aber was ich hier erlebte, war die Wirklichkeit. Herr Langhans drehte sich zu uns und streckte aufmunternd die Hand aus. „Aha, meine Killerskater.“ Lina und ich bekamen rote Köpfe. Zum Glück merkte er nichts. „Setzt euch. Ihr wisst ja, ich heiße Theodor Langhans.“ Etwas erleichtert brummelte ich: „Wir wollen uns entschuldigen, Herr Langhans.“ Ich drückte ihm den Blumenstrauß in die Hand. „Das ist nett von euch. Aber – bei Blitz und Donnerwetter – sagt nicht ‚Herr Langhans‘ zu mir, sondern einfach Theodor. Außerdem müsst ihr euch keine Gedanken wegen des Unfalls machen. Halb so schlimm. Passiert mir oft, weil ich eben diese Glasknochenkrankheit habe.“ „Haben Sie wirklich Knochen aus Glas?“, fragte ich. Lina kicherte. „Keine Sorge … Er ist schon 13 Jahre alt, nicht drei. Aber er stellt trotzdem blöde Fragen.“ Ich funkelte Lina böse an. „Na, das kann er doch nicht wissen“, lachte Theodor, der seinen Rollstuhl zu uns drehte. „Nein, Glasknochen gibt es nicht. Dann wäre ich sicher schon in tausend Stücke zerbrochen. Meine Krankheit heißt so. Weil mein Körper kein festes Bindegewebe bilden kann, kommt es häufig zu Knochenbrüchen und Blutungen.“

Lina war blass geworden, blickte mal zu mir, mal auf den Mann im Rollstuhl, der nicht viel größer war als ich selbst, sogar noch kleiner. Er hatte eine sonderbare Gestalt. Sehr klein war er und hager. Kein Wunder, dass wir ihn auf der Ringallee außer Gefecht gesetzt hatten. Sein Gesicht wurde von einem schwarzen Bart umrahmt, der ohne Unterbrechung in die kurz geschnittenen Haare überging. Wie eine Skimaske. Und obenauf eine Schiebermütze. Megakrass waren seine Augen. Kein Fleckchen Weiß. Die Augäpfel glänzten in tiefem Blau und ragten weit hervor. Ich musste an die blauen Leuchten der Polizeiautos denken, die blitzschnell auf Alarm schalten konnten. „Na, was macht ihr noch so, wenn ihr nicht gerade fremde Männer zu Fall bringt?“ Seine merkwürdige hohe Stimme verwirrte mich. „Wir … Ich …“ „War nur Spaß“, schmunzelte Theodor. Ich musste schlucken. Mann, machte der Witze! Hatte wohl den Humor gepachtet. Immer wieder glitt mein Blick über den Museumsdirektor. Da waren noch zwei Sachen, die besonders auffielen. Zuerst der Anzug. Es war nicht in, tagsüber einen Anzug mit passender Weste zu tragen. Und dazu war der ebenso wie die flache Mütze aus Schottenstoff geschneidert. So zog sich vielleicht ein englischer Privatdetektiv an, ging mir durch den Kopf. Das Zweite war das offene, ja fröhliche Verhalten von Theodor. Von Gram konnte überhaupt keine Rede sein.

Linas Antwort riss mich aus meinen Gedanken. „Wenn Luca nicht auf dem Fußballplatz ist, spielt er mit seinen Rittern“, hörte ich Lina sagen. „Und ich habe gerade den Landeswettbewerb junger Pianisten gewonnen und büffle jetzt für den Bundeswettbewerb.“

„Hey … sieh mal einer an.“ „Lina ist das Musterkind der Familie und zwei Jahre älter als ich“, sagte ich mit einem Seitenblick auf Lina, die die Augen verdrehte. „Weißt du, Luca … in deinem Alter hätte ich auch gerne Fußball gespielt.“ Warum haben Sie es nicht gemacht, hätte ich beinahe gefragt, doch ein warnender Blick von Lina hielt mich im letzten Moment zurück. Klar, die wusste immer alles besser, ärgerte ich mich. Natürlich lag es an seiner Krankheit, dass er nicht wie andere Menschen war. Es musste bescheuert sein, wenn man nicht Fußballspielen, nicht Rollerblade-Fahren, nicht springen und laufen konnte, wo und wie man wollte. Und Freunde hatte man wahrscheinlich auch keine, mit so einer Krankheit. Als hätte er meine Gedanken gelesen, hörte ich Theodor sagen: „Als ich so alt war wie ihr, hießen die Dinger, mit denen ihr fahrt, noch Rollschuhe. Die durfte ich nicht anziehen. Alle anderen sind damit an mir vorbeigerauscht. Ich habe dagesessen und zugesehen, war halt ein Außenseiter. Ich habe mich in Bücher vergraben. Damit träumte ich mich in ferne Welten und vergangenes Geschehen.“

„Und nun haben Sie Ihr Hobby zum Beruf gemacht, nicht wahr?“, Lina räusperte sich. Aber können Sie hier im Museum immer noch träumen?“ „Natürlich.“ Theodor freute sich sichtlich über ihre Frage. „Gerade nehmen wir ein neues Projekt in Angriff. Es geht um das frühe Portugal. Du glaubst nicht, wie spannend das ist. Je gründlicher man sich mit der Vergangenheit beschäftigt, umso näher kommt man dem Geheimnis der Zauberschnur.“ „Was ist das für eine Zauberschnur?“, wollte ich sofort wissen. „Nun, das möchte ich lieber für mich behalten“, wich Herr Langhans aus. „Wenn man es rumplappert, ist es kein Geheimnis mehr.“

Ich war enttäuscht, auch wenn er recht hatte. Seine Einsamkeit hatte ihn sicher wortkarg gemacht. Ich wusste doch auch oft nicht, mit wem ich reden sollte, höchstens mit Lina. Aber selbst bei ihr hatte ich manchmal Hemmungen. Sie war eben die Ältere von uns beiden, immer die Klügere. Die meiste Zeit verbrachte sie ohnehin am Klavier. Sonst interessierte sich zu Hause niemand für meine Probleme. Papa war ständig in seinem Büro und Mama schaute höchstens meine Zensuren an – und die waren nicht der Bringer. Für meine Eltern war Lina der Star. Ich war praktisch Luft.

„Ich finde es gar nicht prickelnd, immer ins Abseits geschoben zu werden.“ Damit wandte ich mich direkt an Theodor, der mir auf einmal nicht mehr so fremd vorkam. Vielleicht war jetzt der richtige Zeitpunkt, mit meinem Plan herauszurücken. „Theodor, da ist noch was. Ich … Ich möchte Ihnen helfen.“ Er sah mich überrascht an und spitzte die Lippen, als wollte er pfeifen. Dann holte er ein riesiges Taschentuch hervor, breitete es umständlich aus und schnäuzte sich gründlich. Das Tuch war rot-weiß gekästelt wie Omas Küchenschürze. Ich konnte mich nicht erinnern, so was schon mal gesehen zu haben. Endlich antwortete er kurz: „Ich brauche keine Hilfe.“

Ich war geschockt. „Es war nur gut gemeint.“ Eine richtige Erklärung, was ich falsch gemacht hatte, gab Theodor mir nicht. Stattdessen unterstrich er seine Ablehnung: „Deine Schwester sieht das richtig. Ich habe meine Stärken gefunden und sie zum Beruf gemacht. Ich mag mein Leben.“ Wieder blieben mir die Worte weg. Mit dieser Wendung hatte ich nicht gerechnet. Die Gedanken von Theodor, sein ganzes Auftreten fesselten mich. Woher kam seine Kraft?

Plötzlich wischte unser Gastgeber mit einer schlaksigen Bewegung die entstandene Stille weg. Er richtete sich an mich:

„Du kannst mich besuchen, wenn du Lust hast. Besuch wird mir guttun. Sonst staube ich noch selber ein, hier in meinem Museum.“ Die Verschlossenheit verschwand aus seinem Gesicht, ein Lächeln kehrte zurück. „Das Museum ist montags geschlossen. Ich bin aber montagnachmittags immer in meinem Büro anzutreffen.“

Der Vorschlag gefiel mir. Es war viel Überraschendes auf mich eingestürmt und ich hatte noch eine Menge Fragen. Sofort stimmte ich zu: „Ich komme bestimmt wieder“, versprach ich. Wir verabschiedeten uns mit einem festen Händedruck.

Kapitel 4

Zwischen allen Stühlen

Pitschnass erreichte ich mein Zimmer. Ich zerrte den Anorak, den der Regen mit Hemd und Unterhemd verklebt hatte, vom Körper. Das Bündel schleuderte ich in eine Ecke. „Nasse Wäsche bitte ins Bad!“, klirrte Mutters Stimme in meinem Kopf. Aber darüber tönte ein hässliches Pfeifen, dann plötzlich Stille. Filmriss …

Es war passiert. Lina hatte tatsächlich auch im Bundeswettbewerb gewonnen! Als Preis erhielt sie ein Stipendium: einen Studienaufenthalt in England. Yehudi Menuhin Schule oder so. Vier Monate lang würde sie in einem Internat nahe London wohnen. Bitter wurde mir klar, dass ich überhaupt niemanden mehr hatte, wenn Lina weg war. Die Eltern konnte ich knicken, an die Schule wollte ich lieber gar nicht denken. Ich würde zwischen allen Stühlen sitzen. Es schüttelte mich am ganzen Leib. Eine heiße Blase drehte sich in mir und platzte.

Schließlich zog ich mir trockene Sachen an. Da grinste mir aus dem Spiegel ein Mondgesicht entgegen. Die glatte Stirn, die sich ewig ausbreitete, bis sie den Haaransatz erreichte. Zum Langweilen eintönig. Hätte ich wenigstens ein Feuermal wie bei Gorbatschow. Ich verscheuchte dieses falsche Bild. In meinen Träumen sah ich doch ganz anders aus, war allen Jungs ebenbürtig. Was war eigentlich los mit mir? Insgesamt kam ich nicht mehr klar. Manchmal war ich aufgedreht und platzte vor Kraft, im nächsten Moment hatte ich auf nichts Bock.

Und was war mit Liebe? War ich denn zurückgeblieben, weil ich noch keine Freundin hatte, verflixt noch mal? Manchmal schaute mich Mama komisch an. So mit dem Blick „Na, bist du schon verliebt? Gibt es etwas, das ich wissen muss?“ Das war alles. Diesem Thema wichen Mama und Papa immer geschickt aus.