Das gute Leben - Franz-Maria Sonner - E-Book

Das gute Leben E-Book

Franz-Maria Sonner

0,0

Beschreibung

Gibt es noch das »gute Leben«? Eine übergreifende Idee ist uns verloren gegangen. Was bleibt ist ein Sammelsurium vielfältiger Eingriffe und Konzepte, die sich mal ergänzen, zumeist jedoch widersprechen. Brodersen macht sich in den Schwarzwald auf, um seinen Onkel zu besuchen. Der aber ist verschwunden. Das Wellness-Hotel Schwarzwaldhof, in dem sich Brodersen aufhält, erweist sich als eine Anstalt, in der beschädigte Menschen Trost und Heilung suchen. »Bei uns herrscht keine Zwangsbeglückung. Hier kriegen Sie Buletten aus Demeterschrot genauso wie die Bockwurst mit Mostrich. Dann machen wir es so: Zunächst Ölmassage, vierhändig, wird immer wieder gern genommen, und anschließend ein wenig Feinmechanik, eine Gesichtsmassage, damit Ihre Muskulatur wieder beim Lachen mitmacht. Ein bisschen Schwarzwälder Ayurveda tut jedem gut. Wenn Sie möchten, können wir anschließend über alles reden. Ich bin fast immer ansprechbar. Ansonsten: Täglich von zwanzig bis zweiundzwanzig Uhr haben wir Vorträge, Gesprächskreise und Diskussionen im Tannen-Saal. Erholen Sie sich gut.« Franz-Maria-Sonner zeichnet in seinem genau beobachteten Roman ein Bild der gegenwärtigen Suche nach dem Glück.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 258

Veröffentlichungsjahr: 2024

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Franz-Maria Sonner

Das gute Leben

Roman

Edition Nautilus

 

Der Autor bedankt sich beim Deutschen Literaturfonds e.V., der die Arbeit am vorliegenden Text gefördert hat.

 

 

DAS MÄDCHEN

Eines Tages steht das Leben

sanft lächelnd wie ein Mädchen

plötzlich auf der anderen Seite des Baches

und fragt

(auf seine spöttische Art)

Aber wie bist du da gelandet?

 

Lars Gustafsson

 

Nicht weniger oft geht das Schicksal gegen uns an, wie auch wir dagegen. Beschämend ist es, nicht freiwillig zu gehen, sondern sich vielmehr gewaltsam forttragen zu lassen und mitten im Wirbel der Dinge erstaunt zu fragen: „Wie bin ich denn hierhergekommen?“

 

Seneca

So urteilt die Kritik über „Das gute Leben“

Sprachgewandtheit ist Sonner nicht abzusprechen… (Nürnberger Zeitung vom 23. August 2005)

Das vordergründig gute Leben, das alle Personen führen, das sich aber in gutem Essen und Massagen erschöpft, wird von F.-M. Sonner in der treffend scharfen Beobachtung seiner Figuren karikierend auf die Schippe genommen. (Dagmar Härter, ekz-Informationsdienst)

Interessant ist zu sehen, wie Sonner genau beobachtet, welche psychotherapeutischen Interventionen heute – in „Mode“ sind. (Neue Umschau vom Dezember 2005)

Der Autor Franz-Maria Sonner hat mit seiner Geschichte „Das gute Leben“ einen mitreißenden Roman mit perfekten Dialogen verfasst, der den Leser dazu anregt, über sein eigenes Leben, Erfahrungen und Erlebnisse nachzudenken. (Julia Weber, Südkurier vom 12. Januar 2006)

In der eigentümlichen Hotelatmosphäre gerät Brodersen bald ins Sinnieren über die eigene Vergangenheit. Die ist voller skurriler Anekdoten über verflossene Freundinnen, die durchaus amüsant zu lesen sind und gleichzeitig nachdenklich stimmen. (Theresa Schomburg, zitty Nr. 27 vom 22. Dezember 2005)

Brodersen macht unversehens verstörende Bekanntschaft mit seinem eigenen Ich. (Salzburger Nachrichten vom 17. Dezember 2005)

1.

Direkt vor dem Hochhaus fand ich einen Parkplatz. Ich stellte den Motor ab. Fünfzehn Minuten musste man bei Linda normalerweise dazugeben. Nach den üblichen zehn Stunden Arbeit würde sie sich noch frisch machen. Ihren Lippenstift nachziehen, etwas Parfüm hinters Ohr tupfen. Linda arbeitete als Marketingreferentin beim Primavera-Verlag und betreute das Ressort Gesundheit und Familie. Aber pünktlich um neunzehn Uhr trat sie durch die gläserne Drehtür ins Freie. Der Wind blies in ihre Mantelschöße. Sie wickelte sich fester ein und stellte den Kragen hoch. Ich hupte. Linda winkte und stöckelte ein wenig schwankend auf mich zu. Ich stieg aus. Wir umarmten uns. An ihrem Hals roch ich einen warmen karamellartigen Duft. Als sie sich neben mich gesetzt hatte, klappte sie die Sonnenblende des Beifahrersitzes herunter und überprüfte ihr Make-up im Spiegel.

„Was machen wir“, fragte sie.

„Ich habe im Mulino einen Tisch bestellt.“

Linda blieb die ganze Fahrt über wortkarg. Wahrscheinlich hatte sie Ärger gehabt. Ihre Chefin war eine machtbewusste Person, die ihre Mitarbeiterinnen unten hielt. Ihr Stab wurde ständig durch aufrückende Praktikantinnen verjüngt. Linda war nun schon fast acht Jahre lang auf ihrem Posten. Eine Alternative war nicht in Sicht.

Wir bekamen im Lokal den kleinen Tisch am Terrassenfenster. Draußen schwebten dicke Flocken herunter. Endlich. Zu Weihnachten hatten österliche Temperaturen geherrscht. Der Flügelhelm des Hermes draußen auf der Balustrade war weiß überwölbt, die nackte Brust der Venus ihm gegenüber war in ein flauschiges Oberteil gepackt. 

„Es gäbe eine gegrillte Dorade für zwei Personen. Möchtest du?“

Linda nickte und nippte an ihrem Prosecco. Sie rutschte auf ihrem Stuhl hin und her.

„Warum treffen wir uns schon heute? Hast du am Wochenende was anderes vor?“

„Ja. Ausnahmsweise. Ich fahre für ein paar Tage in den Schwarzwald.“

Linda nahm wieder einen Schluck. Sie stellte ihre Handtasche auf die Oberschenkel und kramte darin herum, ohne mich anzusehen.

„Alleine?“

„Ja.“

Linda hatte ein Papiertaschentuch gefunden. Sie knüllte es zusammen und betupfte ihre Nase. Nun lächelte sie mich an.

„Ich dachte, ihr müsstet bis Ende Januar euer Weihnachtsgeschäft abarbeiten.“

„Geht aber nicht anders. Ich besuche meinen Patenonkel. Er ist dort zur Kur. Im Schwarzwaldhof.“

„Wo ist das Hotel?“

„Am Titisee. Ein paar Kilometer weiter bin ich geboren und aufgewachsen.“

„Ist er ein Erbonkel?“

„Schön wär’s. Aber unser Verhältnis ist nicht zum Besten.“

Renato hatte einen Servierwagen an unseren Tisch gefahren und begann darauf die Dorade zu filetieren. Er beträufelte die Hälften mit Olivenöl und Zitrone und drapierte Spinat und Kartoffeln daneben.

„Bon appetito!“

„Musst du denn zu ihm?“

„Schon. Onkel Dietrich ist der Bruder meiner Mutter. Der Letzte aus meiner Verwandtschaft.“

„Und warum vertragt ihr euch nicht?“

„Er ist, gelinde gesagt: sehr eigenwillig.“

Linda runzelte die Stirn.

„Vor Jahren habe ich ihm ein Stövchen zum Geburtstag geschenkt. Weil er sich darüber beklagt hatte, dass sein Tee immer kalt wird. Ein Stövchen aus Edelstahl, sehr ansehnlich, dabei stabil und keineswegs billig. Ein gutes Stück. Dietrich packt aus und sagt nichts. Kein Danke, weder Muh noch Mäh. Stattdessen zieht er seine Lesebrille aus dem Etui und setzt sie bedächtig auf. Aus der Brusttasche holt er ein Metermaß - das hat er immer bei sich - und prüft den Abstand von Teelicht zu Abstellrost. Dann inspiziert er die Verarbeitung der Füße und der Teelichthalterung. Schließlich stellt er probehalber einen großen, wassergefüllten Krug darauf. Verstehst du: Geburtstag, du bist rundum auf Gutartigkeit geeicht, aber dabei gefriert dir das Glückwunschgesicht zum Sozialgrinsen.“

Renato brachte die bestellte Flasche Lugana und goss ein.

„So, dann seine Analyse: Das Teelicht ist zu nah an der Kanne. Die wird unten rußig und zu heiß. Außerdem ist das Ding lausig verarbeitet. Mit so einem Krug obendrauf wird das Stövchen hin und her gebeutelt wie ein Schiff in schwerem Wellengang. Dietrich gibt dem Krug einen Schubs, das ganze Ensemble fängt derart zu schaukeln an, dass er den Krug festhalten muss. Schließlich das Urteil: Ist gut gemeint, Heinrich, aber das Ding taugt nichts. Mit diesen Worten schiebt er das Stövchen in die Schachtel und gibt sie mir zurück.“

Linda guckte amüsiert.

„Muss er eben weiterhin kalten Tee trinken.“

„Und die Welt beklagen, die kein brauchbares Stövchen zustande bringt. Oder es selber machen. Hin und wieder drängt es ihn ja zu beweisen, dass vieles besser würde, wenn sich Leute seines Schlages darum kümmerten.“

„Was kommt dabei heraus?“

„Beispielsweise ein neuer Schrifttyp. Er findet keinen passenden für seine Korrespondenz und die gedruckten Unterlagen. Also entwirft er sich einen. Und der kursiert heute noch als Brodersen Optima.“

„Was macht er denn beruflich?“

„Designer. Inneneinrichtung und Möbel vor allem.“

„Erfolgreich?“

„Durchaus. Wenn du dich nach ihm erkundigst: Er genießt hohes Ansehen in der Branche. Lampen und Stühle von ihm werden als Klassiker gehandelt. Sie sind im Museum of Modern Art ausgestellt.“

„Muss meine Kollegin mal nach ihm fragen. Ist er noch aktiv?“

„Allerdings. Sogar als Fünfundsiebzigjähriger. Ruhestand ist ihm zuwider. Er möchte seine Kreativität nicht in einem öden Pensionistendasein vergeuden.“

„Kann man auch bei uns was von ihm angucken?“

„Die Zentralbibliothek und die Philharmonie beispielsweise. Diese Projekte waren ihm besonders wichtig. Ein gelungenes Einzelstück ist noch kein Stil, sagt er. Stil erweist sich erst, wenn man Räume durchkomponiert. Deshalb hat er gern solche großen Veranstaltungsorte geplant.“

„Den ganzen Komplex?“

„Nein, nur den Innenbereich. Aber das reicht von der Wandfarbe über die Sitzpolsterung bis zu den Hinweisschildern. Zu Beginn eines solchen Auftrags malt Dietrich Bilder. Farbverläufe, sehr ab­strakt. Sein Prinzip ist, zunächst den Raumeindruck wiederzugeben, den er erzielen will. Diese Form- und Farbstudien sind wie Landschaftsgemälde, harmonische Impressionen, die du dir ins Wohnzimmer hängen könntest. Von diesen Gemälden geht er aus und überführt seine Ideen nach und nach in technische Konstruktionszeichnungen. Jedes hingepinselte Element muss sich irgendwann durch DIN-Schrauben mit anderen verbinden lassen.“

„Ehrlich gesagt: Ich glaube, dein Onkel ist ein interessanter Mensch. Vielleicht musst du ihm seine Unhöflichkeiten nachsehen. Vielleicht meint er das gar nicht so.“

Einige Ecken und Kanten ließen sich ja verschmerzen. Aber Dietrich meint genau das, was er sagt. Ich erinnere mich gut an folgende Begebenheit: Er unternahm gern ausgedehnte Spaziergänge. Früher mal führte einer seiner Lieblingswege zum Stadtrand und von dort in den Wald hinein. Damals stand am Ende der Straße noch ein bäuerliches Anwesen. Im Lauf der Jahre war es von luxuriösen Einfamilienhäusern mit geschwungenem Dach und Doppelgarage umbaut worden. Den Besitzern, einem alten Ehepaar, stattete Dietrich bisweilen einen Besuch ab. Durchhalten, sagte er, sie seien eine Insel inmitten dieser neureichen Scheußlichkeiten. Als die Frau starb und ihr Mann nicht mehr in der Lage war, für sich selbst zu sorgen, brachte ihn sein Sohn ins Altersheim. Das Haus übernahm er selbst und begann, es umzubauen. Er ließ das Dach anheben, um ein Obergeschoss zu gewinnen, und gestaltete die Fassade neu. An der Seite wurden große Durchbrüche herausgeschlagen, um Fenster und einen weitläufigen Glaserker anbringen zu können.

Ich sehe Dietrich noch vor mir, wie er den Umbau mitverfolgte und ihm die Galle hochkam. Sublimation ist seine Sache nicht. Also klingelte er. Der neue Besitzer empfing den Bekannten seiner Eltern freundlich. Dietrich redete nicht lange um den heißen Brei herum. Mit seinem Spazierstock klopfte er auf die Fensterrahmen aus Kunststoff und die Fertigteile des neuen Balkons, die einbaubereit im Garten standen. Ein Haus wie aus dem Quelle-Katalog werde das, es sei eine Sünde wider die altehrwürdige Bausubstanz. Natürlich wurde der Ton frostig. Der Sohn sagte, das gehe ihn gar nichts an, er maße sich ein Urteil an, das ihm nicht zustehe. Dietrich war das egal, schließlich fühlte er sich im Recht. Er fasste seinen Spazierstock beidhändig, als wollte er den anderen abstechen. Form und Proportion des Umbaus passten genau so wenig wie das Material zum bäuerlichen Charakter dieses Anwesens. Der Anbau sei eine Beleidigung für das Auge. Es sei, als würde man einer Kuh einen Taucherhelm aufsetzen.

Dietrich wurde aus dem Haus gewiesen. Noch im Gehen forderte er den Sohn auf, diesen Anbau umgehend rückgängig zu machen. Seinethalben mit Sprengstoff oder sonst wie. Hauptsache, er verschwinde.

Später stand in einem Polizeiprotokoll, Dietrich habe gedroht, den Erker abzusprengen. Der eingeschüchterte Besitzer war zum nächsten Revier gegangen, um sich und sein Haus zu schützen. Typischerweise nimmt Dietrich so etwas nie zurück. Um die Sache auszuräumen, teilte er über seinen Anwalt mit, er werde nie wieder einen Spaziergang in diese Gegend unternehmen.

In Geschmacksfragen lässt er nicht mit sich reden, schließlich wähnt er die Wahrheit auf seiner Seite. Er hält sich für befugt, pädagogisch zu wirken. Deshalb bekomme ich eine fixe Idee nie ganz aus dem Kopf: Womöglich ging Dietrich selbst zur Aktion über. Damals las ich im Lokalteil der Süddeutschen Zeitung von Vandalismus an Neubauten. Man nahm an, eine Bande von Jugendlichen stecke dahinter. Das Muster war immer dasselbe: Nachts drangen die Täter in das Baugelände ein, zerstörten wertvolles Material oder legten Feuer. Als ich einen Stadtplan zu Rate zog, stellte ich fest, dass sich die Aktivitäten ausschließlich auf ein Revier konzentrierten, in dem Dietrich seine Spaziergänge zu unternehmen pflegte. Niemand käme auf die Idee, dass Leute wie er solche Mutmaßungen über die Täterschaft als Deckung benutzen könnten, um ästhetische Sünden an Ort und Stelle zu bereinigen. Die Technik dazu gibt es doch längst: Sprengkapseln, Bohrer, so etwas geht doch ruckzuck, ohne viel Aufhebens. Ein potthässlicher Balkon, nicht lange gefackelt, weg mit dem Ding! Ein schmiedeeiserner Gartenzaun mit protzigen Ornamenten, paff! Der bayerische Gipslöwe aus dem Heimwerkermarkt, sofort auseinandernehmen! Jedenfalls bin ich sicher, dass Dietrich solchen Aktionen durchaus zugeneigt gewesen wäre, dazu berechtigt fühlte er sich ohnehin. Allerdings wurden im fraglichen Fall nach langen Ermittlungen zwei Maurer festgenommen, die nachts kaputt machten, was ihre Kollegen tagsüber aufgebaut hatten.

Linda lachte und schüttelte den Kopf.

„Das ist doch nicht dein Ernst!“

Wir waren inzwischen beim Nachtisch angelangt. Linda bestellte eine Weinschaumcreme. Ich beschränkte mich auf einen Espresso.

„Warum nicht? Dietrich hält guten Geschmack für eine angeborene Begabung wie das absolute Gehör. Er sagt, dass er für dieses Geschenk der Natur teuer zu bezahlen hat. Jeder Missklang bereitet ihm Schmerzen. Niemand könne sich vorstellen, wie sehr er unter dieser missgestalteten Welt leide.“

Renato kam mit der Rechnung. Ich zahlte. Linda gab mir über den Tisch hinweg einen Kuss.

„Danke. Lieb von dir.“

Wir fuhren zu Linda. Sie wohnte im Fideliopark, Englschalking. Ihr Appartement lag im zwölften Stockwerk. Von ihrem Balkon hatte man einen weiten Ausblick über München.

„Mach uns doch noch einen Averna“, rief Linda aus dem Schlafzimmer.

Lindas Spirituosen waren in einem Fach ihres Bücherregals untergebracht. Ich goss jedem von uns einen Fingerbreit ein und ging dann hinüber. Das Schlafzimmer war abgedunkelt. Sie lag im Bett. Im Hintergrund spielte ein Cellokonzert von Boccherini, das ich gerne hörte. Ich beugte mich über sie und küsste sie.

„Mach es heute nicht zu lange“, sagte Linda und leckte an meiner Nase. „Du weißt, ich muss morgen früh raus.“

Eine Dreiviertelstunde später, noch vor Mitternacht, fuhr ich nach Hause. Ich hatte für meine Reise noch nichts gepackt und wollte möglichst zeitig am Vormittag losfahren. Um die anstehende Zeit für mich angenehm zu gestalten, hatte ich die so genannten Regenerationstage des Schwarzwaldhofs gebucht. Was man mir da angedeihen lassen würde, wusste ich nicht.

 

 

2.

Am nächsten Tag war ich bereits um zehn Uhr abfahrbereit. Zeitig genug, um doch noch einen Abstecher ins Büro zu machen. Schang, mein Partner, und ich hatten unser Geschäft nach Gräfelfing verlegt. Büro und Lagerräume im Münchner Norden waren zu klein und zu teuer geworden. Wir betrieben einen Versandhandel für Nostalgiewaren. Atlantis hatte ich ihn damals genannt, als ich alles noch alleine machte. Die guten, schönen Waren hatte Schang als Slogan angefügt. Atlantis war erfolgreich, weil unsere Kataloge Kunstwerke der Kleinliteratur waren. Ich schrieb und redigierte an diesen Kataloggeschichten immer noch mit. Sie handelten davon, dass tagtäglich eine Unzahl von Tier- und Pflanzenarten ausstarben. Sie fielen der sich ausbreitenden Zivilisation zum Opfer. Ähnlich war es mit den Erzeugnissen der Handwerkskunst. Gutes wurde von seelenlosen Serienfabrikaten verdrängt. Schneller, massenhafter, billiger. Die meistverwendete Vokabel in unseren Texten war noch. Unser ganzes Bemühen war damit auf den Punkt gebracht: Noch war dieses oder jenes zu haben, und wir hatten es für unsere Kundschaft aufgetrieben. Bald gab es das jedoch nicht mehr. So erwarb unsere Klientel immer auch die Letzten einer Art, zu Unikaten gewordene Wertstücke einer besseren Zeit.

„Schon Sehnsucht nach uns, oder warum bist du schon wieder da?“, fragte Rosemarie, als ich das Büro betrat.

Rosemarie war meine Sekretärin. Sie war unverzichtbar für mich geworden. Sie wusste, wann sie jemanden zu mir durchstellen konnte. Wenn sich einer nur ausheulen wollte, tröstete sie ihn. Hatte ich etwas verbockt oder verschusselt, brachte sie das wieder in Ordnung. In meiner Abwesenheit behielt sie alles gut im Griff. Deshalb hatte ich ihr auch die Nummer vom Schwarzwaldhof gegeben. Sie würde nur in absolut dringenden Fällen anrufen. Auf ihre Einschätzung war Verlass.

„Wollte nur kurz die Post durchsehen und meine E-Mails checken“, sagte ich. „Man fährt dann doch beruhigter. Aber in fünfzehn Minuten bin ich endgültig weg.“

Schon nach wenigen Minuten, wusste ich, dass nichts anlag. Ich schaute noch bei Schang vorbei, um mich persönlich zu verabschieden.

„Wieso bist du inklusive Dienstag weg?“

Bei Schangs Ton hatte man immer das Gefühl, die Hände an die Hosennaht legen zu müssen. Zuweilen war er schwer erträglich.

„Vielleicht guckst du mal in die E-Mail, die ich dir gestern geschickt habe.

„Au Mann, du weißt doch, dass ich keine Zeit habe, mich mit allem zu beschäftigen, was da auf meinen Schreibtisch kommt. Urlaub, oder was?“

„Verwandtenbesuch. Mein alter Onkel.“

„Viel Spaß. Hast du mir die Kostenaufstellung schon zukommen lassen?“

„Nächste Woche dann, ja?“

Ich warf ihm eine angedeutete Kusshand zu und schloss die Tür. Ich nahm aus dem Lager noch eine Flasche Dominica Bay Rum als Geschenk für Dietrich mit. Ein Mitbringsel für Leute, die sonst schon alles haben.

Ich fuhr los. Zunächst über Landstraßen. Bei Olching wechselte ich auf die Autobahn Stuttgart. Hinter Ulm setzte der Klassiksender aus, den ich eingestellt hatte. Ich musste mich ohnehin auf die Strecke konzentrieren, denn die Schwäbische Alb hinauf begann ein dichtes Schneetreiben. Irgendetwas passierte immer, die Schwäbische Alb wollte bezwungen werden. Außerdem geriet ich in den Sog von Erinnerungen. Frühere Geschehnisse bleiben an den Orten, an denen sie stattgefunden haben. Dort richten sie sich ein, hausen und beginnen eine Existenz wie selbstständige Lebewesen zu führen. Sie warten auf eine Wiederbegegnung mit den Akteuren. Und am Aichelberg lauerte eine ganze Horde auf mich.

Oben am Scheitelpunkt der Schwäbischen Alb stand früher einmal ein Schild, das die europäische Wasserscheide anzeigte. Aus dem Süden kommend war dieses Schild wie ein Wächter beim Wiedereintritt in die heimatlichen Gefilde gewesen. Das lag an Dietrich. Wenn ich mit ihm unterwegs war, hatte er schon lange vorher darauf hingewiesen. Er, der oft und lange auf Reisen war und die meiste Zeit seines Lebens außerhalb Baden-Württembergs verbracht hatte, schien stolz darauf, dass die Schwäbische Alb diesen markanten Punkt bildete. Alles dahinter war für ihn Zuhause, und für mich begann eine Strecke, die durch seine Erzählungen zum Inbegriff des Heimkommens geworden war.

Ich habe ihn noch genau vor Augen, wie er am Steuer saß, gestikulierte und redete. Er lenkte mit einer Hand, deutete mit der anderen auf die Orte, von denen er sprach, und wandte sich sogar um. Ein Gefühl der Unsicherheit entstand bei mir dennoch nicht. Maschinen und andere Geräte gehorchten Dietrich aufs Wort. Er fuhr meist sportliche, schnelle Autos und war dementsprechend gekleidet: helle Popelinejacke, Halstuch und geflochtene Schuhe.

So ähnlich wie mit ihm als Chauffeur hatte ich mir später einmal die Autofahrt mit meiner Mutter vorgestellt. Dietrich lud sie und mich nach Ulm ein, wo er an der Fachhochschule einen Lehrauftrag hatte. Er bot an, uns mit seinem Wagen abzuholen, ich wollte jedoch partout mit dem eigenen fahren, einem grauen VW-Käfer. Ich fand das erwachsener. In meinem alten Modell musste man Zwischengas geben, um herunterschalten zu können, und das war am Aichelberg nicht zu vermeiden. Allerdings klang es, als würde man Metall in eine Kreissäge halten, bis der Gang endlich einrastete. Allein wäre es ein Abenteuer gewesen, nun saß aber meine Mutter auf dem Beifahrersitz. Spätestens bei Kirchheim, wo man in einer lang gezogenen Kurve auf den Aichelberg einschwenkte, war mir klar, dass sie litt. Trotzdem sagte sie kein Wort. Sie hatte weder den schwarzen Mantel noch den Hut abgelegt und hielt ihre Handtasche so verkrampft wie ich das Steuerrad. Später erzählte sie, sie habe gebetet. Sie wäre ohnehin lieber durchs Donautal gefahren, das war eine idyllische Strecke, auch kürzer, allerdings tuckerte man über Land von einem Nest zum anderen, und das dauerte viel länger als der Umweg über Stuttgart und die Autobahn. Aber auf einer Autobahn war Hauen und Stechen, und meine Mutter nahm Drängeln und Lichthupen persönlich. Sie empfand die Schnellstraße als eine unbekannte Welt voll Rüpeleien, in der die Schwachen einfach weggedrückt wurden. Mit Dietrich in seinem großen Wagen war das nie spürbar gewesen. Wir waren auf der Seite der Überlegenen. Ganz anders in meinem VW. Durch diese still vor sich hin leidende Frau neben mir wurde die Fahrt zur Demütigung. Mühsam hatte ich einige Laster überholt, die an ihre Geschwindigkeitsgrenze gingen, wenn ich an ihnen vorbei wollte. Dieses Manöver war ein Nervenspiel, das meinen Puls hochtrieb. Stück für Stück schob ich mich an ihnen vorbei, bis ich schließlich erlöst auf die rechte Seite wechseln durfte.

Kurz hinter Stuttgart war auch noch ein Wolkenbruch nieder gegangen, ich musste alle Fenster schließen. Innen wurde uns rasch unerträglich heiß, eine trockene Hitze, die aus den Lüftungsschlitzen unten wie aus einem Fön herausgeblasen wurde. Zu den Macken dieses alten VW gehörte, dass sich die Heizung nicht mehr abstellen ließ. Die Bodenbleche schienen bei diesem Wetter besonders dünn, brecherartig schlug das Wasser beim Durchfahren der Pfützen dagegen, an den Fußsohlen glaubte ich jedes Mal ein Vibrieren zu spüren. Ich sah, dass meine Mutter ihre Füße seitlich hochgestellt hatte, weil auf ihrer Seite Wasser eingedrungen war und wie in einer Waschschüssel hin und her schwappte. Schon beim ersten Anstieg machten die mühsam überholten Laster hinter uns rasch Boden gut, und ich trat das Gaspedal bis zum Anschlag durch. Da heulte der Motor zum ersten Mal auf. Die Kupplung! Er drehte leer durch und brachte die Kraft nicht auf die Räder, weil die Kupplungsscheibe abgenutzt war. Ich hielt mich ganz rechts, blieb im zweiten Gang, drückte das Gaspedal so behutsam, als hätte ich ein rohes Ei zu fixieren, nicht zu stark, damit der Motor nicht wieder durchdrehte und wir weiter an Fahrt verloren, aber auch nicht zu schwach. Der Wagen schaffte keine dreißig Stundenkilometer mehr. So langten wir schließlich oben an. An der Raststätte Gruibingen fuhr ich von der Autobahn ab. In meinem rechten Bein hatte ich einen Krampf, dazu war mir schwindlig, als sei ich besoffen. Wir tranken einen Kaffee. Als wir wieder einstiegen, tat sich nichts mehr: Die Kiste sprang nicht mehr an. Den Rest der Geschichte hatte Onkel Dietrich immer wieder gern zum Besten gegeben: wie er das desolate Paar an der Raststätte auflesen musste und nach Ulm brachte. Immer verschwor sich das Schicksal gegen mich, wenn ich mich Onkel Dietrich in erwachsener Souveränität präsentieren wollte.

Bei Wendlingen hörte das Schneetreiben auf. Ich fuhr noch an Stuttgart vorbei und machte dann Rast, um etwas zu essen. Von hier hatte ich früher nach Hause telefoniert, um meine Ankunft anzukündigen. Das Schlimmste hatte man hinter sich, der Rest der Strecke war planbar. Nun rief ich Linda an.

„Ich hatte gar nicht damit gerechnet, dass du dich melden würdest.“

„War schön gestern.“

„Ja wirklich. Wann bist du wieder zurück?“

„Mittwochabend spätestens“, antwortete ich.

Eine Weile lang war Pause. Ich hörte im Hintergrund das Klappern eines Keyboards.

„Ich werde dich vermissen.“

„Ich dich auch.“

Dann legten wir auf. Ich stieg in den Wagen und fuhr zügig weiter. Zu Beginn einer Reise behielten die Beharrungskräfte die Oberhand. Etwas wollte sich nicht vom Gewohnten trennen. Schließlich entwickelte das Ziel der Reise die stärkere Anziehung, das Ankommenwollen setzte sich durch. Plötzlich ging alles schneller voran.

Vor Donaueschingen endete die Autobahn. Eine von Bergen und Hügeln umsäumte Hochfläche breitete sich aus. Mutter und Dietrich nannten sie die Baar. Auch der Verweis auf den Fürsten von Fürstenberg, für den Dietrich einen seiner ersten Aufträge abgewickelt hatte, durfte nicht fehlen. Jetzt wurde ich nervös, Höpfingen, der Ort, wo ich geboren und aufgewachsen bin, war ganz nahe. Früher fuhr man über die Schwarzwaldhochstraße mitten hindurch, inzwischen führt eine Umgehung um den Ort herum. Ich erkannte den vertrauten Kirchturm. Jenseits der Hochstraße war ein Gewerbegebiet entstanden. Bald danach erreichte ich Neustadt und den Titisee. Kurz dahinter, Richtung Hinterzarten, lag der Schwarzwaldhof.

3.

Die alte Standuhr im Foyer zeigte fünfzehn Uhr. Ich war wesentlich früher als geplant angekommen. Das Hotel wies gediegenen Komfort auf. Die Wände waren holzgetäfelt, man ging auf weichen, schweren Teppichen. Eine Außenfront war komplett verglast und bot einen Ausblick auf den entfernt liegenden Titisee.

„Zimmer elf, Herr Brodersen. Mit eigener Terrasse.“

Der Portier legte den Schlüssel auf die Theke. Ich fragte nach Onkel Dietrich.

„Zimmer siebzehn, am Ende des Ganges. Aber Ihr Herr Onkel kommt erst gegen Abend zurück. Er lässt ausrichten, dass er sich zur Ravennaschlucht hat fahren lassen.“

Er schob mir eine Art Bonusheft zu.

„Bitte sehr. Sie haben das Regenerationsprogramm gebucht. Dr. Zephalus möchte Sie dazu noch sehen.“

„Mich?“

„Das obligatorische Vorgespräch. Dr. Zephalus ist leitender Therapeut. Er ist im Untergeschoss Zimmer null zwo, gleich die erste Tür rechts.“

 Mein Zimmer war gut ausgestattet, wie die ganze Inneneinrichtung des Hotels war auch hier das Mobiliar aus schwerem, dunklem Holz. Schreinerarbeit, keine Fabrikanfertigung. Vor dem Fenster stand ein Sekretär, neben der Terrassentür, die hinaus in den verschneiten Garten führte, war eine Sitzgruppe aufgebaut. Sessel und Sofa waren weinrot bezogen, auf dem Tischchen stand unter einer Vase mit Tannenzweigen eine gefüllte Obstschale. Ich zog den Vorhang auf. Auch hier bot sich ein schöner Ausblick über bewaldete Hügel zum Titisee hinunter. Ich hatte die Gegend gar nicht mehr so gefällig in Erinnerung. Längst war sie mit Läden und Andenkenshops verbaut. Überall waren Gästehäuser und Pensionen hochgezogen worden. Aber das Weiß des Schnees gab den Bauten Einheitlichkeit und eine natürliche Ursprünglichkeit zurück, wie ich sie von meiner Kindheit her kannte. Dazu legte sich über alles ein Schleier, denn es hatte wieder zu schneien begonnen. Kleine feste Flocken rieselten vom Himmel. Sie schwebten langsam herab, leicht und sacht, verwirbelten sich und stiegen wieder hoch, als scheuten sie sich, unten anzukommen. Schließlich fügten sie sich doch in die weiß wattierende Bedeckung ein. Der Blick nach draußen war wie der in eine Schneekugel. Schneebedeckte Tannen, Hauben auf den Laternen, gepolsterte Zaunspitzen. Schon immer hat mir das ein Gefühl von Geborgenheit vermittelt. Sonst kam ich mir drinnen eingesperrt vor, wenn ich zum Fenster hinausschaute. Nur im Winter bot ein warmes Haus Annehmlichkeit und Obhut.

Ich packte meine Sachen aus und hängte die Anzüge auf. Onkel Dietrich legte Wert darauf, dass man sich zum Essen in gediegener Aufmachung zeigte. Als ich mein Notebook auf den Sekretär stellte, sah ich dort ein schmales Bändchen liegen, eine Ausgabe von Senecas Über die Ausgeglichenheit der Seele. Ich nahm das Buch zur Hand. Die Hotelverwaltung hatte ein Kärtchen eingelegt: Als ein bleibendes Andenken an unser Haus. Mit besten Empfehlungen von Ihrer Familie Hörner. Linda hatte mir letzte Weihnachten ebenfalls eine Sammlung von Seneca geschenkt. Ich hatte aber keine Zeit gehabt, das Buch zu lesen.

Ich machte mich im Bad noch ein wenig frisch und ging dann hinunter, um mich bei Dr. Zephalus vorzustellen. Als ich anklopfte, öffnete er so rasch die Tür, als habe er mich dringlich erwartet.

„Aha, Sie sind Brodersen, der Neuankömmling. Nicht wahr?“

Er schüttelte meine Hand. Sein Griff war zupackend und kräftig.

„Hoppla, sagte er. Was ist denn das?“

Er ließ meine Hand nicht los, wedelte sie stattdessen hin und her wie den schlaffen Arm einer Gliederpuppe. Endlich wurde es mir zu bunt, und ich entzog sie ihm.

„Aha, eine Reaktion! Sie müssen niemand die Hand geben, wenn Sie nicht wollen. Setzen Sie sich.“

Zephalus wies auf einen kargen Holzstuhl mit hoher Lehne vor seinem Schreibtisch. Er selbst setzte sich nicht in das ledergepolsterte Ungetüm dahinter, sondern baute sich vor mir an die Tischkante gelehnt auf. Er verschränkte die Arme über seinem Bauchansatz. Der ganze Mensch wirkte ungeschlacht. Zephalus trug einen ausgebeulten dunkelbraunen Feincordanzug, dazu ein lindgrünes Hemd, das ihm vorne aus der Hose hing, grobes Schuhwerk mit dicken Profilsohlen, Haferlschuhe, die seitlich mit ledernen Schnürsenkeln gebunden waren. Ich hatte jemand in Weiß erwartet.

„Soll ich mich frei machen?“, fragte ich.

Zephalus hob die Hände.

„Von dieser Fakultät bin ich nicht. Den Doktor habe ich in Philosophie. Und als Heilpraktiker guckt man erst mal auf das Gesamtbild der Persönlichkeit.“

Ich sah ihn an. Er hatte seine Zähne freigelegt. Selbst bei geöffnetem Mund schien die obere Zahnreihe auf der unteren aufzuliegen. Er grinste wie ein Krokodil.

„Wir halten hier nichts davon, wenn nur am Leib herumgedoktert wird. Der Geist muss mitmachen. Was haben Sie studiert?“

„Durcheinander. Von allem ein bisschen. Letztlich bin ich bei der Betriebswirtschaft gelandet.“

„Und was fehlt Ihnen? Was können wir für Sie tun?“

„Ich bin wegen meines Onkels hier“, sagte ich. Ein Besuch. Ansonsten würde ich mich gern entspannen. Das ist alles.

„Das heißt, Sie wissen gar nicht, was Sie mit dem Regenerationspaket hier gebucht haben.“

Ich nickte. Eine Art Vorfreude schien sich Zephalus’ zu bemächtigen.

„Umso besser. Dann werden Sie unseren Methoden ganz unvoreingenommen begegnen.“

Erst jetzt nahm ich den oberen Teil seines Gesichts wahr. Seine Augen waren braun. Als rehbraun und sanft hätte ich sie bezeichnet, wenn Zephalus sonst nicht so bäurisch gewirkt hätte.  Das Haar war ebenfalls braun, eine dichte Matte, die er in einem pilzkopfartigen Schnitt trug. Seitlich lugten die abstehenden Ohren mit fast rund zu nennenden Muscheln heraus. Das Bemerkenswerteste an ihm war jedoch seine wohltönende Stimme. Sie war so klangvoll und tief, dass Schallwellen an meinen Brustkorb wie an einen korrespondierenden Resonanzkasten zu rühren schienen. Eine Betörung ging von ihr aus, man hörte ihm gern zu, gleichgültig, wovon er sprach. Jetzt aber saß Zephalus ruhig da und musterte mich mit zusammengekniffenen Augen. Dann fasste er mit beiden Händen an meinen Unterkiefer und bewegte ihn mit einigem Druck hin und her, als versuche er, ihn aus der Verankerung zu lösen. Seine Daumen bohrten sich von unten her in mein Kinn. Er zog meinen Kopf immer weiter nach oben, so dass ich irgendwann hätte aufstehen müssen. Ich packte ihn an den Handgelenken und drückte ihn weg.

„Was machen Sie da?“

Er ließ sich von meiner heftigen Reaktion nicht irritieren. Er schaute mich an und nickte.

„Haben Sie es gemerkt?“

„Was? Wovon sprechen Sie?“

„Wie ein Fisch an der Angel. Mit Haken im Maul. Haben Sie des Öfteren Kopfschmerzen oder sonstige neurasthenische Symptome?“

„Eigentlich nicht“, erwiderte ich. „Mir geht es wirklich gut.“

„Na schön“, sagte Zephalus schließlich und schlug sich mit beiden Händen klatschend auf seine Oberschenkel. „Bei uns herrscht keine Zwangsbeglückung. Hier kriegen Sie Buletten aus Demeterschrot genauso wie die Bockwurst mit Mostrich. Dann machen wir es so: Zunächst Ölmassage, vierhändig, wird immer wieder gern genommen, und anschließend ein wenig Feinmechanik, eine Gesichtsmassage, damit Ihre Muskulatur wieder beim Lachen mitmacht. Ein bisschen Schwarzwälder Ayurveda tut jedem gut. Wenn Sie möchten, können wir anschließend über alles reden. Ich bin fast immer ansprechbar. Ansonsten: Täglich von zwanzig bis zweiundzwanzig Uhr haben wir Vorträge, Gesprächskreise und Diskussionen im Tannen-Saal. Erholen Sie sich gut.“

Zephalus war aufgestanden. Ich erhob mich ebenfalls. Er legte den Arm auf meine Schulter und geleitete mich zur Tür. Dort gab er mir die Hand. Ich erschrak. Sie lag kalt und schlaff in der meinen.

„Das Totenhändchen, merken Sie es jetzt?“

Zephalus lachte und bleckte seine Krokodilshauer.   

 „Sie müssen niemand die Hand geben, wenn Sie nicht wollen.“

Dann schloss er die Tür. Ich ging zu meinem Zimmer zurück. Auf dem Gang packte mich eine ältere Frau am Ärmel. Sie hatte sich am Arm ihres Mannes eingehängt. Sie sahen jedenfalls wie ein Ehepaar aus, denn sie trug dasselbe Fleecehemd in rosa, das er in dunkelblau anhatte.

„Wir haben Sie bei Dr. Zephalus gesehen“, sagte sie. „Sie sind doch Professor Eisele, der Referent, der heute Abend über Sokrates spricht?“

„Nein“, sagte ich. „Der bin ich nicht. Ich bin ganz einfach Gast.“

„Dann entschuldigen Sie vielmals.“

Sie winkte mir zu.

„Bis später!“

  

4.

Ich zog die Schuhe aus und legte mich aufs Bett. Über die Hausleitung klingelte ich Onkel Dietrich an. Niemand nahm ab, offenbar war er noch unterwegs. Anschließend blätterte ich lustlos in dem Seneca-Bändchen. Quaero mehercules iamdudum… Ich warf das Buch beiseite. Latein war noch genau so langweilig wie damals in der Schule. Daran hatte sich nichts geändert. Ich holte mein Handy heraus und rief Linda an.

„Was machst du?“

„Ich stehe gerade im Bad. Creme mich ein.“

„Bist du nackt?“

Linda schwieg eine Weile.

„Fast“, sagte sie. „Wie geht es bei dir?“

„Komisch. Ein seltsames Hotel hier.“

Ich erzählte ihr von Zephalus und dem Ehepaar. Aber meine Schilderungen schienen sie zu langweilen.

„Schönen Abend noch, Lieber“, sagte sie schließlich, nachdem ich zu Ende gekommen war. „Ich vermisse dich.“

„Ich dich auch“, erwiderte ich.

Spazieren gehen wollte ich nicht, Dietrich war noch nicht da, zum Essen war es zu früh. Ich angelte mir den Hotelprospekt aus dem Ständer. Die Massage-Oase war abgebildet. Ein weiß gekachelter Raum mit Palmen. Hinter einer Liege standen zwei exotisch aussehende Frauen in weißen Kitteln. Die zwei Fachkräfte aus Sri Lanka hätten sich im Schwarzwald gut eingelebt, stand unter dem Foto. Ich griff nach dem Telefon und wählte die Nummer der Massage-Oase.

„Ja“, sagte eine freundliche Frauenstimme, „Sie können gern in einer halben Stunde zur Massage kommen.“

Ich war träge und müde und kam einfach nicht aus dem Bett hoch. Ich dachte, ich sollte mich noch duschen. Aus Höflichkeit. Schang jedenfalls machte das immer vor der Massage, die er sich donnerstags verabreichen ließ. Donnerstag war sein freier Abend. Er verließ das Büro früher. Zu Hause aß er eine Kleinigkeit, duschte und machte sich dann eine Flasche Wein auf. Pünktlich um neun Uhr kam Sissi mit ihrem Köfferchen. Schang war dann schon im Bademantel. Sissi sei keine Rassenutte, sondern eine kleine, weiß blondierte Dralle, die ihre Herkunft aus Landshut gar nicht erst zu verbergen suche. Mit Kullerbrüsten. Er bezahlte sie und legte sich dann aufs Sofa, über das er ein Betttuch gebreitet hatte. Dann massierte ihn Sissi ausgiebig. Das lockere und entspanne ihn ungemein, so Schang. Jeder Muskel, jede Partie werde bearbeitet. Mit einer Ausnahme, denn das Beste komme zum Schluss. Wenn Sissi dann seinen Schwanz berühre, sei er sofort da, denn das sei fast zenartig, wie sie dieses Zentrum bis dahin unermüdlich umkreist habe. Schließlich blase sie ihm noch einen. Da sei immer ein ziemlicher Druck dahinter, wenn er dann komme. Zuletzt streichle ihn Sissi noch ein wenig und decke ihn zu, denn er schlafe normalerweise gleich ein. Wie Sissi die Wohnung verlasse, nehme er gar nicht mehr wahr. Er wolle auch keine andere Frau, das Arrangement sei perfekt für ihn. Einmal die Woche so zelebriert, das genüge doch. Eine Frau zu Hause oder eine Geliebte, da müsse man deutlich mehr Zeit und Geld aufwenden. Und Service könne man auch nicht beanspruchen.

Etwas benommen erhob ich mich und stellte mich unter die Dusche. Im Bad hing, zu einer Art Rucksack verschnürt, ein schwarzer Bademantel. Auch Badeschuhe standen bereit. Ich solle unbedingt im Bademantel kommen, hatte die Frau am Telefon gesagt. Ich legte mir ein Handtuch um den Hals und ging zur Oase hinunter.

Der Thermen- und Regenerationsbereich war vom Hotel abgetrennt. Man betrat ihn durch einen speziellen Eingang. Ein Schild wies nochmals darauf hin, dass dieser Trakt nur in Badeschuhen und –mantel betreten werden durfte. Wie bei einer Arztpraxis drückte man eine Klingel, die einen automatischen Türöffner auslöste. Hinter der Theke einer Saftbar stand eine junge Frau, deren freundliche Telefonstimme ich sofort wiedererkannte.  Sie sagte, ich solle noch in einem Liegestuhl dort am Fenster Platz nehmen.