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Das Kinder- und Jugendbuch „Kiara – Frühling in Eldena“ erzählt die Geschichte der siebenjährigen Kiara, die mit ihrer Familie am Stadtrand von Greifswald lebt – direkt in der Nähe des Strandbads Eldena. Im Verlauf eines Frühlings erlebt Kiara ihren Alltag zwischen Schule, Strand, Familie und neuen Freundschaften. Dabei sammelt sie erste Erfahrungen mit Selbstständigkeit, Verantwortung und dem Umgang mit Veränderungen. Zentrale Themen der Geschichte sind das Aufwachsen, die Bedeutung von Familie, die Verbindung zur Natur sowie das Entdecken der eigenen Kreativität. Besondere Erlebnisse – darunter Begegnungen am Meer, kleine Abenteuer im Alltag und das Schreiben eines eigenen Strandtagebuchs – helfen Kiara dabei, ihre Umwelt bewusster wahrzunehmen und Vertrauen in sich selbst zu entwickeln. Die Geschichte wird aus der Ich-Perspektive eines Kindes erzählt und legt Wert auf eine ruhige, lebensnahe Darstellung ohne künstliche Dramatisierung. Das Buch richtet sich an Kinder ab etwa 7 Jahren und eignet sich sowohl zum Vorlesen als auch zum selbstständigen Lesen.
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Seitenzahl: 262
Veröffentlichungsjahr: 2025
Benjamin Arta
Kiara – Frühling in Eldena
© 2025 Benjamin Arta
Druck und Distribution im Auftrag des Autors:
tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Deutschland
ISBN
Paperback978-3-384-77971-7
e-Book978-3-384-77972-4
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung "Impressumservice", Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Deutschland.
Inhaltsverzeichnis
Kapitel 1 – Ich bin Kiara
Kapitel 2 – Der letzte Tag als Siebenjährige
Kapitel 3 – Geburtstag mit Möwenlied
Kapitel 4 – Papa im ICE, Mama im Klassenzimmer
Kapitel 5 – Allein am Strand
Kapitel 6 – Möwi zieht ein
Kapitel 7 – Ein geheimer Ort in den Dünen
Kapitel 8 – Frühling in Eldena
Kapitel 9 – Vincent kommt heim
Kapitel 10 – Möwis erster Flugversuch
Kapitel 11 – Streit mit Marie
Kapitel 12 – Ein Schulausflug ins Freizeitbad Greifswald
Kapitel 13 – Unwetter über Eldena
Kapitel 14 – Verloren im Schilf
Kapitel 15 – Der geheime Brief im Garten
Kapitel 16 – Das Frühlingsfest in der Schule
Kapitel 17 – Ein Tag mit Papa
Kapitel 18 – Ein neues Projekt: Strandtagebuch
Kapitel 19 – Marleen und die Musik
Kapitel 20 – Pläne für die Osterferien
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Ich heiße Kiara, bin sieben Jahre alt – aber nur noch bis morgen.
Morgen ist Frühlingsanfang, und dann werde ich acht. Acht! Das klingt schon fast nach groß, finde ich. Heute ist also mein letzter Tag als Siebenjährige, und ich sitze am Fenster meines Zimmers und sehe hinaus auf den Deich hinter unserem Garten. Dahinter liegt die Dänische Wiek, und wenn der Wind richtig steht, kann ich das Meer rauschen hören, als würde es mir zuflüstern: „Na, Kiara, bist du bereit für dein nächstes Abenteuer?“
Unser Haus steht am Yachtweg in Greifswald, ganz in der Nähe des Strandbades Eldena. Es ist weiß verputzt, hat blaue Fensterläden und ein dunkelgraues Dach, das im Sonnenlicht glänzt. Papa sagt immer, es sehe aus wie ein Muschelhaus – von außen schlicht, aber innen voller kleiner Schätze.
Wenn man durch die blau gestrichene Haustür tritt, riecht es nach Holz, Meer und Marleens Vanilleduft. Marleen ist meine Mama. Sie sagt, jedes Zuhause brauche einen Geruch, an dem man es erkennt. Unserer riecht nach Liebe und ein bisschen nach Salzluft.
Gleich neben der Tür hängt eine Kommode, auf der eine Schale voller Muscheln steht – die meisten habe ich gesammelt. Manche sind glatt und glänzend, andere haben Rillen, als hätten sie kleine Geschichten eingeritzt. Über der Kommode hängen Fotos: ich mit Sand an den Knien, Mama mit ihrer Gitarre, und Papa in seiner roten Bahnjacke neben einem ICE. Er lacht auf dem Bild so, als hätte er gerade hundert Geschichten auf einmal erlebt.
Papa heißt Vincent, aber alle nennen ihn Vinc. Er ist Lokführer bei der Deutschen Bahn und fährt riesige, blitzblanke ICEs quer durch Deutschland. Manchmal ist er tagelang weg, dann bringe ich abends sein kleines rotes Kissen in unser Wohnzimmer, weil Mama sagt, das halte sein Lächeln warm. Wenn er zurückkommt, duftet er nach Fernweh und Bahnöl – und nach Pommes, weil er an Raststätten so gern Currywurst isst.
Mama ist Lehrerin an der Ernst-Moritz-Arndt-Grundschule in Greifswald, wo auch ich hingehe. Sie unterrichtet Deutsch, Erdkunde und Sport. Ich mag das, denn wenn ich sie auf dem Schulhof sehe, lächle ich heimlich, obwohl ich so tue, als wäre sie nur „eine ganz normale Lehrerin“.
Zu Hause ist sie aber ganz anders – warm, lustig, musikalisch. Wenn sie kocht, hängt ihre Gitarre an der Wand, und manchmal spielt sie kleine Melodien, während das Nudelwasser blubbert. Dann riecht die ganze Küche nach Spinat, Lachs und Musik.
Unser Wohnzimmer ist hell und offen. Durch die große Fensterfront sieht man direkt in den Garten – meinen Lieblingsort. Dort steht meine alte Holzschaukel, die Papa gebaut hat. Wenn ich darauf sitze, kann ich über den Zaun und den Deich hinwegsehen. An klaren Tagen glitzert das Wasser wie tausend kleine Spiegel. Manchmal kommt eine Möwe vorbei, landet kurz auf dem Zaunpfahl und sieht mich an, als wollte sie sagen: „Na, Kleine, wieder am Träumen?“
Hinten am Garten führt ein schmaler Sandweg zum Deich. Von dort aus kann man bis zum Strandbad Eldena laufen – keine fünf Minuten. Das Strandbad ist mein Lieblingsort auf der ganzen Welt. Es ist kein lautes, überfülltes Schwimmbad, sondern ein ruhiger, breiter Sandstrand mit flachem Wasser. Wenn man barfuß über den Sand geht, kitzeln die Körner an den Zehen. Im Sommer glitzert das Wasser so hell, dass ich manchmal die Augen zusammenkneifen muss. Dann sehe ich die Segelboote draußen auf der Dänischen Wiek – wie kleine weiße Punkte, die tanzen.
Ich liebe es, dort zu schwimmen. Mama hat’s mir beigebracht, da war ich vier. Seitdem fühle ich mich im Wasser zu Hause. Ich kann tauchen, gleiten und sogar rückwärts paddeln. Papa nennt mich deswegen „seine kleine Wassernixe“. Wenn er mir Postkarten schickt, unterschreibt er manchmal:
„Liebe Grüße an meine Nixe vom Bodden! – Dein Vinc“.
Wenn das Wetter schlecht ist – und hier im Norden ist es oft windig oder regnerisch – gehen Mama und ich ins Freizeitbad Greifswald. Dort gibt’s eine große Rutsche, 60 Meter lang, mit bunten Lichtern, die im Dunkeln leuchten. Ich liebe das Gefühl, wenn ich hinuntersause, das Wasser rauscht und plötzlich der ganze Raum in Farben blinkt. Ich rutsche immer mit einem lauten „Juhuu!“, und Mama lacht, wenn ich platschnass wieder auftauche. Danach essen wir im kleinen Bistro Pommes mit Ketchup und trinken Apfelschorle. Das ist unser Regenwetter-Ritual.
Aber heute ist kein Regenwettertag. Die Sonne scheint schräg über den Deich, und ich sehe, wie sich das Licht im Fenster spiegelt. Der Frühling ist fast da. Überall duftet es nach Salz, nasser Erde und Neubeginn.
Ich springe vom Fensterbrett, renne barfuß über den Teppich und hinunter in die Küche. Mama steht am Herd, summt „Dancing Queen“ von ABBA und wendet Pfannkuchen in der Pfanne.
„Kiara, du bist ja schon wach!“, sagt sie und lächelt.
„Ich konnte nicht schlafen. Morgen bin ich acht!“, rufe ich.
Sie lacht. „Na, dann müssen wir heute wohl schon mal ein bisschen feiern.“
Und in diesem Moment weiß ich: Dies wird kein gewöhnlicher Tag in Eldena.
Nach dem Frühstück nehme ich mir meine Jacke vom Haken und ziehe meine Gummistiefel an. Mama ruft aus der Küche:
„Bleib in der Nähe des Deichs, ja? Und nimm den kleinen Eimer mit, vielleicht findest du wieder Muscheln.“
„Mach ich!“, antworte ich, schnappe mir den Eimer und laufe hinaus.
Die Luft draußen ist frisch und klar, fast ein bisschen salzig. Möwen kreisen über dem Himmel, ihr Kreischen klingt wie Rufe von alten Freunden. Ich liebe das. Wenn ich den Deich hinauflaufe, weht mir der Wind das Haar ins Gesicht, und ich sehe auf das Meer hinunter – oder besser gesagt, auf die Dänische Wiek. Das Wasser glitzert silbrig, als hätte jemand tausend winzige Spiegel auf die Wellen gelegt.
Unten am Strandbad Eldena ist es noch ruhig. Es ist erst Vormittag, und außer zwei älteren Männern, die ihre Hunde Gassi führen, ist niemand da. Der Sand ist feucht vom Tau der Nacht, und meine Stiefel hinterlassen tiefe Abdrücke. Ich gehe zum Wasser und lasse ein paar Muscheln in meinen Eimer plumpsen. Sie klingen wie Regen auf Blech, ein leises klack-klack-klack.
Hinter mir rauscht der Wind durch das Strandgras. Ich sehe die Wiese, die sich hinter dem Sand erstreckt – grün, weit und still. Dort stehen ein paar Strandkörbe, noch leer, aber bald werden sie wieder voll sein. Im Sommer kommen viele Familien hierher, legen ihre Handtücher aus, Kinder rennen kreischend ins Wasser. Ich mag den Sommer, wenn alles lebendig ist. Aber ich liebe auch diese stillen Tage im Frühling, wenn Eldena fast nur mir gehört.
Ich setze mich auf einen der großen Steine am Ufer, ziehe meine Stiefel aus und lasse die Füße in den nassen Sand sinken. Das Wasser reicht bis zu meinen Zehen – kalt, aber nicht unangenehm. Es kitzelt. Ein kleines Stück Seegras streift meinen Fuß, und ich muss lachen.
Über mir zieht eine Möwe ihre Kreise. Ich nenne sie Möwi – obwohl ich nicht weiß, ob sie immer dieselbe ist. Mama sagt, wahrscheinlich sind es viele verschiedene Möwen. Aber ich glaube, Möwi erkennt mich.
Ich lehne mich zurück und sehe zum Deich hinauf. Dort steht unser Haus, klein und weiß, das Dach glänzt in der Sonne. Ich kann mir kaum vorstellen, dass manche Menschen in Städten leben, wo man das Meer nicht hören kann. Für mich wäre das wie atmen ohne Luft.
Manchmal, wenn Papa wieder auf einer seiner Bahnreisen ist, kommen Mama und ich abends hierher. Dann sitzen wir auf der Holzbank hinter dem Garten, und Mama spielt auf der Gitarre. Das Lied, das ich am liebsten mag, heißt „Der Wind von Eldena“. Sie hat es selbst geschrieben. Es geht um das Meer, das nie stillsteht, und um das Herz, das trotzdem ruhig bleibt. Ich kann es fast auswendig.
Heute ist einer dieser Tage, an denen alles leicht wirkt. Der Himmel ist wolkenlos, die Sonne wärmt mir das Gesicht, und selbst der Wind fühlt sich freundlich an. Ich sehe zwei Segelboote draußen in der Bucht. Ihre weißen Segel flattern, und ich stelle mir vor, eines davon gehört mir. Ich würde einfach hinaussegeln, bis ich Rügen sehen könnte. Das ist mein größter Traum. Mama sagt, man sieht die Insel manchmal bei klarer Sicht, aber ich habe sie noch nie richtig erkennen können.
„Eines Tages segel ich dorthin“, flüstere ich leise, „und bringe dir eine Muschel von dort mit, Mama.“
In diesem Moment kommt ein älterer Mann mit einem Fahrrad vorbei. Er grüßt freundlich. Hier grüßen sich alle – so ist das in Eldena. Man kennt sich wenigstens vom Sehen. Ich winke zurück und denke, dass ich es schön finde, an einem Ort zu leben, wo man sich nicht beeilen muss.
Der Wind frischt ein wenig auf. Ich sehe, wie das Wasser kleine Wellen schlägt. Sie rollen auf den Strand zu, brechen, ziehen sich zurück, nur um gleich wiederzukommen. So ist das Meer: Es geht nie wirklich weg. Es bleibt – so wie wir.
Ich nehme meinen Eimer mit den Muscheln, steige den Deich wieder hinauf und sehe, wie Mama im Garten steht. Sie winkt mir zu. Neben ihr steht unser silbergrauer Volkswagen Touran – das Familienauto mit dem Kennzeichen HGW VA 83. Papa hat es ausgesucht, weil „HGW“ für Greifswald steht und „VA“ für „Vincent Anders“. Ich finde, das ist wie ein geheimer Code unserer Familie.
Mama ruft: „Na, Seeräuberin, was hast du heute gefangen?“
„Nur Muscheln! Aber eine ist besonders schön!“
Ich halte ihr die größte hin – sie ist rund, glänzt leicht rosa im Licht. Mama streicht mir über das Haar.
„Dann wird sie dein Glücksbringer für morgen. Für dein neues Lebensjahr.“
Ich nicke und drücke die Muschel fest in der Hand. Sie fühlt sich kühl an, glatt und lebendig, als hätte sie ein Herz, das schlägt.
Später, als die Sonne tiefer steht, sitzen wir beide auf der Holzbank im Garten. Der Himmel färbt sich golden, und das Licht fällt auf das Wasser der Dänischen Wiek. Ich sehe, wie die Sonne langsam hinter Greifswald verschwindet. Es riecht nach Lavendel und Meer.
Mama legt den Arm um mich. „Weißt du, Kiara“, sagt sie leise, „morgen beginnt ein neues Kapitel – nicht nur in deinem Leben, sondern auch im Frühling.“
Ich schaue sie an. „Dann wird morgen doppelt schön“, sage ich.
Sie lächelt, und in ihren Augen glitzert dasselbe Blau wie im Meer.
Ich lege den Kopf an ihre Schulter und höre die Möwen über uns kreisen. Der Wind spielt mit meinem Haar, und ich denke, dass ich mir keinen besseren Ort auf der Welt wünschen könnte.
Denn hier, am Rand von Greifswald, zwischen Meer, Wind und Sonne, beginnt meine Geschichte.
Und morgen – da fängt mein achtes Jahr an.
Die Sonne steht inzwischen schräg über den Dächern von Eldena, und in unserem Garten riecht es nach Gras und Salz. Ich sitze auf der Schaukel, die Papa gebaut hat, und lasse mich langsam vor- und zurückschwingen. Die Seile quietschen ein bisschen, aber ich mag dieses Geräusch. Es klingt nach Zuhause.
Mama steht an der Terrasse, gießt die Blumen und ruft:
„Kiara, wir fahren gleich in die Stadt. Ich muss noch kurz in der Schule etwas vorbereiten – willst du mitkommen?“
Natürlich will ich. Ich liebe es, wenn ich mitfahren darf. Vor allem, wenn Mama den silbergrauen Touran aus der Einfahrt lenkt, das Radio leise spielt und die Sonne durch die Windschutzscheibe scheint. Das Auto riecht nach Vanille-Lufterfrischer und ein bisschen nach Sommer.
Ich springe von der Schaukel, schnappe mir meine kleine Tasche und hüpfe die Holzstufen zur Terrasse hinauf. Drinnen riecht es nach frischem Kaffee – Mamas zweitem Lieblingsgetränk nach Cappuccino – und ein bisschen nach Lavendel. Ich ziehe meine Jacke an, stecke die Muschel von heute Morgen in die Jackentasche und laufe barfuß über den Flur.
Mama schließt gerade die Haustür ab, während sie den Schlüsselbund klimpern lässt. „Los geht’s, Seeräuberin.“
Wir steigen in den Touran mit dem Kennzeichen HGW VA 83. Ich sitze hinten links, weil ich dort die beste Sicht auf den Deich habe. Durch das Fenster sehe ich das Meer glitzern, Möwen kreisen, und in der Ferne zieht ein kleines Segelboot vorbei. Dann rollen wir langsam vom Yachtweg auf die Ludwig-Beck-Straße und weiter in Richtung Wieck.
Der Himmel ist tiefblau, die Sonne steht golden über den Feldern. Auf der anderen Seite glitzert die Dänische Wiek. Hinter uns verschwindet das Strandbad, das im Nachmittagslicht aussieht, als wäre es aus lauter Spiegeln gemacht.
Nach wenigen Minuten erreichen wir die Rostocker Chaussee. Links davon liegen kleine Gärten, rechts der Radweg Richtung Innenstadt. Wir fahren an der Bushaltestelle „Wieck/Eldena“ vorbei – da, wo ich sonst morgens die Buslinie 2 sehe, die bis zur Arndtstraße fährt, direkt zu meiner Schule.
Ich sehe die Stadt näher kommen: die alten Backsteinhäuser, die kleinen Geschäfte und das vertraute Kopfsteinpflaster. Mama biegt in die Anklamer Straße ein, dann in die Arndtstraße 37, wo meine Schule steht – die Ernst-Moritz-Arndt-Grundschule. Schon vom Auto aus sehe ich den großen Kastanienbaum auf dem Schulhof, der jetzt im Frühling weiße Blütendolden trägt.
Mama stellt den Wagen auf dem Parkplatz neben dem Lehrergebäude ab. Ich bleibe kurz sitzen und sehe durch das Fenster die Sonnenstrahlen auf den hellgelben Putz der Schule fallen. Die Fenster spiegeln das Grün der Bäume. Es sieht aus, als hätte der ganze Schulhof einen goldenen Schimmer bekommen.
„Kommst du?“, fragt Mama, lehnt sich zu mir um und öffnet die Tür.
Ich nicke, schnalle mich ab und springe hinaus. Der Boden fühlt sich warm an durch meine Sandalen. Die Luft riecht nach Frühling, Kreide und ein bisschen nach Schulflur.
Drinnen ist es ruhig. Keine Kinder, kein Lärm, nur das Summen der Neonröhren und das leise Ticken der Wanduhr. Wir gehen den Flur entlang. Die Wände sind hellgelb gestrichen, und an ihnen hängen Zeichnungen aus dem Kunstunterricht – Regenbogen, Boote, und sogar ein Bild von mir und Marie, meiner besten Freundin.
Mama schließt die Tür zu ihrem Klassenraum auf. Der Raum ist so, wie ich ihn kenne: hell, freundlich, ein bisschen nach Holz riechend. Durch das Fenster fällt das Licht auf die Gruppentische, und Staubkörner tanzen im Sonnenstrahl.
„Ich muss nur kurz die Arbeitsblätter für morgen ausdrucken“, sagt Mama und setzt sich an den Lehrertisch. Ich gehe zum Fenster und sehe auf den Schulhof hinunter. Der Kastanienbaum bewegt sich leicht im Wind. Irgendwo klappert eine Fahnenleine gegen den Mast.
Ich sehe auch das Haus gegenüber – das mit der roten Fassade, wo manchmal der Schulbus vorbeifährt. Ich stelle mir vor, wie ich morgen früh in diesem Bus sitze, aber diesmal nicht als Siebenjährige. Ich werde acht. Acht!
Ich atme tief ein. Es riecht nach Papier, Druckertinte und Kreide. Ich mag das. Für mich riecht das nach Mama.
Nach einer Weile ruft sie: „Fertig. Wollen wir noch kurz in die Stadt? Ein kleiner Zwischenstopp?“
Ich weiß, was das bedeutet. Sie will ins Buch-Café in der Langen Straße – dort, wo es den besten Kakao der Stadt gibt und ich ein Stück Apfelkuchen bekomme. Also nicke ich begeistert.
Wir verlassen die Schule, steigen wieder in den Touran und fahren durch die Steinbeckstraße Richtung Innenstadt. Ich sehe die Domspitze von St. Nikolai, die sich über die Dächer erhebt, und die kleinen, bunten Häuser am Markt. In Greifswald sieht alles ein bisschen aus wie gemalt.
Mama findet einen Parkplatz an der Ecke Domstraße. Wir steigen aus, und ich halte ihre Hand. Die Sonne spiegelt sich in den Schaufenstern, Leute flanieren, Fahrräder klackern über das Pflaster.
Im Buch-Café ist es warm und duftet nach Vanille und frisch gemahlenem Kaffee. Mama bestellt wie immer: „Ein Cappuccino und einen Kinderkakao, bitte.“ Ich sitze auf dem Fensterplatz, sehe nach draußen und rühre in meinem Kakao, bis der Milchschaum fast verschwindet.
„Na, aufgeregt wegen morgen?“ fragt Mama.
Ich nicke. „Ein bisschen. Aber auch froh.“
„Das sollst du sein. Acht wird man schließlich nicht jeden Tag.“
Sie lächelt, und ich sehe das Funkeln in ihren hellblauen Augen – das, das nur sie hat. Ich denke an den Abend, an den Sonnenuntergang über der Dänischen Wiek. Vielleicht gehen wir später noch einmal zum Strand.
Und während ich den letzten Schluck Kakao trinke, denke ich, dass dies der schönste Tag ist, den man als Siebenjährige haben kann – so kurz vor dem neuen Abenteuer.
Nachdem wir den letzten Krümel Apfelkuchen aufgegessen haben, kramt Mama ihre Autoschlüssel aus der Tasche. Draußen ist das Licht inzwischen weicher geworden – so ein Nachmittag, an dem die Sonne golden durch die Bäume fällt und man das Gefühl hat, alles atmet ein bisschen langsamer.
„Wir müssen noch kurz einkaufen“, sagt Mama, als wir wieder im Touran sitzen. „Nur Kleinigkeiten fürs Abendessen und… vielleicht noch etwas Besonderes.“
Ich ziehe eine Augenbraue hoch. „Etwas Besonderes?“
Sie lächelt geheimnisvoll, startet den Motor und fährt los.
Wir rollen langsam durch die Greifswalder Innenstadt, vorbei am Markt mit dem roten Rathaus, dann über die Anklamer Straße stadtauswärts. Der Verkehr ist ruhig. Auf dem Rückweg Richtung Eldena sieht man auf der linken Seite Felder, auf der rechten blitzen die ersten Boote im Ryck, die in der Nachmittagssonne vor sich hin schaukeln.
„Kann ich Musik anmachen?“, frage ich.
„Klar. Aber keine Kinderhörspiele, ja?“
Ich lache, drücke auf den Knopf am Display – und aus den Lautsprechern erklingt „Waterloo“ von ABBA.
Mama singt sofort mit, leise, fast nur für sich. Ich stimme ein, und als der Refrain kommt, singen wir beide laut – die ganze Fahrt lang, bis wir lachen müssen, weil Mama sich beim Text vertut.
Wenige Minuten später biegen wir in die Rostocker Chaussee ein und halten beim Edeka Eldena, direkt neben der Bushaltestelle „Wieck/Eldena“. Ich kenne diesen Ort gut – hier holen wir fast immer die Milch oder frisches Obst.
Mama nimmt den Einkaufswagen, ich hänge meine kleine Tasche an den Griff und rolle ihn stolz durch die automatischen Türen.
Drinnen riecht es nach frischem Brot und ein bisschen nach Zitrone von den Reinigungsmitteln. Das Licht ist hell und gleichmäßig, und über uns dudelt eine Musik, die an Sommer erinnert. Wir gehen durch die Gänge: Milch, Butter, Nudeln, Käse. Mama hakt die Liste im Handy ab, während ich schon in Richtung Süßigkeiten-Regal schiele.
„Nur eine Sache für dich“, sagt sie ohne aufzusehen.
Ich grinse, schnappe mir eine kleine Tüte Brausebonbons und werfe sie in den Wagen. „Nur eine!“
„Na gut“, sagt sie und legt ein Stück Lachs in den Korb. „Den gibt’s heute Abend mit Spinatpasta.“
Ich weiß, dass das ihr Lieblingsessen ist – und wenn Mama glücklich ist, schmeckt es mir doppelt so gut.
Dann biegt sie plötzlich in die Spielwarenabteilung ab. Ich folge ihr neugierig. Zwischen bunten Schachteln, Puzzles und Schreibwaren greift sie nach etwas, das in silbernes Papier eingewickelt ist. Ich kann nur kurz das Etikett lesen: „Überraschung für kleine Künstler“.
„Was ist das?“ frage ich.
„Nichts, was du jetzt schon wissen musst“, sagt sie, zwinkert und legt es ganz unten in den Wagen – unter das Brot.
Ich tue so, als hätte ich es nicht gesehen, aber in meinem Bauch beginnt es zu kribbeln. Morgen ist mein Geburtstag – also könnte das vielleicht…
An der Kasse packen wir alles aufs Band. Die Kassiererin nickt freundlich, und als ich die Tüte Brausebonbons aufs Band lege, sagt sie:
„Na, da freut sich aber jemand schon auf den Frühling, hm?“
Ich nicke. „Morgen hab ich Geburtstag!“
„Na, das ist ja was! Dann wünsch ich dir schon mal alles Gute, junge Dame.“
Ich strahle und bekomme von ihr ein kleines Schokoladenstück geschenkt – „vom Haus“, sagt sie. Ich drehe mich zu Mama um, die lächelt.
Als wir wieder nach draußen treten, ist die Sonne schon tiefer. Der Himmel über der Dänischen Wiek färbt sich ganz leicht rosa-orange, und Möwen ziehen ihre Kreise über den Parkplatz. Mama verstaut die Einkäufe im Kofferraum, ich steige schon ein. Auf dem Rücksitz liegt ein weiches Licht, als hätte jemand Goldstaub über die Polster gestreut.
Wir fahren den kurzen Weg nach Hause, über den Yachtweg zurück. Links sehe ich das Strandbad Eldena, wo die letzten Spaziergänger ihre Hunde führen, rechts glitzert das Wasser hinter dem Deich.
Als wir in unsere Einfahrt einbiegen, erkennt man unser Haus schon von Weitem – die blauen Fensterläden, die in der Abendsonne leuchten, und der Gartenzaun, an dem sich der Lavendel leicht im Wind bewegt.
Mama stellt den Wagen ab, und für einen Moment bleibt sie einfach still sitzen. Sie sieht hinaus über den Deich. Dann sagt sie leise:
„Weißt du, Kiara… ich glaube, das wird ein schöner Frühling.“
Ich nicke. „Weil ich acht werde?“
„Auch deshalb“, antwortet sie, lächelt und streicht mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Aber vor allem, weil du hier bist.“
Ich spüre, wie mein Herz ganz warm wird. Ich steige aus, helfe ihr, die Einkaufstüten in die Küche zu tragen, und höre schon das ferne Rauschen des Meeres hinter dem Garten.
Drinnen riecht es nach Zuhause – nach Holz, nach Salzluft, nach Leben.
Und während Mama die Einkäufe einräumt, stehe ich am Fenster, sehe die Sonne über der Dänischen Wiek untergehen und denke:
Morgen. Morgen beginnt mein neues Jahr.
Der Himmel über Eldena glüht in einem tiefen Orange, als Mama den Herd anschaltet. Der Duft von gebratenem Lachs erfüllt die Küche, gemischt mit frischem Spinat und Knoblauch. Ich sitze auf der kleinen Bank unter dem Fenster und male. Auf dem Tisch liegen ein paar Muscheln, die ich heute Morgen gesammelt habe – sie trocknen auf einem alten Geschirrtuch. Eine davon schimmert leicht rosa, fast wie die Abendsonne draußen über der Dänischen Wiek.
„Darf ich den Tisch decken?“ frage ich.
„Na klar, meine Große“, sagt Mama. Sie klingt dabei so warm, dass mir das Herz aufgeht.
Ich nehme die Teller aus dem Schrank – die hellblauen, die wir immer nehmen, wenn wir etwas Besonderes essen. Dazu zwei Gläser, Besteck, eine kleine Vase mit einer Blüte vom Lavendelstrauch im Garten. Dann falte ich die Servietten dreieckig, wie Mama es mir gezeigt hat.
Draußen über dem Deich wird der Himmel langsam violett. Die Sonne ist halb verschwunden, und man hört nur noch das Rauschen des Windes und das ferne Schreien der Möwen, die zu ihren Schlafplätzen fliegen.
Wir essen im Wohnzimmer, weil es dort gemütlicher ist. Durch die große Fensterfront sehe ich die letzten Lichtstreifen über dem Wasser. Mama hat Kerzen angezündet. Das Licht flackert auf ihren blonden Haaren, und für einen Moment wirkt sie fast so, als wäre sie selbst ein Teil des Abendlichts.
„Wie schmeckt’s?“ fragt sie.
„Wie Frühling“, sage ich und kaue glücklich weiter.
Sie lacht. „Das ist die schönste Bewertung, die ich je bekommen habe.“
Nach dem Essen räumen wir gemeinsam ab. Mama spült, ich trockne ab. Auf dem Kühlschrank kleben Vincents Magnete von seinen Bahnreisen – einer aus Köln, einer aus Hamburg, einer mit einem ICE, der durch die Alpen fährt. Ich streiche mit dem Finger über den aus Frankfurt. Auf der Rückseite steht: „Für meine kleine Wassernixe. Bald wieder da. – Papa.“
Ich seufze leise.
Mama bemerkt es. „Er ruft bestimmt morgen an, Kiara. Versprochen.“
Ich nicke. Ich weiß ja, dass Papa viel unterwegs ist. Aber an Geburtstagen ruft er immer an. Immer.
Als wir fertig sind, holt Mama ihre Gitarre aus der Ecke. Wir setzen uns auf das Sofa, und sie stimmt die Saiten. Ich lehne mich an sie. Der Raum ist in warmes Kerzenlicht getaucht.
Dann spielt sie das Lied, das ich am meisten liebe – „Der Wind von Eldena“.
Ihre Stimme ist sanft und klar, und ich summe leise mit.
> „Wenn der Wind vom Meer erzählt,
> und der Abend still mich hält,
> weiß ich, dass du bei mir bist –
> auch wenn du heut fern von mir bist.“
Ich bekomme Gänsehaut. Es ist ein Lied, das sie für Papa geschrieben hat, als ich kleiner war. Aber für mich ist es ein Lied über Zuhause. Über alles, was bleibt.
Nach dem letzten Akkord ist es still. Draußen glitzern die ersten Sterne über der Dänischen Wiek, und irgendwo bellt ein Hund in der Ferne. Mama legt die Gitarre zur Seite, löscht die Kerzen und nimmt meine Hand.
„Ab ins Bett, Geburtstagskind in spe.“
Ich kichere. „So sagt man das nicht!“
„Doch. So sagt das deine Mama.“
Oben in meinem Zimmer duftet es nach frischer Bettwäsche und dem Wind, der durch das leicht geöffnete Fenster zieht. Meine Muschellichterkette glimmt schwach. Ich ziehe mein Lieblingsnachthemd an – das mit den kleinen Fischen drauf – und krieche ins Bett.
Mama setzt sich an den Rand, streicht mir über die Stirn.
„Weißt du, Kiara“, sagt sie leise, „morgen fängt ein neues Kapitel an. Aber heute… heute warst du die schönste Siebenjährige der Welt.“
Ich lächle verschlafen. „Und morgen bin ich die schönste Achtjährige der Welt.“
„Ganz bestimmt“, flüstert sie und drückt mir einen Kuss auf die Stirn.
Sie steht auf, löscht das Licht und geht zur Tür. Nur das Mondlicht bleibt, das sich silbern auf meinen türkisfarbenen Teppich legt.
Ich höre noch das ferne Rauschen der Ostsee, das durch das Fenster dringt. Es klingt wie ein Lied, das nur für mich spielt. Dann schließe ich die Augen, halte die Muschel von heute Morgen in der Hand und denke:
Morgen wird alles anders.
Morgen wird alles ein bisschen größer, heller – und voller Geschichten.
Und so schlafe ich ein, während draußen der Wind von Eldena leise die Gardinen tanzen lässt.
Als ich aufwache, weiß ich sofort, dass heute ein besonderer Tag ist. Es ist still im Haus, aber diese Stille fühlt sich nicht nach Alltag an. Sie klingt… gespannt, wie der Moment, bevor eine Melodie beginnt.
Ein schmaler Sonnenstreifen fällt durch den Spalt meiner Gardine auf die Decke. Der Himmel über Eldena ist klarblau, und irgendwo draußen ruft eine Möwe. Ich setze mich auf, reibe mir die Augen – und da fällt mein Blick auf den türkisfarbenen Teppich neben dem Bett. Dort liegt etwas.
Ein kleines, glänzendes Etwas.
Ich beuge mich vor und hebe es auf: eine Muschel, aber nicht irgendeine. Sie ist zartrosa und in goldener Schrift steht darauf: „8 Jahre Kiara“. Ich grinse. Mama war also schon hier.
Ich springe aus dem Bett, streife mein Lieblingskleid über – das hellblaue mit den weißen Punkten, das aussieht, als wären kleine Wellen darauf. Meine langen Haare fallen mir über die Schultern, und während ich sie mit den Fingern bändige, höre ich unten aus der Küche das Klappern von Geschirr und… Gitarre?
Ich renne barfuß die Treppe hinunter.
In der Küche duftet es nach Pfannkuchen – nach Mamas Pfannkuchen, die immer ein bisschen nach Vanille riechen – und im Hintergrund spielt sie tatsächlich Gitarre. Sie steht an der kleinen Frühstücksecke, trägt ihr hellgelbes Kleid und summt eine Melodie, die ich noch nie gehört habe.
„Guten Morgen, Geburtstagskind!“ ruft sie, als sie mich sieht.
Ich bleibe stehen. Auf dem Küchentisch steht ein kleiner Strauß Tulpen, mein Lieblingsblumen, daneben eine brennende Kerze und ein Teller mit einem riesigen Pfannkuchen in Herzform. In Zuckerschrift steht darauf: „8 × Meerliebe!“
„Mama!“ Ich lache und falle ihr um den Hals. Sie drückt mich fest, und ihre Stimme klingt ein bisschen zittrig, als sie sagt:
„Jetzt bist du acht, mein Schatz. Acht Jahre voller Wellen, Wind und Lachen.“
Dann setzt sie sich, nimmt die Gitarre auf den Schoß und sagt:
„Ich hab da was für dich geschrieben.“
Ich rutsche auf meinen Stuhl, mein Herz klopft.
Mama beginnt zu spielen. Die Töne sind weich, hell, fast wie das Licht, das durchs Fenster fällt. Dann singt sie:
> „Kleine Welle, roll ans Land,
> bring ein Lächeln in die Hand.
> Achtmal Frühling, achtmal Wind,
> meine Möwe, mein liebes Kind.“
Ich halte die Luft an. Ihre Stimme klingt so warm, dass mir Tränen in die Augen steigen.
> „Wenn die Sonne dich küsst und das Meer dich ruft,
> weiß ich, mein Kind, du bist mutig genug.
> Denn wer am Meer zu Hause ist,
> hat Salz im Herzen und Licht im Blick.“
Ich kann nichts sagen. Ich kann nur lächeln.
Als sie den letzten Akkord spielt, schweigt das ganze Haus. Nur draußen schreit eine Möwe – ein einziger, heller Ton, genau im richtigen Moment.
Mama lacht leise. „Na siehst du? Selbst Möwi gratuliert.“
Ich wische mir die Tränen ab. „Das war das schönste Lied der Welt.“
„Das war dein Lied“, sagt sie und streicht mir eine Haarsträhne hinters Ohr.
Dann stellt sie ein kleines, in türkisfarbenes Papier gewickeltes Päckchen vor mich hin. „Und jetzt kommt noch etwas, das dich an dieses Lied erinnern soll.“
Ich reiße das Papier vorsichtig auf. Darin liegt eine silberne Kette – mit einem kleinen Anhänger in Form einer Möwe.
„Damit du sie immer bei dir hast“, sagt Mama.
Ich halte die Kette in der Hand, das Metall ist kühl und glatt. Draußen ruft wieder eine Möwe, und ich schwöre, sie fliegt direkt über unser Haus am Yachtweg.
Ich springe auf, laufe zum Fenster und sehe hinaus: Das Meer glitzert in der Morgensonne, der Deich leuchtet grün, und die Wellen schlagen sanft ans Ufer.
„Mama, ich glaube, heute wird der schönste Tag der Welt.“
„Ich weiß“, sagt sie leise. „Denn er hat gerade erst angefangen.“
Nach dem Frühstück hilft Mama mir, die Kette anzulegen. Sie schimmert im Licht, und der kleine Möwenanhänger glitzert, als hätte er selbst ein Stück Sonne verschluckt.
„Da“, sagt sie, „jetzt gehörst du ganz offiziell zu den Frauen des Meeres.“
Ich lache. „Aber ich bin doch erst acht!“
„Dann eben zu den kleinen Frauen des Meeres.“
Während sie die Pfannkuchenreste wegräumt, ziehe ich meine Lieblingsjacke an – die mit den türkisfarbenen Nähten – und binde mir die Haare mit einem blauen Band zusammen. Draußen riecht es nach Frühling, nach feuchtem Gras und nach Salz. Der Wind ist mild und spielt mit den Vorhängen, als wolle er uns zur Eile drängen.
„Na los, Geburtstagskind“, ruft Mama, „wir machen einen Spaziergang!“
„Wohin?“
Sie grinst. „Na, wo wohl?“
Ich brauche keine Antwort. Natürlich ans Meer.
Wir verlassen das Haus, und die Sonne glitzert auf den Fenstern der Nachbarn. Über den Dächern kreisen Möwen, und aus der Ferne klingt das leise Klappern der Segelboote.
Mama hält eine kleine Basttasche in der Hand – ich erkenne die Ecken einer Picknickdecke und eine Flasche Apfelschorle darin.
Der Weg zum Strandbad Eldena ist kurz. Wir gehen am Garten vorbei, über den schmalen Sandweg, der direkt auf den Deich führt.
Oben angekommen, sehe ich die ganze Dänische Wiek vor mir – das Wasser glitzert in der Sonne, so hell, dass ich kurz die Augen zusammenkneifen muss.
„Es riecht nach Geburtstag!“, rufe ich.
Mama lacht. „Wie riecht denn Geburtstag?“
