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In einer Zeit, in der die Menschen noch mit den Tieren sprechen konnten, hielten diese alle sechs Jahre eine Versammlung ab: das große Treffen. Hier kommen die Vertreter der Tiere, die Munks und die Vertreter der Menschen, die Momos, zusammen. Doch dieses Treffen ist anders. Die Menschen - Omes genannt - sind anders. Sie haben nun Waffen. Sie beanspruchen immer mehr Land für sich. Die Tiere müssen eine Entscheidung treffen.
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Seitenzahl: 155
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Gestalten, Persönlichkeiten, kleine und große Wesen – hier ist jeder wichtig!
Hauptdarsteller, Statisten, Retter
Impressum
Texte: Ina Milde Ina Milde Verlag:
Ina Milde
46047 Oberhausen Annabergstraße 43 [email protected]
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Wälder sind fantastisch, riesig, überwältigend; als wäre es ein eigenständiges Wesen. Und doch sind es so viele, die einem Wald das Leben geben. Wesen, die wir Menschen nicht wahrnehmen oder uns schlichtweg einfach nicht interessieren. Alles was uns Menschen nicht interessiert scheint unwichtig und kann vernichtet werden. Darum gibt es so viele kleine, aber auch große Kreaturen, die sich uns nicht zeigen oder es zumindest vermeiden.
Woher ich das alles weiß und woher ich Harter, Kirko, Scherscha und Zuku kenne? Ich kenne sie nicht persönlich; ich nicht! Aber vielleicht sollte ich einfach von vorne anfangen.
Vor ein paar Jahren war ich mit meinem Auto unterwegs. Es war eher eine klapprige Rostbeule mit vier wahrhaft echten Rädern drunter, das einzige an der Kiste, was in Ordnung war. Damals wollte ich zu meiner Mutter und meinen Geschwistern fahren; eine lange Strecke, die ich nicht auf der Autobahn verbringen wollte. So benutzte ich kleine Landstraßen, die oft durch Waldstücke führten. Doch diesmal schaffte es mein Auto nicht. Ich blieb liegen. Eigentlich blieb der Wagen mit einem großen Krachen und viel Qualm auf einmal stehen und zwar wie es sich gehörte im Wald; mittendrin! Es dämmerte allmählich, auch total typisch. Warum immer ich?
Ich nahm nun doch mal die Straßenkarte zur Hand und stellte fest, dass ich mich total verfahren hatte. Statt mich beim Fahren auf Schilder und Straßennamen zu konzentrieren, hatte ich mich laut pfeifend mehr der Landschaft gewidmet. Nun stand ich hier. Es war noch nicht ganz dunkel, aber nirgendwo war ein Lebenszeichen, auch mein Handy hatte keins – Akku leer. War auch nicht das erste Mal.
Ich zog los, allein – ohne Auto, ohne Licht, ohne irgend etwas.
Ich brauchte gar nicht weit zu gehen, da sah ich einen platt getretenen Pfad, der weiter in den Wald führte. Ich ging diesen, weil es einfach der richtige Weg war. Komisch, in diesem Augenblick befuhr mich weder ein seltsames noch ängstliches Gefühl; ich musste diesen Pfad nehmen! Schon bald sah ich auch zwei kleine Lichter, die allmählich näher kamen. Es war als führte mich jemand, als hätte man mich von Anfang an an die Hand genommen. Die Lichter stellten sich als zwei winzige Fenster dar – viel mehr sah ich auch gar nicht von der von Grünzeug absolut bewucherten Hütte. Es ragte irgendwo eine Tür raus und ohne anzuklopfen, trat ich ein.
Als ich in dem kleinen von Kerzen erleuchteten Raum stand, überkam mich ein dumpfes, mulmiges Gefühl. Ich kam mir wie ein Eindringling vor, wie etwas, das nicht in diese Umgebung passte. Wie konnte ich auch einfach ohne anzuklopfen, eintreten? Das Zimmer war sehr niedrig, mein Kopf berührte fast die Decke. Mehrere Kerzen in allerlei Größen und Formen standen auf dem Boden und auf einem kleinen runden Tisch. Ein Kaminfeuer brannte – hatte ich es draußen wahrgenommen? Ich war mir nicht sicher. Vor dem Feuer standen zwei Sessel und dieses Tischchen. Alles war aus Holz, Wurzeln und Gräsern. Erst jetzt bemerkte ich den Geruch. Er war nicht alt und modrig, was man vielleicht in der Behausung vermutet hätte, sondern ein Duft von Kräutern, Bäumen, Blumen und von frischem Tau.
Zuerst sah ich nur diese großen hellolivfarbenen Augen; nie zuvor hatte ich solche grünen Augen gesehen. Der kleine Mann saß ganz ruhig in einem dieser für den Raum sehr großen Sesseln, dann erst entdeckte ich darunter das breite Grinsen, seine großen Zähne, die dicke Nase und das dicke Kinn. Es war ein freundliches Lächeln, obwohl es überdimensional in seinem Gesicht wirkte. Er selbst war klein, gedrungen und hatte auch die Farben an sich, die in der Stube wirkten.
Er nickte mir zu, dann zum anderen Sessel und zog an seine riesige Pfeife, die fast auf den Boden reichte. Erst jetzt konnte ich mich bewegen, hatte ich überhaupt geatmet? Ich setzte mich ihm gegenüber, da ich auch das Gefühl hatte, dass meine Knie nachgeben wollten.
Ein Schieben von der Seite lenkte mich ab und ich sah die kleine Frau. Sie hatte ein langes braungrünes Kleid an, trug Holzklumpen und grellgelbe Socken, die mir sofort ins Auge fielen. Auch sie grinste mir zu, während sie einen dritten Stuhl zu uns rüber schob und darauf Platz nahm. Der Mann stand indessen auf und ging in eine dunkle Ecke und jetzt sah ich, dass auch er ein Kleid trug und Klumpen mit knallroten Socken! Die Frau nahm die Pfeife, zog an ihr, lehnte sich zurück und wippte, dabei ließ sie mich nicht aus den Augen, auch sie waren hellgrün. Das Männchen kam mit einem Tablett wieder auf dem dampfender Tee in kleinen Holztassen stand. Er verteilte ihn auf dem Tischchen und setzte sich wieder.
„Ich bin mit meinem Wagen stehen geblieben.“ Mehr brachte ich nicht raus. „Wir wissen es.“ Eigentlich hatte ich eine hohe piepsende Stimme oder überhaupt keine erwartet, aber er sprach sehr dunkel. „Wer?“ sprudelte es aus mir heraus. Er machte eine Handbewegung in den Raum und sagte:“Wir!“ Dann nahm das Männchen eine Art Flechtwerk zur Hand und fing an, daran zu arbeiten. Seine Frau zog weiter an der Pfeife. Ich schaute mich nochmals in der Stube um und es regte sich etwas.
Eine riesige kindsgroße Grille, zumindest wirkte es so, stolzierte auf seinen dünnen Beinchen zu uns rüber und lehnte sich an die Wand, ein kleiner Kopf wackelte und grüne Augen schauten mich an. Jetzt sah ich erst, dass die langen Arme Blätter waren. Ein kleiner Baumstamm kam ebenfalls. Er hatte große tiefliegende braune Augen mit kindlich interessiertem Ausdruck. Seine Ästchen bewegten sich beim Gehen, genauso wie die Blätter beim vorherigen Wesen. Der kleine Mann seufzte und bekam dadurch meine volle Aufmerksamkeit. Während er der Frau die Pfeife abnahm, daran zog und sich in seinem Sessel zurücklehnte, fing er mit tiefer ruhiger Stimme an zu erzählen.
Wenn ein Munk zur Union aufbrach, hieß es für viele, ein paar Nächte ohne Schlaf auszukommen. Tag und Nacht wurde diskutiert, Probleme und die letzten Neuigkeiten aus den angrenzenden Wauds besprochen und auch mögliche Verbesserungen vorgeschlagen. Für den Munk, der Vertreter der Tiere aus einem Wald, selber bedeutete das ein Vorbereiten auf eine sehr lange Reise.
Es war Kirko vor vielen, vielen Jahren, der als Vertreter des 'Wolken-Wauds' von allen dort lebenden Tieren gewählt wurde und der jetzt die Aufgabe besaß, sich mit anderen Munks zu treffen und auch mit den Vertretern der Menschen, den Momos.
Auf der Vorbesprechung wurde diesmal viel von den Wünschen der Omes gesprochen. Die Menschen verlangten mehr Land und mehr Amales zum eigenen Gebrauch. Innerhalb der letzten sechs Jahren hatten sich die Forderungen der Omes, also der Menschen, um das vielfache erhöht.
'So wird wohl auf der Union die Vertreter eher auf die Bedürfnisse der Omes eingehen als auf uns Amales und Planas', dachte Kirko. Er kannte die umliegende Gegend. Als Reiher kam Kirko schon öfter aus dem 'Wolken-Waud' heraus und wusste auch, was wichtig für den Wald und fürs Umland war. Gute Absprache, beidseitiges Einhalten von Versprechungen und Respekt zwischen Dorf und Waud; zwischen Amales und Omes. Manches könnte so einfach sein.
Durch seine Erkundungsflüge kannte er auch Dalf, den Munk des etwas weiter entfernten '4-Bächen-Wauds', mit dem er sich auch schon bald treffen wollte, um gemeinsam zum großen Treffen zu gehen oder sogar zu fliegen, und worauf er sich auch schon freute.
„Wir müssen aufpassen! Wir dürfen nicht nachgeben und unsere eigenen Interessen vergessen. Du musst auf unsere Wünsche pochen, Kirko! Am liebsten würde ich selber gehen, aber der Weg ist mir zu weit und es ist gut, wenn auch mal ein anderer Munk wird!“ Unte schaute mit ihren großen traurigen, aber immer wachsamen Augen den Reiher an. In ihrer Stimme erklang ein gewisser Unterton, der Unbehagen ausdrückte. Unte war schon zweimal Munk dieses Wauds gewesen, doch die Eule war schon sehr alt und gab das Amt weiter. Sie mochte den großen Reiher, da er nie überlegt irgendetwas tat und sich immer um andere gekümmert hatte. Und Kirko mochte Unte, sie war schon immer da gewesen und hatte in seinen Augen immer das richtige getan und wusste einfach alles.
„Also, Kirko, mach dich auf den Weg und berede dich mit Dalf. Ihr werdet zusammen stärker sein, schließlich haben wir hier im 'Wolken-Waud' die gleichen Probleme wie im '4-Bächen-Waud'.“ Er nickte nur. Die gleichen Probleme, oh ja: Amales verschwanden oder lagen getötet wie weggeworfen irgendwo herum, Bäume wurden abgeholzt ohne Absprache oder Feuer wurden gelegt...
Er verabschiedete sich von der alten Eule und wünschte sich, dass Unte ihn begleiten würde. Sie hatte die Redegewandtheit der Omes und konnte so mit ihnen schnell zu guten Abschlüssen kommen. Die Verabschiedung der anderen ging relativ schnell vonstatten, da eigentlich alles wichtige in den letzten Tagen gesagt wurde und die meisten Tiere ihm schon die besten Wünsche erbracht hatten. Viele große, wache und auch ängstliche Augen schauten dem hochgewachsenen Reiher nach. Er war von der Mehrheit gewählt worden, obwohl er noch recht jung war, aber dass er ein Vogel war, sprach für ihn.
Viele unterschiedliche Interessen kamen immer auf der Union zutage. Jeder Momo hatte andere Vorstellungen und die Munks sprachen nicht nur für sich, sondern auch für die Manas; Pflanzen, die sich fortbewegen und auch sprechen konnten, die aber auf dem großen Treffen nicht vorsprechen durften. Die meisten Manas, die auf der Union zu finden waren, waren Elks und Buums. Elks waren dünne lange Wesen, die hauptsächlich in Feldern lebten. Sie waren flink, intelligent, furchtbar neugierig und redselig. Buums waren ebenfalls schlank und hochgewachsen, sie lebten allerdings in Wäldern und sprachen eher selten. Die Manas sorgten für Essen und Trinken und verschwanden nach dem großen Treffen so schnell wie sie erschienen waren.
Immer wieder gab es in letzter Zeit Unruhen aus den Dörfern: „Wir brauchen mehr Land zum Bebauen und Bepflanzen! Wir brauchen mehr Fleisch, mehr Schafe, Kühe, Schweine und Hühner! Wir brauchen mehr Rechte, um uns weiterzuentwickeln, Kriege 'zu verhindern' und uns mehr als 'Mensch' zu fühlen!“ Letzteres hatte Kirko selber mit angehört und was sollte ein Reiher auch schon dazu sagen, außer dass einem die Federn 'zu Berge' standen?
Es kam auch zu gewissen 'Unfällen', wo sich ein Reh zufällig das Genick brach oder ein Hase und ein Wildschwein plötzlich tot umfielen. Nach dem vereinbartem Gesetz der Union sorgten die Omes für die Beseitigung der Tierkadaver und das taten sie dann um so lieber und auch immer sehr schnell.
Als Kirko schon eine Weile unterwegs war und der nächstliegende Waud schon in Sichtweite, gesellte sich ein Elk zu ihm. Er reichte dem grauen Vogel bis zum Brustgefieder. Sein kleiner Kopf wackelte zwischen seinen langen Blättern hin und her, die wiederum selbst in ständiger Bewegung waren. Elks waren zwar redselig und quasselten gern drauflos, waren aber auch bekannt durch ihre Hellhörigkeit. Oftmals steckte immer ein Fünkchen Wahrheit in ihrem Gerede. „Du, du bist doch der Munk aus dem 'Wolken-Waud', da wo die schönen hohen Bäume sind, die fast die Wolken streifen?! Sehr schön da, ja, sehr schön! Ich war auch schon da. Du, dort im '4-Bächen-Waud' ist es nicht schön, nein, nicht schön! Omes waren da und haben Bäume gefällt. Ich habe es gesehen, gehört habe ich es auch. Du, ich bin auch schon mal in einem der vier Bäche reingefallen. Gefährlich und dunkel! Die Omes sind sehr unfreundlich. Drüben hinter den Bergen gibt es schöne Felder und schöne Elks, alle nett da. Du bist auch nett, ja, du auch, aber ich bin es auch!“ „Ja, ja, es ist gut.Alles ist nett...“ „Nein, da nicht“, und es zeigte mit seinen vielen Ästchen und Blättern in den Wald, danach bewegten sie sich wieder ziellos um das Köpfchen herum. „Du gehst zurück oder kommst mit mir über die Berge, schöne Elks dort. Aber du bist ja nur ein Vogel, aber auch schöne Vögel da!“ „Sei bitte ruhig!“ Einen Elk musste man schon mal ein wenig bremsen, damit man auch was wichtiges zu hören kriegt. „Was ist im Waud passiert? Warum fällen die Omes die Bäume? Das ist gegen die Vereinbarung!“ „Die sagen, das ist egal! Hauen weiter und ich haue jetzt auch ab. Ich gehe über die Berge, da sind schöne Elks!“ Und kaum hatte es so gesprochen, drehte es ab und tauchte im nächstliegenden Feld unter. „Warte doch, Elk! Elk!“Obwohl der Mana noch nicht so groß war, sie konnten die Größe eines Reihers erreichen, verschwand er blitzschnell im Getreidefeld. Es sah aus, als ob ein Windhauch über die Gräser zog und plötzlich wieder verschwand.
Kirko ging weiter, allerdings nicht mehr so euphorisch und um einiges aufmerksamer. Er hätte fliegen können, aber dies wäre in seiner Position unhöflich, da er als Munk auf dem Weg zum großen Treffen für alle 'erreichbar' sein sollte. Außerdem hatte er unterwegs auf Glückwünsche und freundliches Winken gehofft, aber dies blieb auf weiteres aus. Niemand zeigte sich ihm mehr bis er zum angrenzenden Wald kam. Wieso wurde gegen die Abmachungen der Union Bäume gefällt? Warum stellten sich ein paar Omes gegen ihresgleichen, den Momos?
Als der Munk in den '4-Bächen-Waud' kam, bemerkte er zunächst nichts ungewöhnliches. Hatte der Elk übertrieben? Wäre nicht das erste Mal. Kleinere Wesen aus der Tier- und Pflanzenwelt kamen und machten ihre Aufwartung, begrüßten ihn und brachten Wasser, selbst die Bäume wirkten freundlich. Alles sah wie immer aus, doch schon bald schaute er in verzweifelte Augen und sah, dass Bäume sich scheinbar abwandten. „Wo ist der Munk dieses Waldes? Wo ist Dalf?“ er schrie schon fast in die ungewohnte Stille und prompt kam eine Antwort von oben, sie klang hoch und aufgeregt. „Benutze das Wort 'Wald' nicht, das klingt nach Ome!“ Kirko blickte erstaunt hoch und sah einen kleinen Spatz der neugierig und dick aufgeplustert auf ihn herunter schaute. „Was hast du?“ klapperte der Reiher mit seinem langen Schnabel zurück.“Was ist passiert?“ Der Kleine fing jetzt schon an, unruhig auf dem Ast herumzuflattern und seine Stimme klang noch aufgedrehter. „Die Omes brechen das Gesetz! Sie hauen den Waud ab! Sie sind böse!“ „Wo hauen sie den Waud ab? Und wer bist du?“ „Ich bin Pilto und lebe hier. Ich kenne dich, du bist der Munk aus dem 'Wolken-Waud'!“ Der Spatz flog vom oberen Ast herunter und setzte sich auf das Gefieder des Reihers, fand aber keinen Halt und purzelte auf den Waldboden. „Also, sowas!“ piepste der Kleine und fing an sein Gefieder zu putzen. „Nun hör mal auf mit deinem … Putzen und zeig mir, wo die Stelle ist!“ „ Na, na!“ fiepste der Spatz. „Du sprichst wie ein Ome! Freundlich bist du nicht und so etwas ist ein Munk!“ Wieder flatterte er auf. „Die Omes sind böse und du bist nicht nett!“ Kirko war fassungslos, ein Bild schwamm vor seinen Augen: wie er dem Spatz einfach einen Tritt gab. Aber so schnell das Bild da war, war es auch schon wieder verschwunden.
Der Spatz flog los und Kirko stolzierte mit seinen langen dünnen Beinen hinterdrein; schön langsam ein- und ausatmen, sagte er sich. Der Reiher wusste nicht, was er von seinem Wegbegleiter halten sollte. Schon bald kamen sie zu einer kleinen Lichtung, wo viele frisch abgeholzte Baumstümpfe aus dem Boden ragten – wie übergroße Zähne, so kam es dem Munk im ersten Moment vor. Es war ein beängstigendes, trostloses Bild. Herausgezogene und abgebrochene Äste lagen seitlich verstreut und dort war auch eine Feuerstelle. Kein Amal war zu sehen. Es wirkte wie ein Kampfplatz, wo der Verlierer eindeutig zu sehen war.
Pilto landete gleich neben ein paar abgenagten Knochen und dort an der abgebrandten Stelle entdeckte der große Vogel auch ein abgezogenes und weggeworfenes Fell und auch Federn. „Sie haben Kaninchen und Fasane geschossen und gegessen!“ rief der kleine Spatz und schaute den Munk erwartungsvoll und ängstlich an. Kirko setzte sich auf einen Baumstumpf, sprachlos. Irgendwie konnten seine Beine ihn nicht mehr halten, obwohl er mit einem ähnlichen Bild gerechnet hatte, zog es ihm wahrlich die Beine weg. Unte hatte ihn vorgewarnt: er würde sicherlich schlimme 'Schauergeschichten' hören, aber dass er solche Erfahrungen direkt im nächsten Waud machte, verschlug ihm die Sprache. „Ja“, tönte auf einmal eine andere Stimme, „die Omes haben getötet und gegessen!“ Ein dicker Feldhase stand vor ihnen mit wachen Augen, mehr erregt als ängstlich. „Er gehörte zu meiner Familie und er schrie um Hilfe, aber die Omes lachten nur und schossen umher.“ Kirko war nun völlig verwirrt, Hasen sprachen meist nur einzelne Worte in der gemeinsamen Sprache, nie hatte er zuvor soviel auf einmal von einem Nager gehört. Schließlich fand er seine Sprache wieder und versuchte bewusst einen ruhigen Ton anzuschlagen: „Du weißt, dass sie es nicht dürfen.“ „Natürlich, du Klugscheißer!“ konterte der Rammler und diesmal noch unfreundlicher. „Die wissen auch und machen es!“ Noch mehr plusterte der dicke Hase sich auf. Pilto, der sonst immer schnell einen vorlauten Spruch auf Lager hatte, versteckte sich hinter Kirko. Der Reiher erkannte zwar die Kampfbereitschaft des Hasen, blieb aber trotzdem ruhig und versuchte nachzuvollziehen, was passiert war.
Den Omes war es verboten, im Wald zu jagen. Es war im allgemeinen und von der Union erlassen, das es den Menschen verboten war, Tiere in freier Wildbahn und der allgemeinen Sprache mächtig, zu jagen und zu essen. Natürlich kam so etwas schon mal vor, dann wurde diese Person vor ein Tribunal gestellt, wo ein Vertreter beider Seiten (Ome und Amal) aus dem Gebiet und unabhängige, objektive Richter aus entfernteren Gegenden zusammen kamen, um darüber zu richten. War der Verurteilte ein Ome, so musste er bis zur endgültigen Verhandlung im Waud bleiben in Gewahrsam der Tiere, war es ein Amal, blieb er in der Stadt, in der Obhut der Menschen.
Doch diesmal war es anders. Warum verletzten so viele auf einmal die Gesetze und anscheinend wurde niemand festgehalten?! Während der Munk überlegte, gesellten sich noch mehr Amales zu ihnen. Sie schienen plötzlich von überall herzukommen. Der dicke Rammler stand immer noch vor Kirko und schien auf eine Antwort zu warten. Ein Wildschwein meldete sich schließlich zu Wort und lenkte somit den Hasen ab. „Ich habe alles gesehen, grunz! Es waren männliche Omes. Sie hatten Gewehre und Beile, grunz. Ja, Gewehre! Zuku fragte, was sie tun. Die Omes waren böse. Sie kamen mit der Axt und warfen tote Dinge nach ihm.“ Er zeigte mit dem Kopf auf den Buum und grunzte nochmals ganz laut, damit jeder ihn verstehen konnte – wobei der Grunzer einfach nur ein Grunzer blieb. Der Buum hatte die ganze Zeit über an einem Baumstamm gelehnt und war daher kaum zu bemerken. „Ja“, sprach Zuku und nickte erst dem Wildschwein, dann dem Reiher zu, „sie haben mich bedroht. Es waren acht Omes, nachher kamen noch drei Männer und zwei Frauen dazu mit großen Geräten.“ Die Buums gehörten zu den wenigen Waudbewohnern und waren die einzigen Manas, die zählen konnten genauso wie die Eulen, Falken und den Munks, die es dann erlernen mussten. Eine gewisse unruhige Stille breitete sich aus nach den Worten des Manas. Es war unglaublich, unvorstellbar – was war los mit den Dorfbewohnern? Warum taten sie das?
Inzwischen hatte sich ein ganzer Trupp von Amales angesammelt: Vögel, Nagetiere, Vierbeiner verschiedener Größen, alle aus dem Waud stammend oder vom anliegendem Land. Die angespannte Ruhe hielt nur kurz. Es fiepste, grunzte, kreischte, brüllte und quakte – es kamen sogar ein paar Enten vom naheliegenden Teich , die sich sonst nicht eine 'Feder' in den Wald herein trauten. Trotz unterschiedlicher Rasse, Aussehen, Instinkten und Intelligenz hatten sie eines gemeinsam: Angst!
