Kakapo - Franz-Maria Sonner - E-Book

Kakapo E-Book

Franz-Maria Sonner

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Beschreibung

Hagen ist fünfzig geworden. Der zum Verleger arrivierte Alt-Achtundsechziger mit den ausladenden Körperformen und dem dröhnenden Gusto für sexuelle und essbare Leckereien, hat seine Freunde eingeladen. Ort der Handlung ist das Lokal seines Lieblingskochs, und um die Tafel sitzt eine ausgesuchte Schar von Stellvertretern einer Generation: Winfried, öffentlich-rechtlicher Karrierist, Heiner, verkniffener Filmer, Erik, genialischer Quartalssäufer, Wieland, Griechenlandfreak, Ouzofreund, Immobilienhändler, Jack, freier Autor, unfreier Mensch. Eine literarische Feierstunde zu einem heiklen Doppeljubiläum. Vergangenheit und Gegenwart verschwimmen in edlen Getränken, und ewig Junggebliebene sehen ganz schön alt aus.

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Seitenzahl: 205

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Franz-Maria Sonner

Kakapo

Erzählung

Edition Nautilus

So urteilt die Kritik über „Kakapo“

Eine herrliche Jargon-Parodie des Münchner Schriftstellers Franz-Maria Sonner, 45, ein bitterböser, satirisch überzeichneter Blick auf die gealterten 68er und ihre Lebenslügen. (Facts Nr. 10 vom 5. März 1998)

Boshaftes Gruppenbild mit Damen … (Morgenpost vom 7. Februar 1998)

Franz-Maria Sonner ist am besten, wenn es darum geht, auf knappem Raum zu typisieren, zu karikieren, satirisch zu erledigen. Die Fülle von skurrilen Geschichten, die Sonner hier zusammengetragen hat, ist beeindruckend. (Jens Johler, Der Tagesspiegel vom 12. April 1998)

In seinem jüngsten Werk „Kakapo“ verbindet er Witz und detailliertes Insiderwissen zu einer amüsanten Satire… (Alexander Altmann, tz vom 16. April 1998)

Sonner gelingt es, ein urkomisches Porträt der 68er Generation zu zeichnen… (screen multimedia vom Mai 1998)

Hämisches Grinsen ist gestattet… (Die Woche Nr. 25 vom 19. Juni 1998)

Franz-Maria Sonner ist mit Kakapo ein Kabinettstückchen satirischer Erzählkunst gelungen. Scharfe Dialoge, entlarvende Erinnerungsbruchstücke und genaue Beobachtungen werden elegant zu einer ebenso witzigen wie aufschlußreichen Prosa verbunden. (…) Zum dreißigjährigen Jubiläum des Jahres der Revolte liefert Kakapo den literarischen Beitrag. (Joachim Feldmann, Am Erker Nr. 35, Sommer 1998)

Ein süffisantes Sittenbild des weitverbreiteten Dilemmas von Anspruch und Wirklichkeit. (Per Hansen, Bremer vom April 1998)

Kein Plädoyer für Nachsicht, aber das absolute, glaubwürdige, gekonnte und verständnisreiche Sittengemälde einer Generation… (Holm Friebe, Jungle World Literaturbeilage vom 25. März 1998)

Schenken sich nichts, höchstens reinen Wein ein, und so wird aus dem aparten Mahl ein Schlachtfest der Vergangenheit, gekonnt im knappen Telegrammstil geschildert und rasant vorgetragen von einm, der es wissen muss, wie es damals war. (Xaver vom April 1998)

… jetzt vor zwei Tagen habe ich (…) mir als Belohnung Dein Kakapo vorgenommen und ihn mit großem Spaß und voller Bewunderung gelesen. Das Buch erinnert an Woody Allens Filme, hält den Vergleich auch voll aus. Bewundernswert, wie es Dir gelungen ist, dieses Lebensgefühl einer Generation (der späten 68er) in die Sprache und zur Sprache zu bringen. Ich habe in den letzten Jahren (…) bei keinem Buch so oft und so laut lachen müssen. (Brief von Uwe Timm vom 28. Mai 1998)

Ein schnuffliges kleines Buch. Ganz voll mit genialer Beobachtung, satirischem Humor und feiner Ironie. Wahrscheinlich Selbstironie. (…) fünf-Sterne verdächtig. (Roland Weis, Radio FR 1 Buchtip der Woche vom 22. Juli 1998)

Ein superböses Bändchen zum Ablästern… (Stadtblatt vom August 1998)

Leichte Unterhaltung, vergnüglich herunterzulesen. (Dagmar Härter, ekz-Informationsdienst)

Sonners „Kakapo“ Erzählung ist ein spannender Text, der noch lange nachhängt. (Artos vom 1. April 1998)

Gästeliste

Hagen Alferi

Verleger, Gourmet, Gastgeber

Sarah

Lektorin, Hagens Lebensgefährtin

Winfried Zwiefahl

leitender Funkredakteur, Hagens Ex-Kommilitone

Gudrun Zwiefahl

Hausfrau, Winfrieds Frau

Hansjakob Cahn, genannt Jack

Autor, Hagens ältester Freund

Wieland Wolfertseder

Griechenland Exilant, Hagens Ex-Kommilitone

Judith Roß

Journalistin, Hagens alte Bekannte

Erik Roß

Ingenieur, Judiths Mann

Elsa

Schauspielerin, Hagens verflossene Liebe

Heiner Buhl

Filmproduzent, Elsas Freund

1. Tutto a posto!

Hagen Alferi stapfte durch den Kies. Hinter ihm drein zwei bucklige Männlein, Fritz und Paolo, die Kellner, den schweren Eichentisch schleppend, Hagens Geburtstagstafel.

„Moment!“, gebot er seinen Helfern.

Knirschend bohrten sich die Tischbeine in den Kies. Ging nun allein voraus in den Teil des Gartens, wo drei mächtige Kastanien Schatten warfen. Prüfte das Terrain. Stellte sich dann in die Mitte, wo die Kronen der Bäume eine Lichtung bildeten, hob die Hände und senkte sie langsam, als habe er einen Tisch von oben durch den Lichtschacht empfangen, den es nun abzusetzen gelte. Hier war er, der Locus amoenus! Fritz und Paolo wandten sich zum Haus um. In der Türe stand Itzinger, der Sternekoch, Besitzer des gleichnamigen Landgasthofes. Itzinger trug das weiße Hemd halboffen, Ärmel hochgekrempelt. Fasste nach dem Tuch, das er sich über die Schulter gelegt hatte, und tupfte sich die Stirn ab. Machte mit dem Kopf eine Bewegung zu Hagen Alferi hin, woraufhin Fritz und Paolo wieder anhoben und sich zu der bezeichneten Stelle vorwärtsarbeiteten.

„Itzig!“, Hagen winkte.

Itzinger kam herbei. Nickte bestätigend. Wischte mit seinem Tuch an einer Ecke des Tisches herum. Das Wetter würde halten. Keine Gewitter in Aussicht.

„Machen wir“, sagte Itzinger, Fragezeichen im Stile des Maître zu einem Pluralis Majestatis verfeinernd, „um die Kastanien herum ein bisschen eine Lichterkette. Oder Lampions. Und dekorieren wir die Tafel klassisch. Keine Bänder oder so Killefitt oder Buketts. Und setzen wir bei der Tafel den Akzent auf blau-schwarz: blaues Tischtuch, schwarzes Geschirr. Kommt gut als Kontrapunkt hier draußen.“

Itzingers Anweisungen an Fritz und Paolo fielen knapp aus. War gewohnt, seine Küchenbrigade wie ein Regiment zu dirigieren. Hagen legte seinen Arm um Itzinger und ging mit ihm zum Haus.

„Besondere Wünsche noch?“

Hagen grinste. Nur das Beste! In einem Menü à la surprise dargeboten. - Übrigens: Neulich sei er in Irland gewesen. Habe dort Scampi in einer Sauce aus Guinness und weiß-nich-was-noch gegessen.

„Mit Butter montiert?“, fragte Itzinger.

„Genau“, sagte Hagen. „Und irgendwie mit Zitrönchen.“

„Sagenhaft!“

Itzinger löste sich aus Hagens Umarmung und ging kopfschüttelnd in die Küche zurück.

„Mit Guinness!“

Drinnen an der Bar stand Sarah. Schmal, blond, in einem dunkelblauen Hosenanzug. Das Haar hatte sie mit ihrer Sonnenbrille hochdrapiert. Sarah nippte an einem Espresso. Hagen rief ihren Namen schon von der Türe aus, hochgestimmt, voll Vorfreude. Ruderte mit den Armen und wandte sich zur Bar hin. Orderte einen Cafe Fernet. Sarah schüttelte den Kopf.

„Jetzt schon?“

„Natürlich, mein Schatz!“

Hagen breitete die Arme aus und drückte sie an sich. Er werde sich heute hemmungslos allen Trieben und Gelüsten hingeben. Sich nur das Beste und Teuerste zuführen. Selbst wenn er sich hinterher aufs Zimmer tragen lassen müsse. Sarah lehnte an seiner Brust und schüttelte lachend den Kopf. Der Kellner hatte gerade aus der auf dem Kopf stehenden Flasche den Fernet gezapft.

„Mehr!“

Hagen wies eine größere Spanne.

„Un doppio!“

Er stellte Sarah beiseite, tätschelte ihre Oberarme und rieb sich die Hände. Fasste das Tässchen mit zwei Fingern, „Vorsicht heiß!“, stellte den abgewinkelten Arm aus, reckte den Kopf nach vorne, zog die Augenbrauen hoch und schlürfte den Kaffee, als gelte es, eine weiße Hemdenbrust vor braunen Flecken zu bewahren. Stellte aber den Fernet hinterher ganz locker ab. Behielt bei all seinen Verrichtungen Sarah im Auge. Wartete auf das versprochene Geschenk. Etwas Besonderes, was sie ihm nur einmal schenken werde. Hagen schwieg vergeblich, um Raum für Ankündigungen zu lassen. Sarah machte keine Anstalten. Sagte stattdessen, er solle sich umziehen. Nur eine Stunde noch, bis die Ersten einträfen.

Hagen gestikulierte italienisch. Wollte es zwingen. Fragte:

„Tutto a posto?“

„Tutto!“, erwiderte Sarah lächelnd.

Hagen trollte sich. Kam eine dreiviertel Stunde später die Treppe herunter. Sarah blätterte in einem Magazin. Schaute sie fragend an. Sarah schüttelte den Kopf. Niemand war gekommen, alles noch ruhig.

„Wie seh ich aus?“, fragte Hagen.

Streckte die Arme vom Oberkörper, drehte sich. Sein Haar war schon schütter, grau-blondes, gewelltes Haar, jetzt mit Gel nach hinten gestrichen. Zwischen den feuchtglatten Strähnen schimmerte Kopfhaut durch. Nur am Hinterkopf, schäfchenartig geringelt, noch ein paar Löckchen. Trug ein tiefblaues Hemd und ein grünschimmerndes Sakko, dazu eine braune Hose. Teure Ware, spielte aber keine Rolle, denn Hagen beulte in kürzester Zeit jede Hose, ließ sie unter seinen Bauch rutschen, so dass sie ziehharmonikaartig auf den Schuhen aufstand, fältelte jedes Sakko an den Ärmeln und im Rücken, knitterte frischgebügelte Hemden und ließ eine Seite des offenen Kragens unterm Revers verschwinden. Trug keine Krawatte, wollte leger bleiben, aber ohne Selbstverleugnung, schließlich war er Verleger. Aber eben ein Verleger, der alte Freunde zu seinem Geburtstag erwartete.

Hagen war ohnehin länger als üblich vor seinem Schrank gestanden. Wusste nicht, was er anziehen sollte. Einen intakten Freundeskreis gab es nicht mehr. Man hatte sich aus den Augen verloren. Traf die eine hier, den anderen dort. Diese schönen Zufälle, die schlechtes Gewissen bereiteten. Was also anziehen? Etwas, das an früher erinnert? Lieber nicht! Wer nicht von der Stelle gekommen ist, zeigt sich äußerlich unverändert. So geben sich auch die, die mit ihrer alten Kluft Gesinnung zur Schau tragen wollen. Wie Winfried, der Funkredakteur, den Hagen immer auf der Buchmesse traf. Trug seit Jahren die schwarze, an den Ärmeln schon mürbe Lederjacke und ein lila T-Shirt. Grinste dann, zeigte die Zähne und sagte, sei schön, wenn sich die alten Wölfe wiederträfen. Außerdem passte Hagens Bauch ohnehin nicht mehr in eine Jeans. Der Bauch musste drüber und die Hüften hielten die Hose dann nicht mehr. Aus, vorbei! Und im T-Shirt sah er aus wie Pater Augustinus aus der Bierwerbung. Zeltartig. Also suchte Hagen die legere Mitte im schlampigen Chic, der seiner Statur angemessen war. Andeuten, statt zeigen, Pelz innen tragen!

Alles da? Letzte Überprüfung: Hagen klopfte sich auf die Hosentasche: Feuerzeug und Zigarrenschneider! Tippte an seine Brusttasche: das Etui! Sagte:

„Lass uns rausgehen!“

Er fasste Sarah unter, sie traten ins Freie und gingen die Hofrunde, als beschritten sie einen Ehrenparcours.

„Nervös?“, fragte sie.

Er brummte. Die Hauptsache war, dass man sich überhaupt mal wieder traf. Mensch, nach so langer Zeit! Wenn nicht an meinem Geburtstag, wann dann? Und dafür konnte es keinen geeigneteren Ort geben als Linding, den schönsten und nahrhaftesten Fleck in ganz Bayern.

Das Itzinger in Linding firmierte als Landgasthof. Eine Untertreibung! Um die Rückkehr zum Bodenständigen zu signalisieren: Portionen statt gaumenkitzelndem Fast-Nichts. Früher war das Gebäudeensemble eine Schlossbrauerei mit Restaurant und Biergarten gewesen. Das Herrenhaus dieses ländlichen Gutes hatte Itzinger zum Hotel ausgebaut, den Restaurationsbetrieb ins angrenzende Nebengebäude verlagert. Zusammen mit den ehemaligen Stallungen und Wirtschaftsgebäuden, die an eine Molkerei und Käserei vermietet waren, umfingen sie den Schlossplatz. Dort drinnen alte Kastanien- und Ahornbäume. Charaktervoll, markant. Hier hatte Itzinger angesetzt, hatte weitergepflanzt., hatte mit Strauch- und Rankwerk ein grünes Innenhofrund geschaffen. Als Emblem zierte es nun Itzingers Landprodukte, sein Ökolabel für Leberkäse im Glas, Hausmachersenf, Pizza, Krustenbrot zum Beispiel. Der Gasthof stärkte das Ansehen, die Landprodukte brachten das Geld.

Hagen Alferi, die gastronomische Trüffelsau, hatte den neueröffneten Landgasthof sehr bald ausgemacht. Schließlich kannte er den Koch schon aus der Zeit, als dieser noch im Aubergine lernte. Er verfolgte die Spur aller Köche, die ihm einmal gutgetan hatten. Das hinderte ihn nicht daran, Itzingers Palette von Landprodukten zu schmähen. Leberkäse im Glas! Tiefkühlpizza! Auch Öko kümmerte ihn nicht. Essen war für Hagen eine Angelegenheit, die über den Mund und den Gaumen, nicht über den Kopf ging. Ob Jute oder Plastik, war ihm egal, sogar bei seinen Unterhosen. Es gehe darum, dass sie keine Hautausschläge verursachten und ihm den Sack nicht abkniffen.

Das liebte Itzinger an Hagen. Er nahm kein Blatt vor den Mund und kritisierte auch ihn energisch, wenn es ihm nicht schmeckte. Hagen hielt nichts von alternativem Chic, so wie die anderen, die in Knitterleinen mit Porsche oder Benz in den Landgasthof gepilgert kamen. Außerdem war Hagen mit seinen Geschäftsfreunden und seinen allseits gesuchten Empfehlungen ein wesentlicher Multiplikator in der Gourmetszene. Schon deshalb hatte Itzinger ihm den Gefallen getan, das Lokal am Ruhetag für die Geburtstagsgesellschaft zu öffnen.

„Ist uns eine Ehre, deinen Fünfzigsten auszurichten“, hatte Itzinger gesagt.

Hagen und Sarah waren nun am gegenüberliegenden Ende des Platzes angekommen. Durch das große Tor hindurch sah man, dass draußen auf den Parkplatz die Augustsonne brannte. Innen herrschte die angenehme, feuchtwürzige Kühle der gut gewässerten Anlage. In der Mitte des Innenhofes stand Fritz breitbeinig oben auf der Leiter und montierte die Lichterkette. Paolo brachte Stühle. Hagen genoss das, freute sich, wenn andere sich durch Arbeit um ihn bemühten.

Draußen fuhr ein Auto vor. Hagen merkte auf. Endlich! Türen klappten. Schritte auf Kies. Dann stand ein Paar im Torbogen: Winfried und Gudrun, die Zwiefahls. Winfried ging voran. In der Hand eine grüne Reisetasche aus Sackleinen. Für die Lederjacke war es auch ihm zu heiß gewesen. Trug stattdessen einen beigen Anzug, neu, noch ganz steif, unförmig, als könne er da noch reinwachsen. Darunter ein T-Shirt mit Knopfleiste in kräftigem Lila. Ließ er offenstehen, so dass ein weiteres, rotes mit schwarzem Aufdruck darunter hervorlugte. Winfrieds Frisur: Ein aus der Fasson geratener Cäsarenschnitt, zu lang, weil er die Haare zu einem Pony nach vorne legte, um seine Stirnglatze zu bedecken. Eulenäugig groß die gelb getönte Brille. Dahinter Gudrun im langen Schwarzen mit Spaghettiträgern, pyramidenartig umwallt von einer mächtigen, grauschwarzen Mähne, gewellt, frisch gewaschen unmöglich zu bändigen.

„Huch“, raunte Sarah. „Cäsar und Kleopatra.“

Hagen schnalzte missbilligend und knuffte Sarah in die Seite.

Winfried setzte einen Meter vor Hagen die Reisetasche ab, blickte, selbst ein Handtuch von einsfünfundsechzig, zu dem massigen, bauchigen Freund hoch und sagte mit Würde:

„Ich grüße dich, Hagen.“

Hagen schaute amüsiert auf ihn, hob die Arme ein wenig an, hielt so eine Weile inne und polterte dann:

„Na los, dann tu es doch endlich! Worauf wartest du?“

Packte ihn und zog ihn an sich. Winfried ließ es mit sich geschehen, löste sich wieder, richtete Brille und Haare. Fragte:

„Du erinnerst dich noch? Gudrun, meine Frau.“

„Sarah, meine Lebensgefährtin“, ergänzte Hagen.

„Alles Gute zum Geburtstag“, sagte Gudrun, „und vielen Dank für die reizende Einladung.“

Küsste Hagen links und rechts auf die Wange, gab Sarah die Hand. Die Reisetasche hier, nur für alle Fälle. Eventuell würden sie ja doch noch heute Nacht zurückfahren. Lissi, ihre Tochter, sei übers Wochenende bei der Oma.

Lissi war Gudruns spätes Glück, das zweite Kind und gerade mal neun Jahre alt. Zehn Jahre nach Flori, dem Erstgeborenen. Der studierte jetzt schon in Tübingen. Lissi hatte sie noch mit vierzig bekommen. Auf der Kippe.

„Kommt überhaupt nicht in Frage“, beschied Hagen. „Ihr bleibt! Ab mit euch ins Hotel“, dirigierte er, „akkommodiert euch!“

Hagen hakte Winfried unter.

„Und? Was machst du jetzt? Immer noch beim Funk?“

Winfried runzelte die Stirn, legte los.

„Klar, und wie! In gewisser Weise sogar: mehr denn je!“

Die beiden Männer stapften voran.

„Lass sie nur“, sagte Gudrun.

Musterte Sarah und adoptierte sie.

„Bist noch jung! Was machst du?“

Sarah lachte.

„Jung? Fünfunddreißig!“

Freute sich über Gudruns Kompliment.

Sarah war Lektorin bei Alferi, Hagens Verlag. Nach zwei gescheiterten Versuchen in Verlagsgruppen nun endlich einer, der unter seinem Namen lief. Hagen hatte Sarah von Krämer geholt. Sie hatte dort Sachbuch gemacht und Übersetzungen aus dem Englischen. Betrachtete aber Belletristik als ihr eigentliches Metier. Hagen engagierte sie, weil sie ihm fortwährend widersprach. Traute sich was, war kein Mäuschen. Allerdings war auch anderes im Spiel, das erwies sich später. Begleitete Hagen nach New York, um Lizenzen zu kaufen. Las abends im Hotel in fliegender Eile die Manuskripte. Zeigte auch in so druckvollen Situationen ein sicheres Urteil und spürte, was sonst gespielt wurde. Wusste die Zeichen im Atmosphärischen zu deuten, wer welches Manuskript kaufen wollte, wieviel geboten wurde. Demgegenüber war Hagen naiv. Wurde zwar von vielen gesucht und hofiert, hielt aber alle, mit denen er getrunken hatte, für seine Freunde. Hatte überhaupt kein Gespür für Messer, die unterm Tisch gewetzt wurden. Sarah umso mehr. Gemeinsam umschifften sie erfolgreich alle Klippen. Damit stand Sarah strahlend schön vor Hagens innerem Auge. Glaubte, er habe sie schon immer begehrt, wusste aber, dass eine Frau bei ihm nicht schwach werden würde. Kleidete daher seine Direktheit in Ironie: Wie laut sie denn schreien werde, wenn er sie nun anfasste? Und später dann: Ob sie schon mal einen so dicken Mann wie ihn nackt gesehen habe?

„Das Geld für seinen Verlag hat er doch von Bertelsmann bekommen?“, fragte Gudrun.

Komisch, das dächten alle. Nein, von Knopp. Knopp war ein Hamburger Patrizier. Citoyen, nicht Bourgeois. Liebte seine Stadt ebenso sehr wie Pannfisch. Oder gebe es eine Alster sonst wo? Eben! Tippelte in kleinen Schrittchen vorneweg, hüpfte über Steine, die im Weg lagen, und summte in Tenorlage Opernarien. Litt darunter, dass er seine Zeit und seinen Beruf darangeben musste, um das große, ererbte Immobilienvermögen zu verwalten. Sammelte daher Zeitungen und Verlage. Mäzenatentum ging ihm aber gegen die protestantische Natur. Auch das Schöne, Gute und Wahre musste seine Daseinsberechtigung ökonomisch erkämpfen, taugte ja sonst nichts: Zu weich, nicht lebensfähig. Knopp investierte daher in Hagen, sein Programm, seinen Riecher. Knopp fuhr sich durch sein graues, schütteres Haar, das ihn wie einen Heiligenschein umgab, und sagte lächelnd zu Hagen: Das Ziel sei nun also die Profitmaximierung. Freute sich über das unbarmherzige Wort, das aus seinem Mund wie Honigseim kam. Und Hagen freute sich mit ihm. Natürlich, schließlich hatte er etwas zu verkaufen, wollte nicht auf Almosen angewiesen sein. Das war gut. So unterschrieben beide den Vertrag.

„Und du?“, fragte Sarah.

„Hausfrau“, sagte Gudrun. Mit souveränem Sarkasmus. „Kind und Kegel, das ist das Meine. Die profanen Dinge des Lebens. Während er, mein Herr und Meister, Wichtigeres zu tun hat. Wie man hört.“

Hagen und Winfried hatten zusammen studiert. Lernten sich in einem Seminar am Soziologischen Institut bei Professor Büllner kennen, aber zunächst nicht schätzen. Waren in Kontroversen verstrickt, bekämpften sich sogar. Später dann, als Winfried beim Jugendfunk arbeitete, tauchte Hagen als junger Lektor in einer Live-Gesprächsrunde auf. Hagen belebte jede Diskussion, setzte sich auch gern in Pose. Deswegen holte ihn Winfried immer wieder, wenn es darum ging, den Part des linken Intellektuellen zugkräftig und sympathisch zu besetzen. Freundeten sich an. Hagen durfte sagen, was Winfried gerne gesagt hätte. Später ging Hagen als Leiter des Taschenbuchs zu Suhrkamp nach Frankfurt, wurde einer der vielen Enkel Unselds. Damals verloren sie sich wieder aus den Augen, trafen sich noch, wenn überhaupt, auf der Buchmesse.

Winfried hatte Schwierigkeiten, mit Hagens Schrittlänge mitzuhalten. Sprudelte trotzdem, schlug Pfauenräder. Habe sich nur unter größten Schwierigkeiten freimachen können für diese Feier. Er sei ja jetzt nach der großen Strukturreform ...

„Strukturreform?“

Zusammenlegung von SDR und SWF zu einem Sender. Habe er maßgeblich mitbestimmt, indirekt sogar federführend, und sei jetzt Leiter der Hauptabteilung Kultur. Einer von fünfen, direkt dem Hörfunkdirektor unterstellt. Normalerweise sitze er jetzt, Winfried blickte auf seine Uhr, in der großen Schaltungskonferenz. Jetzt vertrete ihn Kiermeier, von der Sozialpolitik. Ein Kollege vom BR habe sich ja gestern im Nachtkommentar, Hagen werde es wohl mitbekommen haben, einen bösen Ausrutscher geleistet.

„Hast du nicht? Du hörst nie Radio? Solltest du aber!“

Spötter unter seinen Kollegen hatten Winfried den Spitznamen Richelieu verpasst. Ständig in Geheimdiplomatie unterwegs, die Aura des Verschwörerischen um sich verbreitend. Erzählte allen alles und so ausführlich, dass niemand seine eigentlichen Absichten mehr deuten konnte. Die Angesprochenen fühlten sich ins Vertrauen gezogen, wussten aber nicht mehr, wofür und wogegen. Stimmten ihm zu, ließen ihn gewähren, auch aus Erschöpfung, denn Winfried redete stundenlang, ohne das geringste Anzeichen von Ermüdung. Selbst Schröder, der befehlsgewohnte Chefredakteur des Wochenspiegel, gab in der Auseinandersetzung mit ihm klein bei. Untersagte zunächst Winfrieds Abteilung ein Interview, das der Wochenspiegel exklusiv zu haben glaubte. Dann konferierte Winfried mit ihm bis in die Nacht. Schaltete von seinem Telefon aus mal den Intendanten, mal die Rechtsabteilung in eine Dreierkonferenz. Ließ seine Sekretärin Akten bringen. Variierte seine Position vielfältig, vor allem wortreich. Schröder hingegen konnte allenfalls zwei, drei Sätze mehr aus seinem Apodiktum exklusiv ableiten. Geriet ins Hintertreffen, empfand seine Position selbst als plump, verlor den Faden. Verstand gar nicht mehr, wovon der andere eigentlich sprach. Dabei hatte Winfried gerade resümiert. So sei es doch? Schröder sagte, ja, und war auf dem falschen Fuß erwischt.

Jedenfalls habe der Kollege gegen die Strukturreform polemisiert. Politisch verständlich, er wolle schließlich Stoiber hofieren, aber taktisch daneben. Einen Bärendienst habe er sich erwiesen. Dieser Schuss gehe nach hinten los, denn wenn die ARD wanke, dann wanke auch der BR, zumal einer, der in seinem gesamten Wohl und Wehe von einer CSU abhänge. So habe er das in einer Diskussion in Kloster Irsee auch Stoiber gegenüber vertreten. Damals vor drei Jahren. Da sei er noch angefeindet worden, inzwischen hätten aber einige, quer durch die Parteien wohlgemerkt! mitbekommen, dass die Öffentlich-Rechtlichen in der Politik keine Stütze mehr fänden. Auch der Intendant sehe das jetzt so. Dass dort in der Politik - fatalerweise - die Privaten gefördert und gehätschelt würden. Ein Leo Kirch. Oder auch Antenne Bayern. Heute einer der Sender mit besten Quoten, vor einigen Jahren ein Nichts!

„Mein Gott, Hagen, wenn ich daran denke, was in all den Jahren passiert ist, ich weiß ja gar nicht wo ich anfangen soll“, sagte Winfried noch schnell, denn Paolo stand vor ihm und streckte die Hand nach seiner Reisetasche aus.

„Zimmer Nummer zehn“, sagte Hagen zu Paolo.

„Fenster nach hinten oder zum Hof?“, fragte Winfried.

„Alle haben das Fenster zum grünen Innenhof hin“, erwiderte Hagen. „Exklusiv. Für euch nur das Beste!“

„Danke“, sagte Gudrun, und sie gingen hinauf.

„Puuh“, sagte Sarah, „legt der immer so los?“

Journalist eben. Hagen fuhr herum, rief: „Jack!“, nachdem er einen fast geräuschlos eingetroffenen Neuankömmling bemerkt hatte. Es war das Klacken des Metallköfferchens gewesen, das Hagen auf Jack aufmerksam gemacht hatte. Den hatte Jack jetzt am Boden abgesetzt.

„Sarah, das ist Jack! Hansjakob Cahn.“

Jack stand in der Türfüllung wie ein Hauskaplan, ganz in Schwarz, schwarzes kragenloses, aber hochgeschlossenes Hemd, schwarze Hose, oben herum weit, mit Reißverschlusstaschen, unten schmaler zulaufend. Große, ebenfalls schwarze Schuhe, klobig wie Stiefel, aber Halbschuhe, mit einem funkelnden Metallschild unter den Schnürsenkeln. Die Haare kurz, beinahe kahlgeschoren, an der Seite schon grau, oben noch schwarz durchsetzt, pfeffer- und salzartig. Der Schädel langgezogen, schmal, fast ohne Backenknochen, hat etwas von einem Pferd an sich, dachte Sarah, nicht so sehr seiner Kopfform, sondern der scheuen, unbeweglichen Miene wegen, einer der nicht sieht und hört, aber wittert und nichts sagt. Stand in der Türfüllung mit herabhängenden Armen. Die Hände vorne um ein kleines, sorgsam eingepacktes Geschenk gefaltet. Jack war schon zu Schulzeiten Hagens bester Freund. Später sein Studienkollege und Mitbewohner. Sein Schatten. Machten bis zum Abschluss des Studiums immer alles gemeinsam. Jack wusste vor Skrupel keine Arbeit anzufassen. Alles erschien ihm fragwürdig. Hagen griff voll hinein, mischte die Verlage auf. Fand in kürzester Zeit eine Position als Lektor. Damals gingen sich die beiden aus dem Weg. Interessierten sich aber immer füreinander. Indirekt. Fragten Dritte nach dem jeweils anderen aus. Als Hagen dann nach der Trennung von seiner jahrzehntelangen Freundin Elsa in die Krise geriet, gab es keinen außer Jack, an den er sich hätte wenden wollen. Jack half ihm, aus diesem Loch herauszukrabbeln. Dann war alles wieder wie zuvor: man dümpelte vor sich hin.

„Hey Jack“, rief Hagen noch einmal, um den steinernen Gast zum Leben zu erwecken.

Ein Lächeln kräuselte seine Lippen. Jack trat auf Hagen zu, machte eine Art Verbeugung vor ihm, streckte die Hand aus, um jedem Überschwang vorzubeugen - noli me tangere! wünschte Glück, übergab das Päckchen, einen kleinen, geschnitzten Buddha aus Elfenbein. Möge auch Hagen sich der Vollendung nähern. Leiblich und geistig. Dankte für die Einladung, wiederholte Begrüßung und Dank vor Sarah. Artig. Zimmer vierzehn!

Wieland traf ein. Der Schmied. Wieland Wolfertseder oder Willi, was er nicht hören wollte. War abgetaucht in ein griechisches Exil. Hagen hätte ihn nicht mehr erkannt, hätte Wieland alten Freunden nicht immer wieder Briefe mit Fotografien von sich geschickt. Mit nacktem Oberkörper. Braun das schwellende Fleisch. In der Hand eine Axt, sein Gelände rodend. Mit Schubkarre. Am Rande der Klippen stehend, auf das Meer hinausweisend. Wieland kam direkt aus Griechenland. Dort lebte er seit mehr als zehn Jahren. Hatte das Land auch früher schon mit seinem VW-Bus bereist. War so in die entlegensten Winkel des Peloponnes gelangt. Runter von der Straße, rein ins Gelände unter einen schattigen Baum, Schlafplätze waren kein Problem. Am nächsten Tag weiter auf wild überwachsenen Schotterstraßen, dann dicht am Meer nur mehr Stein und Fels. Einen mächtigen Brocken umfahren, dahinter ein weiter, freier Blick die Felsküste entlang. Meer so tiefblau wie der Himmel. Wie nur in Hellas. Mit weißer Gischt gekrönt. Klar die Konturen trotz hitzevibrierender Luft. Dieser Blick, an dieser Stelle, ihm unbekannt, aber bis ins Innerste vertraut. Ein Blitz des Wiedererkennens: hier sei er geboren. Schon mal. Ihm aber auch völlig egal, wer glaube denn an Wiedergeburt? Jedenfalls: hierher gehöre er. Schon immer. Und so sah er aus, wie ein Griechisch-Orthodoxer in einer Art Kaftan mit Spiegeln und Stickmustern aus Metallfäden. Einen ebensolchen, schachtelförmig runden Hut auf dem Kopf, unter den er sein Haar geschoben hatte. Greek pillbox hat. Das braungegerbte Gesicht vom jäh einsetzenden Gefühlsüberschwang gerötet.

„Hagen, du Kapitalistenschlammsau, komm her zu mir“, brüllte Wieland.

Itzinger streckte den Kopf aus der Küche und sah die beiden sich umarmen. Zwei dicke Männer, ein orientalischer und ein europäischer, standen mit zurückgenommenen Beinen aneinander gelehnt, hielten Bauch an Bauch Presskontakt, in der Umarmung wie Ringer ineinander verkeilt, schlugen sich patschend auf die Schulter.

„Gut jetzt!“

Wieland schob Hagen weg, stellte ihn mit theatralischer Würde vor sich hin. Seine Augen waren feucht. So dass Hagen, sich in Karl May eingleisend, bewegt dachte, ungezählte Monde seien nun schon vergangen, seitdem er ihn, Bruder Wieland, in die Arme schließen durfte. Zuletzt bei seinem Abschied aus Deutschland. Um ihn mal wieder zu sehen, lud Hagen ihn zum Geburtstag ein. Schickte vorsichtshalber ein Ticket mit. Dann komme eben er, hatte Wieland geschrieben, wenn es niemand schaffe, ihn in Griechenland zu besuchen. Hagen brauche sich jedoch nicht einzubilden, dass es nur wegen des Geburtstags sei. Er lasse sich die Zähne richten. Sei überfällig. Und genauso wischte Wieland die aufkommende Sentimentalität mit der Bemerkung beiseite, den Sack dürfe ihm Hagen später kraulen. Endlich, man kenne sich kaum mehr, selber schuld. Nichtsdestotrotz! Habe er, so Wieland, eine ganz besondere Geburtstagsüberraschung für Hagen vorbereitet. Punkt sieben! Klar!

Er sei gespannt, sagte Hagen, jäh ernüchtert, und reichte ihm einen Schlüssel: Zimmer sechzehn!

Bevor sich Wieland nach Griechenland davonmachte, hatte er versucht, einen Verlag hochzuziehen. Den Major-Metzler-Verlag. Verpfändete das geerbte Haus dafür. Wollte dem Publikum die Leviten lesen. Was bei ihm jedoch gespreizt, fast unbeholfen klang: Dass die Welt schlecht sei, müsse nicht mehr bewiesen werden. Das Falsche habe sich im Absurden, in dem wir lebten, vollendet. Er stehe in der lächerlichen Rolle eines Moralisten da, der über die Kritik nur noch in Form des schwarzen Humors verfügen dürfe. So wollte das niemand hören. Bald war der Verlag am Ende. Jack und Hagen trafen Wieland am Vorabend seiner Abfahrt. Hatte schwer geladen. Floss über. Heftete seinen feuchten Blick auf ein fernes Irgendwo. Lallte. Dass Jan, der Bildhauer, verstorben, nein: verreckt an einer Leberzirrhose, ein großartiger Säufer gewesen sei. Was für ein Talent! Die Käufer seien Schlange gestanden, hätten versucht, ihm etwas abzubetteln. Jan habe jedoch seine Arbeit in den letzten Jahren nur mehr so weit getrieben, bis ihm die Lösung vor Augen stand. Dann habe er aufgehört, später habe er das meiste mit einem Vorschlaghammer zertrümmert. Sein Galerist habe sogar noch versucht, ihn entmündigen zu lassen. Nichts da! Souverän in Vollsuff und Dreck. Das Scheitern habe er sich selbst bereitet, es sei so großartig wie eine griechische Tragödie. Jan habe sie mit dem Hammer geschrieben. Wieland umarmte die beiden. Das Barthaar nass, der Atem alkoholsauer.

Jack verzog das Gesicht. Hagen blieb erbarmungslos. Kitschige Geschichte. Wandersage. Hättste gerne?

Wieland fuhr hoch. Deutete eine Ohrfeige auf Hagens Backe an. Spürte jedoch, dass diese Gemeinheit ihren Wendepunkt zum Gegenteil schon durchlaufen hatte. Hagen war besorgt um ihn, denn Wieland hatte stets Pläne im Kopf, wollte dies, wollte das, aber unterm Strich stand immer noch nichts. Kreiselte brummend herum wie ein Flugzeug, ohne abheben zu können. Schwieg daher betroffen. Murmelte noch etwas von ewiger Freundschaft und so. Jack und Hagen brachten ihn am nächsten Morgen zum Flughafen. Wieland zog einen Zehntausend-Drachmen-Schein aus der Tasche, riss ihn in drei Stücke, gab jedem ein Stück und sagte:

„Besucht mich!“