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Als Tim wegen schlechter Noten in ein Jungeninternat geschickt wird, beginnt für ihn ein neues Abenteuer voller Freundschaft, Vertrauen und Mut. Doch bald sorgt ein verschwundenes Tagebuch für Aufregung – und Tim steht plötzlich im Mittelpunkt eines großen Geheimnisses. Eine spannende, warmherzige Geschichte über Zusammenhalt, Mut und das Finden der eigenen Wahrheit.
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Seitenzahl: 222
Veröffentlichungsjahr: 2025
Benjamin Arta
Das Geheimnis im Jungeninternat
© 2025 Benjamin Arta
Druck und Distribution im Auftrag des Autors:
tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Deutschland
ISBN
Paperback978-3-384-72493-9
e-Book978-3-384-72494-6
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung "Impressumservice", Halenreie 40-44, 22359 Hamburg,
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Kapitel 1 – Ein Brief verändert alles
Kapitel 2 – Abschied von zu Hause
Kapitel 3 – Die ersten Eindrücke
Kapitel 4 – Das neue Zimmer
Kapitel 5 – Das Geheimnis zwischen uns
Kapitel 6 – Der erste Unterrichtstag
Kapitel 7 – Die Jungs vom Fußballplatz
Kapitel 8 – Duschen nach dem Sport
Kapitel 9 – Die Mitternachtsparty
Kapitel 10 – Der geheime Brief
Kapitel 11 – Die große Mathearbeit
Kapitel 12 – Ein Ausflug in den Wald
Kapitel 13 – Die Mutprobe im Schwimmbad
Kapitel 14 – Streit unter Brüdern
Kapitel 15 – Das Schulfest
Kapitel 16 – Das verschwundene Tagebuch
Kapitel 17 – Ein Gerücht macht die Runde
Kapitel 18 – Das Gespräch mit dem Direktor
Kapitel 19 – Max’ großer Schwur
Kapitel 20 – Das Geheimnis von Tim
Mein Name ist Tim.
Also … so kennt mich jedenfalls jeder. Meine Lehrer, meine Eltern, meine Mitschüler – und bald auch alle im Internat.
Nur ich selbst weiß, dass hinter diesem Namen noch viel mehr steckt. Etwas, das niemand erfahren darf.
Vielleicht fragst du dich, warum ich dann überhaupt meine Geschichte erzähle. Ganz einfach: Weil sie zu spannend ist, um sie für immer zu verschweigen. Ein Jahr in einem Jungeninternat – ein Ort voller Regeln, voller Abenteuer, voller Geheimnisse. Und mittendrin ich, mit einem Rucksack voll Sorgen, Hoffnungen und einer Wahrheit, die niemand entdecken darf.
Wenn du dieses Buch liest, wirst du mich kennenlernen: meine Angst vor dem ersten Schultag, meine Freude über meinen Bruder Max, der mich versteht wie kein anderer, und all die verrückten Erlebnisse, die wir gemeinsam hatten.
Vielleicht wirst du manchmal lachen, vielleicht auch mit mir zittern. Und vielleicht wirst du irgendwann merken, dass es in meinem Leben nicht nur um Hausaufgaben, Fußball und Klassenarbeiten geht, sondern um etwas sehr viel Größeres.
Ich lade dich ein, mich auf dieser Reise zu begleiten. Aber sei gewarnt: Es gibt Dinge, die ich bis zum letzten Kapitel für mich behalten muss.
Denn manche Geheimnisse sind so groß, dass selbst ein ganzes Internat sie nicht sofort vertragen würde.
Es war ein ganz normaler Nachmittag. Zumindest sah er von außen so aus: die Sonne hing schief über den Dächern, die Nachbarskinder kickten im Hof gegen einen viel zu alten Fußball, und irgendwo klapperte jemand mit Geschirr. Für mich war es aber alles andere als normal. Morgen würde ich in ein neues Leben aufbrechen.
Ich saß auf meinem Bett, den Rucksack halb gepackt neben mir, und starrte auf das Blatt Papier, das immer noch auf meinem Schreibtisch lag. Dieser Brief. Er hatte alles verändert. Vor zwei Wochen hatten Mama und Papa ihn zusammen mit mir gelesen. Ein Brief mit Wappen oben links, goldene Buchstaben, die aussahen, als wären sie aus einem Märchenbuch gerutscht: „Internat Sonnenfels“.
Das klang fröhlich, fast einladend – aber in mir drin fühlte es sich trotzdem schwer an.
Internat. Ein Jahr lang. Unter lauter Jungs.
Ich legte den Kopf gegen die Wand und schloss kurz die Augen. Ich stellte mir das Gebäude vor, so wie Papa es beschrieben hatte, als wir uns die Broschüre angeschaut hatten: ein riesiges Haus mit hellen Fenstern, großen Sälen und sogar einem eigenen Schwimmbad. Die Fotos zeigten lachende Jungen im Wasser, ein Basketballfeld und lange Flure, die glänzten, als wären sie gerade frisch poliert worden. Alles sah ordentlich und irgendwie aufregend aus.
Und doch: Hinter meinen Gedanken lauerte ständig dieses eine große Geheimnis. Niemand durfte erfahren, was wirklich los war.
Nicht die Lehrer.
Nicht die Jungs im Internat.
Vielleicht nicht einmal die Freunde, die ich noch gar nicht kannte.
Ein Geräusch riss mich aus meinen Gedanken. Mama stand in der Tür und sah mich an. Ihr Blick war warm, aber auch ernst, so wie immer, wenn sie sich sorgte.
„Tim, hast du schon alle Sachen zusammengesucht?“, fragte sie und versuchte zu lächeln.
„Fast“, murmelte ich. „Es ist noch nicht alles drin.“
In Wahrheit hatte ich noch fast gar nichts eingepackt. Ein paar T-Shirts, Socken, das Mathebuch – das war’s. Meine Hände waren jedes Mal schwer geworden, wenn ich ein Kleidungsstück in den Rucksack legen wollte.
„Denk an die Sportsachen“, sagte Mama, „und an die Schwimmsachen. Du weißt ja, das Internat hat ein eigenes Schwimmbad.“
Ich nickte und versuchte, mir keine Sorgen anmerken zu lassen. Schwimmen. Gerade das machte mir Bauchschmerzen. Nicht, weil ich nicht schwimmen konnte – das konnte ich gut. Aber im Wasser … da ist man verletzlicher, durchsichtiger.
Mama setzte sich zu mir aufs Bett und strich mir eine Strähne aus dem Gesicht. Sie lächelte. „Du wirst das schaffen, Tim. Dein Bruder ist schon da. Und Max wird auf dich aufpassen, das weiß ich.“
Allein bei seinem Namen wurde mir ein kleines bisschen wärmer. Max, mein großer Bruder. Zehn Jahre alt, zwei Jahre älter als ich, und der einzige, der mein Geheimnis kennen durfte. Er wohnte schon seit ein paar Monaten im Internat und hatte mir am Telefon versprochen, dass er sich um mich kümmern würde. Ich vertraute ihm – weil er mich wirklich kannte. So, wie ich bin.
Ich griff nach meinem Kissen und drückte es fester, als ob es mir Halt geben könnte. „Mama?“, flüsterte ich.
„Ja?“
„Denkst du … dass sie mich mögen werden?“
Ihre Antwort kam ohne Zögern: „Natürlich. Wer dich kennenlernt, mag dich. Du musst nur du selbst sein.“
Ich schluckte. Genau das war das Problem. Ich selbst sein. Wenn das so einfach wäre.
Mama stand auf, drückte mir einen Kuss auf den Kopf und ging in die Küche, wo es schon nach Nudeln und Tomatensoße roch. Ich blieb noch einen Moment sitzen, lauschte den Geräuschen aus der Wohnung und spürte dieses Kribbeln im Bauch. So ein Kribbeln, das man sonst nur hat, wenn man eine Achterbahn fährt oder gleich ein Geheimnis verrät.
Langsam raffte ich mich auf und öffnete meinen Kleiderschrank. Zwischen den Stapeln von T-Shirts und Pullovern griff ich nach dem dunkelblauen Hoodie, den Max mir vor einem Jahr geschenkt hatte. Er hatte vorne ein kleines Wappen mit einem Löwen drauf. „Der bringt dir Glück“, hatte er damals gesagt. Ich legte ihn ganz oben in den Koffer.
Daneben wanderten ein paar Hosen, Schlafsachen und mein Notizbuch. Niemand außer Max wusste, dass dieses Notizbuch viel mehr war als ein Schulheft. Darin stand alles, was ich nicht laut aussprechen konnte. Meine Gedanken, meine Sorgen, meine Fragen. Ich legte es sorgfältig zwischen die Kleidung, so, dass es niemand sehen konnte.
Als ich den Schrank weiter durchstöberte, fiel mir mein altes Kuscheltier in die Hände – ein kleiner, abgewetzter Hund mit schiefen Ohren. Ich war schon fast zu groß dafür, jedenfalls sagten das manche, aber irgendwie beruhigte er mich immer. Nach kurzem Zögern legte ich ihn auch in den Koffer, zwischen die Pullover, so, dass nur ich ihn finden würde.
Von draußen hörte ich das Rufen der Kinder im Hof. „Tor!“, brüllte einer, und gleich darauf lachte die ganze Bande. Für einen Augenblick stellte ich mir vor, wie es wohl sein würde, mit den Jungs im Internat zu spielen, als wäre alles ganz normal. Vielleicht würden sie mich in ihre Mannschaft aufnehmen. Vielleicht würden sie auch merken, dass bei mir etwas anders war.
Ein leiser Gedanke schlich sich in meinen Kopf: Max. Zum Glück war er schon da. Wenn ich morgen ankam, würde ich nicht ganz allein sein. Ich erinnerte mich an unser letztes Telefonat. Seine Stimme hatte sich fröhlich angehört, aber auch ein bisschen geheimnisvoll. „Keine Sorge, kleiner Bruder“, hatte er gesagt, „wir schaffen das.“
Ich schloss den Koffer und drückte die Hände fest darauf, als könnte ich damit auch meine Sorgen zusperren. Morgen würde ich durch die hohen Tore von Sonnenfels gehen, in ein riesiges Gebäude voller unbekannter Gesichter – und niemand durfte je erfahren, wer ich wirklich war.
Am Abend saßen wir alle drei am Esstisch. Mama hatte die Nudeln aufgetischt, Papa reichte mir den Parmesan rüber, und die Stimmung schwankte irgendwo zwischen Alltag und Aufbruch. Wir redeten über Kleinigkeiten – welcher Bus heute wieder zu spät gekommen war, dass der Fernseher im Wohnzimmer plötzlich ein komisches Geräusch machte –, aber über das Internat sprachen wir kaum.
Nur einmal hob Papa den Blick von seinem Teller. „Tim, morgen früh fahren wir gleich nach dem Frühstück los. Max weiß schon Bescheid. Er freut sich auf dich.“ Seine Stimme klang fest, aber ich bemerkte, dass er mit der Gabel spielte, als wüsste er selbst nicht genau, ob das hier alles so richtig war.
Ich nickte nur. Meine Nudeln schmeckten nach nichts, obwohl sie sonst immer mein Lieblingsessen waren. Der Gedanke an Max ließ mein Herz schneller schlagen. Ich konnte ihn mir richtig vorstellen: wie er in seinem Zimmer saß, die Beine über die Bettkante baumeln ließ und darauf wartete, dass ich endlich zu ihm stoßen würde.
Nach dem Essen half ich Mama beim Abwasch. Das Klappern der Teller war beruhigend, fast so, als ob es mich zurück in die Normalität zog. Sie lächelte, aber in ihren Augen lag ein Glanz, der verriet, dass sie den morgigen Tag genauso ernst nahm wie ich. „Es wird dir dort gefallen, Tim“, sagte sie leise. „Das Schwimmbad, die Bibliothek, die großen Wiesen – und natürlich dein Bruder. Es ist kein Ort zum Fürchten.“
„Ich weiß“, murmelte ich, auch wenn ich es nicht wirklich wusste.
Später in meinem Zimmer packte ich noch die restlichen Dinge ein: mein Zeichenblock, ein paar Buntstifte, die ich nie hergeben würde, und die kleine Taschenlampe, die Max und ich schon früher bei unseren nächtlichen „Geheime-Missionen“ im Kinderzimmer benutzt hatten. All diese Dinge fühlten sich an wie Stücke von zu Hause, die mich beschützen sollten.
Draußen wurde es dunkel. Ich zog die Vorhänge zu, knipste meine Nachttischlampe an und setzte mich noch einmal an den Schreibtisch. Der Brief vom Internat lag immer noch dort. Ich strich mit den Fingern über das glatte Papier, über das Wappen und die geschwungenen Buchstaben. In diesem Moment wurde mir klar, dass mein Leben morgen nicht mehr dasselbe sein würde.
Ich legte den Brief schließlich zurück in die Mappe, als wollte ich ihn dort einschließen. Dann schlüpfte ich ins Bett, doch ans Schlafen war nicht zu denken. Die Schatten an der Decke wirkten wie lange Gänge, die in das Internat führten, und das Ticken der Uhr erinnerte mich daran, dass jede Sekunde mich näher an den morgigen Tag brachte.
Von meinem Zimmer aus hörte ich, wie Mama und Papa noch leise im Wohnzimmer sprachen. Ihre Stimmen klangen gedämpft, aber ich konnte trotzdem einzelne Wörter erahnen: „Verantwortung…“, „Vertrauen…“, „Zukunft“. Das alles wirbelte in meinem Kopf durcheinander.
Ich zog mir die Decke bis über die Nase und hielt meinen alten Kuschelhund fest. Meine Gedanken sprangen zu Max. Wie es wohl gerade in seinem Zimmer aussah? Vielleicht las er im Bett, vielleicht spielte er Karten mit den Jungs aus seinem Flur. Bestimmt fragte er sich auch, wie es für mich sein würde, wenn ich morgen vor den großen Türen von Sonnenfels stand.
Eine Mischung aus Angst und Aufregung ließ mein Herz schneller schlagen. Ich wollte unbedingt stark wirken, wenn ich ankam – ein „richtiger Junge“ wie alle anderen. Doch tief in mir wusste ich, dass es schwer werden würde. Schwerer, als irgendjemand ahnte.
Langsam fielen mir die Augen zu. Kurz bevor ich einschlief, flüsterte ich in die Dunkelheit: „Bitte, Max, halt dein Versprechen.“
Und mit diesem Gedanken glitt ich in einen unruhigen Schlaf, voller Bilder von hohen Türmen, glänzenden Schwimmbecken und Stimmen, die meinen Namen riefen.
Morgen würde alles beginnen.
Der Morgen begann viel zu früh. Mein Wecker hatte noch nicht einmal geklingelt, da war ich schon wach. Die Aufregung hockte wie ein kleiner Vogel in meiner Brust und piepste ununterbrochen. Ich lag still unter meiner Decke, hörte die Kaffeemaschine in der Küche röcheln und wusste: Heute war der Tag. Heute würde ich mein Zuhause für lange Zeit verlassen.
Ich setzte mich langsam auf, die Decke rutschte von meinen Schultern. Mein Zimmer sah aus, als hätte ein Sturm darin gewütet. Der Koffer stand halb offen im Eck, daneben lagen noch zwei T-Shirts, die ich gestern Abend nicht mehr hineinbekommen hatte. Auf dem Schreibtisch türmten sich Hefte, Stifte und das kleine Notizbuch, das unbedingt mitmusste. Ich konnte nicht glauben, dass ich all das hier einfach stehen lassen würde.
Mama kam leise herein, als hätte sie geahnt, dass ich schon wach war. Sie trug noch ihren Bademantel, und ihre Haare waren ungekämmt, aber sie lächelte. „Guten Morgen, Tim“, sagte sie sanft. „Hast du gut geschlafen?“
Ich zuckte mit den Schultern. „Geht so.“ Das war die Wahrheit, aber auch nicht die ganze. Meine Träume waren voller Treppenhäuser und Türen gewesen, die immer wieder ins Leere führten.
Sie setzte sich neben mich und strich mir über den Arm. „Dann wird es Zeit für ein ordentliches Frühstück. Du brauchst Kraft für die Fahrt.“ Ihr Tonfall war so fröhlich, dass ich wusste, sie gab sich große Mühe, stark zu klingen.
In der Küche roch es nach Toast und Kakao. Papa saß schon am Tisch, die Zeitung halb aufgeklappt, doch ich bemerkte, dass er kaum las. Seine Augen wanderten immer wieder zu mir, als wolle er sicher sein, dass ich nicht einfach in letzter Sekunde davonlief. Ich setzte mich, und Mama stellte mir einen dampfenden Becher Kakao hin.
Wir redeten über Kleinigkeiten, über das Wetter, über Papas Busdienst, der am Montag wieder begann. Aber niemand sprach das Internat direkt an. Es hing wie ein großes, unsichtbares Schild im Raum: Sonnenfels. Heute.
Nach dem Frühstück ging alles viel zu schnell. Mama räumte die Teller ab, Papa schnappte sich die leeren Kaffeetassen, und ich schlich in mein Zimmer zurück. Ich blickte noch einmal auf die Poster an meiner Wand, auf den alten Globus im Regal, den ich so oft gedreht hatte, wenn ich mich nach fernen Orten sehnte. Mir wurde klar, dass ich all das eine lange Zeit nicht mehr sehen würde.
Ich schloss den Koffer endgültig, schnallte die Gurte fest und zog den Reißverschluss bis oben. Er fühlte sich schwerer an als gestern – als würde er all meine Gedanken und Sorgen mitschleppen. Dann kam der letzte Moment: der kleine Hund mit den schiefen Ohren. Ich stopfte ihn ganz oben hinein, griff nach dem Griff des Koffers und atmete tief durch.
„Tim?“, rief Mama aus dem Flur. „Wir müssen los.“
Ich trat hinaus, sah sie und Papa mit ihren Jacken in der Hand und spürte, wie mein Herz pochte.
Noch ein letzter Blick zurück in mein Zimmer. Ein letzter Blick auf das Zuhause, das ich so gut kannte. Dann zog ich die Tür hinter mir zu, trat in den Flur und gemeinsam gingen wir zur Wohnungstür. Papa schloss sie mit einem kräftigen Dreh zu, und das Klicken des Schlosses klang für mich lauter als sonst. Fast wie ein Abschiedswort.
Wir trugen den Koffer die Treppe hinunter. Jeder Schritt hallte im Treppenhaus wider, als wollte er sich einprägen, dass ich nun wirklich aufbrach. Draußen stand unser Auto, noch feucht vom Morgentau. Papa öffnete den Kofferraum, ich wuchtete meinen Koffer hinein und sah zu, wie er mit einem dumpfen Poltern nach hinten rutschte.
„Na dann“, sagte Papa, während er die Klappe schloss. Er bemühte sich um ein Lächeln, doch seine Augen wirkten ernster als sonst. Mama legte eine Hand auf meine Schulter, als wolle sie mir damit Mut in die Jacke stecken. Wir stiegen ein: Papa am Steuer, Mama vorne, ich hinten, wo die Scheiben noch beschlagen waren.
Die Fahrt begann leise. Nur das Summen des Motors und das rhythmische Wischen der Scheibenwischer füllten den Wagen. Ich lehnte den Kopf ans Fenster und beobachtete, wie unser Haus kleiner wurde, bis es hinter einer Kurve verschwand. Mein Magen zog sich zusammen.
Die Straßen der Stadt waren noch nicht voller Menschen, aber langsam wachte alles auf: Radfahrer mit dicken Schals, eine Frau, die ihren Hund über die Straße führte, Bäckereien, aus denen der Duft nach frischen Brötchen strömte. Ich drückte die Stirn ans Glas und stellte mir vor, wie es wäre, einfach hierzubleiben, irgendwo auszusteigen und alles zu vergessen.
„Alles okay da hinten?“, fragte Mama und drehte sich leicht zu mir.
„Ja“, antwortete ich, obwohl meine Stimme dünner klang, als ich wollte.
Wir fuhren am Park vorbei, in dem ich früher so oft gespielt hatte. Die Bäume waren kahl, aber ich erinnerte mich noch an Sommernachmittage mit Max, an Fußballspiele und kleine Abenteuer, die nie jemand außer uns kannte. Jetzt war er nicht hier – und gleichzeitig doch so nah, irgendwo im Internat, wartend.
Die Ampeln sprangen nacheinander auf Grün, und Papa lenkte den Wagen durch die vertrauten Straßen. Ich merkte, wie mein Herz schneller schlug, je weiter wir uns vom Zuhause entfernten. Die Häuser wurden größer, die Straßen breiter, und schließlich kam das große blaue Schild in Sicht: Autobahn.
„Jetzt geht’s wirklich los“, murmelte ich, kaum hörbar, während der Blinker klickte und Papa den Wagen in Richtung Auffahrt lenkte.
Der Wagen beschleunigte, die Auffahrt legte sich wie eine schräge Rampe unter uns, und dann waren wir mitten drin: drei Spuren, ein leises Surren der Reifen, der Wind, der am Auto zog, als wolle er mitfahren. Papa stellte den Blinker aus, ordnete sich auf der mittleren Spur ein und atmete hörbar aus, so wie immer, wenn er das Gefühl hatte, alles unter Kontrolle zu haben. Vor uns glitten die roten Rücklichter der anderen Autos wie kleine Lichterketten durch den Vormittag.
Ich legte die Stirn an die Scheibe. Draußen rauschten die Leitpfosten im gleichen Abstand an uns vorbei, gleichmäßig wie ein Herzschlag. Auf einer Brücke stand ein Mensch im gelben Mantel und sah den Autos nach, als suchte er jemanden. Am Rand der Fahrbahn zogen Felder vorbei, braun und blassgrün, und hier und da standen Windräder, die mit großen, langsamen Armen wedelten. Über allem hing ein helles, kaltes Licht; die Wolken schoben sich wie Watte über den Himmel, ohne zu regnen.
Im Radio lief eine Morgensendung, die sich über irgendein lustiges Missverständnis in einem Supermarkt kaputtlachte. Mama drehte den Ton ein bisschen leiser. „Nicht so laut“, sagte sie, mehr zu sich selbst als zu uns. Ihre Hand lag auf dem Knie, und der Daumen strich immer wieder den gleichen Kreis, als wolle er eine unsichtbare Spur ziehen. Papa schaltete den Tempomat ein. Ein kleines grünes Symbol leuchtete auf, und der Motor klang plötzlich ruhiger.
Wir überholten einen Lastwagen mit einer Plane, auf der riesige Orangen abgebildet waren. Ich stellte mir vor, dass hinten im Anhänger die Kisten klimperten und es dort nach Sommer roch. Beim nächsten Lkw stand der Name einer Spedition, und ich las die Buchstaben lautlos mit, so, als würde ich sie einprägen, obwohl ich wusste, dass ich sie gleich wieder vergessen würde. Kennzeichen raten war früher mal unser Spiel gewesen, Max und ich: „HH ist Hamburg!“, „WI ist Wiesbaden!“ – und wer falsch lag, musste Kaugummi teilen. Ich lächelte kurz bei dem Gedanken, dann zog es in meiner Brust; die Erinnerung fühlte sich an wie ein Brief, den man zu schnell wieder zuklappt.
„Durst?“, fragte Mama und hielt mir eine kleine Trinkflasche nach hinten. Ich nahm sie, drehte vorsichtig den Verschluss, trank in kleinen Schlucken und passte auf, nicht zu kleckern. Der Geruch nach Apfelschorle mischte sich mit dem warmen Innenraumduft des Autos. Meine Finger waren kühl, obwohl es im Wagen nicht kalt war.
„Nächste Ausfahrt in zwölf Kilometern“, sagte die Stimme vom Navi. Papa nickte, als hätte das Gerät ihm eine gute Note gegeben. „Danach ist es nicht mehr weit bis zur Landstraße“, meinte er, ohne sich umzudrehen. „Von dort noch ein Stück – und dann…“ Er brach ab, ließ den Satz in die Luft hängen. Wir wussten alle, wie er enden würde.
Manchmal brach die Sonne durch die Wolken, und für einen Moment blitzte das Wellblechdach einer Scheune auf, ein Teich glitzerte, als hätte jemand eine Handvoll Silber hinein geworfen. Dann war es wieder matt und ruhig. Ein Auto mit Fahrrädern auf dem Heckträger zog an uns vorbei; im Rückfenster hing ein Plüschtier, das bei jeder Bodenwelle nickte, als hätte es etwas sehr Wichtiges zu bestätigen.
Ich schaute auf meine Knie, auf die kleine Falte in meiner Hose, und spürte, wie die Gedanken durcheinander stolperten. Morgen Duschen, Unterricht, neue Gesichter. Die großen Flure, das Schwimmbad. Das Wort Schweigen brannte in mir wie eine unsichtbare Lampe, die niemand sonst sah. Ich presste die Lippen zusammen, nur einen Augenblick, und atmete dann tief durch, so leise, dass es niemand bemerkte.
„Schau mal“, sagte Mama plötzlich, „da vorne die Raststätte. Brauchen wir eine Pause?“
„Wir fahren weiter“, antwortete Papa sanft. „Wenn wir den Wechsel auf die Landstraße geschafft haben, machen wir kurz Halt.“ Sein Blick suchte den Spiegel, prüfte den Verkehr, setzte den Blinker. Das rhythmische Klicken füllte das Auto, als würde jemand eine Uhr aufziehen.
Links schob sich ein dunkler Kombi an uns vorbei, rechts tauchte hinter der Leitplanke ein Weg auf, der parallel zur Autobahn führte – nur ein schmaler Streifen Asphalt, auf dem ein Traktor tuckerte. Dann wieder eine Brücke, grauer Beton, darunter ein kurzer Schatten, und erneut freies Feld. Ich dachte an Max: wie er die Zeit wohl zählte, so wie ich gerade die Leitpfosten zählte. Noch hundert. Noch fünfzig. Noch… gleich.
Das Navi räusperte sich in seiner nüchternen Art. „In achthundert Metern rechts halten. Richtung Landstraße.“ Papa nahm den Fuß kurz vom Gas; der Wagen neigte sich sacht nach vorn, kaum spürbar, nur so viel, dass ich wusste, jetzt ändert sich etwas. Der blaue Autobahnpfeil auf dem Schild wurde kleiner, ein grüner folgte darunter, und ein weißer Ortsname, der mir nichts sagte, aber freundlich aussah.
Der Blinker setzte wieder ein, geduldig wie ein Metronom. Vor uns öffnete sich die Abfahrt, eine geschwungene Spur, die sich vom fließenden Strom der Autos löste – wie ein Seitenarm, der aus einem großen Fluss abzweigt. Papa lenkte sanft hinaus, der Lärm der Autobahn wurde mit einem Mal dünner, als hätte jemand die Welt einen Strich leiser gedreht. Die Leitplanken wechselten, der Asphalt bekam eine andere Farbe, und am Ende der Kurve wartete schon das schmale grüne Schild mit dem Pfeil zur Landstraße.
Die Abfahrt bog in eine schmale Straße, die sich wie ein graues Band durch Felder und kleine Gehölze zog. Der Asphalt war rauer als auf der Autobahn; man hörte das feine Brummen der Reifen jetzt deutlicher, und hin und wieder klapperte etwas in der Türtasche. Rechts und links standen Wassergräben, in denen das Licht wie flüssiges Metall schimmerte. Ein Busschild mit dem grünen „H“ tauchte auf, dahinter ein schlichtes Wartehäuschen aus Glas. Auf der Bank saß niemand, nur ein zusammengefalteter Werbezettel wehte am Boden hin und her.
Wir fuhren durch einen Ort mit roten Ziegeldächern, niedrigen Hecken und Vorgärten, in denen die ersten Frühblüher ihre Köpfe aus der Erde steckten. Vor einer Bäckerei standen zwei Menschen in dicken Jacken und tranken aus Pappbechern; über der Tür drehte sich eine kleine Leuchtreklame, die im Tageslicht fast blass wirkte. Mama folgte mit dem Blick einer Katze, die auf einer Fensterbank lag und mit dem Schwanz wedelte. „Sieht gemütlich aus“, sagte sie leise, eher zu sich selbst. Papa nickte, ohne den Blick von der Straße zu nehmen.
Hinter dem Ort wurde es wieder weit. Ein Windrad stand so nah an der Straße, dass ich das leise Pfeifen hörte, wenn sich die Flügel drehten. Auf einem Acker pickten Krähen in einer schiefen Reihe, als hätten sie sich abgesprochen. Weiter vorn hing an einem Scheunentor ein bemaltes Schild: „Äpfel & Honig – Hofverkauf“, die Schrift mit Pinselstrichen, ein bisschen krumm, freundlich. An einer Kreuzung blinkte Papa, wir folgten dem Pfeil, der den gleichen Ortsnamen trug, den das Navi eben nüchtern angesagt hatte.
„Gleich noch drei Kilometer“, meldete die Stimme. Mama atmete hörbar aus, als hätte sie diese Zahl gebraucht, um ihre Gedanken zu sortieren. Ich betrachtete meine Hände, drehte die Trinkflasche zwischen den Fingern, bis die Kondensperlen zu kleinen Tropfen wurden. Mit jedem kleinen Dorf, das wir hinter uns ließen, fühlte es sich an, als würde ich Schichten von Zuhause abstreifen: die Küche mit dem Kakao, der Flur mit den Schuhen, mein Zimmer mit der schiefen Poster-Ecke. Vor mir lag etwas, das ich nur aus Bildern und Erzählungen kannte, und trotzdem klang es in meinem Kopf, als hätte ich es schon einmal geträumt.
Die Straße schwang in einer sanften Kurve an einem Waldsaum entlang. Zwischen den Stämmen war es dunkel und grün, als stünde dort die Zeit still. Dann, ohne Ankündigung, öffnete sich die Landschaft. Weit hinten, über einer Reihe von jungen Birken, blinkte etwas Helles, als würde die Sonne an Glasflächen hängenbleiben. Der Wind trug einen Geruch herüber, den ich nicht sofort zuordnen konnte – sauber, kalt, irgendwie nach nassen Steinen. Ich dachte an Schwimmbäder und an den Moment, wenn man durch die Eingangstür tritt und die Luft anders schmeckt.
„Siehst du das?“, fragte Mama und beugte sich ein wenig vor. „Dort hinten, über den Bäumen.“
„Ja“, sagte Papa, und in seiner Stimme lag diese Mischung aus Konzentration und Erleichterung. „Das müsste es sein.“
Wir bogen auf eine Allee, die von jungen Platanen gesäumt war. Ihre hellen Stämme wirkten, als hätten sie sich frisch umgezogen. Am Straßenrand standen runde Steine, ordentlich in Abständen gelegt, und dazwischen neue Lampen, die an schlanke Stäbe erinnerten. Als wir näherkamen, erkannte ich die Einfahrt: zwei niedrige Pfeiler aus hellem Stein, dazwischen ein Tor, das offenstand. Über dem Durchlass hing eine schlichte, moderne Tafel aus matt gebürstetem Metall. Darauf prangte ein Wappen – ein Löwe, stilisiert, stark – und darunter der Name, den ich schon so oft gelesen hatte: Internat Sonnenfels.
Mir wurde heiß und kalt zugleich. Der Löwe sah fast genauso aus wie der auf Max’ Hoodie, den ich in meinem Koffer ganz oben verstaut hatte. Es fühlte sich an wie ein geheimes Zeichen, als hätte jemand die Welt so eingerichtet, dass zwei kleine Dinge – das Geschenk meines Bruders und dieses Tor – heimlich zusammengehörten.
Wir rollten unter dem Schild hindurch. Das Gelände öffnete sich in eine breite Vorfahrt aus hellen, glatten Pflastersteinen. Rechts lag eine große Rasenfläche, akkurat geschnitten, mit einem niedrigen Brunnen, dessen Wasser in dünnen Bögen fiel. Dahinter standen Fahrräder in Reih und Glied an silbernen Bügeln; die meisten hatten Nummernschilder am Gepäckträger, sauber beschriftet. Links streckte sich das Hauptgebäude in die Höhe: Glas, Holz, heller Stein, alles klar und freundlich. Keine Burgmauern, keine schiefen Fenster – eher wie eine Schule, die beschlossen hatte, Erwachsensein nicht zu ernst zu nehmen.
