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Dies ist ein Buch für Krebskranke und solche, die es werden könnten! Eine plötzliche Krebsdiagnose aus heiterem Himmel stellt das Leben des Autors ohne Vorwarnung auf den Kopf. Doch statt in Schockstarre, Todesangst und Depression zu versinken, entschließt er sich zum Kampf. Nach einer Marathonoperation von über elf Stunden bringen ihn Komplikationen in mehrfache Lebensgefahr, und während die Chemotherapie anläuft, stirbt um ein Haar auch noch der Hund. Was für ein Glück, dass unser Held sich bei allem Elend immer wieder berappelt, trotzig seine Witze reißt und sich stur ans Leben klammert. Doch bevor er es mit dem Krebs aufnehmen kann, muss er seine Angst besiegen. Schockiert von der Nachricht, dass er an dem gleichen Tumor erkrankt ist, an dem einst seine Großmutter starb, erinnert er sich an beinahe vergessene traumatische Ereignisse der Kindheit. Ihm fällt jedoch auch wieder ein, wie er sich schließlich von seiner Todesangst befreien konnte. In der Notaufnahme der Uniklinik ist auf einmal alles wieder gegenwärtig. Holger Töllner erzählt in seinem bilderreichen, leidenschaftlichen Erstlingswerk die spannende, wechselhafte Geschichte seiner eigenen Krebstherapie und lässt Leserinnen und Leser durch Rückblenden und Anekdoten dabei immer wieder einen Blick in seine Seele werfen. Medizinische Details und der Klinikalltag werden kenntnisreich und mit feinem Witz beschrieben. Mitunter rettet sich der Erzähler auch durch Galgenhumor davor, allzu lange darüber zu grübeln, ob er letztlich überleben wird. Trotzdem ist dies die zentrale Frage, die er sich immer wieder stellt. "Eine Hommage an die Liebe zum Leben." "Ein Muss für alle, die sich weder von einer realen Krebserkrankung, noch von der abstrakten Angst davor unterkriegen lassen wollen."
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Seitenzahl: 346
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Das geschenkte Leben
von Holger Töllner
Buchbeschreibung:
Dies ist ein Buch für Krebskranke und solche, die es werden könnten!
Eine plötzliche Krebsdiagnose aus heiterem Himmel stellt das Leben des Autors ohne Vorwarnung auf den Kopf. Doch statt in Schockstarre, Todesangst und Depression zu versinken, entschließt er sich zum Kampf.
Nach einer Marathonoperation von über elf Stunden bringen ihn Komplikationen in mehrfache Lebensgefahr, und während die Chemotherapie anläuft, stirbt um ein Haar auch noch der Hund. Was für ein Glück, dass unser Held sich bei allem Elend immer wieder berappelt, trotzig seine Witze reißt und sich stur ans Leben klammert.
Doch bevor er es mit dem Krebs aufnehmen kann, muss er seine Angst besiegen.
Über den Autor:
Holger Töllner, gelernter Schlosser und Rettungssanitäter, finanzierte sein Jurastudium einst als Schiedsrichter im Profi-Eishockey. Er arbeitete mit derselben Neugier auf Baustellen, mit Patienten und in ausverkauften Eisarenen, immer interessiert an Menschen und am Leben selbst. Hauptberuflich arbeitet er heute als Berater und Vertriebsmanager. Geschrieben hat er nebenbei schon immer.
Töllner beherrscht Kommunikation. Wenn er erzählt, hört man ihm gerne zu. Und wie er erzählt, so schreibt er auch: Bilderreich, spannend und witzig, mitunter deftig, stets mit Respekt vor dem Nächsten.
Er ist verheiratet, Vater zweier erwachsener Kinder und lebt mit Frau, Hund und Katze in Bensheim an der Bergstraße.
Das geschenkte Leben
Eine Geschichte über Krebs
Von Holger Töllner
Holger Töllner
Eschersheimer Landstraße 42
D-60322 Frankfurt am Main
www.holger-toellner.de
1. Auflage, 2021
© 2021 Alle Rechte vorbehalten.
Holger Töllner
Eschersheimer Landstraße 42
D-60322 Frankfurt am Main
Holger Töllner, Frankfurt am Main
www.holger-toellner.de
Druck: epubli - ein Service der neopubli GmbH, Berlin
Wenn was uns den Tod so schrecklich erscheinen lässt, der Gedanke des Nichtseins wäre, so müssten wir mit gleichem Schauder der Zeit gedenken, da wir noch nicht waren. Denn es ist unumstößlich gewiss, dass das Nichtsein nach dem Tode nicht verschieden sein kann von dem vor der Geburt, folglich auch nicht beklagenswerter.
(Arthur Schopenhauer)
Liebe Leserin, lieber Leser,
danke dass Du dieses Buch gekauft oder von jemandem ausgeliehen oder geschenkt bekommen hast, der es gekauft hat! Ausdrücklich nicht bedanken möchte ich mich bei Dir, falls Du das Buch raubkopiert oder auf andere Art illegal erworben haben solltest. Dessen ungeachtet wäre ich extrem geschmeichelt, falls Du tatsächlich kriminell geworden wärest, nur um mein Buch zu lesen, was es andererseits bestimmt auch wert ist. Aber spende in diesem Fall zur Rettung Deiner Seele wenigstens ein paar Euro an die Deutsche Krebshilfe.
Wie Du merken wirst, verwende ich oft keine gendergerechte Sprache. Das ist keine Respektlosigkeit oder Machogehabe, sondern geschieht aus Gründen der Sprachökonomie und verbessert meiner Ansicht nach die Lesbarkeit des Textes. Wenn ich also ‚Leser‘ schreibe, dann meine ich trotzdem immer Leserinnen, lesende Diverse und Leser gleichermaßen. Bitte nimm es mir ab, dass ich als überzeugter Freund unseres Grundgesetzes ebenso überzeugt vom Gedanken der Gleichberechtigung bin.
Ich danke Dir.
Krebs ist ein mieser, bösartiger, heimtückischer kleiner Bastard. In Mitteleuropa bekommt ungefähr jeder Zweite früher oder später Krebs. Obwohl die Chancen also ungefähr fifty-fifty stehen, habe ich mit großer Selbstverständlichkeit stets erwartet, niemals ernstlich krank zu werden. Was denn auch sonst. Schließlich planen wir die Karriere, den Hausbau und das Kinderkriegen auch nicht als Worst-Case-Szenario. Warum sollten wir es mit der Gesundheit anders halten?
Du kannst Dir daher sicher ganz gut vorstellen, wie schockiert und unvorbereitet ich war, als ich aus heiterem Himmel meine Diagnose bekam. Nämlich so ähnlich, wie es Dir selbst in der gleichen Situation auch ergangen wäre.
Dieses Buch dokumentiert meine persönliche Geschichte vom Kampf gegen den Krebs in Form einer chronologischen Erzählung mit Anekdoten, Geschichten und Rückblenden. Ich habe alles, was Du auf den folgenden Seiten lesen wirst, selbst erlebt. Alle Figuren sind real, auch wenn sie ihren richtigen Namen meist nicht tragen.
Ich will Dir keine Ratschläge oder Therapieempfehlungen geben und auch nicht nahelegen, dass mein Umgang mit Krebs der ‚richtige‘ oder der ‚beste‘ ist. Denn darüber muss jeder für sich selbst entscheiden.
Ich möchte Dir mit meiner Geschichte zeigen, dass das Leben trotz Krebs zunächst einmal weitergeht und dass sich in jeder Tragik immer auch Komisches und Wunderbares entdecken lässt. Ich bin nach wie vor überrascht darüber, wie viel uneingeschränkte Freude ich trotz aller Umstände während meiner Behandlung empfinden konnte.
Das ist gleichzeitig der Hauptgrund, warum ich alles aufgeschrieben habe. Denn wenn es normal ist, an Krebs zu erkranken, dann müssen wir endlich damit aufhören, uns mit dem Horrorszenario Krebs in Angst und Schrecken zu versetzen. An irgendetwas müssen wir schließlich alle eines Tages sterben.
Aber bis es so weit ist, können und sollen wir kämpfen wie die Löwen, dem Tod ein Schnippchen schlagen, trotzen und dabei, wenn es geht, auch ein bisschen Freude haben.
Ich wünsche Dir viel Vergnügen beim Lesen, Vorlesen oder Zuhören.
Herzlichst,
Dein Holger
Am Mittag des 13. Dezember 2019 verließen wir den Hafen von Le Marin auf der Insel Martinique. Wir setzten Segel und steuerten mit frischem Wind, der etwas achterlicher als backbord querab einfiel, 180 Grad. Wir segelten also auf einem Halbwindkurs nach Süden in Richtung Saint Lucia. Der Plan war, in den kommenden drei Wochen die südlichen der Inseln über dem Wind zu erkunden, namentlich Martinique und die Inselstaaten Saint Lucia, Saint Vincent und die Grenadinen sowie Grenada. Barbados würden wir bei dieser Reise aussparen.
Der Wind, der uns so kräftig vorantrieb, war der berühmte Nordostpassat, dem die Inseln über dem Wind ihren Namen verdanken. Er weht fast immer mit vier bis sechs Beaufort und ist damit ein idealer Segelwind, sofern man nicht gerade nach Nordosten segelt und deswegen gegen ihn aufkreuzen muss.
Die frische Brise, die Sonne, die geblähten Segel – genau so hatte ich es mir erträumt. Ich hatte, neben einem Revierführer und mehreren Seekarten, Segelanweisungen und Reiseberichten, quasi als kulturelle Reisevorbereitung, Stevensons Schatzinsel noch einmal gelesen. Jetzt fühlte ich mich wie Jim Hawkins, frei und unsterblich. Ich sog die frische Luft ein und schloss genießerisch die Augen. Das Grinsen, das sich dabei in mein Gesicht schlich, hätte man höchstwahrscheinlich nur operativ wieder entfernen können.
Abends ankerten wir in einer Bucht namens Vieux Fort an der Südspitze von Saint Lucia. Während wir das Abendessen zubereiteten und den in Martinique eingekauften Rum probierten, frischte der Wind weiter auf. Die Nacht war etwas unruhig, weil der böige Wind ständig drehte. Anscheinend hatten wir zudem schlechten Ankergrund erwischt, denn der Anker wollte nicht recht halten. Sicherheitshalber gingen wir in stockdunkler Nacht Anker auf und versuchten es etwas dichter unter Land noch einmal. Diesmal ging es besser. Wir schliefen abwechselnd, frühstückten in der Morgendämmerung und segelten nach Sonnenaufgang los, weiter nach Süden in Richtung Saint Vincent. Wir passierten die Hauptinsel nachmittags, um am Abend in der Admiralty Bay auf Bequia festzumachen.
Ein Einheimischer begrüßte uns lachend mit den Worten „Welcome to paradise!“
Diesen Ruf sollten wir im Verlauf der Reise fast täglich zu hören bekommen. Der fröhliche Mann mit seinen strahlend weißen Zähnen verkaufte uns frische Hummer, die ich später kochen wollte. Er empfahl, die Tiere in einen alten Zuckersack zu stecken, den wir mit Hilfe einer Leine außenbords ins Wasser hängen sollten, damit sie bis zum Verzehr frisch und lebendig blieben.
Wir gingen in die Stadt, wo wir beim Hafenmeister einklarierten und unsere Pässe als Zeichen ordnungsgemäßer Einreise abstempeln ließen. Als wir wieder an Bord waren, sprangen wir zum Schwimmen ins hellblaue, kristallklare Wasser. Im Vorbeischwimmen sah ich den Sack mit den Hummern friedlich an der Bordwand hängen und freute mich auf das bevorstehende Festessen.
Doch als das Wasser kochte, war der Sack mit unserem Abendessen auf einmal fort. Allein die lose Leine hing noch an der Reling. Ich vermutete sofort, der Einheimische, der uns die Lobster verkauft hatte, wäre heimlich an unser Boot herangeschnorchelt und habe sie gestohlen, um sie noch einmal zu verkaufen. Aber unser Skipper Rainer behauptete, mein Knoten habe sich wohl gelöst. Wir würden den Sack sicher unter unserem Schiff finden. Er sprang ins Wasser und suchte eine Weile, während ich mich schon darauf vorbereitete, die gesamte Crew zum Abendessen in ein Restaurant einladen zu müssen. Nach einer ganzen Weile rief Rainer, er sehe den Sack.
„Lobster sind doch dumm, bestimmt sind sie noch drin.“
Allerdings gelangte er nicht bis zu dem Sack, weil das Wasser unterm Schiff einige Meter tief war. Ich riss mir wütend die Kleider vom Leib, zog Brille und Schnorchel an und sprang ebenfalls ins Wasser.
Tatsächlich, da war in einiger Tiefe unser Sack. Ich holte mehrmals Luft und tauchte hinab. Mit den Taucherflossen ging es problemlos, und ich bekam ihn zu fassen.
Verrückterweise hatten vier von sechs Tieren es tatsächlich nicht geschafft herauszukrabbeln. Eine fairere Chance, dem Kochtopf zu entgehen, hat kein Hummer je bekommen. Wir lachten Tränen und erzählten einen Lobsterwitz nach dem anderen. Schon lange hatte ich mich nicht mehr so lebendig gefühlt wie nach diesem Schnorchelgang. Schließlich warfen wir die Tiere ohne schlechtes Gewissen ins kochende Wasser.
Sie schmeckten köstlich.
Am folgenden Tag segelten wir mit gutem Wind in die Tobago Cays. Dabei handelt es sich um ein Korallenriff, das hufeisenförmig von mehreren unbewohnten kleinen Inseln eingerahmt wird. Dort leben neben etlichen Fischarten und Rochen viele Wasserschildkröten, denen man sich tauchend bis auf wenige Zentimeter nähern kann. Als wir die Einfahrt in diese paradiesische Welt ansteuerten, stand ich am Bug und staunte über die unvergleichliche Schönheit dieses Fleckchens Erde. Vor uns lag eine Postkartenidylle.
Ganz langsam schob sich unser Katamaran vorbei an Palmen, die auf den Strand ragten, und spitzen, mit sattem Grün bewachsenen Felszinnen einer winzigen Insel. Ihr weißer Strand war menschenleer. Bald tauchten rund um das Boot Schildkröten auf. Sie streckten den Kopf jeweils kurz zum Luftholen nach oben, nahmen einen Rundumblick und verschwanden dann wieder unter der Wasseroberfläche. Es waren sicher Dutzende.
Genau so hatte ich mir als Kind beim Lesen immer Stevensons Schatzinsel vorgestellt oder das Eiland, auf dem Robinson Crusoe gestrandet war. Nicht zufällig wurden auf diesen Inseln die Fluch-der-Karibik-Filme mit Johnny Depp gedreht. Denn einen geeigneteren Ort kann man sich als Filmkulisse gar nicht vorstellen.
Ich sog tief die Seeluft ein, ließ den Blick schweifen, dachte an das, was ich hinter mir hatte und musste weinen.
„Es tut mir so, so leid für Sie, Herr Töllner.“
Die Ärztin drückt meine Hand und will sie anscheinend gar nicht mehr loslassen. Sie hat den Kopf schief gelegt und blickt mich so traurig und mitfühlend an, als wäre mein baldiger Tod nur noch eine Frage weniger Tage. Ich kann es zunächst nicht glauben. Es fühlt sich nämlich total unwirklich an. Es kann, es darf nicht sein! Irrt sie sich denn nicht?
„Aber müssen Sie nicht erst die Biopsie…, ich meine, ohne dass sie das Gewebe untersucht haben…, wie können Sie denn da so sicher sein?“, stammele ich.
Sie unterbricht mich. Ihr Mitleid ist plötzlich wie weggeblasen, da sie meinen Einwand ihrer Reaktion nach offenbar als unberechtigte Kritik versteht. Sie fixiert mich mit stechendem Blick.
„Glauben Sie mir, ich habe schon viele Tumore gesehen. Das was sich da in Ihrem Anus befindet, ist mit neunundneunzigprozentiger Sicherheit Krebs. Und ein gefährlicher dazu, der Tumor ist nämlich bereits so groß, dass ein Darmverschluss droht. Sie müssen schnellstmöglich operiert werden. Am besten gehen Sie direkt rüber in die Uniklinik und lassen sich einen Termin bei Professor X geben. Der ist ein ziemlich bekannter Spezialist für Ihre Thematik. Ich wünsche Ihnen alles Gute, Herr Töllner.“
Wieder legt sie den Kopf schief, nickt bekräftigend. Das Stechende in ihren Augen ist jetzt verschwunden. Stattdessen zeigt sie nun wieder den Hundeblick, mit dem sie wohl Empathie heuchelt, wie eingangs.
„Danke,“ echoe ich mechanisch.
„Wiedersehen, Herr Töllner“, und weg ist sie.
Ich bleibe allein zurück und fühle: nichts.
Eine abstrakte Gefahr löst eben keinen Fluchtreflex aus. Wenn das Enddarmzentrum oder mein Enddarm selbst in Flammen stünde, ja dann wäre es wohl anders. Dann würde mein primitives ich vor Adrenalin bersten, und ich würde unter Hochspannung versuchen, mich in Sicherheit zu bringen. Dagegen löst ein Geschwür, das nicht weh tut, das man nicht einmal spürt und von dessen Existenz man bis gerade eben überhaupt keine Ahnung hatte, im ersten Augenblick offenbar rein gar nichts aus. Schon seltsam.
Ich verlasse das Enddarmzentrum und mache mich auf den Weg zum Auto. Nach und nach sickert das Gesagte wie flüssiger Honig in die Windungen meines Gehirns. Krebs. Ein Rektumkarzinom, so groß, dass die Ärztin mit dem Endoskop nicht daran vorbeigekommen war, um den dahinter liegenden Teil meines Darms zu begutachten. Die Geschwulst drückt den Darm schon fast vollkommen zu, hat sie gesagt. Es droht Darmverschluss, hat sie gesagt.
Deswegen also musste ich immer öfter aufs Klo, zuletzt um die zehn, fünfzehn Mal am Tag. Dabei hat alles so harmlos angefangen. Mit ein bisschen Blut im Stuhl. Mal mehr, mal weniger. Mal hörte es für mehrere Tage komplett auf. Dann war es wieder da. Ich war verflucht nochmal vor über zwei Jahren deswegen sogar beim Arzt gewesen. Aber das war unmittelbar nach einer Darmspiegelung, bei der außer einem winzig kleinen Polypen nichts entdeckt wurde. Nichts!
Der Arzt sagte damals, „Na, das kann ja bei Ihnen nichts Schlimmes sein. Ihren Darm haben wir doch gerade erst untersucht.“
Er hatte jovial gelächelt, ob so großer, offensichtlich unbegründeter Sorge eines medizinischen Laien und mich nach Hause geschickt. Ich solle die Sache beobachten und wiederkommen, sofern es wider Erwarten in sechs Wochen immer noch bluten würde.
„Ist sicher bloß eine Fissur oder eine kleine Hämorrhoide, kein Problem.“
Mit ‚Fissur‘ meinte er einen winzigen Riss in der zarten Haut an meinem Hinterausgang.
So machte ich mir keine Sorgen. Schließlich hatte ich alles an Vorsorge hinter mir, wozu man mir geraten hatte. Ich war damals außerdem total im Stress. Es war gar keine Zeit für überflüssige Arztbesuche. So kam es, dass ich das Ganze verschleppte. Dabei hatte der Doc ja nicht gesagt, ‚Geh heim und komm nie wieder.‘ Hängengeblieben war bei mir aber nun einmal, dass, was immer ich da hinten hatte, vollkommen harmlos wäre. Die fällige Wiedervorstellung nach sechs Wochen im Fall der Fortdauer der Blutungen verdrängte ich. Keine Zeit. Und auch keine Lust.
So überstand ich den Verkauf der Firma, in der ich arbeitete, den Verlust meines Arbeitsplatzes samt meiner Kollegen nach zwölf Jahren, suchte und fand einen neuen Job, brachte die Probezeit hinter mich, wechselte die Firma noch einmal, zeigte in ein, zwei Projekten, was ich konnte, machte Urlaub und so weiter für die nächsten zweieinhalb Jahre. Wahrscheinlich durch den erzwungenen Jobwechsel und die ganzen Querelen im Vorfeld hatte ich mir zwischendurch ein Speiseröhrengeschwür zugezogen, das aber schnell wieder abgeheilt war.
Ich würde nicht sagen, dass ich stressempfindlich bin. Eher im Gegenteil. Ich bin immer mit großer Freude zur Arbeit gegangen, ganz besonders, wenn viel zu tun war. Aber gefeuert zu werden, ohne je schlechte Leistungen abgeliefert zu haben und dann noch die Menschen zu verlieren, mit denen man mehr Zeit als mit der Familie verbrachte, darauf war ich einfach nicht vorbereitet.
Unser Arbeitgeber war die äußerst profitable Tochter eines Weltkonzerns, eine echte Cashcow, wie man so sagt. Nicht im Traum hätte ich geglaubt, einmal einer strategischen Entscheidung der Konzernzentrale zum Opfer zu fallen. Aber genau so war es gekommen.
Meine Frau behauptet, dass ‚die‘ mir damals mit ihrer irrationalen Entscheidung den Krebs verpasst haben. Tja, wer weiß. Tatsache ist, dass mir das Ganze wirklich sehr nah ging und ich ziemlich lange brauchte, bis das Arbeitsleben sich wieder halbwegs normal anfühlte.
Eines Tages fuhr ich für meinen neuen Arbeitgeber mit dem Auto nach München, was von unserem Wohnort aus eine Strecke von etwa viereinhalb Stunden ist. Unterwegs hielt ich an beinahe jeder Raststätte an, um auf die Toilette zu gehen. Ich verbrauchte auch seit einigen Wochen Unmengen an Klopapier und hatte gelesen, das sei ganz typisch für Hämorrhoiden. Also beschloss ich, die Dinger jetzt endlich wegmachen zu lassen. Ich meldete mich im Enddarmzentrum an und bekam Mitte August 2016 einen Termin.
Doch statt nach zwanzig Minuten mit einem in Ordnung gebrachten Hinterausgang den Laden zu verlassen, trage ich jetzt einen Zettel für die weiterbehandelnden Ärzte mit der Verdachtsdiagnose ‚Rektumkarzinom‘ in meiner Jackentasche.
Was nun? Ich puste die Luft durch die Backen aus. Es ist ein schöner, sonniger Tag, nicht zu warm, ein angenehmes Lüftchen weht. Die Menschen sehen alle so unbeschwert aus. Es ist Sommer. Es wird doch nicht etwa mein Letzter werden? Ich merke, wie mir die Hitze in den Kopf schießt und kalter Schweiß ausbricht.
Jetzt ruhig Blut. Bloß nicht durchdrehen. Ich beschließe, mich zusammenzureißen und erstmal nicht zu Hause anzurufen. Noch ist schließlich nichts raus, sage ich mir. Erstmal in die Uni, eine zweite Meinung einholen. Dann muss man ja auch noch die Gewebeuntersuchung abwarten. Vielleicht stellt sich heraus, dass das Ding in meinem Arsch gar nichts Bösartiges ist. Dann wäre aber eine Entschuldigung von dieser bescheuerten Ärztin fällig. Mich so in Panik zu versetzen! Lernen die denn an der Uni gar nichts über die nervenschonende Führung von Patientengesprächen? Außerdem kann es einfach nicht sein. Ich bin schließlich noch nicht mal fünfzig. Da stirbt man doch nicht, Menschenskind!
Aber was, wenn doch? Ich denke an meine Großmutter. Ein Rektumkarzinom hat sie vor rund vierzig Jahren umgebracht. Da war sie knapp über fünfzig.
Mein Mund wird trocken.
Wie in Trance steuere ich das Auto zum Universitätsklinikum Mannheim. Zuerst überlege ich, doch direkt nach Hause zu fahren und den Termin telefonisch zu machen. Aber dann entscheide ich mich dagegen, weil Arbeiten heute sowieso nicht mehr funktionieren würde. Außerdem, was soll ich meiner Familie denn erzählen, das sie nicht sofort in helle Panik versetzt? Und wenn es dann doch halb so schlimm ist?
No, Sir, jetzt erstmal schön den Ball flach halten, nehme ich mir vor.
Also begebe ich mich zur chirurgischen Ambulanz, um nachzufragen, wie es weitergehen soll. Den Weg kenne ich im Schlaf. Ich war schon mehrmals mit meinem Sohn hier. Er ist in der Uniklinik wegen diverser Platzwunden vom Eishockey und nach Skateboardunfällen immer bestens versorgt worden.
Die nette Dame hinter dem Tresen nimmt meinen Überweisungsschein routiniert entgegen, liest ihn durch und fragt, was ich konkret will.
Ich sage, „Keine Ahnung…, einen Termin oder was man in so einem Fall eben macht. Sie müssen entschuldigen, aber ich bin neu im Krebsgeschäft. Ich habe die Diagnose erst vor einer halben Stunde bekommen. Ich weiß es also leider nicht genauer.“
Sie muss etwas grinsen und sagt, „Warten Sie hier, ich kläre das. Vielleicht kann man gleich ein paar Untersuchungen machen. Klarheit ist doch immer das Beste.“
So ist es recht. Noch eine mitleidige Tante wie die Ärztin mit ihrer leeren Empathie hätte ich nicht ertragen. Profis tun irgendwas, anstatt dich zu bedauern.
Wenn etwas geschieht oder auch nur zu geschehen scheint, fühlt sich eine Situation weniger endgültig an. Das tröstet mehr als jedes dahingehauchte ‚Es tut mir, so, so leid.‘
Der gute erste Eindruck bestätigt sich. Nach kurzer Wartezeit erscheint ein Arzt, der sich als Doktor M vorstellt. Er ist um die Dreißig, hat schütteres dunkles Haar, Nickelbrille. Er sieht aus, wie der Held in der Fernsehserie Emergency Room, Doktor Marc Greene, dem er wie ein Zwilling gleicht. Ich werte das als gutes Omen. Doktor Greene ist in der Serie nämlich ein verdammt guter Chirurg. Das hoffe ich von seinem Mannheimer Doppelgänger auch.
Und siehe da, dieser Doktor Greene hier verspricht, noch heute mehrere Untersuchungen zu machen.
Mir wird Blut abgenommen, ich bekomme eine Ultraschalluntersuchung aller Weichteile und dank Doktor Greenes Tatkraft auch noch eine Ganzkörper-Computertomografie, kurz CT genannt. Alles in allem stellt sich heraus, dass ich einen faustgroßen Tumor in mir trage, der etwa fünf Zentimeter ab ano, also fünf Zentimeter von meinem Hinterausgang entfernt, rund um meinen Enddarm wächst und ihn allmählich zusammendrückt.
Und ja, sagt Doktor Greene, auch ohne das noch offene Ergebnis der Biopsie müsse man leider mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass es sich um ein bösartiges Gewächs handele.
Während ich zur Besprechung des weiteren Vorgehens warte, kehren meine Gedanken zurück zu meiner Großmutter väterlicherseits, die mich als Kind in schreckliche Angst versetzt hatte.
Ich mochte sie nicht besonders, was unter anderem daher kam, dass sie mich im Alter von vier oder fünf Jahren einmal quer durch den Garten gejagt hatte, weil ich aus Versehen ihren halbvollen Eimer mit frisch geernteten Johannisbeeren umgestoßen hatte. Aus Versehen! Einzig ihr Geschrei war der Grund dafür, dass ich vor Schreck auch noch in die Beeren hineingetreten war.
Um sich für nicht einmal eine halbe Stunde vergeblicher Arbeit an mir zu rächen, schlug sie mir damals den Hintern grün und blau, eine Demütigung, die ich ihr niemals verzeihen konnte.
Sie war eine aggressive, herrische Person, die größten Wert auf Äußerlichkeiten legte. Meine Großeltern betrieben damals eine Pension im Oberharz. ‚Fremdenzimmer mit fließend warm und kalt Wasser‘ versprach das Werbeschild an der Toreinfahrt vor dem Haus.
Ein winziges Klo mit Dusche für alle Gäste auf dem Flur im Erdgeschoss und billige Marmelade aus Fünf-Liter-Eimern zum Frühstück, sagte es dagegen nicht. Dennoch kam das der Wahrheit wesentlich näher. Die Pension mit dem Standard der Fünfzigerjahre überlebte dank Stammgästen. Der Herr Doktor Soundso und der Herr Pfarrer Soundso und der Herr Gewerbelehrer mit Gattin, das war die Lieblingsklientel meiner Oma.
Eines Tages, ich war elf Jahre alt, fand ich meine Großmutter weinend vor dem Badezimmerspiegel, in der Hand ein großes Büschel Haare, das sie durch ihre Tränen hindurch anstarrte. Auf meine Frage, was los sei, warf sie die Haare ins Waschbecken und drehte sich um. Sie beugte sich herunter, sah mir in die Augen und legte beide Hände auf meine Schultern.
„Weißt Du, was Krebs ist?“, heulte sie.
Ich nickte, obwohl ich es natürlich nicht so genau wusste. Aber nach allem, was ich von den Erwachsenen mitbekommen hatte, musste es sich um etwas überaus Schreckliches handeln. Daraufhin schüttelte sie mich, wie man ein ungezogenes Kind schüttelt und schrie, „Und das habe ich nämlich!“
Dann war sie schluchzend vor mir auf die Knie gesunken und umklammerte mich wie eine Ertrinkende, sodass ich das Gefühl hatte, an ihrer Brust ersticken zu müssen. In meinem Entsetzen strampelte und boxte ich um mich, bis sie mich losließ, und rannte davon. In den folgenden Monaten verfiel sie mehr und mehr und starb schließlich qualvoll. Ich habe sie nie wieder besucht.
Fortan hatte ich namenlose, regelrecht panische Angst davor, dass meine armen Eltern, mein kleiner Bruder oder andere geliebte Menschen ebenso grausam sterben könnten wie meine Oma. Der Gedanke an Krebs krampfte mir jedes Mal die Eingeweide zusammen und erfüllte viele Nächte mit Angst und Schrecken. In meinen Alpträumen griff meine Großmutter wieder und wieder nach mir, sah mich mit ihren rotgeweinten Augen an, versuchte, mich zu umklammern und mit sich in die Dunkelheit zu nehmen.
Die Alpträume, schreckliche Verlustängste und mein schlechtes Gewissen, die sterbende Frau in ihrer Verzweiflung so jäh zurückgewiesen zu haben, begleiteten mich bis zum Abitur. Eigentlich hätte ich in die Hände eines Psychotherapeuten gehört. Doch merkten meine Eltern vom abrupten Ende meiner unbeschwerten Kindheit nichts, weil ich mit niemandem über meine Sorgen sprach.
Wunderbarerweise gelang es mir, mich mit der Zeit selbst zu therapieren. Ich hatte zwar das Pech, ein humanistisches Gymnasium besuchen zu müssen, wo man uns ein großbürgerliches Bildungsideal aus dem 19. Jahrhundert einhämmerte, das auf unsere Lebenswirklichkeit nicht zutraf. Mein großes Glück war aber, dass dort wegen der Ausrichtung der Schule neben den klassischen Fächern, antiker Kultur und alten Sprachen, auch Philosophie unterrichtet wurde.
So kam es, dass ich mich mit altgriechischer und römischer Weisheit beschäftigen durfte. Ich las über die Vorsokratiker, die Sophisten, Platon, Sokrates, die Stoiker und andere. Ich war beeindruckt davon, dass Sokrates sein Leben für seine Überzeugungen geopfert hatte und Seneca sich sogar selbst tötete, beziehungsweise durch einen Sklaven töten ließ, um Nero, der ihn umbringen wollte, zuvorzukommen.
Offensichtlich hatte der Tod für sie alle keinen Schrecken. Besonders gut gefielen mir auch die Ansichten Arthur Schopenhauers, der es letztlich schaffte, mich davon zu überzeugen, dass der Tod nichts ist, vor dem man sich fürchten muss. Die Stoiker halfen bei der Bekämpfung meiner Verlustängste. Denn alles ist Schicksal. Der Mensch muss einfach in allen Situationen sein Bestes tun, dann ist der Rest Bestimmung. Deswegen hilft es auch nichts, sich wegen möglichem zukünftigem Unglück zu ängstigen. Man verschlechtert damit nur sein gegenwärtiges Leben, ohne das Geringste an seinem Schicksal zu ändern. Wenn man es ordentlich durchdenkt, ist alles vollkommen logisch.
Alles das hatte ich mir während der Pubertät erarbeitet und dadurch schließlich meine jugendliche Unbeschwertheit zurückerobert. Dank Schopenhauer & Co. wurde ich die Alpträume endgültig los. Mit meinem weltanschaulichen Grundgerüst kam ich so gut klar, dass ich seit Jahren überhaupt nicht mehr über Tod und Verlust nachgedacht habe. Bis heute. Innerhalb der vergangenen halben Stunde im Wartezimmer der Uniklinik Mannheim ist nach wenigen Minuten alles wieder da. Welch ein Glück. Ich bin sicher, dass meine philosophische Grundausbildung die erste Panik verhindert hat.
Doktor Greene erscheint und erklärt mir, dass der Tumor zwar bittere Realität sei, es aber durchaus auch gute Neuigkeiten gebe. Die bisherigen Untersuchungen hätten nämlich ergeben, dass mein restlicher Körper, insbesondere Leber und Lunge, frei von Metastasen seien.
Ich antworte, „Das hätte ich heute nach dem Aufstehen aber auch nicht gedacht, dass die gute Nachricht des Tages lauten würde ‚Ihr Körper ist frei von Metastasen.‘ Aber trotzdem vielen Dank!“
Wir müssen beide lachen. Ich traue mich nicht, nach meinen Überlebenschancen zu fragen, weil ich nicht theatralisch wirken will. Vielleicht geht es gar nicht um Leben und Tod, deswegen will ich nicht übertreiben. Vielleicht schnippeln sie das unwillkommene Gewächs raus, und alles ist schnell wieder vergessen. Gleichzeitig denke ich, wie albern – wenn ich wirklich sterben müsste, könnte es mir doch egal sein, ob mich Doktor Greene, den es gar nicht gibt, oder Doktor M, den ich kaum kenne, für einen Hysteriker halten.
Der Doktor erklärt mir, es würde eine Besprechung meiner Situation im sogenannten Tumorboard der Klinik geben. Das sei ein interdisziplinäres Gremium von Ärzten, die über die bestmögliche Behandlung beratschlagen und dann eine gemeinsame Empfehlung aussprechen. Anschließend werde der behandelnde Arzt, in meinem Fall Professor X, die erforderlichen Maßnahmen mit mir erörtern. Mit ziemlicher Sicherheit sei eine größere Operation erforderlich, für die ich bei Professor X absolut an der richtigen Adresse sei.
„Lassen Sie sich einen Termin bei seiner Sekretärin für kommende Woche geben. Dann wird auch das Ergebnis der Biopsie da sein, und wir werden wissen, womit genau wir es zu tun haben.“
Mittlerweile ist es später Nachmittag geworden. So langsam muss ich mich mal zu Hause melden. Vorher sollte ich aber gut überlegen, wie ich es meiner Frau und unseren beiden Kindern sagen werde. Ich fühle mich nicht mehr so ohnmächtig wie am Vormittag. Dennoch brauche ich für das Gespräch zu Hause einen Plan. Ich spiele verschiedene Szenarien durch.
Oft ist ja der direkte Weg der beste, wie wäre es mit ‚Moin Leute, ich hab‘ Krebs‘?
Okay, wenig einfühlsam.
‚Moin Leute, es tut mir leid, aber ich hab‘ bedauerlicherweise Krebs.‘
Nein, zu förmlich. Etwas schonender wäre gut, also vielleicht ‚Wie Ihr ja wisst, war ich heute zur Darmuntersuchung. Da wurde etwas entdeckt, das demnächst operiert werden muss…‘
Auf gar keinen Fall darf es Heulen und Zähneklappern geben! Auf gar keinen Fall will ich verzweifelt und verängstigt wie meine Großmutter zusammenbrechen. Das kann ich uns nicht antun. Solange ich stehen kann, wird mich niemand auf den Knien sehen, nicht Anna, meine Frau, und schon gar nicht die Kinder. Ich verspreche mir selbst, keine Träne zu vergießen, und hoffe inständig, das mindestens vor den Kindern durchhalten zu können.
Da nichts im Leben so nützlich ist wie ein fester Vorsatz, den man sich beizeiten ins Bewusstsein und am besten auch ins Unterbewusstsein betoniert, tue ich genau das: ‚Ich werde nicht heulen. Ich werde nicht auf Knien winseln. Bloß kein Selbstmitleid.‘ Und gleich nochmal, ‘Ich werde auf gar keinen Fall heulen!‘
Während der Fahrt mit dem Auto rekapituliere ich den Tag. Sehen wir den Tatsachen ins Auge, ich habe also tatsächlich Krebs. Wenn es schlecht läuft, bin ich fällig wie Oma und Onkel Richard und Tante Uschi. Richard war wenige Jahre nach meiner Großmutter an Blasenkrebs erkrankt und bekam dann ebenso wie sie Metastasen auf der Leber, was letztlich beider Schicksal besiegelte. Uschi hatte Bauchspeicheldrüsenkrebs, der sie direkt umbrachte, also ohne den zusätzlichen Aufwand mit Metastasen.
Ich mache mir nichts vor: Das kann auch mir blühen. Es ist also gut, wenn ich mich rein vorsorglich gleich jetzt damit auseinandersetze, im schlimmsten Fall das Besteck abzugeben. Ich will es Anna und den Kindern nicht unnötig schwer machen. Sie sollen nicht leiden, nur weil ich leide. Am besten, sie merken überhaupt nichts davon, wenn es mir nicht gut gehen sollte. Verschweigen geht nur leider nicht. Ich kann ja schlecht vortäuschen, in den Urlaub zu fahren, wenn ich zu der Operation aufbreche.
Mir fällt auf einmal ein Film über den amerikanischen Bürgerkrieg ein, den ich vor Jahren gesehen habe. ‚Gettysburg‘. Darin kommt eine Szene vor, an die ich jetzt denken muss. Jeff Daniels spielt einen Nordstaaten-Offizier, eine reale historische Figur, namens Joshua Laurence Chamberlain, der unbedingt die Stellung auf einem strategisch wichtigen Hügel gegen die anstürmenden Südstaatler halten muss. Nach unzähligen verlustreichen Angriffen geht seinem Regiment die Munition aus. Aber er kann sich nicht zurückziehen, weil die Südstaatler sonst die ganze Front von der Flanke her aufrollen.
Er sagt zu seinen Leuten, „Gentlemen, wenn wir diese Schlacht verlieren, dann verlieren wir den Krieg.“
Chamberlain hat also gar keine Wahl, denn die Munition ist ja verschossen. Also befiehlt er, die Bajonette aufzupflanzen. Er will die angreifenden Südstaatler endgültig brechen, indem er in seiner Verzweiflung einen Sturmangriff wagt. Es ist ein total verrückter Plan, aber seine Leute folgen ihm.
„Die Rebellen müssen noch fertiger sein als wir. Pflanzt die Bajonette auf!“, brüllt er mit stählernem Blick.
Der Angriff hat Erfolg, und die Südstaatler werden überrannt. Plötzlich steht der gegnerische Kommandeur mit dem Revolver im Anschlag vor Chamberlain. Er zielt aus dreißig Zentimetern Entfernung direkt zwischen Chamberlains Augen und spannt den Hahn. Dem ist jetzt klar, dass er sterben muss. Der andere wird ihm gleich ins Gesicht schießen. Chamberlain strafft sich ein letztes Mal und bläst Luft durch seinen riesigen Seehundschnäuzer. Er ist bereit.
Der Südstaatler drückt ab. Klick. Der erwartete Schuss löst sich aber nicht, weil die Trommel bereits leergeschossen ist. Chamberlain hebt zuerst die Augenbrauen und dann langsam seinen Säbel. Er hält ihn dem Südstaatler an die Kehle. Er sagt voller Würde, „Ihren Revolver, Sir!“
Der andere übergibt die Pistole und antwortet, „Ihr Gefangener, Sir.“ Szene vorbei.
So wie Chamberlain werde auch ich dem Tod gelassen ins Auge blicken. Komm und hol mich eben, wenn Du musst! Ich sage es mehrmals laut. Chamberlain, Seneca, Schopenhauer, Winston Churchill, mein Onkel Richard, meine Tante Uschi und viele andere werden mit mir sein. Wie Petronius so richtig über einen Verstorbenen schrieb: Abiit ad plures – wörtlich heißt das, er ging fort, zu den Mehreren, und bedeutet natürlich dahin, wo die meisten bereits sind.
Ich merke, wie der Gedanke mich zugleich beruhigt und amüsiert.
So. Nachdem mein Verhältnis zum Tod nunmehr geklärt ist, fordert meine Erkrankung ihr erstes Opfer: Das zarte Pflänzchen Selbstmitleid, das seit heute Vormittag fleißig keimte, ist soeben gestorben. Beste Voraussetzungen, um der Familie gegenüberzutreten. Kein Selbstmitleid, keine Tränen! Ich parke das Auto und steige aus. Entschlossen mache ich mich auf den Weg zum Haus.
Im Haus begrüßt mich schwanzwedelnd Bruno, unser brauner Labrador. Er spürt, dass mit mir etwas nicht in Ordnung ist und drängt sich an mich, um zu trösten. Dann sehe ich Anna. Ich umarme sie.
Sie fragt besorgt „Was ist denn nur los? Du warst ja ewig weg! Warum hat es denn so lange gedauert?“
Ich sage es ihr so schonend ich kann und sehe Entsetzen in ihren graublauen Augen.
Sie ruft „Oh nein!“, und schlägt die Hände vor den Mund. Ich umarme sie noch einmal, dieses Mal länger. Und siehe da, die Selbstbeschwörung im Auto hatte Erfolg. Meine Augen werden nicht mal feucht, geschweige denn, dass ich heulen muss. Bitte, geht doch.
„Es sind noch Untersuchungen zu machen, das Ergebnis der Biopsie steht noch aus, das Tumorboard muss eine Behandlungsempfehlung liefern.“
Ich erkläre ihr alles, was ich weiß, verschweige aber meine Gedanken über Sterben und Tod. Bis jetzt läuft es prima. Da ich nicht weine, kann sich auch Anna beherrschen. Es ist viel besser so. Ich möchte mir gar nicht vorstellen, wie es wäre, wenn wir hier beide in Tränen erstickt zeternd und plärrend am Boden lägen.
Wegen solcher Schicksalsschläge sind schon ganze Familien zerbrochen. Das hätte mir gerade noch gefehlt. Ich fühle mich bestätigt. Wenn ich die Nerven behalte, regen sich die anderen auch nicht unnötig auf.
Anna, mit der ich seit neunzehn Jahren verheiratet bin, arbeitet in der Pharmaforschung. Eigentlich ist sie Biologin. Sie sagt, die Medizin habe gerade bei Darmkrebs in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht.
Ich weiß, warum sie mir das erzählt. Sie kennt die Geschichte mit meiner Großmutter und will mich beruhigen. Hoffentlich hat sie Recht, denke ich bitter. Anderenfalls muss sie unsere Silberhochzeit in sechs Jahren ohne mich feiern.
Mir fällt ein Arztwitz ein: Fragt ein Patient seinen Arzt, ‚Herr Doktor, wie lange habe ich noch?‘ Sagt der Arzt: ‚Lassen Sie es mich so ausdrücken: Ich an Ihrer Stelle würde mir für den Bus eher keine Jahreskarte mehr kaufen.‘ Haha.
Kurios, dass ich gerade an die Silberhochzeit gedacht habe. Dabei hätten wir überhaupt nicht geheiratet, wenn Anna nicht dringend eine Arbeitserlaubnis gebraucht hätte. Sie ist Polin. Wir hatten uns an der Uni in Göttingen kennengelernt. Ich studierte Jura, Anna schrieb an ihrer Doktorarbeit. Ich traf sie bei der Examensfeier eines Nachbarn im Studentenwohnheim und verliebte mich sofort in sie.
Niemals werde ich vergessen, wie sie aufgebackene Baguettes aus dem Ofen holte und in der Drehung beinahe mit mir zusammenstieß. Anna hat Augen wie das Mittelmeer an seichten Stellen, so ein Blassblau, das ins Graue überzugehen scheint, und flachsblonde, dicke Haare, die sie zu einem Zopf geflochten hatte.
Zuerst ignorierte sie mich hartnäckig, ließ sich aber irgendwann doch zu einem Treffen überreden. Ich versuchte, sie mit Wodka Lemon betrunken zu machen, und scheiterte kläglich. Anna verträgt unglaublich viel Alkohol, sodass am Ende des Abends nicht sie, sondern ich randvoll war. Wenigstens schaffte ich es, mich halbwegs unfallfrei von ihr zu verabschieden. Sie erzählte mir später, dass sie meine Bemühungen an diesem Abend sehr amüsierten.
Ich brauchte also einen neuen Plan und versuchte es mit einer Einladung zum Essen. Erst als ich sie mit Seezunge in Champagnersoße bekochte, nahm sie mich ernst und verabredete sich von nun an öfter mit mir. In mich verliebt hat sie sich wohl aber erst mehrere Monate später. Wir waren zunächst lose verbandelt.
Das änderte sich, als wir zum Spaß auf dem Weg zur Mensa beim Studentenwerk vorbeischauten und durch einen reinen Zufall auf eine wunderschöne freie Wohnung in einer Jugendstilvilla im Göttinger Ostviertel aufmerksam wurden. Es handelte sich um eine Liegenschaft, die das Studentenwerk ursprünglich zum Verkauf vorgesehen hatte, nun aber mit neuen Mietern belegen wollte. Darum gab es für das Haus auch keine Warteliste. Wer sich meldete, konnte sofort einziehen. Frei war allerdings bloß noch die ehemalige Hausmeisterwohnung, wegen der Größe jedoch nur für zwei Mieter. Wir überlegten ein paar Minuten und füllten kurzentschlossen den Antrag aus, weil wir beide in winzigen Wohnheimzimmern hausten, die einzeln mehr kosteten als die große Wohnung geteilt durch zwei. So kam es, dass wir mit einem Mal zusammenwohnten, noch bevor wir ein richtiges Paar wurden. In unserer romantischen Villen-WG wuchs ganz allmählich unserer Liebe.
Fachlich war Anna dagegen überhaupt nicht glücklich, weil sie im Zoologischen Institut von einigen anderen Doktoranden gemobbt wurde. Dabei war sie die Einzige, die bereits als Diplomandin eine echte wissenschaftliche Entdeckung auf dem Konto hatte. Anna forschte nämlich an Heuschrecken, die sie und ihre Kollegen in der Umgebung Göttingens und andernorts einfingen, um die Funktionsweise ihrer Gehirne zu erforschen. Das Ganze lief unter der Überschrift ‚Erforschung neuronaler Netze‘.
Anna hatte bereits im Rahmen ihrer Diplomarbeit den Botenstoff identifiziert, der Heuschrecken zum Singen bringt. Sie hatte dafür die Substanz, die man für gesangsauslösend hielt, einer Heuschreckenart ins Hirn gespritzt, die in der Natur niemals sang und sie mit dem eingesetzten Botenstoff unter Laborbedingungen zum Zirpen gebracht. Die damit verbundenen Erkenntnisse reichten locker für eine Doktorarbeit, sodass Anna sich nicht sonderlich anstrengen musste.
Ein paar ihrer Kollegen machte das offenbar neidisch und die drangsalierten sie, wo es nur ging. Eines Tages besuchte Anna einen Neurobiologenkongress, wo ihr ein befreundeter Wissenschaftler das perfekte Jobangebot machte. Ein Pharmaunternehmen suchte osteuropäische Muttersprachler mit naturwissenschaftlichem Hintergrund für die Durchführung klinischer Studien in Polen, Tschechien, Russland und so weiter. Anna überlegte nicht lange und nahm an.
Leider hatte sie in der großen Freude nicht bedacht, dass ihre Arbeitserlaubnis und auch ihre Aufenthaltserlaubnis sich nur auf die Arbeit als Doktorandin an der Göttinger Uni bezogen. Als sie das erkannte, war es bereits zu spät: Der Arbeitsvertrag war unterschrieben, die Doktorandenstelle gekündigt, Ihr Doktorvater war stinkwütend auf sie. Ihr Arbeitsvertrag war aber ohne Arbeitserlaubnis wertlos. Und ohne Job würde umgekehrt ihre Aufenthaltserlaubnis nicht verlängert werden, weil Polen damals noch kein Mitglied der Europäischen Union war.
Als sie mir davon erzählte, regte ich mich zunächst furchtbar auf. Volkswirtschaftlich war es doch totaler Irrsinn, auf fremde Kosten bestens ausgebildeten jungen Fachkräften zu verbieten, gut bezahlte Jobs in Deutschland anzunehmen. Im Gegensatz zu den meisten damals massenweise legal einwandernden deutschstämmigen Aussiedlern aus Osteuropa sprach Anna nahezu perfektes Deutsch, würde vom ersten Tag an in die Sozialkassen einzahlen und brachte zudem noch nicht einmal ihre Familie mit. Gar nicht davon zu reden, dass den Job ja ohnehin nur jemand machen konnte, der gar nicht in Deutschland aufgewachsen war.
„Ich muss wieder zurück nach Warschau gehen“, sagte Anna.
„Auf keinen Fall!“, antwortete ich.
Es war zum Haareraufen.
„Lass uns heiraten. Dadurch sind alle Probleme auf einen Schlag erledigt: Als meine Ehefrau bekommst Du automatisch eine Aufenthaltserlaubnis. Damit verbunden ist selbstverständlich eine unbeschränkte Arbeitserlaubnis, denn wer sich rechtmäßig und unbefristet in Deutschland aufhalten darf, hat auch das Recht, sich eine Arbeit zu suchen.“
„Und was ist, wenn es mit uns nicht funktioniert?“, fragte Anna.
„Dann lassen wir uns eben wieder scheiden. Aber ich werde mir von den Behörden nicht vorschreiben lassen, mit wem ich wie lange zusammenleben darf.“
Wir begriffen schnell, dass es für einen Deutschen gar nicht so leicht war, eine Ausländerin zu heiraten. Man stellt sich das wesentlich unkomplizierter vor, als es in Wahrheit ist. Wir benötigten ein Ehefähigkeitszeugnis nach Paragraf 1 Ehegesetz. Wir lernten, dass das erforderliche Dokument in Polen nur ausgestellt werden konnte, wenn wir zuvor ein Ehefähigkeitszeugnis von einem deutschen Standesamt vorlegen würden. Aber wenn es möglich gewesen wäre, das Dokument in Deutschland zu beantragen, hätten wir es ja gar nicht in Polen beschaffen müssen. Nach etlichem Hin und Her mit deutschen und polnischen Bürokraten gab ich schließlich auf. Ein Freund hatte mir geraten, doch ganz einfach in Dänemark zu heiraten, weil das wesentlich einfacher sei. Er musste es wissen, denn er hatte vergangenes Jahr eine Nicaraguanerin geehelicht.
In Dänemark brauche man lediglich einen Personalausweis und eine Meldebescheinigung. Ich rief sofort im Städtchen Tönder an, wo der Freund geheiratet hatte, doch in der Gemeinde waren gerade Sommerferien. Da es damals noch kaum Internet gab, ließ ich mir bei der internationalen Telefonauskunft einfach das Standesamt der nächsten Ortsvorwahl geben. Der Zufall wollte es, dass ich in der Gemeinde Hadsund anrief, wo man mir innerhalb weniger Tage tatsächlich einen Termin zur standesamtlichen Trauung gab. Ich hatte eilig ein paar dünne Ringe aus dreihundertdreiunddreißiger Gold beschafft. Die konnte ich mir gerade so eben leisten und ließ unsere Namen sowie ‚Juli 1997‘ eingravieren. Das genaue Datum unserer Eheschließung wusste ich zum Zeitpunkt des Erwerbs der Ringe nämlich noch gar nicht.
Wegen des Arbeitsvertrages hatten wir es sehr eilig und entdeckten erst in der Nähe von Flensburg, dass Hadsund gar keine Nachbargemeinde von Tönder war, sondern am nördlichen Ende von Dänemark lag. Es gab damals noch keine Navigationssysteme. Stattdessen hatte man einen Autoatlas an Bord. Da ich den Weg bis nach Flensburg kannte, konsultierten wir den Autoatlas aber erst, als die Grenze längst hinter uns lag und erkannten meinen Fehler bei der Wahl des Standesamtes so spät, dass wir nichts mehr dagegen tun konnten.
So kamen wir statt wie gedacht am frühen Abend erst nachts um drei Uhr bei unserem Ziel an. Alle Hotels waren geschlossen, und wir mussten die Nacht vor unserer Hochzeit im Auto auf einem Supermarktparkplatz verbringen. Den ‚Polterabend‘ feierten wir mit widerlich warmem Sekt und schliefen nach dem langen Tag schnell ein.
Am nächsten Tag verheiratete uns ein irritierter Bürgermeister, nachdem er uns genervt zuerst zwei Trauzeugen aus nahegelegenen Büros besorgt hatte.
Fast hätte er das nicht getan.
Denn vor der Zeremonie hatte er gesagt „Ich muss Euch fragen, ob Ihr aus wirtschaftlichem Gründen heiratet?“
Er meinte natürlich, ob wir eine Scheinehe planten.
Wie aus der Pistole geschossen antwortete Anna „Ja, ausschließlich wirtschaftliche Gründe! Wir heiraten wegen der Arbeitserlaubnis.“
Ich brauchte dann fast eine halbe Stunde, um den Mann davon zu überzeugen, dass wir zwar vordergründig tatsächlich wegen der Arbeitserlaubnis heirateten, uns aber wirklich und ernsthaft liebten und auch zusammenbleiben wollten. Erst nachdem ich ihm die komplette Geschichte samt Mobbing im Zoologischen Institut, Neurobiologenkongress, Jobangebot tutto completti erzählt hatte, willigte er schließlich ein, uns zu trauen.
