Das Geschenk des Lebens - Sarah Leipciger - E-Book

Das Geschenk des Lebens E-Book

Sarah Leipciger

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Beschreibung

Paris, 1899: Die Leiche einer jungen Frau wird aus der Seine gezogen. Ihr Gesichtsausdruck ist so rätselhaft und friedlich, dass man eine Totenmaske anfertigt, deren Lächeln bald die ganze Stadt kennt. Sarah Leipciger gibt dieser wahren Geschichte neues Leben und lässt die Unbekannte erzählen: von ihrer Kindheit in der Provinz, ihrer ersten eigenen Arbeit in der Großstadt und von einer enttäuschten Liebe. Die Spuren der jungen Frau reichen bis nach Norwegen in das Jahr 1959, wo ein Vater seinen kleinen Sohn an einen reißenden Fluss verliert und Jahre später jene Puppe entwickelt, an der man heute die Mund-zu-Mund-Beatmung lernt. Die Spur führt auch nach Kanada in die Gegenwart, wo Anouk nach einer Lungentransplantation den ersten freien Atemzug nimmt. Dieses Buch ist eine großartige Feier des Lebens!

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Seitenzahl: 438

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Sarah Leipciger

Das Geschenk des Lebens

Roman

Aus dem Englischen von Andrea O’Brien

Für Eve, für Ali und für Kieran

So ist das mit uns Frauen vom Fluss, unsere Strömungen sind endlos

 

Terese Marie Mailhot, Heart Berries

Prolog

L’Inconnue (Die Unbekannte)

Paris, 1899

So bin ich ertrunken. Ich stand unter dem steinernen Gewölbe des Pont Alexandre III, am linken Ufer der glänzend dahinfließenden Seine. Mondsilbern, kalt. Ich zog Mantel und Stiefel aus, faltete den Mantel sorgfältig zusammen und legte ihn über meine Stiefel, die ich zuvor ordentlich nebeneinander hingestellt hatte, mit den Spitzen zum Wasser. Still verharrte ich dort eine Weile, betrachtete die Wasseroberfläche, wo sich kleine Kuppen aufwarfen und zusammenfielen, wieder und immer wieder.

Ich trat näher an den Fluss, wollte in seinen Schlund spähen. Doch im schimmernden Mondlicht blieb seine Oberfläche undurchdringlich. Nicht zum ersten Mal betrat ich die Brücke von der Unterseite aus und tastete mich Schritt für Schritt vor, hangelte mich von Träger zu Träger bis zur Mitte, wo das Wasser tiefer war. Da war der Geruch von Rost und kaltem Stahl, da war der Geruch des Flusses, und da, in diesem Moment, war die Möglichkeit greifbar, dass die Dinge einen anderen Lauf nehmen könnten. Wollte die Welt mir nicht vielleicht ein kleines Zeichen schicken, dass ich lieber bleiben sollte: das heisere Krächzen einer Krähe. Eine Sternschnuppe, ein pfeifender Bootsmann, ein plötzlicher Windstoß? Doch nichts geschah. Sodann. Ich beugte mich vor, holte ein letztes Mal Luft und ließ mich fallen. Wie ein zahnloses Maul schloss sich das schwarze Wasser über mir.

Die Kälte ließ mich zusammenschrecken, wie auch das enorme Gewicht meiner Kleider. Ich blickte dem Vergessen ins Auge. Aber mein vermeintlich letzter Atemzug war noch nicht getan. Sekundenlang glitt ich sanft wie Musik dahin, doch dann strampelten meine Beine auf einmal drauflos, mein Körper wollte nicht ertrinken. Nicht, dass mich plötzlich eine neue Lebenslust erfasst hätte. Es ging vielmehr um Atemluft. Sauerstoff. Meine Lunge und jeder einzelne Muskel krampften sich vor Schmerz zusammen. Ich strampelte, bis mein Kopf die Oberfläche durchstieß, und in diesem Moment sah ich die Brücke von mir weggleiten. Hastig schnappte ich nach süßer Luft, wurde wieder nach unten gezogen und fuchtelte mit den Armen, suchte Halt, während ich weiter den Fluss hinabtrieb. Meine erlahmenden Glieder wurden zu Felsbrocken.

Irgendwann gab mein Körper den Kampf auf, ich sank, und meine Kehle füllte sich ohne mein Zutun mit Wasser. Wasser und Flussschlamm strömten über die Luftröhre in die Lunge. Etwas platzte in meinem Ohr. Ich erbrach mich in einem heftigen Strahl, doch im Nu füllten Wasser, Schlamm und Laub das Vakuum. Schließlich kribbelten mir die Fingerspitzen. Weit weg, angenehm. Ich schlug die Augen auf (möglicherweise waren sie schon die ganze Zeit geöffnet), da schwebte etwas Blasses, Totes vor meinem Gesicht. Meine Hand. Dichter Nebel umgab mich, wie Dampf aus einem heißen Bad, der einen Spiegel verschleiert, und mir war, als hätte man mich in einem gläsernen Gefäß dem Universum übergeben. Als mein Herz die letzten Schläge tat, packte mich ein Haken am Rockbund und katapultierte mich auf das harte Deck eines Getreidekahns. Dort starb ich.

1

L’Inconnue

Vor Paris

Vor meinem Tod hatte ich anderthalb Jahre in Paris gelebt, als Gesellschafterin bei Madame Cornélie Debord, einer alten Freundin meiner Großmutter. Der Brief, in dem mich Madame Debord aufforderte, bei ihr in Paris zu leben, erreichte mich zu einer Zeit, als das Leben in meiner Heimat Clermont-Ferrand zunehmend einförmig geworden war und ich mich verloren und einsam fühlte.

Meine Geburt brachte meine Mutter ins Grab. Damals, um 1880, schockierte so etwas in Clermont-Ferrand niemanden. Entsetzlich fand man den Tod einer Gebärenden im Kindsbett allerdings dennoch. Er ging mit Blut, Schweiß und Erschöpfung einher und trat entweder während der Wehen ein oder einige Tage später, infolge unstillbarer Blutungen oder Infektionen. Auf ihrem Sterbebett wurde meine Mutter von drei Frauen begleitet: ihrer älteren Schwester Huguette, der Hebamme und meiner Großmutter väterlicherseits. Tante Huguette machte mich zeit meines Lebens für den Verlust ihrer kleinen Schwester verantwortlich, doch meine Großmutter hielt dagegen. Dieser Konflikt, den ich schon mit meinem ersten Atemzug heraufbeschworen hatte, sollte elf Jahre andauern und erst mit dem letzten Atemzug meiner Großmutter enden.

Bereits von klein auf kannte ich Einzelheiten über meine Geburt, die ich wohl besser nicht erfahren hätte. Beispielsweise erzählte mir Tante Huguette, die grünen Augen meiner Mutter seien nach zwei Tagen ergebnisloser Wehen schwarz und stumpf geworden wie die einer Taube. Angeblich schwitzte und schiss und kotzte und blutete sie, bis ihr Körper nichts mehr hergab. Am Ende habe mich die Hebamme an den Füßen herausgezogen, ich kam also mit dem Hintern zuerst auf die Welt und riss ihr dabei die Blüte bis zur Rosette auf.

Tante Huguette sagte, als der Schmerz am größten gewesen sei, habe meine Mutter sie angefleht, uns beide zu töten, sie und mich. Diese Behauptung meiner Tante nahm ich für bare Münze und glaubte sie fast mein ganzes Leben lang.

Mein Vater, ein Bäckergeselle bei den Compagnons, befand sich bei meiner Geburt auf der Walz, irgendwo in Nantes, kehrte aber nach dem Tod meiner Mutter für eine Woche nach Hause zurück, um mich zu sehen und sie zu betrauern. Die Compagnons, eine Zunft von Meistern, eine Handwerkerinnung – Bäcker, Schuhmacher, Stuckateure und Schlosser – mit geheimen Ritualen und Initiationsriten, hatten strenge Regeln, die es ihm nicht erlaubten, länger zu bleiben. Er hatte seine fünfjährige Gesellenzeit durch Frankreich angetreten, während der er im gesamten Land umherziehen musste, und sah mich erst wieder, als ich schon fast zwei Jahre alt war. Weil er keine Amme bezahlen konnte, gab man mir die ersten Monate Ziegenmilch oder Brei, den ich durch einen durchlöcherten Korken saugte. Ich wurde von einer liebenden Großmutter und einer missgünstigen Tante großgezogen.

 

In diesen letzten Sekunden auf dem Lastkahn liefen einzelne Szenen aus meinem Leben vor meinem geistigen Auge ab. Sie waren stark verdichtet. Sie widersetzten sich der Zeit.

Da war ich, vier Jahre alt, in einem Bettchen in einer viel zu dunklen Kammer. Die schattigen Ecken ließen das Zimmer noch enger wirken. Ich rief und rief nach Tante Huguette: Komm, komm. Der köstliche Duft von Eintopf mit Wild, von Brot.

Da war ich, sechs Jahre alt. Mein Vater blieb einen ganzen Monat zu Hause. Wir beide ganz für uns, gemeinsam bei der Arbeit, wir zauberten in einer Keramikschüssel. Die Waagschalen voller Mehlstaub, das geschmeidige Schaben eines handwarmen Holzlöffels am Schüsselrand, dann das Kneten auf dem mit Öl eingeriebenen Küchentisch. Mein Vater zupfte ein wenig Teig aus der Mischung und zeigte mir, wie man ihn zieht, ohne dass er reißt, mindestens so lang wie mein Unterarm solle er sich ziehen lassen, erst dann sei er richtig durchgeknetet. Kurz gehen lassen, sagte er, danach zusammenstoßen, damit das Brot so richtig köstlich schmeckt. Im Zimmer alles weiß, die ganze Welt weiß wie Mehl.

Da war ich, sieben Jahre alt, nahm den Weg durch den Wald hinter unserer Stadt, mein wirres Haar in den Zweigen verheddert, stieg hinauf zu der Lichtung mit Blick über die Häuser von Clermont, die Kathedrale lavaschwarz in ihrer Mitte, Notre-Dame de l’Assomption, stieg hinauf zu der Stelle, wo ich – jenseits der mich beengenden Hügel – von einem Ort träumen konnte, an dem die sengenden Blicke meiner Tante mich nicht mehr zu verletzen vermochten. Dort oben saß ich, mit dem Rücken an den Stamm einer Linde gelehnt, und pflückte meiner toten Mutter Sträuße aus Myrte und Steinbrech.

Da war ich, zwölf Jahre alt, im ersten der beiden (und einzigen) glücklichen Jahre, die mein Vater bei uns in Clermont-Ferrand verbrachte, bis auch er starb, weniger als drei Jahre nach dem Tod meiner Großmutter. Lungenentzündung. Wasser in der Lunge. Da war ich, wartend auf das Ende seiner Frühschicht in der Backstube, ein stickiges Backsteingebäude hinter einem der großen Hotels. Da war ich, wie ich ihm und seinen beiden Gesellen bei der Arbeit zusah. Sie trugen Schürzen, die langen Röcken glichen, und ihre Gesichter waren nass von der erbarmungslosen Hitze der drei Öfen, die nebeneinander an einer Wand standen. Darüber stapelweise Holzscheite. Vor der anderen Wand unzählige Bleche und Kupferpfannen, mit Tüchern bedeckte Weidenkörbe, Kasernen für die Heerscharen heißer Baguettes. Gestelle voller Backwerkzeuge, Kupfer- und Stahlsiebe, Löffel, Trichter, Reibeisen und Spachtel. Alle hingen an Nägeln, fein säuberlich aufgereiht. Da war mein Vater mit einem langen Schießer, er wendete das Brot im Ofen. Und ich. Auf einem umgestülpten Eimer saß ich neben einem Hahn, der aus der Wand ragte, und benetzte meinen Finger mit dem tropf, tropf, tropfenden Wasser aus seinem Schnabel. Einer der anderen Gesellen stieß auf einem Holztisch unter Regalen voller weißer Mehlsäcke einen bereits gegangenen Teigballen zusammen. Sein Rücken und Nacken glänzten, und als er mich über die Schulter hinweg ansah, hielt er meinen Blick, während er mit den Händen den Teig knetete. Er zwinkerte mir zu. Hastig verschränkte ich die Arme vor meinen Brüsten und blickte zu meinem Vater hinüber, der sich über den Ofen beugte.

Und da war ich, dreizehn Jahre alt, auf einer Bank im Jardin Lecoq, mit ihr, von der ich glaubte, dass ich sie für immer lieben würde: Emmanuelle. Ich hatte ihr ein Éclair aus der Backstube versprochen, doch unser Betteln war nicht erhört worden, und mein Vater hatte uns mit leeren Händen weggeschickt; das war mir peinlich. Also sagte ich ihr, sie solle auf der Bank auf mich warten. Da war ich, wie ich zwischen Kastanienbäumen einen leeren Marktplatz überquerte. Ich schlich durch die kleine Gasse hinter der orthodoxen Kirche und freute mich, dass ich sie gefunden hatte, die Alte, die kleine viereckige Bergamotte-Bonbons in Papiertüten verkaufte. Jedes Jahr zog sie sich während der kalten Monate in ihren Unterschlupf zurück und ward nicht mehr gesehen, bis der Duft von Lavendel und Thymian unsere Straßen erfüllte, bis die Hügel sich mit Wildblüten lila, blau und weiß färbten. Und da war sie, auf einem Stuhl neben ihrem kleinen Klapptisch voller brauner Tütchen mit der köstlichen Süßigkeit. Sie schlief. Es war nicht das erste Mal, dass ich sie bestahl.

Und so saßen wir nebeneinander, Emmanuelle und ich, naschten die gestohlenen Bonbons, lutschten jedes einzelne zitronige, bernsteinfarbene Quadrat, Zerkauen war nicht erlaubt, bis nur noch ein klebriges Pünktchen auf unserer Zunge übrig blieb.

Und da war ich, vierzehn Jahre alt, über meinen Vater gebeugt, in seinem Bett, das er nicht mehr lebend verlassen würde. Tante Huguette war da oder vielleicht auch nicht. Sie ging ein und aus, und die meiste Zeit über ignorierten wir einander; ich tat, als würde ich nicht hören, wie sie dem Pfarrer sagte, das Kind – ich – sei eine Last, die sie zu tragen verdammt sei. Es war im Morgengrauen, mitten im Winter, und ich stand zitternd da, in Nachthemd und Schultertuch. Erst ein paar Stunden war er tot, doch schon seit Tagen nicht mehr anwesend, versunken im Delirium, ertrinkend im eigenen Körper, hatte er nach meiner Mutter gerufen.

Nach dem Tod wollten sich seine Augen nicht schließen, deshalb beschwerte ich die Lider mit zwei Münzen. Ich saß an Papas Seite und betrachtete sorgfältig sein Gesicht, jede Pore, jedes Haar, jede Falte wollte ich mir für immer einprägen, denn ich wusste, dass er bald weg wäre, nur so lange in der Gruft bliebe, bis der Boden weich genug für eine Erdbestattung wäre. Das Bild von seinem Gesicht würde nur noch in meiner Erinnerung existieren. Seine Wangen und Augenhöhlen waren eingefallen; wie kam es nur, dass seine Züge im Leben so voll gewirkt hatten, denn jetzt, nur Stunden nach seinem Tod, war davon nichts mehr zu sehen. Viele Zähne hatte er bereits verloren. Ich umschloss seine Wangen und hielt sie fest. Ein lang gezogenes Jiepen kam aus seinem Hinterteil, es klang, als würde etwas aus ihm entweichen.

Später wusch ich ihn, seinen ganzen Körper, außer den Stellen, die er stets vor mir verborgen hatte, dann bedeckte ich ihn bis zu den Schultern mit einem gestärkten weißen Tuch. An seinen Handknöcheln, den starken Armen und an den Innenseiten seiner Handgelenke glänzten die weißen Narben Dutzender Verbrennungen, Zeugnisse seiner Zunft.

Und da war ich, neunzehn Jahre alt. Tante Huguette stand im Salon, Madame Debords Brief in den Händen. Immer sauber und adrett, Tante Huguette. Wie aus dem Ei gepellt.

»Sie schreibt, ihr gegenwärtiges Mädchen werde heiraten. Sie braucht so schnell wie möglich ein neues.« Ihre Augen huschten über die Zeilen. »Sobald sie deine Zusage erhalten hat, wird sie das Geld für die Bahnreise schicken.«

»Meine Zusage?«

»Die Hinterlassenschaft deines Vaters ist fast aufgebraucht. Das Geld deiner Großmutter ebenfalls. Für dich gibt es hier keine Zukunft.«

»Aber das ist mein Zuhause!«

»Paris sollte dir gefallen.« Sie blickte aus dem Fenster.

»Was werden Sie tun, Tante?«

»Wie meinst du das?«

»Wie wollen Sie es schaffen? Ohne mich?«

Da war sie, ganz Tante Huguette, sie reckte das Kinn vor und kräuselte die Lippen.

»Ich schaffe das schon. Deine Kammer kann ich vermieten, das wird mir helfen.«

 

Und da war ich, in einem Zug, und seine riesige, glänzende Wucht und Stahl und Dampf trugen mich fort ins Unbekannte, nicht Auszudenkende. Trugen mich fort zu dir.

2

Pieter

Åkrahamn, Karmøy, Norwegen, 1921

Während der Sommermonate wohnte ich bei meinen Großeltern in Karmøy. Ich war Salz. Ich war See. Diese trägen Tage verbrachte ich am Strand und schwamm in der Nordsee, obwohl sie, wie mein Großvater gesagt hätte, kalt war wie eine Hexentitte. Ich planschte und strampelte und tauchte hinab bis zum weißen Sand am Meeresgrund, wo die Unterwasserwelt lag, unbeschrieben, unbegreiflich, im ständigen Wandel.

Jedes Mal, wenn ich zum Schwimmen ging, beim ersten Sprung ins Wasser, umschlang die Kälte mein Herz und drückte mir die Lunge zu, bis ich bölkte wie ein Blasinstrument. Die Temperaturen förderten die Durchblutung und brachten meine Haut zum Kribbeln. Wenn die Sonne schien und es windstill war, war das Meer glatt und changierte blau, topasgrau und smaragdgrün, doch bei frischem Wind und rauem Wetter schwoll und flaute und preschte die See, wechselte von stählernem Grau zu erbittertem Grün. An diesen stürmischen Tagen jagte das Meer seine Gischt über die Felsen, rund wie die Rücken schlafender Elefanten.

Unter Wasser konnte ich eine Minute die Luft anhalten.

Mehrere Meter konnte ich hinuntertauchen, bevor mein Trommelfell zu pulsieren und zu zucken begann.

Nach dem Schwimmen erklomm ich meinen Lieblingsfelsen, heiß und rau wie Tierhaut unter meinen Füßen, und ließ mich in der Sonne trocknen. Mein Haar spröde und verkrustet vom Salz.

Nach dem Schwimmen hatte ich einen Mordshunger. Ich hätte einen Bären verschlingen können.

Mein Großvater war Fischer und normalerweise schon unterwegs, wenn ich morgens erwachte. Er war sehr groß und dünn, hatte dichtes schwarzes borstiges Haar, das ihm vom Kopf spross, als hätte es der salzgeschwängerte Wind so geformt. Oft roch er nach Fischinnereien und erzählte Geschichten von Stürmen und Eis und vom Mond, der wie ein fernes Feuer in der Dunkelheit über dem Meer aufging. In seiner Hose trug er ein scharfes Messer, mit dem er sich von seinem in einer Blechdose verstauten Riegel Kautabak Stückchen abschnitt. Er hatte mir beigebracht, dass das Meer nie zu kalt war, um darin zu schwimmen.

Meine Großmutter: Sie war etwas ganz Besonderes. Langes, zotteliges gischtfarbenes Haar, das sie offen trug und ihr in Wellen über Schultern und Rücken fiel. Wenn sie lächelte, wurden ihre Augen zu Halbmonden. Ihre Haut, ein Leben lang dem Nordseewind ausgesetzt, war zerklüftet. Zwei Kinder hatte sie bei der Geburt verloren, mein Vater hatte als Einziger überlebt, auch das stand ihr ins Gesicht geschrieben.

Zum Frühstück setzte sie mir so viel Salami, Eier, Räucherlachs und Leverpostei vor, wie ich essen konnte. Sie wollte mich mästen, bevor sie mich zu Mutter und Vater nach Stavanger zurückschickte. Manchmal kam sie mit zum Strand, doch meist hatte sie im Haus zu tun. Sie musste Holz hacken, backen und Bilder malen; es waren der Gemüsegarten zu pflegen, die Hühner zu füttern, mehrere Hunde und eine einäugige Katze zu versorgen.

Fast jeden Tag kehrte ich mit Muscheln und Steinen oder einem Stück Treibholz zurück, einen Strauß blasser Wildblumen in den schweißfeuchten Händen, die zwischen dem Strandhafer in den Dünen hinter dem Strand wuchsen. Einmal kam ich mit einer angespülten Glasflasche nach Hause, zerkratzt und verfärbt und am Rand bereits angestoßen. Irgendwann hatte sie sicher ein Papierröllchen enthalten. Eine Nachricht aus Dänemark oder England oder Frankreich. Diese Fundstücke stellte ich auf die Fensterbank in meiner Kammer, die aufs Meer hinausblickte. Sie war klein, doch der Blick groß und weit in diesem weißen Holzhaus mit rotem Dach.

Im Wohnzimmer stand ein Korb mit Feuerholz neben dem Ofen. Es gab ein gemütliches Sofa, zwei Sessel und einen Couchtisch. Wenn es stürmte, was oft der Fall war, klapperten die Fenster in ihren Rahmen. An einer Wand hingen mehrere Bilder: ein Fischerboot im Trockendock, eine Vase mit Gänseblümchen, die von meinem Großvater oben am See gebaute Koie mit ihrem Grasdach und dem kleinen Blechschornstein. Die Bilder hatte meine Großmutter gemalt, ob gut oder schlecht, daran verschwendete ich keinen Gedanken.

Ebenfalls an der Wand hingen: eine Uhr aus England. Ein ovaler Spiegel mit schwarzen Stippen. Und eine einfache weiße Gipsmaske, glatt wie Buttermilch. So sehr hat sie mich an Milch erinnert, dass ich sie am liebsten abgeschleckt hätte. Sie zeigte das Gesicht einer jungen Frau und wirkte sehr realistisch, fast lebendig. Ihre Augen waren geschlossen, sie hatte hohe Wangen, rund und jugendlich. Sie lächelte leicht. Nur ein wenig, aber es war ein Lächeln, das sich nicht zurückhalten ließ, als stünde sie kurz davor, mir etwas mitzuteilen.

3

Anouk

Ottawa River, 2017

Es ist September, Anouks Geburtstag. Sie wird vierzig. Ihre Mutter Nora ist mit ihr nach Norden gefahren, weil es für Anouk eine große Sache ist, dass sie vierzig wird. Als sie auf die Welt kam, hatten die Ärzte ihre Lebenserwartung erheblich niedriger eingeschätzt. Die beiden sind nach Norden gefahren, aufs Land, weil Anouk vor dem Anruf des Operationsteams gern noch einmal den Fluss sehen wollte, ihren Geburtsort. Sie steht auf der Liste für eine Lungentransplantation.

Die Unterhaltung mit dem Facharzt für Mukoviszidose verlief ungefähr so:

»Die Anzeichen deuten darauf hin, dass es Zeit ist, über eine Transplantation nachzudenken.«

»Ich weiß.«

»Ihre letzten FEV1-Werte lagen unter dreißig Prozent.«

»Meine Lunge ist im Eimer.«

»Seit wann arbeiten Sie schon nicht mehr? Schreiben Sie noch?«

»Ich versuche es. Es fällt mir schwer, mich zu konzentrieren.«

»Die vielen Medikamente.«

»Ja, genau. Das. Und. Irgendwie interessiert mich nichts mehr.«

»Sie hängen die meiste Zeit am Tropf.«

»Ich habe keine Ideen. Für Geschichten.«

»Das überrascht mich nicht. Die Hälfte Ihres Tages geht drauf, weil Sie neben der normalen Physiotherapie noch zusätzliche Behandlungen bekommen.«

»Und jetzt?«

»Wenn wir die gegenwärtige Behandlung fortsetzen, bleibt Ihnen nicht mehr viel Zeit. Vielleicht ein Jahr.«

»Ein Jahr.«

»Und es wird ein mieses Jahr sein.«

»Was Sie nicht sagen.«

»Eine erfolgreiche Transplantation könnte Ihnen sechs weitere Jahre schenken. Oder mehr.«

»Oder weniger.«

»Das wissen wir nicht. Aber Sie bräuchten keinen zusätzlichen Sauerstoff mehr. Und müssten nicht mehr ständig husten. Stellen Sie sich das vor, kein Husten mehr.«

»Kann ich nicht.«

»Nach der Operation werden Sie weiterhin eine Menge Medikamente einnehmen müssen, aber viel wichtiger ist, dass sich Ihre Lebensqualität verbessern wird. Und die ist im Moment nicht sehr gut.«

»Nein.«

»Ich glaube, wir sollten Sie ans Transplantationsteam überweisen. Damit Ihr Name auf die Liste kommt. Aber das müssen Sie entscheiden.«

Hier oben, in den letzten Septembertagen; hier oben, am Fluss, beide Ufer gesäumt von Bäumen, ein paar Häusern und Cottages; hier oben ist die Luft frisch und duftet nach Hoffnung. Obwohl alles stirbt, ist der Tod hier süß, und er duftet nach Hoffnung. Anouk und ihre Mutter haben ein Cottage gemietet (in ihrem Geburtshaus weiter unten am Fluss, wo ihr Vater bis zu seinem Tod gelebt hat, wohnen nun Fremde). Es ist Abend, und sie sitzen auf einem Schwimmdock in zwei Holzsesseln mit breiten Rückenlehnen, haben eine Wolldecke über den Beinen und ein kaltes Bier in den Händen. Der Wind raschelt in den Bäumen, das Wasser schwappt gegen das sanft schwankende Schwimmdock, und Anouks Sauerstoffgerät, ihr ständiger Begleiter, zischt leise vor sich hin.

September ist ein Ende, aber auch ein Neubeginn.

Das Laub färbt sich, im Fluss lodert es lila, gelb, orangefarben. Die Seetaucher sind noch nicht gen Süden aufgebrochen, sie sind hier draußen und jodeln einander zu.

»Seetaucher«, sagt Anouk, das Wort mehr gekeucht als gesprochen. Sie lehnt sich zurück und seufzt zufrieden.

»Ich finde ja, die hören sich an wie ein Haufen Irrer«, sagt Nora. Sie späht über den Flaschenhals, blickt aufs Wasser. »Sie lachen mich aus. Verrückte Vögel.«

Anouk weiß inzwischen, dass es unter allen Ärzten und Spezialisten keine gibt, die so direkt und unverblümt auftreten wie Transplantationschirurgen. Diese Leute denken in Risiken und Prozentwerten. Die für Anouk zuständige Chirurgin, eine große Frau Mitte fünfzig mit stoppelkurzem Haar und praktischen Ohrsteckern, steht auf solche Berechnungen. In ihrer gemütlichen Praxis mit Polstersesseln redete sie über den Prozentsatz der Patienten, die es nie mehr aus der Klinik schaffen. Sie nannte ihr den prozentualen Anteil derjenigen, die das erste Jahr überleben, das zweite, das dritte. Keine besonders hohe Zahl. Sie zählte an ihren adretten, blitzsauberen Fingern die Risiken einer postoperativen Infektion sowie akuter und chronischer Abstoßungsreaktionen ab. Anouks neue Lunge, erklärte sie, sei nicht so krank wie ihre alte, doch ihr Immunsystem werde sie beständig angreifen und verletzen, bis auch sie in ein paar Jahren vernarbt sei und nicht mehr richtig arbeite.

»Die Lunge«, sagte die Chirurgin, »ist ein Organ, das sich nur schwer transplantieren lässt.«

»Warum?«

»Das Gewebe ist extrem empfindlich. Die Alveolen sind winzig und können leicht beschädigt werden. Die Zellen zeichnen sich durch ihre hohe metabolische Aktivität aus, deswegen bleibt uns nur ein kleines Zeitfenster zwischen Organentnahme und Transplantation. Einige Stunden. Sie müssen immer in Bereitschaft sein. Sie sind dafür verantwortlich, rechtzeitig in der Klinik einzutreffen.«

Dann ging es um die Erholungsphase, in der man die alten, von Anouk ihr Leben lang täglich eingenommenen Medikamente absetzen und neue Behandlungsmethoden, neue Arzneimittel einführen werde, um die Komplikationen der Abstoßungsreaktion unter Kontrolle zu halten. »Das ist sicher nicht das, was Sie hören wollten«, sagte die Chirurgin.

Von allem, was sie bis dahin gehört hatte, hatten diese Worte sie am meisten aufgebracht. Als hätte sie sich die ganze Zeit über Illusionen hingegeben und erst jetzt, in diesem Moment, die harte Wahrheit erfahren.

Nora tätschelt Anouk das Knie. »Bist du müde? War eine lange Fahrt.«

»Ich glaube, ich möchte noch ein bisschen draußen bleiben.«

»Dann hole ich mir noch ein Bier«, sagt Nora und hievt sich aus dem Stuhl.

Kühle Luft trifft auf Anouks Beine, als Nora die Decke wegzieht. »Für mich auch eins.«

Nora bleibt stehen, sieht sie an. Überlegt.

»Ich habe Geburtstag.«

Sie lächeln einander wissend zu, wie Komplizinnen.

Nie hätten sie gedacht, dass sie es so weit schaffen würden.

Bevor das Transplantationsteam Anouk auf die Liste setzte, hatte man sie und ihre Mutter einer Prozedur ausgesetzt, die ihnen wie eine Gerichtsverhandlung vorgekommen war. Es gab Termine mit ihrer Chirurgin und anderen Chirurgen, mit einem Ernährungsexperten, einer Psychologin und einem Physiotherapeuten. Auch einer Knochen-Fachärztin und einem Nieren-Facharzt. Für fast jeden Körperteil gab es einen eigenen Spezialisten. Irgendwann war das Team zu dem Schluss gekommen, dass Anouk und Nora sich verantwortungsbewusst verhalten, dem Druck vor und nach der OP gewachsen sein und allen Anweisungen folgen würden. Sie mussten darüber befinden, ob Anouk tatsächlich bereit war, mit vollem Einsatz ums Überleben zu kämpfen. Das Geschenk, das man ihr machen würde, war wertvoll.

Als Nora weggeht, kommt das Schwimmdock ein wenig ins Schwanken; Anouk lässt den Blick übers Wasser streifen. Ungefähr vor einer Stunde hat sie einen Steinadler entdeckt. Zwar hat Nora ihn für einen Falken gehalten, doch Anouk ist ziemlich sicher: Es war ein Adler. Sie kennt eine Insel ganz in der Nähe, eine von vielen in diesem Fluss, auf der oft Adler nisten. Früher, als sie noch klein war, hat sie sie häufig gesehen, wenn sie im Aluminium-Außenborder neben ihrem Vater Red saß. Sie sind selten, doch sie sind hier.

Irgendwo da draußen atmet jemand mit einer gesunden rosigen Lunge, die in Anouks Körper landen wird. Sie holt tief Luft, oder versucht es zumindest. Ihre Lunge schabt wie Sandpapier an der Brusthöhle. Eine gesunde Lunge, hat der Pneumologe ihr erklärt, hat zwei elastische schwammartige Flügel. Wenn man draufdrückt, geben sie zwar nach, federn aber sofort wieder in ihre ursprüngliche Form zurück, wie ein Kissen. Sie hat tiefe, scharf begrenzte Fissuren, die sich vollständig mit Luft füllen. Anouks Lunge ist verhärtet. Knorrig. Voller Zysten und Eiterbläschen. Sie hat die Farbe von Dung. Die Beschreibung erinnert sie an ein Stück Knorpel oder ein ausgespucktes, am Tellerrand vertrocknetes Kaugummi.

Anouk erhebt sich vorsichtig vom Stuhl und breitet die Decke auf dem Schwimmdock aus. Sie muss sich unter den feinen Schläuchen durchwinden, die von der Sauerstoffflasche zu ihren Nasenlöchern führen, doch schließlich kann sie sich hinlegen und ihre Wange ans Zedernholz drücken. Der Geruch von Zedernholz, noch warm von der Sonne, erfüllt sie. Er haut sie um. Sie hat es im Blut, diesen Geruch, diesen Fluss. Anouk lässt die Hand über den Rand des Docks gleiten und taucht die Finger ein, liebkost das kalte Wasser. Sie will schwimmen, doch das geht nicht. Sie will mit Haut und Haaren eintauchen. Vielleicht könnte sie sich am Dock festhalten und einfach an der Oberfläche treiben, aber sie darf keinen Infekt riskieren. Das Dock schwankt, und da ist Nora, sie stupst Anouks Hintern mit der Turnschuhspitze an.

»Hungerhaken«, sagt Nora. »Was für ein Magerarsch.«

Das Geschrei der Seetaucher klingt wie die Luft in ihrer erschöpften Lunge.

4

Anouk

Ottawa River, 1987

Dieser Himmel aus Anouks Jugend, dieser Himmel über dem Ottawa Valley, über dem Fluss, über Feldern mit Mais und Sonnenblumen, Flachs und Blaubeeren – dieser Himmel war unendlich weit. Ihr Haus stand am Fluss, die nächstgelegene Ortschaft, wo sie auch zur Schule ging, hieß Pembroke; dort, auf dem Gehweg, aus dem überall das Unkraut spross, hatte jemand den Satz eingeritzt: Mr Morton ist ein Aschlecker. Es gab einen Supermarkt, Canadian Tire und ein Kino. Im Sommer waren die Straßen verstopft, da reisten die Urlauber aus Southern Ontario an, mit ihren Kanus und Kajaks auf den Autodächern und auf Trägern montierten Mountainbikes, deren Vorderräder sich wie wild in der Luft drehten. Während der ersten Wintermonate säumten Schneehaufen die Straßen, aufgeworfen von Räumfahrzeugen, die um vier Uhr morgens die Wege freischaufelten. Anfangs waren sie noch weiß und rund wie Brotlaibe, bis zum Februar aber dunkelgrau und glatt poliert wie Eis. An der Tankstelle konnte man Würmer und Egel fürs Angeln kaufen, ordentlich in Styroporbehälter verpackt, und an der nächsten Tankstelle gab es ein Lädchen, das hübsch bemalte Briefkästen, Duftkerzen und Perlen-Windharfen anbot.

An manchen Abschnitten glitt der Ottawa River breit und offen dahin, an anderen hatten ihn Inseln und Landzungen in mehrere Läufe zerteilt, die sich zu kleinen Becken und einem Wirrwarr von Wasserwegen zusammenschlossen. Im breiten Bett floss die Strömung langsamer. Früh am Morgen, wenn der Nebel noch tief hing, ruhte der Fluss an manchen Stellen so still, dass er fast verschwand. Wären da nicht die Wasserläufer, die darauf hin und her huschten und mit ihren feinen Beinchen seine gespannte Oberfläche eindellten, man würde den Fluss fast nicht bemerken.

Einige Kilometer aufwärts, nachdem der Strom sich zwischen Felsen hindurchgezwängt hatte und über Wasserfälle gebuckelt war, weiß schäumend und lebensgefährlich weitergerauscht war, also dort, am südlichen Ufer, lag ein stiller Altarm. Eine hufeisenförmige Schlinge, eine winzige Bucht. Nicht mal das, eher ein Grübchen. Mitten in diesem Arm lag eine kleine Insel, die vom Ufer aus betrachtet aussah wie ein hohes Schiff. Eine schlanke, hoch aufgeschossene Kiefer am Bug. Am anderen Ende der Insel, dem Heck, ein sich verjüngendes Plateau aus Vulkangestein, Kanadischer Schild.

Anouk lebte mit ihrer Mutter Nora und ihrem Vater Red am Ufer gegenüber der hohen Schiffsinsel. Das Haus, aus dunkel verwittertem Schindelholz gebaut, thronte auf einem Grashügel, der sich sanft über dem Ufer erhob. Es handelte sich um ein zweistöckiges Gebäude, mit einem großzügigen Erdgeschoss, wo man durch die Küche ins Esszimmer und von dort ins Wohnzimmer gelangte, dessen Panoramafenster zum Fluss hinauszeigte. Also konnte man fast überall im Haus den Fluss sehen.

Nora kam aus Toronto, Red aus Pembroke. Sie hatten sich 1971 kennengelernt, in einem dreistöckigen Backsteinhaus in der Nähe der Spadina Avenue in Toronto, wo sie bei einer Wohltätigkeitsorganisation arbeiteten, die amerikanischen Kriegsdienstverweigerern Arbeit und Wohnraum vermittelte. Red ließ sich an der Universität zum Lehrer ausbilden, Nora war noch nicht sicher, was sie machen wollte. Sie verliebten sich, umgeben von Typen, die sie für Helden hielten, weil sie auf dem Fahrrad oder in einem Kofferraum versteckt über die Grenze nach Kanada geflohen waren, um nicht auf die Bewohner eines ihnen völlig unbekannten Landes schießen zu müssen. Der Soundtrack ihrer jungen Liebe bestand aus Songs von Neil Young und Lynyrd Skynyrd und den Eagles. Es war romantisch. Als Reds Mutter 1975 starb, erbte er das Elternhaus in Pembroke, verkaufte es und überredete Nora, das Haus am Fluss zu kaufen. Damals machte sie gerade eine Ausbildung zur Rechtsberaterin. Ihre Arbeit mit den Kriegsdienstverweigerern hatte sie auf diese Idee gebracht. Eigentlich wollte sie nicht an den Fluss ziehen, doch die Liebe war stärker.

 

In der ersten Augustwoche, einen Monat vor Anouks zehntem Geburtstag, kam Noras Schwester Mel aus Toronto zu Besuch. Die beiden Frauen verbrachten viel Zeit am Fluss, entspannten auf Liegestühlen an ihrem sichelförmigen Sandstück (zu klein, um es als Strand zu bezeichnen), die Beine ausgestreckt, die Füße im Wasser. Sie tranken Bier aus der Flasche, das Anouk ihnen aus der Küche holte. Anouk mochte ihre Tante. Mel war ein bisschen verrucht. Sie rauchte Rothmans Specials, fluchte, riss dreckige Witze und brachte Nora zum Lachen. Es gefiel Anouk, dass ihre Mom und ihre Tante aussahen wie die verschiedenen Seiten einer Medaille. Beide hatten lange schlanke Beine und rundliche Knie. Breite Hüften, gedrungene Oberkörper, flache Brüste. Beide hatten breite Schultern und einen langen Hals. Aber Noras Haar war rotblond, wie Anouks, Mels hingegen dunkelbraun. Noras Schultern waren im Sommer mit orangefarbenen Sommersprossen übersät. Mels waren glatt und gebräunt. Anouk besaß dieselbe flamingoartige Statur wie ihre Mutter und ihre Tante, aber sie würde nicht groß werden; ihre Schultern und ihr Rücken waren bereits gebeugt wegen ihres chronischen Hustens. Hochgezogene Schultern und ein gekrümmter Rücken öffneten den hinteren Brustraum und ließen die Luft besser in die Lunge strömen. Das machte ihr Körper von selbst.

Mel war bereits ein paar Tage bei ihnen, als Anouk neben den beiden Frauen saß und mit den Fersen eine Furche in den Sand zog. Zu dicht wollte sie nicht bei ihrer Mutter sitzen, denn sonst würde die ihr wieder die Haare flechten und ihren Kopf nach Nissen absuchen. Anouk hatte sich tags zuvor beim Frühstück dummerweise hinter dem Ohr gekratzt, und jetzt ließ Nora ihr keine Ruhe mehr. Tatsächlich wimmelte es auf ihrer Kopfhaut von Läusen, und das wusste sie auch. Am liebsten hätte sie sich dumm und dusselig gekratzt, wollte Nora aber nicht die Genugtuung verschaffen, deshalb erhob sie sich und stürmte in den Fluss. Im Sommer war der Fluss für Anouk das Land und der Fluss und alles. Sie glitt mühelos zwischen beidem hin und her, griff am Morgen als Erstes nach ihrem feuchten Badeanzug, hob ihn vom Boden neben ihrem Bett auf und zwirbelte ihn aus der Brezelform, die er annahm, wenn sie sich ihn vor dem Schlafengehen vom Körper rollte. Jetzt watete sie ins Wasser, bis es ihr an die verschorften, mit Mückenstichen übersäten Knie reichte, und tauchte ab, die Augen im teebraunen Süßwasser geöffnet. Unter Wasser wirkte ihre Haut gelb wie geschmolzene Butter, schwarze Teilchen aus dem Fluss klebten wie Sprenkel darauf. Als sie Luft holen musste, kam sie an die Oberfläche und hielt Ausschau nach Nora, um festzustellen, ob sie sie beobachtete.

Nora, die mit Mel sprach, hielt sich die Hand über den Kopf, als wollte sie sich vor der Sonne schützen. Sie tat das, um die Flussfliegen von ihrem Gesicht fernzuhalten, die wie Blitze vom höchsten Punkt angezogen wurden. Mel hatte sich zum Schutz vor den Stechinsekten das T-Shirt um den Kopf geschlungen. Sie schlug sich auf den Oberarm und zupfte sich etwas Totes von der Haut. »Das ist doch beschissen! Ich hab keine Ahnung, wie du das hier aushältst«, sagte sie zu Nora.

Darauf Nora: »Wer hat behauptet, dass ich das tue?«

Anouk tauchte wieder unter, stieß sich mit ein paar kräftigen Froschtritten ab, um einer Gruppe Seerosen auszuweichen, kam dann wieder hoch, drehte sich auf den Rücken und schwamm so weiter. Entspannt paddelte sie mit den Füßen, ließ die Hände sanft durchs Wasser gleiten und spähte in den Himmel, der so leer war, dass es aussah, als waberten da oben lauter Blasen, wie Wasser in einem Topf kurz vor dem Siedepunkt. Sie schwamm auf die Felskante am Heck der Schiffsinsel zu und zog sich daran hoch, achtsam, damit sie sich nicht die Waden aufschürfte. Der nackte Fels war sonnenwarm, und unter ihren Füßen spürte sie die Insel vibrieren. So stand sie eine Weile da, schöpfte Atem, erklomm dann den Felsen, krallte die Zehen in die harten Spalten zwischen den Felsplatten, bis die Insel ihren weichen Teppich ausrollte: kupferfarbene Kiefernnadeln, Moos und altes Laub, brüchig wie braunes Papier. Die Frösche hatten sich in jenem Frühling rasant vermehrt, und im Inselinneren musste ein Felstümpel aufgesucht, mussten Amphibien gezählt werden. Sie zupfte eine Butterblume und ein paar zarte Glockenblumen aus dem kargen Inselboden, verdrillte die Stängel und steckte sich das Bouquet hinters Ohr. Es war heiß. Der Schweiß brannte ihr auf der juckenden Kopfhaut. Eine gelbe Grille sprang pfeilschnell an ihrem Knie vorbei und verschwand. Anouk übte den Fuchsgang. Nackte Ferse zuerst, nach Stock und Stein tastend. Über die Fußaußenkante abrollen und sanft auf dem Fußballen landen. Von vorn. Langsam, mit Methode. Wäre sie in einer Gruppe, würde jede Person in die Fußstapfen des Vorgängers treten, wie Stimmen, die nacheinander in einen Kanon einsetzen. So hatten es die ersten Menschen getan, so waren sie unbemerkt durch den Busch gestrichen.

In der schlammigen Senke in der Inselmitte schob sie das Schilf mit seinen zigarrenförmigen Rohrkolben auseinander und hockte sich ans algensatte, gallertartige Wasser. Zarte Seidenpflanzen strichen ihr um die Schenkel, irgendwas stach sie in die Fußsohle. Sie rührte sich nicht. Zuerst: nichts. Dann sah sie sie. Sieben Frösche, nein, acht. Still und kühl wie Marmor, die Köpfe ragten gerade eben aus dem gekräuselten Wasser. Einer, die Haut trocken und grau, thronte majestätisch auf einem Stock. Zu Beginn des Sommers hatte sie ihnen Namen gegeben und ihnen Geschichten angedichtet. Die Geschichten in ein kleines Heft geschrieben. Der auf dem Stock, das war Redmond, nach ihrem Vater benannt.

»Hallo, Redmond«, sagte sie.

Das hatte sie über Redmond in ihr kleines Heft geschrieben: Redmond war einsam, so als König. Wenn du König bist, wirst du nicht wie eine Person behandelt, sondern wie ein König.

Auf der anderen Seite der Insel setzte sie sich auf eine vom Wasser bedeckte Sandbank, gestreift mit schwarzen, eisenreichen Sand- und Tonablagerungen. Die Strömung hatte perfekte kleine Wellen hineingemeißelt, und das seichte Wasser, das den Sand jetzt umspülte, glitzerte schwarz und grau und golden. Anouk grub die Finger unter ein Tonplättchen, brach ein Stück ab und trübte so das Wasser. Sie zerquetschte den Ton zwischen den Fingern zu einer Paste und schmierte sich damit die Arme und Beine ein, rieb es sich über Wangen und Stirn. Hinterließ einen Händeabdruck auf ihrem knochigen Brustbein. Sie kletterte auf einen Felsvorsprung, katzensilberglitzernd, streckte sich darauf aus wie eine Eidechse, und schon bald begann ihre Haut unter der silbrig-blauen, abblätternden Tonpaste zu spannen. Ihr Gesicht eine Maske. Sie war Insel. Sie war Fluss.

 

In diesem Sommer war es richtig schlimm mit den Wespen. Schlimmer als sonst. Am Tag nach Mels Abreise nach Toronto aßen Anouk, Nora und Red auf der Terrasse zu Abend: Grillhähnchen, dazu den letzten Zuckermais der Saison, die Teller auf den Knien balancierend. Anouk sah zu, wie eine Wespe auf ihrem Mais landete und ihn mit den Fühlern abtastete. Zwei weitere Wespen tanzten auf dem Hähnchen herum, prallten an ihrem Handgelenk ab.

Nora bat Red, ein Insektenschutzgitter für die Terrasse zu bauen, damit diese gottverdammten Wespen sie im nächsten Jahr in Ruhe ließen. Zwei Mal sei sie diesen Sommer schon gestochen worden, und immer wieder würden sich welche in ihre Getränkedosen verirren.

»Ich hab Angst, dass ich irgendwann eine verschlucke«, sagte sie.

»Dann musst du vor dem Trinken eben reingucken«, sagte Red. Er schlug nach einer Wespe, die Anouks Haar erkunden wollte.

»Aber ich will nicht jedes Mal vorher reingucken müssen«, sagte Nora, den Maiskolben am Mund. Sie biss nicht hinein, sondern legte ihn einfach zurück auf den Teller. »Dieser Ort geht mir auf den Senkel«, sagte sie, »manchmal zumindest.«

»In Toronto gibt’s auch viele Wespen«, sagte er.

»Wer hat was von Toronto gesagt?«

Am folgenden Tag, Sonntag, fuhr Anouk mit ihrer Mutter nach Pembroke, und Nora kaufte bei Canadian Tire eine Wespenfalle, eine kleine Kuppel, die aussah wie ein Wespennest aus dem Zeichentrickfilm. Weil sie gerade in der Stadt waren, besorgten sie auch gleich ein paar Lebensmittel, und auf dem Weg zurück zum Wagen kamen sie am Kino vorbei. Anouk blieb stehen und las die Ankündigung auf der Werbetafel. Sie rief Nora, die schon weitergegangen war.

»Können wir da rein?«, fragte sie, den Finger auf die Tafel gerichtet.

»Nein, auf keinen Fall.«

»Sieh mal, er fängt in zwanzig Minuten an. Bitte!«

Nora hob die Tüte vom Lebensmittelladen hoch und ließ sie leicht verärgert baumeln. »Ich habe Milch hier.«

»Ich will den aber unbedingt sehen!«

Nora zögerte, die Hand mit der Tüte immer noch erhoben. Runzelte die Stirn. Da wusste Anouk, dass sie schon fast gewonnen hatte. »Wir haben dein Creon nicht dabei. Also. Keine Süßigkeiten!«, sagte sie. Anouk solle vor dem Kino warten, bis sie die Lebensmittel im Wagen verstaut habe.

Anouk stellte sich in den Schatten eines Vordachs, kickte ihre Flipflops von den Füßen und popelte mit dem Zeh an einer konkaven Scherbe herum, die auf dem Gehweg lag. Augusthitze. Kein Lüftchen. Anouks Haar, leuchtend rot und vielschichtig wie Tonglasur, war am Hinterkopf zu einem dicken Zopf geflochten. Die Zikaden legten einen Gang zu, zersägten die Luft, und ihr Konzert schwoll an, dann verklang es. Sie stellte sich vor, wie sich dieses Geräusch, könnte man es sehen, in einer engen Spirale in den Himmel wand, wie die Funken eines Lagerfeuers, die knisternd aufsteigen und dann verglühen. Sie drückte die Scherbe mit dem Zeh in den Gehweg. Zwischen ihrem großen Zeh und seinem Nachbarn, an der Stelle, wo sich ihre Flipflops den ganzen Sommer über an ihrer Haut gerieben hatten, prangten jetzt zwei schweißfeuchte schwarze Schmutzstreifen.

»S’machst du?« Ein maulfauler Ruf von der gegenüberliegenden Straßenseite.

Anouk blickte auf. Es war Maggie, ein Mädchen aus ihrer Schule, sie hielt eine Hundeleine in der Hand. Am anderen Ende hing ein kleiner Hund mit drahtigem schwarzen Fell, der gerade an einen Baum pisste.

»Ich geh ins Kino.«

Maggie, mit ihren Glupschaugen, spähte kurz auf die Anzeigetafel.

»Den kenn ich schon.«

Anouk zuckte die Achseln.

»Gehst du allein?«

»Nee, mit meiner Mom.«

Maggie verdrehte die hervorstehenden Augen dramatisch, und es grenzte fast an ein Wunder, dass sie ihr nicht aus den Höhlen ploppten und im Rinnstein landeten.

Ihr Hund schüttelte sein Hinterbein und drehte sich um, weil er an seiner Pisse schnüffeln wollte, doch dann zerrte er an der Leine, und Maggie ging weiter.

»Fick dich!«, flüsterte Anouk.

 

Nach dem Film, sie waren schon fast zu Hause, bog Nora von der Teerstraße auf den Schotterweg ab, der durch den Wald zu ihrem Haus führte. Sie hielt an. Ohne Worte stiegen beide aus und tauschten die Plätze. Anouk legte den Gang ein und fuhr langsam los, den Kopf weit vorgereckt, um aus der Windschutzscheibe sehen zu können. Mischwald, zart und licht: dünne Ahornbäumchen und vorwitzige Kiefern mit weichen Nadeln. Die Rinde der Weißbirken schälte sich wie aufgerolltes Papier und entblößte das lachsrosa Fleisch darunter. Anouk kroch weiter, wollte weder Kaninchen noch Maus verletzen. Weder Strumpfbandnatter noch Streifenhörnchen noch sonst was. Auf halbem Weg bremste sie ruckartig und zeigte auf eine in Sonnenlicht gebadete Oase ein paar Meter tief im Wald, wo Butterblumen ein grasbewachsenes Fleckchen besiedelt hatten.

»Hübsch«, sagte sie.

»Komm jetzt. Die Milch muss in den Kühlschrank.«

Zu Hause half Anouk Nora beim Aufstellen der Wespenfalle. Sie gossen Cola in die Bodenschale und befestigten die Falle an einem in den Vorsprung über der Terrasse geschraubten Haken. Die Kuppel war mit trichterförmig zulaufenden Löchern durchsetzt, die nach innen immer enger wurden. Angelockt vom Zucker in der Cola würden die Wespen in die Löcher fliegen, doch wären sie erst drin, kämen sie nicht mehr raus.

Nora trat zurück, um ihre Arbeit zu bewundern. »Genial«, sagte sie.

»Ich find’s gemein«, sagte Anouk.

»Dich haben sie ja auch noch nie gestochen.«

»Dad gefällt das bestimmt nicht.«

Nora sah sie an. Sah sie lange an.

»Was?«, fragte Anouk.

»Du und dein Dad«, sagte Nora.

»Was?«

»Nichts.«

Ein paar Tage später inspizierte Anouk die Falle. Ein einziges Schlachtfeld. Die meisten der Unglückswespen lebten noch, einige wirbelten fuchsteufelswild gegen die innere Kuppelwand, an der mittlerweile das Schwitzwasser herabrann. Andere torkelten trunken gegeneinander. In der zähen Zuckerbrühe am Boden dümpelten Dutzende Gliedmaßen.

Sie beobachtete, wie eine Wespe sich eifrig im Trichter vorarbeitete, ihre starken Beine pumpten, ihr schwarz-goldener Rumpf, schlank und streifig, zum Tode verurteilt.

5

L’Inconnue

Paris, 1898

Der Gare de Lyon grollte und dampfte. Der Zug wälzte sich in den Bahnhof, und ich stieg aus, meine Reisetasche war so leicht, dass ich sie mühelos tragen konnte. Es war Mittwochnachmittag, und im Bahnhof drängten sich Scharen von Reisenden, nicht nur aus Frankreich, sondern von überallher. Am Bahnsteig wetteiferten unzählige mir unbekannte Sprachen lautstark miteinander: ein rückwärts gerolltes Raunen, gutturale Laute, die wie Flusskiesel in den Kehlen mahlten. Ein kompliziertes Konsonantenkonzert. Ein kleiner dunkler Mann, der Französisch mit ausländischem Akzent sprach, bot mir aus der auf einem langen Tisch ausgebreiteten Sammlung von Bussen und Karren und Kutschen einen winzigen hölzernen Omnibus an. Als ich sein Angebot ausschlug, blieb er völlig ungerührt. Eine Roma tänzelte Seidentücher feilbietend über den Bahnsteig. Bestimmt fünfzig flatterten ihr von den elegant schwingenden Armen, die Farben so bunt, strahlend und wild durcheinander – es war, als würden sie mich anbrüllen. Die Züge stanken nach verfeuerter Kohle, von irgendwoher wehte ein anderer Brandgeruch herüber, darunter mischte sich der Dunst von Wolle, Schweiß und Parfüm.

Madame Debord hatte mich in ihrem letzten Brief angewiesen, am Bahnsteig auf den Kutscher zu warten, der mich in seiner Droschke zu dem Haus bringen sollte, in dem sich ihr Apartment befand. Er werde ein Schild mit meinem Namen tragen. Also lehnte ich mich an einen eisernen Pfeiler und wartete, wobei ich immer wieder mit dem Daumen über die gewölbte, solide Oberfläche einer Niete strich. Zwei fein gekleidete Herren kamen sehr nah an mir vorbei, sie gestikulierten aggressiv. Einer von ihnen schlug mir mit dem Ellbogen die Tasche aus der Hand und blieb nicht mal stehen, um sie wieder aufzuheben. Als ich in die Hocke ging, kam ein Mann ohne Beine auf mich zu. Er rollte auf einer Holzplatte herbei, seine Hände waren bis zu den Handgelenken dick mit schmuddeligen Tüchern bandagiert. Er stank nach Pisse und Verwesung, doch sein zahnloses Lächeln war freundlich. Sein dichtes schwarzes Haar glänzte fettig, und wenn er sprach, sabberte er aus seinem schiefen Mund.

»Ich möchte mich entschuldigen, Mademoiselle, für das ungehörige Benehmen dieser Kerle.« Seine genuschelten Worte klangen gewandt und würdevoll.

»Danke sehr«, erwiderte ich, immer noch dicht am Boden. Zwar bemerkte ich die Rocksäume und Stiefel und Hosenbeine, die an uns vorbeiglitten, empfand es aber als unhöflich, mich aufzurichten. Der Mann verschränkte die Finger vor der Brust, bewegte die Daumen gegeneinander, hob das Kinn und lächelte, die Lider hingen schwer über seinen dunklen Augen.

»Wir sind nicht alle so unfreundlich.«

»Da bin ich sicher«, sagte ich.

»Zum ersten Mal in Paris?«

Ich nickte.

»Verlobung?«

»Nein.«

»Also zum Arbeiten. In der großen Welt Ihren kleinen Weg gehen.« Er musterte meinen Hut, den Schnitt meines Mantels. »Verkäuferin«, sagte er, immer noch lächelnd, »oder Schneiderin. Vielleicht Gesellschafterin.«

Beim letzten Wort nickte ich amüsiert.

»Wie langweilig«, sagte er, »aber es ist wahrscheinlich besser als das, was Sie hinter sich gelassen haben.«

»Nun.« Mir wurden langsam die Beine taub.

Weil er mich weiterhin unverhohlen anstarrte, fühlte ich mich bemüßigt, in der Tasche nach meinem kleinen Geldbeutel zu suchen. Ich nahm ein paar Sous heraus und hielt sie ihm hin. Da seine Finger bereits verschränkt waren, brauchte er die Hände nur umzudrehen, um sie mir wie eine Schale hinzustrecken, in die ich die Münzen fallen ließ. Dann vollführte er die erstaunlichsten Verrenkungen mit seinen Armen, als wollte er eine Acht in die Luft malen, bis seine Hände mit dem Geld schließlich zwischen seinen zerschlissenen Lumpen verschwanden und leer wieder hervorkamen.

Da erst richtete ich mich auf, aber zu schnell, und das Blut sackte mir so plötzlich in die Beine, dass ich fast umfiel.

Der Mann wendete sein Holzbrett und rollte davon. »Adieu«, sagte er und tat, als würde er seinen Hut ziehen, obwohl er keinen trug. Er war so schnell von der Menschenmenge verschlungen, dass ich mich fragte, ob ich ihn mir nur eingebildet hatte.

Bald danach hatte der Kutscher mich gefunden. Er nahm meine Tasche und bat mich, ihm rasch durch den Bahnhof zu folgen. Seine Droschke stand in einer Reihe mit mehreren anderen, die Pferde mager, müde und trübsinnig. Früher am Tag hatte es geregnet und mein Rocksaum sog sich mit Schlamm voll, doch jetzt schien die Sonne und ihr Licht ließ die Sandsteingebäude erstrahlen. Kaum saß ich in der Kutsche, fuhr der Mann auch schon an. Ich spähte aus dem Fenster wie ein Kleinkind aus dem Kinderwagen. Clermont-Ferrand war nicht klein, doch das hier war meine erste richtige Stadt, und dann auch noch Paris! Eingereiht in eine schier endlose Schlange voller Omnibusse, Karren und anderen Droschken krochen wir über die Avenue Daumesnil auf die Place de la Bastille zu. Überall waren Menschen, überall. Frauen mit Kleinkindern, Mädchen eilten mit anscheinend wichtigen Paketen unter den Armen durch die Stadt. Gewiefte Straßenhändler mit wachem Blick und Handwerker, staubbedeckt, gezeichnet von harter Arbeit. Feine Herren, die offenbar nur lustwandelten, hin und wieder mitten in der Menge stehen blieben, um sich ein Schaufenster anzusehen. Alle Cafés waren voll. Kellner tänzelten auf den Gehwegen zwischen Tischen hindurch, räumten Tassen ab und servierten Teller mit Speisen. Frauen standen auf der Straße oder auf Balkonen und schwatzten. An einer Ecke saß eine Gruppe älterer Männer, sie hatten die Stühle im Halbkreis angeordnet und unterhielten sich ungehemmt, als wären sie im eigenen Wohnzimmer. In der kleinen Gasse zu meiner Linken meinte ich einen Zwerg auf einem Dreirad zu erkennen, doch dann war er in der Menge verschwunden, vielleicht hatte ich mich getäuscht. Für einen Augenblick bildete ich mir ein, Tante Huguette aus einem Hutmachergeschäft kommen zu sehen, schwarze Spitze bis zum Kinn, doch natürlich irrte ich mich.

An der Avenue standen Kastanienbäume, mit weißen Blütenkerzen garniert, in der Luft lag das Parfüm Dutzender Blumenstände, dazu der Gestank nach Faulschlamm, Hefe und Pferd. Vor den Stufen der Colonne de Juillet wimmelte es an einem Zeitungskiosk von Leuten. Auf der Rue de Rivoli eine gold glänzende Pracht, ich konnte sie kaum fassen. Die cremeweißen Fassaden waren mit Rosetten und Weinreben und anderen prachtvollen Friesen verziert, die ich mit Worten nicht beschreiben konnte, und mit den Köpfen von Göttern und Heiligen, die unter schiefergrauen Vordächern die Last dieser Gebäude trugen. Der Himmel im Norden hatte fast dieselbe Farbe wie der Schiefer, nur dunkler, satter, im Osten hingegen war der Himmel von einem verwaschenen Blau.

Nach einer ganzen Weile bogen wir in ein Labyrinth von Gassen ein, kaum breit genug, dass zwei Droschken aneinander vorbeifahren konnten, hier war es dunkler und lauter. Peitschenschnalzen, Pferdeschnauben und das Knirschen von Holzrädern, verdrossenes Säuglingsgeschrei, Tellerklappern. Stiefel auf Kopfsteinpflaster und jemand mit rasselndem Husten. Nachdem wir mehrmals scharf abgebogen waren und schließlich vor dem Tor zu einem von sechsstöckigen Wohnhäusern gesäumten Hof zum Stehen kamen, hatte ich bereits komplett die Orientierung verloren. Vor den Balkonen hingen Blumenkästen; Gaslaternen baumelten von zarten, schmiedeeisernen Haken und warteten auf die Dunkelheit. Kein Dung auf der Straße, sogar ein schmaler, gepflasterter Gehweg an einer Seite.

Ohne abzusteigen, rief der Kutscher: »Le cordon, s’il vous plaît«, und kurz darauf hob sich der schwere Riegel am Tor, wie von einer unsichtbaren Hand am Seil hochgezogen. Der Kutscher sprang von seinem Bock und stemmte das Tor auf, dann kletterte er wieder hinauf, und wir fuhren langsam durch die Porte-cochère. Im Hof war gerade genug Platz, dass er seine Droschke wenden konnte, was er auch tat, nachdem er mir mit meiner Tasche geholfen hatte. Ohne ein weiteres Wort stieg er auf und verschwand.

Ich stand stocksteif da, unsicher, was ich tun sollte. Die einzige andere Person im Hof war ein Junge in dünnen, aber gepflegten Kleidern, der seinen Eimer an einer allgemein zugänglichen Wasserstelle füllte.

Im Erdgeschoss der Gebäude befanden sich Geschäfte: ein Wollkämmerer, ein Hutmacher, ein Papierschöpfer. Schreibstuben und ein Atelier für Lederarbeiten. Neben der Porte-cochère wohnte der Hausmeister. Ich trat vor die Tür und zog an der Klingel. Der Mann, der mir öffnete, erinnerte mich an Pilze, an etwas Schimmliges: graue Haut, die aussah, als würde man, drückte man zu fest und zu lang, darauf eine dunkle Delle hinterlassen. Er war sehr klein, hatte einen kegelförmigen Glatzkopf und mutete wie ein Mensch an, der lieber in der feuchten Dunkelheit existiert. Unter einem Holzscheit beispielsweise. Er bedeutete mir einzutreten, dann bezog er wieder Stellung hinter einem hohen Holztresen, auf dem sich nur eine Glocke und ein dickes Register befanden.

Ich drückte ihm meinen Brief von Madame Debord in die Hand, und er inspizierte das Schriftstück über seine Stummelnase hinweg, las es lange und sorgfältig. Hinter ihm stand ein Holzregal mit mehreren nummerierten Fächern, in denen sich Briefe stapelten. Von der Decke hing eine Eisenkette an einem Zug, und das, so meine Vermutung, war wohl der Mechanismus zum Öffnen des Tors.

»Haben Mademoiselle eine weite Reise hinter sich?«, fragte er, sah mich aber nicht an, sondern blickte zum Fenster hinaus.

»Nicht weit.«

Ich erzählte ihm, wo ich herkam, doch seine stumpfe Miene verriet mir, dass er nur aus Höflichkeit gefragt hatte. Er zeigte auf ein Treppenhaus und wies mich an, in den zweiten Stock hinaufzusteigen. Ich nahm meine Tasche und ging nach oben, es war eng hier, roch leicht nach Zwiebelbrühe und Tabak, war jedoch gut mit Gaslampen ausgeleuchtet. Die Wände waren frisch gestrichen. An Madame Debords Tür hing ein kleines Schild mit ihrem Namen. Ich klopfte zweimal, schnell und leicht. Rasch herbeieilende Schritte, und die Tür wurde von einem Mädchen geöffnet, das nur wenig jünger war als ich, ungefähr fünfzehn Jahre alt. Sein Haar war zu einem lockeren Chignon geschlungen, und es trug ein einfaches Baumwollkleid.

»Da sind Sie ja«, flüsterte es, winkte mich mit zackiger Geste in einen Vorraum und verschwand hinter der Tür. Dort blieb ich stehen, die Tasche in der Hand. Auf einem kleinen Marmortisch tickte laut eine vergoldete Uhr. Das Mädchen kehrte mit einem Wäschesack über der Schulter zurück.

»Madame hält ein Nickerchen, doch in einer Stunde ist sie wieder wach. Dann verlangt sie ihren Kaffee und etwas Süßes. In der Küche finden Sie, was Sie brauchen.« Ohne mich eines weiteren Blicks zu würdigen, ging es zur Tür hinaus und zog sie vorsichtig hinter sich zu.

Die Uhr tickte. Linker Hand erstreckte sich ein Flur mit vier verschlossenen Türen und einer Küche am Ende. Hinter der nächstliegenden Tür ertönten leise Schnarchgeräusche, es klang wie nistende Tauben. Rechts von mir ein ovaler Spiegel. Ich nahm den Hut ab und hängte ihn daneben an einen Haken, wo bereits andere Hüte und Schals hingen. Mein Gesicht glänzte vom Schmutz der Reise und mein Haar war völlig wirr, daher stellte ich die Tasche ab und versuchte, es ein wenig glatt zu streichen. Das machte es allerdings nur noch schlimmer.

Schließlich trat ich aus dem Vorraum in den Salon, er hatte eine hohe Decke und gelbe Tapeten. Zwei hohe Fenster mit schweren, staubigen Vorhängen. Das Zimmer war gemütlich, und nicht, wie erwartet, überladen mit goldenen Ornamenten und allerlei Tand. Zwei einfache Sofas und Fußschemel, eine eigentümliche Ansammlung von Sitzmöbeln, deren Polsterstoffe nicht zueinanderpassten und dennoch irgendwie geschmackvoll aussahen. Ein Schreibtisch aus Mahagoni am Fenster und ausgeblichene Seidenkissen auf den Sofas. Die zu erwartende Stuckverzierung und ein großer Spiegel vor dem Kamin. Ein teurer, aber fadenscheiniger Vorleger auf dem stumpfen Parkett, das etwas Wachs vertragen könnte. Ein Lüster. Und dann etwas Sonderbares: In den Zimmerecken, unter Beistelltischen und neben manchen Möbelstücken stapelten sich Zeitungen. Manche Stapel waren bereits umgestürzt, andere wurden von kunstvollen gläsernen Briefbeschwerern gehalten. Die oberste Zeitung auf dem Stapel, der mir am nächsten lag, war erst zwei Tage alt. Ich ging durchs Zimmer an eines der Fenster und zog den Vorhang zur Seite. Draußen, Blumenkästen mit rosa und roten Geranien, leicht ausgewachsen, mit den holzigen, dürren Stängeln einer nicht zurückgeschnittenen Pflanze, die schon mindestens einen Winter hinter sich hat.