Das Geheimnis von Winterthorne - Zoë Marriott - E-Book

Das Geheimnis von Winterthorne E-Book

Zoë Marriott

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Beschreibung

Ein altes Herrenhaus, gefährliche Familiengeheimnisse und eine verbotene Liebe – ein mitreißender Roman für alle Fans von Kate Morton und Lucinda Riley!

Sie huschte durch das Tor in das bläuliche Mondlicht. Hinter ihr schimmerte das Schloss. Licht fiel aus den hohen Fenstern, unterhalb des Gartens toste die See gegen die Klippen von Winterthorne, und die Luft roch herb nach Salz …
1924: Der glanzvolle Sommerball von Lord und Lady Kearsley ist in vollem Gang, als sich ihre Tochter Xanthe zu einem heimlichen Rendezvous in das Gartenlabyrinth des Anwesens schleicht. Am nächsten Morgen ist das Herrenhaus niedergebrannt, und zwei Tote werden aus den Trümmern geborgen. Niemand wird je erfahren, was in jener Nacht in Winterthorne geschah.
2024: Juliet Stewart fällt aus allen Wolken, als sie von einer entfernten Verwandten ein Cottage in Winterthorne erbt, einem Dorf hoch an der felsigen Küste von Yorkshire. Als sie dort auf die Ruine von Kearsley Castle stößt, erfährt sie von dem Brand, der die Familie, die dort lebte, vor hundert Jahren ausgelöscht hat. Ihre Neugier ist geweckt, doch je tiefer sie in Xanthes Geschichte eintaucht, desto näher kommt sie der Gefahr.

»Dramatisch und fesselnd – dieser Roman hat mich völlig in seinen Bann gezogen.« Christina Courtenay

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 525

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Buch

Winterthorne 1924. Diese Nacht im Juli wird niemand in dem kleinen Ort an der Küste von Yorkshire je vergessen. Während der sommerliche Ball von Lord und Lady Kearsley in vollem Gange ist, bricht ein Feuer aus, das nicht nur das prachtvolle Herrenhaus zerstört, sondern auch zwei Todesopfer fordert. Kurz vor dem Brand war Xanthe, die Tochter der Kearleys, zu einem heimlichen Rendezvous im mondbeschienenen Labyrinth bei der Orangerie geeilt. Was dann geschah, ist seit hundert Jahren ein Rätsel …

London 2024. Die junge Juliet, genannt Jude, kann zunächst kaum glauben, dass sie ein Cottage in Winterthorne geerbt haben soll. Sie hat keine Familie mehr und wusste auch nichts von der verstorbenen Großtante, die sie in ihrem Testament so großzügig bedacht hat. Aber am Ende siegt die Neugier, und Jude bricht nach Yorkshire auf. Schon bald ist sie fasziniert von der Geschichte des Ortes und dem großen Brand vor hundert Jahren. Und sie spürt eine seltsame Verbindung zu Xanthe, die sie sich nicht erklären kann. Doch je tiefer sie in die Geschichte von Winterthorne eintaucht, umso gefährlicher wird es …

Autorin

Zoë Marriott wusste, dass sie Schriftstellerin werden wollte, seit sie als Kind die »Zauberwald«-Serie von Enid Blyton gelesen hatte. Und sie hat es sich nie anders überlegt. Ihre Jugendromane wurden mehrfach preisgekrönt und standen auf zahlreichen Long- wie Shortlists. »Das Geheimnis von Winterthorne« ist ihr erster Roman für Erwachsene. Die Autorin lebt mit ihrem Spaniel Ruskin und viel zu vielen Büchern in einem kleinen Haus in einem Dorf an der englischen Küste.

Zoë Marriott

Das Geheimnis von Winterthorne

Roman

Aus dem Englischen von Kristina Lake-Zapp

Die Originalausgabe erschien 2025 by Headline Review, an imprint of HEADLINEPUBLISHINGGROUPLIMITED

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

Deutsche Erstveröffentlichung Oktober 2025

Copyright © 2025 by Zoë Marriott

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2025

by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

[email protected]

(Vorstehende Angaben sind zugleich

Pflichtinformationen nach GPSR.)

Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur GmbH, München,

nach einem Entwurf von Holly Macdonald

Umschlagmotive: © Richard Jenkins und Trevellion Images/ Drunaa

Redaktion: Regina Carstensen

AB · Herstellung: ik

Satz: satz-bau Leingärtner, Nabburg

ISBN 978-3-641-32771-2V001

www.goldmann-verlag.de

Meiner Agentin Kate Shaw gewidmet,mit allergrößter Dankbarkeit. Möge dieser Roman der erste von vielen sein!

Prolog

Xanthe, 19. Juli 1924

Xanthe trat durch das Mondtor und schritt durch den Schatten von Stein und herabhängenden Glyzinienblüten in das bläuliche Mondlicht. Am Himmel schwebten Sterne zwischen sommerlichen Wolkenfetzen, schimmernde Perlen, mit vollen Händen achtlos auf ein mitternachtsblaues Tuch geworfen. Ein warmer Wind ließ die Blätter der Bäume erzittern. Die blassgrüne Seide von Xanthes Abendkleid umflatterte ihre Waden, kurze, rote Haarsträhnen lösten sich aus dem mit Perlen bestickten Seidenschal, den sie um den Kopf geschlungen hatte. Sie sah sich erwartungsvoll um.

»Tom?«

Keine Antwort. Keine Bewegung am Eingang des Labyrinths.

Sie warf einen Blick zurück. Umrahmt vom Bogen des Mondtors, schimmerte das Schloss. Licht fiel aus den hohen Fenstern und zeichnete goldene Rechtecke auf den Rasen. Sie konnte die leisen Klänge des Streichquartetts hören, das sich im großen Saal die Seele aus dem Leib spielte. Das Fest war in vollem Gange. Die Möglichkeit, dass einer der Gäste dem steten Fluss von Klatsch und Champagner den Rücken kehrte oder dass ihre Eltern die Besucherinnen und Besucher des Balls allein ließen, war äußerst gering. Dennoch sollte sie nicht allzu lange hier draußen bleiben. Man würde sie irgendwann vermissen, und sie wollte keine weitere Szene heraufbeschwören.

Allerdings würde sie auch nicht zurückkehren, ohne ihn gesehen zu haben.

Sie schlenderte von der unteren Rasenterrasse in Richtung des Topiari-Labyrinths mit seinen kunstvoll getrimmten Hecken. Der Kies unter ihren Füßen knirschte leise, verräterisch. Die dünnen Absätze ihrer Slingpumps, extra eingefärbt in dem ganz besonderen Eau-de-Nil-Ton, damit sie perfekt zu ihrem Kleid passten, bohrten sich zwischen die Steine. Für mitternächtliche Spaziergänge waren sie nicht gedacht. Hinter dem Labyrinth, tief unterhalb des Schlosses, toste die See gegen die Klippen von Winterthorne. Die Luft roch herb nach Salz.

»Tom?«, fragte sie noch einmal, jetzt etwas lauter. Das passte nicht zu ihm. Er war immer da – wartete immer auf sie. Und ganz bestimmt würde er sich heute Abend nicht verspäten. Nicht danach. Danach.

Ein feines Lächeln umspielte ihre Lippen.

Das ist Glück.

Es spielte keine Rolle mehr, was ihre Mutter und ihr Vater sagten. Sie wusste jetzt, wo ihre Zukunft lag. Es würde keine weiteren Auseinandersetzungen geben, keine Scham, kein Schreien und kein Flehen. Morgen würde sie es ihnen sagen, und er wäre dabei an ihrer Seite.

Mit einer Hand den sorgfältig geschnittenen Schwung einer Eibenhecke nachfahrend, folgte sie dem Pfad tiefer in das Labyrinth hinein. Über ihr ragten die vertrauten Umrisse von Hahn, Pfau, Eule, Schwan und Albatros in den sternenhellen Nachthimmel auf, aus der Hecke geformt und sorgfältig gepflegt von Mr Marten, Toms Vater. Als kleines Mädchen hatte sie hier jeden Tag gespielt, unter der Aufsicht ihrer liebenswerten Gouvernante, bevor man sie in das spießige Internat und anschließend in das Schweizer Mädchenpensionat schickte.

Vor ihr knirschte der Kies. Eine männliche Gestalt tauchte aus einem toten Ende ein Stück weiter vorn zwischen den Hecken auf. Sie lachte leise auf und eilte ihr mit ausgestreckten Händen entgegen.

»Spielst du Verstecken? Du solltest doch wissen, dass ich dich immer finde!«

»Ach, tatsächlich?«, fragte eine tiefe, ihr bekannte Stimme. »Jetzt, da du es erwähnst: Nein, das wusste ich nicht.«

Xanthe kam stolpernd zum Stehen, das Herz hämmerte gegen ihre Rippen. Eilig trat sie einen Schritt zurück, doch ihr Absatz verfing sich im Kies – elende Schuhe! –, und bevor sie sich umdrehen und weglaufen konnte, hatte eine große Hand mit langen Fingern ihren Arm gepackt.

Ihre Gedanken überschlugen sich. Wie hat er es herausgefunden? Hat er es meinen Eltern gesagt? Wie dumm von mir, ich hätte Rowan mitnehmen sollen! Und dann, dringlicher als alles andere: Wo ist Tom?

»Was machst du hier draußen?« Ihr Ton klang kühl; sie wagte es nicht, sich ihre Furcht anmerken zu lassen. »Ich hätte nicht gedacht, dass du dich von den Vergnügungen loseisen würdest. Haben die Bediensteten etwa aufgehört, dich mit Drinks zu versorgen?«

»Ich habe dich gesucht, meine kostbare, geliebte Verlobte«, antwortete er mit leiser, drohender Stimme. »Und jetzt, da ich dich gefunden habe …«

»Was, Jonathan? Was genau hast du …« Sie verstummte und schnappte nach Luft, als er ihr nun das Handgelenk verdrehte, um sie an sich zu ziehen. Sie konnte ihn atmen hören, schnell und erregt. Er stank nach Whisky.

Der brutale Griff wurde fester, berechnend. Ein heißer, stechender Schmerz fuhr ihr bis in die Knochen. Wenn er so weitermachte, würde er ihr das Handgelenk brechen. Er wollte es ihr brechen. Sie spürte seine Augen auf ihrem Gesicht und wusste, dass der Anblick ihres Schmerzes seine Erregung nur steigern, ihre Angst ihn nur noch mehr aufreizen würde. Sie durfte sich nichts anmerken lassen!

»Was ich vorhabe? Das habe ich noch nicht entschieden«, flüsterte er. »Doch was immer es ist … was immer es ist … Ach, Xanthe, ich verspreche dir, es wird dir kein Vergnügen bereiten.«

Teil eins

Eins

Jude, Gegenwart

Meine Mitbewohnerin erwischt mich, als ich mich für die Abendschicht von sechs bis elf bei La Dolce Pizza fertig mache.

Ich muss mir nur noch die Stiefel zubinden und den Mantel anziehen, aber das Lippenschürzen und Von-einem-Fuß-auf-den-anderen-Getrete verraten mir, dass Penny mir etwas zu sagen hat. Obwohl die Worte »Ich muss mit dir reden …« ein unangenehmes Ziehen in meinem Bauch verursachen, falte ich eine saubere Schürze zusammen und stecke sie in meinen Rucksack, dann setze ich mich auf die Lehne des Bettsofas, auf dem ich noch vor einer Stunde gelegen und geschlafen habe, und bemühe mich um einen interessierten Gesichtsausdruck.

»Es gibt gute Neuigkeiten, sehr gute sogar! Gestern Abend hat Duncan mich gefragt, ob ich ihn heiraten möchte. Ist das nicht der Wahnsinn? Ich glaube, alle können sehen, wie verliebt wir sind … Stell dir vor, ich habe Ja gesagt!«

Ich war einmal verliebt, zwei Wochen lang. Das will ich gern sagen, aber natürlich tue ich es nicht; es würde lächerlich klingen. Oder, schlimmer noch, eifersüchtig.

Damals war es nicht lächerlich. Es fühlte sich echt an. Wie die echteste Sache der Welt, das einzig Echte auf dieser Welt, seit ich Ma zum letzten Mal lebend gesehen hatte. Aber natürlich war es das nicht. Ich wünschte mir nur so verzweifelt, es wäre echt. Wie jemand, der sich verzweifelt nach einem Schluck kalter, süßer Limonade sehnt, nachdem er versehentlich Zitrusreiniger getrunken hat.

Es ist allerdings zu spät, Penny zu warnen. Ich hätte etwas sagen sollen, etwas tun sollen, an dem Abend, an dem sie Duncan kennenlernte. Ich hätte mich mehr bemühen sollen in all den Monaten, die seitdem vergangen sind. Und jetzt das. Sie starrt mich an, ihre Augenbrauen wandern aufeinander zu. Trotz liegt in ihrem Blick, ein bisschen Furcht, aber auch Hoffnung, denn genau so ein Typ Mensch ist sie. Besser gesagt, das entspricht dem Leben, das sie bisher geführt hat: die Art Leben, die einen lehrt, daran zu glauben, dass am Ende alles gut wird.

Shit, ich muss irgendwie reagieren, mein Schweigen dauert schon viel zu lange.

»Das ist großartig. Gratuliere.« Ich versuche zu lächeln. Ich weiß, dass ich alles andere als überzeugend klinge. Aber Penny war immer leicht zu täuschen, wie die Tatsache, dass sie jetzt mit Duncan verlobt ist, beweist.

»OMG, jetzt hab ich mir echt Sorgen gemacht, Jude! Dann ist das also okay für dich? Du kommst damit klar? Duncan meinte, es dürfte kein Problem für dich sein, aber du kennst mich – ich flippe ständig wegen nichts aus.«

Mein Bauch kribbelt. Ich hasse die Tatsache, dass Duncan es bereits geschafft hat, sie dazu zu bringen, sein »Wenn Penny ein ungutes Gefühl hat, flippt sie wegen nichts aus«-Mantra nachzuplappern.

»Womit sollte ich nicht klarkommen? Es ist ja nicht so, dass du heiratest und morgen ausziehst, oder?«

Pennys makellose, Insta-würdige Augenbrauen begegnen sich erneut über ihrer Nase. »Himmel, tut mir leid, ich hab Mist gebaut.«

»Was? Du ziehst tatsächlich morgen aus?« Ich versuche, meine Worte wie einen Scherz klingen zu lassen, aber das seltsame Lachen, das ich zustande bringe, entspringt reiner Panik. Das kann sogar Penny erkennen.

»Nein! Nein, natürlich nicht!« Ihre Worte stehen in direktem Kontrast zu der Art und Weise, wie sie die Lippen schürzt. Und tatsächlich fügt sie hinzu: »Aber natürlich wollen wir zusammenziehen – und weil mir die Wohnung eh schon gehört, wäre es doch Geldverschwendung, wenn er weiterhin Miete zahlt. Ich meine, es besteht kein Grund zur Eile! Vielleicht solltest du einfach mal anfangen, dich nach etwas anderem umzusehen.«

Im Gegensatz zu Penny hat mich das Leben gelehrt, dass ich jederzeit mit einem Schlag ins Gesicht rechnen muss. Trotzdem tut es jedes Mal weh. Immer noch.

Die Sache ist: Es ist meine Schuld.

Die Panik brennt wie Säure in meinem Magen, verursacht mir Krämpfe und Übelkeit, während ich überlege, wie ich eine Wohnung finden soll, die a) bezahlbar ist bei der mickrigen Summe, die ich im Monat für Miete aufbringen kann, b) an einem Ort liegt, von dem aus ich zu meinen beiden Jobs pendeln kann und trotzdem noch sechs Stunden Schlaf – oder wenigstens fünf – bekomme, und c) innerhalb des von Duncan angepeilten Zeitrahmens frei ist, oder, um es mit Pennys Worten zu formulieren: »Kein Druck, aber so bald wie möglich, denn sein Mietvertrag läuft im Mai aus.« Wir haben bereits Ende März.

Ich habe keine Ahnung, ob ich das schaffe.

Der Bus kommt so abrupt zum Stehen, dass ich auf dem Sitz nach vorne rutsche. Die Arme um meinen Rucksack geschlungen, stemme ich die Füße mit einer geübten Bewegung auf den Boden und drücke mich nach hinten. Im selben Moment gehen die Türen auf, ein kühler Windstoß weht rein, begleitet von Nieselregen und einer Frau, die genauso niedergedrückt aussieht wie ich. Eingemummelt wie eine Raupe in einen riesigen, tropfnassen Puffermantel, teilt sie dem Busfahrer das Ziel mit, undeutlich nuschelnd, als würde sie lieber überall anderswo hinfahren. Sie geht an mir vorbei, unsere Blicke begegnen sich, und wir wenden uns beide eilig ab.

Ich werde vermutlich zu spät kommen. Ich hätte die Tube nehmen sollen. Der Bus ist langsam, aber billiger als die U-Bahn.

Wasser läuft am Fenster mir gegenüber herab, kräuselt sich und spiegelt verzerrt das Licht der vorbeiziehenden Straßenlaternen und Bushaltestellen wider, während die Wartehäuschen dahinter im Dunkeln liegen. Das Spiegelbild, das mir entgegenblickt, sieht nicht glücklich aus. Die fein gelockten Babyhärchen an meinem Haaransatz umrahmen wie ein Heiligenschein mein seltsam verlängertes Gesicht. Ich sehe aus, als hätte ich den Finger in die Steckdose gesteckt. Als hätte ich vergessen …

»Kokosnussöl zu kaufen«, murmele ich.

Deshalb hatte ich ein paar Pfund extra in der Tasche. Die ich für ein Sandwich ausgegeben habe. Es war nicht mal ein gutes Sandwich, trotzdem dachte ich, es wäre mein Glückstag. Wie dumm von mir. Jetzt werde ich bis zum nächsten Zahltag mit krausen Haaren durch die Gegend laufen müssen. Wundervoll. Fantastisch. Vor lauter Verzweiflung drücke ich für eine Sekunde das Gesicht in den Rucksack, aber nur für eine Sekunde. Das ist eine verletzliche Haltung. Zu verletzlich für einen öffentlichen Ort wie den Bus.

Ich bin bloß so müde. Ich bin die ganze Zeit über müde.

Ich war dabei an dem Abend, als Penny und Duncan sich näherkamen. Penny hatte Geburtstag. Wir feierten eine Party, die komplett außer Kontrolle geriet. Dutzende Leute, die wir nicht einmal kannten, drängten sich in unsere Wohnung. Er war auch darunter. Penny sagte, ihre Augen wären sich in dem überfüllten Raum begegnet: Liebe auf den ersten Blick. Aus meiner Sicht war es eher so, als würde man einer Muräne dabei zusehen, wie sie sich die Lippen leckt, während sie eine schöne, saftige Makrele ins Visier nimmt, die sich zu weit vom Schwarm entfernt hat. Vorausgesetzt, Muränen fressen Makrelen. Ich kenne mich mit Fischen nicht aus. Mit Jungs dagegen kenne ich mich aus – ich habe viele harte Lektionen von meinem Ex gelernt, dem Zitronenreiniger –, und ich wusste, dass Duncan nicht gut für Penny sein würde. Er war zu glatt, zu laut, zu versessen darauf, jedes Gespräch an sich zu reißen und jeden zu übertönen, der sich von seiner offenkundigen Brillanz nicht beeindrucken ließ. Sein Lieblingsbuch ist Atlas wirft die Welt ab.

Penny ist klug, aber sie ist nicht … gewieft. Das war sie nie, auch damals nicht, als wir noch Kinder waren und in demselben heruntergekommenen, aber angenehmen Mietshaus wohnten. Ihre Mum wurde befördert, und ihre Familie zog in ein hübsches, großes Haus in einer sichereren Gegend, was sie noch mehr zum Pollyanna-Typ machte. Sie vertraut den Leuten zu sehr. Sie vertraut dem Leben zu sehr.

Trotzdem unternahm ich nichts an jenem Abend. Und später … Später wies ich sie ein paarmal darauf hin, wie unangenehm Duncan sein kann. Ein-, zweimal dachte ich sogar, ich hätte sie zum Nachdenken gebracht, aber das hielt nie lange an, und beim letzten Mal blaffte sie: »Duncan wusste, dass du das über ihn sagen würdest! Er denkt, du bist eifersüchtig!« Und da … gab ich einfach auf.

Vielleicht hätte ich etwas ändern können, hätte ich es weiterhin versucht. Vielleicht hätte ich ihn ihr madig machen können, hätte ich nur genug Wirbel veranstaltet, um sie zu zwingen, ihn wirklich anzusehen. Aber auch dafür war ich zu müde. Ich bin immer so müde. Ich wollte keine zu Herzen gehenden Diskussionen über Gefühle führen. Ich wollte mich nicht zu sehr damit befassen. Also redete ich mir ein, es ginge mich nichts an. Wäre nicht mein Problem.

Die Sache ist, dass Penny und ich früher einmal Freundinnen waren. Sogar beste Freundinnen, als wir klein waren. Das änderte sich nach ihrem Umzug. Obwohl wir noch immer dieselbe Schule besuchten und nach dem mittleren Abschluss dasselbe College, um anschließend studieren zu können, bewegten wir uns doch in verschiedenen Kreisen. Sie gehörte der glänzenden Gruppe von Mädchen mit Designer-Handtaschen an, die von ihren Anwalt-/Arzt-/Banker-Eltern in glänzenden Autos vorgefahren wurden und glänzende Abschlüsse in Jura oder Wirtschaft hinlegten. Ich war in der auf Künstler machenden Grunge-Gruppe, in der alle stets ein bisschen schmuddelig aussahen, verwaschene, zerrissene Jeans trugen – verwaschen und zerrissen, weil die Jeans tatsächlich alt und nicht vintage waren – und nie an den Aktivitäten außerhalb des Lehrplans teilnahmen, weil sie Teilzeit arbeiten mussten.

Es war reiner Zufall, dass eine Freundin einer gemeinsamen Freundin von meiner Situation erfuhr – ich wurde achtzehn und stand kurz davor, aus meiner Pflegefamilie geworfen zu werden, mit nichts als einem »Überbrückungsgeld«, damit ich nicht auf der Straße landete. Penny hatte gerade die Wohnung ihrer Granny in Haringey geerbt. Es musste viel Arbeit reingesteckt werden, und Penny wollte alles selbst machen, neben ihrem Abschluss am King’s College. Sie brauchte eine Mitbewohnerin, damit etwas Bargeld hereinkam.

Vielleicht hatte sie auch einfach nur Mitleid mit mir. Die »tragische Nachricht«, dass ich das College abbrechen musste, hatte sich anscheinend herumgesprochen. Sie verlangte definitiv nicht so viel Miete von mir, wie sie hätte verlangen können, und ich beschwerte mich nicht über die schimmeligen Fugen und feuchten Flecken im Bad, genauso wenig wie über den giftigen Geruch, der aus der alten Metallspüle in der Küche kam, oder über die sich von den Wänden lösende rosa beflockte Samttapete. Sie hätte das zweite Schlafzimmer für mich ausräumen sollen, aber ich schlafe noch immer auf dem Bettsofa in dem winzigen Wohnzimmer, inzwischen schon seit fast drei Jahren. Sie sorgt stets dafür, dass der Kühlschrank voll ist, aber ich bin diejenige, die meistens für uns beide kocht und den Abwasch erledigt, denn Platz für einen Geschirrspüler gibt es nicht. Ich wäre fast erstickt vor unterdrücktem Lachen, als ich sie das erste Mal dabei beobachtete, wie sie versuchte, etwas mit der Hand abzuwaschen. Sie gab immer wieder entsetzte, angewiderte Geräusche von sich, wenn aufgeweichte Essensreste ihre Hand berührten.

Es ist lange her, dass ich den Eindruck hatte, wir beide würden in derselben Welt leben.

Aber nichts davon ist wirklich wichtig. Ich wusste, was Ma denken würde. Ich kann spüren, wie sie mich voller Enttäuschung und Verwirrung ansieht und fragt: »Du hast nicht einmal versucht, ihr zu helfen? So bist du nicht, Kind. Lass nicht zu, dass die Welt dich grausam macht.«

Wie kommt es, dass ich mich im Kopf immer noch mit ihr streite, fast vier Jahre, nachdem ich ihre Asche verstreut habe?

Das ist meine Haltestelle. Ich drücke auf den Halteknopf, schlittere über das feuchte Linoleum, während der Bus mit quietschenden Bremsen zum Stehen kommt, und stürme so schnell durch die sich öffnenden Türen, dass sie meine Schultern streifen. Kaum bin ich draußen, renne ich den ganzen Weg die Straße hinunter, weiche den Pfützen auf dem unebenen Gehsteig und ein paar Studenten aus, die an der Ecke herumalbern, dann flitze ich in eine Seitenstraße, schlängele mich an den Müllcontainern vorbei und bleibe keuchend und schweißgebadet vor der Hintertür stehen. Ich öffne die Tür, noch bevor ich wieder zu Atem komme, und trete ein. Eine Wolke von angebratenem Knoblauch schlägt mir entgegen. In der Küche ist es brütend heiß, die Lichter sind grell genug, um Netzhautschäden zu verursachen, überall sind Menschen, die in einem komplexen, an Aggressivität grenzenden Tanz mit Pizzateig, roter Soße und Käse herumwirbeln.

»Du bist zu spät«, blafft Callum, während er mich mit einem leeren Tablett in Richtung der Spülbecken scheucht. »Du übernimmst Bereich vier, Tisch acht braucht einen Hochstuhl, und der Chef hat Post für dich in seinem Büro.«

»Post? Hier? Was für Post?« Warum sollte mir jemand Briefe in die Arbeit schicken? Ich erhalte doch eh nur Werbesendungen.

»Keine Ahnung, ist doch egal! Hochstuhl – Tisch vier!«, schreit er und kehrt mit einem Tablett voller Weingläser ins Restaurant zurück.

»Ich dachte, der Hochstuhl soll an Tisch acht … Verdammt.« Er ist bereits weg. Es muss Tisch acht sein. Tisch vier befindet sich in Bereich eins. Ich schäle mich aus meinem Mantel, hänge ihn in den kleinen Raum neben der Tür, stelle den Rucksack ab und nehme meine schwarze Schürze heraus. Block und Stift habe ich – außerdem ein breites, ausdrucksloses Lächeln, das unerlässlich für Trinkgeld ist, vor allem an einem Bad Hair Day. So gewappnet, trete ich durch die Doppeltür ins Restaurant. Ich fühle mich immer noch elend vor Panik und wegen eines unterschwelligen Gefühls von Verrat, Penny oder mich oder uns beide betreffend. Am liebsten würde ich mich in eine ruhige Ecke setzen und weinen. Ich will mit niemandem reden, und ich will nicht lächeln. Leider zählt es nicht, was ich will.

Gut fünf Stunden später schiebe ich gerade die Riemen des Rucksacks auf meine schmerzenden Schultern, als Gary, der Chef, aus dem Durchgang zu seinem Büro nach mir ruft. »Jude? Kannst du mal kommen?«

Ich bin todmüde, meine Haare stinken nach Knoblauch, vorne auf meiner weißen Uniform prangt ein großer Fleck Puttanesca-Soße. Es wird Stunden dauern, bis ich ihn an der Küchenspüle rausgeschrubbt habe. Von schlafen kann da keine Rede sein. Tue ich es nicht, werde ich die Uniform bei meiner nächsten Schicht am Montag nicht tragen können. Außerdem werde ich ab Mai wahrscheinlich obdachlos sein. Mir liegen verschiedene Erwiderungen für Gary auf der Zunge, die mir mit aller Macht über die Lippen sprudeln wollen.

Zum Glück gibt mir Gary keine Gelegenheit, auch nur den Mund aufzumachen, denn ich muss diesen Job unbedingt behalten – neben dem im Supermarkt –, wenn ich im Mai nicht tatsächlich obdachlos sein will.

Jetzt, nach Feierabend, hat Gary die Hemdsärmel aufgekrempelt. Er hebt einen fleischigen, tätowierten Arm und wedelt mit etwas Weißem durch die Luft.

Post. In Garys Büro. Richtig.

»Das hier ist kein Briefkasten, nur damit du Bescheid weißt«, lamentiert er, während ich mich durch den Gang schleppe, vorbei an alten Weinkisten, die noch niemand zum Container gebracht hat. »Warum wird deine private Post hierhergeschickt, hm?«

»Keine Ahnung. Tut mir leid. Danke.« Zum Glück verfüge ich noch über eine ausreichende Hand-Augen-Koordination, um ihm den Umschlag abzunehmen, bevor ich das kleine »Schnapp mich doch«-Spiel über mich ergehen lassen muss, auf das er sich offenbar gefreut hat. Ich will den Brief gerade in meine Tasche stopfen, um so schnell wie möglich von hier zu verschwinden, aber etwas lässt mich innehalten.

Der Umschlag ist nicht weiß – er ist cremefarben. Ein dickes, ungleichmäßiges Papier mit leicht rauer Oberfläche, was bedeutet, dass es handgeschöpft und aus Textilfasern hergestellt ist, aller Wahrscheinlichkeit nach säurefrei. Die Art Papier, die ich im College für Aquarelle und Tuschezeichnungen verwendet habe. Die Art Papier, für die Ma gespart hat, um sie mir zu Weihnachten oder zum Geburtstag schenken zu können. Gutes Papier. Teures Papier.

Die Adresse ist handschriftlich verfasst, in präziser, fließender Schreibschrift, mit indigoblauer Tinte. Der Brief ist für »Juliet« – ein Name, auf den ich schon seit vier Jahren nicht mehr geantwortet habe. Das ist … ist da eine Art Wappen? In der Ecke? Eine rote Strichzeichnung, in der ich ein heraldisches Motiv erkenne: ein Kranz aus Eichenblättern mit einem Schwan und einem Vorhängeschloss am unteren Rand, umrahmt von winzigen gotischen Buchstaben, aber meine Augen sind müde – ich bin müde, und meine getönte Dyslexie-Brille liegt ganz unten in meiner Tasche. Ich kann mir keinen Reim darauf machen.

»Swan, Lockwood & Swan«, liest Gary vor, der sich den Hals verrenkt, um über meine Schulter zu blicken. »Klingt nobel. Stehst du wegen irgendwas vor Gericht?«

Shit. Ein Brief vom Anwalt.

Die Kreditkartengesellschaften – genauer gesagt, die Schuldenmanagement-Firmen, die die Kreditkartenunternehmen wegen Mas Schulden beauftragt haben – forderten ihr Geld aus Mas »Nachlass« zurück. Sie verkauften jedes einzelne Möbelstück aus unserer Mietwohnung, die gerahmten Kunstdrucke, die sie so liebte, die Teppiche, auf denen ich als Kind herumkullerte, ihre großen Topfpflanzen, die sie aus Setzlingen gezogen hatte, ihre Elektrogeräte, ihre Bücher, sogar ihren Schmuck. Als sie fertig damit waren, passte alles aus meinem alten Leben in zwei ramponierte, fleckige Koffer, die sie nicht wollten, und in meinen College-Rucksack. Erst später fand ich heraus, dass ich die Gerichtsvollzieher gar nicht hätte hereinlassen müssen, aber was wusste ich schon mit siebzehn? In das möblierte Zimmer in der Pflegeeinrichtung, in der mich die Behörden unterbrachten, nachdem unser Vermieter die Wohnung räumen ließ, hätte ich ohnehin nichts davon mitnehmen können.

Aber abgesehen von den Kreditkartenabrechnungen hatte Ma nur Studiendarlehen, und die waren ihr erlassen worden. Wer also wollte etwas von mir? Und was?

»Nein. Ich bin nur zu etwas Geld gekommen«, sage ich unbefangen und verziehe das Gesicht zu dem breitesten Lächeln, das ich zustande bringe. »Bis dann!«

Es ist mir ein klitzekleines Vergnügen, zuzusehen, wie Garys Gesichtsausdruck vor Überraschung für einen kurzen Moment entgleist, aber das hält nicht lange an. Ich erlebe gerade die Wiederholung von Panik, gefolgt von der Fortsetzung Panik, Teil zwei: Panikattacke, und bin aus der Tür, bevor er seine Nase noch tiefer in meine Angelegenheiten stecken kann.

Es ist fast Mitternacht. Die Straßenlaterne an der Ecke flackert und wirft in unregelmäßigen Abständen Licht auf den nassen Asphalt, die Pfützen und auf die Metallgitter vor den Laden- und Restaurantfenstern. Die Studentinnen und Studenten sind verschwunden, ersetzt durch den einen oder anderen betrunkenen Typen, der auf unsicheren Beinen an mir vorbeigeht, im Zickzack und vor sich hin summend, sowie Taxis, die langsam in die trendigeren Stadtteile kriechen.

Ich brauche Licht. Ich brauche meine Brille.

Ich jogge zur U-Bahn-Station. Wieder bricht mir der Schweiß aus und überzieht mein Gesicht, meine Waden krampfen vor Erschöpfung. Auf dem Weg hinab zur Tube bleibe ich mit der Stiefelkante an irgendetwas hängen und wäre beinahe mit dem Kopf voran die Stufen hinuntergestürzt. Der Brief gleitet mir aus der Hand und wird in einem Schwall heißer Luft von unten nach oben geweht wie eine Feder. Die Versuchung, ihn davonflattern zu lassen, in der Hoffnung, dass er einfach verschwindet, oder aber ihn in den Matsch der braunen, schlammigen Fußabdrücke auf den Bodenfliesen der Station zu treten, ist riesig.

Aber das tue ich nicht. Ich lasse ihn weder davonflattern, noch trample ich darauf herum, stattdessen schnappe ich ihn mir und schaffe es tatsächlich, unversehrt die Treppe hinunterzukommen. Unten schwenke ich meine Oyster Card vor dem Lesegerät für elektronische Fahrkarten, ohne sie aus der Hülle zu nehmen, und lasse mich schließlich auf eine der grauen Metallbänke an der kalten, geschwungenen Wand fallen.

Normalerweise würde ich mich nicht schwertun, den Brief zu lesen. Ich konnte den ganzen Abend über sehr gut lesen, was auf der Tageskarte, dem Kreditkartengerät und den Quittungen stand. Doch die Kombination von Erschöpfung und Panik verwandelt sämtliche Schriftzüge, sogar die leuchtende Anzeigetafel über mir, in nicht zu entziffernde Schnörkel. Ich krame in meiner Tasche, um die Brille herauszuziehen, und hinterlasse dabei einen verschmierten Daumenabdruck auf einem der Gläser. Dann endlich, endlich, reiße ich den Umschlag auf und überfliege die Seite:

Sehr geehrte Ms Stewart,

hiermit möchten wir Sie über den bedauerlichen Tod Ihrer Großtante Anne Erskine im September vergangenen Jahres informieren. Ms Erskine war in einen Verkehrsunfall verwickelt und verstarb zwei Tage später im Krankenhaus, nachdem es während einer Operation zu Komplikationen gekommen war. Bitte nehmen Sie das aufrichtige Beileid unserer gesamten Kanzlei entgegen.

Wie bitte? Ich habe keine Tante. Ma hatte keine Familie, niemanden. Ihre Mutter hat sie im Stich gelassen, als sie ein Baby war. Sie wuchs in einer Pflegeeinrichtung auf.

Testamentsvollstrecker … Nachlass … Übertragung des Vermächtnisses … Bitte kontaktieren Sie uns so bald wie möglich. Es folgt eine Liste von Dokumenten, die sie benötigen, unter anderem meinen Ausweis.

Es muss sich um Betrug handeln.

Allerdings sehe ich jetzt, dass sie mich bitten, einen Termin in einer Kanzlei an den Lincoln’s Inn Fields zu vereinbaren, einer grünen Oase in Holborn, gesäumt von prachtvollen Stadthäusern. Das Zentrum des englischen Rechtswesens. Lockwood & Swan, steht auf dem Papier, genau wie Gary es vorgelesen hatte. Die Adresse ist viel zu schick, um ein Fake zu sein, oder? Sie müssen mich mit jemandem verwechseln. Mit einer anderen Jude – Juliet Stewart.

Ich schaue auf die Anzeigetafel. Mein Zug kommt in fünf Minuten. Mittlerweile sind weitere Leute eingetroffen, die sich am vorderen und am hinteren Ende des Bahnsteigs drängen. Ich falte den Brief zusammen und stecke ihn zurück in den Umschlag, dann schiebe ich ihn vorsichtig in die Seitentasche meines Rucksacks und stehe von der Bank auf, während ich in Gedanken alles durchforste, was ich über die Geschichte meiner Familie weiß.

In den Unterlagen, die meine Mutter irgendwann in die Hände bekam, ist der Name meiner Großmutter als »Hanna Rugelman« angegeben. Es geht daraus hervor, dass Hanna eine ausländische Studentin war, aber nicht, woher sie stammte. Über meinen Großvater gibt es keine Einträge, ich nehme daher an, dass er ein Erskine gewesen sein könnte. Doch wie konnte die Familie mich ausfindig machen, wenn in den Unterlagen nirgendwo der Name »Erskine« auftaucht?

Als Ma ein Jahr alt war, wurde sie mit der Aussicht auf eine Adoption in eine Pflegefamilie gegeben, doch das Paar beendete das Verfahren vorzeitig und gab sie nach nur sechs Monaten wieder in staatliche Obhut. Die in den Unterlagen angekreuzte Begründung lautete »zerrüttete Ehe und/oder häusliche Probleme«. Das ist eines der wenigen Dinge, über die sich Ma in meiner Gegenwart verbittert zeigte. An das Paar konnte sie sich nicht erinnern, doch sie vergaß nie die Tatsache, dass sie Eltern hätte haben, Teil einer Familie hätte werden sollen – und dass man sie einfach zurückwies, als das Leben schwierig wurde.

»Als würde man einen Welpen zurückgeben, der einmal zu oft auf den Teppich gepinkelt hat«, pflegte sie voller Verachtung zu sagen.

Doch mit den beiden kann das nichts zu tun haben, denn eine Adoption fand nie statt. Es gibt also keine rechtsgültige Bindung.

Anschließend wurde Ma bei verschiedenen Stellen herumgereicht. Als sie sechs war, gab der Staat sie zu einem älteren Ehepaar, Gemma und Dan Stewart. Über einen Zeitraum von dreißig Jahren hatten sie Dutzende Kinder betreut – Ma war das letzte. Kurz nachdem sie das College verließ, starb Dan an einem Herzinfarkt. Damals nahm Ma ihren Namen an. Stewart. Gemma lebte noch, bis ich drei war, und ich habe einige verschwommene Erinnerungen, weichgezeichnet wie bei einem Monet-Kunstdruck, die ich ihr gern zuordne.

Ma hat die beiden allerdings nie als ihre Eltern betrachtet. Gemma und Dan waren gute Menschen, aber sie waren nicht »Mum« und »Dad«. Sie hatten einen leiblichen Sohn, der Jahre älter war als Ma und der alles erbte, was sie besaßen. Ma sagte immer, sie hätten ihr etwas gegeben, was weit wertvoller war als Geld oder Besitz, nämlich Selbstvertrauen.

Ihretwegen ging sie am Ende nach Oxford, um Kunstgeschichte zu studieren, und wurde Leiterin der kleinen gemeinnützigen Organisation, für die sie bis zu ihrem Tod arbeitete. Ihretwegen war sie in der Lage, der großartige, unvergessliche Mensch zu sein, der sie war. Ihretwegen gibt es mich überhaupt – sie begegnete meinem Vater in Oxford.

Mein Vater.

Alles um mich herum verstummt. Die Tube kommt. Der Boden unter meinen Füßen zittert. Heiße Luft wirbelt um mich herum, bläst mir die Haare in die Augen. Der Zug fährt ein und hält am Bahnsteig an, trotzdem ist alles so still, dass ich nichts höre außer meinem eigenen Pulsschlag. Mein Vater.

Ich habe seit Jahren nicht mehr an ihn gedacht.

Stephen Whittaker. Er hat uns verlassen, bevor ich zur Welt kam. Hatte einen tödlichen Unfall bei irgendeiner dämlichen Armeeübung in den Brecon Beacons, als ich fünf war. Bevor ich die Chance hatte, ihn zu fragen, seine Beweggründe für seine Entscheidung zu erfahren und herauszufinden, ob er es wert war, dass ich ihm vergab. Ich erinnere mich – Gott, und wie ich mich erinnere! –, wie der Teller meiner Mutter auf dem Fußboden zersprang, nachdem sie die Schlagzeile in der Zeitung gelesen hatte. Erbsen rollten über die Küchenfliesen. Sie ließ die Scherben und das Essen liegen und blätterte durch die Seiten. Dann weinte sie, weinte und weinte über der körnigen Schwarz-Weiß-Aufnahme des Soldaten, der gestorben war.

Ich habe den Artikel mit dem Foto noch immer. Sie schnitt ihn aus und legte ihn ganz hinten in das älteste Fotoalbum, das sie hatte, das mit den Fotos von ihr und Gemma und mir, als ich ein Baby war. Das Album habe ich schon seit Jahren nicht mehr geöffnet; es liegt unten in einem meiner beiden Koffer, zusammen mit dem eleganten, ledergebundenen Skizzenbuch, das sie mir kurz vor ihrem Tod geschenkt hat. In dem Artikel über den unglückseligen Unfall und den vielversprechenden jungen Offizier stand etwas, irgendetwas, eine Floskel, die meinen Blick verschwimmen und die Härchen auf meiner Haut in die Höhe zucken ließ, als wären sie statisch aufgeladen. Wie war das noch gleich?

»Seine Tante ist die einzige Hinterbliebene.«

Benommen taumele ich in die Tube. Ich muss mich zusammenreißen, damit ich nachdenken kann, doch den ganzen Heimweg über komme ich mir vor wie in einem Traum, fast so, als wäre ich high oder in Trance. Dieser Zustand ändert sich auch dann nicht, als ich die U-Bahn und den Bahnhof verlasse. Es hat wieder angefangen zu nieseln, aber das bringt mich jetzt auch nicht mehr aus der Fassung.

Mein Vater. Seine Tante ist die einzige Hinterbliebene. Unser Beileid zum Tod Ihrer Großtante.

Ich schließe die Wohnungstür auf und trete ein. Das Erste, was ich höre, als ich im dunklen Flur stehe, ist Pennys abgehackte Stimme, die von den frisch verputzten Wänden widerhallt: »Duncan! Duncan! Hör nicht auf!«

Herrgott. Das reißt mich schlagartig aus meiner Trance. So leise ich kann, schließe ich die Tür hinter mir, weil ich aus peinlicher Erfahrung weiß, dass Duncan sie noch härter rannehmen wird, wenn er weiß, dass ich da bin. Penny würde aufhören wollen, außerdem wäre sie ziemlich sicher so verlegen, dass sie mir tagelang nicht ins Gesicht blicken könnte. Und ich wäre nicht in der Lage, mich mit einem von beiden in einem Raum aufzuhalten, ohne dass meine Kopfhaut vor Scham kribbeln würde.

Ich ziehe Stiefel und Mantel aus und schleiche ins Wohnzimmer. Die Lampen anzumachen, traue ich mich nicht. Es fällt genug Licht von der Straße herein, um zu verhindern, dass ich über irgendetwas stolpere, nicht einmal über die Laptop-Tasche, die Duncan mitten auf den Fußboden geworfen hat. Genug Licht, um zu erkennen, dass sie sich heute Abend Essen zum Mitnehmen und zwei Flaschen Wein gegönnt haben – und dass sie das schmutzige Geschirr, im Grunde jeden Teller, jede Gabel und jeden Löffel, den wir besitzen, wahllos im Spülbecken gestapelt haben.

Ich lasse mich auf die Armlehne des Bettsofas sinken. Ich kann es jetzt nicht aufklappen, um mich schlafen zu legen, weil der Lärm meine Anwesenheit verraten wird. Pennys Bettrahmen aus massivem Holz, mit plüschigem, grauem Samt bezogen, prallt rhythmisch gegen die Wand. Schlimmer ist jedoch, dass ich auch Duncan hören kann. Er klingt wie ein Schwein auf Trüffelsuche. Ich würde fast alles für funktionierende Earbuds geben.

Ich ziehe den Umschlag aus der Seitentasche meines Rucksacks, doch ich nehme den Brief nicht heraus. Das ist nicht nötig. Die Worte pulsieren immer noch in meinem Kopf, neongrell. Es ist real. Das ist das echte Leben.

Morgen ist Freitag. Die Filialleiterin des Supermarkts hat mich von acht bis fünfzehn Uhr eingetragen. Ich brauche die Stunden. Ich brauche das Geld. Ich muss die Kaution für eine neue Bleibe zusammenkratzen. Und sobald meine Schicht endet, muss ich jede mit dem Bus erreichbare Vermietungsagentur aufsuchen und versuchen, das Unmögliche zu finden: eine bezahlbare, möglichst möblierte Mietwohnung für eine alleinstehende »ungelernte« Arbeiterin mit zwei Teilzeitjobs, noch dazu ohne Referenzen. Ich muss das tun, was ich tue, seit Ma im Alter von achtunddreißig Jahren wegen eines Hirnaneurysmas ohne Vorwarnung auf der Straße tot umfiel und mich auf dieser Welt zurückließ, ohne einen einzigen Menschen, der sich auch nur ansatzweise für mich interessierte: Ich muss überleben.

Penny und Duncan haben Rotwein auf dem neuen Teppich verschüttet – und auf dem Rand des schäbigen alten Koffers, der ein kleines Stück unter dem Bettsofa hervorschaut. Es ist der Koffer mit den Fotoalben. Ich bin mir sicher, dass ich ihn ganz darunter geschoben hatte.

Ich ziehe mein Handy hervor, das alte Samsung mit dem gesprungenen Display von meiner Mutter. Es dauert nur zwei Sekunden, den Text einzutippen:

Schaffe es nicht zur Schicht morgen, Lebensmittelvergiftung. Sorry, Jude

Ich schicke die Nachricht ab, bevor mir überhaupt klar wird, dass ich eine Entscheidung getroffen habe. Nein, das stimmt nicht: Ich denke, ich wusste, was ich tun würde, als einsickerte, was in diesem Brief stand und was es möglicherweise bedeutete. Ich muss mir Klarheit verschaffen.

Morgen werde ich zu der Kanzlei an den Lincoln’s Inn Fields fahren.

Zwei

Der Sekretärin bei Swan, Lockwood & Swan schien es nichts auszumachen, dass sie mir so kurzfristig einen Termin geben musste, als ich anrief. Ich hatte mir Ausreden wegen meiner Arbeit zurechtgelegt und behauptet, dass heute mein einziger freier Tag war, doch als sie meinen Namen hörte, trug sie mich gern für 9.30 Uhr ein.

Nachdem ich ein paarmal tief durchgeatmet habe, was jedoch nur wenig dazu beiträgt, dass ich mich besser fühle, marschiere ich nun die Stufen zu der schicken Kanzlei an den Lincoln’s Inn Fields hinauf. Die Tür ist offen. Ich betrete einen schmalen Vorraum mit einem geometrischen Fliesenbelag und einer weiteren Tür, weiß gestrichen und mit großen Buntglasfenstern versehen. Ich bleibe stehen, um sie zu betrachten. Sie sind wunderschön. Jahrhundertwende, inspiriert von Burne-Jones. Atemberaubende Blumenbilder oben und an den Seiten, in der Mitte eine Frau mit braunen Haaren in blauen Gewändern, die Wasser aus einem Krug gießt. Wahrscheinlich eine der Tugenden. Barmherzigkeit, Nächstenliebe oder Hoffnung. Genau die Kunst, bei der Ma stets die Augen verdrehte: »Viktorianisch, gefühlsduselig wie die Hölle.«

Aber ich liebe es. Ich habe Kunst wie diese immer geliebt. Ich wollte Kunst wie diese schaffen, vor Mas Tod.

Hinter mir schließt sich die Eingangstür mit einem leisen Klicken, die plötzliche Stille dröhnt in meinen Ohren. Als ich vorsichtig versuche, die zweite Tür zu öffnen, stelle ich fest, dass sie verschlossen ist, aber es gibt eine Klingel.

Eilig knöpfe ich den Mantel auf, nehme die Brille ab und wische den Regen von den Gläsern. Ich widerstehe dem Drang, mir über die Haare zu streichen, denn ich weiß, dass es nur noch schlimmer wird, wenn ich meine Locken berühre. Als die Brille trocken ist, setze ich sie wieder auf und klingele.

Eine muntere Stimme – dieselbe, mit der ich telefoniert habe – schallt durch den kleinen Empfangsbereich.

»Swan, Lockwood & Swan, wie kann ich Ihnen helfen?«

Ich räuspere mich, trotzdem klingt meine Stimme seltsam rau. »Jude … Juliet Stewart, ich habe einen Termin bei Mr Swan wegen …«

Mit einem leisen Knacken springt das Türschloss auf. Ich werfe einen letzten Blick auf das wunderschöne Buntglas, dann trete ich ein. Ein Schwall warmer Luft weht mir entgegen. Augenblicklich beschlägt meine Brille. Direkt vor mir befindet sich der Empfang. Die Empfangsbereiche, an die ich gewöhnt bin, beim Zahnarzt oder bei der Behörde, haben zerschrammte Plastiktrennwände und billige IKEA-Stühle. Hier sieht selbst der Kopierer so aus, als wäre er auf Hochglanz poliert. Eine mittelalte Asiatin in einem eleganten Kostüm sitzt hinter einem antiken Schreibtisch und steht auf, um mich zu begrüßen.

»Guten Morgen, Ms Stewart.« Ihre Augen gleiten flüchtig über mich hinweg. Ich hebe das Kinn und zwinge mich, gerade zu stehen. Mein Rücken bestraft mich mit einem Stechen. »Scheußliches Wetter, nicht wahr? Nehmen Sie doch Platz. Mr Swan wird gleich bei Ihnen sein. Möchten Sie vielleicht etwas trinken?«

Ich könnte einen Mord begehen für einen extra starken schwarzen Tee, aber ich möchte nicht darum bitten. Also schüttle ich nur den Kopf und nehme auf der Kante des Sessels Platz, der am weitesten von der Rezeption entfernt ist. Während die Frau anfängt, auf die Tastatur einzutippen, mache ich ein paar Atemübungen. Durch die Nase einatmen, durch den Mund ausatmen. Durch die Nase einatmen, durch den Mund ausatmen. Penny schwört darauf, aber für mich ist das nichts. Ich rutsche auf dem Sessel herum und ziehe unbeholfen den Mantel aus.

»Darf ich Ihnen den Mantel abnehmen?«, fragt die Rezeptionistin.

Sehen Sie nicht, dass ich gerade eine stumme Panikattacke habe?

»Nein, vielen Dank.« Ich falte den dicken Stoff zusammen und lege ihn über meine Knie, dann versuche ich, mein Hemd glatt zu streichen. Ein hässlicher Splitter in dem schwarzen Nagellack auf meinem Daumen sticht mir ins Auge. Ich krümme die Finger, um ihn zu verbergen.

Die Uhr an der Wand über dem Schreibtisch zeigt 9.26 Uhr. Ich senke den Blick. Jetzt bin ich gerade mal zwei Minuten hier und schon am Limit. Was habe ich mir nur dabei gedacht? Ich gehöre nicht an einen Ort wie diesen. Ich sollte bei der Arbeit sein. Donna wird mich feuern. O Gott.

Ich höre, wie eine Tür aufgeht, gefolgt von dezentem Gemurmel. Als ich den Kopf hebe, sehe ich einen sehr großen älteren Herrn mit Wangenknochen wie Golfbälle unter der tief gebräunten, leicht rötlichen Haut und lockigen, schneeweißen Haaren. Die Rezeptionistin blickt in meine Richtung, und der Eisbär dreht sich zu mir um und streckt mir die Hand entgegen. Ich stehe auf und klemme mir hastig den Mantel unter den Arm.

Seine Handfläche fühlt sich trocken und warm an auf meiner kalten, klammen Haut. »Ms Stewart? Freut mich, Sie kennenzulernen. Ich bin Gerald Swan. Ich hatte viele Jahre lang das Privileg, die Rechtsangelegenheiten Ihrer Großtante zu regeln. Sie war eine bemerkenswerte Frau, ausgesprochen bemerkenswert. Gehen wir doch in mein Büro, dann können wir alles in Ruhe besprechen. Oh, wenn Sie Stephanie nur schnell die Dokumente geben könnten …«

Ich wühle in meiner Tasche, fördere meinen Pass und die Geburtsurkunde zutage und lege beides zögernd auf die grüne Lederunterlage auf dem Schreibtisch. Die Rezeptionistin zieht sie mir förmlich unter den Fingerspitzen weg, während Mr Swan mich eilig in sein Büro führt.

Das Büro hat in etwa die Größe wie die Wohnung, die ich mir mit Ma geteilt habe. Kühles, winterliches Licht flutet durch zwei riesige Schiebefenster in den Raum. Zu meiner Linken befindet sich ein Schreibtisch, der so groß ist, dass vier Personen daran arbeiten könnten. Zu meiner Rechten stehen ein rotes Ledersofa und ein Chesterfield-Sessel vor einem großen Kamin.

»Ich finde, ein Feuer ist bei diesem Wetter unerlässlich«, sagt er.

Ich habe noch nie zuvor ein offenes Feuer gesehen. Es ist laut, knackt und knallt zornig, fast so, als wollte es ausbrechen und auf den Teppich oder den Couchtisch überspringen. Ich nicke und lege meinen Mantel so ordentlich wie möglich über die Sofalehne, dann setze ich mich wieder. Ich komme mir vor wie eine Marionette, deren steife Gliedmaßen von jemand anderem kontrolliert werden. Meine Hände verschränke ich im Schoß, doch die abgestoßenen Stellen an meinen Stiefeln kann ich nicht verstecken, auch nicht, dass ich auf dem glatten Leder nach hinten rutsche. Das Feuer strahlt eine ungeheure Wärme ab. Das und die beängstigenden Geräusche lassen meine Gedanken verschwimmen. Ich gleite wieder in den tranceartigen Zustand von gestern Abend. Nichts hier ist echt, nicht einmal ich.

Er setzt sich mir gegenüber und beugt sich vor. »Sie müssen eine Menge Fragen haben.«

Habe ich. Ich hätte ein paar Stichwortkarten anfertigen sollen, denn in diesem Moment ist das Einzige, was mir einfällt: Kann ich jetzt gehen?

»Richtig. Lassen Sie mich nur … Ich möchte lediglich sichergehen, dass ich es verstehe … diese ganze Situation. Ihre Mandantin war Anne Erskine, und sie war meine Großtante. Allerdings hatte meine Mutter gar keine Tante. Anne Erskine muss also …«

»Die Tante Ihres Vaters gewesen sein, ja. Wenngleich sie, um ehrlich zu sein, eher wie eine Mutter für ihn war. Im Alter von zehn Jahren kam er in ihre Obhut und wuchs bei ihr auf.« Er lächelt mich mit befremdlicher Herzlichkeit an. »Anne Erskines Testament wurde kurz nach Stephens Eintritt in die Armee verfasst. Sie hat ihm alles hinterlassen. Es gibt einen Nachtrag, der besagt, dass ihr Nachlass an seine Kinder geht, sollte Stephen vor ihr versterben. Sie sind Stephens einziges Kind.«

»Meine Mutter und er waren nicht verheiratet.« Ich verlagere das Gewicht auf dem Sessel. Das Leder knarzt.

»Das Familienrechtsreformgesetz von 1987 schaffte die Unterscheidung zwischen den Kindern verheirateter und unverheirateter Eltern ab. Anne wusste das.«

Den letzten Satz spricht er mit besonderem Nachdruck aus. Erwartungsvoll sieht er mich an. Es dauert eine Minute, bis die Andeutung einsickert. Heißt das … »Sie wusste von uns? Von mir?«

»Sie wusste, dass Stephen ein Kind hatte. Ich fürchte, mehr hat er ihr nicht erzählt. Dass er sich weigerte, dies zu tun, hat zu Spannungen zwischen ihm und Anne geführt. Stephen war überzeugt davon, dass Sie und Ihre Mutter ohne ihn besser dran wären. Dass es besser wäre, wenn er Sie beide in Ruhe ließ.« Er zögert, dann zieht er mit der Hand einen eleganten Kreis, eine Geste, die Resignation ausdrückt. »Er war ein Mann mit vielen Problemen. Anne wollte nicht gegen seinen Willen den Versuch unternehmen, mit Ihnen in Kontakt zu treten, obwohl sie nach seinem Tod mehrere Anläufe unternommen hat, Ihre Mutter ausfindig zu machen – leider ohne Erfolg. Sie wollte für Sie als Familienmitglied sorgen.«

Ich wende den Blick von ihm ab und starre blind in den Kamin. »Das war nett von ihr.«

»Sie hielt es für das Mindeste, was sie tun konnte. Wäre es nach ihr gegangen, hätte sie sehr viel mehr getan.«

Ich schaue noch immer ins Feuer.

»Möchten Sie ein Glas Wasser haben?«

Ich schlucke angestrengt. »Nein, danke. Es geht schon.«

»Möchten Sie, dass ich Ihnen einige Einzelheiten zum Erbe erkläre?«

Das Erbe.

Sie hat mir alles hinterlassen, was meinem Vater gehören sollte. Plötzlich verspüre ich Aufregung, die mir wie elektrischer Strom die Wirbelsäule hinabläuft. So etwas habe ich seit Jahren nicht mehr empfunden. Es ist beinahe zu viel.

Er nimmt einen Plastikordner mit cremefarbenen Seiten zur Hand und blättert sie durch, doch als ich ihm endlich wieder ins Gesicht sehe, stelle ich fest, dass er nicht liest – er beobachtet mich. »Ms Erskine hatte nur eine kleine Summe gespart, doch sie hat viele Jahre in einen privaten Rentenfonds eingezahlt. Da sie verstarb, bevor sie die Rente in Anspruch nehmen konnte, hat der Bezugsberechtigte Anspruch darauf, das Rentenkapital als Einmalzahlung zu erhalten, ohne Abzug der Erbschaftssteuer. Das Nachlassverfahren wurde bereits abgeschlossen.«

Ich setze umständlich meine Brille ab und verstaue sie seelenruhig in meiner Hemdtasche. Anschließend schlage ich mir die Hände vors Gesicht. Ich bin mir sicher, dass ich einen absurden Anblick biete. Ich kann, ich darf ihn nicht meinen Gesichtsausdruck sehen lassen, zumal ich selbst nicht weiß, wie sehr meine Züge gerade entgleisen. Ich atme in meine Finger und murmele: »Wie viel ist denn in diesem Rentenfonds?«

»Etwas über hunderttausend Pfund.«

Ein Geräusch wie ein Donnergrollen zerreißt meine Brust, ein Schluchzen, das schmerzt, als es über meine Lippen dringt. Tränen bilden warme Pfützen in meinen Handflächen. Es gelingt mir nicht mal ansatzweise, mich zusammenzureißen. Alles, was ich tun kann, ist, hier zu sitzen und zu weinen.

»Jetzt hole ich Ihnen doch ein Glas Wasser. Einen Augenblick.«

Die Tür klappt. Ich schaue nicht auf. Ich gebe mir alle Mühe, weitere Geräusche zu unterdrücken, das Heulen, das in mir aufsteigt, zurückzuhalten. Ich weiß nicht, ob ich vor Erleichterung oder Kummer, Freude oder Zorn oder allem zusammen heulen möchte.

Hast du das gehört, Ma? Von jetzt an wird es mir gut gehen. Es wird mir ohne dich gut gehen. Himmel, du musst … Bitte, du musst das unbedingt erfahren. Ich will, dass du davon weißt …

Ich wünschte mir, Trauer wäre wie im Fernsehen, in Büchern oder Filmen. Trauer ist dort immer irgendwie außergewöhnlich. Magisch. Transformativ. Doch im wahren Leben ist Trauer einfach nur gleichzusetzen mit Elend. Elend und Einsamkeit, die immer weitergehen und niemals besser werden. Man würde seinen ganzen Verstand in den nächstbesten Mülleimer werfen wollen, um zu spüren, dass der Mensch, den man verloren hat, noch einmal bei einem ist, und sei es auch nur für eine einzige Sekunde.

Jetzt, aus heiterem Himmel, nachdem ich vergessen habe, wie sich Optimismus überhaupt anfühlt, kann ich aufhören. Aufhören, mir Sorgen zu machen, aufhören, mich zu quälen. Neu beginnen. Aber das kann ich nicht mit Ma teilen. Es ist nicht unsere Erleichterung, unsere gute Nachricht. Es wird immer nur meine sein. Es ist das Beste, was mir jemals widerfahren ist, und es fühlt sich so leer an.

Mr Swan ist ganz offensichtlich daran gewöhnt, mit emotionalen Zusammenbrüchen umzugehen. Die Minuten verstreichen, und mir wird klar, dass es auf keinen Fall so lange dauern kann, ein Glas Wasser für mich zu besorgen. Aber sein Timing ist brillant. Als er die Tür wieder öffnet, habe ich mich gerade wieder beruhigt und mir hastig mit einem Taschentuch das Gesicht abgewischt. Gegen meine rote Nase und die roten Augen kann ich nichts tun. Mit einem verlegenen Lächeln nehme ich ihm das Glas aus der Hand und nicke, wobei ich seinem Blick erneut ausweiche. Er setzt sich wieder hin und blättert zügig durch seinen Ordner.

»So, möchten Sie etwas über Annes weiteres Vermächtnis erfahren?«

Annes »weiteres Vermächtnis«? Was kommt denn jetzt noch? »Bitte. Ich meine, ja, bitte, sprechen Sie weiter.«

»Ihre Großtante besaß ein Haus. Es befindet sich in Winterthorne, einer Stadt an der Ostküste, in Yorkshire. Einst war es das Gärtnerhaus auf dem ehemaligen Anwesen der Familie Kearsley. Ein kleines Cottage mit zwei Schlafzimmern. Wir haben eine Frau aus der Gegend, die zuvor als Reinigungskraft für Ms Erskine tätig war, beauftragt, nach dem Rechten zu sehen und bei Bedarf zu lüften. Der Wert des Hauses wurde unlängst auf dreihunderttausend Pfund geschätzt. Allerdings werden Immobilien in dieser Gegend immer beliebter, falls Sie gern verkaufen würden.«

Er spricht langsam, mit auffallend langen Pausen zwischen den einzelnen Sätzen – nur für alle Fälle. Allerdings habe ich ohnehin nicht mehr genügend Emotionen, um erneut zusammenzubrechen. Ich bin überwältigt, aber ich bin ruhig.

»Hat mein Vater je dort gelebt?« Woher kommen diese Worte? Das wollte ich gar nicht fragen.

»Als Kind, ja. Ich glaube, er war auch oft dort, wenn er Urlaub hatte.«

Ich weiß nicht, wie ich mit der Antwort umgehen soll. Was ich empfinden soll. Zuhause. Das ist es, was er sagt. Das Cottage war das Zuhause meiner Großtante, das Zuhause meines Vaters. Sollte mir das etwas bedeuten, auch wenn ich keinen von beiden kannte? Ich kann es nicht sagen.

Die geschätzten dreihunderttausend Pfund sind eine Menge Geld.

»Ist das … Ist das alles?«

»Im Wesentlichen ja. Das Cottage steht auf einem Grundstück von einem knappen halben Hektar. Hinten im Garten befindet sich ein altes Nebengebäude, das Ms Erskine in ein Atelier umgewandelt hat. Es hat Strom und Wasser.«

»Ein Atelier?« Dieses eine Wort lässt mich aufhorchen. Mr Swan betrachtet mich gelassen, während ich meine Gedanken sammle. Erinnerungen steigen in mir auf: der pfeffrige Geruch von Bleistiftspänen, der körnige Staub der Kohle zwischen meinen Fingern, das melodische Klingen eines Pinsels, der den Rand eines Wasserkrugs berührt.

Es gibt Millionen Verwendungsmöglichkeiten für ein Atelier: Fotografie, Töpferei, Ballett. Aber …

»Hat sie gemalt?«

Er nickt. »Sie war Illustratorin und Künstlerin. Eine talentierte Künstlerin. Im Laufe ihrer Karriere hat sie zahlreiche Preise gewonnen.«

Eine Künstlerin. Anne – diese Frau, die ich nie kennengelernt habe, diese Frau, die meine Familie war – war eine Künstlerin. Wie gern würde ich sein wie sie. Ich habe seit Jahren keinen Bleistift oder Pinsel in die Hand genommen, und ich weiß nicht, ob ich das je wieder tun werde.

Ich massiere meine Stirn. »Was muss ich tun? Muss ich jetzt irgendwelche Entscheidungen treffen, oder …«

»Nein, nicht gleich. Wir könnten allerdings sofort mit der Übertragung des Nachlasses auf Ihren Namen beginnen. Vielleicht wäre ein Vorschuss auf die liquiden Mittel hilfreich? Dann haben Sie etwas Zeit zum Nachdenken.«

Endlich eine einfache Frage.

Es gelingt mir, den Weg zurück in die Stadt anzutreten. Meine Beine fühlen sich seltsam an, zu lang und zu knubblig, wie die eines Fohlens – ein Gefühl, wie man es manchmal nach einer richtig üblen Grippe hat. Ich denke, dem Anwalt ist dies nicht entgangen, denn er hat mir angeboten, einen Wagen zu bestellen, der mich nach Hause bringen soll – ein Angebot, das in mir aus irgendeinem Grund den verzweifelten Drang auslöste, einfach loszuprusten und zu lachen, lachen und lachen. Es klang so lächerlich wichtig.

Es regnet noch immer, und es ist noch immer kalt und windig. Alle um mich herum haben die Köpfe eingezogen und machen finstere Gesichter. Ihr Leben läuft wie ein Uhrwerk: Eine Sekunde nach der anderen vertickt, während sie einen Fuß vor den anderen setzen. Meine Uhr ist stehen geblieben. Einfach so. Eine Weile lasse ich mich ziellos treiben, dann lande ich in der Tube, die zum British Museum fährt.

Seit ihrem Tod bin ich nicht mehr dort gewesen. Nachdem ich die Wohnung verloren, das College abgebrochen und man mir mit meinem achtzehnten Geburtstag auch noch den Platz in der Pflegeeinrichtung genommen hatte, blieb mir gerade mal genug Zeit zum Arbeiten und Schlafen, dabei hatte Ma stets gesagt: »Nimm dir immer die Zeit, deine Seele mit Schönheit zu füllen.«

Ich schlängele mich durch die Menge, stelle mich an, um meine Tasche checken zu lassen, und verspüre ein leichtes Flattern der Vorfreude im Magen. Sobald ich das Museum betrete, wird es stärker und erfüllt mich mit einem warmen Gefühl der Vertrautheit. Ich hatte vergessen, wie sehr ich es hier stets geliebt habe – und dass wir genau deshalb immer wieder hergekommen sind, bis es zu einer Art Routine wurde, an guten wie an schlechten Tagen, an Geburtstagen und Einfach-nur-so-Tagen. Ich liebe den riesigen, hallenden Eingangsbereich mit dem absurd teuren Geschenkartikelladen an der einen Seite und der geschwungenen Treppe, die direkt aus einem Märchen stammen könnte, auf der anderen. Um mich herum ertönen Stimmen in mindestens einem halben Dutzend Sprachen. Der Große Hof im Zentrum des Museums aus hellem Portland-Stein mit der weißen Lesesaal-Rotunde und dem hohen, gewölbten Glasdach, das den Blick auf den dunklen Himmel freigibt, steht in starkem Kontrast zu den gesprungenen, antiken Artefakten auf den weißen Sockeln darunter. Dieser Ort war ein Teil von mir, ein Teil unseres Lebens. Ich habe ihn vermisst, und ich habe es nicht einmal bemerkt.

Ich bin darauf gefasst, dass die Erinnerungen schmerzen werden, so wie sie es immer tun. Doch zum ersten Mal seit man mich aus meinem Seminar für Bildende Kunst am College ins Büro des Direktors rief und ich mich zwei Polizisten mit todernster Miene gegenübersah, die auf mich warteten, um mein Leben in Scherben zu legen, fühle ich mich … okay.

Langsam schlendere ich durch die vertrauten Räume. Ich betrachte japanische Netsuke, das gigantische Schwert von Richard Löwenherz, die geriffelten Kanten uralter Steinäxte, den Maskenhelm von Sutton Hoo – sowohl das Original als auch Nachbildungen – und Gipsabdrücke nicht mehr vorhandener Steindenkmäler. Nichts davon ist neu für mich, aber alles kommt mir neu vor. Ich lasse mich weiterhin einfach nur treiben, bis ich bei der ägyptischen Ausstellung ankomme – meine frühere Lieblingsausstellung. Als ich ein Kind war, musste Ma sich alle Mühe geben, mich davon abzuhalten, auf den Rücken der Sphinx zu klettern. Ich dachte, sie wäre ein Pferdchen.

Ich setze mich auf eine der Bänke gegenüber einer lebensgroßen Statue von Bastet. Ich habe mich so lange geweigert, zurückzublicken, aus Angst, nicht weitermachen zu können. Erinnerungen an Ma sind fast wie Träume. An sie zu denken, ist nicht dasselbe wie die gähnende Leere, die ich empfinde, weil ich sie so sehr vermisse, diese permanente, fast fieberhafte Sehnsucht nach Sicherheit und Fürsorge, die mich und jedes andere Kind umtreibt, das vorzeitig seine Eltern verliert. Das sind die Wunden, die ihr Tod hinterlassen hat.

Ich lasse die Erinnerungen auf mich wirken, versuche herauszufinden, welche Spuren ihr Leben in der Welt hinterlassen hat. In mir. Suche nach dem, was bleibt – nach einem Abriss dessen, was und wer sie war.

Ständig hat sie zu mir gesagt: »Stell dich nicht dumm« oder: »Tu nicht so, als wärst du schwer von Begriff.« Nie: »Sei nicht dumm.« Denn Ma hielt es für selbstverständlich, dass ich brillant war. Manchmal war es schwer, dem gerecht zu werden. Wenn ich sie fragte: »Ma, was soll ich in den Salat tun?«, warf sie mir einen langen Blick zu und erwiderte trocken: »Ich weiß es nicht, Juliet – wie wär’s mit ein bisschen Initiative?«

Einmal gab ich Dosensardinen und Hula Hoops – meine Lieblingskartoffelsnacks – hinein. Sie aß den Salat. Alles.

Sie verstand nicht, was Taktgefühl bedeutet, dabei wusste sie, wie man freundlich ist. Sie war einer der freundlichsten Menschen, denen ich je begegnet bin. Doch wenn ich sie fragte, wie mir etwas stand oder wie ihr mein Make-up gefiel, sagte sie genau das, was sie in dem Moment dachte, und war verwirrt, hin- und hergerissen zwischen schlechtem Gewissen und Ungeduld, wenn ich daraufhin in Tränen ausbrach.

»Warum hast du mich gefragt, wenn du keine ehrliche Antwort hören möchtest? Soll ich dich etwa belügen?«

»Ich will, dass du eine ganz normale Mum bist, die mich immer hübsch findet, ganz egal, was ich trage!«, kreischte ich.

Immer wieder fragte ich sie, wie ich in neuen Sachen aussah, und es war immer das Gleiche.

Sie ließ nicht zu, dass ich meine Augenbrauen in Form brachte. Als sie ein Teenie war, hatte sie sich neunzig Prozent ihrer Augenbrauen ausgezupft, und sie waren nie mehr nachgewachsen. Sie nahm die Pinzette aus sämtlichen Maniküre-Sets, die wir besaßen.

»Wenn du älter bist, wirst du mir dankbar sein«, sagte sie. »Du wirst schon sehen, dass ich recht habe!«

Und das hatte sie natürlich. Was damals ausgesprochen nervend war.

Sie hatte die schönsten Haare der Welt, einen dunklen Bronzeton, der im Winter noch dunkler und im Sommer heller wurde. Manchmal flocht sie sie zu einem komplizierten Zopf oder steckte die obere Hälfte auf, während die untere über ihre Schultern herabfiel. Andere Male drehte sie sie zu einem wahrlich beeindruckenden Knoten am Hinterkopf zusammen. Ich beneidete sie so sehr um diesen Knoten, den ich »den Bagel« nannte.

»Oooh, heute muss ein großer Tag sein – der Bagel ist da! Fördermittelgeber aufgepasst! Sachbearbeiterinnen und Sachbearbeiter verneigt euch! Zieht den Kopf ein vor dem Bagel!«

Ich hätte sie niemals gegen eine andere Mutter eintauschen mögen. Nicht mal gegen eine, die mir eine schicke Villa, fünf Welpen und ein Pony hätte kaufen können. Nicht mal gegen eine, die mir Geschwister und Onkel und Cousinen und Großeltern hätte bieten können. Nicht mal gegen eine, die länger als achtunddreißig Jahre auf dieser Welt hätte bleiben können.

Ich weiß, wie ich in ihren Augen sein sollte. Was ich ihrer Meinung nach tun sollte. Sie wollte, dass ich weiterhin das College besuchte und mir meine Noten holte, ganz gleich, was passierte. Dass ich zur Uni ging. Meine Kunst verfolgte. Doch diese Träume zerplatzten nach ihrem Tod. Es war einfach zu schwer, allein zu sein. Ich bin nicht mehr das Mädchen, das sie kannte, und ich habe keine Ahnung, was sie mir jetzt raten würde.

Hier kommt eine weitere Tatsache, Ma betreffend: Sie hat immer versucht, mich dazu zu bringen, meinem Vater zu verzeihen, dass er uns verlassen hat. Nicht um seinetwillen, sondern um meinetwillen. Ich habe ihm nie wirklich vergeben, aber ich habe ihn vergessen, habe vergessen, dass ich wütend auf ihn bin.

Anne Erskine hat meinen Zorn nicht verdient, und sie hat auch nicht verdient, vergessen zu werden. Anne Erskine wollte mir helfen.

Außerdem war sie eine Künstlerin.

Ich stehe wieder auf. Meine Augen folgen den Umrissen der riesigen geflügelten Löwen in der Nähe der Balawat-Tore. Menschen wünschen sich, sie wären zur Hälfte Löwen, dabei sind wir in Wirklichkeit eher wie Schnecken. Wir tragen eine Art Haus auf unserem Rücken, genau wie sie – eine Art Anlagerung von Erfahrungen und Erinnerungen. Den Erfahrungen und Erinnerungen unserer Eltern. Narben von unseren Stürzen, Schadensmuster, die nicht einmal wir selbst richtig verstehen. Wie eine Schnecke stellen wir nie die Tatsache infrage, dass wir uns unter der Last dieses Hauses durchs Leben bewegen. Selbst wenn jede hohle Windung von Trauer widerhallt, selbst wenn die Last der Fehler und Träume, die wir von unseren Eltern geerbt haben, zu schwer zu tragen ist, können wir ihr nicht entkommen. Das Haus ist ein Teil von uns. Wir müssen es bis zu unserem Tod mit uns herumschleppen.

Anne hat mir ihr Schneckenhaus hinterlassen, die Hohlräume und Echos ihres Lebens, damit ich sie finde.

Es ist still hier zwischen den Toren. Ein kleiner Junge um die fünf oder sechs flitzt kichernd an mir vorbei, gefolgt von einer Frau, wahrscheinlich seine Mutter, halb lachend, halb schimpfend in einer Sprache, die ich nicht kenne. Sie fängt ihn ein und schließt ihn in die Arme. Für eine Sekunde begegnen sich unsere Blicke. Sie lächelt mich an, dann trägt sie ihn weg.

Ich habe noch nie zuvor in einem Haus gewohnt. Ich brauche kein Haus irgendwo in Yorkshire, meilenweit von allem entfernt, was ich kenne, in einer Stadt, von der noch nie jemand gehört hat. Ich werde es wohl verkaufen müssen.