Das Ginsterhaus - Elisabetta Bricca - E-Book

Das Ginsterhaus E-Book

Elisabetta Bricca

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Beschreibung

Nach dem Tod ihrer Mutter nimmt Sveva eine berufliche Auszeit, um ein Versprechen einzulösen: in Umbrien nach ihrem Vater zu suchen, den sie nie kennengelernt hat. Gebannt von der wohltuenden Natur, werden Erinnerungen an sorglose Kindertage wach. Eines Tages begegnet ihr der sanftmütige Norweger Rurik, der ebenfalls Gründe hat, in der magischen Landschaft nach Entspannung zu suchen. Beide fühlen sich zueinander hingezogen, und Sveva ist endlich bereit, das Geheimnis ihres Vaters zu ergründen ...

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Seitenzahl: 243

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Inhalt

CoverÜber dieses BuchÜber die AutorinTitelImpressumWidmungProlog1.2.3.4.5.6.7.8.9.10.11.12.13.14.15.16.17.18.19.20.21.22.23.24.25.26.27.28.29.EpilogElisabetta Bricca im GesprächDanksagung

Über dieses Buch

Nach dem Tod ihrer Mutter nimmt Sveva eine berufliche Auszeit, um ein Versprechen einzulösen: in Umbrien nach ihrem Vater zu suchen, den sie nie kennengelernt hat. Gebannt von der wohltuenden Natur, werden Erinnerungen an sorglose Kindertage wach. Eines Tages begegnet ihr der sanftmütige Norweger Rurik, der ebenfalls Gründe hat, in der magischen Landschaft nach Entspannung zu suchen. Beide fühlen sich zueinander hingezogen, und Sveva ist endlich bereit, das Geheimnis ihres Vaters zu ergründen ...

Über die Autorin

Elisabetta Bricca, geboren und aufgewachsen im Herzen Roms, studierte Soziologie und Medien- und Kommunikationswissenschaften. Sie arbeitet als Werbetexterin und Übersetzerin, DAS GINSTERHAUS ist ihr Debüt als Romanautorin. Mit ihrer Familie lebt sie in Umbrien in einem mittelalterlichen Landhaus mit Blick auf den Trasimenischen See.

ELISABETTA BRICCA

DASGINSTERHAUS

ROMAN

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige eBook-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

  

Deutsche Erstausgabe

  

Für die Originalausgabe:

Copyright © Elisabetta Bricca

Titel der italienischen Originalausgabe: »Il rifugio delle ginestre«

Originalverlag: Garzanti S.r.l., Gruppo editoriale Mauri Spagnol, Milano

Published by arrangement with Donzelli Fietta Agency srls

  

Für die deutschsprachige Ausgabe:

Copyright © 2019 by Bastei Lübbe AG, Köln

Umschlaggestaltung: Kirstin Osenau

Unter Verwendung von Motiven von © Shutterstock: schankz | versh | Luboslav Tiles | Olena Mykhaylova | SeDmi | Pawaris Pattano09 | Polarpx | Ian_Stewart und © serts / iStockphoto

eBook-Erstellung: Dörlemann Satz, Lemförde

  

ISBN 978-3-7325-7205-2

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

 

Für Flaminia, Viola und Antonio

Mein Blut, mein Herz meine Wurzeln

 

Jede Geschichte hat einen Anfang.

Einen Anfang, der auch ein Ende ist, denn ihr werdet sehen:

Es findet alles wieder zusammen.

PROLOG

In den Hügeln von Umbrien

Sie ist eingeschlafen und träumt von stillen Feldwegen in einer lauen Frühlingsbrise, träumt, wie ihre Seele in den Armen von Malvina zu Atem kommt. Ohne zu denken. Weder an ihre Mutter noch an ihren Vater.

Sie schläft, ganz einfach als das Kind, das sie ist, in nach Lavendel duftender Bettwäsche.

Plötzlich weckt sie das Summen einer Biene an ihrem Ohr.

Das Zimmer ist in bernsteinfarbenes Licht getaucht. Sie steht auf, geht zum Fenster und schiebt die Vorhänge beiseite. Rot wie eine reife Kirsche prangt die untergehende Sonne über den Hügeln.

Auf dem Kiesweg hüpft eine Amsel pickend umher. Sveva erkennt, dass es ein Weibchen ist, denn ihr Schnabel ist nicht gelb. Das weiß sie von Malvina. Von ihr weiß sie auch, wie man Mauersegler von Schwalben unterscheidet, die auf dem Weg zu ihren Nestern unter der Dachrinne steil in den Himmel aufsteigen. Und sie weiß von ihr, wie man giftige Pflanzen von harmlosen unterscheidet, das Gute vom Bösen.

Malvina wohnt am Ende des schattigen Weges, im nächsten Bauernhaus. Sie trägt unter dem Kinn zusammengebundene, geblümte Kopftücher, ist immer da, wenn Sveva sie braucht, flicht ihr das Haar in zwei straffe Zöpfe, und wenn sie sich sträubt, dann versetzt Malvina ihr eine zärtliche Kopfnuss.

Sveva ist noch verschlafen, von unten dringt ein sanfter, warmer Duft herauf. Barfuß geht sie die Treppe hinunter.

Malvina steht mit dem Rücken zu ihr in der Küche mit dem Terrakottaboden. Sie schiebt Hefezöpfe in den Ofen.

Beim Geräusch der tapsenden Füßchen dreht sie sich um. Über dem blauen Hausanzug trägt sie eine Schürze, an ihrem Kinn klebt ein wenig Mehl.

»Komm und nimm dir einen«, sagt sie ermunternd. Sveva nähert sich, streicht mit den Fingern über die glänzende Oberfläche: Sie ist noch warm.

»Wo ist Mamma?«, fragt sie.

Malvina setzt sich, ihr langer, von einigen grauen Strähnen durchzogener kupferfarbener Zopf fällt ihr über die Schulter. »Sie ist mit einem Freund essen gegangen.« Mit der Handfläche klopft sie auf den Stuhl neben ihrem. »Setz dich, iss etwas.«

»Ich wollte, dass sie mir heute Abend eine Geschichte vorliest.« Sveva schiebt das Brot zur Seite und zieht eine Schnute. Malvina wirft ihr einen besänftigenden Blick zu, streicht ihr mit der mehlbestäubten Hand über die Wange.

»Wenn du magst, mache ich das.«

Sveva nickt halbherzig und lässt die dünnen Beine hin und her baumeln.

»Titania und die Waldfeen haben noch viel zu erzählen«, sagt Malvina und senkt die Stimme zu einem Flüstern. »Und auch die alte Eule«, fährt sie fort und stößt ein unheimliches »Schuhuu« aus. Schließlich kitzelt sie Sveva, um ihr ein Lächeln zu entlocken, was aber nicht gelingen will.

»Hör auf, du tust mir weh«, sträubt sich Sveva. »Ich will meine Mamma.« Sie streckt die Hand nach der geflochtenen Ginsterkrone auf dem Tisch aus.

»Die hat sie für dich dagelassen«, sagt Malvina.

Tatsächlich ist das nur die halbe Wahrheit. Ljuba hat sie geflochten und dann auf dem Tisch liegen lassen.

Mit einer stolzen Bewegung setzt Sveva sie sich auf den Kopf.

Malvina atmet auf. »Magst du mir helfen?«

Ohne Begeisterung sieht das kleine Mädchen sie an. »Darf ich zum großen Baum, wenn ich dir helfe?«

Malvina seufzt wieder. Der große Baum ist der uralte Olivenbaum, der am Feldrand hinter dem Bauernhaus steht. Ein magischer Ort, Hüter längst vergangener Zeiten, an dem auch sie als Kind oft Zuflucht gesucht hatte, um dem eigenen Herzschlag zu lauschen und die tröstliche Energie der Natur zu spüren.

»Und deine Feenfreundinnen?«

Das Kind nickt.

»Natürlich darfst du, ich weiß, wie wichtig es dir ist, aber vorher hilfst du mir beim Backen. Magst du?«

Sveva runzelt die Stirn und streckt ihr die Zunge heraus.

Malvina öffnet die Schublade am Tisch, zieht eine rote Schürze hervor und bindet sie ihr unter den Achseln fest. Sie bedeutet Sveva, sich auf einen Stuhl zu knien, schüttet einen kleinen Berg Mehl vor ihr auf, gießt die in Wasser aufgelöste Hefe in die Mitte. Sveva taucht ihre Hände hinein, und das Gemisch aus Wasser und Mehl duftet, wie in ihrer Erinnerung Regen und Korn duften.

Malvina legt die Hände über die der kleinen Sveva, und so kneten sie den Teig.

Sie kneten gemeinsam, folgen den gleichen wellenförmigen Bewegungen, die Finger im weichen Teig miteinander verflochten.

Als Malvina die Zöpfe in den Ofen schiebt, nutzt Sveva die Gelegenheit, aus der Küche zu schlüpfen.

Den Blumenkranz noch auf dem Kopf, läuft sie barfuß hinaus.

Der verwachsene große Baum erhebt sich majestätisch im Mondlicht. Er ist so eindrucksvoll, dass er ihr gleichzeitig Ehrfurcht und Bewunderung einflößt. Ein gutmütiger Riese, den die Jahre gezeichnet haben.

Mit den Fingern streicht sie über die ungleichmäßigen Löcher in der Rinde, dann setzt sie sich mit dem Rücken an den Stamm. Sie ruft die schimmernden Wesen herbei, von denen ihr Malvina und ihre Mutter erzählt haben.

Dann wartet sie.

Eine kleine Schnecke taucht neben ihrem Fuß auf.

»Zeigt euch, bitte.« Mit angehaltenem Atem wartet sie weiter. Ihre Arme sind starr vor Kälte. »Bitte, ich weiß, dass ihr da seid.«

Sie verharrt ganz still, aber kein Blatt regt sich, kein schimmerndes Wesen erscheint. Tränen der Enttäuschung rinnen über ihre Wangen. »Ihr existiert nicht. Ihr seid nicht da.« Sie reißt sich die Krone vom Kopf, wirft sie auf die Erde. »Lügnerinnen!«, bricht es aus ihr heraus. »Lügnerinnen!«, wiederholt sie mit zusammengebissenen Zähnen und zertrampelt voller Zorn den Ginster.

»Wenn wir etwas nicht sehen können, dann heißt das nicht, dass es nicht existiert.«

Sveva erstarrt, wendet ihr Gesicht der Stimme zu.

Malvina steht vor ihr, in Dunkelheit gehüllt. Nur ihr Gesicht schimmert, glänzt wie ein Diamant in schwarzer Brunnentiefe.

»Beruhige dich, cittina, Kindchen.« Sie legt Svevas Hand auf das funkelnde Medaillon in ihrer zarten Halskuhle. »Mach die Augen zu und lass den Atem fließen.« Sveva gehorcht, ohne Fragen zu stellen, so macht sie es immer, wenn die Bäuerin da ist. »Spürst du das Herz im großen Baum? Es schlägt genau wie deins.«

Anfangs hört und sieht sie nichts. Dann breitet sich von dem Medaillon ausgehend eine durchdringende Wärme aus. Ein Wispern scheint in der Luft zu liegen, etwas, das sie neben sich spürt, aber nicht benennen kann. Trotz des nächtlichen Windes ist ihr Nacken schweißbedeckt, und Schauer laufen ihr über die entblößten Arme.

Einen Moment, nur einen kleinen Moment lang, verspürt sie Angst. Mit der freien Hand sucht sie nach Malvinas und drückt sie.

Malvina hält sie fest. Sie streicht ihr das Haar aus dem Gesicht, haucht ihr einen Kuss auf die geschlossenen Lider.

Sveva riecht Lavendelduft und Seife. »Malvina …«, flüstert sie mit tränenverschleierten Augen. »Geh nicht weg. Da war irgendetwas. Ich habe Angst …«

Die Frau nimmt sie auf den Arm und summt ihr ein beruhigendes Schlaflied ins Ohr. Sveva kuschelt sich an sie, das Gesicht an ihre Schulter gedrückt.

Der Wind hat sich gelegt, und die Sterne leuchten wie Glühwürmchenschwärme auf den Feldern rund um das Bauernhaus.

1.

Rom

Der herbstliche Himmel über Rom war grau. Der Himmel dieser Stadt, die mittlerweile auch zu Svevas Stadt geworden war.

Das San-Camillo-Krankenhaus war ein Klotz aus abgeblättertem Putz, dem vier kahle Yuccas an der Front als Dekoration dienen sollten.

Sie betrat die Empfangshalle. Machte den MP3-Player aus, ohne die Kopfhörer abzunehmen, und wandte sich in Richtung Onkologie. Dann stieg sie die Treppen hinauf und trat durch die Tür im zweiten Stock.

Die Wände auf dem Flur hatten eine blassgelbe, kalte Farbe. Es stank nach Chloroform.

Eine alte Frau kam, auf einen Rollator gestützt, mühsam den Flur entlang. Sie war allein, ihre Gesichtshaut sah aus wie Pergamentpapier, und ihre geschwollenen Füße waren in uralte Pantoffeln gezwängt. Sie lächelte, als sie vorbeischlurfte. In ihren Augen blitzte es pfiffig auf, wie bei einem Kind, das gerade bei einem Streich ertappt worden war.

Sveva senkte den Blick und ging weiter zu Zimmer sieben. Die Tür war angelehnt, sie stieß sie auf und trat ein.

Ihre Mutter lag im Bett, die Beine unter einer weißen Decke. Ihre Arme ruhten an den Seiten, im linken Unterarm steckte eine Infusionsnadel.

Die wenigen Haare auf ihrem Kopf waren hell, sie sahen ganz flauschig aus, wie bei einem Lämmchen. Sie schlief, ja. Der Atem hob und senkte gleichmäßig ihre Brust. Und in dieser Brust lag ihr Herz.

Ein Herz, das noch schlug.

Sveva kniff die Augen zusammen, ihre Beine fühlten sich an, als wären sie im Boden verankert. Ihr Herz war nicht in diesem Körper, sondern lebte in der Erinnerung. In der Erinnerung an ein Lächeln, an Seidentücher und heimliche Küsschen im Schutz einer Decke.

Diese Wärme ihrer Mutter, an die sie sich immer verzweifelt zu klammern versucht hatte.

In Svevas Herz aber lebte auch blanke Wut: auf dieses Vagabundenblut, das durch Ljubas Venen floss und dafür gesorgt hatte, dass sie zeitlebens so unstet gewesen war; auf die Einsamkeit, die Sveva von jeher in ihrem Inneren verspürte und nicht aufzulösen vermochte.

Und nun war es zu spät.

Die Wörter flogen in ihrem Kopf durcheinander, und es gelang ihr nicht, sie zu ergreifen. Wo war das Wort für Einsamkeit? Das für abgewiesene Liebe? Wo war der Lauf ihres Lebens so jäh unterbrochen worden, dass er nun nicht mehr wiederherzustellen war? Zu viele Jahre hatte sie schweigend in ihrem Schmerz verbracht, während sie nach außen vorgab, alles wäre gut. Aber wenn dein Lächeln unecht ist und du in der Stille deines Zimmers heimliche Tränen vergießt, dann ist gar nichts gut. Du bist nicht du selbst. Reden hilft nicht, Schreien hilft nicht. Niemand hört dir zu. Also bleibt dir nur ein Lächeln. Glauben kannst du an gar nichts mehr, aber lächeln. Immerzu.

Ihre Schwester Sasha saß neben dem Bett. Den Kopf in die darauf verschränkten Arme gelegt.

Sie hatte sie seit einem Jahr nicht mehr gesehen und wünschte, dass all diese Zeit niemals vergangen wäre. Zeit, in der viele Dinge geschehen waren, unter anderem Reynauds Tod. Sein Wagen war ins Schleudern geraten und dann die Felsen hinuntergestürzt.

Er, dem im Leben kein Risiko zu groß gewesen war, hatte Ljuba so sehr geliebt und immer geglaubt, er sei für sie der einzige Mann. Doch er hatte sie nicht zu fassen bekommen, flüchtig wie der Wind war sie ihm entwischt.

Sasha war die Frucht ihrer Liebe, dieser Liebe zwischen Rom und Paris, bestehend aus atemlosen Wochenenden, Sex und nicht gehaltenen Versprechen.

Sasha, große Schwester, Ärztin; die Frau, die Sveva niemals sein würde.

Denn es gab diesen einen beträchtlichen Unterschied zwischen ihnen: Sasha hatte ihren Vater gekannt, Sveva den ihren nicht. Und er hatte auch nie nach ihr gesucht.

Sasha hob leicht den Kopf, ihre Augen waren geschwollen, und zwei tiefe Falten zogen sich von ihren Mundwinkeln hinunter. Sie sah Sveva an, und ihre Augen füllten sich mit Tränen. Svevas Gesichtsausdruck war so hart, irgendwie resigniert und herausfordernd, so hatte Sasha sie noch nie gesehen.

Mittlerweile war Sveva zu einer Frau geworden, und doch konnte sie in ihren bebenden Lippen noch immer die Zerbrechlichkeit des Kindes sehen, das sie einst auf den Armen getragen hatte.

Sie hatte ihr gefehlt. Oh ja. Jeden Tag ihres Lebens in Indien. Seitdem sie vor Jahren in ärztlicher Mission nach Varanasi gegangen war.

Sie hatte ihr E-Mails geschrieben, sie gebeten zu kommen.

Sveva hatte nur ein einziges Mal geantwortet und nur, um ihre Einladung abzulehnen.

»Schaffe es nicht, zu viel zu tun«, hatte sie geschrieben. Aber Sasha kannte sie. So war sie eben: Sie lehnte Hilfe ab. Sie war sie nicht gewohnt.

Eine andere Gelegenheit wäre ihr für ein Wiedersehen lieber gewesen. Vielleicht in der Bar della Pace, wo sie so gerne mit Ljuba auf einen Aperitif hingegangen waren und den neuesten Tratsch ausgetauscht hatten. Aber nun saßen sie beide hier, an diesem Krankenbett.

Wer hat gesagt, dass nur die Liebe Menschen zusammenbringen kann? Auch der Schmerz vermag das.

Sveva blieb, wo sie war, als wäre sie mit der Tür verbunden.

Flehend streckte Sasha ihr die Arme entgegen.

Sveva atmete tief ein, ballte die Hände zu Fäusten und öffnete sie wieder. Sie bewegte sich zögernd, machte einen Schritt auf sie zu. »Wie lange das her ist, Sasha.«

Sie nickte. »Komm her und drück mich ganz fest.«

Und als sie sich in ihre Arme warf, sah Sasha in den Augen ihrer Schwester den gleichen verlorenen Blick, den sie schon als Kind gehabt hatte.

Bei Sonnenuntergang verließen sie die Klinik. Die Krankenschwester hatte gesagt, es sei nicht nötig, über Nacht zu bleiben. Sie hatten sich bei Ljuba verabschiedet, die dank einer hohen Dosis Morphium fest schlief. Die Schwestern entschieden, nicht im Haus der Mutter in Prati zu übernachten, ihre Abwesenheit wäre zu schmerzhaft gewesen. Sveva und Sasha fuhren nur auf einen Sprung vorbei, um für Sasha etwas zum Wechseln und einen Pyjama zu holen.

In Svevas Wohnung schliefen sie wenig und schlecht, ineinander verschlungen im selben Bett. Die kleine Wohnung lag im Viertel Monti di Roma. Es gab zwei Zimmer und ein Bad; an den elfenbeinfarbenen Wänden hingen farbenfrohe Drucke von Paul Klee.

Im Schlafzimmer des barocken Hauses war ein großes Fenster, das auf den Innenhof hinausging.

Ein gekachelter Hof mit verblühten Topfblumen, die der ungewöhnliche Oktoberwind in diesem Jahr nicht verschont hatte. Ein kleiner Olivenbaum stand auch dort, mit seinem dünnen Stamm sah er fast schwindsüchtig aus.

Es war Sonntagmorgen, Kaffeeduft lag in der Luft. Das große Bett war noch ungemacht.

Durch das geöffnete Fenster hörte man das Klappern von Geschirr.

Sasha stand vom Schreibtisch auf und ging zu der Kochnische. Zwei Hängeschränke, ein alter Gasherd, ein weißer, beschichteter Tisch und zwei Stühle.

Sveva stand mit dem Rücken zu ihr und wollte gerade den Kaffee einschenken. Sasha nahm eine Zigarette aus dem Päckchen, das sie in der Pyjamatasche trug, und steckte sie an. Sie nahm einen Zug.

Plötzlich musste sie weinen. Ljuba lag im Sterben, und sie fürchtete, mit ihr auch Sveva für immer zu verlieren. In den letzten Jahren war die Mutter die einzige Verbindung zwischen ihnen gewesen.

Sveva reichte ihr eine Tasse und setzte sich ihr gegenüber. Ihr Haar war verstrubbelt, sie trug ein großes T-Shirt, das ihr bis zu den Knien reichte. Schweigend griff sie nach der Zigarette in Sashas Hand, nahm einen Zug und drückte sie im Aschenbecher aus. Sie blickte sie ungerührt an.

Sasha wischte sich mit dem Handrücken die Tränen weg, versuchte zu lächeln. »Ich mache etwas zu essen für Mamma.« Sie stand auf. Sveva streifte ihren Arm, ganz leicht. Das war ihre Art zu zeigen, dass sie da war.

Sveva fuhr wieder ins Krankenhaus, Sasha blieb zu Hause, um ein wenig auszuruhen.

Sie saß am Bett, eine Hand auf dem Arm ihrer Mutter, die schwer atmete. »Im Schrank ist eine kleine Flasche. Gib mir einen Schluck Wein, mein Schatz.« Ljuba sah sie bittend an.

Sveva zögerte. »Nein, Mamma, du darfst nicht. In deinem Zustand kommt das nicht infrage. Wenn du Durst hast, trink Wasser.«

Weder wollte sie diskutieren noch die Flausen ihrer Mutter anhören.

Es war schon später Vormittag, und bald würde sie in die Agentur fahren müssen. Sie hatte sich zwei freie Stunden erbeten, und es war schon verwunderlich, dass ihr Chef sich darauf eingelassen hatte.

»Bitte, mein Schatz.« Das Licht des kalten Novembertages fiel schräg durch das Fenster, legte sich auf Ljuba und ihre trockene, gelbliche Gesichtshaut. Ihre Lippen waren so rau, dass sie aussahen wie Schleifpapier. Sie versuchte ein Lächeln, aber man sah ihr an, wie schmerzhaft es sein musste.

»Bitte. Ich brauche das.«

Sveva seufzte. Sie fror. Dieses Zimmer war so steril, dass es keinerlei Wärme zuließ.

Sie warf sich ein wollenes Cape über die Schultern, öffnete die Schublade in der Kommode neben dem Bett, nahm die Flasche heraus und goss etwas Wein in einen Plastikbecher.

Ljuba schloss die Augen, sie atmete wieder schwer. Wie ein zartes Vögelchen sah sie aus, nur ihr Kopf war zu groß.

»Hier, Mamma.«

Sie half ihr, sich aufzusetzen, Ljuba öffnete ihre Lider nur ein kleines Stück. Sie trank den Wein in winzigen Schlückchen. Dann hustete sie und sah ihre Tochter an. Ihre Pupillen waren stumpf, wie traumverschleiert.

»Ah«, flüsterte sie. »Ich kann die roten Weinberge sehen. Die schweren Trauben.« Sie legte den Kopf ein wenig in den Nacken; Sveva wollte sie stützen. Fragil, wie Ljuba war, fürchtete sie, sie könnte zerbrechen. »Der Mostgeruch und der sanfte Wind in meinem Haar.« Sie lächelte. Ein zartes Lächeln, das sich jedoch sofort in eine schmerzverzerrte Grimasse verwandelte.

Sie kniff die Lider zusammen und atmete langsamer.

»Mamma!« Sveva nahm sie bei den Schultern, schüttelte sie sanft. »Mamma«, sagte sie noch einmal mit brüchiger Stimme.

»Wer … Ruf die Krankenschwester.« Ljubas Flüstern war kaum zu hören.

Mit angehaltenem Atem drückte Sveva energisch den roten Knopf über dem Bett.

Die Tür wurde sofort geöffnet. Die Krankenschwester warf einen schnellen Blick auf die Patientin, fühlte ihren Puls. »Ich muss ihr noch eine Dosis Morphium verabreichen.« Sie füllte die Spritze auf, steckte die Nadel in die Infusion und drückte die Flüssigkeit hinein. Sveva beobachtete, wie die Frau im weißen Schwesternkittel ihre Aufgabe erledigte, die Spritze in den Müll warf und grußlos verschwand.

Ljuba drehte den Kopf auf die Seite, sie atmete langsam. Dann drehte sie sich mit einer gequälten Bewegung mühsam ihrer Tochter zu. Ihre Augen waren noch immer geschlossen.

Sveva strich ihren Arm entlang, vom Ellbogen bis zum Puls und wieder hinauf.

»Er war Indigo.« Die Wörter kamen ihrer Mutter unsicher über die Lippen. Sie nuschelte unbeholfen. »Indigo wie ein Sommerhimmel, wie das Meer, wie die Farbe an seinen Händen.«

»Wer denn, Mamma?«

Sie sah sie mit Tränen in den Augen an. »Dein Vater. Und ich habe ihn geliebt. Habe ihn so sehr geliebt. Aber jetzt bin ich müde, alles ist so durcheinander. Verzeih, Sveva, verzeih mir.«

»Schsch, alles ist gut. Streng dich nicht zu sehr an. Wenn es dir besser geht, erzählst du es mir …« Svevas Handflächen waren schweißnass, sie hatte einen Kloß im Hals. Ihr Vater … Er hatte eine Leere in ihrem Inneren hinterlassen, die nie verschwunden war. Was wollte Ljuba ihr erzählen? Das abgedroschene Märchen von der Liebe? Ihr verraten, wie er gestorben war? Das wollte sie gar nicht wissen. Nicht mehr. Es war sinnlos. Nicht, nachdem sie ihr ganzes Leben ohne ihn verbracht und zwischen Gegenwart und Vergangenheit einen unüberwindbaren Graben gezogen hatte. Aber nun entdeckte sie eine andere Frau in ihrer Mutter, eine, die ihr fremd war. Sie streichelte ihr die Stirn, trocknete die Tränen, die ihre eingefallenen Wangen benetzten. Ljuba hustete noch einmal.

»Mamma, bitte …«

»Nein, mein Schatz, ich sterbe. Ich weiß, ich war nicht die Mutter, die du dir gewünscht hast, mein Schatz, aber ich habe versucht, dich zu beschützen, so gut ich konnte.« Sie suchte Svevas Hand und verflocht ihre Finger mit ihren.

»Versprich mir …« Sie hustete wieder und schnappte nach Luft. »Versprich mir, dass du noch einmal zum Bauernhaus fährst.« Ljuba blickte sie an, aber es war, als sähe sie Sveva nicht.

Sveva senkte den Kopf. Sie hatte nicht die Kraft, mit Ljuba zu diskutieren, und wusste nichts zu sagen. Schließlich warf sie einen Blick auf die Wanduhr und stellte fest, dass sie dringend losmusste, wenn sie nicht zu spät zum Meeting kommen wollte.

»Mamma …«

»Versprich es mir, Sveva.«

Sie konnte es nicht. Die Worte blieben ihr in der Kehle stecken, bevor sie die Lippen erreichten. Sie atmete tief ein, wünschte sich fort, wünschte, sich im Grau des Himmels auflösen zu können. Aber sie gab nach, denn sie wusste, dieses würde ihr einziges und letztes Versprechen an die Mutter sein.

»Ich werde hinfahren. Nun beruhige dich, versuch, dich auszuruhen …«

»Hörst du das? Zefferino singt zwischen den Rebstöcken. Und vor meinen Augen wird alles zu Blau. Dein Vater und ich im Blau. Such ihn, Sveva … Such das Indigo.« Ljuba träumte mit offenen Augen und weigerte sich aufzuwachen.

»Mamma.« Sie streifte ihre Hand. »Mamma, ich muss gehen.«

Ljuba drehte ihr sanftmütig den Kopf zu, und ihre Lippen formten ein Lächeln. Ihr Blick folgte Sveva, die ihre Tasche nahm, zur Tür ging und sich ein letztes Mal umdrehte. Sie hob die Hand zum Gruß, aber Ljuba konnte sie nicht sehen.

2.

Draußen war es kalt. Sveva lief nervös die Straße entlang und wickelte sich fest in ihr Cape. Ihr Telefon klingelte. Sie sah auf die Nummer – die Agentur. Es klingelte weiter. Ein-, zwei-, dreimal. Am liebsten hätte sie es weit von sich geworfen.

»Ja.«

»Wo bist du?«, blökte die ungeduldige Stimme des Chefs sie an.

»Bin in zehn Minuten da.«

»Beeil dich, wir wollen anfangen.«

Sie wollte antworten, dass ihre Mutter, verdammt noch mal, krank war, aber er hatte schon aufgelegt.

Wütend stieg sie ins Auto und schlug die Tür zu. Was für ein Idiot. Sie ließ den Motor an und stürzte sich in Roms kollabierenden Verkehr.

Im imposanten Konferenzsaal – alles voller Stuck und Fresken – erläuterte gerade der Marketingchef des multinationalen Konzerns Gambler begeistert die Eigenschaften ihres neuen revolutionären Waschmittels und deutete mit einem Stock auf seine Powerpoint-Präsentation.

Sveva trat verstohlen ein und hoffte, dass niemand ihre Verspätung bemerken würde. Doch sie spürte den eisigen Blick ihres Chefs auf sich, in dem ein »Wir sprechen uns noch« deutlich zu lesen war.

Sie setzte sich neben Roberto, den Art Director, der konzentriert schon einen Entwurf für die neue Kampagne skizzierte. Er warf ihr einen schnellen Seitenblick zu und ließ unter seinem rötlichen Schnurrbart ein Lächeln aufblitzen.

»Das Cape steht dir hervorragend, vor allem, weil man ahnt, was darunter steckt.« Roberto, wie er leibte und lebte, immer dieselbe Leier. Sveva fand ihn unerträglich.

Sie stieß einen Seufzer aus, und ihr Blick fiel auf Paola, die Produktionsassistentin, deren Augen von mindestens fünf Schichten Mascara umrahmt waren.

»Zicke.« Roberto richtete den Blick wieder auf seine Entwürfe und ließ sie in Ruhe.

Ein Glück, dachte Sveva und versuchte, sich auf Statistiken, Grafiken und den neuen Reiz des Produkts zu konzentrieren, aber je mehr sich der Marketingchef begeisterte, desto weiter schweifte sie ab.

Sie wusste, sie würden die Nächte durcharbeiten müssen, um das Layout zu entwerfen. Die Amerikaner waren die schlimmsten Kunden. Ihr Motto lautete »schnell und gut«, und sie verspürte nicht die geringste Lust, sich über das neue wunderwirkende Splash den Kopf zu zerbrechen. Es würde lediglich die Umwelt noch mehr verschmutzen und einige Hausfrauen in der Illusion wiegen, reine Wäsche und ein wenig mehr Zeit für sich gewonnen zu haben. Dabei war es nur synthetischer Abfall. Eine Probe des Waschmittels, dessen penetranter Maiglöckchenduft ihr Übelkeit verursachte, wurde herumgereicht.

Sie ertrug das alles immer weniger. Und es wurde mit jedem Tag schlimmer. Sie wollte nur noch davonlaufen.

Ihr Blick wanderte aus dem Fenster. Ihr Vater war Indigo. Wie ein Sommerhimmel. Aber da draußen, ebenso wie in ihrem Inneren, herrschte Grau. Es hatte angefangen zu regnen, ein Spatz hüpfte schutzsuchend auf das Fensterbrett. Plötzlich drang die Kälte Sveva bis in die Knochen. Was sie jetzt brauchte, waren ein Kaffee und eine Zigarette, und dieses verdammte Meeting sollte endlich zum Ende kommen.

Der Chef wirkte sehr aufmerksam, aber Sveva beobachtete, wie seine Hand unter dem Tisch mehrfach über Paolas in schwarze Leggins gezwängten Oberschenkel strich. Das übliche Getue. Scheinheiligkeit bis zum Gehtnichtmehr.

Die Wanduhr zeigte 13 Uhr. Mittagspause.

Sveva war sicher, dass sie das nur gedacht und nicht laut ausgesprochen hatte, aber der Marketingchef beendete seinen Vortrag mit einem »Bis später« und steckte die Folien in seine Tasche zurück.

In Windeseile entfloh sie dem Konferenzsaal, wurde dann aber auf dem Gang von einer Stimme aufgehalten.

»Wo gehst du hin?«

Ihr Chef kam mit ernster Miene auf sie zu. Mit seinem Aussehen wäre er in Filmen wie Love Story die perfekte Besetzung für einen Preppy gewesen.

»Ich muss mit dir reden.«

»Hat das nicht Zeit bis nach dem Essen, Massimo?«

»Nach dem Essen geht das Meeting weiter.«

Sie hasste sein snobistisches Gehabe, den Anzug von Armani und sein teures Parfüm. Hasste sein faltenfreies Gesicht und den überheblichen Blick, mit dem er sie ansah. Sie wusste, was sie erwartete, wusste, dass sie mal wieder nicht um die Predigt in seinem Büro herumkommen würde.

Massimos Büro war elegant, üppig bestückt mit Zeitschriften, Büchern und Preisen des Art Directors Club.

Er ging voraus und schloss nach Svevas Eintreten die Tür hinter ihnen, dann nahm er an seinem großzügigen weißen Schreibtisch Platz. Sveva blieb stehen. Draußen regnete es weiter.

»Du warst immer die beste Texterin, die ich jemals hatte …«

»Ich weiß. Komm zur Sache.«

»Du vergisst zu oft, dass ich dein Chef bin.«

»Und du, dass ich auch ein Leben außerhalb dieser Agentur habe.«

Sie kannten sich seit Jahren, aber während Massimo seine Existenz vollkommen der Karriere und den damit verbundenen Auszeichnungen gewidmet hatte, ertrug Sveva das Ganze nicht mehr.

Sie hatte den Wettkampf, die Verantwortung satt. Hatte es satt, ihm und der Agentur Stunde um Stunde ihres Lebens zu widmen. Hatte es satt, heiße Luft zu verkaufen.

»Ich mache es kurz: Deine Arbeit lässt nach. Du bist nicht bei der Sache und kommst dauernd zu spät. Du bist desinteressiert, Sveva. Vielleicht wirst du langsam einfach zu alt für diesen Job.«

Sie wandte den Blick ab, biss sich auf die Innenseite ihrer Wangen. Versuchte, sich zusammenzureißen. »Ich ertrage das alles nicht mehr, Massimo. Ja, du hast richtig gehört. Ich bin nicht wie du, und die ganzen Auszeichnungen, die Karriere, die Anerkennung, diese Drecksagentur, das alles interessiert mich nicht mehr. Ich will dir nicht mehr mein Leben widmen. Wenn du also meinst, ich sei nicht mehr die Richtige, dann triff eine Entscheidung.«

Er ließ sich in den Ledersessel zurückfallen und machte sich eine Zigarette an. »Ich will dich als Mitarbeiterin nicht verlieren. Vielleicht bist du einfach nur erschöpft.«

»Dann gib mir Zeit, lass mich Luft holen. Wie du weißt, habe ich gerade ziemlich viel um die Ohren.«

Massimo deutete ein Lächeln an, zog an seiner Zigarette und blies ihr den Rauch ins Gesicht. »Tatsache ist, dass wir keine Zeit haben.«

Sveva zuckte mit den Schultern. »Okay. Kann ich jetzt trotzdem essen gehen, Herr der Zeit?«

Massimo brach in aufrichtiges Lachen aus. »Du kannst so eine Zicke sein! Geh schon und hol dir deinen doppelten Espresso. Wir sehen uns später.«

Noch mal geschafft. Sie kannte Massimo und wusste mit ihm umzugehen.

Es goss in Strömen, als sie ohne Regenschirm auf die Straße trat. Unter einem Vorsprung suchte sie Schutz und holte ihr Telefon aus der Tasche.

Fünf Nachrichten:

Roberto. Sie las sie nicht einmal.

Livia, ihre beste Freundin, lud sie zum Essen beim Japaner ein und …

Sasha. Entgangener Anruf um 11:40 Uhr.

Sie rief sofort zurück.

»Hallo«, meldete sich Sasha mit belegter Stimme.

»Was ist los?«

Pause.

Die Stimme ihrer Schwester klang brüchig, als sie wieder sprach.

»Sie ist tot.«

»Ich bin sofort da.«

3.

Sveva lief durch den Regen, irgendwann rannte sie. Um sie herum verschwammen die Umrisse der Häuser und Straßen. Die klatschnassen Haare fielen ihr ins Gesicht. Sie dachte nicht. Fühlte nicht. Funktionierte einfach nur.

Sie fuhr wie eine Irre, verursachte fast einen Unfall. Aber es kümmerte sie nicht.

Sasha wartet bereits vor Ljubas Zimmer im Krankenhaus auf sie.

Sie sah völlig ausgelaugt aus, ihre Augen waren feuerrot. Als sie Sveva sah, warf sie sich in ihre Arme, hielt sie ganz fest. Sveva drückte sie an sich, weinte aber nicht. Sie konnte nicht. Sie wusste nicht, was sie tun oder sagen sollte.

»Wo ist sie?«, fragte sie nur.