Das Geheimnis von Toravosh - Scott Jenkins - E-Book

Das Geheimnis von Toravosh E-Book

Scott Jenkins

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Beschreibung

Im zu Ende gehenden fünften Jahrtausend ist die Menschheit so verzweifelt wie noch nie. Unzählige DNS-Manipulationen haben zu einem Versagen des Sexualtriebs geführt, sogar künstliche Befruchtung scheitert. Einzig die hohe Lebenserwartung der Menschen wahrt einen Teil der Hoffnung. Der andere Teil führt die Forscher Melina und Nathanael weit ins Universum, um in der fernen Galaxis 'Toravosh' ein Mittel zu finden. Dort angekommen, erleben beide eine Überraschung.

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Seitenzahl: 198

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Scott Jenkins

Das Geheimnis von Toravosh

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Impressum neobooks

Prolog

Das Geheimnis von Tora’vosh

Scott Jenkins

Science-Fiction

Kurzbeschreibung: Im zu Ende gehenden fünften Jahrtausend steht die Menschheit kurz vor dem Aussterben. Verzweifelt werden gigantische Raumschiffe in die Tiefen des Universums geschickt, um eine Lösung zu finden. Das Forscherpaar Nathanael und Melina hat Tora’vosh, eine Galaxie wie die Milchstraße, als Ziel. Dort angekommen erleben sie eine Überraschung.

Abschied von der Erde

September, 4860.

„Melina, bist du so weit?“

Neben mir flackerte es und ein holografisch-positronisches Abbild meiner Gefährtin erschien. Es war optisch von der realen nicht zu unterscheiden.

„Die letzten Tiere werden soeben in Stasis versetzt. Dann ist die Arche vollständig.“

Über uns, in elf Kilometern Höhe, hing unser gewaltiges Raumschiff. Von unserer Position aus glich es einem altmodischen Basketball. Es schwebte reglos in der Luft.

„Mir ist etwas mulmig bei so vielen Tieren. Dir nicht?“

„Sie sind in Stasis, Nathan. Dir muss nicht mulmig werden. Und das bedeutet, wir müssen sie auch nicht füttern.“

Ich stemmte meine Hände in die Hüften. „Trotzdem. Über eintausend Tiere finde ich heftig.“

Sie lächelte mich an und kniff mich in die Wange. „15812. Damit sind all jene Gattungen, die in den letzten dreitausend Jahren jemals vor dem Aussterben standen und von denen die DNS gesichert werden konnte, dabei.“

Ich atmete laut aus. „Na gut, du bist die Biologin.“

Sie deutete hinter mich. „Deine Familie ist da. Ich komme sofort.“

Sie verschwand. Ich begrüßte meinen Besuch – meine Mutter Dina und meinen Ururgroßvater Turon. Beide überwachten offenbar unsere letzten Stunden. Mutter verzog ihr Gesicht beinah schmerzlich. Wir tauschten eine weitere Umarmung.

„Du wirst so lange weg sein, Nathan.“

Ich nickte nur.

Sie blickte an mir vorbei, als Melina auftauchte.

„Schön, dass ihr kommen konntet. Meine Familie wird auch gleich eintreffen.“ Meine Gefährtin umarmte ebenfalls Dina und Turon.

„Wir werden schnell genug unterwegs sein. Und doch hast du recht. Elfmilliarden Lichtjahre bedeuten eine andere Region des Universums“, sagte ich.

„Wir werden genug Zeit haben.“ Melina massierte ihre Hände. „Fast sechzig Jahre.“

Mutter nickte. „O ja. Wenn ihr ankommt, seid ihr älter als ich heute.“

„Ich frage mich nur, ob unsere Mathematiker wissen, wohin sie uns schicken.“

„Tora’vosh ist den Versuch wert, Nathan.“ Die blauen Augen meines Ururgroßvaters musterten mich.

Wir hatten die Zielgalaxie zum Teil nach unserem Schiff benannt, da wir als Erste dort ankommen würden. ‚Vosh‘, der zweite Namensteil, war eine berühmte und inzwischen verblichene Forscherin der Menschheit.

„Das hoffe ich. Es wird ein Teil unseres Lebens. Und doch …“ Ich seufzte. „Wir passieren über acht Milliarden Galaxien. Das ist mehr, als die Menschheit lange Zeit gekannt hat.“ Erneut sah ich nach oben zu unserem Schiff.

„Dafür bist du Forscher geworden, Schatz.“ Mutter verzog ihr Gesicht erneut.

„Wenn nur die Verantwortung, die auf uns lastet, nicht so groß wäre.“ Melinas Hand tastete nach meiner und umschloss sie. Auch ich drückte ihre.

Turon nickte ergriffen. „Das Überleben der Menschheit liegt unter anderem in euren Händen. Unsere Leute haben alles verspielt.“

„Es gibt immer Hoffnung. Denkt daran!“ Mutter drückte mich fest an sich.

Es flackerte neben uns. Die positronisch-universelle Intelligenz unseres Distrikts erschien als weibliches Abbild neben uns. Die Forscher Nathanael und Melina werden daran erinnert, dass ihr letzter Testflug zu absolvieren ist.

„Geht nur, Schatz. Wir sehen uns nachher noch einmal“, sagte Mutter.

Ich folgte meiner Gefährtin. Wir überquerten eine Raumbrücke. Über diese hatte Melina in den letzten Tagen Tora, unser Schiff, betreten und auch verlassen. Wir legten schnell die elf Kilometer ins Schiff zurück.

Es war riesig, selbst ich kannte längst nicht alle Bereiche. Nur den, in dem wir die nächsten Jahrzehnte unseres Lebens verbringen würden. Wir nahmen die Anzüge an uns, die sogar für unser Zeitalter eine Meisterleistung waren. Ein kleiner Effekt war, sie dienten zusätzlich als Raumanzug, sodass wir bereits über dem Mars einen Ausflug im Orbit unternommen hatten.

„Ist Tora schon so weit?“

Da ich der Physiker unseres Zwei-Mann-Teams war, wusste ich über unsere PI Bescheid. Melina sah mich neugierig an.

„Sie ist noch im Prozess der Informationsaufnahme. Da wir die Erde in gewisser Hinsicht mitnehmen, haben wir eine gewaltige Datenflut.“

Wir aktivierten die quantenmechanische Objekteinheit unserer Anzüge. Sie wurden nicht mehr altmodisch übergestreift, sondern unsere Körper wurden ‚upgedatet‘.

Über eine weitere kleine Raumbrücke verließen wir das Schiff und flogen ins All hinaus. Wir erreichten die Schwärze des Weltraums und eine Flut an Sternenlicht.

Melina tastete nach meiner Hand, ich ergriff ihre. Wir absolvierten letztmalig ein Programm, das beinah jede kleine Funktion der Overalls testete. Mit einer Ausnahme – es hatte keinen Sinn, die Engelsillusion zu probieren.

Wir flogen im Orbit umher, um uns herum die fünf Raumstationen, in denen Schiffe wie unsere Tora herangezüchtet wurden. Die sechzehn Kilometer Durchmesser, die jedes Schiff hatte, erschienen majestätisch.

Meine Gefährtin und ich waren nicht die Einzigen, die so weit ins All geschickt wurden. Und selbst die elf Milliarden Lichtjahre, die wir zurücklegen würden, waren nicht das Weiteste. Forscherkollegen von uns sollten noch weiter fliegen. Da wurde sogar mir beinah schwindlig.

Nach drei Stunden schlossen wir den letzten Test ab. Wir kehrten in die Atmosphäre und schließlich zu Tora zurück.

„Ich möchte einen Toast ausbringen“, sagte Simeon, der Älteste unserer Familie mit über zweihundertfünfzig Jahren. „Wir verabschieden heute zwei junge Menschen, die sich entschlossen haben, den Begriff des ‚Forschers‘ beinah neu zu definieren. Als Familienoberhaupt ist es mir eine Freude und Ehre, euch zu preisen. Ihr, die ihr so tapfer und neugierig seid, die vor keiner Entfernung zurückschrecken, die noch so groß ist. Ihr habt keine Sekunde gezögert, als ihr ausgewählt wurdet, das Universum auf diese Weise zu durchqueren. Wenn ich richtig informiert bin, ist die Geschwindigkeit der Schiffe derart hoch, dass ihr unterwegs von der Schönheit des Alls und der Galaxien nicht einmal viel mitbekommen werdet.“

Einige lachten, ich nickte. „Das ist richtig.“

Melina schmiegte sich an mich. Auch ihre Familie war zugegen.

„Unseren Vorfahren wird nachgesagt, dass sie einander Fehler zugestanden haben. Unsere Fehler haben dazu geführt, dass wir so verzweifelt sind. Doch verschließen wir nicht unsere Augen und entsagen unserer Neugier. Einige Menschen waren derart mutig und tapfer – sie gingen im Angesicht des sicheren Todes ihren Weg, obgleich die Chancen geradezu symbolisch minimal waren.“ Er lief einige Schritte. Niemand unterbrach ihn. „Ich will damit nicht andeuten, dass ihr in der gleichen Situation seid, doch die Menschheit, unsere Spezies, ist es.

Nathan – deine Mutter hat dich ganz gut hinbekommen. Du hast eine gesunde Neugier und auch eine nötige kleine Portion Demut vor dem Unbekannten da draußen. Denkt ab und zu an uns. Beide. In knapp sechzig Jahren, wenn ihr dort seid, weiß ich nicht, ob ich noch auf dieser Welt sein werde.“ Simeon richtete seinen Blick über mich. „Wir werden oft nach oben zu den Sternen sehen. Es mag bekannt sein, dass diejenigen Himmelskörper, die wir von der Erde aus sehen können, auch nur einem minimalen Teil der Milchstraße entsprechen. Doch immer dann, wenn gerade ein Stern hell strahlt, wissen wir, dass ihr an uns gedacht habt.“

Seine Worte rührten mich derart, dass meine Augen feucht wurden. Ich umarmte ihn. Melina ebenfalls. Unsere Familien applaudierten. Anschließend richtete noch Melinas Familienoberhaupt Gigi einige Worte an uns. Sie war eine der wenigen Wissenschaftlerinnen in unseren Familien. Die Restlichen von uns waren Künstler und Forscher.

„Ich gestehe, ich finde es schade, dass wir Tora’vosh nicht so sehen können, wie sie heute ist. Wie ihr alle wisst, braucht ihr Licht gut elf Milliarden Jahre zu uns. Allein der Tatsache, dass wir heute über einhundert Milliarden Galaxien kennen, verdanken wir ihre Entdeckung. Ich streite mich auch nicht mit meinen Kollegen, deren Arbeit genau diese Galaxie in diesem Cluster ausgewählt hat. Ich denke, niemand hätte etwas dagegen, wenn euer Ziel deutlich näher wäre. Sei’s drum. Ich möchte mit ein paar Worten eines antiken Künstlers schließen: Ihr Engel und Boten Gottes – steht ihnen bei!“ Sie reckte ihr Glas nach oben, wir andern folgten dem Beispiel.

Melina küsste sie auf die Wange. Wir hielten bunte Energydrinks in den Händen, die nur darauf warteten, dass wir sie verzehrten. Sie umarmte ihre Eltern und bewegte sich zur einsetzenden Musik. Auch ich zog meine Mutter an mich. Gemeinsam drehten wir die eine oder andere Runde.

Melina war bereits an Bord. Ich nahm mir noch ein paar letzte Minuten und suchte mir ein Fleckchen Erde, das aus Dreck und Gras bestand.

Beinah sehnsüchtig ließ ich meine Hand darüberfahren, schloss die Augen und konzentrierte mich auf das Gefühl. Ich saugte es in mich, führte die Hand an meine Nase und roch.

Eine Träne rann über meine Wange, ich wischte sie weg und erhob mich. „Tora – ich bin so weit.“

Unsere Schiffs-KI baute mir eine Raumbrücke auf, über die ich das Innere erreichte. Melina wartete und – unsere Familien ebenfalls. Alle waren anwesend, wenn auch nicht mehr physisch.

Melina wischte sich Tränen von den Wangen. Ich nahm ihre Hand.

„Bist du so weit, Tora?“

„Alle Systeme sind einsatzbereit, Nathanael.“

„Gut, dann wollen wir sehen, ob die Maschinen halten, was sie versprechen.

Melinas Brust zuckte, fast schluchzte sie. Ich küsste sie, selbst tränennass, auf die Wange. Sie umarmte mich.

„Die Maschinen wurden ausreichend getestet, Nathanael. Die Flüge nach Andromeda sollten Bew…“

„Was ich sagte, was rhetorisch, Tora.“

Melina wischte sich die Tränen weg. „Los geht’s, Tora. Fünf Kilometer pro Sekunde bis zum Orbit.“

Die Erde wurde kleiner. Zum Abschied hielten unsere Familien die Hände als Gruß hoch.

Der Orbit war erreicht, unsere Familien verschwanden.

„Tora? Dimensionsantrieb einschalten.“

Die Außenoptik schien zu glänzen. Wir verließen die normale Raumzeit und tauchten in eine Blase, in der unser Schiff unterwegs sein würde.

„Wir haben gerade den Saturn hinter uns gelassen. Jupiter – Uranus … Wir haben das Sonnensystem verlassen. In zehn Minuten durchqueren wir Alpha Centauri. Vier Stunden später verlassen wir die Milchstraße. Der Route nach kommen wir in drei Tagen links an Andromeda vorbei. Wir sind fast auf Reisegeschwindigkeit.“

Ein großes Hologramm zeigte uns unsere Route in den nächsten vierundzwanzig Stunden. Ich umarmte Melinas warmen Rücken und drückte sie an mich. Ihre Hand streichelte meine Wange. Minutenlang hielten wir uns.

„Komm, Nael, wir sehen uns das Schiff an.“

Kapitel 1

Tora

Juni, 4918.

Sein Haar war chaotisch und stand aufrecht wie elektrisiert. Es hatte erste graue Strähnen.

„Herr Einstein, was sagen Sie zu der Veröffentlichung Ihres Kollegen Albrecht Hoffmann?“

„Was für ein Kollege von mir ist er denn?“

„Nun, er publiziert hin und wieder physikalische Theorien. Auf die neueste bezieht sich meine Frage.“

Einstein nickte kaum merklich. Dutzende Gesichter waren auf ihn gerichtet. „Und meine Antwort ist – Schuster, bleib bei deinen Leisten. Da er wohl auch fiktionale Geschichten verfasst, sollte er dabei bleiben. Wer auf diese Art und Weise Masse und Energie verwechselt wie er, hat in der Physik nichts zu suchen.“

„Verstehe.“ Der Reporter sah auf seinen Zettel. „Und was sagen Sie zu seiner These über die Unendlichkeit? Es ist der zweite Punkt der Veröffentlichung.“

„So weit habe ich seine Publikation nicht gelesen.“ Einsteins Augen musterten die neugierigen Gesichter. „Aber ich kann Ihnen verraten, was ich von der Unendlichkeit halte.“

„Bitte.“

Einstein schwieg einen Moment. „Wissen Sie, zwei Dinge sind unendlich. Das Universum und … die menschliche Dummheit. Ich gestehe aber, dass ich mir beim Universum noch nicht ganz sicher bin.“

Einige Reporter lachten.

Das holografische Video stoppte. Einstein und der Interviewer sahen sich stumm an.

Ich saß inmitten des Videos und hatte ein Grinsen auf den Lippen. Unsere Vorfahren hatten Humor besessen.

Melina kam zu mir. Sie umlief meinen Sessel und gab mir einen sanften Kuss. Meine Gefährtin setzte sich neben mich, steckte sich eine Wasserpfeife in den Mund und lächelte mich an. Gemeinsam pafften wir.

„Einstein?“

Ich nickte. „Einer der frühen Wissenschaftler.“ Eine weiße Nebelfontäne stieg aus meinem Mund nach oben.

„Es ist immer wieder erstaunlich, wie früh die Menschen so geniale Gedanken hatten.“ Sie strich sich eine blonde Strähne aus dem Gesicht. Auch aus ihrem Mund stieg weißer Dampf.

Bei der Pfeifenbeigabe hatte ich mich für ein Holz aus dem Amazonasgebiet entschieden, dessen Geschmack ich im Mund hatte. Melina nahm ein Gewürz aus Afrika. Im Gegensatz zu unseren Vorfahren rauchten wir längst keinen Tabak mehr.

„Wenn wir schon so weit von der Heimat entfernt sind, sollten wir sie uns nicht zu selten ansehen.“ Sie sah mich an und hob die Augenbrauen. „Tora, zeig uns Naturaufnahmen der Erde.“

Ich war mir beinah sicher, dass wir längst alle Aufnahmen etliche Male gesehen hatten. Die Wahrscheinlichkeit war nicht gering, dass wir die Erde nie wieder sehen würden.

Redete man zur Zeit Einsteins noch von Lichtgeschwindigkeit, waren unsere Erbauer jener Raumschiffe, in denen wir durch das Universum flogen, längst so weit, dass wir Dimensionsantriebe verwendeten, die uns mit einem Vielfachen der Lichtgeschwindigkeit antrieben.

Unser Ziel war die Tora’vosh-Galaxie, die elf Milliarden Lichtjahre von der Milchstraße entfernt lag. Kein Mensch wurde so alt, dass er eine solche Reise mit Lichtgeschwindigkeit schaffen würde. Meine Gefährtin und ich waren seit circa achtundfünfzig Jahren und neun Monaten unterwegs. Wir würden in etwa einer Woche unser Ziel erreichen.

Unsere Fracht bestand aus Hunderten Tiergattungen, die, ähnlich wie jene der Arche Noah in grauer Vorzeit, darauf warteten, eine neue Heimat zu finden. Doch unsere tierischen Begleiter würden erst aufgeweckt, wenn wir zweifelsfrei eine neue Heimat gefunden hatten. Dort sollten sie der erneuten Gefahr des Aussterbens nicht mehr ausgesetzt sein.

Melina und ich waren nicht die einzigen Forscher, die so tief im Universum unterwegs waren. Es waren Hunderte. Ein paar wenige hatten die gleiche Galaxie wie wir als Ziel, würden ein paar Wochen später eintreffen.

Doch uns ging es weniger darum, eine neue Heimat zu finden, denn unsere Reise hatte einen tragischen Hintergrund.

Nachdem die Menschheit im dritten Jahrtausend nach und nach in die Milchstraße vorgedrungen war und diese zum Teil besiedelt hatte, war irgendwann im vierten Jahrtausend etwas Unfassbares geschehen: Wir hatten den biologischen Willen zur Fortpflanzung verloren. Es gab keinen Sexualtrieb mehr. Meine Gefährtin und ich, die seit fast sechzig Jahren unterwegs waren, hatten noch nie Geschlechtsverkehr gehabt. Testosteron und Östrogene funktionierten nicht mehr. Und die Menschheit, die im dritten Jahrtausend mit gut einhundertzwanzig Milliarden Menschen ihren Höhepunkt erreicht hatte, begann zu schrumpfen.

Unsere Vorfahren waren alarmiert, aber etliche Versuche, den Prozess umzukehren, scheiterten. Die künstliche Befruchtung, die den verlorenen Sex ablöste, funktionierte nicht wie erwartet. Neun von zehn erzeugten neuen Menschen überlebten die ersten zehn Jahre nicht. Unsere Wissenschaftler waren verzweifelt. Sollten wir auf diese Weise aussterben?

Wir suchten daher im gesamten Universum nach einer Lösung. Unsere Raumschiffe maßen sechzehn Kilometer. Gemäß der Evolution hatten wir, zumindest für die Säugetiere, eine Paarkonstellation von zwei männlichen sowie fünf weiblichen Exemplaren, die uns begleiteten. Der Rest des Raumschiffes glich einer kleinen Stadt, nur für uns. Wir machten Sport, spielten Bewegungsspiele, die in den letzten Jahrhunderten entwickelt worden waren. Darunter war Galaktisches Tennis, eine Weiterentwicklung des normalen. Man spielte in einer Kugel von einhundert Metern Durchmesser. Der Ball war eine holografische Kugel, welcher mit hoher Geschwindigkeit hin und her geschleudert wurde. Er wurde so schnell, dass man damit theoretisch jemanden verletzten konnte. Daher verwendeten wir ihn ohne physischen Körper.

„Deine Zelldusche ist so weit, Melina.“ Tora, unsere positronische Intelligenz, riss mich mit ihrer Stimme aus meinen Gedanken.

Melina neben mir stöhnte auf.

Schmunzelnd sah ich zu ihr. „Du hast gestern schon verschoben.“

Sie nickte und streckte sich auf dem Sessel aus. „Ich weiß.“ Ihre Nieren und Leber würden eine Zellauffrischung erhalten. In wenigen Monaten waren die Milz und ein Teil des Darms an der Reihe.

„Du kannst dich ihr anschließen, Nathanael.“

Erstaunt sah ich nach oben, auch wenn Tora überall war. Ihr positronisches Netz durchzog nahezu jeden Teil des Schiffes. „Ach so?“

„Deine Lungen sind an der Reihe.“

Jetzt war ich es, der geräuschvoll die Luft ausstieß.

Melina grinste mich an und erhob sich. „Komm, Nale – gemeinsam.“

Ich verließ mit ihr unseren Videopark. Wir überlegten, ob wir die Gleiter nehmen sollten, entschieden uns aber zu laufen. Wir wollten unsere athletische Form behalten. Im Jogging-Modus rannten wir durch die Gänge, durchquerten unseren Garten, den Melina kurz nach dem Start angelegt hatte – mit Dutzenden Pflanzen und Blumen. Sie machte sich dabei sogar die Hände schmutzig, was eigentlich unnötig war, da wir Apparate hatten, die dies erledigten. Melina fühlte sich durch das Berühren der Erde unserer Heimat nah. Ich verstand sie sehr gut. Nicht nur, weil sie unsere Biologin war. Entomologie, Zoologie allgemein, Botanik und Anatomie des Menschen.

Dass sie mich Nale nannte, war eine Abwandlung meines eigentlichen Namens. Anfangs hatte sie mich nach Nathan Nael genannt, inzwischen verwendete sie eben diese Variante. Ich wiederum rief sie Lina.

Wir erreichten den medizinischen Bereich unseres Schiffs und legten uns auf die Liegen, über die die Zellduschen vorgenommen wurden. Für eine Stunde des Tages erneuerten sich unsere Zellen. Uninteressiert verfolgte ich die vier Lichtquellen, die auf meinen Körper einschwenkten und über einen weißen, einen roten, einen grünen und ein blauen Laser Energie auf mich schossen – in meine Lungen.

Wissenschaftler der Erde hatten vor Urzeiten herausgefunden, wie man verhindern konnte, dass Stamm- und Normalzellen einen nicht beabsichtigten Tod starben. Normale Zellen, die nach vierzig bis fünfzig Teilungen mit dem Stoffwechsel aufhörten, wurden durch damals neu eingeführte Zellduschen praktisch wieder auf eins heruntergesetzt. Das war nur ein Teil der Erneuerung.

Unsere Lebenserwartung war durch den Wissenszuwachs der letzten Jahrtausende in die Höhe geschossen. Aufgrund der langen Reise waren Melina und ich inzwischen zweiundneunzig beziehungsweise dreiundneunzig Jahre alt. Gemessen an den antiken Alterungsprozessen der Menschen waren wir Mitte dreißig. Viele Menschen waren anfangs neugierig gewesen, was man mit scheinbarer Langlebigkeit erreichte. Die Verrücktesten von uns hatten ein Alter von über fünfhundert Jahren geschafft. Der Rekord stand sogar bei sechshundertundzehn.

Durch den Zuwachs des Wissens über den menschlichen Körper im dritten Jahrtausend hatten die Wissenschaftler begonnen, die Junk-DNS, die jeder in sich trug, nutzbar zu machen. In einem ersten Versuch hatte man einem mit Malaria infizierten Menschen einen kleinen Teil seiner DNS umprogrammiert. Als Folge war Immunität gegenüber dem Virus entstanden. Die Industrie hatte Insiderberichten zufolge vor Wut geschäumt, weil sich nun das Gegenmittel immer schlechter verkaufte.

Der Erfolg der Umprogrammierung zog mit den Jahrzehnten weitere nach sich. Bei einem Krebspatienten wurde ebenfalls die Müll-DNA reprogrammiert. Der Patient wurde immun gegen das größte Übel der Menschheit. Und erneut ging mit den Jahren ein weiterer Industriezweig pleite. Krebsmedikamente wurden wertlos.

Die Folge war eine Bevölkerungsexplosion. Etliche Menschen wanderten auf den inzwischen terraformierten Mars aus. Erste Expeditionen verließen das Sonnensystem in Richtung Alpha Centauri und weiteren Sternen.

Und wir, Melina und ich, waren nun gut elf Milliarden Lichtjahre von unserer Heimat entfernt. Da wir Forscher waren, hatten wir uns dazu entschieden. Den Sexualtrieb mochten wir verloren haben, aber unsere Neugier nach dem noch Unbekannten war geblieben. Und unsere Hoffnung, irgendwo da draußen eine Form von Sexualheilung zu finden, an die wir noch nicht gedacht hatten.

Meine Gefährtin und ich arbeiteten zwar nicht in der direkten Wissenschaft – das taten Kollegen mit einer besonderen Auslastung ihres Gehirns von fünfundachtzig Prozent –, doch selbst wir Forscher nutzten circa sechzig bis fünfundsechzig Prozent unserer Gehirne. Der Rest unserer Mitmenschen, zu denen auch Künstler zählten, arbeiteten gut mit der Hälfte.

Meine Liege klappte nach oben, ich entstieg ihr. Auch Melina war fertig.

„Melina, Nathanael – es wird Zeit für das psychologische Programm.“

Erstaunt sah ich Melina an. „Kannst du das spezifizieren, Tora?“

„Ihr habt euch vor exakt acht Jahren das letzte Mal gestritten.“

Ich stöhnte auf.

Melina schüttelte den Kopf. „Tora, das war kein Streit.“

„Du kannst unmöglich wollen, dass wir wie unsere Vorfahren die Stimme erheben, uns anbrüllen oder gar handgreiflich werden.“

Videos erschienen um uns herum und zeigten historische Streitsituationen. In einem Fall kam ein Mann von der Arbeit nach Hause und regte sich auf, dass der Rasen vor dem Haus nicht gemäht war. Der Sohn, der offenbar dieser Arbeit zugeteilt war, sagte, er hätte keine Zeit gehabt.

„Bitte streitet euch!“

Ich seufzte. „Ich streite mich höchstens gleich mit dir, dass du so einen Unsinn von uns willst.“

„Das hätte keinen Sinn, da ich für Streit nicht programmiert bin.“

„Wir auch nicht, Tora. Nael und ich kennen uns solange, dass es keine Streitgründe mehr gibt. Mögliche Ursachen existieren nicht mehr.“

„Vor acht Jahren habt ihr euch gestritten.“ Tora zeigte uns eine Szene, an dem wir an unserer Unterwasserwelt gewesen waren. Ich hatte Lina damals lediglich gesagt, dass ich mir Fische im Bassin gut hätte vorstellen können. Sie lehnte ab, weil sie einen anderen Zweck für die Wasserwelt vorsah.

„Das … Das nennst du sich streiten?“ Lina stand der Mund offen.

„Tora, wenn Lina und ich Meinungsverschiedenheiten haben, hat das nichts mit einem Streit zu tun.“

„Das würde bedeuten, dass ihr euch noch nie gestritten habt.“

„Du hast es erfasst.“

„Ja, Tora, wir sind todlangweilig.“

Lina lachte und küsste mich auf die Wange.

„Tora – ich setze den Streitpunkt deines psychologischen Programms außer Kraft.“

„Dazu ist zusätzlich Melinas Einwilligung erforderlich.“

„Die erfolgt hiermit.“

Es war später Abend. Die künstliche Sonne, die wenige Kilometer über uns hing, und uns seit dem Start ein Gefühl von Tag und Nacht vermittelte, war erloschen.

Wir nahmen uns an der Hand und schlenderten in den Erholungstrakt, der unterschiedliche Vergnügungen zur Verfügung stellte. Eine davon war ein lebensechtes Holodeck, das Melina und mir in dieser Nacht den Strand von Miami Beach bot. Wir hatten die täuschend echte Illusion noch nicht betreten, als wir schon Strandmusik hörten. Wir betraten die ‚Arena‘ und gesellten uns zu tanzenden Menschen hinzu.

Melina schloss lächelnd ihre Arme um mich und unsere Schritte bewegten sich zur Musik. Meine Gefährtin, die auf dem Mars geboren war und mit ihren Eltern im Alter von acht Jahren auf die Erde übersiedelte, war in Florida aufgewachsen.

Geschätzt dreißig Menschen ‚begleiteten‘ uns durch die Nacht.

Erst gegen zwei Uhr morgens sanken wir ins Bett, um bereits gegen fünf Uhr den morgendlichen Badgang zu absolvieren. Dieser Zeitrahmen war normal für uns. Beim Duschgang unterschieden wir zwischen dem medizinischen und dem romantischen. Bei Letzterem verwendeten wir jene Art Dusche, die schon unsere Vorfahren genutzt hatten: Wasser kam aus einem Duschkopf. Bei der medizinischen Dusche stellten wir uns auf eine Plattform und wurden mit unterschiedlichen reinigenden Substanzen eingesprüht. Das war vor allem für Melina wichtig, die gern in der Erde buddelte.

Als ich in unseren Speisebereich kam, war das Frühstück bereits fertig. Melina prüfte die Brotmaschine, die uns warme, duftende Brötchen bescherte. Die Ressourcen dazu bauten wir an, auch wenn uns die Materiemaschinen, mit denen wir nahezu alles Mögliche herstellen konnten, eine Alternative boten. Aber Melina und ich bevorzugten das Natürliche. Einige Decks weiter hatten wir große Anbauflächen für Getreide, Gemüse, Obst und Salat. Allein Weizen und Roggen bauten wir auf jeweils zwei Hektar an. Gemüse auf weiteren drei. Im vierten Jahrtausend hatten unsere Wissenschaftler Verfahren entwickelt, mittels derer Getreidesorten in nur vier Wochen nach dem Säen ausgereift waren und über unsere Maschinen geerntet wurden. Nach einem Tag Pause wurden die Flächen remineralisiert. Anschließend wurde erneut ausgesät.

Mit handlichen Lasermessern schnitten wir die Brötchen auf und verspeisten sie mit Obstmarmelade, die wir aus unserem Anbau herstellten.

Nachdem wir uns gesättigt hatten, fuhren wir mit den Gleitern zu unserer Unterwasserwelt, die mit den meisten Platz einnahm. Wir zogen Anzüge an, die der Haut von Haien nachempfunden war. Unser ‚Schuhe‘ waren nachgebaute Fischflossen. Durch eine Errungenschaft aus dem Ende des vierten Jahrtausends waren wir Wasseratmer geworden. Durch eine weitere Manipulation der DNS konnten wir für mehrere Stunden unter Wasser leben und atmen.