Das Goldene Herz - Vanessa Winter - E-Book

Das Goldene Herz E-Book

Vanessa Winter

0,0
2,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Als Aurea Vitaes Reise beginnt, ist sie unglücklich verheiratet. Ihr Mann Devius, König der Welt und ein hitzköpfiger Magus der Dunkelheit, macht ihr das Leben schwer. Wie es das Schicksal will, findet sie heraus, dass ihr ehemaliger Verlobter Ian Vehemens einer ihrer Gefährten ist, die sie auf der Reise begleiten sollen.Alte Gefühle blühen wieder auf, doch ihre Liebe scheint aussichtslos. Wird das goldene Herz ihr bei der Suche nach dem Seelenverwandten helfen können? Und was hat es mit dem Gott der Luft Jae-Hwa auf sich, der mit ihr ebenso verbunden zu sein scheint?

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 472

Veröffentlichungsjahr: 2013

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Über die Autorin

Vanessa Winter wurde am 13.08.1991 in Baden-Württemberg geboren. Sie wuchs in der malerischen Klosterstadt Maulbronn auf und fühlt sich dieser sehr verbunden. »Das Goldene Herz« entstand im Jahre 2009, als die Autorin durch das Schreiben versuchte, die häusliche Gewalt in ihrer Beziehung zu verarbeiten. Im Laufe der Zeit arbeitete sie die Geschichte aus, bis sie zu dem wurde, was sie heute ist.

Ihr Interesse am Schauspiel bewegte sie außerdem dazu vier Drehbücher zur Buchreihe zu schreiben, die sieben Romane umfassen soll.

Der Künstlername „Winter“ steht für ein Herz aus Eis, das sich von Romantik nicht mehr beeindrucken lässt und zu einer Autorin gehört, die trotzdem darüber schreibt.

DANKSAGUNG

Ich möchte mich zuerst bei meiner Familie und meinen Freunden bedanken, die mehr in mir gesehen haben als ich selbst und dies wahrscheinlich auch immer tun werden. Im Einzelnen danke ich speziell:

- Junho Lee für das wundervolle Lied und die Unterstützung

- meinen lieben Liv und Nika, die sich alle Mühe gemacht haben mein Herzblut im Voraus zu lesen. Ich empfehle wärmstens Nika Bechtels eigenes Buch »Irminar«

- meiner Schwester und besten Freundin Nadja für die erste Korrekturlesung

- Janina für die liebevolle Gestaltung des Hardcover-Umschlags

- Herwin für die Map-Erstellung, sowie die netten Gespräche. Cheers!

- Wo wir schon beim netten Gespräch sind, muss ich an Herrn Prinz und Frau Bergler denken. Dankeschön!

- So viele meiner Kollegen, die mich unterstützen. Ganz besonders Sigi, Shirley, René, Sanae, Juri & Songül … the list goes on and on!

- Jun Kim & dem gesamten »A Song For You« Team, inklusive Hottest

- Colin Morgan für das Entgegennehmen meines Geschenks

- Mario – dafür, dass wir trotz allem Freunde bleiben. Obwohl unsere Wege sich trennen werden, warst du mein erster und größter Fan – hoffentlich ändert sich das nicht. Wir waren einfach zu jung, um die Liebe zu verstehen.

- Sevki – ohne dich hätte ich bestimmt niemals von K-Pop erfahren. Du bist die Art Freund, bei dem man einfach und uneingeschränkt sein kann wie man ist.

- Ting - my shooting star :)

- Papa – dafür, dass du deine Töchter so sehr liebst.

- Mama – dafür, dass du so viel von mir hältst.

- Oma – für deine ständige, liebevolle Sorge um mich.

- Opa – dafür, dass du selbst mit über achtzig noch der Mann für alles bist.

- so vielen anderen, lieben Menschen die mir das Leben verschönern

und schließlich DIR fürs Lesen meines Buches :)

Vanessa Winter

Das Goldene Herz

Band 1 – Kraft der Liebe

www.tredition.de

Das Goldene Herz, Band 1 – Kraft der Liebe

© 2013 Vanessa Winter

Umschlaggestaltung: © Olga Drozdova (fotolia.com)

Landkarten: © Herwin Wielink (fantasy-maps.com)

Lektorat, Korrektorat: Nadja Wagner

weitere Mitwirkende: Nika Bechtel, Olivia Brown, Mário Silva

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN: 978–3–8495-7048-4

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Für Colin Morgan, das Herz und Junho Lee, die Seele dieser Geschichte.

Außerdem widme ich dieses Buch allen, die noch an die Kraft der Liebe glauben.

Kraft

»Es ist unglaublich, wie viel Kraft die Seele dem Körper zu leihen vermag.«

(Wilhelm von Humboldt)

GEFANGEN

GEGENWART

PARK JAE-HWA (AERIUS, GOTT DER LUFT)

»Lasst mich raus!«, flehte er nun schon zum siebten Mal, seit er heute morgen die Stimmen vor der Tür wahrgenommen hatte. In allen ihm bekannten Sprachen sprach er die Götter dort draußen an, versuchte zu dem durchzudringen, was sie einst gewesen waren - Menschen.

Jae-Hwa kniete auf dem alten Holzboden, sein Ohr fest an die Tür gepresst, die man von innen nicht öffnen konnte. Langsam wurde das verschwommene Gerede etwas klarer.

»Alle wurden informiert.«

»Bist du dir da sicher?«

» Wir können kein Risiko eingehen. Das weißt du.«

» Vertraut mir. Die Gruppe befindet sich auf dem Weg zum Gasthaus.«

» Was ist mit Aurea?«

Aurea … Allein der Gedanke an sie war wie eine Klinge, die sein Herz durchbohrte. Der kalte Stahl weckte ihn auf und sorgte dafür, dass er augenblicklich wieder auf den Füßen stand.

»Das Schiff verlässt heute die Insel.«

Aurea war bereits dabei ihrem Schicksal zu begegnen, während er wie ein hilfloses Tier in eine Hütte eingesperrt wurde, sie nicht beschützen konnte.

Jae-Hwa hämmerte erneut gegen die Tür.

»Verdammt nochmal, lasst mich raus!«, verlangte er dieses Mal auf Englisch.

»Da ist aber einer sauer«, spottete jemand, den er als den Gott des Wassers erkannte.

Diesen Mistkerl würde er sich vorknöpfen, sobald er wieder frei war. Kieve und Jae-Hwa hatten einander noch nie gemocht.

Irgendwie kam in ihm das Gefühl auf, dass der Gott des Wassers, den Sterblichen unter dem Namen »Imber« bekannt, etwas mit seiner Gefangenschaft zu tun hatte. Seine Worte machten ihn wütender, bewogen ihn dazu fester auf die Tür einzuschlagen.

Nach einer gefühlten halben Stunde des wilden Klopfens wurde ihm bewusst, dass seine Hände mittlerweile wund waren. An den Knöcheln löste sich Haut ab, in seinem Ringfinger steckte ein Splitter. Mit schmerzverzerrtem Gesicht entfernte er eben diesen.

Seine Hände heilten sich von selbst – schließlich war er unsterblich. Na ja, fast. Es gab nur eine Waffe auf der Welt, die Körper und Seele der Götter vernichten konnte. Die allmächtige Waffe.

Eine Silhouette erschien jetzt am Fenster über dem Schreibtisch.

Kieve.

»Mach’s dir gemütlich, Jae-Hwa. Wirst noch eine Weile hier bleiben müssen.«

Obwohl er wusste, dass die von Engeln erschaffenen Fenster der Hütte sich weder öffnen ließen noch zerbrechen würden, warf er mit voller Wucht einen Stuhl dagegen. Wie erwartet prallte er davon ab und fiel zu Boden. Verärgert trat er ihn in die andere Ecke des Raumes.

Er fühlte sich wie ein Löwe im Käfig, der es kaum erwarten konnte seine Wärter zu zerfleischen.

»Du …!«, quetschte er aus zusammengebissenen Zähnen hervor.

Jedoch fiel ihm kein passender Begriff für Kieve ein.

Die Zeit würde kommen, der Tag, an dem man ihn befreite. Dann brauchte er keine Worte mehr – Gewalt war eine Sprache, die jeder verstand. Er würde sich rächen, für all die Demütigung durch Kieve, für dieses Gefängnis – dafür, von Aurea ferngehalten zu werden.

Der Schatten am Fenster entfernte sich langsam.

Gur der Kater, der einzige Gefährte, den man ihm hier gelassen hatte, strich an Jae-Hwas Beinen entlang. Jae-Hwa kniete sich neben ihn, nahm ihn vorsichtig auf den Arm. Gurs Krallen bohrten sich dabei in sein Fleisch, schmerzten ihn ein wenig, hinterließen jedoch keine Spuren.

»Du magst es nicht, wenn ich böse bin. Ich weiß«, seufzte er, an das Bett heran tretend, »Wir werden Aurea bald wiedersehen, Gur. Das verspreche ich.«

Ein Versprechen, das er vielmehr sich selbst gab als dem schnurrenden Kater.

»Ich muss sie wiedersehen.«

DER AUFBRUCH

GEGENWART

AUREA VITAE

»Ich kann nicht hier bleiben«, sagte Aurea und sie wollte auch nicht bleiben. Sie fürchtete sich vor allem Dauerhaften. Jede Faser ihres Körpers sehnte sich nach der Fremde, der Ferne, doch sie hasste es ihre Mutter verletzen zu müssen und vermied daher sie anzuschauen.

Deren große, grüne Augen hafteten trotzdem auf ihr. Für eine Sekunde waren es Ians blaue am Sommermorgen, an dem er sie verlassen hatte. Ihre Knie wurden weich. Sie konnte kaum noch atmen.

»Aurea … Aurea!«, rief eine vertraute Stimme. Aureas rechte Hand spielte nervös mit dem klobigen Verlobungsring.

»Du hast ihn ja immer noch«, stellte ihre Schwester Notin vorwurfsvoll fest. Aurea steckte den Ring in einen Beutel, der an ihrem goldenen Stoffgürtel hing.

»Das geht dich nichts an«, erwiderte sie knapp, ihre Mutter nun erst recht nicht mehr ansehend, »Ich muss gehen.« Sie drehte sich um, verließ schnellen Schrittes das Haus.

Der Regen prasselte gnadenlos auf ihre unbedeckten Arme und erinnerte sie daran, dass sie ihren weißen Baumwollumhang im Haus vergessen hatte. Sie kehrte trotzdem nicht mehr um, möge die Kälte sie noch so sehr quälen. Es war Zeit aufzubrechen.

Sicherlich plagten sie Angst und Zweifel an ihrem Vorhaben, doch all dies erschien ihr im Moment angenehmer, als an einem Ort zu verweilen. Morgen Abend würde sie bereits weit weg von diesem Ort sein.

Ihre Schritte wurden immer schneller, je näher sie ihrem Ziel kam. Sie roch voller Vorfreude bereits das Meer, hörte die Besatzung schreien. Bald war das gigantische, weiße Schiff, das mit goldenen Lettern verziert war, in Sicht. Der Schriftzug »Aurea« war auf dem Bug zu erkennen, wenn er auch nicht so glänzte wie er es normalerweise bei sonnigem Wetter tat. Es war nach ihr benannt.

Sie redete sich ein es sei alles besser als hier zu bleiben. Selbst wenn sie hier bleiben wollte, hatte sie keine Wahl. Sie musste ihre Pflicht erfüllen, denn ohne sie war die Welt verloren.

Mit gemischten Gefühlen lief sie die Rampe zum Schiff hinauf. Die Leute, die ihr entgegenliefen, verneigten sich vor ihr, traten aus dem Weg.

»Königin Aurea«, vernahm sie leise von einer Frau, die sie ehrfürchtig anstarrte.

Sie war von heute auf morgen rein durch Mundpropaganda der Ältesten zur Berühmtheit geworden. Alle hier respektierten sie. So viele Menschen der Welt Arcanum taten dies. Taten sie es nicht, bekamen sie den Zorn ihres Ehegatten zu spüren.

Der Gedanke versetzte ihr einen Stich. Jedes Mal, wenn sie den Magus der Dunkelheit sah, fühlte sie sich bedroht. Aureas Vergangenheit war geprägt von Dunkelheit, Schmerz, Einsamkeit und Vertrauensbrüchen. Einem Menschen, der die Dunkelheit beherrschte, konnte sie auf keinen Fall trauen.

Aufgrund der Prophezeiung der Engel zwang man sie ihn zu heiraten. Sie hasste ihn. Sie hasste, ihn auf der Reise dabei haben zu müssen. Noch schlimmer war es aber mit ihm im Palast zu sein. Eingesperrt, abgeschieden vom Rest der Welt.

Ihre Kindheit war bereits ein Gefängnis gewesen. Nun wurde ihr dieses Schicksal ein weiteres Mal zuteil. Nein, sie mochte sich nicht mehr mit ihrer Vergangenheit beschäftigen – zumindest nicht mit ihrer Kindheit.

Angestrengt zwang sie sich dazu an etwas anderes zu denken und lehnte sich gegen die goldene Reling. Der Wind hauchte ihr sanft ins Gesicht, als habe er vor sie aufzumuntern. Er war damit nicht sonderlich erfolgreich.

Nachdenklich spielte sie wieder mit dem Verlobungsring aus ihrem Beutel, den sie so behutsam vor ihrem Mann versteckte. Ohne ihn wollte sie nicht reisen. Ein hässliches, grobes Ding. Eigentlich gefiel ihr der Ring überhaupt nicht. Gelb war keine ihrer Lieblingsfarben und er leuchtete so grell in dem unausstehlichsten Gelbton, den man sich nur vorstellen konnte.

Damals wünschte sie sich einen herzförmigen Ring und auch das war er nicht. Er war rechteckig, riesengroß und bedeckte sogar nahezu ihren kompletten Zeigefinger. Nicht, dass ihre Finger besonders lang waren. Sie waren sehr kurz und zierlich.

Dieser Ring passte nicht im Geringsten zu Aurea. Trotzdem hielt sie daran fest. Sie liebte ihn wie den Mann, den sie niemals geheiratet hatte und erinnerte sich nur zu gut an den Tag, an dem sie ihn erhielt.

Ihre Hand näherte sich dem Talisman, den sie um den Hals trug.

EIN JAHR ZUVOR

Tausende Gänseblümchen ragten um sie herum stolz in die Höhe, strahlten eine liebliche Unschuld aus. Ians Grinsen wandte sich für einen Moment von ihr ab, da er etwas oder jemanden in den Wäldern hinter ihnen sah.

»Ian?«, fragte Aurea verunsichert und lächelte ihn flüchtig an. Sie spürte, dass er gerade nicht wirklich bei ihr war. Seine Gedanken wanderten im Augenblick offensichtlich weit von ihr fort.

»Tut mir Leid«, meinte er hastig, sich wieder zu ihr drehend, »Den Salat habe ich für dich zubereitet.«

Er hielt Aurea einen Porzellanteller entgegen, der eine bunte Mischung aus verschiedenen Gemüsearten und Gänseblümchenblüten enthielt. Sie nahm ihn in beide Hände.

»Danke«, sagte sie leise und begann zu essen. Der leicht würzige Geschmack der Blüten war unvergesslich. Ian arbeitete als Koch und er war außergewöhnlich gut in seinem Fach. Gerade als Aurea ihm mitteilen wollte wie sehr ihr der Salat schmeckte, stand Ian abrupt auf und sah freudestrahlend auf sie hinab.

Aurea wartete, blickte ihn fragend an.

»Ich muss mal Wasser lassen!«, verkündete Ian.

Das war unerwartet. Sie nickte nur die Stirn runzelnd, während Ian in Richtung Wald verschwand.

Wunderbar.

Jetzt war sie allein. Sie hoffte, dass er bald wiederkam, denn sie fühlte sich etwas unwohl. Als ob er ihr etwas verheimlichte.

Alles nur Paranoia?

Unruhig aß sie ihren Salat auf, wartete auf seine Rückkehr. Eine Biene setzte sich vor ihr auf eine Blume. Vögel zwitscherten um sie herum. Der Himmel war strahlend blau und die Erde vibrierte – die Erde vibrierte? Nein, sie bebte.

Ein Erdbeben!

Aurea sprang von der blauen Baumwolldecke auf und stolperte rückwärts. Während sie fiel, beobachtete sie wie die Erde sich selbstständig machte. Die Biene wurde samt Blume in die Höhe geschleudert, als sich eine Art matschiger, ungefähr anderthalb Meter hoher Podest aus dem Nichts erhob und wie ein unschönes Schandmal aus dem Blumenfeld hervortrat. Oben drauf, direkt auf ihrer Augenhöhe befand sich ein grellgelber Ring, der so stark in der Sonne leuchtete, dass ihr die Augen schmerzten.

Erst jetzt wurde ihr klar, was das Ganze bedeuten sollte.

Ian stand hinter ihr. Sie hatte ihn nicht kommen sehen. Seine Hände waren waagerecht über die Erde gerichtet, seine Arme ausgestreckt, sein Gesicht konzentriert.

Ian war ein Erdmagus. Er konnte alles, das aus Erde gemacht war nach seinem Willen gestalten oder bewegen. Wie alle Magi konnte er außerdem die Erde mit jedem beliebigen Körperteil aus sich selbst hervorholen.

Wobei ihr die Bezeichnung »Magus« nie gefallen hatte. Das hier hatte wenig mit Magie zu tun. Nichts mit irgendwelchen Schriftrollen der merlinischen Magie, die ein jeder lernen konnte. Es war Natur. Die Erde war das Element, das sein Körper beherbergte. Man wurde so geboren oder nicht.

Erdmagi waren größtenteils in ihrem Element sehr grob und kräftig und die meisten Magi, auch Lichtmagi wie sie selbst, verwendeten lediglich ihre Hände zum Beschwören des Elements. Ian war einer der wenigen Erdmagi, die sie kannte, welche ihren ganzen Körper auf eine so anmutige Weise dabei einsetzten. Als sein Kunstwerk mitten auf dem Feld stand, holte er erstmal Luft, stützte sich an Aurea ab, die gerade aufstehen wollte und hauchte ihr ins Ohr:

»Willst du… meine…. Gemahlin werden…? Aurea?«

Seine Stimme entfernte sich.

GEGENWART

Jemand zog ihre Hand vom Talisman.

»Aurea? Ist dir nicht kalt, mein Kind?«

Aurea war wieder zurück in der Gegenwart. Die sorgenvollen, blauen Augen ihrer Großmutter sahen auf sie hinab. In ihren Händen hielt sie Aureas weißen Umhang, den sie bei ihren Eltern vergessen hatte. Großmutter Lora warf einen vorwurfsvollen Blick auf den Verlobungsring und ihren Talisman.

»Hör auf damit! Je öfter du die Vergangenheit durchlebst desto schwieriger wird es für dich!«, schimpfte sie.

»Ich weiß«, murmelte Aurea schuldbewusst, aber sie wusste genau, sie würde es wieder tun.

Lora legte ihr den Umhang um die Schultern.

»Deine Gabe die Vergangenheit zu sehen, ist wertvoll. Drum nutze sie nicht so gedankenlos!«, meinte sie, ihre Hand tätschelnd, um ihr den Ring zu entnehmen, »Also die Farbe finde ich hübsch! Ich kann verstehen, dass du ihn gerne hast. Lass dich nur nicht von deinem Mann damit erwischen.«

Aurea wurde leicht nervös, als ihre Großmutter das Schmuckstück betrachtete und nahm es sich wieder. Sie drehte sich von ihr weg. Lora schien zu verstehen.

»Wie du meinst«, sagte sie, »Du wirst schon merken, dass es besser ist den Ring loszuwerden!«

Aurea wusste was »besser« für sie war, aber ihre Gefühle für diesen Mann ließen es einfach nicht zu.

Sie wartete bis ihre Großmutter verschwunden war, dann lehnte sie sich erneut gegen die Reling. Gerade als sie wieder in die Vergangenheit eintauchen wollte, ihre Hand zum Talisman wanderte, wurden ihre Gedanken von einem erfreuten Ausruf unterbrochen.

»Ha! Aurea!«, rief ein junger Mann hinter ihr.

Er war nur ein Jahr älter als sie und hatte schon mehr Beziehungen erlebt als so mancher, der doppelt so alt war.

»Ardor!«, erwiderte sie gespielt fröhlich und wandte sich ihm zu. Ardors weißes Rittergewand wehte um seine Beine, während er stolz auf sie zuschritt. Er wirkte groß und bedeutend, obwohl er ziemlich klein für einen Mann war. Ardor war kaum größer als Aurea und sie überschritt nur knapp anderthalb Meter. Um seine Wichtigkeit zu betonen, spielte er mit seinen rubinroten, verzierten Pistolen wobei ihm eine herunterfiel. Er ging jedoch genauso gelassen wieder zurück, um sie aufzuheben. Mit einem Klicken ließ er die Waffen in die Halfter an seinem Gürtel gleiten und grinste Aurea frech an.

»Heute Abend findet der Tanz hier auf dem Schiff statt«, stellte er fest.

Der Wind zerzauste sein volles, schwarzes Haar.

»Ich bin nicht wirklich in der richtigen Stimmung zum Tanzen,« erklärte sie ihm.

Das war sie eigentlich nie.

»Äußerst schade, meine Liebste.«

Devius. Ihr Mann.

Hastig versteckte sie ihren Ring, während er sich ihnen gemächlich näherte. Dabei zog er eine Schaufel hinter sich her, die sein Heiligtum war und ihn an seine Zeit als Totengräber erinnerte.

Als König dieser Welt brauchte er nun keine Gräber mehr zu schaufeln. Die Macht und das Gold, welches er durch Aurea besaß, waren ihm völlig zu Kopf gestiegen.

Drei seiner Diener klebten ihm buchstäblich an den Versen. Er meinte er brauche sie als Schutz vor seinen Feinden. Sie wusste, dass er sie hauptsächlich bei sich hatte, um seine Macht zu demonstrieren. Oder auch nur aus dem einfachen Grund jemanden zu haben, den er schikanieren konnte.

Ein Glück, dass seine Diener nicht mit ihnen vom Schiff mussten.

Aurea hatte nur einen einzigen Diener. Catus. Sie beanspruchte ihn sehr selten, doch sie war sich sicher, dass Devius ihn für sich nutzen würde. Keinem anderen ihres Personals war es erlaubt sie auf der Mission zu begleiten.

»Mal sehen, ob ich dich noch überreden kann!«, meinte Devius und drückte ihr einen Kuss auf den Mund. Seine Hände schlossen sich dabei fest um ihre Oberarme.

Sie zitterte, denn sie kannte diese Art der Überredung. Seine einzige Art. Ein Schmerz durchfuhr sie wie tausend Nadelstiche.

Seine Finsternis.

Schmerz, Dunkelheit, Angst, Tod. Das machte einen Magus der Dunkelheit aus.

Sie schrie nicht und sie weinte auch nicht, da sie Ardor nicht beunruhigen wollte. Ihm war nicht bewusst, was Devius gerade mit ihr tat. Es wirkte für Außenstehende wie ein einfacher Kuss.

»Mein Herr«, flüsterte sie, zu Boden sehend.

Der König strahlte bis über beide Ohren, schloss sie unerwartet fest in seine Arme. Es war ihr unangenehm, aber sie durfte ihn nicht bloßstellen, zumal gerade mehr Leute auf das Schiff kamen. Sie wusste, was er ihr antun würde, sollte sie es wagen ihn zu blamieren.

»Wir sehen uns beim Abendessen!«, schmunzelte er.

Devius ging zurück in die Richtung aus der er gekommen war. Die Lakaien stolperten hinterher.

Die Kabinen. Vielleicht sollte sie jetzt auch auf ihre Kabine. Schließlich hatte der Regen nur geringfügig nachgelassen und ihre Haare waren bereits nass. Sie wollte sich für den Abend noch etwas zurechtmachen. Ein letztes Mal blickte sie vom Schiff auf die Landschaft der Insel Lucida, die sie nun eine lange Zeit nicht mehr sehen würde.

«Keine Sorge Mutter«, sagte sie wehmütig, »Ich komme wieder.« Ardor verbeugte sich vor ihr. Er geleitete sie zu ihren Gemächern wie sich das für eine Frau ihres Ranges gehörte.

Ihre Schwester Notin saß bereits in ihrer Kabine auf dem Zedernholzbett und sah sie mit denselben großen, grünen Augen an, die auch Mutter hatte. Aurea setzte sich neben sie.

Notin machte eine schnelle Handbewegung und Luft wirbelte auf wie ein kleiner Sturm aus dem Nichts mitten im Raum. In der nächsten Sekunde waren sowohl Aureas Haare als auch ihr Kleid vollkommen getrocknet. Aurea lachte. Ihre Schwester war eine der begabtesten Luftmagi auf ganz Arcanum. Sie bewunderte sie.

Es musste schwer für sie sein, dass ihre sechs Jahre jüngere Schwester die Königin Arcanums war, sollte man meinen. Aber Notin war nicht im Geringsten neidisch, im Gegenteil. Sie unterstützte ihre kleine Schwester wo sie nur konnte. Sie war und würde immer ihre beste Freundin bleiben.

Notin lief zum Schrank und nahm ein golden besticktes Kleid heraus. Es war bodenlang, beinahe engelsgleich schön. Das Kleid war aus weißer Seide und Chiffon, so auch die Ärmel, die ebenfalls bis zum Boden reichten und an einer Seite geöffnet waren, so dass sie ihre Arme frei bewegen konnte.

»Ich habe es für dich schneidern lassen«, erzählte Notin stolz, ihr das Kleid entgegen haltend, »Für den Tanz.«

»Es ist wunderschön!«, rief Aurea aus.

Sie sprang Notin vor Freude um den Hals. Seit langer Zeit war sie nicht mehr so glücklich gewesen. Es fühlte sich gut an. Sie war sehr gerührt, dass ihre Schwester sich so viel Mühe gab sie aufzuheitern.

Aurea probierte das Kleid sofort an. Sie beide waren begeistert darüber wie elegant und königlich es aussah. Gemeinsam standen sie vor dem Spiegel, während Notin das goldene Haar ihrer Schwester kämmte, das herrlich mit dem Kleid harmonierte.

Das Schiff hatte vor einer Stunde abgelegt.

Es wurde langsam dunkel.

»Weißt du wer unsere Gefährten sein werden?«, fragte Notin vorsichtig.

Aurea schluckte im Bewusstsein, dass sie fast überhaupt nichts über ihre Mission preisgeben durfte und auch herzlich wenig selbst wusste. Wer würde sie in der Erdmagus-Provinz Ager erwarten?

Sie hatte keine Ahnung.

»Nein«, entgegnete sie wahrheitsgemäß.

»Und hat dir Lux gesagt auf welche Mission wir genau gehen?«. hakte ihre Schwester weiter nach.

»Ja, aber ich muss es geheim halten bis wir uns mit den anderen treffen«, erklärte sie, »Besteht noch die Möglichkeit, dass du es dir anders überlegst und nicht annimmst?«

»Kommt überhaupt nicht in Frage!«

»Bitte … ich komme schon klar …«

»Nein! Zum letzten Mal: ich lass dich nicht allein. Außerdem hat Aerius gesagt, dass ich Teil der Prophezeiung bin. Vom Gott der Winde auserwählt. Das muss seine Gründe haben.«

Die Erwähnung des Gottes der Luft jagte ihr einen kalten Schauer über den Rücken. Wie sehr dieser Mann sie verraten hatte, war kaum in Worte zu fassen.

»Sag nie wieder seinen Namen!«, zischte sie aufgebracht, während in ihrem Kopf die letzten Worte ihrerseits an Jae-Hwa schwirrten.

Wenn meine Schwester stirbt, werde ich dich vernichten.

Und das würde sie. Oh ja, das würde sie.

»Bitte überlege es dir nochmal!«, flehte Aurea, »Sie würden bestimmt einen Ersatz für Ardor und dich finden.«

Notin ging nicht auf ihre Bitte ein. Ihr Schweigen war Antwort.

»Es ist seltsam, dass Lux und die anderen Götter eine gewöhnliche Lichtmagus zur Königin wählen. Wo wir doch sonst immer gut unter der Regierung der Götter gelebt haben«, stellte sie dann fest, »Du hast so schon genug durchgemacht und jetzt erledigst du auch noch die Drecksarbeit für diese neunmalklugen, faulen Säcke.«

»Ich weiß es ist verwirrend«, gab Aurea zu, sich zu ihrer Schwester umdrehend, um ihr in die Augen zu schauen.

Sie hielt sie bei den Händen.

»Vertrau mir«, bat sie Notin, »Es ist ok. Ich habe mich bereits damit abgefunden.«

Ihre Schwester gab sich damit noch nicht wirklich zufrieden. Die Anspannung in ihren Zügen löste sich nicht.

Es klopfte an der Kabinentür und Aurea konnte durch das runde Fenster an ihrem Bett erkennen, dass es Devius war.

Notins feindseliger Blick Richtung Tür erinnerte Aurea an den Tag, als Notin Devius angegriffen hatte und herausfand, dass es keine Möglichkeit gab ihre Schwester aus dieser Ehe zu befreien. Aurea hatte sie nie so wütend gesehen wie an jenem Tag und sie fürchtete sich davor es könne ein zweites Mal geschehen.

Sie versuchte Notins Aufmerksamkeit von Devius fort zu lenken.

»Notin, bist du sicher, dass es in Ordnung für dich ist, so lange von deinem Mann weg zu bleiben?«

Sie nickte nur. Es wirkte zwar nicht sehr ehrlich, aber sie drängte Aurea zur Tür. Verbarg sie Tränen?

»Geh schon«, sagte sie, »Bevor er wieder die Geduld verliert.«

Aurea ließ sie widerwillig zurück. Ihr Herz zerbrach, als sie ihre Schwester leise schluchzen hörte, nachdem sie die Tür schloss. Bevor sie noch einmal zurückgehen konnte, zog Devius sie bereits mit sich und hakte ihren Arm in seinen ein.

Immer wieder dachte sie an Notins trauriges Gesicht. Wie glücklich sie bei ihrem Mann gewesen war. Wegen Aurea verließ sie ihr eigenes Zuhause – ihren Mann, ihren Hund … Nur um ihr Leben für sie zu riskieren, nicht zu wissen, ob sie die Reise überlebte.

So selbstlos.

Nein … sie durfte sich nicht die Schuld dafür geben. Jae-Hwa hatte Notin davon erzählt. Jae-Hwa war der Feind.

Abrupt riss Devius sie aus ihren Gedanken.

»Du siehst zauberhaft aus«, schmeichelte er ihr.

Sie lächelte nur teilnahmslos und bedankte sich. War sie nun wirklich so zauberhaft oder nicht? Sie würde es nie erfahren. Es war möglich. Aus seinem Mund fühlte sich das Gesagte nicht wie etwas Besonderes an. Sie sehnte sich nach jemandem, der ihr das Gefühl gab die einzige Frau auf der Welt zu sein.

Ian.

Ihre Gedanken schweiften weit ab. Sie bemerkte nur wenig wie der Tanzsaal geschmückt war oder was Devius über sich und seine Arbeit als Totengräber erzählte. Das Essen schmeckte ihrer Meinung nach fad und langweilig. Nicht einmal den Wein konnte sie genießen. Die Musik riss sie auch nicht wirklich mit. Sie war ständig in Gedanken über ihre Schwester, ihre Mutter, ihre Mission – Ian. Jeder Gedanke schien auf ihn zurückzuführen. Es machte sie wahnsinnig.

Jemand zerrte sie von ihrem Stuhl. Devius verschluckte sich vor Schreck beinahe an seinem Bier. Seine braunen Augen füllten sich mit Wut und Missgunst, als sie Aureas Diener erblickten.

»Keine Sorge, Majestät. Ich bringe sie Euch wieder!«, versprach Catus ehe er Aurea auf die Tanzfläche zog.

Sie zuckte mit den Schultern und sah Devius hilflos an, da sie sich nicht aus dem Griff des Dieners befreien konnte. Auf einmal wollte sie das auch nicht mehr. Er wirbelte sie herum. Die Musik wurde schneller, die Melodie der Violinen machte es ihren Beinen unmöglich dem Drang zu widerstehen. Sie wollte nur noch tanzen - tanzen und alles Weitere vergessen.

»Vergesst die Vergangenheit!«, munterte Catus sie auf, »Ihr seid verheiratet und solltet glücklich darüber sein!«

»Ja … sollte ich«, murmelte sie finster.

Sie war Catus trotzdem dankbar. Er wollte nur das Beste für sie und glaubte sie habe Devius aus Liebe geheiratet.

Manche Leute starrten ihn seltsam an mit seinem schäbigen, braunen Mantel und den langen, fettigen roten Haaren - dem Vollbart. Doch das war Aurea egal. Sie tanzte mit ihm, mit den einfachsten Putzfrauen und Köchen. Schließlich auch mit ihrer Schwester, die hinzugekommen war und ebenfalls etwas Ablenkung brauchte.

Der Abend war wunderschön erfrischend für sie. Sie fühlte sich wie ein neuer Mensch. Als er etwas ruhiger wurde, sich langsam aber sicher dem Ende näherte, erhob sich Devius um sie zum Tanz aufzufordern. Sie war bereits müde und froh, dass die Musik ebenfalls leiser wurde und nur noch langsame Lieder gespielt wurden.

Sie tanzten, umarmten sich wortwörtlich dabei. Normalerweise wäre es ihr unangenehm gewesen, aber ihre Gedanken waren nicht bei ihm – auch nicht bei Ian oder Jae-Hwa. Sondern bei sich selbst. Sie war sich wieder bewusst wer sie war und dass die Schuld nicht bei ihr lag.

Als die letzten Laute des Liedes verklangen, verabschiedete sie sich von Devius und ging noch einmal in die Kabine ihrer Schwester, die sich bereits schlafen gelegt hatte. Catus lag auf dem abgenutzten Bett daneben. Aurea deckte Catus zu, dessen Decke halb auf dem Boden lag. Dann gab sie ihrer Schwester einen Kuss auf die Wange und ging hinaus an die Reling des Schiffes.

Ihren Verlobungsring umklammerte sie fest mit beiden Händen.

»Ian«, flüsterte sie, »Ich wünschte du wärst bei mir geblieben. Werden wir uns jemals wiedersehen? Es gibt so viel, was ich dir noch sagen möchte. Ohne dich ist alles so … kalt. Es ist mir jetzt klar geworden, dass es nicht meine Schuld war. Ich glaubte immer alles hätte anders ablaufen können, wenn ich ehrlich zu dir gewesen wäre. Aber weißt du, es hätte nichts verändert. Devius ist mein Seelenverwandter, Celerina vermutlich deine Seelenverwandte. Hoffentlich bist wenigstens du glücklich. Du hast es verdient glücklich zu sein.«

Sie küsste den Ring und drückte ihn an sich. Eine Träne rann ihre Wange hinab.

»Warum bin ich dann so wütend auf dich? Ich habe immer davon geträumt, dass du zurückkommst. Vielleicht deshalb. Es geht mir nicht gut, Ian. Verdammt ich stehe hier und rede mit einem Ring. Es geht mir beschissen!«

Sie trat zornig gegen die Reling und spürte, dass sie etwas angetrunken war. Das dürfte ihre heftigen Emotionsschwankungen erklären.

»Ich liebe dich und weißt du, was das Witzige daran ist? Ich weiß nicht mal wieso! Du hast die Sache mit Catus verursacht, um mich als Betrügerin hinzustellen und eine Entschuldigung, eine Rechtfertigung dafür zu haben, dich vor unserer Hochzeit mit Celerina aus dem Staub zu machen. Sicher hast du schon vorher mit ihr geschlafen. Ich meine, wer kann es dir auch verübeln, richtig? Du bist ein Mann und ich konnte dir nicht geben, was du wolltest. Wenn ich ehrlich gewesen wäre, dir gesagt hätte warum … hättest du mich dann genauso betrogen?«

Sie kämpfte genervt mit ihrem Haar, das durch den Wind ständig ihr Gesicht bedeckte. Aufgrund der Tränen klebten ein paar Strähnen an ihren Wangen fest.

»Macht sie dir auch Tee, wenn du von der Arbeit kommst? Kennt sie deine Lieblingssorte? Deine Allergien?«

Sie senkte traurig den Kopf.

»Obwohl du mir fehlst, würde ich dir niemals ein Leben wie meines wünschen. Das passt nicht zu dir. Du bist ein Träumer.«

Sie drehte sich um und erschrak, als sie Devius erblickte.

»Schöne Rede,« kommentierte dieser mit einem falschen Grinsen. Wie lange hatte er sie schon beobachtet? Er stand nun neben ihr und legte einen Arm um sie.

»Ich … ha …«, stammelte sie nervös, versuchend den Ring in ihren Beutel fallen zu lassen.

Devius hielt sie fest und mühte sich darum, ihn vorher in die Finger zu bekommen. Sie ballte die Hand so fest es nur ging zur Faust, schloss den Ring darin ein. Er durfte ihn auf keinen Fall an sich nehmen. Es war ihre einzige greifbare Erinnerung an Ian. Alles, was sie noch von ihm besaß.

Devius schnippte mit den Fingern. Seine Diener waren blitzschnell zur Stelle, engten Aurea ein und zwangen sie dazu die Hand zu öffnen. Er griff sich den Klunker. Einer seiner Diener hielt eine Lampe in die Höhe, damit er ihn im Licht betrachten konnte.

»Eine wahre Liebesgeschichte hat kein Ende«, las er die Inschrift vor, »Ich schätze mal das ist ein Geschenk des Mannes, der dich verlassen hat, nicht wahr?«

Sie antwortete nicht. Zitternd bangte sie um ihren Ring. Sie wollte nichts sehnlicher als ihn wieder in der Hand zu halten. In Sicherheit.

Devius lachte schallend.

»Nun, das ist ein wenig ironisch … findest du nicht?«

Auf diese Worte hin holte er weit aus und warf den Ring ins Meer.

»Nein!«

Mit einem leisen Platscher verschwand ihr geliebtes Schmuckstück in der tiefblauen See. Jetzt hatte sie nichts mehr. Ein Brennen auf ihrer linken Wange weckte sie aus ihrer Ohnmacht.

»Das war für deinen Tanz mit Catus«, erläuterte er die Ohrfeige und schlug sie ein zweites Mal, diesmal auf die rechte Wange, woraufhin sie zu Boden fiel.

Die Diener zuckten vor Schreck zusammen, doch keiner wagte ihr zu helfen, zu riskieren selbst geschlagen zu werden.

»Und die war für den Ring.«

Als sei nichts geschehen, machte er sich auf den Weg in seine Kabine.

Sie begann zu weinen, als er weit genug entfernt war, sie nicht mehr hören konnte. Nach einer Weile vernahm sie Schritte. Erschrocken wischte sie ihre Tränen fort und setzte sich auf.

»Majestät!«

Ardor klang überrascht. Er eilte zu ihr, half ihr aufzustehen.

»Was ist passiert?«

»Nichts«, entgegnete sie verhalten.

Er erkannte die Rötung auf ihrem Gesicht und berührte es sanft mit den Fingerspitzen. Sie wich zurück.

»Majestät … wer hat Euch das angetan?«

»Niemand.«

Ardor blickte sich vorsichtig um.

»Es war Euer Mann … nicht wahr?«

Sie gab ihm keine Antwort. Stattdessen sah sie hinaus auf das Meer. Das Licht des Mondes, ebenso das der Sterne, reflektierte auf der dunklen Oberfläche des Wassers wie Diamanten. Es war so schön, doch alles woran sie zu denken vermochte, war ihr verlorener Ring.

»Er hat nicht das Recht Euch zu schlagen.«

»Devius ist der König dieser Welt. Er nimmt es sich, Ardor.«

Sie lächelte traurig über seine Fürsorge.

»Hättet Ihr Euch für mich entschieden, Majestät, ich wäre Euch niemals fortgelaufen. Ich hätte mir eher selbst den Hintern versohlt als Euch zu schlagen.«

Auch wenn ihr nicht danach zumute war, brachten Ardors Worte sie zum Lachen. Er war ein liebenswerter Mensch, aber ebenso ein unverbesserlicher Schürzenjäger. Hastig gab sie ihm einen Kuss auf die Wange, als er sich zu ihr vorbeugte und flüsterte ihm ins Ohr:

»Du bist wie ein Bruder für mich. Ich bin froh, dass ich dich habe. Gute Nacht.«

Schweren Herzens drehte sie sich von ihm weg und ließ den perplexen Ardor allein an der Reling stehen.

»Gute Nacht »Schwesterherz«, hörte sie ihn seufzen. Sie kam sich augenblicklich mies vor. Doch sie bevorzugte es, ihn auf diese Art abzuweisen, als später bei seiner Hinrichtung zusehen zu müssen, sollte Devius je von seiner Zuneigung für sie erfahren. Abseits dessen war sie sehr erschöpft. Die Anstrengungen des Tages forderten ihren Tribut.

EIN NEUER TAG

»Guten Morgen, Majestät.«

Aurea öffnete die Augen und erblickte Catus, der mit einem breiten Lächeln an ihrem Bett stand, sich die Hände an einem Baumwolltuch trocknend.

»Euer Bad ist fertig«, erklärte er, in Richtung der goldenen Wanne zeigend, die fast bis zum Rand voll mit Wasser war.

Langsam setzte Aurea sich auf und fuhr sich durch die Haare.

Zu ihrer Überraschung ging es ihr gut. Sie hatte zum ersten Mal seit Jahren keinen Albtraum gehabt. Sonnenlicht durchflutete das Zimmer und sie musste die Augen etwas zukneifen, da sie von dem Licht geblendet wurde.

»Wie spät ist es?«, fragte sie.

»Bald schon Mittag«, antwortete Catus schmunzelnd.

So lange hatte sie noch nie geschlafen.

»Unglaublich«, konnte sie nur hervorbringen, als sie aufstand und in den Spiegel sah.

Sie brauchte jedes bisschen Energie für ihre Reise.

»Ihr solltet Euch beeilen. Wir werden in Kürze anlegen«, machte Catus verständlich, bevor er den Raum verließ. Er verbeugte sich ein letztes Mal.

Ihr Herz begann zu rasen. In Kürze anlegen? Sie legte ihre Kleidung ab und setzte sich in das warme Wasser, das sie sofort entspannte. Aurea schloss die Augen, legte sich zurück. Die Wanne war zwar relativ klein, aber sehr gemütlich. Ein größerer Mensch hätte darin jedoch wohl nicht seine Beine ausstrecken können.

Immer wieder dachte sie an Catus’ Worte. Sie bedeuteten Aurea bekam bald die ganze Welt Arcanum zu sehen und für sie war das mehr als nur aufregend. Bis zum Alter von 18 Jahren hatte sie immerhin in Ater Cors hässlichen, dunklen Kerker in Caligo gehaust. Gefangen und versklavt auf der Insel der Magi der Dunkelheit. So lange hatte sie nicht gewusst, dass sie dort eigentlich nicht hingehörte. Nachdem sie sich mit einer Freundin auf ein Piratenschiff rettete, verbrachte sie ein Jahr auf See und sah hin und wieder die ein oder andere Hafenstadt und dann 3 Jahre auf der Insel der Lichtmagi – Lucida. Man brachte ihr bei wie sie mit ihren Kräften umgehen musste. Heilkräfte, die Kräfte des Lichtes. Danach verbrachte sie den Rest ihrer Zeit wieder in einem Gefängnis.

Dieses Mal nannte es sich Palast.

Gedankenverloren wusch sie ihren Körper.

Ein Schatten. Da war doch jemand am Fenster! Er huschte zur Seite. Ardor.

Erschrocken sprang sie aus der Wanne und taumelte in Richtung des Bettes, versteckte sich dort hinter dem Vorhang, der das Bett vom Rest des Raumes trennte und zog sich an. Ihr Gesicht wurde feuerrot, aber sie versuchte ruhig zu bleiben. Praktisch unmöglich.

Dieser Idiot! Dieser Weiberheld! Tief durchatmen.

Sie stürmte mit noch völlig durchnässten Haaren aus der Kabine, um Ardor zur Rede zu stellen.

»Was sollte denn das?!«, schimpfte sie peinlich berührt.

Dabei klang sie ihrer Meinung nach nicht wütend genug.

Ardor grinste schief.

»Ich wollte Euch doch nur mitteilen, dass …«, begann er, doch sie unterbrach ihn.

»Wie lange warst du denn schon dort?!«, wollte sie wissen.

»Ich hatte vor sofort zu gehen, wirklich!«, verteidigte er sich.

Dieses dämliche, strahlend weiße Grinsen auf seiner gebräunten Haut. Er sah lächerlich aus.

Bevor sie ihn weiter ausschimpfen konnte, zeigte er auf etwas, das hinter ihr lag. Sie drehte sich um und sah, was er ihr mitteilen wollte. Sie waren angekommen.

TISHA FORTE

Tisha betrat leise das angenehm nach Rosen und Vanille duftende Gästehaus, stahl sich so geschickt in den Essraum, dass man sie erst durch ihr Räuspern bemerkte.

»Hallo«, schmunzelte sie, als sich die neugierigen Blicke der Menschen am Tisch auf sie richteten, »Ich bin Tisha.«

Einen Moment lang herrschte Totenstille. Dann verkündete eine männliche Stimme aus der Küche nebenan:

»Willkommen in Floras Gasthaus! Nehmt ruhig platz!«

Sie musterte die freien Plätze, woraufhin sie sich zwischen einen in blauen Gewändern verhüllten, älteren Mann und den freundlicher dreinblickenden von zwei Brüdern, offenbar waren die beiden Zwillinge, setzte.

Im Vorbeigehen fiel ihr der überschwänglich dekorierte Sitzplatz am Ende des Tisches auf. Sie legte die Stirn in Falten.

»Für die Königin«, beantwortete eine junge, blondgelockte Frau ihre unausgesprochene Frage, »Ian hatte mal was mit ihr.«

Ian … Das war also derjenige, den die Göttin der Erde an Aureas Seite wissen wollte. Tisha fuhr gedankenverloren mit den Fingerspitzen über eine Delle in ihrer Tasche, wohl wissend was sich dahinter verbarg. Ein mächtiges Objekt. Absolut wertvoll, von unbezahlbarer Magie. Ein Gegenstand, den man ihr anvertraute, damit er in den Besitz der richtigen Person gelangte.

Zwei Kuchenstücke später wusste sie die Gruppe schon etwas besser einzuschätzen. Da gab es die Hübsche mit der blonden Lockenmähne, Celerina, die zwar sehr optimistisch war, jedoch zweifellos die Erste sein würde, die in Panik ausbrach, sollte die Gruppe in Schwierigkeiten geraten.

Dann war da noch der besserwisserische Kyan, ein ehemaliger Mönch. Zwar hatte der Mann mit der schokoladenbraunen Haut nur vage Angaben zu seiner Berufung gemacht, aber Tisha las zwischen den Zeilen. Offensichtlich wurde Kyan aus dem Kloster verbannt, worauf er nicht stolz zu sein schien.

Die Zwillinge Weldon und Clarus könnten nicht unterschiedlicher sein. Der eine Möchtegern-Fromme plapperte ohne Punkt und Komma, der andere sagte kaum ein Wort, außer um sich über die Predigten seines Bruders zu beklagen.

Die einzig ihr wirklich sympathische Person war Leigh, die Älteste in der Runde. Im Vergleich zu den anderen wirkte sie erfrischend normal. Gleichzeitig auch wie eine Frau, die viel Schlimmes gesehen und erlebt hatte, was sich im Fall ihrer Mission aber als äußerst nützlich erweisen dürfte.

Von Ian bekam sie noch nicht allzu viel zu sehen. Diesen sah sie nur einmal von der Küche in den Flur laufen, wo er noch immer stand und Kelche polierte. Gerade als sie ihn zu sich rufen wollte, schwang die Tür auf. Voller Erwartung wandten sich alle Augen zur Königin, die das Gasthaus mit weiteren Gefährten im Schlepptau, betrat.

WENIGE MINUTEN ZUVOR

AUREA VITAE

Riesige Wälder und hügelige Landschaften lagen vor ihnen. Die Provinz Ager. Am Hafen der Stadt, an der sie anlegten, war aber nichts zu sehen. Ein Steg und eine Höhle. Sonst nichts.

Aurea lehnte sich über die Reling, doch sie erkannte nichts, das auf eine Stadt hindeuten sollte. Enttäuscht und verwundert lief sie zur Rampe. Sie zog Ardor mit sich und rief nach ihrer Schwester und Catus, wie Lux es ihr damals befahl.

Langsam und vorsichtig trat sie die Rampe hinab, an die Höhle heran. Treppen führten die Höhle hinunter.

»Die Stadt liegt unter der Erde«, erklärte Catus den anderen, als Devius sie ebenfalls erreicht hatte, »Ich war schon oft dort.«

Aurea war erstaunt darüber wie viel Catus in seinem Alter wusste. Er war nur ein Jahr älter als ihre Schwester. Offenbar musste sie noch viel über ihn lernen. Sie kannte den Nichtmagus erst seit einem Jahr.

Gemeinsam gingen sie die Stufen hinab und sie hörte bereits wie die anderen, die noch auf dem Schiff gewesen waren, ebenfalls die Höhle betraten.

Nach nicht allzu langer Zeit erreichten sie die Stadt und sie war verblüfft. Ein voll funktionierendes Dorf mit Tempel, Marktplatz, schönen Fachwerkhäusern, einem Brunnen – sogar einem künstlichen Himmel und einer künstlichen Sonne tat sich vor ihr auf.

Sie konnte den anderen ihr Erstaunen ansehen.

Das war also Infernum. Eine der beiden Hafenstädte Agers. Wäre sie nicht selbst durch die Höhle gekommen, würde sie nicht glauben dass dieser Ort unter der Erde lag, aber Magi aller Elemente machten ein Bestehen dieses Ortes möglich.

Auf dem Marktplatz erblickte sie ein kunterbuntes Durcheinander der verschiedensten Leute, die ihre Ware anpriesen. Es duftete überall nach Obst und Gemüse, so dass sie auf einmal einen Bärenhunger bekam. Man begrüßte sie in Infernum freundlich und respektvoll. Eine alte Dame gab ihr sogar einen Apfel aus ihrem Sortiment.

Irgendwie war es seltsam, als ihr in den Sinn kam, dass Ian hier geboren wurde. Es erinnerte sie wieder an den Ring und vernichtete ihre gute Laune augenblicklich.

Auch hier verbeugte man sich vor der Königin und dem König, die noch kein Mensch, der in Ager lebte, zu Gesicht bekommen hatte.

Es sei denn er hatte Lucida besucht.

Beinahe hätte sie den Treffpunkt vergessen. Sie hielt eine Frau an, die auf dem Marktplatz Kleider kaufte.

»Wir suchen nach Floras Gasthaus«, gab sie ihr zu verstehen.

Die Frau lachte nervös und entgegnete:

»Floras Gasthaus? Seid Ihr sicher?«

»Ja, äußerst sicher«, meinte Aurea ungeduldig, sich fragend, was die Dame so lustig fand.

»Besuch von der Königin. Das dürfte erklären weshalb der Besitzer dieses Gasthauses sich kürzlich wohl zum ersten Mal in diesem Jahr gewaschen hat.«

»Ist er sonst ein unangenehmer Mann?«

»Oh ja. Er ist ständig betrunken, hasst Liebespaare und schimpft jedes Mal mit meinen Kindern, wenn sie auch nur in der Nähe seines Rosengartens spielen. Aus irgendeinem Grund hängt er an den Blumen mehr als an seinen Mitmenschen. Traurige Sache.«

Aurea tat der Mann leid.

»Was er wohl durchgemacht hat, dass er so geworden ist …?«

Devius mischte sich nun in das Gespräch ein, stellte sich vor sie.

»Das spielt keine Rolle. Wir möchten wissen, wo das verdammte Gasthaus liegt.«

Die Frau errötete und zeigte zu ihrer rechten Seite.

»Dort entlang und am Ende der Straße links.«

»Danke«, sagte Aurea.

Devius bedankte sich nicht bei der Frau, sondern steuerte mit Catus im Schlepptau zielstrebig in Richtung Gasthaus.

Sie entdeckte es sofort. Es war das schönste Gebäude des Dorfes an dem ein großes, goldenes Schild hing

»Floras Gasthaus«

Rosen blühten in voller Pracht in den Gärten des Fachwerkhauses. Der blaue Anstrich der Außenwände schien mit der Farbe des unechten Himmels konkurrieren zu wollen.

Das war es. Das war der Treffpunkt. Dort würden Aurea, Notin, Ardor und Catus auf ihre Gefährten treffen.

Sie konnte kaum glauben, dass ein solch ungepflegter Mensch so ein wunderschönes Haus besaß.

Bedeutungsvoll sah sie ihre Schwester, ihren Diener und Ardor an. Sie wussten, was sie mit dem Nicken in Richtung des Gasthauses meinte. Wenige Schritte trennten die vier von ihrem Schicksal. Es dauerte nicht mehr lange. In diesem Gasthaus würde sie ihnen allen von ihrer Mission erzählen.

Ihre Hand wanderte zum Türgriff. Das Herz schlug ihr bis zum Hals. Die anderen lächelten sie aufmunternd an.

Aurea stieß die Tür auf. Beinahe wäre sie vor Schreck nach hinten gestürzt, als sie ein bekanntes Gesicht hinter dem Tresen erblickte.

WIEDERSEHEN

GEGENWART

AUREA VITAE

Ian stellte den Silberkelch, den er gerade polierte, zur Seite und ging zielstrebig auf Aurea zu. Da war es. Sein typisch schelmisches Lächeln. Noch nie war sie so verwirrt gewesen. Ihr wurde gleichzeitig heiß und kalt.

Ian … es ist Ian!

»Aurea! Der Älteste Agers kam zu mir, aber irgendwie konnte ich noch nicht glauben, dass du tatsächlich unsere Anführerin sein wirst«, stammelte Ian und umarmte sie fest. »Ich hab dich vermisst!«

Er ließ sie los.

Das war alles, was ihm nach so langer Zeit einfiel? Wut stieg in ihr auf, doch sie versuchte ruhig zu bleiben.

Ian trug ein festliches, grünes Hemd zu einer schwarzen Hose. Sein Bart war sauber gestutzt. Er hatte ein wenig zugenommen. Trotz dessen war er schlank. Er sah gut aus.

Ihr wurde klar, dass sie seinem Grinsen immer noch verfallen war. Sie stand völlig planlos da, seinem Charme hilflos ausgeliefert.

Er war also der unangenehme Gastgeber? In ihrem ganzen Leben hätte sie es sich niemals erträumt, dass Ian zu jemandem unfreundlich sein konnte. Was war aus dem stolzen Besitzer eines Nobelrestaurants geworden? War er etwa wegen ihr so tief gefallen?

Da erkannte sie eine junge Frau mit langer, blonder Lockenmähne, die mit einigen anderen am Tisch des Essraumes hinter einem großen Behälter mit Eintopf saß.

Ihre Hochzeitssängerin.

Die Frau mit der Ian am Tag ihrer Vermählung abgehauen war.

Wahrscheinlich war diese Schnepfe an seinem Unglück Schuld. Wie gerne hätte sie ihr in diesem Moment den Eintopf ins Gesicht geschmiert. Doch als sie es in Erwägung zog, hörte sie plötzlich ein Zischen. Die Schaufel sauste knapp an ihrem Ohr vorbei und landete in Ians Magengrube. Dieser verzog vor Schmerzen das Gesicht.

Verärgert drehte sie sich um, in die braunen Augen ihres Mannes blickend.

»Stell sie an einen sicheren Ort«, sagte er zu Ian, »Wo sie mir keiner stehlen kann.«

Ian erwiderte finster seinen Blick. Es war klar, dass die beiden sich schon jetzt nicht ausstehen konnten.

»Wer würde denn so einen Mist stehlen wollen?«, brummte Ian vor sich hin, während er sie einfach an die Garderobe lehnte.

Er ging zunächst einmal in die Küche, um ein Tuch zu holen mit welchem er die Schaufel säubern konnte.

Aurea bemerkte nun erst, dass sie mit ihm allein im Flur stand, als sei sie dort festgefroren. Nur Notin stand noch neben ihr. Wohl zur moralischen Unterstützung. Ja, sie fühlte sich tatsächlich als würde sie gleich umfallen oder den Verstand verlieren – also war sie froh, dass jemand bei ihr war.

Devius drehte sich zu ihnen um. Dann, vermutlich als er begriff weshalb Aurea ihm nicht gefolgt war, verengte er die Augen.

»Ach so ist das. Der Idiot, der dich verlassen hat, richtig? Daher kennt ihr euch.«

Ian wurde jetzt auch darauf aufmerksam, dass sie noch bei ihm stand. Hatte er etwa erwartet sie könne ihn so leicht ignorieren?

»Ja«, erwiderte sie bitter, »Das ist er.«

Mit einem Mal, als sie ihm in die Augen blickte, platzte ihre gesamte, seit langem aufgestaute Wut aus ihr heraus. Sie warf ihre Krone zu Boden.

»Wenn Ian und Celerina zu unseren Verbündeten gehören, trete ich die Reise nicht an!«

Ihre Worte zeigten ungeahnte Wirkung. Ian erschien ihr bedrückt, ja sogar gekränkt. Vorsichtig näherte er sich ihr.

»Aurea …«

Sie wich zurück. Devius grinste, als sie Ian eine Ohrfeige verpasste, die alle im Raum erschütterte.

Sie erschrak selbst vor ihrer eigenen Reaktion.

»Das hier ist wohl ein schlechter Scherz …!«

Ohne sich umzudrehen, rannte sie aus dem Gasthaus und schlug die Tür hinter sich zu.

Sie wusste nicht wirklich wohin sie lief, doch irgendwann kam sie an eine einsame Trauerweide in der Nähe eines künstlich angelegten Sees. Sie setzte sich darunter, lehnte sich gegen den schrägen Stamm. Bevor sie Luft holen und darüber nachdenken konnte, was diese Mission alles von ihr abverlangte, hörte sie Schritte, die sich ihr näherten.

Ian.

Er war schon immer ein schneller Läufer gewesen. Als sie aufstehen wollte, hielt er sie fest. Dieses Gefühl. Sie müsste wütend auf ihn sein, sich losreißen und diese Stadt verlassen. Stattdessen stand sie vor ihm, blickte zu ihm hinauf in seine trübsinnigen, blauen Augen und wollte nicht, dass er sie losließ.

Nicht mehr. Nicht wieder.

»Bitte«, sagte Ian verzweifelt, »Geh nicht.«

Sie zögerte. Schließlich nahm sie erneut ihren Platz an der Weide ein. Ian seufzte erleichtert und setzte sich neben sie. So dicht, dass sie seine Körperwärme spürte.

Am liebsten hätte sie sich für den Wunschgedanken erwürgt von ihm in den Arm genommen zu werden. Sie wollte keine Schwäche zeigen.

»‘Geh nicht’ … Ich wünschte, du hättest mir die Chance gegeben das zu dir zu sagen.«

Er sah sie an. Seine Augen füllten sich mit Tränen.

»Ja. Ich auch.«

Ihre Wangen glühten. Er schien es ernst zu meinen. Eine Weile lang starrte er sie an, dann blickte er zum See und murmelte:

»Jetzt ist es dafür wohl zu spät. Du bist verheiratet.«

»Gut erkannt«, erwiderte sie sarkastisch.

»Durch das goldene Herz verbunden, richtig? Seelenverwandte und so weiter. Das freut mich für dich.«

Sein Atem roch streng nach Whisky. Er warf einen Stein in den See vor ihnen. Er zog kleine Kreise. Ian zuckte ein wenig zusammen, da der Platscher, den der Stein verursachte, offenbar lauter als beabsichtigt gewesen war.

»Mich nicht«, raunte sie, was ihn überraschte.

»Solltest du nicht glücklich darüber sein?«

Sie wusste nicht, was sie darauf antworten sollte, also nickte sie nur flüchtig.

»Diese Erde wird zerstört werden, wenn du die Reise nicht antrittst«, meinte Ian dann, »Unser Feind wird die allmächtige Waffe besitzen und die Götter töten. Der Älteste Agers hat gesagt …«

»Ich weiß das alles«, unterbrach sie ihn ungeduldig, »Lux hat es mir schon erzählt bevor du abgehauen bist. Aber das ist mir egal.«

»Ist es nicht«, widersprach er, »Diese Welt ist dir wichtig.«

»Meine Schwester ist mir wichtig. Meine Familie.«

»Und sie wird sterben, wenn du aufgibst!«

Er hatte recht. Sie sah bedrückt zu Boden.

Aber was, wenn die Prophezeiungen falsch waren? Was, wenn jemand anderes die Welt genauso vor dem Untergang bewahren könnte? Das wäre doch möglich … oder nicht?

»Ich will nicht, dass sie mitgeht. Morgen wird der Älteste von Zephyrus hierher kommen und Notin und Ardor werden genauso verloren sein wie wir.«

Ian sah sie mitfühlend an. Die schmerzhafte Erkenntnis machte sich in ihr breit, dass auch er sein Leben an die Erfüllung der Prophezeiung gebunden hatte. Er würde sterben, sollte er etwas tun, das den Göttern nicht in den Kram passte. Möglicherweise sogar seine Seele verlieren.

»Wieso hast du angenommen?«, fragte sie ihn bitter.

»Ist schon seltsam … sein Leben an eine Mission zu binden bei der wir wahrscheinlich sowieso draufgehen werden.«

Er schmunzelte halbherzig.

»Der Älteste Agers sagte mir, dass die Königin Arcanums unsere Gruppe anführen wird. Ich hätte alles gegeben, um dich noch ein letztes Mal zu sehen. Weshalb hast du angenommen?«

»Das habe ich nicht. Zumindest nicht freiwillig.«

Er wirkte, als wolle er sie fragen, was sie damit meinte, doch entschied sich den Mund zu halten. Das war gut so. Sie konnte es ihm ohnehin nicht erklären.

Mit einem Mal holte sie die Vergangenheit wieder ein. Celerina, die Sängerin, die am Tisch gesessen hatte.

»Du warst es gewesen, nicht wahr?«, wagte sie es endlich auszusprechen, »Das mit Catus …«

Sie spürte eine heiße Träne ihr Gesicht hinabrollen. Ian wischte sie fort. Sie zitterte unter seiner Berührung.

»Ich habe ihn mit Sicherheit nicht in dein Bett gelegt, falls du das meinst. Celerina hat das getan.«

Aurea errötete. Die Wut über das, was Celerina getan hatte, brannte in ihr wie Feuer. Gleichzeitig übermannte sie unbeschreibliche Scham.

»Ihr habt mich wie eine Betrügerin da stehen lassen.«

»Ich hatte nichts damit zu tun«, seufzte er.

»Was soll das heißen?«

»Hast du meine Nachricht denn nicht bekommen?«

»Welche Nachricht?«, fragte sie konfus, »Ich erhielt nur eine, am Tag als du fortgingst.«

Betreten verschränkte er die Arme.

»Catus und Ardor müssen sie vor dir versteckt haben.«

»Was willst du damit sagen? Sie würden überhaupt nichts vor mir verstecken!«

Ian nickte gönnerhaft.

»Wie du meinst.«

»Ich versteh gar nichts mehr«, gestand sie, »Hast du mit ihr Schluss gemacht?«

»Wir waren nie zusammen.«

Das ergab doch alles keinen Sinn …

»Weshalb ist sie dann hier?«

Sie entschied kurz auf ihre Frage hin, dass sie es eigentlich nicht wirklich wissen wollte. Doch bevor sie ihn daran hindern konnte, antwortete Ian bereits:

»Sie wurde von den Göttern als eine deiner Gefolgsleute auserwählt. Wie ich.«

Eine Weile lang sagte sie nichts. Sie kämpfte gegen den innerlichen Schmerz an. Aurea fiel es schwer ihre Tränen zu schlucken.

Was tut er dann hier? Weshalb ist er gegangen?

»Es gefällt mir genauso wenig«, sagte Ian sanft und streichelte dabei ihr Knie, wie früher. Sie antwortete nicht. Schweigend saßen sie nebeneinander. Keiner wagte es den anderen anzusehen. Bis Ian endlich die Stille brach.

»Als ich dich mit Catus sah, war ich am Boden zerstört. Aber dann kam Celerina auf mich zu und ich wusste, dass sie dahinter steckte. Da ich mich weigerte, dich zu verlassen, sprach sie einen Zauber aus, der mich bewegungsunfähig machte und brachte mich auf das Schiff.«

Sie zog die Brauen hoch. Das waren alles ein wenig zu viele Informationen auf einmal für sie.

Ein Kerl übermannt von einer Frau?

»Was …?«

»Schon vor unserer Heirat hatte Celerina mich ständig verfolgt und versucht unsere Beziehung zu zerstören. Ich habe mich nie darauf eingelassen und dir auch nichts davon erzählt, da ich nicht wollte, dass du dir Sorgen machst. Und das hat sich schließlich als fataler Fehler erwiesen. Du hast sie zur Hochzeitssängerin erwählt.«

Was er gesagt hatte, klang wie eine schlecht geübte Rede. Eine äußerst üble. Als sei das nicht genug, fuhr er fort:

»In Ager angekommen, erzählte sie mir dann sie wisse nicht weshalb sie das alles getan habe und dass sie selbst unter einem Zauber stand. Ich glaube ihr kein Wort. Nur frage ich mich warum sie es getan hat? Nicht um mit mir zusammen zu sein, das steht schon mal fest. Sie reiste sofort ab.«

Sie war nicht mehr weit davon entfernt, ihn kopfüber in den See zu stürzen.

»Ian, was erzählst du mir da gerade? Dir ist schon klar wie das klingt?!«

Erneut breitete sich unangenehme Stille zwischen ihnen aus.

Als sie schon daran dachte aufzustehen und wieder in Richtung des Gasthauses zu gehen, legten sich seine langen, kalten Finger auf ihr Gesicht. Er hielt es so fest, dass sie glaubte er wolle sie küssen.

Sie fühlte sich sehr unwohl dabei und doch verlangte ein Teil von ihr danach, dass er es einfach tat.

»Du musst mir glauben. Ich hab dich wirklich vermisst.«

Sie befreite sich aus seinem Griff.

»Wenn du mich wirklich so vermisst hast, wärst du nach Lucida zurückgekommen. Du wusstest wo ich war.«

»Aber das bin ich doch. Zweimal.«

Was?

Er log. Ganz sicher hätte sie ihn gesehen.

Sie hätte so etwas gewusst.

»Ach ja? Dann warst du wohl unsichtbar. Ich habe dich jedenfalls nicht dort gesehen! Hast du deine Gabe angewandt? Es ist mir egal wie oft du auf Lucida warst. Du warst jedenfalls nicht bei mir.«

Sie ging ein paar Schritte rückwärts.

»Du hattest ein Jahr lang Zeit mich aufzusuchen. Ich weiß nicht, was ich dir glauben soll. Vielleicht hast du auch nur ein Abenteuer gesucht und Celerinas Vorstellung kam dir gelegen. Und jetzt … bin ich verheiratet. Es ist zu spät. Ich brauche erst mal ein wenig Abstand … Das ist alles zu viel für mich.«

Sie ließ ihn bei der Weide zurück, lief ziellos in die Stadt.

INFERNUM

GEGENWART

AUREA VITAE

Die Stadt entpuppte sich als größer als sie es auf den ersten Eindruck hin vermutet hatte. Verunsichert stolperte sie durch die Gassen. Wo in aller Welt war sie gelandet? Sie konnte den Marktplatz nicht mehr finden. Großartig. Jetzt fehlte nur noch, dass Ian ihr folgte und sie fragte, was sie in dieser einsamen, ausgestorbenen Gasse zu suchen hatte. Peinlich. Einfach nur peinlich.

Sie strahlte vor Erleichterung, als sie eine junge Frau in bunter Kleidung erblickte, welche ebenfalls den Weg entlang spazierte. Sie trug Stiefel mit ungewöhnlich hohem Absatz. Das war auf Lucida, der Lichtmagus-Insel, verboten.

Mit großen Augen bewunderte sie die schillernde Seide, mit der sonst nur jemand wie sie selbst, eine Königin, bekleidet war.

Vielleicht war sie von den Göttern zur Königin Agers erwählt worden. Zielstrebig ging sie auf die Frau zu. Sie würde ihr bestimmt verraten wo sie den Marktplatz finden konnte.

Ein Mann huschte unerwartet um die Ecke und stieß die junge Frau gegen die Mauern eines Hauses. Einen Moment lang war Aurea starr vor Schreck. Die Frau schrie er solle aufhören. Sie rief um Hilfe. Er zog an ihrem Rock und grunzte vor Verlangen. Sie wollte einschreiten, die Frau beschützen – doch Bilder ihrer Vergangenheit drängten sich zurück in ihr Gedächtnis.

Hilflos stand sie da, im Begriff davon zu laufen. Sie kannte die Situation dieser Frau nur zu gut und sie wollte nicht sein nächstes Opfer sein. Ihre Schreie gingen ihr durch Mark und Bein. Sie durfte nicht zusehen, sie durfte nicht weglaufen. Es war kein anderer hier, der dieser Frau helfen könnte. Sie musste etwas unternehmen.

Aurea konzentrierte sich auf ihr Licht. In ihrer Hand zuckte der Blitz … und sie holte aus, zielte auf ihn.

Sein Schmerzensschrei hallte durch die stillen Gassen. Der Effekt dieses Blitzes überraschte sie. Es sollte ihm nur eine Warnung gewesen sein und war noch weit davon entfernt, wozu sie imstande war. Dennoch sackte der Mann vor Schmerzen zu Boden.

»Bist du verrückt?! Was soll denn das?!«, schimpfte er.

»Lass deine Finger von ihr!«

»Und wieso sollte ich das tun? Hast du etwa ein besseres Angebot?«