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Lukas besucht mit seiner Freundin Svenja sein Heimatdorf, um sie seinen Eltern vorzustellen. Sie verweilen am Grab seines besten Freundes Daniel, der vor kurzem verunglückt ist. Als Lukas seiner Freundin das Dorf vom Kirchturm aus zeigen möchte, werden sie versehentlich eingeschlossen und verbringen die ganze Nacht auf dem Turm. Am Ende offenbart der Turm ihnen ein tragisches Geheimnis und der Kreis zwischen Tod und neuem Leben schließt sich
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Seitenzahl: 25
Veröffentlichungsjahr: 2017
Glocken läuten, Gesang setzt ein, vom nahen Bolzplatz klingt Kindergeschrei. Die Jugendmannschaft hat die Mannschaft des Nachbardorfes zum jährlichen Ferienduell geladen. Die Ferien haben soeben erst begonnen und dunkle Wolken künden Sturm an. Um die Turmpforte pfeift der Wind. Als der schwarze Mann aus dem Dunkel der Kirche heraustritt, weht es ihm den Talar um die Füße. Mit dem ersten Glockenschlag stieben schwarze Vögel aus den Turmluken und die Stockrosen neben der Pforte recken sich nach den letzten Sonnenstrahlen. Die Gottesdienstbesucher verlassen nach und nach die Kirche und werden von den Klängen eines Harmonium hinausbegleitet. Mit einer Hand seinen Talar festhaltend, verabschiedet Pastor Henning Boxhagen jeden Besucher dieses besonderen Gottesdienstes. Es war ein trauriger, ein wehmütiger Abschiedsgottesdienst.
Fast drei Jahrhunderte war dieses kleine Kirchlein auf dem Hügel Mittelpunkt und Wächter des Dorfes. Nach dem großen Glaubenskrieg, in dem feindliche Heere das Land verwüstet hatten, kehrten die vertriebenen und geflohenen Menschen wieder nach und nach in ihre wüste Heimat, das kleine Prignitzdorf, zurück. Als Zeichen der Hoffnung und zum Dank, daß ihnen wenigstens das Leben geblieben war, errichteten sie am höchsten Punkt des Dorfes diese kleine Kirche mit einem trutzigen Turm. Seitdem hat sie die Menschen des Dorfes begleitet, in guten wie in schlechten Zeiten, hat zwei Weltkriege überlebt, Kaiser, Führer und sozialistischen Kirchenstürmern widerstanden. Dieses Kirchlein ist seinen Menschen und die Menschen sind ihm treu geblieben. Nun aber ist das Fachwerk morsch und verwittert und mag die Last nicht mehr tragen. Das Kirchenschiff ist akut einsturzgefährdet. Verzweifelt hat die Gemeinde versucht, ihre Kirche zu retten, aber in der neuen Zeit, in der Gott Geld geheißen wird, gab es keine Hoffnung. Zu klein, zu weit weg der Ort, als daß es Entscheidungsträger gäbe, die das interessierte. Nun würde man sie in den nächsten Wochen abtragen. Den historischen Altar würde man auslagern und restaurieren. Wenigstens der Turm sollte erhalten werden, so hat es der Pastor in seiner Predigt verkündet.
Zum Ende seiner Abschiedsrunde drückt der Pastor einem jungen Mann die Hand, der an der Seite einer auffällig hübschen, etwas drallen Blondine die Kirche verlässt. Ein kurzes Zögern nur, dann erhellt sich sein Blick: „Hallo Lukas, das ist aber schön, dich mal wieder hier zu sehen. Wie lange ist das her, daß ich dich hier konfirmiert habe?“ Lukas drückt fest die Hand des Pastors: „über sechs Jahre, Herr Pastor“ antwortet er. „Darf ich ihnen meine Freundin Svenja vorstellen?“ Aufmerksam mustert der alte Pastor das schüchtern wirkende Mädchen, das ihm zaghaft die Hand reicht. Erinnerungen an längst vergangene Zeiten erwachen wieder und Henning Boxhagen spürt auf einmal, daß er nicht nur Seelenhirte sondern auch ein Mann ist. Ein hübsches Mädel, das sich der Lukas da ausgesucht hat. Verstohlen mustert er die hübsche Blondine. Die langen Haare reichen, zum Pferdeschwanz gebunden, bis fast zum Gürtel hinab. Der eng anliegende Pullover lässt ahnen, welche geballte Kraft darunter steckt und der straffe Po ist in enge Jeans gezwängt. Schnell verfliegen die sündigen Gedanken wieder und er wendet sich seinem ehemaligen Konfirmanden zu: „ wo steckst du denn jetzt, ich habe dich ja ewig nicht gesehen, wie geht es dir?“ Mit ein wenig Stolz in der Stimme kommt die Antwort: „ich bin seit zwei Jahren als IT-Administrator bei einer großen Bank in der Hafenstadt tätig.“
