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Ein Buchhändler, dessen Antrag auf eine Besuchsreise nach dem Westen mit der Begründung abgelehnt wird, dass er garnicht so heiße, wie er zu heißen meint. Der Leiter des Volkspolizei Kreisamtes, der beauftragt ist, eben diesen Buchhändler von der gesellschaftlichen Notwendigkeit zu überzeugen, einen solchen Antrag einzureichen. (»Einmischung in innere Angelegenheiten«) Ein Stasi-Offizier, dessen Finger beim akribisch vorbereiteten und mehrfach trainierten Versuch, einem hohen Staatsgast die Brieftasche zu entwenden, auf die Finger eines Taschendiebes treffen, für den sich diese Gelegenheit nur zufällig ergab. (»Später Sieg«) Kriminalkommissar Matschke, der in die Lage kommt, nach seinem als verschollen gemeldeten Freund und Schwager Benno suchen zu müssen und das Haar in der Suppe der ihm von seiner Schwester aufgetischten Geschichte an ganz anderer Stelle findet, als zu vermuten ist. (»Das Haar in der Suppe«) Wieder einmal blickt Horst Matthies in diesen drei zwischen 1988 und 2018 entstandenen Erzählungen mit hintergründigem Humor auf den Zusammenprall von gesellschaftlichen und privaten Interessen und lässt seine Leser am Spaß der Entblätterung des ganz normalen Wahnsinn Leben teilhaben. Aufschlussreich und unterhaltsam zugleich.
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Seitenzahl: 199
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Einmischung in innere Angelegenheiten
Später Sieg
Das Haar in der Suppe
Wären sich der Leiter des Volkspolizeiamtes Hohen Wischen, Guntram Schleiermacher, und der Buchhändler Bertold Bürger im Dunst des türkischen Bades begegnet, das als kläglicher Rest des einstigen Glanzes der Stadt als Heil- und Kurbad übriggeblieben war, sie hätten Freunde sein können. Männer, die nackt im trüben Licht einer gittergeschützten Feuchtraumlampe nebeneinandergesessen und unter stoßweise aufwallenden Hitzeschwaden genüsslich stöhnend Geschichten über Ehebruch und Potenzstörungen ausgetauscht haben, werden sich kaum mit einem auf Abstand bedachten Habitus betonter Förmlichkeit begegnen können, wenn andere Umstände sie in der strengen Helle eines mit ausgesuchter Nüchternheit eingerichteten Amtszimmers zusammenführen.
Aber Guntram Schleiermacher schritt jeweils mittwochs, morgens gegen Sechs, von seinem an der Bordsteinkante haltenden Dienstwagen aus über den mit schweren Granitplatten belegten Fußweg zum Eingang des ehemaligen Kurhauses, während der Buchhändler Bertold Bürger donnerstags von der Schweinsstiege her, vorbei am Göttentempel, zur vormals Lindenpromenade geheißenen Straße des Fortschritts schlenderte, wo am linken Pfosten eines kronengeschmückten Portalbogens, umrahmt von pockenartig abblätternder Fassadenfarbe, das Schild »VEB Dienstleistungskombinat Randlage, Betriebsteil Hohen Wischen, Abteilung hauswirtschaftliche Dienstleistungen, Bereich Bäder«, Auskunft über die Bestimmung des dahinter gelegenen Gebäudes zu vermitteln versuchte. Weshalb sich ihre erste Begegnung an einem vollkommen anderen Ort und unter Umständen vollzog, die eine mehr als räumliche Annäherung der beiden von vornherein ausschloss.
Bertold Bürger hatte eben einen Satz gefunden, einen Satz, nach dem er schon wochenlang gesucht hatte, einen Satz mit Maß und Klang und Rhythmus, der sich einfügte in das Maß, den Klang und den Rhythmus anderer Sätze, nach denen er ebenfalls auf Suche gewesen war, wenn auch nicht so lange wie nach diesem: »Er kam und nahm, und ging doch ärmer als zuvor.« Denn der Buchhändler Bertold Bürger schrieb.
Tagsüber stand er, leicht vornübergebeugt, hinter dem Ladentisch des ehemaligen Papierwarenladens seines Großvaters, wickelte Bücher in glattweißes Einschlagpapier, tippte Preisangaben in eine vorsintflutliche Registrierkasse, zählte Geld, füllte Formulare aus, telefonierte und erklärte und beriet. Abends aber schrieb er.
Kaum, dass die Kinder zu Bett gegangen waren, seine Frau das Geschirr abgewaschen und seine Mutter sich im Sessel vor dem Fernsehapparat zurechtgesetzt hatte, stieg er in die Stille seines Turmzimmers, ja, seines Turmzimmers hinauf und schrieb. Was er schrieb, ist schwer zu erklären. Zumindest dürfte es kaum mit jenen Vorstellungen zu fassen sein, die herkömmlicherweise mit dem Begriff Schreiben verbunden sind. Zielen diese auf die Erwartung einer nachvollziehbaren Abfolge von Sätzen, Bildern und Gedanken, auf die Führung eines Spannungsbogens, so musste das, was Bertold Bürger schrieb, einem möglichen Leser zunächst als nichts anderes als die ungerichtete Aneinanderreihung von Satzund Wortketten erscheinen, von denen er sich umschlungen fühlt und die er nicht entwirren kann:
Montags, die Treppe. Und wieder, der Fuß.
Da stolpert das Steigen zurück.
Gruß stößt an Gruß.
Hebt wer den Blick?
Freitags ist Schweigen.
Oder:
Das Lachen wieder
hinter den Scheiben.
Davon! Davon!
Wo klopft, wo tropft, wo zittert Zeit?
Tönt da ein Schrei?
–
Vorbei!
Immer bereit!
Es war nicht zur Veröffentlichung bestimmt, was Bertold Bürger schrieb. Es waren nur Versuche, das Wort als Material zu erschließen, ein Material, mit dem er spielen, formen, modellieren konnte. Wobei ihn aber eigentlich weniger die Worte selbst interessierten als die Räume, in die sie Einblick gewährten. Einem Bildhauer vergleichbar, der eine von ihm geschaffene Figur zerschlägt, ihr Arme, Beine, den Kopf abhackt, um den Blick des Betrachters auf den Kern seines Bemühens zu richten: die Faszination einer körperlichen Drehung, in Ruhe gelagerte Kraft, oder den Linienfluss eines übermütigen Schwungs, versuchte Bertold Bürger sozusagen mit Armen, Beinen, Händen, einem zur Seite gewendeten Hals oder einem gewinkelten Knie die Konturen des zu ihnen gehörenden Körpers zu umreißen. Ein Ganzes sollte erkennbar werden, ohne dass es tatsächlich vorhanden war. Fühlbares sollte fühlbar sein, ohne dass es in die Hand genommen werden konnte. Hörbares hörbar, ohne dass ein Ton erklang. Die Schwingung, der Bruch, der nicht benannte Begriff sollten das Ganze bringen. Und im Ganzen war er, sein Blick, seine Empfindungen, seine Wesensart.
Mit Büchern aufgewachsen, gewohnt von Büchern umgeben zu sein, hatte er selbstverständlich auch mit dem Gedanken gespielt, selbst einmal Bücher zu schreiben und Schriftsteller zu werden. Und seine ersten Versuche waren auch von diesem Anspruch bestimmt gewesen. Doch hatte er schon bald erkannt, dass das, was er dem schier unerschöpflichen Fundus von bereits geschriebener Literatur hinzuzufügen hätte, viel zu belanglos gewesen wäre, um den Aufwand des dafür zu bedruckenden Papiers rechtfertigen zu können. Und so hatte er sich entschlossen, seine Kraft und seine Liebe zu den Büchern besser dafür einzusetzen, dass diese die Leute erreichten. Dazu aber hatte er nicht die vorgegebenen Wege beschritten, hatte nicht Buchhändler gelernt oder Bibliothekar, sondern war Kellner geworden, Reisegruppenbegleiter auf einem Fahrgastschiff der Weißen Flotte und Süßwarenverkäufer auf dem hauptstädtischen Weihnachtsmarkt. Über Menschen hatte er zunächst etwas wissen wollen. Ihre versteckten Träume erkennen lernen, aufgesetzte Reaktionen unterscheiden von solchen, in denen sich ihr wahres Empfinden zeigte, wollte wissen, warum sich wer wann wofür entschied und wie man ihn bei seinen Entscheidungen führen könnte. Das schien ihm wichtiger, als vor einer Prüfungskommission die Prinzipien einer einzugsbereichsgerechten Bestandsführung darlegen zu können.
Dann aber, als sein Großvater gestorben war und seine Mutter dessen Schreibwarenladen innerhalb eines halben Jahres bis an den Rand des Ruins gebracht hatte, erklärte er: »Die Hälfte der Wohnung, das Turmzimmer, und über den Laden bestimme ich.« Und dann reduzierte er im Verlauf von zwei Jahren das Angebot von Papier- und Schreibutensilien auf das Mindestnotwendige, während er das Angebot von Büchern permanent vergrößerte. Zu Inselbändchen und Reclamheften kamen Nachschlagewerke und Lyrikeditionen, dann bibliophile Einzelausgaben und schließlich Kinderbücher, populärwissenschaftliche und christliche Literatur, Essayistik, Dramatik, Koch- und Gartenbücher und schließlich auch die begehrten Bildbände und Kalender. Seine Mutter tappte indessen ratlos zwischen aufgerissenen Kartons und übereinandergestapelten Paketen umher, zuckte resigniert mit den Schultern, wenn jemand nach Büroklammern oder Lochverstärkungsringen fragte, und begnügte sich damit, die Pfennigbeträge für Briefumschläge, Glückwunschkarten und Kugelschreiberminen in die Kasse zu tippen, während er Bestellungen aufschrieb, Wünsche registrierte, Hinweise gab, Empfehlungen aussprach, auch mal jemandem eine Entscheidung zu überdenken riet, und telefonierte und korrespondierte und manche Nacht in Fernreisezügen verbrachte, um sich schon vor dem Erscheinen eines bestimmten Buches eine ausreichende Anzahl von Exemplaren zu sichern, weil vorauszusehen war, dass die Nachfrage das Angebot weit übersteigen würde. Und so konnten ihn zuweilen die Pförtner einzelner Verlagshäuser mit einem Geigenkasten unter dem Arm zu den Dienstzimmern der Absatzleiter gehen sehen. Und wenn er von dort zurückkam, spielte ein Zug genüsslicher Verschlagenheit um seine Mundwinkel. Der Geigenkasten aber war um zwei, drei Räucheraale leichter. Wobei ihn diese und der Rest, den er zu anderen Absatzleitern trug, nicht mehr gekostet hatten als die Fähigkeit, eine Nacht im Vereinszimmer der »Griesen Gräte« einigermaßen schadlos zu überstehen, wo die Fischer sich trafen, wenn die Reusen abgefischt waren oder wenn der Wind zu steif war für die kleinen Boote der Produktionsgenossenschaft und sie deshalb im Hafen blieben.
Manchmal stapelte er auch Kartons im Heck seines aus dem Bestand der Armee ausgemusterten Geländewagens, dessen stumpfes Grün er eigenhändig mit einem knalligen Gelb überstrichen hatte, und fuhr von Stadt zu Stadt, von Buchhandlung zu Buchhandlung, kaufte und tauschte, verhandelte über Preisausgleich und Vorbestellungsquoten, und wenn sich im Sommer die Strände mit sonnenhungrigen Sachsen, Thüringern und Berlinern bevölkerten und die Städte unter der Hitze stöhnten, fuhr er auf die Zeltplätze entlang der Küste, klappte einen Tapeziertisch auf und stapelte darauf alles, was länger als fünf Wochen in den Regalen seines Ladens herumgestanden hatte. Manchmal suchte er auch noch vorher die Autoren der schwer verkäuflichen Bücher zu Hause auf, um sich diese signieren zu lassen, und verstand es dann, sie einer bestimmten Art von wohlbeleibten Männern als Ware zu verkaufen, die er für besondere Kunden unter dem Ladentisch zurückhielt.
Als er im vierten Jahr nach der Übernahme des Ladens über der Tür die Aufschrift »Büchereck Bürger« anbringen ließ, wunderte sich schon niemand mehr und auch der Hinweis: »Bücher!« den er hundertfünfzig Meter vor der Kreuzung, an der sein Laden gelegen war, auf den Asphalt aller acht sich dort treffenden Bürgersteige geschrieben hatte, gehörte schon bald zum gewohnten Bild für jene, die täglich dort entlang gingen und verfehlte auf Fremde nicht die beabsichtigte Wirkung. Denn wohlüberlegt hatte er den Schriftzug in stetem Abstand von zehn Metern auf solche Weise auftragen lassen, dass er nur bei der Bewegung auf den Laden zu mühelos gelesen werden konnte, und der letzte Hinweis war dann jeweils zusätzlich mit dem Wort »Hier!« versehen.
Neben all dem aber schrieb er.
Unablässig bildeten sich Worte und Sätze in seinem Kopf, wurden umgeformt, auseinandergerissen, neu gefügt und auf ihre Wirkung hin beurteilt. Nahezu manisch war er bemüht für Vorgänge, in die er auf irgendeine Weise einbezogen war, wörtliche Entsprechungen zu finden. »Körnerklickern!« konnte er zum Beispiel denken, während er einer älteren Frau das sorgsam verpackte »Große Buch der Forstschädlinge« in einem brotbüchsenähnlichen Körbchen aus Perlengeflecht verstauen half. Oder er lauschte der Wortfolge »... gegen eine durchaus legitime Überschärfe ...« nach, die ihm zwischen dem Öffnen und Schließen der Ladentür von der Straße her zugeweht worden war und formte dann den nur für sich bestimmten Begriff »verwulscht«.
Das meiste davon vergaß er allerdings wieder. Doch wenn er abends in seinem Turmzimmer saß, kehrten sie zurück, die Klänge, die Sätze, die Vorgänge, die ihn schon seit längerem beschäftigten.
Abends, der Mann aus der Papenstraße.
Goldzähnig, wie je. Und
hinter der Tür die Glocken.
–
Er kam und nahm und ging doch ärmer als zuvor.
–
Schneeregenzeit.
Zwei Wochen vor seiner ersten Begegnung mit Guntram Schleiermacher war ein Mann in seinen Laden gekommen, der zu jenen Kunden zählte, die sich beinahe wöchentlich bei ihm einfanden, oftmals mit einer Liste von Titeln, von denen sie gehört, die sie sich aus Messekatalogen herausgeschrieben oder von Freunden empfohlen bekommen hatten. Er kam, lächelte wie gewohnt, reichte die Hand über den Ladentisch und ging, nachdem sie einige Worte miteinander gewechselt hatten, in den hinteren Teil des Ladens.
Das war die übliche Verfahrensweise. Nur der für den Verkauf von Schreibwaren gedachte Bereich war durch den Ladentisch abgeteilt. Hier wurde bedient. Bei den Büchern schauten die Kunden sich selbst um. Es sei denn, Bertold Bürger sah, dass jemand Rat brauchte. Dann bot er seine Hilfe an. Und gewöhnlich wurde dann auch von den anderen Kunden akzeptiert, dass sie einen
Augenblick länger an der Kasse zu warten hatten. Misstrauische Blicke schickte Bertold Bürger niemals in diesen Ladenbereich. Und so war es auch nur ein Zufall, dass er bemerkte, wie der Mann, während er mit der rechten Hand in einem auf dem Auslagetisch liegenden Buch blätterte, die linke so auf ein anderes stützte, dass es von der Kante rutschte und in seine vor den Füßen stehende Aktentasche fiel. Dann bekam diese mit der linken Wade einen gezielten Stoß, dass sie zuklappte, und bevor er weiterging, bückte er sich, ließ das Schloss der Tasche zuschnappen und rückte sie dann mit dem rechten Fuß vor sich her.
Es war kein besonderes Buch und es war auch nicht der Diebstahl an sich, der Bertold Bürger beschäftigte. Er wusste, dass auch gestohlen wurde in seinem Laden. Überall wurde gestohlen, warum also nicht auch bei ihm. Aber dass gerade dieser Mann stahl, das verwirrte ihn. War es für ihn eine Art Sport oder folgte er einem krankhaften Trieb? Übernahm er sich mit seinen Ausgaben für Bücher oder ging er einfach nur der Verlockung des Überreichtums nach und fasste zu, wie man etwa in einer Obstplantage zufasst, wenn man an prall gefüllten Kirschkörben vorüberkommt?
Noch mehr aber irritierte ihn sein eigenes Verhalten. Jedem anderen hätte er nach dem Gang zur Kasse gegen die Tasche getippt und gefragt: »Und das da drinnen?« Jenem Mann aber hatte er das Wechselgeld auf den Pfennig genau herausgegeben, hatte dazu noch über einen Scherz gelacht, der diesem als Reim auf die zu bezahlende Summe für zwei Wanderkarten eingefallen war, hatte ihm lächelnd einen guten Abend gewünscht und hatte auch noch freundlich zurück genickt, als er außen am Schaufenster vorübergehend wie prüfend einen Blick durch die Scheibe in den Laden warf. Hatte er ihn schützen wollen, scheute er die Peinlichkeit einer Auseinandersetzung oder fürchtete er, einen Kunden zu verlieren?
Dagegen sprach jedoch, dass ihn der Mann selbst eigentlich gar nicht interessiert hatte. Es war der Vorgang, der ihn so ungewöhnlich reagieren ließ. Dass da sein Vertrauen missbraucht wurde, unbedenklich und ohne ersichtlichen Grund. Ein kleiner, nach Pfennigen zu zählender Gewinn wurde gegen etwas gesetzt, was weit wertvoller war: Ansehen.
Gewiss, dafür konnte man sich nichts kaufen. Aber es sollte für einen Mann wie diesen wohl zu ermessen sein, wie sich das Wissen um einen solchen Diebstahl auf die Entscheidung eines Buchhändlers auswirken dürfte, wenn dieser entscheiden muss, welchem der zehn vorgemeldeten Interessenten er eines der sieben Exemplare eines Buches zukommen lässt, die ihm zugestanden wurden. War das nicht auch ein Verlust, der materiell gesehen werden konnte? Wie aber ließ sich das in Worte fassen?
»Abends, der Mann aus der Papenstraße«, das hatte er sofort und auch die Glocken vor der Tür. Das andere jedoch dauerte.
Dann fielen ihm die Goldzähne des Mannes ein, die er schon immer als etwas zu protzig empfunden hatte. Und als er einmal, kurz vor der mittäglichen Schließzeit, als der Laden sich schon geleert hatte, durch die Schaufensterscheibe einen Pudel beobachtete, der, angebunden am Fahrradständer neben der Tür zur gegenüberliegenden Drogerie, hilflos unter den Schauern eines jählings daherstürmenden Aprilregens zitterte, während die Frau, die ihn da angebunden hatte, der Verkäuferin im Laden gestenreich irgendetwas erklärte, war ihm plötzlich bewusst geworden, wie sehr auch er selbst von menschlicher Zuwendung, Aufmerksamkeit und Wärme abhing, dass er auf Anerkennung seines Mühens hoffte und dass es die Enttäuschung dieser Hoffnung war, die das Handeln des Mannes bedeutete und die ihn so schmerzte. –
»Schneeregenzeit!« Den Vorgang selbst aber fasste er immer noch nicht.
Und so setzte er sich eines Freitagabends in seinen grellgelben Geländewagen und fuhr zum Waggon hinaus.
Der Waggon war ein ausrangierter Gepäckwagen der Reichsbahn mit Dienstabteil und Toilette, aber ohne Fahrgestell. Er hatte ihn ebenfalls von seinem Großvater übernommen, aber schon weit vor dessen Tod. Und ein halbes Jahr lang, in der Zeit zwischen dem Fehlabschluss als Kellner und seiner Einberufung zum Armeedienst, hatte er ihn auch in einer Weise genutzt, wie dieser ihn zu Zeiten genutzt hatte, als auf den eigenen Vorteil gerichtete Ideen noch gefragt waren.
Wie der Großvater in den Besitz des Waggons gekommen war, blieb irgendwie im Dunkeln, aber dass er ihm gehörte, war unbestritten. Er stand, waagerecht ausgerichtet, auf zwei halbmeterhohen Schwellenstapeln zwanzig Meter neben dem Bahnsteig am Weltentiner Waldbahnhof, gerade dort, wo der Fußweg zur Buschmühle am Steinwallgraben begann.
Der Fußweg zur Buschmühle war vor Zeiten ein viel begangener Weg gewesen, vor allem sonntags, wenn die Ausflügler von Hohen Wischen und Schwellin mit dem Zug ankamen. Und Bertold Bürgers Großvater war deshalb Sonnabend für Sonnabend mit einem gemieteten Pferdefuhrwerk und vierzig Kästen Bier die zwanzig Kilometer von Hohen Wischen zum Weltentiner Waldbahnhof gefahren und hatte von morgens sieben bis abends acht ein Fenster und den Zugang zur Toilette seines Waggons geöffnet. Und immer, wenn einer herantrat und fragte: »Jost, hast’ ein Bier für mich?«, hatte er mit gleichbleibender Freundlichkeit geantwortet: »Für dich immer.« Worauf der andere den akkurat abgezählten Kaufpreis oder auch ein paar Pfennige mehr durch einen unter dem Fenster angebrachten Briefkastenschlitz schob.
»Da, nimm!«, sagte er dazu, »du hast es auch nicht dicker als wir alle.« Handel war das nicht. Da schenkte einer und wurde wiederbeschenkt und ein Gewinn war nicht nachzuweisen, so sehr der Buschmühlenwirt auch wetterte.
Der Jost Bürger hatte seinen Spaß am Schenken. Und dass er auch gern selber beschenkt wurde, wer wollte ihm das verübeln?
Später war Krieg. Und nach dem Krieg waren andere Zeiten.
Der Buschmühlenwirt war nicht zurückgekommen.
Seine Frau wollte nicht in der Mühle wohnen bleiben, so allein, mitten im Wald. Die Mühle fiel an die LPG. Die lagerte ihre Sämereien im Saal, dann wurde dieser an den Konsum vermietet. Der stellte dort Polstermöbel unter. Das sprach sich herum. Und weil niemand zur Bewachung gefunden werden konnte, verschwanden immer wieder einmal etliche Stücke. Da holte der Konsum die Möbel wieder ab. Die Türen und Fenster aber blieben offen. Die konnte irgendwer gebrauchen. Dann fehlten schon bald die Dielenbretter. Jugendliche stürzten die Öfen um. In die Dachhaut wurden Löcher gestoßen. Die nahegelegene Polizeischule entdeckte die Ruine als Ausbildungsobjekt zum Training des Straßen- und Häuserkampfes. Und als Bertold Bürger seine Kellnerlehre beendet hatte, wucherten, wo einst die Buschmühle gestanden hatte, Brennnesseln und Disteln und auf der Brücke über den Steinwallgraben fehlten die Fahrbahnbohlen.
Aber es wurde ein Anschlussgleis vom Weltentiner Waldbahnhof zum Mischfutterwerk Gosen gebaut und so öffnete er an den Werktagen, morgens gegen Fünf, das Fenster des Waggons und antwortete auf die Frage: »Hast’ ein Bier für mich, Bert?«, »Für Dich immer!« Auch Kaffee hatte er in der Regel und warme Bockwurst manchmal. Und da kaum noch einer in den Weg zur Buschmühle einbiegen wollte, wenn er am Weltentiner Waldbahnhof aus dem Zug gestiegen war, störte es auch nicht, wenn da ein paar Klappstühle standen und zwei auf die Seite gelegte Kabeltrommeln als Tische genutzt wurden.
Dann wurde er zum Armeedienst einberufen und als er seine Dienstzeit beendet hatte, war das Anschlussgleis fertiggestellt und die Kabeltrommeln rotteten im Schlamm des Steinwallgrabens vor sich hin.
Aber er war während eines Arbeitseinsatzes im Berliner Tierpark einer Frau begegnet. Die hatte zwei Jungs, Zwillinge, sieben Jahre alt, und die sagte, nachdem er den ihm während des Ausgangs zugestandenen Bewegungsbereich zum dritten Mal eigenmächtig und unzulässig ausgedehnt hatte: »Mit keinem habe ich es bisher so sehr aushalten wollen wie mit dir.« Nur schienen sich ihre Jungs auf eine Teilung der von ihr zu vergebenden Zuneigung nicht einlassen zu wollen und begegneten ihm auch dann noch mit demonstrativer Zurückweisung, als er längst nicht mehr mit einer Gummimaske über dem Kopf Fahrzeuge und Ausrüstungen von nicht vorhandenen Kampfstoffen reinigte, sondern am Fernsehturm warme Würstchen verkaufte oder Zuckerwatte auf dem Weihnachtsmarkt. Nicht einmal selbst verfasste Knittelverse waren sie als besondere Leistung zu akzeptieren bereit, und seine Versuche, sich mit Geschichten aus dem Soldatenalltag interessant zu machen, kommentierten sie miteinander aus den Augenwinkeln zugeworfenen Blicken, oder sie schlugen demonstrativ irgendwelche Comichefte auf und vertieften sich in die Betrachtung der Bildfolgen.
Da lud er sie eines Tages samt ihrer Mutter in den Zug, fuhr mit ihnen nach Hohen Wischen, stieg dort um in Richtung Schmellin, und als sie dann am Weltentiner Waldbahnhof auf dem Bahnsteig standen, sagte er: »Das da gehört euch, vorausgesetzt, ihr nehmt mich dazu.« Seitdem war um den Waggon ein Zaun gezogen, weil die Mutter der Jungs fürchtete, sie würden ohne eine solche Abgrenzung auch auf den Gleisen spielen. Und bald schon wuchsen die Fichten, die sie aus dem nahegelegenen Wald herbeigeholt und längs des Zaunes eingepflanzt hatten, über diesen hinaus und belegten, was jeder eigentlich wusste: »Das ist dem Bürger sein Wagen.«
Später starb Bertold Bürgers Großvater. Seine Mutter übernahm den Laden, und als sie dann eines Tages schrieb, sie werde wohl bald eine Beschäftigung in der Konservenfabrik aufnehmen müssen, sagte er: »Die Hälfte der Wohnung und das Turmzimmer. Und über den Laden bestimme ich!«
Fünf Zimmer hatte die Wohnung und drei davon waren vollgestellt mit Büchern. Das war die Bibliothek des Urgroßvaters, eines der Sozialdemokratie nahestehenden Kleingewerbetreibenden. Er hatte seine Familie mit dem Druck von Kranzschleifen, Trauer- und Glückwunschkarten, sowie Handzetteln unterschiedlichster Bestimmung zu ernähren versucht. Den Hauptteil seiner Einkünfte aber hatte er für den Kauf von Büchern verwandt. Denn den Büchern war er verfallen, wie andere dem Trunk verfielen, dem Zwang, anderen das Wort abschneiden und selber reden zu müssen oder der Leidenschaft, Schmetterlinge auf Stecknadelspitzen zu spießen.
Er kaufte sie, sobald er Geld in den Taschen hatte. Und nicht selten brachte er seine Frau dadurch in die Verlegenheit, beim Krämer gegenüber anschreiben lassen zu müssen oder ihm in Gegenwart der Kunden das Geld aus der Hand zu nehmen und sofort eines der Kinder loszuschicken, um ausstehende Rechnungen zu bezahlen. Dabei las er die Bücher nicht einmal, oder, korrekter gesagt, er las nur die wenigsten. Er stapelte sie nur.
In allen Zimmern der viel zu großen Wohnung, die ihm, samt Haus und Laden, entsprechend dem Testament einer ihm völlig unbekannten Stempelschneiderswitwe übereignet worden war, waren sie zu finden. Möglich, dass diese Leidenschaft auf seinen Traum zurückzuführen war, einst selbst Bücher drucken zu können. Denn die Entscheidung, die Stempelschneiderwerkstatt in eine Kranzschleifendruckerei umzuwandeln, hatte er, nach den in der Familie weitergegebenen Deutungen, nur als einen Einstieg in dieses Gewerbe angesehen.
Möglich aber auch, dass er, verwirrt durch die unerforschliche Entscheidung der Stempelschneiderswitwe, der Vorstellung unterlag, auf irgendeine Weise eine gehobene Lebensart demonstrieren zu müssen und sich in eine plötzlich aufflammende Leidenschaft verlor. Oder dass er gar daran dachte, sich durch eine ähnlich unerforschliche Entscheidung ein bleibendes Angedenken zu sichern und vorhatte, die Bücher nach seinem Tode dem örtlichen Arbeiterbildungsverein zu übereignen. Er druckte jedenfalls Kranzschleifen und kaufte Bücher und erstickte während eines Sonntagsessens im Kreise der Familie an einer heißen Kartoffel, die ihm in die Luftröhre geraten war.
Sein Sohn dann ließ für die Bücher Regale bauen, ordnete sie in alphabetischer Reihenfolge nach Autorennamen und beschränkte ihre Verteilung auf drei Zimmer.
Aber auch er las sie nicht. Er mietete lieber ein Fuhrwerk und fuhr über die Wochenenden zum Waggon am Weltentiner Waldbahnhof. Und als die Zeiten sich änderten und man in die Lage kam, die Schaufensterscheiben eingeschlagen zu bekommen, weil man den Auftrag übernommen hatte, Handzettel für eine politische Gruppierung zu drucken, der eine andere politische Gruppierung das Recht absprach, ihre Auffassungen zu verbreiten, nutzte er die Gelegenheit eines notwendig gewordenen Umbaus im Kellerbereich des Hauses, zerschlug die alten Pressen, kippte den Inhalt der Setzkästen dazu, schüttete Sand darüber und überzog alles mit Beton. Das Schild über der Ladentür aber wies danach auf ein Angebot von Papier- und Schreibwaren hin.
Wie Bertold Bürgers Vater sich zu den Büchern des Urgroßvaters verhalten hatte, entzog sich seiner Kenntnis.
Über den Vater wurde nicht gesprochen in der Familie, weder von seiner Mutter noch von seinem Großvater, und er selbst hatte ihn niemals kennengelernt. So aber wie die Nichtexistenz des Vaters zu den Grundbedingungen seines Heranwachsens gehört hatte, gehörte die Existenz der Bücher dazu. Ihnen begegneten seine ersten erkennenden Blicke und an ihnen schulten sich auch die ersten erkundenden Bewegungen seiner Hände.
Überall waren sie zu sehen, überall waren sie zu erreichen. Und so nahm er eine recht pragmatische Beziehung zu ihnen auf. Er verwandte sie als Spielbausteine zum Häuserbauen, stapelte sie zu Türmen, wischte marmeladebeschmierte Finger an ihren raschelnden Seiten ab und versuchte auch hin und wieder, eines in seine Einzelteile zu zerlegen, indem er akribisch Blatt für Blatt herausriss und auf dem Fußboden übereinanderstapelte.
Erst als er Lesen und Schreiben gelernt hatte, begann er sich für ihren eigentlichen Zweck zu interessieren. Er erfuhr, dass nicht die Anzahl der Bilder für den Wert eines Buches von Bedeutung war und begann, die Texte zu erkunden, schied Verständliches von Unverständlichem, Bewegendes von Belanglosem und schließlich auch Bedeutendes von Unbedeutendem. Auch führte er ein neues Ordnungsprinzip ein. Die Regale seines Zimmers füllte er mit jenen Büchern, die er durch eigenes Urteil für wert befand, zu den gehobeneren Ergebnissen des schreibenden Bemühens gezählt zu werden, beziehungsweise deren Autoren, den Aussagen seiner Lehrer nach, zu den wichtigeren Vertretern der Weltliteratur gehörten. Alles andere verbannte er in das Wohnzimmer oder in die Wohnhöhle seines Großvaters, wo sie in dem dort vorherrschenden Düftegemisch von Hingfongtropfen, Rheumasalbe und dem Rauch von Zigarillos Marke Jägerstolz verkommen mochten.
Endlich aber begann er selbst zu schreiben.
»Es war einmal ein Froschen ...«, wusste er noch, begann seine erste Geschichte, »der lebte in einem Reiche von erklecklichen Maßen ...« Und er schrieb sie in ein dickleibiges Kontobuch, auf dessen Einband er mit Hilfe eines Spielzeugstempelkastens »Bertold Bürger, Werke, Band l« gedruckt hatte. Schon bald aber erkannte er selbst, dass alles, was in diesem Kontobuch zu lesen war,
