Das Grab im Médoc - Maria Dries - E-Book

Das Grab im Médoc E-Book

Maria Dries

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Beschreibung

Bienvenue, Madame le Commissaire! In der Region Bordeaux häufen sich Einbrüche in bekannte Weingüter. Trotz höchster Sicherheitsstandards hinterlassen die Täter keine Spuren. Nach einem weiteren Einbruch wird der Winzer Armand tot in einem Brunnen gefunden. Pauline Castelot soll den Fall nun übernehmen. War Armand einfach zur falschen Zeit am falschen Ort? Doch wenige Tage später wird in einem Weinberg eine tote Frau gefunden, in ihrer Tasche die Einladung zu einer Weinverkostung – sie stammt von dem ermordeten Armand. Gibt es einen Zusammenhang zwischen den beiden Opfern? Der Auftakt zur neuen Krimireihe voller französischem Flair.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 273




Über Maria Dries

Maria Dries wurde in Erlangen geboren und hat Sozialpädagogik und Betriebswirtschaftslehre studiert. Heute lebt sie in der Fränkischen Schweiz. Schon seit vielen Jahren verbringt sie die Sommer in Frankreich.

Im Aufbau Taschenbuch sind bisher erschienen: Der Kommissar von Barfleur, Die schöne Tote von Barfleur, Der Kommissar und der Orden von Mont-Saint-Miche,l Der Kommissar und der Mörder vom Cap de la Hague, Der Kommissar und der Tote von Gonneville, Der Kommissar und die Morde von Verdon, Der Kommissar und die verschwundenen Frauen von Barneville, Der Kommissar und das Rätsel von Biscarrosse, Der Kommissar und das Biest von Marcouf, Der Kommissar und die Toten von der Loire und Der Kommissar und die Tote von Saint-Georges.

Informationen zum Buch

Bienvenue, Madame le Commissaire!

In der Region Bordeaux häufen sich Einbrüche in bekannte Weingüter. Trotz höchster Sicherheitsstandards hinterlassen die Täter keine Spuren. Nach einem weiteren Einbruch wird der Winzer Armand tot in einem Brunnen gefunden. Pauline Castelot soll den Fall nun übernehmen. War Armand einfach zur falschen Zeit am falschen Ort? Doch wenige Tage später wird in einem Weinberg eine tote Frau gefunden, in ihrer Tasche die Einladung zu einer Weinverkostung – sie stammt von dem ermordeten Armand. Gibt es einen Zusammenhang zwischen den beiden Opfern?

Der Auftakt einer neuen Krimireihe voller französischem Flair

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Maria Dries

Das Grab im Médoc

Bordeaux Krimi

Pour Daniel et son beau-père.

Inhaltsübersicht

Über Maria Dries

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Prolog

2. Juni

3. Juni

4. Juni

5. Juni

6. Juni

10. Juni

11. Juni

12. Juni

13. Juni

14. Juni

15. Juni

16. Juni

17. Juni

19. Juni

Impressum

Prolog

Die Dunkelheit hatte sich über das Bassin von Arcachon gesenkt, und der Vollmond spiegelte sich silbern auf der glatten, obsidian-schwarzen Wasseroberfläche. Unzählige Austernpfähle stachen schemenhaft aus dem Niedrigwasser, und die Vogelinsel sah aus wie ein gestrandeter Wal. Am Ostufer ließ ein sanfter Wind die Nadelfächer der Strandkiefern erzittern.

Die Seebrücke von Andernos-les-Bains ragte verlassen in die Bucht, an Bojen vertäute Boote lagen ruhig im Wasser. Neben der romanischen Kirche erstreckte sich der Austernhafen, der in wenigen Stunden wieder zum Leben erwachen würde. Für Gourmets war er ein lohnendes Ziel, da sie dort die unvergleichliche Atmosphäre erleben und sich von Züchtern bei der Austernprobe beraten lassen konnten.

Im Bungalow von Géraldine Villeneuve waren die Lichter schon lange erloschen, nur über der Haustür brannte eine Nachtleuchte, die einen gelben Kegel warf. Es war ganz still, sogar die Zikaden im Olivenbaum gaben keinen Laut mehr von sich. Das Schlafzimmerfenster stand weit offen, und der Vorhang bauschte sich in der nächtlichen Brise.

Plötzlich löste sich ein Schatten von einem Strauch. Mit einem Satz sprang Géraldines Katze Rosalie vom Blumenbeet auf den Fenstersims und landete nach einem weiteren Sprung geräuschlos am Fußende des französischen Bettes. Sie legte den Kopf schief und betrachtete die schlafende Frau.

Géraldine wälzte sich unruhig auf dem zerknüllten Laken hin und her und stöhnte leise, auf ihrer Stirn hatten sich Schweißtropfen gebildet. In ihrem Traum hörte sie ein schauerliches Heulen, Zischen, Brodeln und Stampfen, kalte Finger rissen an ihren Haaren und zerrten an ihrer Kleidung. Sie war eingeklemmt und konnte sich nicht bewegen, so verzweifelt sie es auch versuchte. Von ihrem rechten Knie aus schossen stechende Schmerzen in jede Faser ihres Körpers, und sie fror erbärmlich. Das Atmen fiel ihr von Sekunde zu Sekunde schwerer, sie fühlte Panik in sich aufsteigen, und als schließlich eine schwarze Dampfwalze mit glühenden Augen auf sie zurollte, stieß sie einen markerschütternden Schrei aus.

Erschrocken machte Rosalie einen Satz und flüchtete unter das Bett. Géraldine riss die Augen auf und keuchte, sie spürte ihr Herz rasen. Benommen setzte sie sich auf, lehnte sich gegen das Kissen und versuchte, tief durchzuatmen. Dann endlich begriff sie, dass sie diesem Alptraum entronnen war, der sie wieder und wieder heimsuchte. Sie versuchte, die bedrohlichen Erinnerungen beiseitezuschieben, und stieg entschlossen aus dem Bett.

Die Leuchtziffern des Weckers zeigten vier Uhr zwölf. An Schlaf war nicht mehr zu denken. Auf bloßen Füßen tappte sie durch den Flur in ihr Schreibzimmer, gefolgt von Rosalie, die auf ein zeitiges Frühstück hoffte. An regnerischen oder kalten Tagen schrieb sie hier am Holztisch, den sie auf einem Flohmarkt gefunden hatte, ihre über Frankreich hinaus bekannten und beliebten Kinderbücher, in denen sich Fabelwesen wie Trolle, Drachen und Elfen tummelten. Bei schönem Wetter war die Sitzgruppe unter dem Feigenbaum im Garten ihr Lieblingsplatz, um zu schreiben.

Géraldine ließ sich auf den Stuhl fallen, klappte den Laptop auf und checkte die eingegangenen Mails. Sie hatte drei Nachrichten vom selben Absender bekommen. Seufzend fuhr sie sich durch die widerspenstigen roten Locken. Sie wusste bereits, was darin stand. Ihr Verlag wollte wissen, ob sie den Abgabetermin für das neue Manuskript »Die Abenteuer der Wühlmauskinder Aurélie und Augustin« einhalten würde. Nein, das würde sie nicht, sie fühlte sich dazu nicht im Mindesten in der Lage. Schnell löschte sie die ungeöffneten Mails, bevor sie es sich anders überlegen konnte.

Dann wurde ihr Blick unweigerlich von einer goldgerahmten Fotografie auf dem Tisch angezogen. Sie zeigte einen breitschultrigen jungen Mann mit dunkelblonden Haaren und strahlend blauen Augen, der unbeschwert in die Kamera grinste. Yves, ihre große Liebe. Ihre blassgrünen Augen füllten sich mit Tränen. Rosalie, die ihren Kummer spürte, sprang auf ihren Schoß und rollte sich schnurrend zusammen. Während Géraldine gedankenverloren den Kopf der Katze kraulte, dachte sie wehmütig daran, was ihr widerfahren war. Aus heiterem Himmel hatte Yves sie nach acht gemeinsamen Jahren verlassen. Das hatte sie völlig überrascht, sie war sich sicher gewesen, dass er mit ihr genauso glücklich war wie sie mit ihm. Doch dann hatte er in der Disco eine andere Frau kennengelernt und sich Hals über Kopf in sie verliebt. Nur wenige Tage später hatte er seine Sachen gepackt und war ausgezogen.

Géraldine liebte Kinder und hatte sich immer welche gewünscht, mindestens drei, doch Yves hatte sich geweigert. Er wolle keinen Nachwuchs, vielleicht später einmal. Deshalb hatte sie ihren Kinderwunsch ihm zuliebe immer wieder schweren Herzens zurückgestellt. Kürzlich hatte sie ihn zufällig mit seiner neuen Freundin in der Markthalle von Arcachon getroffen. Das Paar hatte dort im Restaurant gesessen, zwischen sich eine riesige Platte mit Meeresfrüchten, gekrönt von einem Taschenkrebs. Nachdem Yves sie entdeckt hatte, war er aufgestanden, hatte sie begrüßt und sie seiner Freundin vorgestellt. Als er Géraldines Blick auf deren gewölbten Bauch bemerkte, erzählte er ihr mit seinem unwiderstehlichen Lächeln, dass seine Freundin schwanger sei und sie beide sich sehr auf ihr gemeinsames Kind freuten, auch eine baldige Heirat sei geplant. Dann hatte er liebevoll den Babybauch seiner Freundin gestreichelt, und Géraldine hatte gespürt, wie ihr das Herz brach.

Sie wusste im Nachhinein nicht mehr, wie sie es aus der Markthalle geschafft hatte. Sie konnte sich nur noch erinnern, dass ihr übel geworden war, ein heftiger Schwindel sie gepackt hatte und dass das Karussell auf der Strandpromenade das erste Bild gewesen war, das sie wieder bewusst wahrgenommen hatte.

Seit diesem verhängnisvollen Zusammentreffen litt Géraldine unter einer Schreibblockade, die ihr unüberwindlich schien. Sie hatte Konzentrationsstörungen, und immer wenn eine verheißungsvolle Idee Gestalt annahm, schob sich Yves’ Bild davor, und ihr Kopf fühlte sich leer an.

Schließlich gab sie sich einen Ruck und wischte sich energisch die Tränen von den Wangen. Sanft schob sie die Katze von ihrem Schoß und ging in die Küche, um eine Kanne Kaffee zu kochen. Als er fertig war, setzte sie sich, begleitet von Rosalie, mit der dampfenden bol auf die Terrasse. Am schwarzgrauen Himmel funkelten die Sterne wie Diamantsplitter, in der Ferne war das Tuten eines Nebelhorns zu vernehmen, und ein erster Vogel sang im Feigenbaum.

Géraldine dachte nach und gestand sich schließlich ein, dass sie dringend eine Auszeit brauchte, um über diesen Schock hinwegzukommen und neue Inspiration zu finden.

2. Juni

Das Hauptquartier der Sonderermittlungsgruppe befand sich im Stadtteil Saint-Pierre in der Rue Mérignac 5 in der Altstadt von Bordeaux. Im 18. Jahrhundert, der Blütezeit, als der atlantische Seehandel florierte, war dort die Einfahrt zum Innenhafen gewesen. Noch heute waren in diesem Viertel die Straßen nach den jeweiligen Handwerkszünften benannt, und so gab es beispielsweise eine Rue des Argentiers, eine Straße der Goldschmiede.

Das Quartier befand sich in einem zweistöckigen, altrosafarbenen Gebäude, das zwischen einem Wohnhaus und einer Weinhandlung eingeklemmt war. Einen Katzensprung entfernt strömte die pfauenblaue Garonne majestätisch in Richtung Gironde-Mündung, um sich dann, vereint mit der Dordogne, wie ein Trichter zum Atlantik hin zu öffnen. An den Ufern reihten sich beidseitig carrelets, Fischerhütten auf Stelzen, die für Angler ein idealer Ansitz waren.

Monsieur le Commissaire Louis Pierrot hatte kurz nach siebzehn Uhr seinen Dienst beendet und ging zur nahe gelegenen Tiefgarage. Er war zweiunddreißig Jahre alt, durchtrainiert und wies eine verblüffende Ähnlichkeit mit dem jungen Steve McQueen auf. Er hatte den ganzen Nachmittag damit verbracht, einen bislang ungelösten Fall, einen Cold Case, noch einmal aufzurollen. Der Fall hatte ihn völlig in Anspruch genommen, Pierrot hatte sich regelrecht festgebissen. Ein Callgirl mit dem Künstlernamen Loulou war 1991 tot in seinem Appartement in der Innenstadt von Bordeaux, im Viertel Bacalan, gefunden worden, gestorben an einem Kopfschuss. Als Hauptverdächtiger hatte schnell der Gelegenheitsarbeiter Jean Maigret gegolten, der für zweihundert Francs Loulous Dienste in Anspruch genommen und sich dabei hoffnungslos in sie verliebt hatte. Er war ihr hörig gewesen und hatte Reparaturen und Botengänge für sie erledigt. Doch Maigret hatte die Tat bestritten, und die Indizien waren für eine Verurteilung nicht ausreichen gewesen. Der Fall war nie gelöst worden.

Pierrot war fest entschlossen, Loulous Mörder mithilfe neuester Techniken, speziell mit komplizierten DNA-Analysen, zu finden, falls er noch am Leben war. Doch jetzt hatte er andere Pläne.

Geschickt steuerte er seinen schwarz glänzenden Oldtimer Citroën, ein wahres Flaggschiff, aus dem engen Parkhaus und fädelte sich in den zäh fließenden Feierabendverkehr ein. Er wollte über die Autobahn bis nach Le Teich fahren und weiter auf der route nationale zur Dune du Pilat. Seine Tasche mit dem Drachenflieger hatte er bereits am Morgen auf dem Dachgepäckträger festgezurrt. Louis genoss den Nervenkitzel beim schwerelosen Gleiten durch die Lüfte. Nur beim Sport konnte er abschalten und den Polizeialltag für kurze Zeit vergessen.

* * *

Als er sich seinem Ziel näherte, konnte er den gewaltigen Sandberg mit fast drei Kilometer Länge zwischen Kiefern hervorspitzen sehen. Darüber wölbte sich ein azurblauer Himmel, über den Schleierwolken zogen. Pilat war eine Wanderdüne, die stetig landeinwärts vorrückte, da die Strömung an der Einfahrt zum Bassin von Arcachon so stark war, dass sich die Sandmassen nicht aufhalten ließen.

Vor dem Hôtel Corniche, einem eleganten cremefarbenen Gebäude, fand er einen Parkplatz und zog sich im Auto um. Bekleidet mit einer Sporthose, einem T-Shirt und Leinenschuhen machte er sich auf die Suche nach Chantal, der Hotelmanagerin des Corniche.

Auf der Terrasse des Hotels saßen Gäste unter der rot-weiß gestreiften Markise, genossen ihren Aperitif und unterhielten sich mit lebhaften Gesten. Vor einigen Monaten hatten Louis und Chantal eine kurze leidenschaftliche Affäre gehabt, sich dann aber einvernehmlich getrennt. Chantal fühlte sich durch ihn eingeengt, er wiederum fand sie häufig zu ernsthaft. Inzwischen waren sie gute Freunde.

Louis fand sie hinter einer Pergola, über die sich violette Bougainvilleen rankten. Sie lehnte an der Mauer neben der Hintertür und rauchte. Die dunklen Haare waren zu einem Zopf gebunden, so dass ihr feines Profil zur Geltung kam. Der jadegrüne Overall betonte ihre schlanke Figur. Als sie ihn bemerkte, schenkte sie ihm ein bezauberndes Lächeln und drückte die Zigarette aus. »Salut, Louis! Hast du schon Feierabend?«

Sie tauschten Wangenküsschen.

»Salut, Chantal. Ich habe zeitig Schluss gemacht, mich zieht es auf die Düne. Hast du Zeit, mich später abzuholen, wenn ich gelandet bin?«

»Wenn du nicht bis nach Bayonne fliegst.« Sie lachte, und ihre schwarzen Augen leuchteten.

»Keine Sorge, ich werde versuchen, in der Nähe zu landen.« Er reichte ihr seinen Autoschlüssel. »Ich rufe dich an.«

»D’accord. Bis später.«

»Danach lade ich dich auf ein Glas Wein ein, wenn ich darf.«

»Das hört sich gut an. Pass auf dich auf.«

»Aber ja.«

Er holte die Tasche vom Dach, schlang sich ein grünes Tuch um den Kopf und machte sich über die freie Südflanke der Düne an den schweißtreibenden Aufstieg. Auf der Kuppe angelangt, verschnaufte er einen Moment und genoss den überwältigenden Ausblick. Dann baute er seinen Drachen zusammen, befestigte das Gurtzeug an seinem Körper und setzte den Helm auf. Aufmerksam sah er sich nach einem passenden Startplatz um. Auf der nördlichen Kuppe der Düne, die man vom Parkplatz aus über eine Holztreppe erreichte, hielten sich zahlreiche Touristen auf, die spazieren gingen, picknickten und die Aussicht genossen. Unterhalb des südlichen Kamms schwebten einige Gleitschirmflieger, deren Segel farbige Punkte in das Blau des Himmels setzten.

Louis entschied sich für einen steilen Hang, der dem Ozean zugewandt war, und nahm vier Schritte Anlauf. Er spürte, wie Aufwinde die Flügel trugen, und hob ab. Wie ein Vogel glitt er auf das glitzernde Meer hinaus und zog weite ruhige Kreise. Er ließ den dichten Kiefernwald und die hammerförmige Sandbank vor der Einfahrt des Bassins von Arcachon hinter sich. Rechter Hand lag die schmale Halbinsel Cap Ferret, die wie ein Finger in den Atlantik ragte, und auf deren bewaldeter Landspitze sich der weiße Leuchtturm mit der roten Kappe erhob. Austernboote und Jollen lagen wie Kinderspielzeug in der Bucht. Weiter draußen kreuzten elegant Segelboote. Die gemächlich zum kobaltblauen Horizont wandernde Sonne hatte sich in einen glühenden Feuerball verwandelt, der die Wolken rosa färbte. Die See roch nach Tang und Jod, auf seinen Lippen schmeckte er Salz, er lauschte dem Kreischen der Möwen und fühlte sich frei. In einem weiten Bogen flog er auf die Küste zu, folgte ihr eine Weile und steuerte den Drachen dann über den Étang de Sanguinet, einem von Schilf umsäumten Binnensee.

Als Louis den See hinter sich gelassen hatte, rief er Chantal an. »Salut, Chantal. Ich werde in Kürze auf dem Fußballplatz von Biscarrosse landen. Wenn dir das zu weit ist, kann ich versuchen, neben der Marina von Sanguinet auf einem Acker runterzugehen.«

»Biscarrosse ist in Ordnung. Ich mache mich gleich auf den Weg, in einer halben Stunde bin ich da.«

»Wir könnten zusammen abendessen.«

»Gute Idee, ich habe Hunger. In Biscarrosse-Plage gibt es ein neues Fischrestaurant, die Meeresfrüchteplatten sollen phantastisch sein.«

Louis schwebte weiter über einen Kanal, an dem Angler saßen, und ein Wäldchen und landete schließlich nach einer guten Stunde sanft auf dem Sportplatz von Biscarrosse. Eine Kindermannschaft in rot-schwarzen Trikots beobachtete gebannt seine Landung. Er winkte ihnen zu und löste das Gurtzeug. Dann baute er seinen Drachen auseinander, verstaute ihn in der Tasche und wartete auf Chantal.

* * *

Ein kaum wahrnehmbarer Höhenkamm zwischen der Pointe de Grave und Bordeaux teilte zwischen dem Atlantik und der Gironde die Halbinsel Médoc. Im Westen erstreckten sich Pinienwälder bis zu den traumhaften Stränden, im Osten gab es Weinfelder, die bis in das Stadtbild von Bordeaux hinein zur Gironde hin abfielen.

Das Weingut Château Cheval Noir lag in der Nähe von Pauillac auf einem Hügel inmitten von Weinbergen. Im Licht der bleichen Mondsichel waren die Konturen des Gebäudes scherenschnittartig zu erkennen. Es gab ein Haupthaus in der Mitte und zwei Seitenflügel, die jeweils von einem runden Turm flankiert wurden. Das Schieferdach mit seinen vier Kaminen glänzte matt im Mondlicht. Das stattliche Anwesen war von einer hohen Mauer umgeben, die mit Efeu überwachsen war und auf der der Name des Weingutes in großen roten Lettern stand.

Gegen zwei Uhr näherte sich ein Lieferwagen und fuhr langsam, mit ausgeschalteten Scheinwerfern, über die gewundene Straße auf den Hof des Weingutes. Im Schritttempo rollte er zu den Eingängen des weitläufigen Höhlensystems, das noch immer als Weinlager diente. Vor dem ersten Tor stellte der Fahrer den Motor ab, und er und sein Beifahrer stiegen aus. Die Türen ließen sie leise einklinken. Aufmerksam schauten sich die dunkel gekleideten Männer um, doch es war niemand zu sehen, und bis auf das sanfte Rauschen des Windes in den Laubbäumen war es still. Der Zugang zu den Weinkellern war durch zwei bogenförmige Eichentore versperrt, die mit massiven Schlössern gesichert waren. Die Männer wussten, dass die Stahlverriegelungen nicht mit einer Alarmanlage verbunden waren. Die Eigentümer des Châteaus verließen sich auf einen Sicherheitsdienst, der das Gelände zu unterschiedlichen Zeiten kontrollierte. Die nächste Kontrollfahrt würde in einer Stunde erfolgen, so dass sie genügend Zeit hatten, um ihren Auftrag zu erledigen. Der Sicherungskasten war neben dem linken Tor angebracht und mit einem Schloss gesichert, das einer der Männer problemlos aushebelte. Anschließend unterbrach er die Stromversorgung für das gesamte Kellergewölbe, indem er alle Sicherungen ausschaltete und einen Kabelstrang mit einer isolierten Zange durchschnitt. Jetzt funktionierte auch die Videoüberwachung nicht mehr. Der andere Mann brach mithilfe eines Stemmeisens das Schloss am Tor auf. Sein Partner zog das schwere Tor auf, und sie betraten den dunklen Gang.

Als sie es hinter sich zugezogen hatten, schalteten sie die Taschenlampen ein und ließen die Lichtkegel über das feuchte Mauerwerk gleiten. Ein modriger Geruch lag in der Luft, irgendwo tropfte Wasser. Durch einen schmalen, aus Stein gehauenen Gang kamen sie in den ersten Gewölbekeller, in dessen Ecken Spinnweben hingen. Dort waren Weinfässer aus Holz gelagert. Daneben befand sich der für die Gäste dekorierte Probierraum.

Die Männer bewegten sich zielsicher durch den nächsten Gang, der Lageplan des unterirdischen Labyrinths war ihnen bekannt. Sie passierten drei Höhlen, in denen Bordeauxweine der Klassen Grands Crus Classés fünf bis zwei lagerten. Im letzten Keller wurden die wertvollsten Weine aufbewahrt, die Grands Crus Classés mit der Klassifizierung eins. Die Flaschen lagerten in einfachen Holzregalen, an denen kleine Tafeln die Weine benannten. Dutzende Flaschen waren bereits etikettiert.

Es dauerte nicht lange, und sie hatten den Wein gefunden, den sie suchten: einen Château Cheval Noir Grand Cru Classé, Jahrgang 2011. Der Wert einer Flasche betrug dreitausend Euro. Ihr Auftrag lautete, zwölf Kisten à sechs Flaschen zu stehlen. In jedem der Gewölbe stapelten sich leere Weinkisten, und es gab eine Sackkarre. Auch darüber hatte ihr Informant sie aufgeklärt. Sie begannen die Weinflaschen vom Regal zu nehmen und in die Kisten zu stellen und diese dann auf der Karre zu stapeln. Als sie fertig waren, schob einer der Männer sie durch die Gänge, der andere leuchtete ihnen den Weg zurück zum Kellerausgang.

Schnell stellten sie die Kisten neben dem Lieferwagen ab und zogen das schwere Tor leise zu. Als die letzte Kiste im Wagen verstaut war, drangen durch die Stille der Nacht Motorengeräusche. Die Männer verharrten reglos, sahen einander an und warteten darauf, dass sich das Fahrzeug auf der Landstraße entfernte. Der Sicherheitsdienst konnte es nicht sein, er würde erst in zwanzig Minuten die nächste Kontrollrunde fahren. Doch das Geräusch näherte sich schnell und wurde lauter. Und dann bog der weiße SUV der Sicherheitsfirma mit der Aufschrift Sécurité Aquitaine in den Hof ein, fuhr mit aufgeblendeten Scheinwerfern auf den Lieferwagen zu und tauchte den Bereich vor den Weinkellern in weißes, grelles Licht. Die Männer erstarrten für einen Augenblick und blinzelten geblendet.

Aus dem SUV sprang ein Mann heraus und zielte mit einer Pistole auf die Einbrecher.

»Hände hoch!«, brüllte er. »Auf den Boden knien!«

Einer der Einbrecher hob langsam die Hände, während der andere blitzschnell eine Waffe zog und schoss. Der Sicherheitsmann schrie auf, seine Pistole fiel ihm aus der Hand, und er sackte auf die Erde. Dort krümmte er sich vor Schmerz zusammen. Jetzt zielte der Einbrecher auf die Windschutzscheibe des Securityfahrzeuges und gab mehrere Schüsse ab. Die Scheibe zerbarst in tausend Teile, und die Frau, die hinter dem Lenkrad sitzen geblieben war, warf sich geistesgegenwärtig auf den Beifahrersitz und hielt die Hände schützend über ihren Kopf. Glassplitter regneten auf ihren Körper. Währenddessen warfen die Weindiebe die Flügeltüren ihres Lieferwagens zu, dann stiegen sie ein und rasten mit aufheulendem Motor davon. Im Weingut gingen die Lichter an.

Sophie richtete sich vorsichtig im SUV auf und sah durch die Rückscheibe gerade noch, wie ein dunkler Lieferwagen auf die Hofausfahrt zupreschte, mit quietschenden Reifen um die Ecke bog und aus ihrem Sichtfeld verschwand. Es war unmöglich, das Kennzeichen zu entziffern, aber wahrscheinlich war es ohnehin gestohlen. Hastig schüttelte sie die Glasscherben ab, stürzte aus dem Auto, lief zu ihrem Kollegen und kniete sich neben ihn. »Bist du verletzt, Alain?«

»Der Mistkerl hat mich am Arm erwischt. Es tut höllisch weh. Ruf die Polizei und einen Krankenwagen!« Er stöhnte.

Während Sophie einen Notruf absetzte und kurz schilderte, was passiert war, wurde die Eingangstür des Châteaus aufgerissen, und ein Mann im Morgenmantel lief auf den Hof. Er hatte ein Gewehr in der Hand und wurde von einem Dobermann begleitet, der aufgeregt bellte und die Zähne fletschte. »Was ist hier los?«, schrie er.

Sophie klärte ihn auf. »Jemand ist in den Keller eingebrochen, und mein Kollege wurde angeschossen. Polizei und Krankenwagen sind unterwegs.«

»Mon Dieu, das ist ja furchtbar!«

Der Mann blieb wie angewurzelt stehen, pfiff den Hund zurück und packte ihn am Halsband.

Sophie holte den Verbandskasten aus dem Kofferraum des SUV. Sie begann Alains Oberarm über der Wunde abzubinden, um den Blutfluss zu stoppen. Der Besitzer des Weingutes sah ihr hilflos zu.

»Kann ich Ihnen irgendwie helfen?«

»Non merci, es geht schon.«

Als sie fertig war und beruhigend auf ihren Kollegen einredete und ihm den Schweiß von der Stirn tupfte, hörten sie in der Ferne eine Polizeisirene.

3. Juni

Madame le Commissaire und Polizeipsychologin Pauline Castelot quälte sich durch den dichten Feierabendverkehr von Bordeaux. Ihr schwarzer Renault hatte den ganzen Tag in der Sonne gestanden, und im Innenraum herrschten mindestens vierzig Grad. Sie ließ die Scheiben herunter, schaltete die Klimaanlage ein und setzte ihre Sonnenbrille auf die Nase. Als sie die Autobahn, die sich wie ein Ring um die Stadt schloss, hinter sich gelassen hatte und ihren Weg auf der vierspurigen route nationale fortsetzte, beruhigte sich der Verkehr. Sie schaltete das Autoradio ein, um zur vollen Stunde Nachrichten zu hören. Der Sprecher berichtete gerade von Weindiebstählen im Bordelais, die seit Monaten die Schlagzeilen beherrschten und für große Aufregung sorgten.

In der Nacht vom 2. auf den 3. Juni war auf einem Weingut ein Mann, der für den Objektschutz zuständig war, angeschossen worden. Es war das erste Mal, dass bei diesen Einbrüchen ein Mensch verletzt worden war. Deshalb hatte sich die police judiciaire, die Kriminalpolizei, eingeschaltet.

Pauline hörte konzentriert zu und fasste mit einer Hand die weizenblonden schulterlangen Haare zusammen, um Luft an ihren verschwitzten Nacken zu lassen. Wenn man den Täter überführt hatte, würden am zuständigen Geschworenengericht ein Staatsanwalt auf versuchten Mord und ein Verteidiger auf versuchten Totschlag oder gar Körperverletzung plädieren. So verlief es meist in derartigen Fällen, und das Urteil würden ein Richter und Geschworene fällen.

Sie sah auf die Zeitanzeige am Armaturenbrett und beschloss, vor dem Abendessen noch eine Runde zu laufen. Ihr Lebensgefährte Dominic war ein passionierter Hobbykoch und kümmerte sich meistens um die Mahlzeiten. Beim Frühstück hatte er ihr erzählt, was er kochen wollte, doch das war ihr im Laufe ihres stressigen Tages entfallen. Sie hatte Hunger, doch zunächst brauchte sie nach dem Tag am Schreibtisch Bewegung.

Gut gelaunt wählte sie die Handynummer ihrer neunjährigen Tochter Sarah, und während es klingelte, hörte sie ein paar Takte von Pink, einer der Lieblingssängerinnen ihrer Tochter, dann meldete sie sich.

»Salut, maman.«

»Salut, chérie, ist alles klar bei dir?«

»Aber ja.«

»Wie war es heute in der Schule?«

»Sport war gut, wir haben Volleyball gespielt und haushoch gewonnen. Die waren richtig sauer. Zwei Schmetterbälle waren von mir.«

»Das ist ja toll! Und wie war die Mathearbeit?«

»Wohl eher nicht so gut.«

»Du hast doch mit Dominic geübt.«

»Ja, schon, aber vielleicht nicht genug. Bis später, maman, ich möchte Dominic beim Kochen helfen.«

»Was gibt es denn?«

»Überraschung! Für das Dessert bin ich verantwortlich.«

Pauline lachte. »Du machst mich neugierig. Ich jogge noch eine Runde und komme gegen acht.«

Inzwischen hatte sie die Ortschaft Quinsac erreicht, die etwa acht Kilometer südöstlich von Bordeaux an der Garonne lag. Ihre Lieblingslaufstrecke führte durch die Weinberge von Quinsac. Sie parkte in der Nähe der Kirche und zog sich rasch im Auto um. Ihre Sportsachen waren immer in einer Tasche im Kofferraum verstaut, weil sie oft spontan lief. Die Haare hatte sie zu einem Pferdeschwanz gebunden und sich ein kobaltblaues Schweißband bis in die Stirn gezogen, das ihre großen graublauen Augen betonte. Sie absolvierte gewissenhaft ihre Dehnübungen, dann trabte sie mit Blick auf die Armbanduhr los. Sie kontrollierte immer ihre Laufzeit.

An der ersten Kurve nach dem Dorfausgang führte ein kleiner Weg direkt in die Weinberge. Während der ersten paar Hundert Meter geisterte der Mordfall Loulou noch durch ihren Kopf, doch dann richtete sich ihre Konzentration voll auf ihren Lauf, und sie dachte an nichts anderes mehr. Die Vögel sangen in den Bäumen, der Wind strich ihr sanft über die Arme, und die Weinstöcke leuchteten in einem satten Grün. Vor einem Weingut bog sie rechts ab und lief zum Stadion von Les Hugons. Dort ging es weiter zum Château Ruben und von hier aus in einem Bogen nach Süden auf die Garonne zu. Auf einem schattigen Treidelpfad, der neben dem ruhigen Fluss nach Norden verlief, kam sie zum Ausgangspunkt zurück.

In einem kleinen Lebensmittelladen am Kirchplatz kaufte sie eine Flasche kaltes Mineralwasser, da ihr Wasser im Auto brühwarm war. Gleich vor dem Geschäft trank sie es zur Hälfte aus, ehe sie sich auf den Heimweg machte. Sie freute sich auf eine erfrischende Dusche, auf das Abendessen und vor allem auf ihre Familie.

Das Weingut Château de Montfort ihres Lebensgefährten, des Winzers Dominic de Montfort, war ein alter Familiensitz im Weinbaugebiet Entre-deux-Mers nicht weit vom Dorf Romagne. Diese kleinere Domaine brachte unter anderem erlesene Weißweine hervor.

Die Zufahrt zum Château de Montfort war von alten Pappeln gesäumt, die lange Schatten warfen. Neben der schmalen asphaltierten Straße erstreckten sich hügelige Weingärten mit akkurat in Reih und Glied gepflanzten Rebstöcken, so weit das Auge reichte.

Das Weingut war ein ockerfarbenes, von Weinlaub überwachsenes einstöckiges Gebäude mit einem roten Ziegeldach, weißen Sprossenfenstern und Klappläden. An der Ostseite erhob sich ein runder, von einer Schieferhaube gekrönter Turm, und daneben reihten sich einige Nebengebäude geduckt aneinander.

Pauline fand ihre Tochter und ihren Lebensgefährten auf der Terrasse. Sie deckten den wuchtigen Holztisch, der unter einer grün-weiß gestreiften Markise stand.

»Maman!«, jubelte Sarah. Pauline nahm ihre Tochter in den Arm und drückte ihr einen Kuss auf die Wange. »Das Essen ist gleich fertig.«

Sarah hatte ihre dunkelblonden Haare zu Zöpfchen geflochten, und die blauen Augen blitzten aufmerksam in ihrem sommersprossigen Gesicht.

»Prima, ich will mich nur noch schnell duschen und umziehen.«

Sie wandte sich Dominic zu. Seine dunklen Augen in seinem markanten Gesicht leuchteten vor Freude auf, als er sie ansah. »Salut, Pauline.«

Er gab ihr einen Kuss, und sie fuhr ihm durch die kinnlangen schwarzen Locken. Er war einen halben Kopf größer als sie, die breiten Schultern steckten in einem schwarzen T-Shirt, und sein Bart war sorgfältig geschnitten.

»Du hast zehn Minuten«, bemerkte er. »Welchen Aperitif darf ich Madame servieren?«

»Einen Pastis, bitte, ich bin gleich wieder da.«

* * *

Als sie in einem Sommerkleid, die Haare hochgesteckt, die Lippen erdbeerrot geschminkt, auf der Terrasse erschien, servierte Dominic die Vorspeise. Es gab Austern aus Arcachon, auf die sie einen Spritzer Zitronensaft träufelten. Dazu aßen sie gebuttertes Baguette, und die Erwachsenen tranken einen exquisiten kühlen Wein aus ihrer Domaine.

Während sie als Hauptgang gegrillte Dorade mit Koriander-Zitronen-Crème und Kartoffelgratin genossen, unterhielten sie sich über das Thema, das derzeit alle Winzer im Bordelais umtrieb: die Weindiebstähle.

»Die Schlösser an den Toren zu den Weinkellern sind ein Witz«, meinte Pauline. »Die könnte ich mit einer Haarnadel öffnen.«

»Du bist ja auch eine mit allen Wassern gewaschene Madame le Commissaire«, erwiderte Dominic, und sie lachten.

»Nein, im Ernst«, beharrte Pauline. »Ich finde, du solltest sie auswechseln und über die Installation einer Alarmanlage nachdenken. Die Videoüberwachung hilft auch nicht unbedingt. Damit kannst du bei Führungen Touristen erwischen, die eine Flasche von deinem Wein in ihren Rucksack packen. Professionelle Diebe setzen sich einfach Sturmmasken auf.«

»Hochwertige Alarmanlagen, die mit einer Security-Firma und der Polizei verbunden werden, sind teuer.«

»Ja, ich weiß.«

Sarah meldete sich mit einer Idee zu Wort. »Wir könnten Estelle und Émile nachts auf dem Grundstück frei laufen lassen.« Das waren ihre Schäferhunde.

Dominic grinste. »Die beiden würden einem Einbrecher noch die Hand ablecken, vor lauter Freude, weil Besuch kommt.«

»O nein, die beiden sind richtige Wachhunde, sie werden anschlagen, wenn ein Fremder das Anwesen betritt.«

»Wenn du meinst, ich denke darüber nach. Gibt es jetzt Dessert?«

»Ja, ich hole es. Machst du den Mokka?«

Die Tarte à l’Orange schmeckte vorzüglich.

»Sarah hat sie gebacken«, erzählte Dominic.

»Köstlich«, lobte Pauline ihre Tochter. Das Mädchen strahlte über das ganze Gesicht.

Nachdem sie abgeräumt hatten, stießen die beiden Erwachsenen an und genossen einen Schluck des fruchtigen Weins. Dann betrachteten sie in stillem Einvernehmen die Aussicht auf die sanften Hügel, die Waldinseln und die Sonne, die gerade hinter den golden leuchtenden Weinbergen verschwand.

»Es ist so schön hier«, murmelte Pauline und lächelte entspannt.

»Maman?«

»Ja, chérie? Ich glaube, es ist Bettgehzeit.«

Das Mädchen seufzte. »Ich muss morgen einen Aufsatz über den Klassenausflug von letzter Woche abgeben. Das Thema lautet: Was mir bei unserem Ausflug an das Cap Ferret am besten gefallen hat, nur drei Seiten.«

»Das weißt du seit letzter Woche?«

»Hm.«

»Also gut, hol deine Schultasche. Dominic, hilfst du auch mit?«

Rasch erhob er sich. »Tut mir leid, ich muss noch in den Keller, etwas erledigen.«

Schon war er verschwunden.

* * *

Über den Haut-Médoc wölbte sich ein stahlblauer Himmel, Sterne funkelten, und der silbrige Mond saß auf einem Wolkenbett. Im Weingut Château Comtesse-de-la-Francis waren zwei Fenster im ersten Stock des Seitenflügels erleuchtet. Vor den anderen Fenstern waren die flaschengrünen Klappläden geschlossen, und kein Lichtstrahl drang in die Dunkelheit. In dem weiß gestrichenen, von Weinlaub überwachsenen Gebäude mit dem kompakten Kamin und dem flachen roten Ziegeldach war früher die Remise untergebracht. Auch im Hauptgebäude, das neben der Remise in einem Rosengarten lag, sowie im dahinterliegenden Turm brannte kein Licht. In der Ferne schlugen die Kirchturmglocken von Arsac zwölfmal. Es war Mitternacht. Im Wald schrie ein Käuzchen.

Der Eigentümer des Weingutes, Jean-Baptiste Armand, saß im Arbeitszimmer an seinem Schreibtisch aus Kirschbaumholz. Eine Tischlampe warf einen orangegelben Lichtkegel. Die altrosa gestrichenen, stuckverzierten Wände zierten goldgerahmte Ölgemälde und Wandteppiche. Ein offener Kamin diente im Winter als Wärmequelle.

Armands Gesicht mit den buschigen Brauen und der kräftigen, leicht schiefen Nase war bleich, die Stirn nervös gerunzelt. Er war angespannt und lauschte. Als die Dachsparren knackten, fuhr er zusammen.

Während die Finger seiner linken Hand rhythmisch auf die Tischplatte trommelten, hielt er in der anderen einen Brief. Der Inhalt des Briefes steigerte seine Unruhe, ebenso wie die Tatsache, dass mehrere Anrufe mit unterdrückter Nummer auf seinem Smartphone eingegangen waren. Der Anrufer hatte keine einzige Nachricht hinterlassen.

Als er den Motor eines Wagens hörte, der kurz darauf im Hof ausgeschaltet wurde, erstarrte er. Seine Gedanken überschlugen sich, und er war nicht im Stande, sich von der Stelle zu rühren. Jemand klingelte an der Tür Sturm, dann hieben Fäuste dagegen.

»Aufmachen!«, brüllte eine tiefe Stimme. »Wir wissen, dass du da bist.«

Panisch sah Armand sich um. Sollte er flüchten oder aufmachen und verhandeln? Die Männer wurden vor der verschlossenen Tür offenbar immer wütender und stießen Flüche aus. Armand hatte nicht die geringste Ahnung, wie er diese Angelegenheit aus der Welt schaffen konnte.

Plötzlich wurde es still vor dem Haus. Im Herzen des Winzers keimte Hoffnung auf, dass sie wieder gegangen waren. Aber er hatte kein Motorengeräusch gehört, oder doch?

Ein lauter Knall donnerte durch das Haus, etwas krachte laut, und dann hörte er Stiefel die Treppe herauftrampeln. Schon wurde die Tür zum Arbeitszimmer aufgerissen. Zwei Männer stürmten herein und bauten sich drohend vor ihm auf. Sie waren schwarz gekleidet und trugen Springerstiefel. Über die Köpfe hatten sie Sturmhauben gezogen. Armand fuhr mit aufgerissenen Augen zurück, sein Herz wollte aus der Brust springen.

Der linke Mann, ein bulliger hochgewachsener Typ, übernahm das Sprechen.

»Der Chef will sein Geld zurück, auf der Stelle. Du weißt, warum. Er tobt vor Wut wegen dir.«

»Welches Geld?«, fragte Armand und bemühte sich um eine feste Stimme.

Der Mann schnaubte verächtlich. »Keine Spielchen, sonst breche ich dir die Nase. Der Chef bekommt fünfundneunzigtausend Euro von dir. Also her damit.« Er streckte die schaufelgroße Hand mit der Innenfläche nach oben aus und winkte mit den Fingern.

»Ich habe es nicht.«

»Erzähl keinen Blödsinn, vor ein paar Tagen hattest du es noch.«

»Aber meine Tochter …«

»Deine Tochter interessiert uns nicht! Wir wollen das Geld.«