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Eine junge Frau. Ein altes Landhaus. Das Echo einer Schuld ...
Die Krankenschwester Rosamund Hunter nimmt eine Anstellung im Landhaus Fairfleet an, um den im Sterben liegenden Besitzer Benny Gault zu pflegen. Sie verrät dabei nicht, dass sie selbst in dem Haus aufwuchs und nun zurückgekehrt ist, um sich den Gespenstern ihrer Vergangenheit zu stellen. Doch auch Benny hat ein Geheimnis: In den 30er Jahren floh er als Kind aus seiner deutschen Heimat und fand Zuflucht auf Fairfleet. Doch er zahlte einen hohen Preis für seine Freiheit. Und nun ist der Moment gekommen, sich endlich der Wahrheit zu stellen …
Eine mitreißende Familiengeschichte über Erinnerungen, Liebe und Verrat.
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Seitenzahl: 459
Veröffentlichungsjahr: 2014
Buch
Als Elfjähriger kommt Benny Gault kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs mit einem Kindertransport aus Deutschland nach England, das seine neue Heimat werden soll. Gemeinsam mit anderen Flüchtlingskindern findet er auf Fairfleet, dem historischen Landhaus von Lord und Lady Dorner, ein neues Zuhause und in dem Ehepaar liebevolle Zieheltern. Sie wollen ihm eine Zukunft voll unbegrenzter Möglichkeiten schenken. Doch Benny hat ein düsteres Geheimnis …
Jahrzehnte später kommt die Krankenschwester Rosamond in das Landhaus, um den alten, im Sterben liegenden Benny zu pflegen. Ihr wird er endlich das anvertrauen, was ihm ein Leben lang auf der Seele brannte. Er ahnt nicht, dass auch Rosamonds Schicksal mit Fairfleet verwoben ist.
Autorin
Eliza Graham ist Autorin und Journalistin. Für ihren ersten Roman Weil du mich liebst suchte sie über fünf Jahre lang einen Verleger, bis er mit großem Erfolg in England erschien. Auch in Deutschland eroberte sie damit die Bestsellerlisten. Eliza Graham lebt mit ihrem Mann, ihren Kindern und ihrem Hund in Oxfordshire, nordwestlich von London.
Bei Blanvalet von Eliza Graham bereits erschienen:
Weil du mich liebstDie Antwort des WindesDas geheime Bild
Eliza Graham
Das Geheimnisvon Fairfleet
Roman
Aus dem Englischenvon Elfriede Peschel
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Deutsche Erstveröffentlichung Juli 2014bei Blanvalet, einem Unternehmen derPenguin Random House Verlagsgruppe GmbH,Neumarkter Str. 28, 81673 MünchenCopyright © der Originalausgabe 2012 by Eliza GrahamOriginaltitel des Romans: »Fairfleet«Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2014by Blanvalet in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,Neumarkter Str. 28, 81673 MünchenUmschlaggestaltung www.buerosued.deUmschlagmotiv: Getty Images/VisitBritain/Britain on ViewRedaktion: Regine KirtschigES · Herstellung: samSatz: DTP Service Apel, Hannover
ISBN 978-3-641-12397-0V002
www.blanvalet.de
Rosamond
Mein Körper sträubte sich mit jeder Faser, das elegante weiße Haus mit der klassischen Fassade zu betreten, vor dessen Eingangstür ich stand.
Obwohl ich eine gestandene Frau in den Vierzigern und ausgebildete Krankenschwester war, fühlte ich mich wieder wie eine Zwölfjährige. Ich zwang mich, auf die Klingel zu drücken. Sarah, die Haushälterin, öffnete die Eingangstür und ließ mich eintreten. Mit wild pochendem Herzen hörte ich mich Höflichkeiten mit ihr austauschen, während ich eine Bestandsaufnahme meiner Umgebung machte. Wände in der Farbe von Enteneiern. Ein Kronleuchter aus gedrehtem Metall und Kristall, der wie ein Eiszapfen von der Decke hing. Ich warf einen Blick die Treppe hoch und versuchte, mich daran zu gewöhnen, dass ich wieder in Fairfleet war. Ich holte tief Luft und klammerte mich an den Griff meines Koffers. Es roch im Haus nach frischer Farbe, gemischt mit dem Duft der weißen Lilien, die auf dem Konsolentischchen standen. Darunter verbarg sich ein älterer, stärkerer Geruch nach poliertem Holz und altem Gemäuer. Um mich an meine Schuld zu erinnern, hätte der bittere Geruch von verbrannten Mandeln noch wahrnehmbar sein müssen.
Als das Telefon läutete, zog Sarah die Stirn kraus. »Das wird die Gemeindeschwester sein. Entschuldigen Sie mich einen Moment, Rosamond.«
Man hatte mit sehr viel Geschick einen Teil der Balustrade ersetzt, nur wer wusste, wo er hinsehen musste, hätte die neuen Baluster entdeckt. Die Bodenfliesen, die den alten Parkettboden ersetzten, hätten dort schon seit Jahrhunderten liegen können. Was hatte ich erwartet? Dass das Haus sich daran erinnern würde, was an jenem klaren, frostigen Morgen vor dreißig Jahren passiert war?
Ich versuchte, die Erinnerungen aus meinem Kopf zu vertreiben und mich auf das zu besinnen, weswegen ich hier war. Ich dachte an Benny Gault, meinen Patienten, und dessen Ankunft hier im Haus. Kurz vor Kriegsausbruch hatte Fairfleet eine Gruppe jüdischer Flüchtlingsjungen aus Deutschland aufgenommen und ihnen während des Heranwachsens ein Zuhause geboten, bevor sie wieder in die Welt hinausgeschickt wurden, um sich dort zu beweisen. Jahre später war der erwachsene Benny Gault zurückgekehrt und hatte Fairfleet gekauft. Jetzt lag er oben im Sterben.
Sarah kam wieder zurück. »Entschuldigen Sie bitte, kommen Sie doch mit in die Küche, Rosamond.«
Ich drang tiefer ins Haus vor. Nachdem meine Gedanken nicht mehr um mich selbst kreisten, war ich gleich viel entspannter. Ich überlegte, wie Benny sich wohl gefühlt haben mochte, als er in England eintraf. Hatte er Heimweh? War er erleichtert? Aufgeregt? Vermutlich alles zusammen.
Benjamin, 1939
Der Junge klammerte sich an seinen Fußball. Das Namensschild, das er um den Hals trug und das ihm in die Haut schnitt, flatterte im Wind. Nachdem sie in Harwich angelegt hatten, hatte sich sein Magen wieder beruhigt. Er stand oben auf der Landungsbrücke und sog in tiefen Atemzügen die mit Salz und Öl gesättigte Luft ein, die in seiner Kehle kratzte. Wo waren die kleinen Kinder, um die er sich während der Reise gekümmert hatte? Eine Frau in Schwesternuniform führte sie bereits weg. Jemand schob ihn sanft die Landungsbrücke hinunter.
Alles sah anders aus in England: die Autos, die Hafenarbeiter, die Gebäude. Sie wurden von den Menschen angelächelt, selbst von den Polizisten mit den hohen Helmen und Umhängen. Einer von ihnen hielt die Hand eines kleinen Mädchens und hob im Schneetreiben seinen Koffer auf.
Alles sehr fremdartig. Alles sehr sicher. Er musste schnell weg von hier.
Er sah sich um, weil er sich auf dem Boot verstecken wollte, doch gegen die Kinderflut, die sich über die Landungsbrücke ergoss, kam er nicht an. Die Jungs bedachten ihn mit Flüchen, und die Mädchen schnalzten abfällig mit der Zunge, als er sich zwischen sie drängte. Er gab es auf und ließ sich von ihnen auf festen Boden schieben, der allerdings feucht war, genau wie auf dem Schiff. Offensichtlich hatte es hier geregnet und schneite jetzt sogar. Weiße Flocken schmolzen auf dem schwarzen Boden. Alles schwankte, als Benny am Kai entlangging. Vielleicht dauerte es eine Weile, bis man sich daran gewöhnt hatte, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. Er hörte das Geschrei der englischen Hafenarbeiter in einer Sprache, die er nicht verstand und deren Melodie ihm fremd war. Harwich las er auf einem Schild.
Dann saß er mit den anderen Kindern in einem Bus, dessen Luft von langen Reisen und Abschieden geschwängert war. Sorgen bereitete ihm nicht nur die Frage, wo die Toiletten waren, sondern auch die Angst, dass ihm die großen Jungs Schwierigkeiten machen könnten. Sei kein Kindskopf, sagte er sich. Du bist elf und keine sechs. Eine plumpe Frau mit einem Hut, der an einen zusammengedrückten Kuchen erinnerte, verteilte Süßigkeiten und wischte Nasen. Jemand übergab sich fast lautlos in eine Papiertüte. Ein etwa vierjähriges Kind weinte, während es den Kopf in seinem Schoß vergrub, sodass ihm Tränen über die Knie liefen.
Dann erreichten sie das Lager, ein großes Gebäude mit Metallstreben. Es sah ganz anders aus als die Lager, von denen er zu Hause gehört hatte. Die Frau mit dem zerdrückten Kuchenhut hatte sie hineingescheucht, und man servierte ihnen auf Tapeziertischen eine heiße Mahlzeit, die zu identifizieren er viel zu müde war. Junge Männer und Frauen brachten sie zu Häuschen, die wie Miniaturausgaben von Berghütten aussahen und in denen sie schlafen sollten, obwohl es noch nicht Nacht war. Sie wurden in Dreier- oder Vierergruppen eingeteilt. Die anderen Jungs in seiner Hütte waren Fremde für ihn. Gut. Er legte seinen Fußball ans Ende seiner Koje. Schlafen konnte er bestimmt nicht. Doch er schloss seine Augen, um alles auszublenden. Dachte an sein Schlafzimmer zu Hause. Still. Verdunkelt. Fußballplakate an den Wänden. Baukästen. Ein vollgestopftes Bücherregal. Emil und die Detektive war ihm das liebste Buch, es wäre schön, es jetzt durchblättern zu können. Er spürte einen stumpfen Heimwehschmerz. Versuch das zu ignorieren, spür die sichere Rundung des Fußballs zu deinen Füßen und …
Als er wach wurde, war es Morgen. Er trug noch immer seine Oberbekleidung. Zu Hause hätte es deshalb Ärger gegeben.
Man sprach hier Deutsch – er hörte sie rufen, als sie vor den Hütten hin und her liefen, an Türen klopften und die Kinder aufforderten, sich zu waschen, bevor es Frühstück gab.
Er würde ihnen sagen, dass er es sich anders überlegt hatte und wieder nach Hause wollte. Aber auf dem Schiff hatte er mitbekommen, wie sie die Kinder beruhigten, die um das verlorene Zuhause und ihre Familien weinten. Man sagte ihnen, dass sie sich glücklich schätzen sollten und ihre Familien und Freunde erleichtert seien, sie in Sicherheit zu wissen, und deshalb traurig wären, wenn die Kinder wieder ins gefährliche Deutschland zurückkehrten.
Nun, er war kein kleines Kind. Er würde nicht flennen. Er würde die Erinnerung an die Menschen zu Hause gewaltsam zurückdrängen, damit sie ihm keine Probleme mehr machen konnten.
Vielleicht blieb er ohnehin nur ein paar Monate in England, wenn es nicht zum Krieg kam. In Deutschland würde man sich sicherlich freuen, wenn er nach einer Weile wieder heimkehrte.
Ein paar Tage verstrichen. Der Umgangston war recht freundlich. Er gewöhnte sich langsam an die englische Küche: Zum Frühstück aßen sie streng riechende Bücklinge mit einer dicken Hafersuppe, Porridge genannt, die wie warmer Klebstoff im Magen lag.
Zu Hause gab es zum Frühstück immer frische Brötchen vom Bäcker. Gekochte Eier, deren Dotter noch weich waren. Pikante Käsescheiben.
Wenn er an diese früheren Mahlzeiten dachte, verstärkte sich der latente Schmerz zu einem heftigen Heimweh. Er suchte nach einer Ablenkung und sah sich um. Die Kinder saßen in Mänteln und Schals beim Frühstück in diesem riesigen Gebäude aus Glas und Stahl, wo sich früher, wie man ihnen erzählt hatte, Urlauber mit Cabaret vergnügt und Fish and Chips verspeist hatten. Waren alle englischen Behausungen so kalt wie diese? Auf dem Tisch stand eine Vase mit Chrysanthemen. Zu Hause waren dies Blumen, die man mit auf den Friedhof nahm und aufs Grab der Mutter legte. Der Boden war nass vom Schnee, den sie alle mit ihren Schuhen hereintrugen.
Heute war Sonntag: Markttag für englische Familien, die sich ausländische Kinder aussuchten. Er hatte bereits Gerüchte gehört, dass Kinder, wie er eins war – männlich, über acht –, eigentlich keiner haben wollte.
»Versuch zu lächeln«, hatte er einen Jugendarbeiter einem Jungen seines Alters sagen hören. »Das hilft.«
Benny studierte ein Lächeln ein. Seine Gesichtsmuskeln schmerzten. Einmal hatte er gelacht, seit er in Dovercourt war, und zwar über einen Clown, der in einer der Abendveranstaltungen auftrat. Man konnte durchaus lachen und doch nicht wirklich glücklich sein.
»Warum betest du nicht mit?«, hatte ihn einer seiner Mitbewohner in der Holzhütte diesen Morgen verwundert gefragt.
Benny versuchte, entspannt abzuwinken.
»Habt ihr zu Hause nicht praktiziert?« Der Junge faltete ein Handtuch ordentlich zum Rechteck, während er sich mit zusammengekniffenen Augen an Benny wandte.
Schweigen schien ihm die sicherste Reaktion zu sein.
»Vielleicht«, der Junge rümpfte schon die Nase, »bist du ja ein säkularer Jude?«
Um weiteren Fragen zuvorzukommen, warf Benny seinen Fußball auf den Jungen und traf ihn am Bauch.
Jetzt schlurften die möglichen Käufer in den Saal, um die Ware zu begutachten. Die blonden siebenjährigen Zwillinge aus Berlin zogen eine ganz Schar gluckender Matronen an. An diesen Mädchen würden alle potenziellen Pflegeeltern sofort einen Narren fressen, bestimmt saßen sie noch vor dem Abendessen vor einem Kaminfeuer.
Benny gab seinem Gesicht den Ausdruck lässiger Zuversicht, so hoffte er wenigstens. Keiner näherte sich ihm. Er spielte mit einem Blütenblatt der Chrysanthemen.
Ein Mann mittleren Alters in einem schicken Mantel, der in einer Hand einen Bowler Hat trug, kam zu ihm an den Tisch und musterte ihn.
»Good afternoon«, sagte Benny in seinem besten Englisch und erhob sich, entschied sich aber dagegen, die Hacken zusammenzuschlagen.
»Benjamin Goldman, Sir«, stellte ihn ein Jugendarbeiter auf Deutsch vor. »Elf, wie Sie vielleicht wissen, aus einer Kleinstadt in der Nähe von Berlin. Hervorragende Schulzeugnisse. Sein Vater war ein erfolgreicher Geschäftsmann, bis, nun ja, sich die Lage veränderte.«
Der Herr mittleren Alters betrachtete ihn einen Moment lang freundlich und schob einen Riegel Schokolade über den Tisch, bevor er sich mit einem gemurmelten Abschiedsgruß wieder entfernte. Vermutlich war er von Benny wenig beeindruckt. Keiner der anderen englischen Besucher kam in seine Nähe. Keiner schickte ihn los, um seine Habseligkeiten aus der Hütte zu holen, weil eine englische Familie sich entschlossen hatte, ihn mit nach Hause zu nehmen. Er aß seine Schokolade.
Dieses Desinteresse war ein Zeichen. Er würde mit einem der freundlichen Freiwilligen sprechen und darum bitten, nach Deutschland zurückgeschickt zu werden. Daheim gab es jede Menge Kinder und Jugendliche, die sicherlich froh wären, an seiner Stelle hier zu sein.
Die Besucher gingen, und das Abendessen wurde serviert. Während des Essens wurde über Megafon eine Namensliste von Kindern verlesen. Er hörte nur mit halbem Ohr hin, weil er wusste, dass es ihm am Nachmittag nicht gelungen war, jemanden zu beeindrucken.
»… und Benjamin Goldman«, las der Mann vor. »Bitte kommt zum Tisch an der Seite des Saals.«
Es dauerte einen kurzen Moment, bis ihm klar wurde, dass er gemeint war. Er zwang sich, schlendernd zum Tisch zu gehen, als wäre er weder überrascht noch aufgeregt. Dort warteten bereits fünf andere Jungs. Hinter dem Tisch saß ein Jugendarbeiter mit einem Klemmbrett.
»Ah, Benjamin. Gute Nachrichten. In Fairfleet ist nun alles bereit für dich.«
Fairfleet? Er ließ sich seine Verwirrung nicht anmerken. Bloß keine Aufmerksamkeit wecken.
»Der Schnee hatte die Straße blockiert, deshalb kam der Charabank nicht durch.«
Charabank? Der Jugendarbeiter sprach Deutsch, aber er hätte genauso gut Englisch sprechen können, so wenig Sinn ergaben seine Worte.
»Du wartest sicherlich schon ungeduldig darauf, dein neues Leben zu beginnen.« Der Jugendarbeiter grinste. »In Fairfleet ist es mit Sicherheit luxuriöser als hier.«
»Ich weiß darüber nicht viel«, murmelte er.
»Deine Eltern …«, der Jugendarbeiter errötete, »das Waisenhaus bekam einen Brief mit allen Informationen zugeschickt. Vielleicht ist er verloren gegangen?«
Am besten einfach nicken.
»Fairfleet ist ein großes Haus auf dem Land in der Nähe von Oxford. Lord und Lady Dorner werden dich aufnehmen.«
Benny blinzelte.
»Dort gibt es viel frische Luft und Sport.«
Hoffentlich war es nicht wie in einem Lager der Hitlerjugend daheim in Deutschland. Da gab es auch frische Luft und sportliche Ertüchtigung. Und Lieder. Und Tritte und Schläge hinter den Duschtrakten, wenn man nicht genug Begeisterung zeigte.
»Kopf hoch.« Der Jugendarbeiter machte den letzten Haken auf sein Blatt und erhob sich. »Ab Morgen bekommt ihr Englischunterricht. Ihr habt zwei Tage, um ein bisschen was von dieser Sprache zu lernen.«
Zwei Tage. Er ging in die Hütte zurück, legte sich in seine Koje und dachte nach. Was immer Fairfleet sein mochte, es musste besser sein als dieses Lager. Aber wenn er sich darauf einließ, würde er noch tiefer in den Schlamassel hineingezogen werden, in den er sich selbst hineingeritten hatte. Hatte er eine Alternative?
Er musste das alles vergessen. Rudi vergessen, vergessen, was Rudi getan hatte, und ihr letztes Zusammensein vergessen.
Rudi und Benny: Zwei Freunde, die versucht hatten, reinen Tisch zu machen, dem System eins auszuwischen, obwohl sie erst elf und die meisten Erwachsenen zu verängstigt waren, es zu versuchen.
Sie hatten alles gegeben, aber es hatte nicht funktioniert.
Am folgenden Morgen hatte sich Bennys Unruhe ein wenig gelegt. Er spazierte durchs Lager und sah ein paar jüngeren Kindern zu, die auf dem Spielplatz zwischen den Föhren schaukelten und rutschten. Jemand hatte ihm erzählt, dass es auch eine Halle für Freizeitaktivitäten gab. Tischtennisplatten und ein Badmintonnetz. Doch es wollte sich keine Lust auf ein Spiel einstellen, dazu war er viel zu sehr mit sich beschäftigt. Er schlich in den allgemeinen Speisesaal, obwohl er nicht sicher war, ob er sich dort außerhalb der Mahlzeiten aufhalten durfte. Auf einem Stuhl hatte jemand einen Stapel alter Ausgaben englischer Comics liegen lassen. Crackers war der Titel. Also suchte er sich einen stillen Winkel, setzte sich auf den Boden und fing zu blättern an. Die Geschichten zu verstehen, war gar nicht schwer: Eltern, die wegen unaufgeräumter Zimmer hinter einem her waren, bekloppte Lehrer, ungezogene Hunde, auch einige Wörter ließen sich leicht entschlüsseln. Aber das meiste verwirrte ihn.
Eine Glocke verkündete den Beginn des Englischunterrichts. Er erhob sich, wusste aber nicht, wohin er gehen sollte. Da öffneten sich die Türen zum Speisesaal, und schwatzend kamen die anderen Kinder herein. Benny schien keiner zu bemerken. Eine Tafel wurde aufgestellt. Eine Frau im Kostüm kam herein und deutete auf die Stühle.
Er setzte sich zu den anderen. Jemand gab ihm ein Schreibheft.
Die Lehrerin schrieb die Worte an die Tafel und sprach sie dabei laut aus. Benny notierte sie sich in sein Heft und formte mit seinen Lippen stumm die Laute, bemüht, das »th« so klingen zu lassen, wie die Engländer es aussprachen.
Nach dem Mittagessen wurde der Unterricht entspannter fortgesetzt. Dieselbe Lehrerin machte mit ihnen einen Spaziergang über die matschigen Wiesen zur Küste und zu dem bleifarbenen Meer, wo ihnen ein heftiger Wind um die Ohren blies. Anschließend kehrten sie ins Freizeitzentrum zurück und lernten die Strophen des Kinderlieds »Ten Green Bottles«. Eine junge Frau brachte ihnen bei, wie man »The Lambeth Walk« tanzt. Nach dem Essen tanzten sie im Speisesaal weiter. Eine Gruppe Mädchen und Jungen begann, die Hora zu tanzen. Benny sah ihnen eine Weile zu und machte dann mit.
Am späteren Abend mussten sie sich duschen. Er nahm sich sein Handtuch und flitzte in die Kabine. Bevor der Rest seiner Zimmerkameraden überhaupt erst die Socken ausgezogen hatte, stand er bereits unter dem warmen Wasser. »Da ist aber jemand ganz wild darauf, sauber zu werden«, bemerkte ein Jugendarbeiter, als Benny sein Handtuch um sich wickelte. »Gut so, junger Goldman.«
Am Donnerstag kam ein anderer Mann mittleren Alters, um sie abzuholen. Er war nicht so gut gekleidet wie der Mann mit der Melone. Er trug eine runde Brille und ein Tweedjackett. Er hieß Dr. Dawes und war ein Gelehrter aus Oxford, das von Fairfleet nicht weit entfernt war. Er stellte sich ihnen als ihr Hauslehrer in Fairfleet vor.
»Geht und holt euer Gepäck, Jungs.«
Er war Flüchtling und besaß nichts außer einem Fußball und einem Ranzen mit einem einzigen verschrumpelten Apfel, zwei deutschen Arbeitsbüchern und einem Federmäppchen.
»Ich muss auf die Toilette«, rief er und rannte in die Hütte zurück. Er stopfte die Arbeitsbücher unter die Matratze seines Betts.
»Kein Koffer, Benjamin?« Dr. Dawes hakte vor einem glänzenden grünen Charabank, es war ein Bus, Namen auf einer Liste ab. Er hob seinen Kopf und zeigte hinter seinen Brillengläsern milde Verwunderung. »Du solltest eigentlich Kleider und Unterwäsche zum Wechseln dabeihaben.«
»Dazu war keine Zeit.« Er errötete. Einige der Kinder hier hatten sogar Spielsachen mitgebracht. Benny verdrängte mit aller Macht den Gedanken an die Baukästen, die er zu Hause zurückgelassen hatte. Und seine Eisenbahn.
Dr. Dawes schob seine Brille auf den Nasensattel. »Ich erinnere mich an deine Umstände. Verzeih mir.« Er beugte sich über Benny, sodass die anderen nicht mithören konnten. »Lord Dorner ist gut situiert und wird für alles aufkommen, was du benötigst. Er unterstützt zwanzig jüdische Jungs und Mädchen, aber ihr sechs seid die Einzigen, die er in sein Haus aufnimmt.«
»Warum uns?« Benny war es nicht gewohnt, Erwachsenen Fragen zu stellen. Zu Hause war es im Allgemeinen sicherer, den Erwachsenen das Fragen zu überlassen. Noch besser war es, gar nicht erst in eine Situation zu kommen, die Fragen nötig machte. Aber Dr. Dawes schien kein Problem damit zu haben.
»Er hat nach klugen Jungs gesucht.« Der Hauslehrer gab Benny mit einer Handbewegung zu verstehen, dass er in den Bus einsteigen solle. »Lord Dorner möchte euch privat erziehen, damit ihr hier gute Leistungen erbringt und vielleicht sogar auf die Universität gehen könnt. Die Berichte über euch bekamen wir vom jüdischen Flüchtlingsrat in eurer Stadt.«
Benjamin Goldman war mit Sicherheit als klug eingestuft worden, denn er hatte die Antworten auf Rechenaufgaben bereits parat, wenn andere noch mit dem Abschreiben der Aufgaben von der Tafel beschäftigt waren. Was ihm einige der anderen Kinder übel nahmen und abfällig mit »schlaue Jidden« kommentierten. Wie die meisten jüdischen Kinder war Benjamin von der öffentlichen Schule abgegangen und hatte Unterricht an einer jüdischen Schule bekommen, die jemand in seinem Keller eingerichtet hatte.
Wegen des Schnees dauerte die Fahrt im Charabank fast den ganzen Tag. Dr. Dawes erklärte ihnen dies mit dem schlechten Zustand der Straßen im Winter und fügte dann hinzu, dass man diese Straßen nicht mit den neuen Autobahnen in Deutschland vergleichen könne.
Wenigstens musste sich diesmal niemand übergeben.
Am Nachmittag bog der Charabank von einer schmalen Landstraße in eine Einfahrt. Fairfleet stand auf dem Schild. Das Haus selbst war ein weißer rechteckiger Bau, dessen eine Seite in die letzten rosa Strahlen des winterlichen Sonnenuntergangs getaucht war.
»Achtzehntes Jahrhundert«, verkündete Dr. Dawes stolz, als wäre es sein eigenes Heim. »Im Stil von Palladio. Aber eher klein«, räumte er kläglich ein. »Der Besitzer kaperte in einem der vielen Kriege gegen Frankreich ein französisches Schiff. Er bekam ein Preisgeld dafür, dass er dem Feind ein wichtiges Schiff geraubt hatte. Daher auch der Name Fairfleet, denn das englische Wort ›fleet‹ steht für eine Schiffsflotte.«
Solche Belohnungen für Niederlagen, die man den Feinden bereitet, hätten Hitler sicherlich gefallen, überlegte Benny.
Der Charabank fuhr zur Rückseite des Hauses.
»Dienstboteneingang«, murmelte David, der Junge, der neben ihm saß. Ein schmalgesichtiges Mädchen von etwa achtzehn Jahren, das mit einer Schürze bekleidet war, stand mit verschränkten Armen und finsterer Miene in der Tür.
»Die ist wohl ganz begeistert, uns zu sehen?«, flüsterte David.
Dr. Dawes stieg als Erster aus und sprach mit ihr. Sein Englisch klang flüssig, aber auch präzise und rhythmisch. Sie antwortete mit schriller, abgehackter Stimme. Komisch, dass die gleiche Sprache so unterschiedlich klingen konnte.
Sie betraten eine Eingangshalle mit Parkettfußboden und gingen dann zwei Treppen nach oben.
»Legt eure Taschen erst mal hier ab und macht euch im Badezimmer zur Rechten frisch. In zehn Minuten gibt es Abendessen. Drei Treppen nach unten, die Küche ist im Kellergeschoss.«
Das Mädchen erwiderte etwas und hörte sich an wie eine krächzende Krähe.
»Wascht eure Hände anständig, bevor ihr runterkommt«, übersetzte Dr. Dawes. »Einschließlich eurer Fingernägel.«
Als sie nach unten ging, hüstelte der Hauslehrer und rieb sich die Nase. »Alice hat hart gearbeitet, um alles für eure Ankunft vorzubereiten. Sie ist sehr effizient.«
»Da, wo wir herkommen, erwartet man das«, sagte David.
Dr. Dawes quittierte die Bemerkung mit einem kleinen Lächeln.
Das Essen in Fairfleet entsprach eher dem, was sie von zu Hause gewohnt waren, war sogar besser, weil viel Fleisch im Auflauf war. Sie wurden von einer fröhlichen Frau in den Vierzigern bedient, die freundlich in einer Sprache schwatzte, die sie nicht verstehen konnten.
»Ihr werdet nicht immer in der Küche essen«, übersetzte Dr. Dawes. »Lord und Lady Dorner sind im Moment nicht da. Und hier unten ist es wärmer.« Benny war nicht unglücklich darüber, unten in der Küche zu sein. Die vom Flaschenzug hängenden Töpfe und die Anrichte mit dem Geschirr erinnerten ihn an zu Hause, was ihn wie ein Faustschlag in die Rippen traf. Er konzentrierte sich auf seinen Auflauf.
Später lag er dann im Schlafzimmer, das er sich mit David und Rainer teilte. In einem richtigen Bett, nicht in einer Koje. Die Betten sahen neu aus. Die Teppiche fühlten sich unter seinen Füßen wie Moos an. Die Heizung schien selbst zu jenen Körperteilen durchzudringen, die erfroren waren, seit das Boot in Harwich vor Anker gegangen war.
Er hörte leises Schniefen. Womöglich weinte David unter seiner Decke, aber Benny war sich nicht sicher. Vielleicht hatte er auch nur eine verstopfte Nase. Benny selbst war auch nach Weinen zumute, aber er würde es nicht zulassen. Noch nicht.
Ein Schrei durchschnitt Bennys Träume. Ein Kind wurde bestraft, und es weinte. Er schreckte hoch. David neben ihm war ebenfalls wach und rieb sich die Augen. Die beiden Jungs sahen einander an und versuchten, sich nicht anmerken zu lassen, dass dieser entsetzliche Laut ihnen das Blut in den Adern gefrieren ließ.
»Das ist ein Vogel«, sagte David schließlich. »Kein Mensch.« Wie zur Bestätigung kreischte der Vogel erneut. David lächelte. »Das erinnert mich an die Laute, die man im Zoo hört.«
Jemand klopfte an die Tür und rief.
»Zeit aufzustehen«, sagte David. »Los, Rainer, du Faulpelz.«
Auf seinem Weg nach unten eröffnete sich Benny durchs Fenster im ersten Stock der Blick auf eine Hügellandschaft, die an den weißen Rücken eines schlafenden Ungeheuers erinnerte. Vom gegenüberliegenden Fenster aus erblickte er den Garten.
»Man hat das Haus so angelegt, dass man von überall einen Blick darauf hat. Später musst du dir die Heckenfiguren anschauen.«
Er sah seinen Tutor erstaunt an, der ihn freundlich anlächelte.
»Buchsbäume, die man so beschnitten hat, dass sie die Gestalt von Schwein, Fuchs, Elefant und Huhn haben.«
Nach einem Frühstück mit Toast und gekochten Eiern, das, wie sich alle einig waren, im Vergleich zum nur widerwillig gegessenen Porridge eine enorme Verbesserung war, versammelten sie sich in einem eigens dafür eingerichteten Klassenzimmer im Erdgeschoss. Sechs neue Holzpulte waren in zwei Reihen auf eine Tafel hin ausgerichtet. An der Wand hingen keine Hitlerfotografien, sondern eine Weltkarte und ein Stammbaum der Könige und Königinnen von England.
»So ist es recht, Benny.« Dr. Dawes nickte anerkennend. »Mach dich nur mit der ganzen Geschichte vertraut.«
Der Raum roch nach neuem Papier und frischem Holz, durchs Fenster sah man den verschneiten Rasen, der sich bis zu einem kleinen See erstreckte. Benny hielt nach den Heckenfiguren in Tiergestalt Ausschau, die man jedoch von dieser Seite des Hauses nicht sah.
Mit einem Hüsteln sicherte Dr. Dawes sich ihre Aufmerksamkeit. »Das ist alles neu und fremd für euch Jungs«, begann er. »Ich möchte erklären, was euch hier erwartet. England rechnet damit, dass ihr Flüchtlinge – Ausländer, wie man euch unglücklicherweise nennt –, wenn ihr erwachsen seid, in Berufen arbeitet, die keiner besonderen Qualifikation bedürfen.«
Benny malte sich aus, wie er Felder pflügte oder in einer Mine arbeitete.
»Aber das entspricht nicht dem, was Lord Dorner mit euch vorhat. Er möchte euch die beste Ausbildung zuteilwerden lassen, die dieses Land zu bieten hat, sofern ihr dem gewachsen seid. Das erfordert von euch harte Arbeit und sehr gute Fortschritte in der englischen Sprache.« Die Tür des Klassenzimmers ging auf. Das Mädchen Alice kam mit einem Eimer Koks herein.
»Bald schon werdet ihr nicht mehr nur Ausländer, sondern feindliche Ausländer sein«, fuhr Dr. Dawes fort.
Alice betrachtete sie durch ihre sandfarbenen Wimpern mit einem Ausdruck, der dies zu bestätigen schien. Sie ging zum Ofen und öffnete die quietschende Tür. Der scharfe Geruch der mit der Schaufel nachgelegten Kohlen brannte Benny in der Nase. Für einen Moment war er wieder zu Hause in der Küche. Er rammte sich den gespitzten Bleistift in die Handinnenfläche, bis der Schmerz diese Erinnerung ausmerzte.
»Es wird schwer sein«, ergänzte Dr. Dawes und sah dabei jedem Einzelnen ins Gesicht, »wenn ihr euch nicht anpasst. Das sind nun die letzten deutschen Worte, die ihr in diesem Klassenzimmer hören werdet. Euer ganzer Unterricht wird auf Englisch abgehalten.«
Entsetzt richteten sich die Jungen auf und schauten einander an.
»Ihr müsst Englisch denken, Englisch sprechen, Englisch klingen. Dann wird man euch akzeptieren.«
Alice schlug die Ofentür zu, als wollte sie dieser letzten Behauptung entschieden widersprechen. Dr. Dawes schien es nicht zu bemerken. »Gut möglich, dass einige von euch sogar eingezogen werden, um als Soldaten gegen den Nationalsozialismus zu kämpfen.« Er wechselte ins Englische. »Aber für euch persönlich beginnt der Kampf jetzt. In diesem Klassenzimmer.«
Wie angekündigt wurde der morgendliche Unterricht auf Englisch fortgesetzt. Benny rauchte der Kopf von all den neuen Dingen. Mathematik warf Probleme auf, weil mit Pound, Shilling und Pence gerechnet wurde.
»Ein Shilling und Sixpence«, antwortete er in stockendem Englisch auf die Frage, wie viel für einen Korb Lebensmittel bezahlt werden musste.
»Einer und sechs.« Dr. Dawes nickte zustimmend. Benjamin Goldman, der zu Hause für seine blitzschnellen Additionen bekannt war, fand dies alles sehr schwer, wusste aber, dass er eine Position zu verteidigen hatte. In Gedanken schweifte er kurz zu Rudi ab, der zu Hause während des Matheunterrichts seinen Tagträumen nachgehangen und erst dann aufgepasst hatte, wenn der Lehrer mit dem Lineal in der Hand vor seinem Pult gestanden hatte.
Der gleiche Schrei, der sie geweckt hatte, tönte durchs Fenster. Die Jungs sahen einander aufgewühlt an. Dr. Dawes erklärte lächelnd: »A peacock. Ein Pfau.« Er schrieb peacock auf die Tafel und malte dazu einen Vogel mit fächerartig aufgestellten Schwanzfedern.
In der Pause nahm Benny seinen Fußball mit nach draußen auf die große Wiese auf der Südseite des Hauses und kickte mit den anderen Jungs. Er erzielte ein schönes Tor, wie es Rudi zu Hause wohl kaum hinbekommen hätte. Es machte Spaß, hier in Fairfleet mit den Jungs zu spielen. Aber als er an das Fußballspiel mit seinem Freund in Deutschland denken musste, meldete sich ein dumpfer Schmerz in seinem Herzen. Der Pfau stand auf der Terrasse und beobachtete sie. Wenigstens hatte er aufgehört, so beängstigend zu kreischen. Benny vermisste an ihm die leuchtend blauen Schwanzfedern, die er von Bildern her kannte. Vielleicht war er in der Mauser.
»Lass uns nach dem Mittagessen weiterspielen«, schlug David vor.
»Aber nur, wenn wir Englisch sprechen«, erwiderte Benny.
»Haha.«
»Das meine ich ernst.« Er nahm seinen Ball auf. »Wenn du mit meinem Ball spielen willst, sprechen wir Englisch. Nur Englisch.« Die letzten beiden Worte sagte er in dieser Sprache.
Die anderen sahen sich an. »Nimmst du das nicht ein wenig zu ernst?«, warf Rainer ein. Benny wurde mulmig zumute. Von jetzt an würde er als Streber gelten. Doch das war ihm gleichgültig. Zu Hause war es ihm immer wichtig gewesen, was die anderen Jungs von ihm hielten. Aber jetzt nicht mehr. Das Wichtigste war, zu einem Engländer zu werden. Wenn die anderen das anders sahen, dann war das ihre Entscheidung.
»Ob der See wohl zugefroren ist, was meint ihr?«, fragte Rainer und zeigte auf den Streifen Wasser, womit er dafür sorgte, dass sich die Stimmung entspannte. »Wir könnten Schlittschuh laufen.«
Jeden zweiten Tag badeten sie. Die ersten paar Male war es ganz einfach, Ausreden zu finden und zu trödeln, damit er als Letzter ins dampfende Badezimmer kam, wenn die anderen es bereits verlassen hatten. Aber eines Abends vergaß Rainer seine Pyjamajacke und platzte herein, als Benny sich gerade mit einem der flauschigen neuen weißen Handtücher abtrocknete, die man an sie verteilt hatte.
Benny spürte Rainers forschenden Blick.
»Du lässt dir heute aber Zeit«, sagte der Junge, hob seine Pyjamajacke vom gefliesten Boden auf und ging. Benny holte tief Luft und atmete ganz langsam aus, wobei er zusah, wie das Kondenswasser den Spiegel über dem Waschbecken beschlug und sich dann in kleine Tropfen auflöste.
»Ich werde ein englischer Junge«, sagte er zu seinem trüben Spiegelbild. Der echte Benjamin Goldman war nur noch eine verschwommene Erinnerung an sein früheres Ich.
Je mehr Tage ins Land gingen, umso leichter wurde es, Engländer zu werden. Benny fing an, wie die neue Person zu denken, zu der er geworden war: der Flüchtling, der wild entschlossen war, die neue Sprache und die Verhaltensmuster aufzusaugen. Wenn die Engländer ihr Besteck auf eine bestimmte Weise hielten, dann würde Benny das genau beobachten und Messer und Gabel auch auf diese Weise halten. Wenn sie Tee zum Frühstück tranken, wollte er dies auch tun.
Wenn er Alice Smith auf der Treppe begegnete, nickte er ihr zu und achtete nicht auf den wachsamen Blick ihrer blassgrünen Augen. Wenn man sich so verhielt, war alles ganz einfach: Man schüttelte jede Ablehnung einfach ab. Anfangs hatten die anderen Jungs sich über Bennys Beharren, ständig Englisch zu sprechen, lustig gemacht und ihn wie erwartet als Streber abgetan. Doch inzwischen war er selbst ein wenig entspannter und gestattete sich, vor dem Schlafengehen ein paar Minuten lang mit seinen Zimmergenossen in ihrer alten Sprache zu plaudern.
Von Lord Dorner, den sie seit ihrer Ankunft in Fairfleet vor zwei Wochen noch immer nicht kennengelernt hatten, waren Kisten voller Spielsachen bei Hamley’s in London bestellt worden, das offenbar ein großes Spielwarengeschäft war. Die Jungs zogen englische Brettspiele aus einer der Kisten.
»Das hatten wir auch zu Hause«, sagte Rainer und zeigte auf ein Monopolyspiel. »Aber mit Berliner Straßen.« Es gab auch Ludo und Scrabble. Aus der größten Kiste kamen ein Tischtennisset mit Schlägern sowie eine Eisenbahn. Unendlich viele Schienen, ein Dutzend Loks, schnittig gestaltete Waggons, Bahnhofsgebäude, Brücken, Weichen. Bei diesem Anblick wurde Benny ganz flau im Magen.
»Das könnt ihr alles mit in den Keller nehmen«, ließ Alice sie wissen. »Nicht, dass ich beim Staubsaugen darüber stolpere.«
Die älteren Jungs taten es als Kinderkram ab, aber Rainer und David trugen die Kisten in einen der unbenutzten Kellerräume und brachten Tage damit zu, die Eisenbahnanlage auf einer großen Sperrholzplatte aufzubauen, die der Gärtner ihnen zur Verfügung gestellt hatte.
Benny versuchte, ihre Begeisterung für die Lokomotiven und Weichen zu ignorieren. Wenn er die Augen schloss, sah er noch immer die Anlage vor sich, die ihm in Deutschland gehört hatte, er hörte die Stimme seines Vaters.
»Du musst die Länge des Bahnsteigs in Betracht ziehen, wenn du die Waggons verteilst. Achte auch auf die Weichen. Oder das Signalproblem an diesem ersten Knotenpunkt.«
Lass mich in Ruhe, sagte er der Stimme. Du gehörst nicht nach Fairfleet.
»Nun komm schon, Benny«, bedrängte Rainer ihn. »Hilf uns doch, dieses Gleis anzuschließen.«
Er murmelte eine Entschuldigung und ging mit dem Fußball aus dem Zimmer. Links vom Flur war ein hell leuchtendes Rechteck aufgetaucht. Eine Seitentür in den Garten. Die war ihm bisher noch nicht aufgefallen. Er stahl sich hinaus und kam neben dem Tennisplatz ins Freie. Dort schüttelte Alice Smith zusammen mit einem Hausmädchen Teppiche aus.
Sie sah Benny finster an. »Diese Tür wird nicht benutzt.«
»Entschuldigung«, sagte er.
Sie schüttelte den Teppich besonders heftig aus. »Ich öffne sie nur ein-, zweimal im Jahr, um den Keller zu lüften. Ihr Jungs habt da nichts verloren.«
Der Pfau kam majestätisch auf sie zugeschritten. Benny hörte das Schnalzen des Teppichs, mit dem Alice ihn verscheuchte. Kreischend beschwerte er sich über diese schlechte Behandlung, und Benny trieb sich die Fingernägel in die Handinnenfläche, weil er wieder an gequälte Kinder denken musste.
Am Rande der hinteren Wiese erhob sich eine große Eiche. Benny kickte den Ball immer wieder gegen ihre raue Rinde. Jeder Schlag des Leders war ein Schlag gegen seine eigene Erinnerung. Als er wieder ins Haus zurückkam, fühlte er sich besser. Solange er nicht mit der Eisenbahn spielen musste, war es auszuhalten.
Tagsüber gelang es ihm, der wiedergeborene Benny zu sein. Aber nachts erinnerte er sich manchmal daran, dass er diesen Neuanfang in Fairfleet, mit seinen komfortablen Zimmern, seiner kleinen, aber gut ausgestatteten Bibliothek, den weiten Rasenflächen, auf denen man Fußball spielen konnte, nicht verdiente. In Gedanken kehrte er in sein altes Zuhause zurück, in die geflieste Küche mit den Töpfen und Pfannen, die an einem Deckenregal hingen, und dem Ofen, der konstante Wärme abgab. Er dachte an seinen Vater, wie dieser vor Jahren gewesen war, wenn er vorgab, ein Bär zu sein, und ihn niederrang oder ihn durch den Garten jagte. Er dachte an seine Mutter, die damals noch jung und gesund war und ihm Geschichten vorlas, bis er einschlief.
Irgendwo in seiner Heimatstadt lag ein anderer Junge im Bett. Vermutlich nicht in einem so bequemen Bett wie diesem. Dieser Junge würde den vergangenen Tag Revue passieren lassen und sähe Steine, die durch die Luft sausten und ihn am Hals erwischten, als er durch die Straßen lief, Jugendliche in Uniform, die ihn verhöhnten.
»Es tut mir leid«, murmelte er in der Sprache, deren Gebrauch er sich selbst verboten hatte. »I’m sorry.«
Er vergrub sein Gesicht in dem weichen Daunenkissen und flehte den Schlaf herbei.
Wochen vergingen. Der Schmerz, den Benny in sich trug, ließ langsam nach. Dr. Dawes lobte seine raschen Erfolge im Englischen. Und er war der beste Fußballer, so viel stand fest. Dieser Status brachte ihm Respekt ein. Er verhielt sich den anderen gegenüber noch immer ein wenig distanziert und hatte keine Eile, sich ihnen anzuschließen, wenn sie sich in der Pause zum Kakao zusammensetzten oder nach unten marschierten, um nach dem Abendessen Tischtennis im Keller zu spielen. Zu Hause war er immer auf Bestätigung versessen gewesen, wollte zu einer Bande dazugehören. Doch er war immer nur toleriert, aber nie bewundert worden.
In England jedoch schienen selbst die älteren Jungs Benny zu mögen. Einmal kam es zwischen Rainer und David sogar fast zu einem Handgemenge, weil beide beim Mittagessen neben ihm sitzen wollten.
Nachts hörte er in ihrem gemeinsamen Zimmer manchmal unterdrücktes Schluchzen. Einer von den anderen hatte noch immer Heimweh. Benny hatte noch keine Tränen vergossen, dazu war er zu sehr auf der Hut, zu wenig entspannt. Die letzten in Deutschland verbrachten Tage hatten ihn gelähmt. Doch irgendwann würden vielleicht auch ihn sanftere Erinnerungen heimsuchen und seine Tränen zum Fließen bringen.
Noch immer hatten die Jungs ihren Wohltäter nicht kennengelernt. Ihn richtig kennengelernt. Dr. Dawes hatte ihnen nämlich bestätigt, dass Lord Dorner selbst nach Dovercourt gefahren war, um sich jeden Einzelnen von ihnen anzusehen. Benny versuchte, sich daran zu erinnern. Natürlich, es war jener Mann mittleren Alters, der sich ihm mit dem Bowler Hat in der Hand ganz leise am Frühstückstisch genähert hatte.
Eines Tages klopfte es an die Tür, während sie sich mit englischen Adjektiven beschäftigten. Lord Dorner war an diesem Morgen legerer gekleidet als damals und trug einen ärmellosen Fair Isle Pullover und Cordhosen. Er betrat fast schüchtern den Raum, als hätte er Sorge, wegen der Störung gescholten zu werden, obwohl dieses Unterrichtszimmer doch Teil seines eigenen Hauses und er ihr Gastgeber war.
»Man würde ihn nicht für einen bedeutenden Mann halten, oder?«, murmelte Rainer Benny zu.
Lord Dorner sagte wenig, blieb mit hinter dem Rücken verschränkten Armen stehen und wippte leicht auf seinen Fußballen vor und zurück, während Dr. Dawes die Fächer auflistete, mit denen sie sich befassten.
»Es freut mich, dass ihr hart arbeitet. Sobald das Wetter besser wird, werde ich ein paar Fahrräder für euch kaufen, damit ihr auch die Landschaft kennenlernt«, verkündete er in langsamem, aber korrektem Deutsch.
Dr. Dawes nickte Ernst auffordernd zu.
»We like to zank you for ze games you have bought for us.« Ernst hatte vermutlich den ganzen Morgen geübt, um diesen Satz zu meistern. Benny wusste, dass er es viel, viel besser hinbekommen hätte. Englisch wurde langsam zu seiner Sprache. Keiner würde jemals vermuten, woher er ursprünglich kam.
Die Tür öffnete sich ein zweites Mal. Eine Frau trat ein, und im selben Moment kam die zögerliche Wintersonne hinter einer Wolke hervor und strahlte sie an. Sie war ganz golden. Hellblondes Haar. Aprikosenfarbener Teint. Eine sehr weiche honigfarbene Jacke aus Leder oder Wildleder mit Schaffellfutter. Reithosen an langen, wohlgeformten Beinen. Stiefel in der Farbe von Rosskastanien.
»Ist das seine Frau, Lady Dorner?«, flüsterte Rainer. »Das muss sie sein.«
»Harriet.« Lord Dorner legte eine Hand auf ihren Arm. »Wie war’s beim Fliegen?«, fragte er auf Deutsch.
»Eine beißende Kälte, aber äußerst berauschend«, erwiderte sie in derselben Sprache und lächelte dabei ihren Ehemann und die Jungs an. Das Lächeln weckte tief in Benny ein warmes Gefühl und brachte ihn dazu, sich aufrechter hinzusetzen. Zwar kannte er sich mit Frauen nicht aus, aber er fragte sich, ob Lady Dorner nicht viel jünger als ihr Ehemann war.
»Lassen Sie es mich wissen, falls die Jungs etwas benötigen, Dr. Dawes«, fuhr sie auf Deutsch fort, ihre Sprache war deutlich und gut artikuliert. »Bücher, Comics, Süßigkeiten.« Das letzte Wort sagte sie mit einem Augenzwinkern.
»Sie sind schon mehr als zuvorkommend gewesen Lady Dorner. Wir haben alles, was wir brauchen.« Dr. Dawes errötete, als er in seinem gepflegten Deutsch antwortete. »Aber ich denke, wir sollten vor den Jungs nur Englisch sprechen.«
Sie lachte. »Wir machen all Ihre harte Arbeit zunichte, nicht wahr?«
»Ganz und gar nicht.« Sein Gesicht war nun tiefrot.
Rainer stupste Benny an. »Er steht auf sie.«
Mit einem Nicken verabschiedete sich Lady Dorner von den Jungs und ging. Ihr Ehemann unterhielt sich noch eine Weile leise mit dem Lehrer. Dr. Dawes setzte seine Brille ab und putzte sie mit besorgter Miene mit seinem Taschentuch. Mit einem weiteren scheuen Lächeln schloss Lord Dorner hinter sich die Tür.
Die Jungs kehrten zu ihren Adjektiven zurück, den Wörtern, welche der Beschreibung der Substantive dienten. Heiß, warm, kühl, kalt. Benny schrieb sie auf, aber nicht als Liste, sondern in richtigen Sätzen. Dr. Dawes stellte sich neben sein Pult und betrachtete, was er geschrieben hatte.
»Benny?«, sagte er kopfschüttelnd, »Wie kann die Sonne gleichermaßen heiß und kühl sein? Versuch es noch einmal.«
»Dummkopf«, wisperte Ernst, dem ein solcher Kommentar nun gar nicht zustand.
Aber Benny wusste, dass er recht hatte. War sie nicht wie die Sonne gewesen? Es wurde warm, wenn man sie ansah, aber Lady Dorner hatte zugleich eine kühle Ausstrahlung: als wäre sie aus Marmor gemeißelt.
»Legt jetzt eure Stifte nieder, Jungs.« Dr. Dawes bewegte sich an der Tafel auf und ab und rieb sich dabei das Ohr. »Folgendes, Jungs.« Sein bemühtes Lächeln verfehlte die beabsichtigte beruhigende Wirkung auf sie. »Ich muss euch mitteilen, dass es immer wahrscheinlicher wird, dass Krieg ausbricht. Ich weiß, dass ihr euch um eure Familien zu Hause Sorgen macht. Lord Dorner teilte mir mit, er werde alles in seiner Macht Stehende tun, um die nahen Familienmitglieder, die der ein oder andere von euch hat, herauszuholen. Aber es wird sehr schwierig werden.«
Krieg. Das Bild von den Menschen zu Hause drohte Bennys Haltung ins Wanken zu bringen. Aber nur für einen Moment.
Er steckte seinen Kopf wieder in sein englisches Übungsheft und konzentrierte sich auf die Sätze. Und die Worte, deren Beherrschung den anderen so schwerfiel, fühlten sich unter der Spitze seines Stifts warm und gefügig an.
RosamondSiebzig Jahre später
Benny selbst ist ein so interessanter Mensch. Dieser Job scheint wie geschaffen für Sie.« Die Leiterin der Agentur für Pflegekräfte war sehr optimistisch, als sie mir von dem neuen Patienten in Fairfleet erzählte. Ihr war es sehr wichtig, dass Krankenschwester und Patient gut zueinanderpassten. Deshalb hatte sie ihre eigene Vermittlung gegründet und sich auf Sterbebegleitung spezialisiert.
Natürlich war Benny ein faszinierender Mensch. Wer seriöse Zeitungen las und sich Dokumentationen ansah, hatte mit Sicherheit von Benny Gault gehört.
»Er steht kurz vor dem Endstadium. Ist aber immer noch aufgeweckt und einigermaßen wohlauf. Er braucht jemanden, mit dem er sich über Bücher, Reisen und Politik unterhalten kann, der ihn aber auch pflegt, wenn sein Zustand sich verschlechtert. Benny lebt allein mit seiner Haushälterin in Fairfleet. Ich habe sofort an Sie gedacht.«
Ich sagte nichts, mein Kopf war ein Kaleidoskop aus Erinnerungen und Ängsten.
»Rosamond?«
»Ich …« Ich musste schlucken. »Ich muss mir das überlegen, da ist James, wissen Sie, und …«
Und so viel mehr.
»Ich weiß.« Eine taktvolle Pause. »Ich weiß, dass Sie noch nicht darüber hinweg sind … Aber dieser Patient benötigt wirklich jemanden wie Sie, Rosamond. Fairfleet ist außerdem ein sehr interessantes Haus, es ist außergewöhnlich, darin zu wohnen.«
Das wusste ich.
»Ich weiß nur nicht, ob ich …«
»Natürlich haben Sie das letzte Wort.« Sie schien von mir enttäuscht zu sein. »Denken Sie einfach darüber nach. Sprechen Sie mit James.«
Ich hatte mit der gemurmelten Zusicherung, sie am nächsten Tag zurückzurufen, aufgelegt. James hatte das Gespräch mitgehört. Es war früher Abend, und er war pünktlich nach Hause gekommen, um die vielen langen Abende der letzten Woche wettzumachen, die er wegen der Theaterproben an der Schule verbracht hatte. Vor ihm auf dem Tisch lag ein Stapel Schulhefte zum Korrigieren.
»Worum ging es?« Er hatte besorgt seine Stirn in Falten gelegt. Vermutlich hatten wir beide genug davon, dass er sich meinetwegen immer Sorgen machen musste.
»Nur um einen Job.«
»Einen, den du machen möchtest?«
Ich sagte nichts.
»Warum nicht?«
Ich zuckte die Achseln. Er sah mich überrascht an. »Jo kennt dich doch ziemlich gut, oder? Du sagst immer, dass sie dich instinktiv mit Leuten zusammenbringt, denen du am besten helfen kannst.«
Das stimmte. Ich war sowohl in wohlhabenden wie in bescheidenen Haushalten gewesen. Hatte Männer und Frauen, Alte und Junge gepflegt, die an allen möglichen Krankheiten starben. Jo war es immer gelungen, eine Verbindung zwischen diesen Menschen und mir zu finden, die über das einfache Verhältnis zwischen Pflegekraft und Patient hinausging. Sie hatte ein Talent dafür, neue Familienkonstellationen zu schaffen. Manchmal erfuhr ich, dass der von mir Gepflegte eine Tochter in meinem Alter gehabt hatte, die gestorben oder ausgewandert war oder sich entfremdet hatte. Oder ich pflegte eine ältere Frau, die mich an meine Großmutter erinnerte.
»Es ist in Fairfleet«, murmelte ich.
»Fairfleet?«
»Das Haus meiner Großmutter.«
»Deine Großmutter, die die Spitfires flog?«
Ich lächelte, und für einen kurzen Moment löste sich die Anspannung. Großmama und ihre geliebten Flugzeuge.
»Ist doch nett, an einen Ort zurückzukehren, mit dem man glückliche Erinnerungen verbindet.«
Ich spürte, wie mein Körper sich verkrampfte. Ich sagte nichts, aber scheinbar stand es mir ins Gesicht geschrieben.
»Rosamond?«
Ich spielte mit einem der Übungshefte.
»Warte mal, Fairfleet …« Der Name sagte ihm etwas. »Das war da, wo deine …?«
»Ja.« Ich wollte nicht, dass er laut aussprach, was in Fairfleet passiert war, ertrug es nicht, es hier in der futuristisch modernen Küche meiner Londoner Wohnung ausgesprochen zu hören. Meine Finger spielten mit dem Umschlag des Übungshefts. Er nahm es mir sanft aus der Hand.
»Mach kein Schuleigentum kaputt. Es ist bei Gott kein Wunder, dass du nicht zurück nach Fairfleet möchtest. Ruf Jo zurück und sag ihr, dass du diesen Job unter keinen Umständen annehmen wirst.«
Es war sonst nicht James’ Art, mir Vorschriften zu machen. Aber das war nicht der Grund, weshalb ich schwieg und mit meinen Fingern auf die matt glänzende Küchentheke trommelte.
»Sie wird verstehen, dass Fairfleet ein Ort ist, an den du unmöglich zurückkehren kannst. Vor allem jetzt nicht.«
Ich ging zum Fenster und starrte auf die Themse hinunter. Am Ufer funkelten Lichter. Eine Polizeibarkasse schoss vorbei. Hören konnte man in dieser Höhe nicht viel, dort unten lebten Menschen ihr Leben, die von mir und dem, was mir widerfahren ist, keine Ahnung hatten. Viele mussten mit viel Schlimmerem zurechtkommen. Ich könnte Jo zurückrufen. Und ihr auf rationale erwachsene Weise, wie dies meiner professionellen Einstellung entsprach, erklären, was vor dreißig Jahren in Fairfleet passiert war. Sie würde es verstehen, zweifellos. Keiner konnte mir einen Vorwurf machen, wenn ich diesen Job ablehnte. Zumal jetzt.
Oder konnte ich doch zurückkehren? Unter meinem Ehenamen als Rosamond Hunter Fairfleet wieder betreten. Den Ehemann war ich losgeworden, den Nachnamen hatte ich behalten. Mein Haar war im Lauf der Jahre dunkler geworden, im Unterschied zu meiner Mutter und meiner Großmutter war ich nicht blond geblieben. Ich färbte mir das Haar regelmäßig, sodass es jetzt kastanienbraun war. Auch die auffallenden Gesichtszüge meiner Großmutter und meiner Mutter hatte ich nicht geerbt. Wer in dieser Gegend würde sich heute noch an Rose Madison erinnern? Wir hatten weder mit den Kindern im Dorf gespielt, noch die dortigen Schulen besucht.
Rosamond Hunter. Rose Madison. Die gleiche Person, nur anders.
»Rosamond?« James hatte mich mit besorgter Miene beobachtet.
»Ich könnte zurückgehen«, sagte ich. »Ich kenne das Haus. Ich weiß ein wenig über Benny Gault. Er hat während des Kriegs im Haus gewohnt, weißt du. Meine Großmutter hat ihn aufgenommen.«
»Das wäre alles ganz wunderbar, wenn es dabei bliebe und du dort nur einen Besuch abstatten würdest«, sagte James. »Du könntest in Erinnerungen an deine Großmutter schwelgen. Hat sie jemals über Benny gesprochen?«
Ich versuchte mich zu erinnern. »Ich glaube nicht«, sagte ich. »Nicht mehr als über die anderen Jungs aus Deutschland, die sie aufgenommen haben. Man weiß dort nicht, wer ich bin.« In Gedanken kehrte ich zu meiner Namensänderung zurück. »Woher auch? Es ist so lange her.«
»Du überlegst allen Ernstes, diesen Job anzunehmen?« James stellte sein Weinglas ab. »Rosamond?« Die Betonung meines Namens ließ keinen Zweifel daran, wie wenig er damit einverstanden war.
»Ich weiß es nicht.« Ich drehte ihm den Rücken zu und kehrte zu meinem Blick auf die Themse zurück, den breiten, dunklen Wasserlauf, der alles mit zum Meer nahm, wo alle Erinnerungen und Ereignisse sich letztendlich trafen und miteinander vermischten. »Ich weiß es einfach nicht.«
Aber noch an diesem Abend rief ich Jo auf ihrem Mobiltelefon an, als James duschte, und sagte ihr, dass ich den Job in Fairfleet gerne annähme. Dabei nannte ich ihr keinen der Gründe, die eigentlich dagegen sprachen.
»Geh nicht dorthin zurück. Du hast in Fairfleet nichts mehr verloren.«
Die offensichtliche Besorgnis in der Stimme meines Bruders rührte mich fast. Aber zugleich ärgerte ich mich auch darüber, dass Andrew so beharrlich zu wissen glaubte, was gut für mich war. Und wenn noch ein drittes Gefühl in mir Platz hatte, dann dies, dass ich mich über James, den Mann, mit dem ich zusammenlebte, aufregte, weil er mich während dieses Telefonats beobachtete und sein Gesicht eine ähnliche Besorgnis spiegelte. Diese beiden Männer versuchten, mir etwas aufzuzwingen, was ihnen zupasskam, worauf ich mich aber nicht einlassen wollte. Ich musste mich selbst ermahnen und daran erinnern, dass ihr Motiv einzig und allein die Sorge um mich war.
»Sterben müssen wir alle«, hatte ich James erklärt, nachdem ich den Hörer aufgelegt hatte. »Es gehört zu den wichtigsten Ereignissen, ist vielleicht sogar das Wichtigste für uns. Es kommt darauf an, es gut zu machen. Und ich glaube, Benny dabei helfen zu können, das glaube ich wirklich.«
Er griff nach meiner Hand. »Das verstehe ich ja. Aber dennoch frage ich mich, ob es wirklich um Benny geht, wenn du nach Fairfleet zurückkehrst, oder vielmehr um das, was dort passiert ist, als du ein Kind warst.«
»Immer wollen mich alle analysieren.« Ich entzog ihm meine Hand. »Du. Mein Bruder. Mein Ex Charles. Mir geht es gut.«
»Es ist ja nichts Schlimmes, eine traumatische Erfahrung dazu zu benutzen, anderen Menschen Gutes zu tun. Das akzeptiere ich.« Seine Stimme war sanft. »Aber ist jetzt wirklich der richtige Zeitpunkt, um nach Fairfleet zu gehen?«
»Ich fühle mich schon viel besser.« Doch instinktiv merkte ich, wie ich im Stuhl zusammensackte. Noch war es mir nicht gelungen, mich mit dem auszusöhnen, was passiert war.
Bei unserem Vorbereitungsgespräch, das in einem Café in der nächstgelegenen Stadt stattfand, wohin Benny auf seinem vermutlich letzten Ausflug kam, verstanden wir uns auf Anhieb. Er hatte noch vor ein paar Monaten für sein Alter jung und fit gewirkt. Doch jetzt begannen seine ehemals markanten Züge in den Falten der leicht gelblichen Haut zu verschwinden. Die Augen waren noch immer leuchtend und wach und musterten mich forschend. Er war ein gut aussehender Mann. Benny Gault, der Journalist und Schriftsteller.
Wir unterhielten uns hauptsächlich über Bücher und meine Auslandsreisen. Seine Krankheit wurde nicht thematisiert, und ich fragte auch nicht danach. Dafür blieb noch genug Zeit. Jetzt ging es darum festzustellen, ob er mich mochte und mir das Vertrauen entgegenbrachte, sich von mir pflegen zu lassen.
»Wir werden der Agentur Bescheid geben«, hatte Sarah, die Haushälterin, gesagt. »Danke, dass Sie sich mit uns getroffen haben, Rosamond.« Sie reichte Benny seinen Stock.
»Ja, es war interessant.« Benny sah mich bohrend an. Vielleicht konnte er auf den Grund meiner Seele blicken. Oder vielleicht war das seine Art, mit Außenstehenden umzugehen.
Er wirkte geschwächt und blieb auf seinem Weg hinaus an der Tür stehen, stützte sich auf seinen Stock und betrachtete die Statue von König Alfred auf dem Marktplatz. Er speicherte vermutlich die Szenerie in seinem Gedächtnis ab, weil er sie nie mehr sehen würde. Er verharrte eine volle Minute so, dann wandte er sich an mich.
»Sie brauchen nicht abzuwarten, bis Sie es von der Agentur erfahren, Rosamond. Wenn Sie sich auf einen verschrobenen alten Invaliden einlassen möchten, würde ich mich freuen, wenn Sie zu uns nach Fairfleet kämen.« Den Namen des Hauses sprach er mit ungewöhnlicher Sanftheit aus. »Sie kennen die Gegend?«
»Nicht so gut, wie mir lieb wäre.«
»Das Haus ist wunderschön«, sagte er. »Vielleich sollte ich das nicht sagen, da es ja meines ist, aber es entspricht der Wahrheit. Ich denke, es wird Ihnen gefallen, dort zu wohnen. Selbst wenn Sie mich ertragen müssen.«
Sarah quittierte dies mit ein paar missbilligenden Lauten und tippte ihm auf den Arm. »So schlimm sind Sie nun auch wieder nicht Benny.«
Also bereitete ich mich auf meinen Job vor und erstellte Memos für James, damit er wusste, wie die Küchengeräte funktionierten, obwohl ich selbst auch eher selten kochte.
»Mir wäre lieber, du würdest Weihnachten mit Catherine und mir verbringen«, sagte er, als ich packte.
Auch mir wäre das lieber. Natürlich würde die Begegnung mit James’ Tochter, die schon studierte, mich an unseren Verlust erinnern. Aber ich hatte Catherine gern, und sie schien mich auch zu mögen.
»Was, glaubst du, wirst du in Fairfleet finden? Wieso soll es dir helfen, jetzt dorthin zurückzukehren?«
»Es geht dabei nicht nur um mich.«
»Wie meinst du das?«
»Es wäre ein Beweis für Andrew.«
»Ein Beweis wofür?«
»Seiner Meinung nach hatte Mum aufgehört, uns zu lieben, hatte die Seiten gewechselt. Wenn ich ihm etwas Handfestes vorweisen könnte, sähe er das vielleicht anders.«
»Was meinst du mit handfest?«
»Es gab oder gibt da einen Brief, den Mum an ihren Anwalt schrieb. In dem steht, was passiert ist. Ich denke, dass dieser Brief beweist, wie viel ihr an uns lag und wie sehr sie sich wünschte, alles wieder in Ordnung zu bringen.«
»Weiß Andrew denn von diesem Brief?«
»Ja. Er gab ihn mir zum Verstecken. Aber keiner von uns hat ihn gelesen.« Dazu war keine Zeit, jener letzte Nachmittag stand ganz im Zeichen der Panik und dem Versuch, dem Feind ein Schnippchen zu schlagen.
»Du solltest dir über deine Motive im Klaren sein, Rosamond.« Mit diesen Worten hätte James genauso gut einen schlecht geschriebenen Schulaufsatz kommentieren können.
»Ich bin verdammt noch mal keine Figur in einer deiner Schulproduktionen«, konterte ich.
»Nein, du bist eine erfahrene Krankenschwester mit einem Patienten, der sich darauf verlassen können muss, dass du mit deinem Kopf ganz bei der Sache bist.«
»Ja, ich bin ein Profi.« Ich klappte meinen kleinen Koffer zu und ließ das Schloss einrasten. »Und werde natürlich ganz bei der Sache sein. Offen gestanden werde ich mit der Pflege Bennys so beschäftigt sein, dass keine Zeit für etwas anderes bleibt.«
Als Sarah mich eine Woche später in die Küche führte, fühlte ich mich selbst ein wenig wie ein Flüchtling, unsicher, was ich in Fairfleet vorfinden würde und wie ich darauf reagieren würde. Ich sagte mir, dass ich eine Frau Anfang vierzig war und kein Mädchen, das noch keine dreizehn Jahre alt war. Ich blinzelte heftig, um meine Augen von den Gestalten zu befreien, die nicht hier waren, jetzt nicht mehr.
Das Tapsen kleiner Pfoten riss mich aus meiner Trance. Ein kleiner Terriermischling beobachtete mich mit gespitzten Ohren. Er schnüffelte an meinen Schuhen und wedelte mit dem Schwanz.
»Komm her, Max«, sagte Sarah. Fröhlich rannte er über den Flur. Wenn ein Hund keine Angst hatte, dann war alles gut, redete ich mir ein.
Als wir die Küchentür erreichten, zog ich instinktiv den Kopf ein.
»Gut gemacht, sie haben den tiefen Balken entdeckt, bevor ich Sie warnen konnte.« Sarah hatte sich umgedreht, als ich die Küche betrat. »Ich kann nicht verstehen, warum man den nicht entfernt hat, als nach dem Krieg die Küche aus dem Keller nach oben verlegt wurde.«
