Das Geständnis der Frannie Langton - Sara Collins - E-Book
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Das Geständnis der Frannie Langton E-Book

Sara Collins

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Beschreibung

Sie ist jung. Sie ist klug. Sie ist fremd. Sie steht unter Mord-Verdacht. Ein aufwühlender historischer Kriminalroman im England des 19. Jahrhunderts London, 1826: Das Dienstmädchen Frannie Langton ist eine ungewöhnliche junge Frau, außerordentlich gebildet – und eines brutalen Doppel-Mordes angeklagt. Londons brave Bürger sind in Aufruhr: Wer ist diese ehemalige Sklavin, die aus den Kolonien nach England kam, um ihre Arbeitgeber in den eigenen Betten zu meucheln? Die Zeugenaussagen belasten Frannie schwer. Eine Verführerin sei sie, eine Hexe, eine meisterhafte Manipulatorin. Doch Frannie erzählt eine andere Version der Geschichte, ihrer Geschichte ... »Sie sagen, ich solle sterben für das, was Madame geschehen ist, ich solle gestehen. Doch wie kann ich etwas gestehen, das ich nicht getan habe?« Sara Collins arbeitete siebzehn Jahre lang als Anwältin, bevor sie sich ganz dem Schreiben widmete. Dieser ergreifende historische Kriminalroman ist ihr Debüt. Sind Sie bereit für Frannie Langtons Geschichte?

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Seitenzahl: 531

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Sara Collins

Das Geständnis der Frannie Langton

Roman

Aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

London, 1826: Das Dienstmädchen Frannie Langton ist eine ungewöhnliche junge Frau, außerordentlich gebildet – und eines brutalen Doppel-Mordes angeklagt. Londons brave Bürger sind in Aufruhr: Wer ist diese ehemalige Sklavin, die aus den Kolonien nach England kam, um ihre Arbeitgeber in den eigenen Betten zu meucheln? Die Zeugenaussagen belasten Frannie schwer. Eine Verführerin sei sie, eine Hexe, eine meisterhafte Manipulatorin. Doch Frannie erzählt eine andere Version der Geschichte, ihrer Geschichte …

Inhaltsübersicht

Widmung

Motto

Old Bailey, London, 5. April 1826

1. Kapitel

Paradise, Jamaika, 1812–25

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

London, Februar 1825

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

Das Schulhaus, August 1825 – Januar 1826

33. Kapitel

34. Kapitel

35. Kapitel

36. Kapitel

37. Kapitel

Levenhall, Januar 1826

38. Kapitel

39. Kapitel

Old Bailey, 6. April 1826

40. Kapitel

41. Kapitel

42. Kapitel

43. Kapitel

44. Kapitel

45. Kapitel

Gefängnis Newgate

46. Kapitel

47. Kapitel

48. Kapitel

49. Kapitel

50. Kapitel

51. Kapitel

52. Kapitel

53. Kapitel

54. Kapitel

Liebe Leserinnen und Leser,

 

auf der kleinen Karibikinsel meiner Kindheit las ich wieder einmal Sturmhöhe und Jane Eyre und Stolz und Vorurteil, versuchte, mir windgepeitschte Hochmoore vorzustellen, seidenverhangene Salons, Frauen, die viel seufzen, und Männer, die auf Pferden dahingaloppieren – als Verführer oder Bezwinger oder Retter. Meine eigene Welt bestand aus Kokospalmen und weißem Sand. Nichts davon tauchte je auf diesen Seiten auf. Irgendwann kam mir die Erkenntnis, dass diese von mir so geliebten Bücher meine Liebe nicht wirklich erwiderten. Und dass sie mich mit Fragen zurückgelassen hatten. Warum sollte eine ehemalige jamaikanische Sklavin nicht die Heldin ihres eigenen Schauerromans sein? Warum sollte sie nicht kompliziert, widersprüchlich und vielschichtig sein? Warum hatte so jemand nie eine solche Geschichte erlebt, wie sie in jenen Büchern erzählt wurden? Derlei Fragen können Auslöser sein, die Leser in Autoren verwandeln, und so erwachte in mir der Wunsch, die verworrene Liebesaffäre zwischen einer Mulattin, die als Dienstmagd arbeitet, und ihrer weißen Herrin zu schildern. Einen Roman zu schreiben, der unter anderem eine Hommage an Jane Eyre ist, aber mit einer Protagonistin, die außerhalb der von der Geschichte vorgegebenen Grenzen lebt. Oder besser noch: mit einer Protagonistin, die Jane Eyre gleicht – wenn Jane dem »klügsten Geist Englands« geschenkt und dann beschuldigt worden wäre, ihn zum Hahnrei gemacht und ermordet zu haben.

 

Mein Glücksbeutel ist zum Bersten gefüllt, wie Jamaikaner sagen würden, weil Sie diesen Roman nun lesen und wir uns vielleicht irgendwo auf dessen Seiten begegnen werden.

 

Sara

Für Iain

Und in Erinnerung an Melanie und Susan

»Ihre Vergangenheit ist ihnen ebenso wenig bewusst wie ihre Zukunft. Es sind Maschinen, die neu aufgezogen werden müssen, wann immer sie sich bewegen sollen.«

Charlevoix

 

 

»Ein Wort

Befreit uns von aller Last und allem Schmerz des Lebens:

Dieses Wort ist Liebe.«

Sophokles

Old BaileyLondon5. April 1826

Ich habe Madame geliebt, und deshalb hätte ich ihr das, wessen sie mich beschuldigen, niemals antun können. Aber sie sagen, ich muss dafür hingerichtet werden, und sie wollen, dass ich gestehe. Aber wie kann ich etwas gestehen, von dem ich nicht glaube, es getan zu haben?

1

Mein Prozess beginnt so, wie mein Leben begann: mit stürmischem Gedränge und Geschiebe und Gespucke. Aus der Wartezelle führen sie mich über die Galerie, die Treppe hinunter und an den Tischen vorbei, wo es von Anwälten und Schreibern wimmelt. Um mich herum eine Flut von Gesichtern. Ihr Raunen wird lauter, verschwimmt mit dem Geflüster der Anwälte. Ein Geräusch, das so scheußlich summt wie Bienen in einem Busch. Köpfe wenden sich, als ich eintrete. Jeder Blick ein Spieß.

Ich senke den Kopf, blicke auf meine Stiefel, verschränke die Hände, um ihr schreckliches Zittern zu unterdrücken. Es scheint, als wäre ganz London hier, aber Mord ist ja auch die Geschichte, die dieser Stadt am besten gefällt. Die öffentliche Stimmung ist angeheizt, alle sind in heller Aufregung wegen des »Aufruhrs, den diese grässlichen Morde entfacht haben«. Das waren die Worte des Morning Chronicle, der selbst dem Geschäft nachgeht, just diesen Aufruhr einzufahren wie eine tintenschwarze Ernte. Ich selbst lese im Allgemeinen nicht, was die Zeitungen über mich schreiben, denn sie sind wie ein Spiegel, den ich mal auf einem Jahrmarkt in der Stadt sah und der mein Gesicht in die Länge zog wie eine Streckbank, mir zwei Köpfe verlieh, sodass ich mich fast selbst nicht erkannte. Falls Sie je das Pech hatten, in der Zeitung zu stehen, wissen Sie, was ich meine.

Aber im Gefängnis Newgate gibt es Wärter, die einem aus Spaß vorlesen, was über einen geschrieben wurde, und man kann herzlich wenig dagegen tun.

Als sie sehen, dass ich mich nicht bewege, schieben sie mich mit flachen Händen vorwärts, und ich fröstele trotz der Hitze, stolpere die Stufen hinunter.

Mörderin! Das Wort folgt mir. Mörderin! Die Mörderische Mulattin.

Ich muss traben, um mit den Wärtern Schritt zu halten und nicht der Länge nach hinzufallen. Angst springt mir in die Kehle, als sie mich auf die Anklagebank stoßen. Die Anwälte in ihren Trauerroben blicken auf, träge wie Kühe. Selbst diese erfahrenen Männer, die schon alles gesehen haben, wollen einen Blick auf die Mörderische Mulattin werfen. Selbst der Richter starrt mich an, fett und glänzend in seinem Talar, das Gesicht weich und leer wie eine alte Kartoffel, bis er den schlaffhaarigen Gerichtsschreiber mit einem Kopfnicken auffordert, die Anklage zu verlesen.

Frances Langton, auch bekannt als Ebenholz-Fran oder Dunkle Fran, wird des vorsätzlichen Mordes anGeorge BenhamundMarguerite Benhambeschuldigt. Der Anklage zufolge soll sie am 27. Januar im Jahre unseres Herrn 1826 in verbrecherischer und böswilliger AbsichtGeorge BenhamundMarguerite Benham, beide Untertanen unseres Herrn und Königs, tödliche Stichwunden im oberen und mittleren Brustkorb zugefügt haben. Ihre Leichname wurden vonEustaciaLinuxentdeckt, Haushälterin in Bedford Square, London.

Die Anklage wird von MR JESSOP vertreten.

Die Galerie ist voll besetzt, alle möglichen feinen Leute und einfachen Leute und Gesindel zusammengepfercht, der Gerichtssaal einer der wenigen Orte, wo sie je so dicht an dicht gesehen werden. Peau de soie neben Kaschmirschals neben Kopftüchern. Sie rutschen mit den Hinterteilen über das Holz, dünsten einen Geruch aus wie angesäuerte Milch, wie eine Scheibe Schweinefleisch, die Phibbah einmal unter der Veranda vergessen hatte. Die Art von Geruch, die einem auf der Zunge, in der Kehle haftet. Manche von ihnen lutschen kandierte Orangenschalen, die sie in ihren Handtaschen mitgebracht haben, ihre Kiefer wie schnelle Paddel. Diejenigen, die es nicht verkraften, von einem ehrlichen Geruch umhüllt zu werden. Ladys. Ich kenne die Sorte.

Jessop hakt die Daumen in seine Robe und steht auf. Seine Stimme plätschert gleichmäßig wie Wasser an einen Schiffsrumpf. So sanft. Als würde er mit ihnen zu Hause an seinem Kamin plaudern. Genauso will er es, denn so sind sie gezwungen, sich vorzubeugen, aufmerksam zu lauschen.

»Gentlemen, am Abend des siebenundzwanzigsten Januar wurden Mr und Mrs Benham erstochen. Mr Benham in seiner Bibliothek, Mrs Benham in ihrem Schlafgemach. Diese … Frau … die Angeklagte hier vor Gericht, wird dieser Verbrechen beschuldigt. Zuvor am besagten Abend trat sie den beiden im Salon des Hauses gegenüber und drohte ihnen mit Mord. Etliche Personen, die an dem Abend auf einer von Mrs Benhams legendären Soirees zu Gast waren, wurden Zeugen dieser Drohung. Sie werden diese Gäste hier vor Gericht hören. Und Sie werden die Haushälterin Mrs Linux hören, die aussagen wird, dass die Angeklagte gesehen wurde, wie sie Mrs Benhams Gemächer betrat, kurz nachdem diese sich zur Ruhe begeben hatte. Mrs Linux begab sich selbst kurze Zeit später nach oben, gegen ein Uhr morgens, und entdeckte den Leichnam ihres gnädigen Herrn in der Bibliothek. Unmittelbar danach betrat sie Mrs Benhams Schlafgemach und entdeckte deren Leichnam, und daneben die Angeklagte. Im Bett ihrer Herrin. Schlafend. Als die Angeklagte durch die Haushälterin geweckt wurde, hatte sie getrocknetes Blut an den Händen, an den Ärmeln.

Seit ihrer Festnahme und während der gesamten Dauer ihrer Haft … bis zum heutigen Tage weigert sie sich, Angaben zu den Geschehnissen in der betreffenden Nacht zu machen. Die Zuflucht all jener, die keine einleuchtende und ehrliche Verteidigung vorbringen können. Nun, falls sie jetzt zu einer Erklärung bereit ist, so werden Sie sie ganz sicher zu hören bekommen, Gentlemen, ganz sicher. Angesichts der dargelegten Begleitumstände des Verbrechens halte ich jedoch eine zufriedenstellende Erklärung für ausgeschlossen.«

Ich umklammere das Geländer, die Ketten um meine Hände klimpern wie Schlüssel. Ich kann seinen Worten nicht folgen. Mein Blick schweift durch den Saal, verweilt bei dem Schwert, das hinter dem Richter hängt, silbern wie ein Mondsplitter. Ich lese die Worte, die in Gold gehämmert darunterstehen. »Ein falscher Zeuge bleibt nicht ungestraft, und wer Lügen redet, soll umkommen.« Nun ja. Wir werden alle umkommen, Lügner ebenso wie solche, die die Wahrheit sagen, doch das Old Bailey hat die Aufgabe, das Ende eines Lügners zu beschleunigen. Aber das ängstigt mich nicht. Mich ängstigt die Vorstellung, in dem Glauben zu sterben, dass ich es war, die sie getötet hat.

Ich sehe Sie am Tisch der Verteidigung. Sie heben den Blick, und Ihr rasches Nicken in meine Richtung legt sich über mich wie eine Pferdedecke. Da, aufgereiht wie Porzellan auf einer Anrichte, liegen die Beweise gegen mich: Benhams Krawatte, seine grüne Brokatweste; Madames lavendelblaues Seidenkleid, ihr Nachthemd und ihr Stirnband mit der passend zum Kleid lavendelblau gefärbten Schwanenfeder. Und da ist Linux’ Fleischermesser, das meines Wissens die ganze Zeit, die ich in Madames Zimmer war, in der Küche in seiner Scheide steckte.

Aber es ist das Ding neben all diesen Gegenständen, das Sie die Stirn runzeln lässt. Als ich es erblicke, erstarre ich innerlich vor Furcht. Es schwimmt zusammengerollt in einem Apothekerglas, klein wie eine Faust. Das Baby. Jemand stößt gegen den Tisch, und es drückt sich an das Glas wie eine Wange. In Ihren hochgezogenen Augenbrauen liegt eine Frage, aber eine, die ich nicht beantworten kann. Ich habe nicht erwartet, es hier zu sehen. Das Baby. Warum darf es hier sein? Werden sie mich bitten, darüber zu reden?

Als ich es erblicke, beginnen meine Knie zu zittern, und ich spüre wieder das ganze Grauen jener Nacht. Doch der Geist ist sein eigner Raum, wie Milton sagte, er kann einen Himmel aus der Hölle und aus dem Himmel eine Hölle schaffen. Wie gelingt ihm das? Durch Erinnern oder Vergessen. Die einzigen Tricks, derer der Geist fähig ist.

Eine Erinnerungswelle brandet auf. Sie liegt im Bett, auf die Ellbogen gestützt, die Zehen in die Luft gereckt, in der Hand einen Apfel, den ich ihr vergebens schmackhaft machen möchte. »Hör zu! Hörst du zu?« Sie wippt mit einem Bein.

»Ein Wanderer sprach mir von antikem Land:

›Zwei Beinkolosse, rumpflos, steingehauen,

Stehn in der Wüste … Nah zerschellt im Sand.

Versunken halb, ein Haupt.‹«

Ich höre nur halb hin, weil das, was da gerade geschieht, unmöglich ist: Meine Herrin liegt mit mir in ihrem Bett und liest mir ein Gedicht vor! Aber auch, weil es einer dieser Momente war, in denen es mir zufiel, über das Gleichgewicht ihres Geistes zu wachen, wie die anderen es nannten, wie über einen Topf, den ich auf dem Herd hatte. Ist sie wohlauf?, frage ich mich. Ist sie wohlauf?

Sie wendet sich mir zu: »Gefällt dir das?«

»Von wem ist es?«, frage ich, und ihr Haar bewegt sich von meinem Atem.

»Shelley. Obwohl ich Byron bevorzuge, du nicht auch? Der Fürst des Melodrams.« Sie rollt sich jäh auf den Rücken und schließt die Augen. »Byron ist der Beweis dafür, falls es je eines bedurfte, dass Laster einen Mann lediglich verderben, während sie eine Frau besudeln. Ach, Frances, Frances, findest du nicht, dass jeder täglich ein Gedicht verordnet bekommen sollte? Eine Frau kann nicht nur von Romanen leben!«

Damit hatte sie recht. Ein Roman ist wie ein langer warmer Trunk, aber ein Gedicht ist ein Stachel im Kopf.

Ich habe Ihnen diese Geschichte gestern erzählt, als wir uns das erste Mal begegnet sind. Ich wollte, dass Sie etwas anderes über sie und mich wissen als die schrecklichen Dinge, die erzählt werden. Ihr Anwälte findet Hörensagen so unangenehm wie ein Plantagenbesitzer Rohrratten, und doch wird ein ganzer Charakter in einem Gerichtsprozess genau darauf reduziert.

»John Pettigrew«, sagten Sie und streckten Ihre Hand aus, die noch immer die Akte mit den Unterlagen zu meinem Fall hielt, sodass die Bänder über Ihr Handgelenk glitten. Sie spähten durch Ihr volles dunkles Haar. Ich sah Ihnen an, dass Sie wegen dem, was vor uns lag, sogar noch nervöser waren als ich.

Dann sagten Sie: »Geben Sie mir in Gottes Namen etwas, womit ich Ihren Hals retten kann.«

Aber wie kann ich Ihnen etwas geben, das ich nicht habe? Erinnern ist etwas, das geschieht oder nicht geschieht, wie Atmen.

Also habe ich Ihnen diese Geschichte erzählt. Ich glaube, ich wollte Ihnen zeigen, dass zwischen ihr und mir Liebe war. Aber was nützt das? Was auch immer sie und ich einander bedeuteten, es ist nichts, was ihr Männer je billigen würdet. Wie dem auch sei, Liebe ist keine Verteidigung bei Mord, sagten Sie, aber sehr häufig ist sie ein Grund.

Diese Geschichte handelt jedoch von Liebe, nicht nur von Mord, obgleich ich weiß, dass es nicht die Art von Geschichte ist, die Sie erwarten. In Wahrheit erwartet niemand überhaupt irgendeine Geschichte von einer Frau wie mir. Gewiss denken Sie, es wird eine von diesen Sklavengeschichten sein, überzuckert mit Elend und Verzweiflung. Aber wer wollte so eine Geschichte schon lesen? Nein, dies ist mein Bericht über mich selbst und mein eigenes Leben und über das Glück, das ich erfuhr, was etwas ist, von dem ich niemals gedacht hätte, dass es mir erlaubt sein würde, weder das Glück noch der Bericht.

Ich habe das Papier, das Sie mir gaben, und eine frische Schreibfeder, und Ihre Aufforderung, mich zu rechtfertigen.

Jeder Häftling könnte Ihnen erzählen, dass es für jedes Verbrechen zwei Geschichten gibt und dass ein Prozess im Old Bailey die Geschichte des Verbrechens ist, nicht die des Häftlings.

Diese Geschichte kann nur ich erzählen.

ParadiseJamaika1812–25

 

 

 

 

 

 

2

Ich wurde Frannie Langton genannt, bevor ich von Paradise nach London gebracht und von Langton als Dienstmädchen an George Benham verschenkt wurde, der mich dann seiner Gattin schenkte. Es war nicht meine Entscheidung, hierhergebracht zu werden, aber das gilt für fast alles in meinem Leben. Ich war Langtons Geschöpf. Wenn ich ihm zu Gefallen war, war ich mir selbst zu Gefallen. Wenn er sagte, etwas solle sein, dann war es. Aber Langton war ein Mann, der sein eigenes Anwesen Paradise genannt hatte, trotz all der Dinge, die dort vor sich gingen, und er hatte auch jedem Lebewesen auf Paradise seinen Namen gegeben. Was muss ich Ihnen noch mehr über ihn erzählen?

Wo ich herkomme, kann ein Mann dir auf mehr als nur eine Art seinen Namen geben. Er heiratet dich, oder er kauft dich. In manchen Gegenden ist das ein und dasselbe, und es wird Mitgift genannt, aber dass ein Mann nicht gezwungen ist, das zu heiraten, was er gekauft hat, ist in manchen Gegenden eine Wahrheit, die jeder begreifen muss.

Diese Geschichte wird nicht davon handeln, was mir auf Paradise alles angetan wurde oder was ich alles getan habe. Dennoch werde ich wohl manches davon wiedergeben müssen. Schon immer wollte ich meine Geschichte erzählen, auch wenn die Geschichte eines Menschen bloß ein Regentropfen im Ozean ist. Aber falls Sie schon mal am Meer gestanden haben, wenn der Regen einsetzt, dann wissen Sie, dass es zwei Sorten Wasser gibt. Meerwasser ist völlig anders als der erste kühle Tropfen, der einem frisch ins Gesicht springt, dann der nächste auf die Zunge, dann noch einer, tropf-tropf-tropf auf die geschlossenen Augenlider, bis überall um einen herum Regenwasser aufs Meer prasselt.

Die Schwierigkeit ist, einen Anfang zu finden. Mein Leben begann mit einigen wahrlich schlimmen Dingen, doch meine Geschichte muss das nicht, obwohl die Wahrheit am besten durch Leid ans Licht gebracht wird. Durch das Erleben, aber auch durch das Zufügen von Leid.

Ich kam auf Paradise zur Welt, und ich war noch ein kleines Kind, als sie mich aus den Sklavenquartieren holten und ins große Haus brachten. Lange Zeit hielt ich das für einen Glücksfall, doch es war lediglich der gewohnheitsmäßige Versuch des Lügners, die Umstände besser aussehen zu lassen als die Wahrheit.

An manchen Abenden, wenn Phibbah die Fensterläden offen gelassen und Kerzen angezündet hatte, konnte ich durch das feuchte Gras am Fluss entlangschleichen, mich hinter der Zuckermühle verstecken und das Haus bestaunen. Gelbes Licht zitterte an den Fenstern wie durch Kirchenglas, und Miss-bellas Schatten ragte grau und hoch auf, wenn sie an ihnen vorbeischwebte. Ich stellte mir vor, wie sie sich bettfertig machte, sich zu Langton rollte. Diese behäbige Art, mit der sich weiße Frauen bewegen. Anders als die Hüttenfrauen, die flink wie Hühner waren.

Auch am Morgen war das Haus ein schöner Anblick. Die Sonne blank wie Langtons Sonntagsschuhe. Das Atmen schon schwer von der Hitze, obwohl noch immer ein dünner Dunstschleier in der Luft lag. Ich nahm dann den Pfad durch das Guineagras bis zur vorderen Veranda. Draußen im Zuckerrohr warteten die Männer auf ihre Schale Brei. Gekalkte Mauern, die Veranda breit wie Schultern, Fensterläden aus Blauholz, die Miss-bella von Manso hatte anbringen lassen, um die schlechte Luft auszusperren. Mir gefiel der Gedanke, dass das Haus so jung wie ich war. Langton prahlte gern damit, dass er von Manso und den angeheuerten Steinmetzen und Zimmerleuten in den drei Jahren Bauzeit größte Präzision verlangt hatte.

Dann strich ich mein braunes Kattunkleid glatt und ging ums Haus herum. Bis zu der Stelle, wo der Fluss schwarz, träge und schlammig nach Norden bog, gehörte alles Langton. Ich setzte mich auf einen von Miss-bellas Campecheholz-Stühlen, lauschte auf das Knarren der Dielenbretter, nahm meine Arme aus der Sonne, wie ich das bei den weißen Ladys gesehen hatte, drückte die Zehen nach unten, um den Stuhl zum Schaukeln zu bringen. Schloss einfach die Augen und wartete darauf, dass der Tag gen Mittag kroch.

Bevor sie mich im Haus einquartierten, machte ich das immer nur in meinem Kopf.

 

Dann befahl Miss-bella eines Nachmittags Phibbah, mich zu holen, und Phibbah fand mich beim dritten Arbeitstrupp auf dem unteren Zuckerrohrfeld, wo wir aus unseren kleinen Körben Dung in die Setzlöcher warfen. Sie brachte mich in die Küche und wusch meine Füße im Putzeimer. Ihr Kopftuch flatterte wie eine gelbe Motte über ihren Augen, und die Hitze des Grills schlug mir gegen die Beine. Sie schimpfte eine ganze Weile, Miss-bella hätte ihre Feinde gern in ihrer Nähe, was ihr die Arbeit aufgehalst hätte, den ganzen Vormittag kleinen Niggern nachzujagen, und zog mich dann rasch hinter sich her. Ich fragte, was Miss-bella denn von mir wolle, aber Phibbah hörte mich nicht, so sehr hatte sie sich hinter ihrem Zorn verschanzt.

Miss-bella war in dem Zimmer, das ihr gehörte und auch wie sie aussah. Beide in Samt und Seide, glatt und kühl wie Eidechsen. Ein Zimmer, so riesig, dass es mir die Sprache verschlug, als ich es betrat, und so breit, dass ich das Gefühl hatte, es würde mich mit Haut und Haaren verschlingen.

Kiii! Das Haus ist endlos, wie draußen, dachte ich, aber mit einem Dach drüber und mit Fenstern, die bestimmen, wie viel Licht reinkommen kann!

Miss-bella saß in der Mitte auf ihrem Schemel, Röcke um sie herum aufgeplustert. Ich hätte sie für eine Spinne in ihrem Netz halten können, aber mit ihren kleinen, glänzenden Augen erinnerte sie mich eher an eine Fliege. Ein Krug mit Ziegenmilch stand vor ihr auf einem niedrigen Tisch, auf dem auch Maisbrot verteilt war, wie Vogelfutter oder Rattenköder. Sie nahm ein Stück in die Hand. Ich machte einen Schritt, der wie eine Glocke tönte und mich vor Schreck verharren ließ. Sogleich erhob sie sich auf einem Ozean aus schwarzem Satin und kam näher. Sie musste meine Hand ergreifen und mich den Rest des Wegs ins Zimmer ziehen. Ich erinnere mich an einen Spiegel, genau hinter ihr. Es war das erste Mal, dass ich mich selbst richtig sah – da war ich, stapfte auf mich zu wie ein wildes Geschöpf, mein Gesicht zuckte auf der Oberfläche hin und her wie ein Fisch, den ich nicht fangen konnte. Wieder blieb ich vor Schreck stehen und musste erneut weitergezogen werden.

Das Maisbrot war abgekühlt, und die Milch war warm. Beides musste schon lange Zeit dort gewesen sein, bevor sie mich holen ließ.

»Du bist also Frances«, sagte sie.

Ich machte einen Knicks.

»Ich selbst habe dir diesen Namen gegeben.«

Das verblüffte mich. Ich hatte nicht gewusst, dass Miss-bella schon vorher irgendein Interesse an mir gezeigt hatte. Ich geriet bei meinem Knicks ins Wanken und wäre fast ausgerutscht und gestürzt. Mir fiel nichts ein, was ich antworten sollte, außer ihr zu danken. Sie bewegte ihren Arm auf und ab, um mich an das Stück Maisbrot zu erinnern, das sie mir hinhielt. Inzwischen hatte ich mir mit beiden Händen je einen Brocken vom Tisch gegrapscht, doch dieses Stück nahm ich mit den Zähnen direkt aus ihrer Hand.

Sie pustete die Wangen auf, steckte sich dann die Finger in den Mund, als wollte sie sie sauber lecken. »Du bist wirklich eine kleine Wilde.«

Ich biss mir auf die Zunge.

»Es war die Entscheidung meines Mannes, dass du hier im Haus leben sollst, Frances.«

»Jawohl, Missus«, nuschelte ich um den Bissen herum, den ich herunterschlingen wollte, ehe sie mir etwas davon wegnahm.

»Du und ich haben eines gemeinsam: Wir hatten beide in dieser Angelegenheit kein Mitspracherecht.«

»Ich bin gern hier, Missus.«

»Nun denn. Anscheinend muss ich ab jetzt so etwas wie eine Mutter für dich sein.«

Was soll man darauf antworten? Ich habe meine Mutter nie gekannt, aber wir beide mussten einer schlichten Tatsache ins Gesicht sehen. Miss-bella war weiß und eine sehr feine Lady. In der Geschichte unseres heißen kleinen Plätzchens auf Erden hatte eine wie sie noch nie eine wie mich zur Welt gebracht. Braun und dick und stark wie ein Pferd war ich damals, aber als Mulattin auch heller als alle anderen Schwarzen auf der Plantage. Mit einem großen krausen Strubbelkopf, ganz anders als Miss-bellas helles, fedriges Haar, das der leichte Wind bewegte und anhob und damit spielte, während er meines missachtete.

Sie sagte noch etwas, von dem ich glaubte, dass es ihr eigenes Leben betraf und mich daher nichts anging. Und sie blickte aus dem Fenster, als sie es sagte. »Ich habe zu viele Jahre an einem Ort gelebt, wo die Schlangen nicht nur im Gras lauern, sondern auch im Haus.«

Weil sie gesagt hatte, dass sie meine Mutter sein würde, wagte ich eine Frage: »Wie lang soll ich denn hierbleiben?«

Ihr Hals war rot angelaufen, ihre Hände flatterten wie Froschbeine, und sie sah mich an und dann wieder weg, als ob ich die Sonne wäre und sie mich nicht zu lange anschauen könnte, weil es ihr in den Augen wehtat. Ich fand es seltsam, dass sie so verstört wirkte, wo ich doch das grobe Geschöpf war, das aus dem Sumpf zu ihr gebracht worden war, und sie die feine Lady des Hauses, die mir bestimmt nur ihr Mitleid schenkte, so wie sie mir Maisbrot schenkte. Miss-bella hatte Angst vor mir.

Doch dann sagte sie etwas, das meine Aufmerksamkeit jäh in eine andere Richtung lenkte, als wäre gerade ein Truthahngeier in den Raum geflogen. »Ganz gleich, wie lang, letzten Endes wird es zu lang sein.«

3

Das war 1812. Niemand verriet mir, warum sie mich ins Haus geholt hatten, und ich war zu sehr damit beschäftigt, meine Nase in saubere Baumwolle und Essensreste zu stecken, um mir darüber Gedanken zu machen. Sie sagten, ich wäre sieben Jahre alt, jedenfalls so ungefähr. Keiner dachte je genauer darüber nach. Ich hatte nie einen Geburtstag oder eine Mutter. Wenn ich Phibbah fragte, sagte sie immer nur, meine Mutter sei weggelaufen. »Und mit deiner Fragerei zauberst du auch keine her«, sagte sie. »Schreib dir das hinter die Ohren. Unsereins stellt keine Fragen, unsereins gibt Antwort. Und die Antwort ist immer Ja.«

Wenn ich jetzt die Augen schließe, sehe ich Phibbah, wie sie mit ihrem Tuch über die geflochtene Sitzbank im Empfangszimmer fährt, sie anhebt, um darunter zu fegen. Ich sehe die Campecheholz-Stühle in der Mitte zusammengeschoben, um zu lüften, sehe die Teppiche, die Miss-bella von ihrer Schwester in Bristol geschickt bekommen hatte und die sich in der Hitze zusammenrollten, als wollten sie schlafen. Das Esszimmer, wo die Porzellantassen und -teller und die weiß-blaue Teekanne in der Anrichte klapperten. Ich höre Phibbah zischen: »Verschwinde, Kindchen, geh mir aus dem Weg. Lass mich doch endlich in Ruhe.«

Es war meine Aufgabe, das Messing zu putzen, die Blumen auf Miss-bellas Frühstückstisch zu stellen und die Fliegen von ihrem Essen wegzuwedeln. Aber die meiste Zeit streunte ich durchs Haus und überlegte, wie ich mich an Phibbahs Rockzipfel hängen konnte. Sie murrte während der Arbeit, jammerte, dass ihre alten Knochen klappern würden wie Steine in einer Kalebasse, dass derjenige, der sich die Farbe Weiß ausgedacht hatte, bestimmt nie als Wäscherin gearbeitet hat, dass die Möbel von den Weißen nie irgendwas anderes taten als noch mehr Möbel ausbrüten. Ich mochte die Art, wie jedes Wort von ihr ein Vogelgezwitscher war, durch die Lücke zwischen ihren Zähnen. Vier fehlten genau da, wo meine neuen gerade gewachsen waren.

Sie war es gewesen, die mir meine ersten gezogen hatte, also fragte ich sie: »Phibbah, wer hat denn deine gezogen?« Ach, ich setzte ihr zu wie Wellen dem Sand. Kinder sind immerzu Scheuklappen und Hämmer. Grausam aufgrund ihrer Unwissenheit.

Sie erwiderte, das ginge mich nichts an. »Daran kannst du dich nicht erinnern«, sagte sie.

»Wieso?«

»Weil’s vor deiner Geburt passiert ist. Keiner erinnert sich noch an irgendwas von damals.«

Die meisten Tage schimpfte sie ohne Unterlass, aber wenn sie in der richtigen Stimmung war, gab sie mir die Grützereste aus dem Topf zu essen oder eines von ihren Maisküchlein. Wenn sie morgens vor der Küche saß und Erbsen enthülste und mit der Hand neben sich auf die Erde klopfte, bedeutete das, dass sie ein paar für mich beiseitegelegt hatte, neben dem Waschzuber. Dann schlich ich hinüber und klaubte sie auf, ihr hüpfender Arm gleich neben meinem. Aber sie wandte nie den Kopf, sah mich nie an.

Das Klickern von Erbsen in Zinn, Phibbahs Geruch nach Kohle und der Mischung aus Asche und Aloe, aus der sie Seife machte. Wenn ich den Mund hielt, erzählte sie manchmal eine Geschichte. Aber sie musste sich innerlich darauf vorbereiten, wie auf eine Welle, die man von weit draußen heranrollen sieht. Zuerst, sagte sie, musste sie ihren Atem für Geschichten finden, der ein anderer war als ihr Lebensatem.

Am liebsten hörte ich Geschichten über das Haus.

»Gibt nur einen Grund, warum der weiße Mann so ein schönes, schönes Haus wie das hier baut«, sagte Phibbah. »Mit Würmern köderst du Fische. Nachdem Massa von England gekommen war und Haus fertig hatte, hat er Brief nach Bristol geschickt. Wir haben gewusst, so sicher, wie die Nacht kommt, dass ’ne weiße Frau kommen wird. Und dann ist Miss-bella angekommen – flott wie nur was! –, wie Perlhühner angerannt kommen, wenn’s was zu futtern gibt.«

Dann hatte Phibbah eine neue Herrin anzulernen. Und sie musste sie beobachten, wie Seeleute den Himmel beobachten. Morgenrot, Schlechtwetter droht; Abendrot, Schönwetterbot’. Miss-bella kam hoch oben auf der Kutschbank vom Maultierwagen angefahren, so fehl am Platze wie ein weißer Handschuh auf einer Trockenhecke, eine klimpernde Teekanne auf dem Schoß, das blau-weiße Muster am Rand wie Vögel auf einem Ast. Sie hatte die Kissen aus dem Wagen herausgerissen, um ihr einen kleinen Thron zu bauen. Drei Nächte hatte Phibbah durchgearbeitet, um diese Kissen zu nähen, und sie hatte sie mit einem Blattmotiv aus Brokat verziert, das selbst den erwartungsvollen Bräutigam zufriedenstellte. Langton hatte gesagt, es sollte so sein, als würde man auf einer gottverdammten Wolke sitzen, wenn er loszog, um seine Frau zu holen. Und dann hatte Miss-bella sie für ihre Teekanne benutzt anstatt für ihren Hintern! Ha, aber sie würde schnell lernen. Das war Jamaika. Hier zerbrachen Dinge zwangsläufig.

 

Ob du’s glaubst oder nicht, sagte Phibbah, es hat mal eine Zeit gegeben, da sind Miss-bella und Langton zusammen ausgeritten, bevor sie begriffen hat, dass Jamaika was war, wovor sie sich fürchten sollte. In ihrem Reitrock, der aussah wie eine angeschnittene Zitrone, und ihrem Strohhut mit der blauen Feder, die grauen Augen leuchtend vor Aufregung, und Langton zu Pferd neben ihr, der ihr alles zeigte, was er besaß. Phibbah sollte Ausschau nach ihnen halten, runterlaufen und die Tür genau in dem Moment aufreißen, wenn sie zurückkamen. Sie wusste, sie würde dafür bezahlen, wenn die Tür auch nur einen Augenblick länger geschlossen blieb. Aber es gab eine Methode, wie sie schon lange, bevor sie die beiden erblickte, wissen konnte, dass sie zurückkamen. »Wie denn?«, fragte ich sie.

»So wie immer. Guck auf die Felder.«

»Die Männer beobachten?«

»Mm. Die machen alle dasselbe, wenn er im Anmarsch ist.«

»Die gucken hoch?«

»Ha! Kindchen!« Sie küsste ihre Zähne, und Luft pfiff durch die Lücke. »Die Köpfe gehen runter. Guck’s dir an. Jedes Mal, als würd ’ne Welle durch Gras gehen. Und von da, wo die Welle herkommt, von da kommt der weiße Mann.«

Miss-bella musste gepflegt werden wie eine Rose. Sie hatte die blassesten Arme, die ich je gesehen habe. Den ganzen Vormittag war sie damit beschäftigt, sie aus der Sonne zu halten. Zu allem Überfluss hatte sie eine Taille, die so schmal war wie der Schnabel eines Stärlings, und sie machte sie noch schmaler mit einem Fischbeinkorsett, das um sie gehakt war wie Rippen. Ihr Hinterteil wölbte sich unter allen möglichen Polstern und Reifen, die ihre Schwester ihr aus den Katalogen für Ladys schickte. Sie sagte, das Leben in den Kolonien könnte nur durch Beten überlebt und durch Tee ertragen werden, deshalb servierte Phibbah ihn jeden Nachmittag auf der hinteren Veranda und grummelte dabei: »Warum haben wir die einzige Weiße auf ganz Jamaika abgekriegt, die so verrückt ist, ihren Tee draußen zu trinken?«

Wir stellten Schalen mit Zuckerwasser und Kobaltgift auf, um Fliegen zu fangen, brachten den Orangenzweigfächer und die Fußwanne aus Porzellan nach draußen. Ich hätte viel lieber mein weiches, weißes Musselinkleid mit Spitzenkragen getragen (in dem Miss-bellas Gäste mich immer von oben bis unten musterten) als das aus Kattun. Aber das Musselinkleid war ausschließlich fürs Servieren bei Tisch, das aus Kattun war mein Fußwasch-Kleid.

Phibbah stand mit dem Fächer hinter ihr. Ich schob den Saum ihres grauen Rocks hoch. Ihre Zehen wölbten sich wie kleine Wimpern. Ich sah zum Zuckerrohrfeld hinüber. Fetzen aus Sackleinen und Musselin flatterten, Feldarbeiter lösten sich aus der Reihe, um Lumpen in Wassereimer zu tauchen und sie sich um die Stirn zu binden. Die Aufseher, hoch auf ihren Pferden unter dem Tamarindenbaum, schauten zu. Ich fuhr mit dem Waschlappen zwischen Miss-bellas Zehen. Ihre Füße sahen aus wie etwas, das aus einem runtergebrannten Feuer ausgegraben wurde. Trocken, zerkratzt. Nicht hübsch wie alles andere an ihr. Je weiter der Nachmittag voranschritt, desto röter wurde sie im Gesicht. Der Fächer bewegte sich durch die Luft, langsam wie ein Segelschiff. Ihre Stimme schwappte um uns herum wie das Wasser in der Wanne. Sie beugte sich nach vorne über die Tasse und seufzte.

»Dieses ganze gottverdammte Jamaika wurde dafür geschaffen, Europäer umzubringen«, sagte sie.

Phibbah ließ den Fächer gegen ihre Hüfte klatschen. »Kiii! Wenn’s Sie schon umbringt, was macht’s dann erst mit uns?«

Miss-bella erstarrte mit der Tasse an der Unterlippe. Dann lachte sie. »Tja, ich mache mir aber Sorgen um die Europäer, Mädchen. Vor allem um mich.«

Eins kann ich Ihnen sagen, ich habe erlebt, dass Phibbah wegen allen möglichen Kleinigkeiten ausgepeitscht wurde: weil irgendein Porzellanteil fehlte, weil ihr eine von Miss-bellas Teetassen herunterfiel und zerbrach, und einmal, weil sie den Salzfisch fürs Frühstück zu spät auf den Tisch stellte, aber nie habe ich erlebt, dass sie ausgepeitscht wurde, weil sie Miss-bella Widerworte gegeben hatte. Ich habe sie mal danach gefragt. »Das is’ die einzige Unterhaltung, die die Frau hat«, antwortete sie.

 

Wenn man auf irgendetwas zurückschaut, fällt die Zeit in sich zusammen, wie Erde, die in ein frisches Loch rieselt. Ich sehe uns drei – die Frauen von Paradise – wie in Glas geätzte Figuren. Und es ist, als wäre gar keine Zeit vergangen, als hätte das Mädchen, das zu Miss-bellas Füßen kniete, geblinzelt und dann nach dem Aufwachen festgestellt, dass es die Mörderische Mulattin geworden ist.

Von dort, wo ich kauerte, konnte ich bis zum Fluss sehen. Ach, es wäre wunderbar, noch einmal so etwas Weiches wie Wasser auf meiner Haut zu spüren, doch ich würde mich auch damit begnügen, auf frisch gemähtem Gras zu liegen oder nur mit den Fingern über ein gerade gewaschenes Unterkleid zu streichen. Die Luft war durchdrungen vom Geruch der Zuckerrohrabfälle, die am Fluss verbrannten, und des Orangenöls, mit dem Phibbah die Möbel polierte. »Nun geh schon rein, Mädchen«, sagte Miss-bella. »Hol mir was von der Ananastorte, die du gestern gemacht hast. Und haben wir noch Orangeade?«

Phibbah stellte den Krug bei der Tür ab. Ich hatte die ganze Zeit den Kopf gesenkt gehalten, und den Schmutz unter Miss-bellas Nägeln mit dem Zehenstocher weggekratzt, erst den einen Fuß, dann den anderen angehoben. Das Herz noch hart wie eine Trommel, aber der Rest von mir war weich geworden wie Butter in der Pfanne. Ich benutzte einen Stocher mit Elfenbeingriff, als könnte der etwas Anmut in Miss-bellas Füße zaubern. Ich hob einen zum Trocknen aus der Wanne auf das Handtuch neben ihrem Stuhl, und sie und ich lehnten uns beide zurück und bewunderten ihn. Als wäre er ein Marmorfuß im Museum. Wir taten immer so, als wären diese Füße so hübsch wie die Teetassen, genau wie wir so taten, als wäre die Teekanne nicht halb voll Rum.

Sie war noch nicht fertig mit Jammern. »Ich bin es so leid, ständig auf diese immer gleichen, nichtssagenden Berge zu schauen.«

»Wir könnten uns ja mal vorne hinsetzen«, sagte Phibbah, »wenn Sie nich’ so stur wären.«

»Oh nein. Das kann ich nicht.«

»Mit Blick aufs Meer.«

»Genau deshalb kann ich es nicht.« Sie warf ihr einen Blick zu, stechend, über die Schulter. »Aber damit kennst du dich ja aus.«

»Womit?«

»Damit, dir etwas so sehr zu wünschen, dass du seinen Anblick nicht erträgst.«

Phibbah schlug wieder und wieder mit dem Fächer zu, ermordete die Luft. »Ich hab gedacht, die Berge stören Sie. Und jetzt sagen Sie, das Meer tut’s.«

Miss-bella lachte in ihre Tasse. Dann hielt sie inne, als dächte sie nach. »Offenbar kann ich weder nach vorne schauen noch zurück.«

»Na, dann können Sie sich auch nich’ drüber beschweren, wenn Sie an der Stelle sitzen, die Sie sich selbst ausgesucht haben.«

Sie winkte ab. »Denkst du ernsthaft, ich hätte mir irgendeine Stelle auf dieser Plantage selbst ausgesucht?« Wir sahen zu, wie sie ihren Tee schlürfte, dann beiseitestellte. »Wenn mein Vater oder mein Mann doch nur ein Einsehen hätten, dann wäre ich da unten. Auf dem nächsten schnellen Klipper nach Bristol.«

Manso kam mit seinem Blecheimer an uns vorbei. Er schrie: »Hiierher! Hiierher!«, um die Kühe zu rufen, stolzierte über den Hof wie der verrückte Hahn, der nur ein rollendes Auge hatte. Beim Stall kippte er kleine Häufchen Salz auf die Erde. Die Kühe kamen angetrottet und leckten es mit trägen Zungen auf.

Bis heute erinnere ich mich deutlich daran, was als Nächstes geschah, denn das, was als Nächstes geschah, veränderte mein Leben, im Guten wie im Schlechten. Miss-bella schloss die Augen, legte ihr Buch auf die Knie, strich mit den Fingern über den Ledereinband. Ich sah ein D darin eingebettet. Ein Lufthauch zupfte an den Seiten. Manso pfiff den Kühen seine Befehle zu. Kommt rein, kommt rein. Das Buch lag da, nur ein weiteres Ding, das ich mir wünschte. Die Seiten weiß wie geschälte Äpfel. Weiß wie saubere Laken. Etwas Wildes überkam mich. Wie kann ich es erklären? Alles wurde still, wie wenn eine Eule über einen hinwegfliegt. Selbst das Säuseln des Fächers verstummte. Ich streckte die Hand nach dem Buch aus, schob sie auf ihren Schoß, dann begriff ich, was ich da tat, schreckte zurück, verfing mich an Miss-bellas Rock, kam hastig auf die Beine. Auch sie sprang auf. Das Buch rutschte herunter und fiel ins Wasser. Mein Magen sackte weg, als wäre er in einen Ozean gefallen.

»Frances!«

Der Fächer verharrte.

»Verzeihung, Missus«, sagte ich. »Verzeihung.« Ich fischte das Buch aus der Fußwanne und tupfte es mit meinem Rockzipfel ab. Angst tobte in meinem Kopf. Sie ohrfeigte mich. Mein Kopf wie ein Fisch an der Angel, ihre Hand der Haken. Beine knickten Richtung Boden.

 

Die ganze Insel war sonnengetränkt. Hitze wie Ameisenbisse. Licht wie Klingen.

Ich wischte und wischte und wischte. Ich benutzte meine Hände, meinen Rock, schüttelte das Buch wie einen Wischmopp, um es möglichst trocken zu bekommen. Ich hätte am liebsten losgeheult, aber ich traute mich nicht, nicht solange Manso zusah. Als ich klein war, hatte er mir manchmal im Vorbeigehen zugezwinkert, oder er hatte mir etwas Salz auf die Hand geschüttet, um es mir von einer Kuh ablecken zu lassen, aber das war vorbei. Wenn es etwas gab, das alle noch mehr hassten als Zuckerrohr, dann waren das die Hausnigger.

Ich saß bei den Ställen und wischte. Ich konnte die Pferde und ihr schnaufendes Atmen hören. Selbst nachdem die anderen vom Feld gekommen und in ihre Hütten gegangen waren und mir nur noch das Kii-kii-pip der Spottdrossel verriet, dass ich nicht allein war, saß ich noch immer da und wischte. Mein Schatten auf der Erde. Sie hatte mir befohlen, mich dort hinzusetzen. »Versuch ja nicht, in den Schatten zu kriechen. Ich werde dich beobachten.«

Tat sie das?

Sie war jetzt bestimmt im Empfangszimmer, und Phibbah schenkte dort den Rum aus. Wer wusste schon, wo auf der Plantage ihr Ehemann sein mochte?

Anfangs, in der Zeit, als Miss-bella noch Ausritte machte, ließ sie Phibbah einmal einen Korb mit Brotfrucht und kaltem Putenfleisch und Pampelmuse und einigen Mangos füllen, die sie am Morgen gepflückt hatten, und sagte, sie würde ihn ihrem Mann bringen, um mit ihm zu Mittag zu essen. Erst als Phibbah damit beschäftigt war, Wein in einen Flachmann zu füllen, sagte sie Miss-bella, dass das keine gute Idee sei, und als die sich nicht davon abbringen ließ, beschloss Phibbah, sie zu begleiten. Sie empfand Mitleid für diese Frau mit dem maisgelben Haar und den falschen Erwartungen. Sie entdeckten sie unter der Kokospalme, dem einzigen Ort, wo man so weit entfernt vom Haus noch richtigen Schatten fand. Langton saß da wie eine gespannte Pistole, mit dem Rücken zu seiner Frau und dem Gesicht zu den zwei Mädchen, die er da draußen hatte. Es war ein Glück, dass er sie in dem Moment nur tanzen ließ, sagte Phibbah. Sie bewegten sich leicht wie Wasser. Dunkle Körper, strahlende Augen. Braune Brustwarzen schwingend wie Wimpel. Sie schielten zu der neuen Herrin hinüber und sangen einfach weiter:

»Ich wackle mit dem Hintern, besser als du!

Ich wiege und ich dreh mich, besser als du!

Ich wackle mit dem Hintern, besser als du!

Und weil ich besser bin, verzieh dich!«

Sie wären wahrscheinlich noch immer da unter dem Baum, sagte Phibbah, weil Miss-bella lange Zeit wie erstarrt schien. Aber dann hörte Langton den Korb aus ihrer Hand fallen und drehte sich endlich um.

Das war das Ende der Ausritte, der Picknicks und der Erwartungen. Aber nicht das Ende der Tanzerei. Miss-bella musste einfach nur lernen, was alle anderen auch gelernt hatten. Immer schön wegschauen.

 

Ich sah nach oben zum Haus, wo Phibbah bald die Fensterläden schließen, mit einem Span die Kerzen anzünden und das Moskitonetz aus seiner Halterung ziehen würde, während Miss-bella sich auf einem ihrer Seidenstühle niederließ und die Füße hochlegte.

Du rührst dich nicht vom Fleck, bis mein Buch trocken ist, hatte sie gesagt. Nach einer Weile gab ich es auf, starrte auf die Buchstaben, winzig und schwarz und scharf wie kleine Krallen. Ich legte den Kopf schief, als könnte ich hören, was sie mir sagen wollten. Sie schienen gefangen, jeder einzelne an den nächsten gefesselt. Zeile um Zeile. Ich knallte das Buch zu, hockte mich hin. Das alte Zugpferd kämpfte sich die Straße vom Meer hoch, der Karren voll beladen mit Mais. Kinder rannten nebenher, schrien und traten nach den Gänsen, die um die Räder herumliefen.

Die Hintertür ging auf, und Miss-bella kam vorsichtig durchs Gras. Kleine Staubwölkchen küssten ihre Füße. Sie blickte mit mürrischem Gesicht zu mir herab. »Endlich trocken?«

Ich schüttelte den Kopf, verzog den Mund. Ich muss ein Bild des Jammers abgegeben haben, in dem sicheren Gefühl, dass ich jetzt verstoßen werden würde. Kein gelegentliches Kopftätscheln mehr, keine türkischen Naschereien mehr, kein Musselinkleid mehr. Ich hatte bestimmt schon einen Sonnenstich, denn ich zeigte auf das D, fragte, was es war. Sie beugte sich über mich. Ihr Atem war so heiß und trocken wie die Luft. »Das? Dee. Ee … Eff. Da steht Defoe.«

Erst da merkte ich, dass auch Phibbah herausgekommen war. Sie stand auf der Veranda und starrte herüber.

Miss-bella richtete sich auf, warf ihr einen langen Blick zu. Ihre Stimme wurde süß wie Melasse. »Ich bring’s dir bei.«

Ja, dachte ich. Ja, ja, ja!

»Nein!« Phibbah trat von der Veranda, schien beinahe zu fallen. »Missus …«

»Warum nicht?« Sie nickte, neigte den Kopf.

»Weil’s genug ist«, sagte Phibbah im Vorwärtsstolpern. »Genug.«

Einmal, als Miss-bella ins Haus gegangen war, spuckte Phibbah einen dicken Schwall in die Erde neben dem Rosenbusch. »Wo würd ich hingehen? Wenn ich hier abhauen würd? Direkt in die Berge, als Erstes. Als Erstes. Würd mir ’ne Muskete nehmen. Und dann bloß warten. Warten, warten, warten, bis der Tag am heißesten ist, wenn bloß Sklaven und Verrückte noch draußen sind. Und dann würd ich nach dem blauen Fleck suchen.« Das Blau in den Augen einer weißen Frau, das Blau, das sie Wedgwood nannten. »Und dann würd ich genau auf ihr Herz zielen.«

Jetzt schob sie nur die Zunge durch die Zahnlücke, starrte Miss-bella an. »Und das Gesetz?«

»Das Gesetz? Das Gesetz soll euch kleinhalten.« Miss-bella tippte mir mit einem Finger auf den Kopf. »Es soll dafür sorgen, dass unser Besitz nicht auf dumme Gedanken kommt.«

Ich stand da und sah von einer zur anderen, stumm wie eine von den Kühen.

»Ausgepeitscht gehört sie«, sagte Phibbah. »Weil sie das Buch ruiniert hat.«

»Ausgepeitscht? Ausgepeitscht?« Ihre Augen wurden stechender, glänzten feucht. »Was für ein Gedanke. Willst du das übernehmen?«

Jetzt machte Phibbah einen Schritt zurück. »Nein.«

Kiii, welcher Hass da in mir aufloderte. Wie sehr er in mir den Wunsch weckte, ich hätte ihre Erbsen nie aufgesammelt. Oder mich nie nach ihren dummen Geschichten gesehnt.

Miss-bella schaute sich um, als überlegte sie, wo sie sich zum Picknick niederlassen wollte, die Augen zusammengekniffen wie eine Messingzange. »Du hast völlig recht. Wir sollten ihr die Rute nicht ersparen. Wir wollen das Kind ja nicht verziehen. Sag Manso, er soll die anderen rufen.«

Phibbah zitterte und zitterte. »Was?«

»Du hast schon gehört. Oh, du wirst es tun, Mädchen. Oder Manso tut es. Schnell. Es wird gleich dunkel.« Sie drehte sich zu mir um, ihr Gesicht schweißnass. »Phibbah will, dass du ausgepeitscht wirst, also wirst du ausgepeitscht.«

 

Ich weiß nicht, was schlimmer war, dass ich ausgerechnet von Phibbah zum ersten Mal ausgepeitscht wurde oder dass die anderen sich versammelten, um uns beide zu begaffen. Sie mussten natürlich kommen, wenn sie gerufen wurden. Aber die meisten Leute schauen sich gern an, wenn jemand anderem so etwas widerfährt, damit sie wissen, dass es nicht ihnen selbst widerfährt.

Phibbah wartete so lange, dass es fast ein Schauer der Erleichterung war, als sie anfing. Der Moment davor ist immer der schlimmste. Dein ganzer Körper wartet. Dann hörte ich, dass sie sich hinter mir bewegte, hörte das Zischen der Rute. Schmerz senkte sich in meine Schenkel wie eine Kralle. Schnitt scharfe Furchen, tief wie Nägel. Ließ Blut hervorspritzen, nahm meinen Atem gefangen, vergrub ihn tief. Wieder ein schrilles Zischen. Ich drückte die Stirn in Erde und Gras, versuchte, nicht zu weinen, aber sie gab mir zehn Schläge, einen für jedes meiner mutmaßlichen Jahre. Sie schlug, bis das Peitschen bloß noch ein Echo in meinem Kopf war, bis, ich schäme mich, es zuzugeben, ich schrie und schrie, und zuerst wurde der Himmel schwarz, dann mein Verstand.

Die ganze Zeit stand Miss-bella reglos da, die Arme verschränkt, das Gesicht glatt wie Milch. Als ich aufsah, beobachtete sie Phibbah, nicht mich. Ihr dünnes Lächeln spannte sich zwischen ihnen, straff wie ein Nähfaden. Sie nickte, verengte die Augen. Es war, als würde sich ein innerer Teil von ihr über diesen Boden bewegen, geradewegs über den Hof gleiten und etwas zu Phibbah sagen. Am Ende war es Phibbah, die den Blick senkte, als Erste wegsah. Sie schluckte und schluckte, obwohl sie nichts im Mund hatte. Langsam zerstreuten sich die anderen. Nur Miss-bella schaute noch immer zu.

Phibbah war es auch, die mich in die Küche trug, auf meine Matratze legte und eine der Tinkturen holte, die sie mit Whiskey anrührte, den sie aus Langtons Getränkeschrank stibitzte. Sie stellte mir zittrig einen Teller mit Maisbrot hin, aber ich starrte nur darauf, Hunger rang mit Stolz, dann schob ich den Teller weg. Ich hatte meinen Zorn weggesperrt, wie einen Vogel im Käfig. Als sie sich über den Grill beugte und ein Stück Salzfisch in die Flammen hielt, gingen ihre Schultern wie ein Blasebalg. »Schwerer für mich als für dich«, sagte sie. Ich sagte nichts. »Die zieht dich an wie ein Püppchen, und jetzt will sie dich abrichten wie ein Hündchen. Aber wenn einer euch zwei dabei erwischt, beim Lesen, wirst du es zu spüren kriegen. Verstanden? Hör auf mich, Frances.« Sie spuckte meinen Namen aus wie einen weiteren losen Zahn. »Hör auf mich. Nix auf der Welt ist gefährlicher als eine Weiße, die sich langweilt. Verstanden?«

Ich zuckte mit den Achseln. In meiner Welt war an diesem Nachmittag nichts gefährlicher gewesen als sie. Ich konnte sehen, wie ihre Finger um den Salzfisch zitterten, aber sie nahm sie nicht weg. Sie würde sich die Hände verbrennen. Geschah ihr recht.

»Aber du hast ja nich’ –«

Ich stand auf.

»Wo willst du hin?«

Sie folgte mir nach draußen. Die Hunde sprangen auf, kamen in der Hoffnung auf Abfälle angetrabt, die Rücken gekrümmt wie Schiffsskelette. »Haut ab!«, schrie sie. »Verschwindet!«

Sie packte meine Hand. Langes Schweigen entstand zwischen uns, während ich mich von ihr festhalten ließ. Als ich aufblickte, sah ich ihre Wange klopfen wie ein Herz. »Du denkst nie drüber nach, warum sie dich ausgesucht haben. Denkst du etwa, das war Glück? Das kannst auch bloß du denken.«

»Was ist falsch daran, was lernen zu wollen?«

»Lerne, das zu wollen, was du hast.«

»Und was ist das?«, fragte ich. »Was hab ich denn?«

Sie starrte und starrte, und ich starrte zurück. Ein Lächeln legte sich auf ihr Gesicht, sie fing an zu beben, und dann kroch das Beben langsam durch ihren ganzen Körper, wie blubbernde Melasse. Sie warf den Kopf in den Nacken und lachte und lachte. Und dann lachte ich auch.

4

Ich versuche, diese Geschichte so wiederzugeben, als wäre es meine. Doch ich schaue mir an, was ich bislang geschrieben habe, und sehe, wie viel ich von meinem Papier und meiner Tinte für Miss-bella vergeudet habe. Das Problem ist, dass mir immer alles nur durch sie widerfahren ist. So war das einfach. Viele in England haben gesagt, dass mich das gelehrt haben muss, wie man hasst. Wie musst du sie gehasst haben, Frannie Langton! Die beiden! Doch die Wahrheit ist kein Tuch, das sich jeder selbst zurechtschneiden kann. Die Wahrheit ist, dass es Liebe ebenso gab wie Hass. Die Wahrheit ist, dass die Liebe schmerzlicher war.

Mir Lesen beizubringen, war das einzige Versprechen, das Miss-bella je gehalten hat. Während der gesamten Erntezeit in jenem Jahr kniete ich an dem Tisch im Empfangszimmer. Ein honigsüßes Glücksgefühl durchdrang mich, während sie die Seite berührte, meinen Ellbogen, ihr warmer Atem an meinem Hals. Ihre Hände kühl wie Schwämme. Wenn Phibbah gelegentlich vorbeikam, sah sie mich an, verdrehte die Augen, klapperte mit den Zähnen, und es kümmerte sie nicht im Geringsten, ob Miss-bella das sah oder hörte. Sie behielt recht, nach einer Weile langweilte es Miss-bella tatsächlich, mich zu unterrichten, doch da wusste ich schon so viel, dass ich die Bücher aus der Bibliothek nahm, wenn niemand es sah, und allein weitermachte. Selbst Miss-bella sagte es: Ich lernte unwahrscheinlich schnell. Zu ihrem und meinem eigenen Erstaunen.

 

Phibbah sagte, dass sie Langtons Namen nicht gern in den Mund nahm. Aber sie sprach trotzdem über ihn. »Das Erste, was ich von dem mitgekriegt hab, war, dass er nich’ gekommen is’, als sie ihn gerufen haben … wie der streunende Köter, der er nun mal is’.«

Seine Eltern hatten ihn als Kind auf die Schule nach England geschickt, sagte sie, genau wie die meisten kolonialen Söhne. Er hatte sich mit dem Wissen der Weißen vollgestopft und ihnen dann geschrieben, er werde nicht zurückkommen, er wolle sich selbst einen Namen machen, als Mann der Wissenschaft. Allein das Salz von Mistress Sarahs Tränen hatte zum Würzen ihres Porridges ausgereicht, als sie das las, weil sie dachte, ihr Sohn müsse sich schämen: für Jamaika, für ihre erfolglose Plantage. Viele dieser kolonialen Söhne bekamen nicht nur Bildung mit, sondern auch Scham, wenn sie nach England geschickt wurden. Jahre vergingen. Dann starb sein Vater, und Mistress Sarah bat ihn zu kommen, beteuerte, er habe nun keine andere Wahl: Ich flehe dich an. Eine weiße Frau kann auf Jamaika nicht sich selbst überlassen bleiben.

Sie schrieb ihm Brief um Brief und erhielt keine Antwort. Drei Monate später war auch sie tot. Gelbfieber. Die Krankheit hatte sie auf den Umfang eines Schürhakens abmagern lassen, weshalb es nicht lange dauerte, ihr Leichenkleid zu nähen, aber Phibbah musste es ihr auch anziehen. Irgendwann war sie allein in dem Schlafzimmer, allein mit dem Leichnam und dem Waschtisch und der Porzellanschüssel. Sie wollte sie auf den Boden schleudern. Um herauszufinden, wie sich das anfühlte. So eine Gelegenheit würde sich ihr vielleicht nie wieder bieten. Stattdessen begann sie, den schlichten Kragen mit den Gagatknöpfen zu schließen, von dem Mistress Sarah gesagt hatte, sie sollte ihn ihr anlegen, doch sie wurde vom Klingeln der alten Kupferglocke unterbrochen.

Als sie die Tür öffnete, putzte Langton seine Stiefel an der Fußmatte ab, die sie am Morgen noch ausgeklopft hatte.

»Wieso, wenn ich fragen darf, hat man mich warten lassen?«

»Ich hab mich gerade um Ihre Mutter gekümmert.«

»Und wo ist sie?«

»Gestorben.«

»Verstehe.« Seine Augen huschten umher wie Fliegen. »In dem Fall hätte es sich gehört, dass du dich erst um die Lebenden kümmerst statt um die Toten.«

 

»Dann hat er zurückkommen müssen«, sagte Phibbah. »Für immer. Irgendeiner hat ja die Plantage führen müssen. Obwohl, das Einzige, was er am Anfang gemacht hat, war immer bloß rumlaufen. Rumlaufen, rumlaufen, rumlaufen.« Marschierte jeden Morgen mit einem Mann in Köperjacke herum, der mit demselben Schiff angekommen war, beide zu warm gekleidet. Langton zeigte auf irgendwas, der Mann nickte; binnen weniger Tage wurde alles dahingerafft wie ein Nebenbuhler nach einer Dosis Obeah. Das alte Herrenhaus, das Aufseherhaus, das Kochhaus, der Kornspeicher, sogar die Zuckermühle, eins nach dem anderen. Das hätte ein Zeichen sein müssen: Langton war ein böser Wind. Massa Hurrikan. Sie fragten sich, woher er das Geld hatte. Sein Vater hatte sein Lebtag keinen halben Dollar zurücklegen können. Eines Nachmittags traute sich Manso, den neuen Massa nach seinen Plänen zu fragen. Langton lachte auf, heiser von seiner Pfeife. Spuckte aus. »Das war mal die Plantage meines Vaters, Junge. Ich mach sie zu meiner.«

 

Im neuen Haus gab es für jede Sache, die ein Körper an einem einzigen Tag je tun konnte, einen Raum. Essen, Schlafen, Gäste empfangen, Begatten. Aber die Bibliothek war der beste von allen. Kiii, da konnte der Blick durch den ganzen Saal wandern, und überall gab es Bücher zu sehen.

Lesen war das Beste und das Schlimmste, das mir je passiert ist. Noch immer sehe ich all diese Buchrücken vor mir: Vesalius’ Corpus Humani, die Philosophical Transactions der Royal Society, Newtons Principia, die Encyclopaedia. Aber es gab auch Romane, die Miss-bella kommen ließ, wenngleich Langton sie ganz unten in die Regale stellte. Das waren die Bücher, die ich liebte. So eins in der Hand zu halten war, als würde ich all die Dinge auf der Welt in der Hand halten, die geschehen konnten und nur noch nicht geschehen waren. Ich musste warten, bis Miss-bella sie ausgelesen hatte, aber dann konnte ich sie hinter den Anrichten lesen, bis ich Schritte hörte. Ich las mit offenem Mund, als könnte ich aus all diesen Büchern den reinsten Zucker löffeln. Nachts versteckte ich mich in der Küche und las beim Licht einer Talgkerze, die ich selbst gemacht hatte, aus in einem alten Zinnteller geformtem Rindertalg. Bücher beantworten Fragen mit Fragen, dennoch konnte ich nicht genug bekommen. Und wenn ich jetzt darüber nachdenke, war es viele Jahre später, als ich Madame kennenlernte, genauso.

 

Eines Nachmittags war ich unerwartet mit Einsamkeit und einem Buch und einer schönen Aussicht gesegnet. Langton und Miss-bella waren mit dem Buggy rüber zu den Copes gefahren. Phibbah war an ihrem Grill. Niemand beobachtete die Veranda außer den Kühen, und die waren vollauf damit beschäftigt, das sumpfige Flussufer abzugrasen. Ich stibitzte etwas von Phibbahs Rum-Punsch und setzte mich mit Candide nach draußen. Es war einer dieser Momente, die ein Quäntchen Glück bescheren, wie eine Prise Salz im Kuchen, was natürlich auch bedeutete, dass er nicht von Dauer sein konnte.

Ich hörte den Buggy nicht kommen. Und ich bemerkte auch erst, als ich mich aufsetzte, dass Langton neben mir stand, abgewartet hatte, bis ich aufsah, bevor er etwas sagte. Er ging in die Hocke, gemächlich wie der Fluss, und sah dabei aus wie etwas, das man fürchten sollte. »Amüsierst du dich?«

Der Atem war wie eine Säge in mir. Ich spürte, wie sich etwas in meinem Kiefer drehte, als würde ein Schloss einrasten. Mir blieb keine Wahl, als ihn reden zu lassen. »Und würdest du dir wohl Jamaikas bedauernswerte Gesetze anschauen«, sagte er, »die gebrochen um uns herumliegen?«

Ich wandte fast den Kopf, als wollte ich mir diese bedauernswerten gebrochenen Gesetze ansehen, aber er hielt meinen Kiefer fest. Ein flehender Laut entwich mir.

»Nein. Ich möchte, dass du mir eine Seite vorliest. Erweise mir den Gefallen. Ich vermute, du weißt, was so ein schönes Wort wie erweisen bedeutet. Schließlich bist du ja ein lesender Nigger. Aber eines weißt du vielleicht nicht, nämlich was passiert, wenn du es nicht tust.«

Nässe tränkte den Rücken meines Kattunkleides. Ich musste den Drang unterdrücken, Reißaus zu nehmen. Er rieb sich die Hände. »Ich stelle dich vor ein Nigger-Dilemma, Mädchen. Obwohl mir klar ist, dass Nigger nicht daran gewöhnt sind, Entscheidungen zu treffen. Also pass auf! Erstens: Du liest mir eine Seite vor und behältst deine Hände. Oder zweitens: Du liest mir nicht vor und findest dann heraus, was passiert.«

Worte strömten aus mir heraus, in der gleichen Art, wie ich Miss-bella hatte beten hören, laut und abgehackt und gepresst. Ich weiß nicht mal mehr, was ich las, aber ich erinnere mich sehr genau daran, dass ich das Buch schließlich auf das Geländer legte und er darauf deutete. »Das ist jetzt deins. Du kannst es behalten.« Ich verstand nicht, was er meinte, bis er mich vorwärtszerrte und sagte, ich solle anfangen, Seiten herauszureißen.

Ganze Zeitabschnitte verlieren sich für uns im Dunkeln, aber wir können nicht bestimmen, welche. Dieser ganze Vorfall kehrt in einem langen hellen Strahl zu mir zurück, obwohl ich wünschte, ich könnte ihn verschlingen, so wie Langton mich zwang, Candide zu verschlingen. Zerkautes Papier wie Knorpel in meinem Hals. Langton über mich gebeugt, laut darüber nachdenkend, wer einem seiner Nigger das Lesen beigebracht hatte. Als gäbe es auf der ganzen Plantage nicht bloß zwei Personen, die dafür infrage kamen. Ich aß, bis es sich anfühlte, als würde das Papier ein Loch in mich bohren, und dann aß ich weiter, bis ich nur noch den einzigen Wunsch hatte, in dieses Loch hineinzukriechen. Doch dann stutzte Langton, als hätte ihn irgendetwas gestochen, das er herausziehen und sich später genauer ansehen müsste.

Als er das tat, hatte ich so viele Seiten von Candide heruntergewürgt, dass ich mich auf meine Brust erbrach. Er ließ mich glimpflich davonkommen. Erst später fragte ich mich, warum.

5

Miss-bella hatte eine solche Angst vor Krankheiten, dass sie zwangsläufig krank werden musste. Am ersten Tag hatte Phibbah ihr die drei Dinge erklärt, die sie tun musste, um auf Jamaika zu überleben. Barfuß laufen, damit die Erde ihre Füße trocknen konnte; Baumwolle statt Wolle tragen; und baden, ob sie wollte oder nicht. Die Engländer badeten nur äußerst ungern, aber kein Weißer konnte Jamaika überleben, wenn er nicht zweimal täglich badete.

»Wer auf Nigger-Territorium überleben will«, sagte Miss-bella oft, »sollte auf das Wort eines Niggers hören.« Phibbah zündete Räucherschalen an, die alle Zimmer mit einem Rauchschleier und Orangenduft erfüllten, um die Moskitos fernzuhalten. Sie rieb Miss-bella mit Salben und Tinkturen ein, die sie selbst zusammenmischte, und sie bugsierte sie morgens und abends trotz ihrer Gegenwehr in die Zinnwanne. All die Jahre hütete sie Miss-bellas Gesundheit, als hinge ihr eigenes Leben davon ab.

Denn Phibbah war eine Heilerin. Sie hatte das Wissen von ihrer Mutter, altes Wissen. Solange du es im Kopf mit dir herumträgst, können sie es dir nicht wegnehmen, sagte sie oft. Nicht wie Waffen oder Essen oder Kleidung. Alle kamen zu ihr. Von Guineapocken bis zu schmerzenden Füßen, sie wusste, was zu tun war. Sie kannte die heilende Wirkung von Paprikaschoten, stacheligem Gelbholz, Priprioca und Ipecacuanha, das Miss-bella Brechwurzel nannte. Der Wundarzt bezeichnete es als Drecksmedizin. Nigger-Arznei. Rinden und Zweige und Blätter. Phibbah sei bloß ein Affe, der im Dreck herumscharrt und zufällig etwas findet, um seine Affenkrankheiten zu heilen.

Ein Jahr nachdem ich lesen gelernt hatte, bekam Langton Besuch von einem Botaniker. Einem Mr Thomson. Gebeugt, dünn, mit einem schütteren Ziegenbart, ein dickes schwarzes Buch unter den Arm geklemmt. Er trug einen grauen Wollmantel, selbst in der Mittagshitze, und sagte, er reise von Insel zu Insel. Jemand auf der Nachbarplantage Mesopotamia hatte ihm von Phibbah erzählt, deshalb war er auf einem ihrer Maultierkarren hergekommen, sagte er, um die zaubermächtige Negerin mit eigenen Augen zu sehen. Beim Dinner drehte er die Schweinerippchen in seinen Händen hin und her, als hätte er so etwas noch nie gesehen, nagte sieben davon bis auf den Knochen ab, ohne auch nur ein Wort zu sagen, und erst als kein Fleisch mehr da war, löste sich seine Zunge, Lippen und Finger fettverschmiert, und er erzählte von seinen Reisen nach Kuba und Haiti, den Pflanzenarten, die er gesammelt hatte, dem Arzneibuch, das er schreiben würde, sobald er wieder in Dorset war. »Diese Neger-Ärzte –«

Langton unterbrach ihn, zog die Wangen ein. »Kein Einziger von meinen Niggern ist Arzt.«

»Nein. Nein. Dann eben Buschärzte«, verbesserte sich Thomson. »Aber die –«

»Halbe Tiere sind bekanntlich keine Botaniker«, zischte Langton, verschränkte die Arme und lehnte sich zurück. »Das hat Long gesagt.«

»Genau genommen hat Long gesagt, dass sie von Natur aus Botaniker sind.«

Langton schnaubte. »Ein und dasselbe.«

Phibbah und ich an der Anrichte sahen uns vor, in unseren eigenen Gedanken gefangen. Ich konnte hören, wie Frösche sich räusperten und die Hunde draußen kleine fiepende Laute von sich gaben, als sie irgendwas jagten. Ich war klebrig feucht unter den Armen, wagte kein Wischen, keine Bewegung. Langton klatschte einen Moskito zu einem schwarzen Fleck auf dem Tischtuch. Ich schielte zu ihr hoch, wünschte, sie würde irgendwas sagen. Phibbah ist kein halbes Tier!, wollte ich schreien. Doch sie blieb, wo sie war, und sagte nichts, stille Atemzüge sangen in sie hinein und wieder heraus, das Gesicht breit wie ein schwarzer Mond.