Das Geheimnis des Cellolehrers - Wendy Joseph - E-Book
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Das Geheimnis des Cellolehrers E-Book

Wendy Joseph

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Beschreibung

Ein beeindruckendes Roman-Debüt von Wendy Joseph über Freundschaft, Missverständnisse und Verrat und das Psychogramm einer Mädchen-Freundschaft England heute: Die hochbetagte Lacie erinnert sich an ihre Jugend. Je näher der Tod rückt, desto näher scheint ihr auch die Vergangenheit zu kommen, vor allem die Jahre an der renommierten Mädchen-Schule Dorset House kurz vor dem 2. Weltkrieg und jene ganz besondere Freundschaft mit der selbstbewussten Alice und der aus Deutschland geflohenen Celia. Doch selbst die innigsten Freundinnen sind nicht gefeit gegen Eifersucht und Misstrauen, und der heraufziehende Krieg wirft seine Schatten voraus. Unaufhaltsam spitzen die Ereignisse sich zu und enden schließlich in einer Katastrophe. Die ganze Wahrheit jedoch wird sich Lacie erst etwa 70 Jahre später enthüllen - und der Verrat, an dem die Freundschaft zerbrach und der das Ende ihrer Kindheit bedeutete. Ein faszinierender Roman für alle Leser von Penny Vincenzi und Elizabeth Jane Howard..

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Seitenzahl: 478

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Wendy Joseph

Das Geheimnis des Cellolehrers

Roman

Aus dem Englischen von Gabriela Schönberger

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

Ein beeindruckendes Roman-Debüt über Freundschaft, Missverständnisse und Verrat und das Psychogramm einer Mädchen-Freundschaft

England heute: Die hochbetagte Lacie erinnert sich an ihre Jugend. Je näher der Tod rückt, desto näher scheint ihr auch die Vergangenheit zu kommen, vor allem die Jahre an der renommierten Mädchen-Schule Dorset House kurz vor dem 2. Weltkrieg und jene ganz besondere Freundschaft mit der selbstbewussten Alice und der aus Deutschland geflohenen Celia. Doch selbst die innigsten Freundinnen sind nicht gefeit gegen Eifersucht und Misstrauen, und der heraufziehende Krieg wirft seine Schatten voraus. Unaufhaltsam spitzen die Ereignisse sich zu und enden schließlich in einer Katastrophe. Die ganze Wahrheit jedoch wird sich Lacie erst etwa 70 Jahre später enthüllen – und der Verrat, an dem die Freundschaft zerbrach und der das Ende ihrer Kindheit bedeutete.

Inhaltsübersicht

Widmung

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Für meine Schwester, für ihre endlose, selbstlose Großzügigkeit und Unterstützung.

Prolog

Tritt sanft, denn du trittst auf meine Träume …

Kapitel 1

Nennen Sie mich Lacie. Irgendwie müssen Sie mich ja ansprechen. Und ich werde … »Leser« zu Ihnen sagen. Sie finden das altmodisch? Sie haben recht. Mit achtzig Jahren habe ich meiner Ansicht nach jedoch jedes Recht, altmodisch zu sein.

Achtzig, heißt es, sei ein gutes Alter. Offen gestanden finde ich es absolut fantastisch. Keine Ahnung, wie ich es so weit geschafft habe. Der Geburtstag kam vermutlich nach dem neunundsiebzigsten. Mein neuntes Lebensjahr ist mir so klar in Erinnerung wie der Anblick von Sonnenschein auf dem Wasser, mein neunzehntes hingegen erinnere ich als verhangen und kühl. Danach scheint alles zu verschwimmen. Vielleicht liegt das an den Mitteln, die sie mir gegen die Schmerzen geben. Mich plagt eine Auswahl erlesener Krankheiten, aber es ist mein Herz, sagen sie, das mich umbringen wird. Und gegen ein versteinertes Herz gibt es kein Heilmittel. Die Drogen sind ja gut gemeint, aber sie verwirren meinen Geist. Ich sage Ihnen das jetzt gleich am Anfang, damit Sie Geduld mit mir haben, falls ich … na ja, Sie wissen schon.

Und es ist wichtig, die Dinge gleich zu Beginn richtigzustellen. Das hier, zum Beispiel, schreibe ich im Sterben liegend in meinem Bett, in meinem Haus am Rand des Parks, doch wenn Sie das hier lesen (und das werden Sie, in einem Zug oder in einem Sessel), dann bin ich nicht mehr achtzig Jahre alt und liege im Sterben, dann bin ich bereits tot. Dessen kann ich mir absolut sicher sein, da ich alles so arrangieren werde, dass niemand das hier lesen wird, bevor ich es wirklich bin. Tot, meine ich. In meinem Grab liegend. Und ich weiß, dass es eine Grabstelle sein wird, weil ich auch das arrangiert habe. Keine Einäscherung, sagte ich. Eine richtige Beerdigung. Ich will anständig vermodern. Sollen die Würmer doch kommen. Neun Jahre alt und so klar wie Sonnenschein auf dem Wasser waren wir, als wir sangen:

»Die Würmer kriechen rein, die Würmer kriechen raus,

dürr kommen sie rein, und fett kommen sie raus.«

Damals fanden wir das komisch.

Und eines sollten wir auch noch klarstellen. Ich schreibe nicht für Sie, geneigter Leser. Ich schreibe für mich. Ich schreibe, um eventuelle Missverständnisse aus dem Weg zu räumen; denn ehe ich das nicht getan habe, kann ich nicht in Frieden ruhen. Ich habe mein ganzes Leben damit zugebracht, diese Geschichte zu verheimlichen, aber wie ich jetzt sehe, habe ich nur meine Zeit verschwendet. Am Ende wird sie ihre Nase hinausstrecken wie Polonius hinter dem Vorhang.

Ich will aber nicht, dass Sie jetzt denken, das sei meine Idee gewesen. Es war ihre. Ich bin nicht sicher, wann sie das erste Mal aufgetaucht ist, wahrscheinlich zusammen mit der Morphiumpumpe. Doch eines Nachts wachte ich auf oder träumte, aufzuwachen, und da war sie. Ein grünes Auge, das aus der Ecke zu mir herüberblinzelte. Ein Seufzer wie das Rascheln trockener Blätter. Eine vom Nichtgebrauch eingerostete Stimme. Eigentlich hätte ich mich zu Tode erschrecken sollen, doch stattdessen verspürte ich unbändigen Zorn in mir aufsteigen. Die erste impulsive Regung seit Ewigkeiten.

»Du«, sagte ich. »Nach all der Zeit.«

»Ist nicht so lange her.«

»Dazwischen liegen Welten. Das ist Geschichte jetzt.« Ich starrte sie an. Ihr glattes junges Gesicht war unverändert. »Du siehst nicht einen Tag älter aus.« Mir dämmerte, was das zu bedeuten hatte. »Du meinst, ich werde für immer so bleiben. All das …« Ich blickte auf mein geblümtes Nachthemd. »Ich dachte, ich würde …«

»Was?«

»… zu meiner Bestform zurückkehren. Schwarzes Haar, rote Wangen. Sommersprossen. Kesse Brüste.«

»Ein langes Leben wiegt kesse Brüste auf«, sagte sie.

Ich runzelte die Stirn. »Warum bist du gekommen?«

»Ich konnte am Ende nicht anders. Oder zuvor schon nicht. Es gibt etwas, das du tun musst.«

Natürlich wusste ich es. Ich schüttelte den Kopf. »Es ist zu lang her. Ich kann mich nicht erinnern.«

Sie schüttelte den Kopf. »Und wennschon, du musst es tun.«

»Ich kann nicht.« Irgendwo in meinen Lungen stieg Panik auf. »Meine Arterien machen das nicht mit. Ich sterbe an einem versteinerten Herzen.«

»Du stirbst mit einem versteinerten Herzen, und ich werde das nicht zulassen. Nicht, wenn ich es war, die es zu Stein hat werden lassen.«

»Du?«

»Natürlich ich. Schau dich doch an, Lacie, und frag dich, was dich zu dem gemacht hat.«

»Der Verlust eines Ehemanns«, erwiderte ich. »Die Last eines bedürftigen Kindes. Und …«

»Und ich. Vor allem ich. Du hast mein Geheimnis zu lang mit dir herumgetragen, und du kannst es nicht mit ins Grab nehmen. Du bist Schriftstellerin. Schreib unsere Geschichte auf. Dann kannst du sterben.«

 

Natürlich ist alles da, verankert in meinen Zellen und Synapsen, aber die Erinnerung daran habe ich mir nie erlaubt. Bereits der bloße Gedanke an die Dorset-House-Tagesschule für Mädchen überschwemmt meine Zellfortsätze mit wässriger Flüssigkeit, so wie Speichel sich sammelt, ehe man erbricht. Vor all diesen Jahren schwor ich mir, die Bruchstücke niemals zusammenzufügen, bis mein Gehirn die Arbeit einstellt: Zimmer für Zimmer würden die Lichter gelöscht, die Türen geschlossen und die Erinnerungen mit mir in den Äther gesandt werden. Oder über die Gedärme eines Wurms entsorgt. Das hatte ich zumindest immer gedacht. Doch jetzt bringt sie mich dazu, noch einmal darüber nachzudenken.

»Du bist Schriftstellerin«, wiederholt sie. Nun, damit mag sie recht haben. Ein Dutzend meiner Bücher steht auf dem Kaminsims. Sie sind meine Kinder, die Frucht meiner Lenden, meines Schoßes. Ein jedes habe ich in eine andere Farbe gekleidet. Große Erfindungsgabe war nötig, um so viele von ihnen zu produzieren. Einige von ihnen sind verblichen, sodass Geschwister wie Zwillinge aussehen. Es hat mich einiges gekostet. Manches war Einbildung. Nun ja, am Ende ist alles Einbildung. Oder Gewürm.

»Schreib einfach«, sagt sie, als müsste ich nichts anderes tun als meine Hand nach dem Notizblock ausstrecken. Diese kleine Hand … Die Haut einst so glatt, die Finger lang mit schimmernden Nägeln, in denen sich das Sternenlicht verfing. Wann kamen die Leberflecke, wann ging es dahin mit den Nägeln? Wann schwanden die Muskeln, verdickten sich die Venen und krümmten sich wie … vermaledeite Würmer.

»Schreib einfach«, wiederholt sie, »und dann kannst du sterben.«

Nehmen wir doch einmal Folgendes an – auch wenn ich ungern allzu viel spekuliere: Falls Sie das hier lesen, hat man mich bereits aus meinem Bett mit den Laken aus ägyptischer Baumwolle gehoben (dreißig Jahre alt, aber diese Baumwolle besteht jede Bewährungsprobe). Die Bestatter haben mich mit Öl einbalsamiert. Man hat mich hergerichtet und die Teile, die nicht mehr aufgefrischt werden können, diskret verstöpselt. Nicht sonderlich aufregend bisher. Für ein bisschen mehr Aufregung müssen wir in mein Schlafzimmer zurückkehren, wo langsam und gesetzten Schrittes die Trauergäste eintreffen. Malen Sie es sich aus. Bemühen Sie sich. Unterlegen Sie das Ganze um der Wirkung willen mit etwas feierlicher Musik. Vielleicht mit einem Trommelsolo im Takt eines stockenden alten Herzens. Beobachten Sie die Reaktion auf den verblichenen Lavendel. Ich vermute, John geht voran. Das Privileg des ältesten Sohnes. Des einzigen Kindes. Der Enttäuschung. Der Teppich ist an manchen Stellen arg abgetreten. Vielleicht stolpert einer von ihnen darüber. Das kann man nur hoffen. Da schreiten sie dahin über den Teppich mit dem Pfingstrosenmuster, vorbei an der Frisierkommode, wo ich oft meine Reisen in die … nein, das ist falsch … reiß dich zusammen, Lacie. Beobachten Sie ihr Schreiten, mehrfach reflektiert in dem dreiteiligen Spiegel.

»Arme Mutter.«

»Liebste Lacie.«

»Sie war ein Schatz.«

Sie glauben, mich zu kennen. Ich frage mich, wie lange es dauern wird, bis sie ihren Fehler begreifen. Dann wird es aufregend werden.

In wessen Hände werden sie zuerst fallen? Nicht in die von John, hoffe ich. Ich will seine plumpen Finger nicht auf meinen makellosen Seiten sehen. Ich dürfte keine derartigen Gefühle hegen, aber ich tue es nun mal. Das war immer so. Seit dieser Neugeborene mich das erste Mal ansah, seine Augen ähnlich denen seines toten Vaters. Ich schätze, mein Herz war bereits damals am Versteinern. Kann Kummer die Blutgefäße angreifen? Ganz gewiss hat er Auswirkungen auf das Urteilsvermögen. Es war nicht fair, die Geburt des Babys für das Verschwinden des Vaters verantwortlich zu machen … aber wessen Schuld war es dann, wenn nicht die von John? Als die Hebamme sagte, »ein Junge«, versteinerte mein Herz. Als sie fragte, »der Name?«, dachte ich: »Name? John genügt.« Im Nachhinein muss ich einräumen, ich hätte es besser hinkriegen können mit ihm. Es war ein Fehler. Der Name, meine ich. Der Junge auch. Er war ein blasses, plumpes, unsympathisches Kind, und jetzt ist er ein blasser, plumper, unsympathischer Mann. Er bezeichnet sich als Schriftsteller – so wie ich; aber er ist ganz und gar nicht wie ich. Er schreibt doch nur Theaterstücke und Drehbücher. Voller vermaledeiter Dialoge und Apostrophe. Aber es geht hier nicht um sein Schreiben. Es geht um meines.

Doch das Schreiben, das mir immer so leichtfiel, ist jetzt ein hartes Stück Arbeit. Letzte Nacht griff ich unter dem wachsamen grünen Auge zum ersten Mal zu Block und Bleistift, die ich unter meinem Plumeau verstecke – jawohl, Plumeau. Ich sagte Ihnen doch, ich bin ein Kind der Dreißigerjahre. Steppdecken sind nichts für mich. Meine Finger nahmen mühelos die vertraute Haltung ein. Der Geruch nach Grafit stieg mir in die Nase. Ich schlug ein weißes Blatt auf. Doch keine Worte stellten sich ein. Ich dachte an all die Notizblöcke in all den Nächten meines Lebens und daran, wie diese bald zu einer einzigen langen Nacht verschmelzen würden. Und ich überlegte, welche Träume wohl kommen mögen, wenn ich mich ausgeklinkt habe … und dass ich es bestimmt nicht sanft angehen werde. Ich war noch nie eine Leisetreterin und werde jetzt am Ende nicht damit anfangen. Und dann war es natürlich vorbei mit dem Schreiben.

Und so liege ich heute hier, den Bleistift in der Hand, und lausche den Kirchenglocken auf der anderen Seite des Parks. »Tablettenzeit«, bimmeln sie, und ich warte auf Doreen. Man kann nicht sagen, dass Doreens Schritte bedächtig und ehrerbietig wären. Ich vermute, John hat sie aus ebendiesem Grund zu meiner Tagesschwester auserkoren. Ich kann Doreen nicht ausstehen. Ihre tüchtige, schroffe Art könnte ich noch ertragen, das kalte Thermometer, das sie mir in den Mund rammt. Übrigens das Einzige an mir, das noch rosig und warm ist. Ich könnte mich sogar mit dem antiseptischen Geruch ihrer Achselhöhlen abfinden. Es ist das Knistern von blauem Nylon, das ich nicht mehr aushalte. Doreen ist die Heimsuchung meiner Tage, doch die Nächte bringen mir Mercy. Mercy mag ich. Für Mercy danke ich dir, John. Seltsam, dass John Doreen für die Tage und Mercy für die Nächte ausgewählt hat. Ich vermute, für einen Autor von Drehbüchern liegt darin ein hübscher Gegensatz begründet. Doreen ist weiß und eckig, Mercy schwarz und in jeder Hinsicht überbordend. Doreen hält sich immer bedeckt, während Mercy ein warmes Lächeln hat, sich in der Dunkelheit neben mich legt, mich an ihren Doppel-H-Busen bettet und mir Geschichten über Zauberei und Affenkönige erzählt. Und wenn ich vor dem Ende einschlafe, ist das nicht ihre Schuld. Meine Schuld ist es auch nicht. Es liegt an den Arzneien, die sie mir geben. Aus reiner Güte.

Mercy kommt erst, wenn die Sonne untergeht, aber jetzt muss ich mich zunächst einmal mit Doreen auseinandersetzen. »Lacie, Lacie!«, ruft sie aus dem Treppenhaus. Schnell. Weg mit Block und Bleistift, sonst nimmt sie sie mir fort. Doreen nimmt mir alles weg, das mich am Ruhen hindern könnte. Ruhe, ermahnt sie mich hundert Mal am Tag, ist der Königsweg zur Genesung.

»Zeit für Tabletten.«

Selbst mit zusammengekniffenen Augen kann ich erkennen, dass Doreen ein hinterhältiges Grinsen im Gesicht hat.

»Sehen Sie nicht, dass ich schlafe. Hat Ihnen denn niemand gesagt, dass ich meine Ruhe brauche, falls ich diesen verdammten Weg zur Genesung jemals einschlagen soll?«

»Kein Grund, ausfallend zu werden, Lacie.«

Es gibt alle erdenklichen Gründe, ausfallend zu werden. Gerade öffne ich meinen Mund, um das zu sagen, da schiebt sie mir die Tabletten hinein. »Und jetzt Ruhe!«, kreischt sie. Wie immer spricht sie mit Ausrufezeichen und unangemessen vertraulich. »Ruhe ist der Weg zur Genesung!«

»Doreen!« Auch ich kann mit unangemessener Vertraulichkeit kontern, wenn man mich dazu treibt. »Wen wollen Sie denn mit dem Spruch verarschen, Schätzchen? Diesseits des Grabes werde ich nie wieder gesund.«

Auf jeden Fall habe ich die Tabletten geschluckt, sie hat die Morphiumpumpe neu eingestellt, und dann ist sie gegangen. Also wieder zurück zu den Kirchenglocken. Ich will, dass das klar ist. Als ich schrieb, ich konnte sie hören, war das auch so. Aber während Sie das lesen, kann ich es nicht mehr, da meine Ohren voller Würmer sind. Oder die Würmer sind voll von meinen Ohren. Aber die Kirchenglocken läuten trotzdem, und jetzt können Sie sie ebenfalls vernehmen. Und das ist die Magie des Schreibens. Ich erschaffe die Welt aus dem Wort. Ich hauche Luft in Nüstern, die ich kreiert habe. Hätte ich mir John ausgedacht, hätte ich ihm niemals diese Nase verpasst. An dem Punkt ist die Kunst der Natur letztendlich überlegen. Und deswegen ist es so schwer, wie ich jetzt bemerke, dieses letzte Buch zu schreiben. Weil ich keine Personen für eine Geschichte erfinde. Ich versuche, Ihnen zu erzählen, was geschah, ehe es zu spät ist.

Kapitel 2

Ich sagte, ich würde es versuchen, aber einfach ist das nicht. Während die Schatten über den Teppich krochen und die Kirchenglocke die einzelnen Stunden schlug, muss ich wohl eingedöst sein, denn die elfte und die zwölfte Stunde habe ich nicht mitbekommen. Doch jetzt um ein Uhr weckt Doreen mich auf und hält mir einen geräucherten Schellfisch unter die Nase. Adrenalin überflutet mich und löst Ekel in mir aus. Und plötzlich finde ich, wonach ich gesucht habe: eine Erinnerung an Dorset House. So gestochen scharf, dass ich hörbar die Luft einziehe. Ich sage Doreen, sie soll den Fisch wieder mitnehmen, und konzentriere mich lieber auf den sanften Anstieg zum Bahnhof, auf die Bahnlinie am Fuß des Hügels, auf die Kirche, die dort oben thront, und auf die wuchtigen, paarweise angeordneten Häuser, die aneinandergewachsen sind wie siamesische Zwillinge. Die Schule ist in zwei von diesen Gebäuden untergebracht, in »Durchbruchshäusern«, wie es so schön heißt. Hätte mich jemand gefragt, mir wäre bestimmt eine elegantere Formulierung eingefallen.

Wenn ich diese Geschichte schreiben will, muss ich mich daran gewöhnen, in Gedanken wieder an diesen Ort und zu den Menschen dort zurückzukehren, und … Langsam, Lacie, immer mit der Ruhe. Schritt für Schritt. Lass die Straße und das Rattern der Züge hinter dir (drei in der Stunde, zwei, die halten, einer, der mit Getöse weiter nach London ins Zentrum fährt), durchquere das Tor und schreite die Auffahrt hinauf bis zu der Eingangstür mit der Buntglasscheibe. Lege deine Hand auf den Messingknauf und drücke die Tür nach innen. Atme den Geruch nach Politur und Gladiolen ein. Lass deinen Blick die Eichentäfelung entlang bis zu der Stelle wandern, wo du dich vor all diesen Jahren umdrehtest und Alice das erste Mal sahst.

Zwölf Jahre alt war ich damals und so lange in Dorset House, dass ich jeden Winkel und jedes Kämmerchen kannte, wie es wohl nur einem Kind möglich ist. Irgendwo in mir ist noch immer alles vorhanden. Suchend schaue ich mich um. Da ist er, der vertraute, vergessene Flur. Ich frische meine verblichenen Erinnerungen auf und sehe die Türen vor mir, auf denen Handarbeitsraum und Vorschule steht. Dahinter das Arbeitszimmer, in dem die beiden Ms Parker residieren.

Ms Victoria Parker, die ältere Schwester und Schulleiterin, war grobknochig, forsch und streitbar. Ms Violet ähnelte mehr einem Kissen, auf dem jemand zu lang gesessen hatte. Ms Victoria Parker trug mit Vorliebe Tweed mit einem Hauch von Lila, was Assoziationen an Hochmoore und tote Vögel weckte. Ms Violet bevorzugte Spitze. Ms Violet organisierte Naturlehrwanderungen, Ms Parker alles andere. Hätte ich die beiden für eines meiner Bücher erschaffen, ich hätte sie nicht besser erfinden können. Ich spüre, das ist ein guter Anfang. Ermutigt mache ich mich auf die Suche nach weiteren Erinnerungsfragmenten, setze meinen Rundgang fort und gelange in den Bereich, der wohl am besten mit dem Begriff »Übergang« charakterisiert ist und in dem wir unsere frühe Kindheit in der Vorschule hinter uns ließen. Hier war das Reich von Mrs Elphinston. Fällt Ihnen etwas auf? Die englische Sprache ist wahrhaftig immer für Überraschungen gut. Hätte ich ihren Namen »Elfinstone« geschrieben, hätten Sie – ja, Sie dort im Zug – ein elfengleiches Wesen mit feinsten Spinnwebhaaren damit assoziiert. Sie hätten sich getäuscht. Die Natur hatte der Frau ihren Namen mit Absicht gegeben. Sie war Elphinston durch und durch, was nicht von ungefähr an einen Elefanten erinnert. Die Kleinmütigen verließen ihr Reich stotternd oder mit einem Tic, alle Übrigen mit einem Etikett versehen, das wieder abzulegen Jahre dauern würde. Auf meinem stand: »Keinerlei künstlerische oder musikalische Begabung. Mangel an Konzentrationsfähigkeit. Wird gern frech und ist schnell beleidigt.« Aus dem Mund einer Lehrkraft, die laut Schulprospekt die Grundlagen der Grammatik lehrte, glich dies einer unverhohlenen Kritik, doch war diese weniger falsch als unvollständig. Sie hätte noch hinzufügen können: »Lacies Fantasie hat eine dunkle Seite«, oder »Lacie fällt es schwer, Freundschaften zu schließen«. Vielleicht war auf dem Vordruck kein Platz für weitere Einzelheiten.

Vom Morphium beflügelt, gehe ich weiter, die Treppe hinauf in die Grundschule. Dieses Treppengeländer, diese Spindeln, das abgetretene Holz unter meinen Füßen. Ich erinnere mich, ich erinnere mich … nein. Mist. Wo ist mein Taschentuch? Doreen legt die Taschentücher nie dorthin, wo ich sie finden kann. Ich schaffe das nicht. Du in der Ecke, hörst du mich? Ich werde das nicht tun.

»Aber«, sagt sie, »du kannst das, Lacie, und du wirst es tun. Du musst, denn erst wenn du es getan hast, kannst du dich ausruhen.«

»Es ist zu schwer«, jammere ich. »Mein Herz hält das nicht aus. Mein Herz wird zerspringen.« Ich taste nach dem Knopf meiner Pumpe und drücke ihn mit bebenden Fingern. Ich warte, dass mein Atem leichter wird.

»Du packst die Sache falsch an«, sagt sie. »Du schaust deinen achtzigjährigen Füßen zu, wie sie die Treppe deiner Schule hinaufsteigen.«

»Ich dachte, du wolltest das.« Jetzt bin ich plötzlich eingeschnappt und werde frech. Schließlich bin ich ein nationales Kulturgut, rufe ich mir ins Gedächtnis.

»Vergiss deine Schuhe Größe neununddreißig«, weist sie mich an. »Schließ deine Augen und stell dir Halbschuhe in Größe fünfunddreißig an dir vor. Dazu grüne Kniestrümpfe. Einen wunderbaren Tag zu Beginn des Frühjahrs. Du stehst auf dem Gang und beobachtest, wie blasse Sonnenstrahlen durch die Buntglasscheibe der Eingangstür fallen. Du hast dich an die Wand gelehnt, den Kopf zurücksinken lassen. Du stehst …«

»Ich stehe draußen vor dem Handarbeitsraum.« Da stehe ich, und auf der anderen Seite höre ich Ms Raffertys Stimme die Vorzüge des Rückstichs preisen. Ich beherrschte weder den Rückstich noch irgendetwas anderes, das mir beizubringen Ms Rafferty sich bemühte. Sosehr ich es auch versuchte, meine Stiche bildeten nie eine gerade Linie. Ich stach mich in die Finger und blutete den Stoff voll. Ich hasste Handarbeiten. Ich hasste Ms Rafferty. Und Ms Rafferty hasste mich. Ich bin elf Jahre alt. Wir schreiben das Jahr 1938, und alles in meiner Welt wird in Bälde auf den Kopf gestellt werden.

Im Lauf der Jahre habe ich so viel Zeit vor dieser Tür verbracht, dass ich jede Körnung der Türfüllung kenne, die Messingangeln, den abgegriffenen Knauf. Verzweifelt lehne ich meinen Kopf dagegen. Fest entschlossen, auch in Handarbeiten gute Leistungen zu erbringen, bin ich aus den Ferien zurückgekehrt, aber jetzt stehe ich wieder hier, nachdem Ms Rafferty mich zum wiederholten Male vor die Tür geschickt hat.

An diesem Vormittag lernte ich ein Gedicht auswendig. Es handelte von einem Esel namens Nicholas, der alle möglichen Sachen fraß: Disteln und Gras und Sauerampfer. »Disteln und Sauerampfer«, sage ich. Es fühlt sich gut an auf meiner Zunge. Auf jeden Fall besser als der Tapiokabrei, den es zum Mittagessen gab. Der schmeckt überhaupt nicht. Um mich abzulenken, betrachte ich eingehend die Wand. Die untere Hälfte ist von der oberen durch einen aufgemalten Balken getrennt. Ich kratze mit dem Fingernagel die Farbe ab und lausche der Musik, die von oben aus dem Dachgeschoss, wo irgendein kleines Mädchen gemäß Stundenplan Klavierunterricht bei Professor Chambers hat, zu mir herabschwebt.

Meine Gedanken wandern zu Professor Chambers, und ich höre mit dem Kratzen auf. Bevor er kam, hatten wir nie einen in Dorset House. Einen Professor, meine ich. Und einen Mann auch nicht. Er traf mit dem neuen Jahr bei uns ein; um seinen Unterricht macht er kein großes Aufsehen, aber irgendwie umgibt ihn eine dunkle Aura. Früher war unsere Musiklehrerin Ms Plumtree, aber die besaß keinerlei Ausstrahlung, wurde irgendwann ziemlich dick und weinerlich und verließ schließlich die Schule. Als meine Mutter davon erfuhr, meinte sie nur: »Tja, ja.« Doch Dimitys Mutter seufzte: »Gott, vergib dieser Frau«, was so viel hieß, wie Dimity zu berichten wusste, dass Ms Plumtree eine gefallene Frau war. Dimitys Vater ist Pfarrer, und deswegen kennt sie sich aus mit gefallenen Frauen und Mädchen. Dimity hat uns das in der Pause mal ganz genau erklärt, und jetzt wissen auch wir Bescheid, aber ich versuche, nicht viel darüber nachzudenken, weil ich Ms Plumtree gut leiden konnte. Und dann, bei der ersten Morgenandacht nach Weihnachten, war da plötzlich Professor Chambers.

Wie eine Distel in einem Beet aus Gänseblümchen stand er zwischen den Lehrerinnen. Die ganze Lesung über starrten wir ihn an. Sogar beim Sprechen des Gebets beobachteten wir ihn unter halb geschlossenen Augenlidern. Alles an ihm war fremd. Sein Kopf war groß, mit buschigen Augenbrauen und einem Schopf grauer Haare obenauf. Seine Lippen traten als dünner rosa Strich zwischen einem Schnurrbart und dem eckigen Gestrüpp darunter hervor. Ich hatte noch nie so viele Haare an einem Mann gesehen, und obwohl alles ordentlich geschnitten war, machte es irgendwie einen unnatürlichen Eindruck. Seine Hände waren groß, die Finger lang, die Nägel gerade gefeilt. Sein Kopf schien zu groß für seinen Körper zu sein, der in einem korrekten, dreiteiligen Anzug steckte. Neben ihm stand eine Aktenmappe. Das Leder war dunkel und rissig, aber die Schließe glänzte in der Morgensonne. Als er mit dem Gebet fertig war, stellte ihn Ms Parker uns vor.

»Professor Chambers«, sagte sie, mit Betonung auf dem Wort Professor. »Wir können uns glücklich schätzen, ihn bei uns zu haben, da er viele Jahre in Paris gelebt hat. Das ist die Hauptstadt von Frankreich, und er hat seine Ausbildung am con-ser-va-toire genossen.« Dabei neigte sie den Kopf in seine Richtung, als wäre er ein niedriger Bogengang, durch den sie hindurchmusste. Er trat einen Schritt vor, verbeugte sich und bedankte sich bei Ms Parker für ihre Willkommensworte. Er sprach sehr präzise, als prüfte er jedes Wort, bevor er es für den Gebrauch auswählte. Das, dachte ich, macht Frankreich mit einem. Im Jahr zuvor hatte ich meinen Klavierunterricht aufgegeben und überlegte nun – während ich den Professor anstarrte –, ob mein aktenkundiger Mangel an musikalischem Talent einer erneuten Überprüfung unterzogen werden würde. Ich stellte mir vor, wie ich mich mit ihm in dem kleinen Musikzimmer befand, aber etwas in mir mochte dieses Bild nicht, und ich verbannte es aus meinem Kopf.

Daran erinnere ich mich jetzt, während ich hier stehe, die Farbe von der Wand kratze und dem fernen Klang von Tonleitern lausche. Die Noten stolpern und überschlagen sich wie ein Eichhörnchen, das vor einem Raubvogel flieht. Dann flicht eine andere Hand sie zu einem einzigen langen Bogen. Mir tut das Eichhörnchen leid. Oben unter dem Dach wird der Professor die Hand ausstrecken und die Finger des kleinen Mädchens in die richtige Position biegen. Die Tonleiter bricht ab. Die Melodie, die daraufhin angestimmt wird, ergibt zuerst keinen Sinn, erst als der Professor übernimmt und sich plötzlich ein Kontratanz daraus entwickelt. Ich frage mich, wie es sein muss, den gnadenlosen Tasten des Instruments diesen Klang zu entlocken. Und dann ist die Musik vorbei, und ich stehe wieder draußen vor dem Handarbeitsraum, umgeben von Stille.

»Es ist nicht meine Schuld«, sage ich, ohne irgendjemanden im Besonderen damit anzusprechen. »Ich kann tun, was ich will, aber ich kann Ms Rafferty nichts recht machen.« Ich entferne eine weitere Schicht des Anstrichs. »Es ist nicht meine Schuld, dass ich keinen geraden Saum nähen kann.« Und dabei schaue ich auf den zerknüllten Stoff in meiner Hand. Früher war er einmal grün und frisch, aber jetzt ist er schmuddelig und voller Flecken, was nicht sehr überraschend ist, da ich seit letztem September daran arbeite. Alle anderen legten die Schablone auf den Stoff, schnitten die Vorlage aus, nähten, kanteten und produzierten einen Rock. Der von Dimity hat sogar einen bestickten Bund, aber Dimitys Mutter leitet auch den Nähzirkel der Pfarrei. Die Röcke von Susan und Mary sind absolut gleich bis hin zu den kleinen Perlenknöpfen, die sie als Verschluss gewählt haben. Der von Alfreda leuchtet in einem hässlich grellen Orangeton, aber die Nähte sitzen, der Saum hält, und das Ding ist erkennbar ein Rock. Sogar Jacqueline hat das Teil zustande gebracht. Nur meiner ist immer noch ein Stoffknäuel mit einem schiefen Saum, der immer wieder aufgetrennt wurde und wie ein trauriger Sack herunterhängt. Ein paar der Flecken sind meine getrockneten Tränen. Und an einer Stelle sieht man noch den Rotz, wo ich mir heulend achtlos die Nase geputzt habe. »Disteln und Sauerampfer«, murmele ich trotzig vor mich hin.

Und trotzdem. Wenn man schon irgendwo stehen muss, ist der Handarbeitssaal immer noch besser als die meisten Räume, da man von hier aus wenigstens einen Blick auf die Eingangstür hat. Ich drücke meine Wange an die Wand und schaue zur Eingangstür hinüber, wo die Buntglasscheibe den Fußboden mit Diamanten in Rot und Grün übersät. Hinter mir ist das schwache Klappern von Besteck zu hören, ein Geruch nach Kohl und Rindertalg zieht zu mir herüber. Ich schließe die Augen und übe mich darin, blind zu sein. Dann übe ich, blind und einbeinig zu sein. Dann falle ich um. Ich rapple mich wieder auf und halte die Luft an. Eins, zwei, drei … sie hat es nicht gehört … vier, fünf … ganz bestimmt hat sie nichts gehört … sechs … sie hat es gehört. Ms Rafferty füllt die Stelle, wo zuvor die Tür gewesen war. Ihr strohblondes Haar steht von ihrem Kopf ab wie das eines Renaissance-Engels, der auf die schiefe Bahn geriet. Ihr ganzes Gesicht besteht aus Nase.

»Noch ein Ton von dir, Lacie Forrester, und du wirst nach der Schule nachsitzen.« Klopf, klopf, macht mein Herz. Das Ende des Schultags ist das Leuchtfeuer, das mich auf Kurs hält. Mir wird übel bei dem Gedanken, nach dem Läuten der Glocke auch nur eine Minute länger dableiben zu müssen.

»Ja, Ms Rafferty. Ich meine, nein, Ms Rafferty. Ich meine …«

Ms Rafferty ist es egal, was ich meine. Sie verschwindet wieder. Die Tür schließt sich. Ich strecke ihr die Zunge heraus.

»Ms Rafferty«, sage ich, »ich hasse Sie. Hasse Sie, hasse Sie, hasse Sie. Und eines Tages werden Sie für Ihre Grausamkeit bestraft.«

»Das will ich doch hoffen«, sagt eine kühle Stimme.

Ich schrecke zusammen, drehe mich um und erblicke ein Mädchen, das ich noch nie zuvor gesehen habe. So passiert es. So tritt Alice in mein Leben.

»Ich kenne sie natürlich nicht«, sagt das Mädchen, »aber sie klingt gemein.«

Das Mädchen trägt die Schuluniform von Dorset House, neu und steif. Sie sieht ungefähr so alt aus wie ich, unterscheidet sich aber ansonsten in jeder Hinsicht von mir. Sie ist größer und schlanker. Während mein Haar dunkel, gerade und kinnlang geschnitten ist, weil es sonst nicht zu bändigen wäre, glänzt das ihre golden und fällt artig auf ihre Schultern. Um ihre Schläfen ringelt es sich wie bei Kolumbine. Ihre Haut ist so rein, dass meine dagegen schmutzig aussieht. Ihre Nase ist gerade und klein, und ihre Lippen sind so rot, als hätte sie gerade an Brausepulver geleckt. Sie wirkt so zart wie das chinesische Porzellan meiner Mutter. Sie ist geradewegs meiner Fantasie entschlüpft. Ich habe Geschichten über sie geschrieben. Sie …

»Alice«, sagt sie und streckt die Hand aus wie eine Erwachsene.

»Lacie«, erwidere ich rasch und klemme mir die Näharbeit unter den Arm.

»Ich komme in Ms Morgans Klasse«, sagt sie.

»Das ist meine Klasse.«

Plötzlich grinst Alice. Mit einem Schlag wirkt sie verändert und sieht überhaupt nicht mehr zerbrechlich aus. Eher spitzbübisch wie ein Äffchen. »Vielleicht könnten wir uns eine wirklich gute Strafe für sie ausdenken.«

»Für wen?« Einen Moment lang habe ich Ms Rafferty völlig vergessen.

»Wer immer es ist, den du hasst, hasst, hasst.« Sie lächelt mit ihren roten Lippen. »Der Feind meines Freundes ist auch mein Feind. Aber der Feind meines Feindes ist mein Freund. Das sagt mein Vater immer.« Ich bin noch damit beschäftigt, diese Information zu verdauen, als sie bereits weiterredet. »Dein Name und der meine. Sie sind aus den gleichen Buchstaben zusammengesetzt.«

Das stimmt. Alice und Lacie. Ich sehe sie staunend an, aber sie schaut nicht mehr her zu mir. Ihre Augen sind auf meine zerknüllte Näharbeit gerichtet, und sie verzieht angewidert den Mund. »Also, das ist wirklich nicht schön«, sagt sie energisch. »Und wird es auch nie sein. Das werfen wir besser weg.«

Ich lasse sie gewähren, als sie den Stoff unter meinem Arm hervorzieht. Suchend schaut sie sich um und entdeckt neben der Eingangstür den Schirmständer aus Elefantenfuß. Seit über einer Woche hatten wir keinen Regen mehr, und der Fuß ist voller fest zusammengerollter Schirme. Einen Moment später verschwindet der grüne Stoff dazwischen. Wir begutachten das Ergebnis. Es wird schon sehr stark regnen müssen, ehe jemand meine Schmach entdeckt.

»Zur Hölle damit und mit Ms Rafferty«, sagt Alice.

Ich erröte. An solche Ausdrücke bin ich nicht gewöhnt, verspüre aber plötzlich das verzweifelte Bedürfnis, zu beweisen, dass ich ihrer Freundschaft wert bin. »Disteln und Sauerampfer soll sie fressen«, verkünde ich laut.

Alice lacht. »Disteln und Sauerampfer«, wiederholt sie. »Ms Rafferty wird uns nicht kleinkriegen. Sie ist schließlich nur eine Handarbeitslehrerin.«

Das entspricht zwar nicht ganz der Wahrheit, aber es scheint mir nicht nötig, das bereits jetzt zu erwähnen, denn hinter der Biegung des Korridors ertönt eine Stimme, so laut und klar wie die von Alice, nur tiefer und gesetzter.

»Alice, Liebes, wo bist du?«

»Ich bin hier, Mutter.«

»Ah, da bist du.« Eine hochgewachsene Frau erscheint. Ich kenne das Wort genau, das sie beschreibt. Ich habe es in Büchern gelesen. Elegant. Ihre Strümpfe sind sehr fein, und ich bin sicher, dass ich, wenn sie sich umdreht, dort Nähte so kerzengerade wie die Striche in meinem Geometriebuch erblicken werde. Ihr Kleid fällt in seidigen Falten über schmale Hüften. Ihre Brüste sind sicher hinter einem dezenten Ausschnitt verborgen. Sie nimmt Alice’ Hand in die ihre, als wollten sie etwas spielen. Meine Mutter hält meine Hand nie auf diese Weise.

»Ms Parker hat mir die Küche und den Inhalt der Speisekammern gezeigt«, sagt sie. »Alles ist sehr …«

»… gesund, Mutter?«

»Ja.« Sie macht eine Pause. »Jede Menge …«

»Ballaststoffe«, schlägt Alice feinsinnig vor.

»Ich wollte gerade Vitamine sagen, Liebes.«

Mutter und Tochter lächeln einander zu. Meine Mutter lächelt mich nie so an.

 

Letztendlich werde ich herausfinden, dass diese Alice nur eine von vielen ist. In der zerbrechlichen Alice werde ich auf einen Schmetterling aus Eisen stoßen; die spitzbübische Alice existiert Seite an Seite mit einer Alice von größter Ernsthaftigkeit. Doch in jeder Alice, die ich jemals kennenlernen sollte, steckt die eine, die meine loyale, meine beste, meine einzige Freundin werden wird.

Kapitel 3

Die Kirchturmglocke schlägt drei Uhr, und ihr Klang verharrt schwebend in der Sommernacht. Ich drücke mich an Mercys Seite. Die Kerze ist ausgegangen und hinterlässt einen exotischen Duft. Mercy kauft die Kerzen auf dem Brixton Market. Sie tragen die würzigen Aromen einer Welt in sich, die ich niemals kennenlernen werde. Mercy hat sich auf dem Plumeau ausgebreitet und belegt den größten Teil des Bettes mit Beschlag, aber ich brauche nicht mehr so viel Platz wie früher. Ich lausche ihrem gleichmäßigen Atem und frage mich, ob sie vielleicht wach ist. Wahrscheinlich nicht. Wahrscheinlich bin nur ich wach. Ich und der Fuchs, der auf leisen Pfoten um die Mülltonnen schleicht.

»Alles in Ordnung, Schätzchen?«

Also ist Mercy doch wach. Als Antwort lehne ich mich gegen ihren tröstlichen Körper, und wir liegen in freundschaftlichem Schweigen nebeneinander. Dann höre ich mich fragen: »Haben Sie eine beste Freundin, Mercy?« Zuerst antwortet sie nicht, und ich überlege, ob ich zu weit gegangen bin. Schließlich opfert sie mir ihre Nächte nicht aus Kameradschaft, sondern für Geld. Hätte sie die Wahl, würde sie nicht hier neben mir liegen, ein kräftiges Bein über den Bettrand hängend, um uns beide sicher in der Dunkelheit zu verankern.

Ich frage mich, wo sie – hätte sie die Wahl – jetzt sein würde. Ich schaue sie an, ob ich sie beleidigt habe, aber sie scheint nur nachdenklich zu sein.

»Tjaaa«, meint sie schließlich gedehnt, als führte sie dies zu einem unzulässigen Schluss, »ich habe meinen Mann.«

»Ich hatte auch mal einen«, erwidere ich. »Er hat sich nicht lang gehalten.« Gerade lang genug, um mich schwanger mit John zurückzulassen.

»Wo ist er jetzt?«, will Mercy wissen und verlagert ihr Gesicht, sodass das Bett schwankt wie bei Wellengang.

»Weg«, sage ich. »Eines schönen Tages im Sommer ging er ins Meer und kam nie mehr heraus.«

Mercy hebt die Augenbrauen.

Ich nicke. »In Hove.«

Sie hebt den Kopf und schaut mich stirnrunzelnd an, als wäre das Rätselhafte an der Sache der Ort und nicht die Tatsache an sich.

»Wo ist der Ihre?«, frage ich.

»Zu Hause, hoffe ich, und passt auf die Kinder auf.«

Ich verspüre einen Anflug von Schuld, dass diese Kinder der Aufsicht eines Vaters anvertraut sein sollen, von dem sie nur hoffen kann, dass er auch da ist. Es ist die liebevolle Obhut ihrer Mutter, die sie bräuchten. Aber ich eben auch. Und es wird ohnehin nicht mehr lang dauern.

»Wie viele Kinder haben Sie denn, Mercy?«

»Sieben«, erwidert sie. »Fünf Mädchen und zwei Jungen. Einer lebt noch, der andere ist schon gestorben.« Als ich seufze, meint sie: »Ist schon okay, Schätzchen. Er ist in Abrahams Schoß.«

Ich gestehe nicht, dass mein Seufzen nicht dem toten Jungen, sondern den lebenden Mädchen galt. Keines von ihnen wird je goldenes Haar haben. »Ich sehe schon, für eine beste Freundin hatten Sie immer zu viel zu tun.« Nach einer Pause füge ich hinzu: »Dem Herrn sei Dank für Wegwerfwindeln«, und sie sagt: »Finde ich auch.« Und dann verfallen wir wieder in Schweigen.

Ich stelle mir ihr Zuhause voller Menschen und Gespräche vor, voller Lachen und Tränen und Beutel schmutziger Windeln, die darauf warten, weggeworfen zu werden. Ich sehe ihre starken Arme vor mir, die Babys baden. Ich denke an den Aberglauben und den Affenkönig. Und an den Mann. Als hätten ihre Gedanken einen ähnlichen Weg eingeschlagen, sagt sie: »Meiner mag das Meer nicht.«

Nicht der einzige Unterschied zwischen ihrem Mann und meinem. Meiner blieb nicht einmal ein ganzes Jahr. Das gibt mir zu denken, und ich komme zu dem Schluss, dass der Unterschied vielleicht nicht zwischen den Männern, sondern zwischen Mercy und mir liegt. Wäre ich ein Mann, wäre ich bei Mercy geblieben. Ich bin nicht sicher, ob ich es mit mir ausgehalten hätte.

»Haben Sie denn eine beste Freundin?« Sie stellt die Frage aus reiner Höflichkeit.

Ich schweige lang. »Ich hatte sie einmal«, sage ich, »aber jetzt nicht mehr.«

Kapitel 4

Am Ende werde ich alles über Alice herausfinden, aber das Ende ist noch weit. Im Moment gibt es nur den nächsten Morgen, als Ms Morgan, die Geschichte – unter besonderer Berücksichtigung der Tudors – unterrichtet, mit ihr im Schlepptau erscheint.

»Das ist unsere neue Schülerin, Alice Fairfax«, verkündet Ms Morgan. »Wer von euch würde sie denn gern unter ihre Fittiche nehmen?«

Alice verharrt fast reglos vor unseren neugierigen Blicken.

Dimitys Hand schnellt nach oben. »Das ist doch ein Akt christlicher Nächstenliebe, Ms Morgan.«

Meine Hand ist ebenfalls erhoben. »Alice und Lacie«, sage ich. »Unsere Namen bestehen aus den gleichen Buchstaben.«

Ms Morgan lächelt. »Lacie«, beschließt sie.

Dimitys christliche Nächstenliebe wird auf eine harte Probe gestellt, da sie die Bank wechseln muss, damit Alice neben mir sitzen kann.

Als der Tag zu Ende geht, haben wir eine Menge über Alice erfahren. In Geschichte und Englisch ist sie uns um einiges voraus, dafür in Geografie im Hintertreffen. Ms Jolliffe beklagt ihre kläglichen Kenntnisse in Geometrie, aber im Gegensatz zu uns allen, die wir erst am Ende des folgenden Jahres an unseren neuen Schulen damit beginnen werden, hat sie bereits mit Latein angefangen. Mit ihren langen Fingern kann Alice wunderbare Fadenspiele weben, und auf dem Klavier spielt sie bereits Stücke des Schwierigkeitsgrades vier. Aber sie erhält zu Hause Unterricht und wird deshalb nicht in Professor Chambers’ Stunden gehen. Sie wohnt weiter außerhalb der Stadt als die meisten von uns und wird jeden Tag mit dem kleinen Zug in die Schule fahren. Ihr Vater ist Anwalt bei Gericht, und ihre Mutter hat ihr einen Pflaumenkuchen für uns mitgegeben.

In der ersten Pause scharen wir uns vor ihrem Spind um Alice. Sie holt den Kuchen heraus, teilt ihn mit der Kompassspitze in mehrere Stücke und schneidet ihn mit dem Winkelmesser auf. Als Alice’ designierter Freundin steht mir das erste Stück zu, Dimity das zweite aus Respekt vor ihrer christlichen Nächstenliebe. Der Kuchen schmeckt ausgezeichnet.

An diesem Abend kommt mein Vater erst spät nach Hause. Er ist müde. In der Gegend sind die Windpocken ausgebrochen, und er war den ganzen Tag unterwegs und hat viele unter schlimmem Juckreiz leidende Kinder behandelt. Beim Abendessen spricht er kaum etwas, und danach verschwindet er hinter seiner Times. Er hat es sich in seinem Polstersessel gemütlich gemacht, aber ich sehe ihm an, dass er nicht sonderlich entspannt ist. Eine seiner glänzenden Schuhspitzen tippt nervös auf den Boden. Offenbar beunruhigt ihn etwas, das in der Zeitung steht. Meine Mutter blickt hoch von ihrer Stickerei.

»Es ist so schwierig, sie vom Kratzen abzuhalten«, sagt sie.

Mein Vater hält sich die Zeitung höher vor das Gesicht. Anzeigen für Haushaltsauflösungen und Schuhpolitur springen mir ins Auge. Ab und zu gibt er ein Schnauben von sich wie das Pferd des Bäckers, während er weiterliest. Meine Mutter näht. Ich erzähle ihnen von Alice.

»Sie ist hübsch«, sage ich.

Meine Mutter schüttelt den Kopf. »Beim Kratzen können hässliche Narben zurückbleiben.«

»Und klug«, fahre ich fort.

»Früher hat man den Kindern Fäustlinge übergezogen … oder war das bei Masern?«

»Und sie spielt schon schwierige Stücke auf dem Klavier.«

Endlich blickt mein Vater hinter seiner Zeitung auf. Seine Stirn ist gerunzelt. Er betupft sie mit seinem Taschentuch. Es dauert einen Moment, bis er wieder ganz er selbst ist.

»Schwierigkeitsgrad vier?«

Ich nicke.

»Du meine Güte. Und du hast es noch nicht einmal bis zu Grad zwei geschafft. Vielleicht solltest du wieder damit anfangen, meine Liebe, und diesmal mehr üben.«

»Vielleicht sollte ich das.«

Bei der Vorstellung, ich könnte wieder mit dem Klavierspiel anfangen, stöhnt meine Mutter leise auf. »Lacie hat nicht das geringste Talent für Musik«, erklärt sie. »Diese Dinge kann man nicht erzwingen.«

Ich schaue auf meine kurzen Finger voller Tintenflecken. Ebenso mein Vater. Er tätschelt meine Hand.

»Man kommt nicht gegen seine Natur an, Lacie. Es gibt viele andere Dinge, in denen du gut bist.«

»Danke, Daddy.«

»Aber was wissen wir über sie?«, fragt meine Mutter.

Wenn meine Mutter so etwas fragt, will sie nicht hören, was wir über Alice, sondern was wir über deren Familie wissen. Der Vater von Alice ist Anwalt, sage ich zu ihr.

»Einer mit Gerichtszulassung? Nicht bloß Anwalt?«

»Ein Gerichtsanwalt«, bestätige ich.

Meine Mutter scheint zufrieden.

 

Weil ich diejenige bin, die von Ms Morgan auserwählt wurde, Alice unter ihre Fittiche zu nehmen, ist es nur normal, dass wir von nun an alles zusammen machen. Wenn Ms Violet anweist, »tut euch zu zweit für eine Naturlehrwanderung zusammen«, oder Ms Potts sagt, »wählt eine Partnerin für rhythmische Gymnastik«, muss ich nicht länger warten, bis ich weiß, wer ohne zurückbleibt. Jetzt habe ich Alice. Wir sitzen zusammen in der Fensternische, während Ms Bertram aus der Schatzinsel vorliest. Im Naturwissenschaftssaal teilen wir uns einen Bunsenbrenner. Wir lachen über die gleichen Dinge. Ich weiß, was sie denkt, wenn sie hinter Ms Raffertys Rücken die Stirn runzelt. Sie will meine Geschichten lesen und hat Vorschläge für weitere. Mir wird klar, dass ich zum ersten Mal eine beste Freundin habe.

Alice scheint mit allen von uns auszukommen und fügt sich überall gut ein. Auch wenn sie zerbrechlich aussieht, sollen wir bald erfahren, wie zäh sie ist. Und voller Ideen. Jeder scheint sie zu mögen. Und deswegen habe auch ich, wie ich feststelle, als ihre auserwählte Kameradin einen neuen Status erlangt. Mädchen, die mir zuvor keinerlei Aufmerksamkeit geschenkt haben, richten nun das Wort an mich. Vor allem Jacqueline. Jacqueline hat kurzes, blondes Haar, das sich wie eine Kappe an ihre Ohren schmiegt. Im letzten Jahr, als sie mich kaum wahrzunehmen schien, war ich froh, ihre Freundin zu sein, aber jetzt ist sie es, die mich fragt: »Kann ich mit dir und Alice gehen, Lacie? Möchtet ihr etwas von meinem Schokoladenkuchen haben, Lacie?«

Und sie sagt sogar: »Ich esse deinen Eintopf für dich, Lacie.«

Das letzte Angebot ist wahrhaftig verlockend, da Ms Parker nicht zulässt, dass etwas auf unseren Tellern übrig bleibt, und erst gestern musste ich würgen, bis ich die Knorpel schlucken konnte, aber ich lehne standhaft ab. Doch dann mache ich mir Sorgen, falsch gehandelt zu haben.

»Alle mögen dich, Alice«, sage ich. »Jacqueline und Alfreda und Susan – sie alle.«

Alice unterbricht ihr Fadenspiel. Das Gespinst verharrt zitternd an ihren Fingern. Schließlich erwidert sie: »Gemocht zu werden ist nicht immer gut.«

Ich verstehe zwar nicht, aber ich erkenne an der Röte, die in ihre Wangen steigt, und der Art, wie ihr Blick über meine Schultern hinwegwandert, dass ich hier besser nicht nachfragen sollte, und so nicke ich, als wäre mir alles sonnenklar. Daraufhin erkläre ich den anderen, dass sie nur unsere Freundinnen sein können, wenn ihr Name aus den Buchstaben unserer Namen besteht. Das schließt alle aus bis auf Jacqueline, die, rosig vor Aufregung, erklärt, dass ihr Name ebendiese Buchstaben enthält – das A, das L, das I, das C und das E.

»Ich dachte, du wolltest meine Freundin sein«, erwidere ich pikiert. »Das wäre L-A-C-I-E. Außerdem, was sollen wir mit den irrelevanten Buchstaben anfangen?« Irrelevant ist mein neues Lieblingswort, und Jacqueline weiß keine Antwort darauf.

Im Gegensatz zu Jacqueline ist Alfredas Fall, alphabetisch gesehen, hoffnungslos, aber sie geht Alice trotzdem auf die Nerven. Alice scheint über ihr Ansinnen nachzudenken, ehe sie den Kopf schüttelt und bedächtig einwendet: »Aber dir fehlen ein I und ein C. Sozusagen ein Ic.« Am Ende des Tages wird Alfreda von allen in der Klasse nur noch »Ic« genannt. Am Ende der Woche ist daraus »Icky« – das Ekel – geworden, und das wird für den Rest ihrer Zeit am Dorset House so bleiben. Das freut mich, weil ich Alfreda nicht ausstehen kann.

Alles an Alfreda Hollerby ist irgendwie zu viel, zu übertrieben, so wie der orangerote Rock, den sie gerade näht. Ihr Haar gleicht einem Bausch aufgeplusterter dunkler Watte, die ein konturloses Gesicht umrahmt, in dem dunkle Augenbrauen über winzigen dunklen Augen fast zusammenstoßen. Alfredas Augen sprechen Bände in den Tagen, die auf ihre Icky-Werdung folgen und in denen Alice ihren Platz unter uns einnimmt, um eine von uns zu werden. Alfreda weiß, dass sie niemals unsere Freundin sein kann, und erklärt sich deshalb zu unserer Feindin. Sie starrt uns finster an. Runzelt die Stirn. Schürzt die Lippen. Dann beginnt das Geflüster. Alfreda hat sich Dimity zu ihrer Vertrauten auserkoren. Dimity ist eine Tochter der Kirche. Zumindest ist sie die Tochter eines Pfarrers. Gott muss Dimity näherstehen als mir. Ich habe ein ungutes Gefühl, wenn ich Alfredas großes Gesicht neben Dimitys kleinem, verkniffenem sehe. Alice lacht nur, wenn ich ihr davon erzähle. Also lache ich ebenfalls.

»So was von albern«, sagt Alice.

Und es spielt keine Rolle, ob sie damit Alfreda oder mich oder uns beide meint, weil die Sache an sich albern ist, und ich schwöre mir, mir davon mein neues Glück nicht kaputt machen zu lassen. Drei Tage lang bleibe ich meinem Schwur treu, bis Alfreda mir in die Garderobe nachschleicht. Man hat mich hierhergeschickt, damit ich mein Taschentuch suche. Jeden Morgen verlasse ich das Haus mit einem sauberen, und es ist allen Lehrern ein Rätsel, warum ich nie eines habe, wenn ich es brauche. Es ist mir selbst ein Rätsel. Mein Spind befindet sich in einer Ecke, und als Alfreda auf mich zukommt, gibt es kein Entrinnen mehr. Sie beugt sich ganz nahe an mich heran. Ihr Atem, der mir in die Nase steigt, riecht nach Tapioka.

»Lacie«, flüstert sie, »weißt du, warum Alice mitten im Sommerhalbjahr zu uns gekommen ist?«

Ich starre sie an.

»Kein Mensch kommt mitten im Sommerhalbjahr«, fährt sie fort. »Es sei denn …« Sie lässt den Rest des Satzes offen.

Habe ich da etwas nicht mitbekommen? Ich habe Alice nicht nach dem Grund gefragt. Sie ist gekommen, und das hat mir gereicht. »Warum nicht?«, erwidere ich beherzt. »Leute tun so etwas.«

»Oh, Leute tun so etwas«, sagt Alfreda, »wenn sie hierher umziehen. Aber die Familie von Alice hat schon immer hier gewohnt. Sie haben ein großes Haus mit einem Tor, wo man hindurchfährt, und noch eines, wo man wieder hinausfährt.«

Ich will nichts mehr hören von dem, was Alfreda über meine Freundin weiß, was – wie ich feststelle – mein eigenes Wissen übersteigt. Aber Alfreda ist nicht zu bremsen.

»Zuvor war Alice im Internat, aber jetzt ist sie wieder zu Hause, und die Frage ist, warum.«

»Ach, halt die Klappe, Icky«, schnauze ich sie an.

Das wirkt. Alfredas kleine Augen werden noch kleiner. »Mein Vater sagt, da ist etwas faul an der Sache. Mein Vater sagt, er wäre nicht überrascht, wenn sie von dieser piekfeinen Schule geflogen wäre, an der sie zuvor war. Er sagt …«

Ich werde mir nicht länger anhören, was Alfredas Vater über Alice sagt. Mr Fairfax ist Anwalt bei Gericht, Mr Hollerby nur ein einfacher Advokat. »Was weiß dein Vater schon!« Ich beende den Satz mit einem Ausrufezeichen, denn ich bin sicher, dass er nichts weiß. Ich liege falsch.

»Er fährt jeden Tag mit dem Zug in die Stadt, zusammen mit dem Vater von Alice. Er weiß es eben.«

Ich spüre, dass ich erröte. Tränen brennen mir in den Augen, und ich muss mich an Alfreda vorbeidrängeln, damit sie es nicht sieht. Schubsen, so etwas tun wir nicht im Dorset House, aber ich stoße sie trotzdem zur Seite. Draußen entdecke ich Alice, die auf dem Rasen sitzt und ein Buch liest. Ich trockne meine Augen mit dem Handrücken und lasse mich neben sie auf den Boden plumpsen.

»Alfreda hasst uns«, sage ich.

»Manchmal«, sagt Alice, ohne aufzublicken, »ist es besser, gehasst als geliebt zu werden.«

Ich habe keine Ahnung, was Alice damit meint, aber ich nicke. Trotzdem wirken Alfredas Worte wie Gift in meinem Kopf, und ich muss sie loswerden. »Alice?«

»Hmm …«

»Alice?«

Sie legt das Buch zur Seite und schenkt mir endlich ihre Aufmerksamkeit. Plötzlich will ich nicht länger sagen, was mir auf der Zunge liegt, aber ich tue es dennoch.

»Alice, warum bist du fort aus deiner letzten Schule?« Ihr Gesicht verändert sich plötzlich. Ich sehe, wie ihr alles Blut aus den Wangen weicht, und ich wünsche mir von Herzen, ich hätte nicht gefragt. »Spielt keine Rolle«, sage ich rasch. »Wirklich nicht.« Sie entgegnet noch immer nichts. »Ich meine, wenn du tatsächlich rausgeworfen wurdest, ist mir das egal. Du bist meine beste Freundin, was immer du … was immer …« Der Ausdruck auf ihrem Gesicht lässt mich verstummen.

»Ich bin nicht rausgeworfen worden«, erwidert sie ruhig.

»Ja. Nein. Natürlich nicht. Aber …«

»Aber ich will nicht darüber reden.« Sie ist sehr weiß im Gesicht. Das ist sie immer noch, als die Glocke das Ende der Pause einläutet.

 

Alle Mädchen mögen Alice, abgesehen von Alfreda und Dimity vielleicht. Auch die Lehrkräfte. Und das ist der Grund für den ersten Schatten, der sich über unsere Freundschaft legt. Ich freue mich für Alice, dass sie bei fast allen so beliebt ist. Sogar bei Ms Jolliffe, die so viel vom Bruchrechnen versteht, oder bei Ms Potts, bei der wir immer rennen dürfen, wenn das Gras trocken ist. Bei allen ist mir das recht, nur bei Ms Bertram nicht. Mit ihren braunen Locken, die ihr Gesicht umrahmen, und den schelmisch funkelnden Augen, als wüsste sie immer irgendeinen Witz, den sie mit uns teilen will, ist Ms Bertram die Jüngste und Hübscheste von ihnen allen. Sie unterrichtet uns in Englisch und steht mir deswegen besonders nahe, weil sie, abgesehen von meinem Vater, der einzige Mensch ist, den ich kenne, der die geheime Magie der Wörter versteht. Als ich noch sehr jung war und mit Ms Elphinstons Beurteilung – »keinerlei künstlerische oder musikalische Begabung« – die Grundschule verließ, war es Ms Bertram, die meine Aufsätze las und feststellte: »Also wirklich, Lacie, du hast das Ohr einer Schriftstellerin.« Ich verstand zuerst nicht, was sie damit meinte, aber als sie mich darauf aufmerksam machte, wie der Klang eines Wortes Teil seiner Bedeutung sein kann, hörte ich das überall heraus. Ich hörte, dass das Wort »ruppig« genau Ms Raffertys Art wiedergab, wenn sie mit mir sprach, und auch, dass ihr Name ebenso böse und reizbar klang wie sie selbst. Mir erschloss sich das Geheimnis der Silben eines Wortes wie »mysteriös«. Ms Bertram war es auch, die zu mir sagte: »Suche dir jeden Tag ein neues Wort, meine Liebe, und es wird dir Freude bringen.« Das war Ms Bertrams Geschenk an mich, und dafür liebe ich sie. Ich kann es nicht ertragen, dass sie außer mir eine andere Lieblingsschülerin haben soll.

Aber jetzt ist Alice da. Seit fast einer Woche ist sie schon in Dorset House, und wir erörtern Gedichte: The Highwayman. Ms Bertram bittet Alice, laut vorzulesen. Sie liest gut. Die Straße ist ein Band aus Mondlicht über der lila Heide, die Spitze am Kinn des Wegelagerers ist getränkt mit seinem Blut, Bess’ Herz ist gebrochen, und ebenso das meine, denn ich sehe, dass Ms Bertram Alice’ Stimme mit derselben Aufmerksamkeit, mit demselben Lächeln lauscht, die sie sonst immer mir zuteilwerden lässt. Alice kann all die anderen haben, nur nicht Ms Bertram.

Ich bin verletzt und wütend und weiß nicht, auf wen oder warum. Es ist nicht Alice’ Schuld, das verstehe ich durchaus. Und Ms Bertram hält noch immer große Stücke auf mich, das sehe ich auch. Aber jetzt muss ich sie teilen. Und ich muss noch mehr teilen. Am nächsten Morgen steht englisches Drama auf dem Stundenplan, und seit Monaten arbeiten wir nun schon am Sommernachtstraum. Wir haben das Stück gelesen, es besprochen und Teile daraus gespielt. Ich bin Puck. Ms Bertram hat mich auserwählt.

»Du verkörperst die Rolle so gut, Lacie«, hatte sie gesagt, »du mit deinen dunklen Augen, deinem dunklen Haar und deinem kleinen, herzförmigen Gesicht.«

Ich war erstaunt und erfreut. Ich lernte sofort meinen Text auswendig, damit ich meiner Rolle entsprechend agieren konnte, und ich habe diesen Puck auf jede erdenkliche Weise gespielt, sogar in meinen Träumen. Ich könnte die Welt in vierzig Minuten umrunden, wenn Ms Bertram mich darum bäte, ich weiß, ich könnte es.

Und nun, an diesem ersten Freitag nach Alice’ Ankunft, sagt Ms Bertram: »Wir müssen unserer neuen Schülerin eine Chance geben, bei der Leseprobe mitzumachen. Welche Rolle wäre denn geeignet für sie?« Sie blättert in dem Skript, als überlegte sie, aber eigentlich steht die Figur außer Frage. Alice sollte den Part der Titania, der Feenkönigin, übernehmen. Das ist mehr als offensichtlich, weil sie danach aussieht, und nicht zuletzt deshalb, weil im Moment Jacqueline, die sich bei fast jedem zweiten Wort verhaspelt und weder königlich noch feenhaft wirkt, die Rolle liest. Alice wird brillieren in dieser Rolle. Deshalb dauert es einen Moment, bis ich begreife, was ich soeben gehört habe.

»Die des Puck, finde ich«, wiederholt Ms Bertram. »Ich bin sicher, Lacie hat nichts dagegen.« Ms Bertram sieht mein Gesicht und zögert kurz. »Lacie wird für diese eine Stunde nichts dagegen haben.«

Doch Lacie hat etwas dagegen. Lacie hat so viel dagegen, dass sogar die Wörter, ihre Verbündeten in einer feindlichen Welt, sie im Stich lassen, wie sie feststellen muss.

»Braves Mädchen«, sagt Ms Bertram.

Lacie lässt den Kopf hängen, und zwei dicke, runde Tränen kullern auf Pucks Rede in dem Buch.

Nach der Stunde nimmt Alice meine Hand und versucht, das Thema nicht mehr anzusprechen. Ein gewisser Trost ist das durchaus, aber irgendwo unter meinen Rippen, dort, wo in meiner Vorstellung mein Herz sein muss, verbleibt eine wunde Stelle. Und gleich darauf haben wir Handarbeiten bei Ms Rafferty. Und es gibt eine Grenze dessen, was ein Mensch ertragen kann.

Wir suchen uns einen Tisch ganz hinten im Handarbeitsraum, so weit weg von Ms Rafferty wie möglich. Alice hilft mir, den Faden in das Nadelöhr einzuführen. Der Unterricht nimmt seinen Lauf. Ms Rafferty stolziert zwischen uns umher, späht über gebeugte Schultern, greift hier korrigierend ein, rückt dort etwas zurecht. Früher oder später wird sie auch zu uns kommen. Ich arbeite wie schon zuvor an dem blassgrünen Stoff, der wundersamerweise aus dem Elefantenfuß wieder zum Vorschein gekommen ist. Alice näht nur eine Schürze, da man der Meinung war, es sei zu spät für sie, in diesem Schuljahr noch mit einem Rock anzufangen. Seit ihrer Ankunft hatten wir erst zwei Unterrichtsstunden, aber sie hat den Stoff bereits zurechtgeschnitten und geheftet. Sie ist gerade damit beschäftigt, mit zierlichen Stichen eine Naht zu schließen, als Ms Raffertys Schatten auf uns fällt. Kritisch betrachtet sie Alice’ Stiche und korrigiert den Einstichwinkel ihrer Nadel. Alice nickt. Ms Rafferty lächelt, ehe sie sich eines Besseren besinnt, sich einen Ruck gibt und mir zuwendet. Mein armer Saum, endgültig entkräftet durch das ständige Auftrennen, hängt schlaff durch. Ein langer Faden steht ab. Entsetzt ziehe ich daran, und er löst sich aus dem Stoff. Noch ein Faden zeigt sich. Wieder ziehe ich daran. Und noch einmal. Hektisch zerre ich so lange daran, bis keine Fäden mehr vorhanden sind und an der Stelle stattdessen ein großes Loch klafft. Ms Rafferty streckt die Hand nach dem aus, was von meinem Rock übrig ist. Nichts würde ich lieber tun, als loszulassen, aber meine Finger haben sich darin verkrampft, und ich habe jede Kontrolle über sie verloren.

»Lacie Forrester«, zischt sie, »jedes Mädchen, das ich unterrichte, lernt zu nähen. Jedes Mädchen außer dir. Ich habe es dir immer und immer wieder gezeigt, und was steht am Ende meiner Mühen? Nichts. Schlimmer noch als nichts. Hinaus mit dir. Stell dich vor die Tür und nimm dieses … dieses …« Verzweifelt sucht sie nach einem Wort, um meine Handarbeit zu beschreiben. Selbst mir fällt keines dafür ein. Alice schon.

»Monstrosität?«, schlägt sie vor. Ms Rafferty und ich sehen sie an. Ihr Gesicht scheint ungerührt, nur ihre Augen glitzern verdächtig. »Gott hat Lacie mit einer Monstrosität sondergleichen bestraft, Ms Rafferty, und wissen Sie was … mir ist genau dasselbe passiert.« Sie lächelt ironisch, als wollte sie sagen: Dieser Gott, was ist er doch für ein Schelm. Dabei hält sie ihre Schürze in die Höhe. Unten am Saum klafft ein langer Riss und schlägt eine entsetzliche Wunde in den strahlend weiß gestärkten Stoff.