Das Geschenk der zwölf Monde - Antoinette Beech - E-Book

Das Geschenk der zwölf Monde E-Book

Antoinette Beech

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Beschreibung

Eine herzzerreissende Parabel, in der die Liebe im Vordergrund steht. "Lena" die Schmetterlingsfrau, beschliesst unverhofft, ihren lieb gewonnenen heimischen Garten zu verlassen. Hilflos müssen die Zurückgeblieben zusehen, wie Lena ihre Flügel weit öffnet und abhebt in Richtung Planet des Herzens. Angekommen, trifft sie auf Albert, der ihr eine Magische Welt zeigt. Lena besucht Gärten mit Sonnenblumen, aus denen Liebeslieder ertönen, hübsch Labyrinthe aus Lavendel die geheime Schriftrollen in jedem Blütenblatt erhalten. Auf ihrer Reise trifft sie auf grosse Glockenblumen-Felder, mit denen jeder erhofft, seinen geliebten Falter zu erreichen, um gemeinsam das Fest der Liebe zu feiern. Als Lenas neu gewonnener Diamant auf ihrer Brust seine Leuchtkraft langsam verliert, begibt sie sich gemeinsam mit Albert auf eine dramatische Reise in die Berge und wird vom Sturmwind über die Regenbogenbrücke auf die Dunkle Seite des Planeten gezogen. Wie Lena erwacht, findet sie sich in einem schwebenden Kokon im dunklen Tal wieder und kann sich nicht mehr bewegen. Erwartet von Berta, die sie aus ihrer Gefangenschaft befreit, beginnt für Lena ein Abenteuer der besonderen Art, sie bekommt die Gelegenheit 12 Monde zu besuchen, die alle um den geheimnisvollen Stern des Herzens kreisen. Jeder von ihnen mit einer besonderen Botschaft für Lenas Zukunft. Sie trifft auf Treppen, die nicht enden und ins Unendliche führen, auf Salzseen die aus der Quelle der Träne fliessen und begibt sich auf den schwarzen Mond des Todes. Lena lernt der Mond der Ablenkung mit seinen unbegrenzten Möglichkeiten kennen. Weitere acht Monde wird sie auf ihrer Reise besuchen. Ob sie wohl zu sich selbst finden wird und der Stern der Liebe und Angst jemals verlassen kann?

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 165

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Antoinette Beech

Das Geschenk der zwölf Monde

Im Königreich der Seele…

© 2021 Antoinette Beech

Verlag und Druck:

tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN

 

Paperback:

978-3-347-21413-2

Hardcover:

978-3-347-21414-9

e-Book:

978-3-347-21415-6

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

E.

Im Königreich der Seele soll die Liebe Königin sein.

Franz von Sales

VORWORT

Nun sitze ich hier an meinem geliebten Baldeggersee, meinen Schreiblock in der Hand, um ein Vorwort für meine Geschichte zu schreiben. Bewusst habe ich diesen Ort gewählt. Seit es mich in diese Gegend gezogen hat, verbrachte ich gemeinsam mit meiner Familie viele Sommertage und wunderschöne Momente an diesem für mich magischen Ort. Das leise Plätschern am Ufer ist beruhigend, im Wasser spiegelt sich die Spätfrühlingssonne – ein Funkeln wie von Edelsteinen, die versuchen, an die Oberfläche zu dringen. Der Boden mit dem sorgfältig geschnittenen Rasen, der Wind, der leise in den unzähligen, hohen Weiden sein Lied anstimmt: Sie verkörpern für mich die vier wichtigsten Elemente unseres Planeten. Hier spielt, das Leben im Kleinen sein Spiel, oftmals ganz leise und manchmal auch sehr laut.

Eine sanfte Bise weht über den tiefblauen See, in dem sich der wolkenlose Himmel spiegelt und mit einem satten Blau das klare Seewasser färbt. Genauso, wie unsere Gedanken und unsere Gefühle unserem Leben Farbe verleihen können oder eben unser Lebensgefühl in ein düsteres Grau eintauchen, sobald dunkle Wolken aufziehen.

Mein Blick wandert erneut über das blaue Gewässer, dieses lädt mich jedes Mal zum Träumen ein.

Ich erinnere mich, wie meine drei kleinen Kinder damals hier ihre ersten wackligen Schritte übten, bis sie eines Tages so schnell laufen konnten, dass es mir nur noch mit Mühe und Not möglich war, allen drei gleichzeitig meine ganze Aufmerksamkeit zu schenken. Dazu kam meine Angst vor der Nähe des tiefen See mit seinen Tücken.

Mein Blick wandert weiter zum Spielplatz gleich hinter mir. Das Drehkarussell steht gegenwärtig still, kein einziges lachendesKind sitzt heute darin. Die Badesaison hat erst begonnen, nur wenige Badegäste tummeln sich auf der Wiese. Noch vor einigen Jahren stand das Karussell nicht still, ich war verantwortlich dafür, dass es sich drehte. Meine Sprösslinge forderten mich lachend dazu auf, sie endlos im Kreis zu drehen. Immer schneller und schneller sollte es sein und mir wurde schwindlig; schlussendlich lag ich am Boden und meine Kinder riefen mir zu: «Mami weiter, weiter», und ihr Gelächter spornte mich an, mein Letztes zu geben. Erneut und unaufhörlich rannte ich im Kreis, weil das Drehen sie glücklich machte, weil sie einen kurzen Augenblick dachten, sie könnten fliegen.

So ging es mir im ganzen Leben: Ich war verantwortlich, dass alles rund lief – und vor allem dafür, dass alle glücklich waren. Ein hochgestecktes Ziel, das ich mir in erster Linie selbst eingebrockt hatte. Es war mir damals nicht bewusst, dass nicht ich für alles und jedes verantwortlich bin.

Ich denke mich an gemeinsame Grillabende an schönen Sommertagen mit Freunden, damals, als noch die ganze Familie vereint war. Viele Erinnerung verbindet mich mit diesem für mich prächtigem Ort.

Ach ja, kommen wir zurück zu meiner Erzählung.

Es sollte meine eigene Geschichte werden, in einer Form geschrieben, die meinen Kindern einmal erklären soll, was genau in dieser Zeit mit ihrer Mami passiert ist, was in dessen Inneren geschehen ist. Weshalb ihre Mami manchmal einfach in einer anderen Welt fast verschwunden zu sein schien. Also ein Kinderbuch. Aus diesem Kinderbuch wurde auf wundersame Weise ein etwas anderes Werk, nämlich einfach meine Geschichte. Ich konnte meine Worte nicht mehr zurückhalten und es schrieb mit mir. Ich hatte keinen Plan, keinen roten Faden – einfach gar nichts. Es wurde aus einem kurzen Kapitel dann einfach ein grösseres und aus einem Kapitel wurden in kurzer Zeit mehrere.

Ich wollte einfach nur schreiben, mitteilen, was mich dazu bewegte, diesen lebensverändernden Schritt zu tun. Dabei verstand ich mich ja selbst kaum, und dann war ich mittendrin, und wieder veränderte sich unglaublich viel. Vielleicht wollte ich nur kapieren,was mit mir passierte. Ich wusste, dass ich nur durch das Niederschreiben aller meiner in der Kehle angestauten Worte und Gefühle, die ausgesprochen werden möchten, die Möglichkeit bekomme, einen Ausdruck zu finden und auch loszulassen.

Oft dachte ich, das Leben geht nicht mehr weiter, aber es ging weiter. Die Angst, nicht geliebt zu werden, hinderte mich daran, wahrhaftig zu leben und am Ende mich selbst zu sein.

In der manchmal aufkommenden Wut gab es Trauer, es gab Momente, in denen ich mir wünschte, nicht mehr hier auf dieser Erde zu sein, weil die Trauer über alles Verlorene, vor allem meine Familie, so gross war. Der wolkenverhangene dunkle Himmel drohte über mir einzustürzen, die Erinnerungen taten weh, tief drinnen in meiner Seele. Aber die Hoffnung und der Glauben an mich selbst, die Kraft auszuhalten, meine Kinder und meine Familie, mein Ehemann und Vater meiner Kinder, viele treue Freunde, ein liebenswerter guter Freund, der immer zu mir hielt, machten es am Ende möglich. Sie alle spendeten Trost und brachten mir Verständnis entgegen, in manch schwierigen Stunden, in denen ich mich selbst nicht mehr lieben und verstehen konnte.

Und so flog Lena in mein Buch und in mein Leben. Durch sie sah ich mich und mein Handeln in einer anderen Welt. Lena durchbrach alle ihre selbst errichteten Grenzen und flog in den Himmel, landete auf einem Planeten, der sie eine magische Welt erlebten lässt, auf einer Reise, die zu jenem Stern führt, von dem ich in meiner Geschichte erzähle. Die 12 Monde können erlebt werden, denn sie kreisen alle um den wichtigsten Punkt in jedem Leben. Wer genau dieser Stern ist, werdet Ihr auf wundersame Art erleben.

Was damals war, ist heute nicht mehr. Aber ist es deswegen weniger schön? Was morgen ist, wissen wir nicht.

Gib dem Leben Farbe, und das Jetzt und das Morgen werden in den Farben des Regenbogens leuchten.

LENAS GARTEN

Schmetterlingsfrau Lena lebt in einem wunderschönen Stück Natur, nicht weit von der Stadt in einem kleinen Dorf.

Ihr Gärtchen ist hübsch zurechtgemacht, mit vielen kleinen Details verziert. Lena pflegt Tag für Tag ihr Blumenmeer, sammelt zum täglichen Wohl frischen Nektar für die ganze Familie. Immerwährend versorgt und umsorgt sie ihre drei Schmetterlingskinder mit Humor und Liebe, und sie lernt sie unentwegt, was gute Manieren sind. Oft tanzt Lena auch mit ihnen von Blume zu Blume um die Wette. Manchmal schwebt sie wie der Wind mit wilden Bienen um die verwitterten Holzlatten, die ihren Heimatgarten von der Nachbarschaft abgrenzen. Herrlich duftet es nach Heu und frisch geschnittenem Gras, in der Ferne hört man das Summen Tausender Insekten. Unerwartet ist das Brummen einer vorwitzigen Hummel hörbar, ein Geräusch, das die unterschiedlichen Laute durchbricht. Die Hummel fliegt vorwitzig am Zaun vorbei und versucht neugierig, darüber zu spähen, um später mit dem Nachbarn den neusten Klatsch auszutauschen. Jeder kennt jeden hier im Garten, in dem auch Lena ihre wunderbaren Kinder grosszieht.

Zu seinen Bewohnern gehören viele verschiedene Insekten, von der Familie der Spinnen, die ihre Netze imposant und einladend an den Hausecken aufspannen, bis zur Ameisenkolonie, die fleissig alles Denkbare für ihren Wintervorrat sammelt und unaufhörlich Gartenplatten untergräbt, um weitere kleine Puppenkinder aufzuziehen.

Vereinzelt gibt es stille Momente, in denen sich Lena auf die schönste aller Blume niederlässt, um einfach allein der Stille zuzuhören. Aber ganz leise ist es nie. Lena lauscht in diesen «Stilldicheinmomenten» dem Rauschen der Blätter der grossen Buche und dem Summen der anderen kleinen Flügeltierchen, die allesamt den herrlichen kleinen Garten mit Lenas Familie bewohnen.

Im Frühjahr singen die Amseln ihre schönsten Lieder, der Duft der ersten Blütenrispen liegt zart in der Luft, es riecht verführerisch nach Primeln, T ulpen und Narzissen. Sobald der Sommer ins Land zieht, quaken die Frösche im kleinen Teich, Heuschrecken erfreuen alle Bewohner mit ihrem und Auf-und-Ab-Ballett, Lenas Kinder versuchen geschickt, es ihnen gleichzutun. Sobald der bunte Herbst ins Land vorrückt, hört man wundersam den Wind durch die Gräser pfeifen. Der Duft hat sich verändert, die Luft ist kälter und klarer geworden. Es riecht nach frischem Obst und es regnet bereits öfter, der Winter meldet sich an. Nahezu alle im Vorgarten sind bemüht, für sich selbst und ihre Familien eine sichere Unterkunft für die kalte Jahreszeit zu suchen. Täglich nimmt Lena ihre drei kleinen Lieblinge in ihre Flügel, erzählt ihnen die schönsten Geschichten. Zeitweilig sind die Erzählungen frei erfunden, mitunter sind es Erinnerungen an ihre eigene Jugend, die sie im Garten der Mutter verbrachte. Aber immer sind es wertvolle Episoden, die ihre Kinder zu freiem Handeln, Lieben und Leben anregen sollen. Lena ist bedacht, ihren drei kleinen Schmetterlingen beizubringen, wie man miteinander in Harmonie, Freude und Gutmütigkeit lebt. Sie erzählt ihnen vom lieben Gott im Himmel, sie berichtet von der grossen weiten Welt und von der Unendlichkeit des Universums. Sie erzählt von Himmelskörpern, die aufeinander abgestimmt sind, einander magnetisch anziehen und umkreisen.

« Wenn nur einer wegfallen würde», sagt Lena mit grosser Ehrfurcht zu ihren Kindern, «dann würde das ganze Sternenmeer zusammenkrachen.»

Mahnend hält Lena ihren zarten Finger vor die Nase der Kinder und fängt an, ihren kleinen Wundernasen zu erzählen:

«Wie es im Grossen ist, genauso ist es im Kleinen! Denkt immer daran, euer ganzes Leben lang! Wenn euch jemandem etwas Böses wünscht oder wenn ihr den Spatz Friedrich am Himmel fürchtet, weil er beabsichtigt euch anzugreifen, ist es eure Aufgabe, euch selbst zu schützen, um mit dem Leben davon zu kommen.»

Hebt euch beharrlich und mutig in den Himmel und reitet mit der Brise, sie erzählt euch von der Kraft des Elementes Luft, aber gebt acht vor dem Sturm, er trägt euch in eine andere Welt. Die Luft ist das Symbol für die Flüchtigkeit, sie bringt Leichtigkeit, sie ist das Sinnbild der Fantasie und des Denkens. Ein Luftzug bringt Freiheit und verkörpert Unabhängigkeit im Sein und Werden des Lebens. Ein Windhauch bringt Geschichten zu uns und Wörter reiten mit dem Wind weiter in die weite Welt. Jeder Hauch sei, er noch so gering, bringt die unterschiedlichsten Gerüche und den überlebenswichtigen Sauerstoff zu uns.» Lena wedelt mit ihren Händen und schnüffelt hörbar, mit der Nase in den Himmel gereckt, um zu verdeutlichen, wie sich Luft anfühlt.

«Setzt euch öfters mal auf den nackten Erdboden, so fühlt ihr das Beben des Elementes Erde, aber hebt zeitig eure Flügel, es wimmelt dort von gierigen Fressfeinden. Die Erde symbolisiert die Fruchtbarkeit. Sie steht auch für Stabilität und ist das Sinnbild für Beständigkeit und Fülle, für Nahrung und Stärke. Aus ihr und mit ihr entstehen bunte Blumen, ihre Gabe und ihr Geschenk an uns ist der Nektar, der uns wiederum mit Nahrung versorgt.» Wiederum will Lena verdeutlichen, wie sich die Erde anfühlt. Sie gräbt mit ihren Fingern in den Krümeln des warmen Bodens und lässt die Schöpfung zwischen den Fingerspitzen durchrieseln.

«Setzt euch auf eine Blume und ihr werdet die Wärme der Sonne auf euren Flügeln spüren, das Element des Feuers. Aber verbrennteuch nicht die Flügel. Das Feuer ist das Symbol für das Herz. Es bringt Leidenschaft und lodernde Gefühle, aber auch Veränderungen. Es verschafft uns Wärme und Licht, schenkt allen auf der Erde Aktivität und Energie.» Bedächtig drückt Lena ihre Hände auf ihre Brust, hört ihren Herzschlag pochen und lächelt ihre drei Kinder voller Liebe an, um sie aufzufordern, dasselbe zu tun.

«Vernehmt ihr es schon, das Feuer in euch? Lasst es nie erlöschen», rät Lena ihren Abkömmlingen mit einem Lächeln auf den Lippen.

«Setzt euch auf einen Grashalm und labet am Tau, es ist das Element Wasser. Das kühle Nass erhält alles und jedes am Leben. Aber achtet auf den Regen, denn er kann euch in den reissenden Fluss schwemmen. Wasser symbolisiert die Bewegung, fordert uns auf zu wachsen und zu tun. Es ist die Quelle der Weisheit, der Fluss des Lebens, es formt unser Leben, so wie es imstande ist, ganze Welten aufs Neue zu erschaffen. Ebenso erfüllt uns Tau mit Weichheit und Sanftmut.»

Viele Weisheiten sammeln die Schmetterlingskinder im Laufe der Zeit in ihrem noch zarten Leben. Auch gibt es diesen einen Moment, da sitzt Lena traurig am Rande ihrer kleinen, glücklichen Welt. Sie träumt sich über die Umzäunung hinweg in eine andere Wirklichkeit. In ihrer Fantasie hat sie für niemanden zu sorgen, fliegt mit dem Wind in die unendliche Freiheit. Der klatschende Regen verfehlt sie wie durch ein Wunder, die Sonne bleicht weder ihr Samtkleid noch verbrennt die heisse Glut ihre zarten Flügel. Alle Miesefresser am Boden sind wie gelähmt von ihrem Lebenstanz ohne Zaun und ohne Pflichten. Sie träumt von einem besonderen Schmetterling, der sie in den Arm nimmt und sie nur wegen ihres fröhlichen Herzens und ihres bezaubernden Farbenkleids liebt. Eine Seele mit starken Flügeln und weichem Herz, jemand der die Schöpfung durch ihre Augen sehen könnte. Ein Flügelmann, der mal nicht nörgelt, wenn der Honigtopf nicht verschlossen ist. Einfach jemand, der ihr zuhört und manchmal ein wenig verrückt ist, genauso wie sie es ist oder sein möchte. Schnell dreht sie sich um, falls sich der Regenbogen in zu intensiver Farbe zeigt, betrachtet ihr eigenes kleines Universum. Sie weiss genau, dass das Paradies zusammenbrechen wird, wenn jemand nicht mehr an seinem Platz kreist. Dass der Sturm sie nicht mehr zurücktragen würde, das lodernde Feuer die Farben ihres Samtkleides zur Unkenntlichkeit verbrennen könnte, der Fluss sie in die Tiefe des Meeres mitreissen würde, dorthin, wo die schlimmsten Fressfeinde auf sie lauern. Lena ist sich bewusst, dass träumen erlaubt ist, aber jeder Schritt darüber hinaus ein Flügelschlag zu viel sein würde. Abrupt löst sie sich von den träumerischen Gedanken, wischt sich eine Träne aus ihrem Gesicht und fliegt geradewegs zu ihren Babys, nimmt sie in den Arm und erzählt erneut eine frohe Geschichte aus dem Leben der Harmonie, die das Ganze im Vollkommenen zusammenhält.

Gelegentlich kommen Freunde zu Besuch, sie sitzen jeweils gemütlich auf einer Rose und geniessen die grandiose Weitsicht über die Gärten. Freunde erzählen Lena ihre Geschichten oder erzählen von Freunden und deren Bekannten. Es wird gelacht und getratscht und mit einem Schuss Honigwein auf die Freundschaft angestossen. Lena freute sich jeweils über ihre eigene heile Welt, die sie vorzugsweise in eine rosa Farbe zu tauchen versucht. Nicht immer gelingt ihr das, aber meistens ist doch alles so, wie es sein soll. Die Blumen duften, der Honigtopf ist gefüllt und die Kinder sind glücklich und gesund.

Bis auf jenen Abend, der ihr Leben verändern soll. Begeistert folgt Lena einer Einladung in Nachbars Garten, dort soll ein jährliches, märchenhaftes Fest stattfinden. In jenem Garten ist Lena aufgewachsen, und sie kennt viele Schmetterlinge in dieser Gegend. Sie freut sich sehr, einige altbekannte Gesichter wiederzusehen, zumal sie viele von ihnen schon lange nicht mehr gesehen hat. Sie ist aufgeregt, denn sie war schon lange nicht mehr auf einem grossen Fest.

»Wieso nicht, ist ja nicht das erste Mal», sagt sie zur Beruhigung zu sich selbst.

Wieder einmal die Flügelchen polieren und einfach losfliegen, mitten hinein in die Nacht der Nachtfalter. Lena streifte sich an diesem Abend ein rotes Samtkleid über und verziert ihre Haarpracht mit einem kleinen roten Hut; neckisch wippen ihre Fühler durch den Hutrand. Sie sieht hübsch aus, wie im Märchen. Ihre Freundin Silke verkleidet sich als schwarzer Samtvogel mit Glitzersternchen und Gemeinsam fliegen sie in eine andere Welt. Der schöne Nachtvogel Papillon tanzt seinen Tanz atemlos und Lena feiert fröhlich mit, bis ihr schwindlig wird. Zu schnell geht die Nacht zu Ende und der Tag bringt die nüchterne Erkenntnis, dass der Tanz des Lebens innert Stunden die eigene Welt verändern könnte. Wenn man sich trauen würde, wenn man es zulassen wollte.

Viele Weisheiten versucht Lena zu beschwören, doch ihr geliebter Garten hat von jenem Augenblick an eine andere Farbe. Oft weiss man nicht, was man hat, bis man es verliert, aber es ist auch so, dass man nicht weiss, was man vermisst, bis man es kennengelernt hat. Lenas Herz schmerzt, tanzt, jubelt und weint. Es hat vergessen, wie sich Liebe anfühlt, und sie fühlt sich wahnsinnig an. Das Feuer lodert wie noch nie in Lenas Herz. Lena beschliesst, eine Reise anzutreten, die Reise zum Planeten des Herzens. Lena ist sich bewusst, sie weiss genau, dass sie mit ihrem Vorhaben ein grosses Risiko eingeht, dass sie alles zerstören wird, was ihr lieb und teuer ist. Trotz dieses Wissens breitet sie ihre Flügel aus, setzt sich auf die schönste Rose ihres Zaubergartens, ganz nah am Zaun, und fliegt los. Kein Blick zurück, kein Abschiedsgruss, keine Erklärungen. Alle Bedenken hat sie weit von sich gestossen. Vor ihr nur ein Ziel: der Stern der Herzen, schimmernd im hellen, rosarot glänzenden Licht.

Traurig sehen die Zurückgebliebenen ihr nach. Keine Bitten, kein Ratschlag, keine Tränen, nicht einmal alle Weisheiten der ganzen grossen Welt und auch nicht das Leidklagen der Kinder können Lena davon überzeugen, im heimischen Garten zu bleiben.

DIE ROSAROTE WELT

Lena trifft auf eine völlig neue Welt. Die Blumen alle herzförmig, Wolken in dunklem Pink, der Himmel in ein zartes Altrosa getaucht. Alles ist schöner, heller, mit Gold und Silber verzierte Häuser, die ausnahmslos aus Edelsteinen erbaut wurden. Überall wird der Tanz der Liebe getanzt. Das Glücksgefühl aller Bewohner ist allgegenwärtig und überall spürbar.

Ein paar Bewohner kommen zu Lena und begrüssen sie freudestrahlend. Viele von ihnen sitzen am Feuer, lauschen dem leise loderndem Flammentanz, dem Knistern der Holzstücke, die zu Asche verglühen, und schauen dabei verträumt zu den Sternen, obwohl es taghell ist. Wieder andere spazieren über die rosa Felder mit ihren zartrosa Blüten. Einige sind alleine, doch sie strahlen die gleiche Freude aus wie diejenigen, die zu zweit eng umschlungen die Liebestafeln mit ihren Sprüchen lesen und vor Freude zu zerspringen glauben, während ihre Herzen in ihren Leibern wie funkelnde Diamanten leuchten.

«Alle mit dem funkelnden Diamanten in der Brust hat es voll erwischt!», flüstert Lena eine hübsche Falterfrau namens Liselotte ins Ohr.

«Siehst du den Schmetterling da, der mit dem blauen Punkt auf dem Rücken?», erzählt Liselotte weiter. «Er heisst Albert, sein Diamant leuchtet seit 10 Jahren immer gleich stark. Er ist glücklich hier, er wartet seit jener Zeit auf seine Herzdame. Man munkelt hier auf dem Planeten, sie sei auf der anderen Seite verschollen. Aber er will es nicht wahrhaben und mit seiner Liebe im Herzen lebt er glücklich hier bei uns. Manchmal sieht man ihn tagelang nicht, niemand weiss, wo er sich in dieser Zeit aufhält, er hütet sein eigenes Geheimnis wie sein Leben und seine Liebe. Wenn du aber Fragen hast, wende dich an ihn, Lena. Er weiss Bescheid über alle Mysterien in dieser für dich neuen Welt.»

Liselotte blickt Lena ins Gesicht und fragt:

«Warst du schon einmal hier auf dem Stern der Liebe oder ist es das erste Mal für dich?»

«Ich glaube, ich kenne diese Welt, habe aber vergessen, wie sie sich anfühlt. Es ist schon Jahre her», antwortet Lena freudestrahlend.

«Ich habe viele kommen und ebenso viele wieder wegfliegen sehen. Die einen fliegen gemeinsam zurück zur Erde und errichten sich ihren eigenen Garten. Es ist herzzerreissend, aber einige finden hier ihre Herzpartner nicht. Selig seien sie, diejenigen, die schweigend auf die andere, dunkle Seite fliegen, aber oh weh, dieses Schicksal wünscht man keinem.»

Liselotte bekreuzigt sich und bittet den Herrn im Himmel um Gnade und Geleit.

«Muss schlimm sein, dort zu leben!», fügt sie eilig hinzu.

Lena beobachtet Liselotte mit unglaublichem Wissensdurst und hört gespannt zu, was sie ihr noch alles zu berichten weiss.

«Schau Lena, da ist Sansina. Sie wünscht sich auch, ihr Herzmann wäre hier, er ist aber bis zu dieser Stunde noch nicht eingetroffen. Der Herz-Diamant in ihrer Brust leuchtet bereits weniger und man