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In ferner Zukunft hat die Menschheit Teile der Galaxis besiedelt. Seit Jahrtausenden wird sie von den Sternenimperatoren regiert, die in dekadentem Luxus leben und mit exorbitanter Machtfülle herrschen. Der Festigung ihrer Macht dient ein gnadenloses Wettrennen, das alle sieben Jahre auf der Imperiumswelt Hades ausgetragen und 'Das Hadesrennen' genannt wird. Sieben Kämpfer nehmen an dem ultimativen Wettkampf teil, aber nur ein einziger von ihnen überlebt. Ihm winken unter anderem grenzenloser Reichtum und unsterblicher Ruhm als Siegespreis.
Das Hadesrennen erfreut sich ungeheurer Popularität in der Bevölkerung, können sich die Menschen doch während des mörderischen Wettkampfes in die Körper der Athleten 'einloggen' und das Rennen so erleben, als wären sie selbst die Teilnehmer.
Dies ist die Geschichte von dem jungen Leij, der auf der abgelegenen Imperiumswelt Blueeye aufwächst und durch tragische Umstände dazu verleitet wird, am Hadesrennen teilzunehmen. Es ist die Geschichte des 5428. Hadesrennens, dessen außergewöhnliche Ereignisse Leij schließlich dazu führen, an den Grundfesten der Macht der Sternenimperatoren zu rütteln. Der Roman erzählt aber auch die phantastischen Lebensgeschichten der Menschen, die Leij auf seiner Odyssee auf Hades und durch die Galaxis begleiten. Er erzählt von den Abgründen der menschlichen Seele, von Brutalität, Grausamkeit, Qual, Hoffnungslosigkeit, Lüge und Verrat, aber auch vom Überlebenswillen, Heldentum, Güte, Menschlichkeit und märchenhafter Liebe.
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Veröffentlichungsjahr: 2016
I.
Das Hadesrennen findet alle 7 Jahre auf der Imperiumswelt Hades statt. Es dauert höchstens 77 Tage. Genau 7 menschliche weibliche und/oder männliche Wettkämpfer nehmen daran teil. Sie heißen Hadesfighter. Höchstens ein Hadesfighter überlebt das Rennen. Er ist der Sieger des Rennens. Er wird nach Hope, der Zentralwelt des Imperiums, teleportiert und vom Imperator des Sternenimperiums der Menschen als Sieger geehrt.
II.
Das Ministerium für das Hadesrennen ist bei jedem Rennen verantwortlich für die Planung, Durchführung und Nachbereitung des Rennens. Es trifft auch die Auswahl unter den Bewerbern für das Hadesrennen. Alle seine Planungen und Entscheidungen unterliegen der absoluten Geheimhaltung und sind juristisch nicht anfechtbar.
III.
Das Ministerium legt den Startpunkt des Rennens auf Hades in freier Entscheidung fest und stellt dort die 7 sogenannten Startportale auf. Unmittelbar vor dem Beginn des Rennens wird jeder der 7 Hadesfighter in sein Startportal teleportiert. Sobald die Startportale durch die Rennleitung geöffnet werden, beginnt das Rennen. Während der gesamten Dauer des Hadesrennens hält sich außer den Hadesfightern kein Bürger des Imperiums auf dem Planeten Hades auf.
IV.
Das Rennen besteht aus 7 Rennabschnitten. Jeder Rennabschnitt endet mit dem Erreichen eines von 7 Portalen. In jedem Rennabschnitt ist es also das Ziel, eines dieser 7 Portale zu erreichen. Hat ein Hadesfighter ein Portal erreicht, so wird er dort gegebenenfalls medizinisch versorgt und kann dort u.a. Nahrung und Getränke einnehmen und sich erholen. Hier bekommt er Informationen über die Position des nächsten Portals. Außerdem erhält er Nahrungsmittel, Getränke, Ausrüstungsgegenstände und Waffen zum Erreichen des nächsten Portals. Keinem Hadesfighter und auch keinem anderen Bürger im Imperium (außer den Mitgliedern der Rennleitung), ist vor dem Erreichen eines Portals bekannt, wo das darauffolgende Portal steht und welcher Art das Rennen dorthin ist.
V.
Ziel des Rennens ist das 7. Portal. Im Gegensatz zu den 6 Portalen vorher lässt es sich nur von einem Hadesfighter öffnen. Der erste Hadesfighter, der innerhalb der Frist von 77 Tagen das 7. Portal öffnet, wird eingelassen und ist Sieger des Hadesrennens. Nachdem das 7. Portal einmal geöffnet wurde, lässt es sich kein zweites Mal öffnen. Versuchen zwei oder mehr Hadesfighter, das 7. Portal gleichzeitig zu öffnen, so lässt es sich nicht öffnen.
VI.
Ist vor Ablauf der Frist von 77 Tagen nur noch ein Hadesfighter am Leben, so ist er der Sieger des Hadesrennens, unabhängig davon, wieviel Portale er vorher schon geöffnet hat.
VII.
Ist mit Ablauf der Frist von 77 Tagen mehr als ein Hadesfighter am Leben und hat kein Hadesfighter bis dahin das 7. Portal erreicht, so wird festgestellt, wer von den Überlebenden bis dahin dem 7. Portal am nächsten ist. Gibt es keinen solchen Hadesfighter, weil mindestens zwei Hadesfighter die gleiche kleinste Entfernung zum 7. Portal besitzen, so hat das Hadesrennen keinen Sieger. Gibt es einen Überlebenden, der dem 7. Portal am nächsten ist, so findet unter den eingeloggten Zuschauern im Sternenimperium eine Blitzabstimmung statt. Entscheidet sich mehr als die Hälfte der abstimmenden Zuschauer für den Hadesfighter, so ist er der Sieger und wird augenblicklich zur Siegerehrung nach Hope teleportiert. Anderenfalls hat das Hadesrennen keinen Sieger.
VIII.
Außer dem Sieger des Hadesrennens verlässt kein Hadesfighter mehr den Planeten. Der Startzeitpunkt des Rennens wird durch die Rennleitung so festgesetzt, dass nach genau 77 Standardtagen die für Menschen tödliche Hadesstrahlung einsetzt. Dadurch ist gewährleistet, dass es bei jedem Hadesrennen höchstens einen Überlebenden geben kann.
IX.
Während des Rennens sind die Hadesfighter auf sich allein gestellt. Es ist untersagt, von außerhalb Kontakt mit einem der Hadesfighter aufzunehmen, um ihm z.B. Wettbewerbsvorteile gegenüber seinen Konkurrenten zu verschaffen. Ebenso ist es den Hadesfightern während des Rennens untersagt, Kontakt mit anderen Menschen als den übrigen Hadesfightern aufzunehmen.
X.
Ist ein Bewerber für das Hadesrennen von der Rennleitung als Hadesfighter zugelassen worden, so wird er einmal gefragt, ob er gewillt ist, am nächsten Hadesrennen teilzunehmen. Gibt er seine Einwilligung, so ist sie endgültig und kann nicht mehr rückgängig gemacht werden. Nachdem er die Einwilligung gegeben hat, wird er zusammen mit den 6 anderen Hadesfightern an einen geheimgehaltenen Ort befördert und von der Rennleitung auf das Hadesrennen vorbereitet. Ab dem Zeitpunkt ihrer Einwilligung dürfen die Hadesfighter außer mit der Rennleitung mit niemandem sonst kommunizieren.
Seit seiner erstmaligen Austragung ist das Hadesrennen so angelegt, dass von den sieben Teilnehmern höchstens einer überlebt und als triumphaler Sieger hervorgeht. Somit ist dieser Wettbewerb immer schon ein Wettkampf gewesen, der die Teilnehmer unerbittlich an das Reich des Todes führt, und deshalb wird er auch ‘Das Hadesrennen’ genannt. Seine vieltausendjährige Tradition ist eine Geschichte des menschlichen Leidens, des Blutes, des Todes, des Verrates, der Angst, der Verzweiflung, des Versagens, der Brutalität und aller anderen Abgründe der menschlichen Seele. Er ist aber auch eine Geschichte unglaublicher sportlicher Höchstleistungen, des unbändigen Lebenswillens unter ausweglos erscheinenden Bedingungen, des Heldentums, der Aufopferung, der Treue und manchmal auch der Liebe.
Im Mittelpunkt stehen seit jeher die sieben Portale, die die Hadesfighter auf dem Weg zum Sieg erreichen müssen. Um die Portale ranken sich dramatische, oft tragische und traurige Geschichten tausender menschlicher Schicksale. Einige außergewöhnliche Geschichten haben sich in das kollektive Gedächtnis der Menschen eingegraben und wurden zum Stoff, aus dem Legenden gewebt werden. Die Namen der sieben Portale erinnern an einige dieser Geschichten. Hier soll die Geschichte des ersten Portals erzählt werden.
Das 3476. Hadesrennen hatte begonnen. Abermilliarden von Zuschauern auf Tausenden von Planeten des Imperiums hatten sich eingeloggt, um die kommenden Geschehnisse auf Hades, dem Planeten des Hadesrennens, in den kommenden 77 Tagen in allen Einzelheiten aus größtmöglicher Nähe mitzuerleben. Die aus sieben Abschnitten bestehende Rennstrecke war in monatelangen Vorarbeiten minutiös vorbereitet worden. An Millionen von Stellen auf dem gesamten Planeten waren winzige Kameras, akustische Sensoren, haptische und olfaktorische Empfangsvorrichtungen installiert, um die sieben Hadesfighter während jedes Augenblicks ihres Überlebenskampfes umfassend zu beobachten und die Daten den Zuschauern im Imperium instantan zu übermitteln. Ab jetzt wurde jeder Hadesfighter ständig von einem Schwarm fliegender Nanosensoren begleitet, die er wegen ihrer Winzigkeit nicht wahrnehmen konnte. In seinem Körper befanden sich ebenfalls Hunderte winziger Maschinenspione, die ständig alle Körperfunktionen protokollierten und die so entstehenden gewaltigen Datenströme zu den orbitalen Datentransferstationen um Hades sendeten, von wo aus sie weitergeleitet und ins interstellare Kommunikationsnetz eingespeist wurden.
Die sieben Hadesfighter öffneten gleichzeitig die Türen ihres Startportals und traten hinaus. Sie befanden sich an einem weiten Sandstrand, den die Wasser eines ihnen unbekannten warmen Meeres sanft umspülten. Die Startportale, silbern glänzende unzerstörbare Kuben aus Polyflexstahl, reflektierten das Licht der fast senkrecht stehenden Sonne Stellastyx und warfen kurze Schatten auf den heißen feinen Sand. Ungefähr 300 Meter vom Strand entfernt begann ein langgestreckter lichter Wald aus gelbgrünen Laktobäumen, dessen Begrenzung in fast gerader Linie zum Strand verlief. Die Hadesfighter nahmen ihre zur Ausrüstung gehörenden Ferngläser zur Hand und richteten sie auf die blauglitzernde Wasserfläche. In weiter Ferne draußen auf dem Meer musste sich nach Auskunft des DLogs das 1. Portal befinden. Aber sie konnten es trotz Einstellung der Ferngläser auf maximale Vergrößerung nicht ausmachen. Vermutlich war das 1.Portal so weit entfernt, dass es, durch die Krümmung des Planeten bedingt, nicht sichtbar war. Alle Kämpfer waren überrascht und zunächst ratlos, denn zu ihrer Ausrüstung gehörten keinerlei Vehikel. Lediglich eine Multimachete, ein Navigationssystem sowie das Fernglas standen jedem zur Verfügung. Die Situation war ungewöhnlich, denn bei früheren Hadesrennen waren die Rennbedingungen stets so gestaltet gewesen, dass sich die Wettkämpfer sofort nach Verlassen des Startportals in Bewegung setzen konnten, um das 1. Portal zu erreichen.
Nach einigen Stunden gründlicher Bedenkzeit traf Hadesfighter 3 eine Entscheidung: Er lief ins Meer und schwamm in die Richtung davon, in der das Portal liegen musste. Die anderen Kämpfer ließen sich am Strand nieder und beratschlagten, was zu tun sei. Dann machte Hadesfighterin 7, eine Bewohnerin des Waldplaneten Septurnum III, eine Entdeckung: Sie stellte fest, dass die Startportale offen waren. Dies war die zweite Überraschung. Bei allen bekannten vorangegangenen Rennen waren die Startportale unmittelbar nach ihrem Verlassen unwiderruflich geschlossen worden. Sofort erkundeten die sechs Kämpfer ihre Startportale und stellten erstaunt fest, dass sie einen Wohnraum einschließlich Schlafgelegenheit sowie sanitäre Einrichtungen beinhalteten. Außerdem waren darin Nahrungsmittelvorräte für etliche Wochen untergebracht. Dies ließ offenbar nur eine vernünftige Schlussfolgerung zu: Die Organisatoren des Rennens erwarteten einen längeren Aufenthalt an diesem Strand und wollten den Kämpfern das Überleben erleichtern. Aber wie sollte man dann die übrigen Portale erreichen?
Am Mittag des nächsten Tages kam Hadesfighter 3 zurück. Völlig entkräftet schleppte er sich an den Strand. Die anderen Kämpfer trugen ihn in sein Startportal und flößten ihm Wasser ein, denn er litt starken Durst. Als er wieder sprechen konnte, teilte er ihnen mit, dass er cirka 20 Kilometer auf das offene Meer hinausgeschwommen sei und das Portal gesichtet habe. Dann habe eine seitliche Querströmung eingesetzt, gegen die er nicht habe anschwimmen können. Deshalb habe er sich entschlossen umzukehren. Den Weg zurück habe er nur unter größten Mühen bewältigen können. Alle sieben Hadesfighter waren nun völlig ratlos. Wie sollten sie ohne ein Boot oder Tauchboot das Portal auf dem Meer erreichen?
Vier Hadesfighter machten sich in Zweiergruppen auf den Weg und erkundeten den Strand nach beiden Seiten hin. Nach vier Tagen kamen sie zurück. Nichts. Keine Annäherung an das Portal. Keine Hinweise. Nur Strand, Wald, Meer.
Dann begannen die Kämpfer, mit ihren zu kleinen Schaufeln umgebildeten Multimacheten den Strand aufzugraben. An vielen Stellen entstanden im Laufe der folgenden Tage mehr oder wenige tiefe Löcher. Vielleicht waren ja im warmen gelben Sand Boote, irgendwelche Geräte oder Hinweise versteckt, mit Hilfe derer man den Weg zum 1. Portal finden konnte. Nach mehr als einer Woche anstrengenden vergeblichen Grabens stellten die meisten Kämpfer ihre Grabungen ein. Lediglich Hadesfighter 2 machte unbeirrt weiter.
Am Morgen des 13. Tages fand man am Strand, auf dem Bauch liegend, den Kopf tief im blutgetränkten Sand, der Rücken zerfetzt von Schnitten einer langen Klinge, Hadesfighter 2. Er musste seit Stunden tot sein, denn die Totenstarre hatte eingesetzt. Alle übrigen sechs Hadesfighter standen um den Leichnam herum. Schweigend hoben sie nahe am Waldrand eine Grube aus und bestatteten die Leiche. Keiner sagte ein Wort. Danach eilte jeder Kämpfer in sein Startportal und verriegelte es von innen, denn einer von ihnen war der Mörder. Das Hadesrennen hatte zum ersten Mal seine teuflische Fratze gezeigt. Im Imperium schnellten die Einschaltquoten sprunghaft in die Höhe. Denn schon waren in den Medien die ersten Stimmen laut geworden, die sich über ein zu langweiliges Hadesrennen beklagten. Nach dem ersten Todesfall verstummten diese Stimmen zum größten Teil.
Den Kämpfern auf Hades schien es nun klar zu sein, dass es mindestens einen unter ihnen gab, der alle übrigen zu töten beabsichtigte, um dann unter Anwendung des Rennreglements als einziger Überlebender den Sieg des Rennens davonzutragen.
Die Kämpfer hielten sich ab jetzt vornehmlich in den Startportalen auf und beäugten sich misstrauisch durch die kleinen Fenster. Nur noch selten gingen sie nach draußen, um zum Beispiel irgendwelche Beobachtungen am Strand durchzuführen. Ein Teil der Kämpfer verfolgte die Strategie des Abwartens: Man hoffte, dass sich durch eine dramatische Witterungsänderung oder gezielte Manipulation der Wettkampfleitung eine Möglichkeit ergeben würde, das 1. Portal zu erreichen. Aber die Tage verstrichen unerbittlich, ohne dass irgendeinem der Durchbruch gelang.
Dann versuchten es drei Hadeskämpfer mit Kooperation, um dem Angriff des Mörders besser standhalten zu können. Hadeskämpferin 1, eine junge Frau namens Helena von den Retix-Asteroiden im Sternensystem Traurige Wasser, beobachtete es durch die Sichtluken ihres Portals: Die drei Hadesfighter 4, 6 und 7 verließen eines Morgens gleichzeitig ihre Startportale und begannen damit, aus dem Holz der Laktobäume und den im Wald dicht wachsenden farnartigen Pflanzen ein Floss zu bauen. Hadesfighter 4 hieß Jarusjarus und stammte von dem Wüstenplanten Neu-Kalahari. Hadeskämpferin 6, Gleena genannt, war Oberleutnant im Dienst der Imperialen Raumstreitkräfte und wurde vor allem bei der Unterwerfung von immer wieder aufflammenden Aufständen im Virgo-Sektor eingesetzt. Niemand außer ihrem Dienstvorgesetzten wusste, von welchem Planeten sie stammte, und sie wollte es auch niemandem mitteilen. Hadeskämpfer 7 von Septurnum III war äußerst geschickt im Umgang mit Waffen jeder Art.
Innerhalb dreier Tage schafften es diese drei kooperierenden Kämpfer, aus den Naturmaterialien, die sie aus dem nahegelegenen Wald holten, ein schwimmfähiges Floß zu bauen. Das Holz des Laktobaumes war leicht und gleichzeitig fest, so dass es sich hervorragend als Baumaterial eignete. Ob es auch stärkeren Winden standhalten konnte, schien jedoch fraglich zu sein.
Helena verließ ihr Startportal nicht. Körperlich war sie allen Hadeskämpfern unterlegen. Das wusste sie und sie befürchtete deshalb, dass sie das nächste Opfer sein würde, wenn sie ihr Startportal ungeschützt verließ, weil der Mörder glaubte, leichtes Spiel mit ihr zu haben. Sie beobachtete das Geschehen auf dem Strand sehr sorgfältig. In der nächsten Nacht beobachtete sie mit ihrem Fernglas, das sie auf Infrarotstrahlung und Restphotonenverstärkung eingestellt hatte, wie Jarusjarus aus seinem Startportal herausschlich und sich auf allen Vieren vorsichtig zum Wald hin bewegte. Er war kaum 20 Meter weit gekommen, als sich ein dunkler Schatten auf ihn stürzte. Es war Bran, Hadesfighter 5. Helena beobachtete, wie sich Jarusjarus aufbäumte und dann auf dem Bauch liegenblieb. Am nächsten Morgen sahen alle die blutüberströmte Leiche Jarusjarus’ auf dem Strand. Das Floß lag zerfetzt am Wasser.
Mittags zogen schnell dunkle Wolken auf. Der Himmel färbte sich grauschwarz. Dann begann es zu stürmen und in Sturzbächen zu regnen. Das Meer kam den Strand hinauf und umspülte die sieben Startportale, so dass sie zwei Meter tief im Wasser standen. Die noch lebenden fünf Hadesfighter mussten vier Tage in ihren Startportalen bleiben. Dann endete der Tropensturm und das Meer ging zurück. Am nächsten Morgen plätscherte es wieder friedlich an den Strand, im Licht der blauen Sonne Stellastyx. Die Leiche des toten Hadesfighters und die Reste des zerstörten Floßes waren verschwunden. Durch die Sichtluken ihrer Startportale blickten die Kämpfer auf den Strand und das glitzernde Meer, das genauso aussah wie am ersten Tag.
Es waren nun 60 Tage verstrichen. Helena wusste, dass sie etwas unternehmen musste, wenn sie dieses kuriose Rennen, das irgendwie gar keines war, überleben wollte. Bran war der Mörder. Sie hätte es sich denken können. Bran, ein über 2,40 Meter großer Hüne von der Gebirgswelt Tyrannus Mons. Im gesamten Imperium war Bran bekannt als überragender Klingenboxer. Beim Klingenboxen, einer brutalen Boxvariante, wurden in den Boxhandschuhen verborgene ausfahrbare Klingen eingesetzt, um dem Gegner schwerste Verletzungen zuzufügen. Bei diesen Wettkämpfen hatte sich Bran als gnadenloser Killer erwiesen. Weshalb er sich für das Hadesrennen beworben hatte, wusste Helena nicht. Doch eines wusste sie: Im direkten Kampf gegen ihn würde sie nicht den Hauch einer Chance haben. So wägte sie ihre wenigen Möglichkeiten ab. Blieb sie in ihrem Startportal, so würde Bran am letzten Renntag aus seinem Portal zum Strand laufen und das Rennen gewinnen, da er dem 1.Portal so am nächsten sein würde. Würde sie aber ebenfalls ihr Portal verlassen, würde er sie mit Sicherheit töten. Ihre Lage erschien aussichtslos. Eines allerdings konnte sie sehr gut: schnell und ausdauernd laufen. Das hatte sie in den vielen Jahren während ihres Aufenthaltes auf den Retix-Asteroiden gelernt. Die Retix-Asteroiden umkreisten in großer Entfernung die Sonne Traurige Wasser. Es handelte sich um mehrere dicht beieinanderstehende, jeweils einige Kilometer große Felsbrocken im Kuiper-Gürtel des Systems, die man untereinander mit einem Netz aus elastischen Karbon-Fulleren-Röhren verbunden hatte. Von weitem sahen die Röhren wie hauchdünne Fäden aus, die den Abgrund zwischen den großen ausgehöhlten Gesteinsbrocken überspannten. Diese Röhren besaßen jedoch einen Durchmesser von mehreren Metern und wurden als Transportwege benutzt. Und in diesen Röhren war Helena gelaufen, um ihre körperliche Fitness angesichts der geringen Schwerkraft im Asteroidennetz zu erhalten. Jeden Tag hatte sie Kilometer um Kilometer in den Röhren zurückgelegt. Das Laufen in den Röhren war ein beliebter Sport unter den Bewohnern der Retix-Asteroiden und Helena hatte bei sehr vielen Laufwettbewerben gesiegt.
So traf Helena den Entschluss, in der nächsten Nacht heimlich aus ihrem Portal zu fliehen und auf gut Glück den Strand in südlicher Richtung entlangzulaufen, in der Hoffnung, dass sich irgendeine Lösung bieten würde. Sie packte Lebensmittel für die restlichen Tage bis zum Ende des Rennens in einen Rucksack, nahm die Multimachete, das Navigationssystem und das Fernrohr mit und verließ in der kommenden Nacht, als der Himmel stark bewölkt war und die Sicht somit sehr schlecht, ganz leise ihr Portal. Vorsichtig spähte sie um die Ecke des in der Dunkelheit leicht schimmernden Kubus ihres Portals - und sah zu ihrer Bestürzung alle übrigen vier Hadeskämpfer am Strand. Etwa 300 Meter von ihr entfernt bewegten sie sich, ohne einen Laut von sich zu geben. Helena hob ihr Nachtsichtgerät. Drei Hadeskämpfer umkreisten vorsichtig mit gezückten Multimacheten und in Kampfhaltung eine hünenhafte Gestalt: Bran. Offenbar versuchten die drei, mit einem koordinierten Angriff den 5. Hadesfighter zu überwinden. Wie hatten sie es geschafft, sich zu verständigen? Helena konnte sich nicht daran erinnern, dass es nach den zwei Morden irgendwie zu Kontaktaufnahmen zwischen den drei Kämpfern gekommen war. Sie verdrängte diese Gedanken und schlich vorsichtig zum Wald. Dann, immer wieder Deckung hinter den Laktobäumen suchend, bewegte sie sich, so schnell es ging, parallel zum Strand in südliche Richtung. Als sie weit genug weg war, so dass ihre Laufgeräusche an den Portalen nicht mehr wahrgenommen werden konnten, lief sie schneller. Als sie sich außer Sichtweite der Portale wähnte, eilte sie zum Strand, direkt an das Wasser, wo der Sand hart und das Laufen deswegen einfach war, und spurtete los.
Dann lief Helena um ihr Leben. Immer den Strand entlang nach Süden. Sie lief die Nacht durch und den ganzen darauffolgenden Tag. Nur selten hielt sie an, um zu trinken oder ihre Notdurft zu verrichten. Auch den nächsten Tag und die nächste Nacht lief sie mit nur wenigen kurzen Unterbrechungen, wenn auch deutlich langsamer, denn sie bekam zunehmend Krämpfe in den Beinen. Irgendwann am nächsten Morgen, die Sonne brannte gnadenlos auf den schon heißen Sand, konnte sie nicht mehr weiter laufen. Sie suchte sich ein paar hundert Meter tief im Laktobaumwald einen schattigen Platz, den sie für relativ sicher hielt, und schlief entkräftet ein.
Als Hadesfighterin 1 aufwachte, war es Nacht. Sternenklare Nacht. Der Zeitanzeige ihres DLogs entnahm sie die Information, dass sie knapp 14 Stunden geschlafen hatte. Helena trank in gierigen Schlucken Wasser und schlang Nahrungsmittelkonzentrat herunter. Anschließend schulterte sie ihren Rucksack und schlich vorsichtig zum Strand. Mit dem Fernglas sondierte sie auf allen möglichen Spektralbereichen ihre Umgebung. Kein menschliches Wesen schien sich in ihrer Nähe aufzuhalten. Anschließend suchte sie das Meer gründlich nach Hinweisen auf das 1. Portal ab. Nichts. Ehe sie erneut loslief, schaute sie zum Himmel auf. Als sie ihren Blick wieder auf den Strand senkte, stutzte sie irritiert. War da am Hadeshimmel etwas gewesen? Erneut blickte sie hoch und suchte den Sternenhimmel ab. Irgendwie war der Sternenhimmel nicht so, wie er sein sollte. Helena versuchte sich daran zu erinnern, wie der Sternenhimmel von Hades aussah. In den Tagen vor dem Beginn des Hadesrennens bereiteten sich die Hadeskämpfer unter anderem auf das Rennen vor, indem sie alle möglichen Informationen über den Planeten Hades zusammenstellten, die sich später möglicherweise als überlebenswichtig herausstellen könnten. So hatte sich Helena unter anderem den Sternenhimmel von Hades eingeprägt. Und dann hatte sie es: Dort oben standen Sterne, die es eigentlich gar nicht geben sollte! Zum Beispiel im Sternbild Dornengebirge: Dort war ein Stern 1. Größe sichtbar, der nach Helenas Kenntnissen gar nicht existierte. Und etwas weiter nördlich, am Rande des Sternbildes Imperator Minor, leuchtete ein Stern 1. Größe, der von etwas rötlicher Farbe war und ebenfalls dort nicht hingehörte. Helena prägte sich den Sternenhimmel so gut sie konnte ein und beschloss, in der nächsten Nacht, falls sie bis dahin noch leben sollte, noch einmal darüber nachzudenken. Dann rannte sie wieder los.
Tagsüber, wenn sie ihre kurzen Verschnaufpausen einlegte, spähte sie immer wieder mit ihrem Fernglas zurück, ob sie am Horizont einen der Hadesfighter erkennen konnte, der ihr vielleicht auf den Fersen war. Aber es war nie jemand zu sehen. Hatte sie ihre Verfolger abgeschüttelt? Gab es überhaupt Verfolger? Hatte Bran die anderen drei Hadeskämpfer umgebracht? War sie vielleicht die einzige noch lebende Hadesfighterin? Und was hatte es mit den ‘neuen’ Sternen am Hadeshimmel auf sich? Waren vielleicht gleichzeitig zwei Supernovae am Himmel erschienen? Oder hatte sie ganz einfach ihr Gedächtnis im Stich gelassen? Diese Fragen quälten Helena, während sie ihrem Körper das Letzte abverlangte und in größter Hast den weißen langen Strand entlangrannte. In sanftem Bogen zog er sich dahin und schien endlos zu sein.
Fast übergangslos begann die Nacht. Ehe Helena zum Wald lief, um Deckung für ein paar Stunden des ersehnten Schlafes zu finden, sondierte sie erneut den Himmel. Ganz genau schaute sie hin. Und sah, dass die gegenseitigen Positionen der beiden ‘neuen’ Sterne sich verändert hatten. Und nicht nur das: Auch die relativen Positionen fünf weiterer Sterne hatten sich im Vergleich zur vorigen Nacht leicht verändert. Das konnte kein Zufall sein. Es musste einen Zusammenhang mit dem Hadesrennen geben, da war sich Helena nun ganz sicher. Bevor sie in den Wald lief und dabei die zum Wald führenden Spuren sorgfältig verwischte, prägte sie sich erneut die Positionen der Sterne am Hadeshimmel ein.
In der nächsten Nacht hatten die insgesamt sieben Sterne ein weiteres Mal ihre Positionen geändert. Helena wurde klar, dass dies keine Sterne oder Planeten sein konnten. Die sieben Himmelsobjekte waren dort nicht zufällig. Sie hatten etwas mit dem Hadesrennen zu tun. In den darauffolgenden Nächten verfolgte die Hadesfighterin aufmerksam die Positionsveränderungen der sieben Objekte. Sie stellte fest, dass sie eine geschlängelte Linie bildeten, die Nacht für Nacht, je weiter sie den Strand entlanglief, geradliniger wurde. In der Nacht des 77. Renntages schließlich bildeten die sieben hell am Hadeshimmel strahlenden Objekte eine völlig gerade Linie. Aufgereiht wie glänzenden Perlen an einer geraden Schnur standen sie um Mitternacht hoch am Westhimmel, über dem dunklen Meer. Vom Laufen völlig ausgepumpt setzte sich Helena an den Strand. Sie konnte nicht schlafen. Der bevorstehende Tag würde mit großer Wahrscheinlichkeit ihr letzter sein, und sie hatte fürchterliche Todesangst. Ob diese merkwürdige gerade Reihe der Himmelsobjekte ihr helfen würde, wagte sie mittlerweile zu bezweifeln. Aber etwas anderes als hier zu warten fiel ihr nicht ein. Zumindest ihre Verfolger hatte sie mittlerweile bestimmt abgeschüttelt. Schließlich nickte Helena doch ein wenig ein.
Mit Sonnenaufgang wachte sie auf. Der letzte Tag des 3476. Hadesrennens war in ein paar Stunden abgelaufen. Sie blickte zum schnell heller werdenden Westhimmel. Die Sterne und auch die sieben Himmelsobjekte auf der wie ein Finger zeigenden Linie verblassten. Helena blickte zum Meer. Und dann sah sie es. Direkt unter der Linie der sieben Himmelsobjekte. Ein glitzernder Faden auf dem Wasser. Er begann in einiger Entfernung vom Strand und schlängelte sich sanft über das Meer bis zum Horizont. Helena stockte der Atem. Das musste es sein! Mit dem Fernrohr versuchte sie, nähere Einzelheiten zu erkennen. Bei stärkster Vergrößerung schien es eine Art Schnur zu sein, die auf dem Wasser lag. Helena zögerte nicht, denn es ging um ihr Leben. Sie entledigte sich ihres Rucksacks mit den Vorräten und warf die Waffe und das Fernglas ins Meer. Dann schwamm sie hinaus. Nach ungefähr einem Kilometer angestrengten Schwimmens hatte sie den ‘Faden’ erreicht. Es war aber natürlich kein Faden, sondern es handelte sich um eine Art Steg, der mitten auf dem Meer begann. Der Steg war aus durchsichtigem harten Material gefertigt, glasähnlich und cirka 2 Meter breit, und man konnte darauf gehen, ohne dass man einbrach. Der Steg erstreckte sich bis zum Horizont. Helena wusste nun, dass sie auf der richtigen Spur war. Also fing sie an zu laufen, über das Wasser, so sah es von weitem aus, so schnell sie konnte, mit neuer Hoffnung.
Als sie nach einiger Zeit keuchend anhielt und zurückblickte, sah sie am fernen Strand einen kleinen schwarzen Punkt. Helena erschrak und rannte panisch weiter. Voraus konnte sie jetzt deutlich das 1. Portal ausmachen. Glänzend ruhte es auf dem Meer. Das verlieh ihr neuen Antrieb. Als sie ein weiteres Mal zurückschaute, war aus dem Punkt ein kleiner senkrechter Strich geworden und wieder etwas später ein winzig aussehender Mensch, der genau wie sie auf dem Steg über das Meer rannte. Helena wusste instinktiv, dass es sich nur um Hadesfighter 5 handeln konnte, um Bran, um den Klingenboxer, um den Killer, um ihren Alptraum. Bedrohlich schnell kam er ihr immer näher. Nun neigte sich die Rennzeit dem Ende zu. Beide Hadesfighter rannten, so schnell es ihre übermüdeten Körper noch zuließen. Unerbittlich holte Bran auf. Bald war er nur noch wenige Meter hinter ihr. Unter ihren Füßen spürte Helena, wie der Steg unter Brans Gewicht erbebte, wenn er mit seinen großen Füßen in rasendem Lauf auftrat. Das Portal war nur noch wenige hundert Meter entfernt. Hoch ragte es aus dem Meer auf. Die letzten Sekunden des Rennens brachen an. Mit einem gewaltigen Satz sprang Bran der fliehenden Helena hinterher. So weit er konnte, streckte er seine Arme nach vorn. Im Fallen schlitzte er mit seiner Multimachete Helenas rechte Wade auf. Dann schlug er auf den Steg auf. Helena spürte einen glühenden schneidenden Schmerz in ihrem rechten Bein. Sie stürzte ebenfalls auf den Steg. Mühsam richtete Bran sich hinter ihr auf und wollte sie endgültig vernichten. Dann aber war das Rennen zu Ende, denn in wenigen Sekunden würde die tödliche Hadesstrahlung einsetzen. Der Imperator ließ das Publikum gemäß Wettkampfreglement darüber abstimmen, ob Helena zur Siegerin des Rennens erklärt werden solle oder nicht. Abermilliarden von Zuschauern aktivierten ihr DLog und gaben darüber ihr Votum ab. Die Auswertung erfolgte in Bruchteilen einer Sekunde, ermöglicht durch die überlichtschnelle Quantenteleportation von Lichtsignalen. Mit überwältigender Mehrheit wurde Helena zur Siegerin erklärt und augenblicklich von Hades fortteleportiert.
Sie materialisierte im Siegesdom des Hadesrennens zu Hope. Dort wurde sie von Hunderttausenden hoher Würdenträger aus dem gesamten Imperium mit tosendem Beifall empfangen. Zwei imperiale Soldaten im glanzvollen kaiserlichen Ornat hoben Helena ganz sanft auf und stützten sie zu beiden Seiten, damit sie die Siegerehrung stehend entgegennehmen konnte. Das Blut aus ihrer zerfetzten Wade strömte auf die transparente Siegerplattform. Der Imperator Caius Magnus XXXV., gekleidet in einem strahlend weißen Umhang, trat gemessenen Schrittes vor sie hin, lächelte milde, sprach die Jahrtausende alte Siegerformel und krönte sie mit dem grünen Lorbeerkranz des Hadesrennensiegers. Dann wurde Helena ohnmächtig.
Es war und blieb dies das einzige Hadesrennen, bei dem der Sieger keines der sieben Portale erreicht hatte. In Gedenken an dieses Rennen wurde das 1.Portal fortan ‘Über das Wasser', genannt.
Wenn man in wolkenloser Nacht auf der eisigen Fraktalkristallebene des Planeten Hades steht und zum Himmel aufblickt, so wie ich es vor vielen Jahren getan habe, erschließt sich einem das Universum in seiner ganzen Pracht und majestätischen Fülle. Die sich aus dem zerklüfteten Felsgestein in tödlicher Kälte herauswindenden Fraktalkristalle entziehen der Luft auch die letzte Spur von Feuchtigkeit, so dass man durch die bizarren Formen der hoch aufragenden Gewächse eine atemberaubend klare Sicht auf die Sterne der Milchstrasse hat. Wie riesengroße Diamanten hängen die nahen Sterne Procyon, Epsilon Corryone, Einsamer Wanderer und Millers Messer herab und lassen die lebensfeindliche Landschaft in kaltem Licht erglühen. Und hoch im Zenit ist das gleißende Band der Galaxis mit ihren Milliarden von Sternen gespannt - seit undenklichen Zeiten den Planeten schweigend begleitend. Sterne über Sterne, so zahlreich und aus der Ferne betrachtet so unscheinbar wie Staub, bewegen sich auf ihren von den Gesetzen der Himmelsmechanik vorgegebenen Bahnen. Doch hin und wieder kommt es vor, dass solch ein unscheinbarer weit entfernter Stern in einer Supernova erblüht und so hell erstrahlt wie Millionen anderer Sonnen. Dann scheint es, als würde sich der ganze Himmel erneuern.
Ähnlich ist es mit den vielen Billionen Menschen im Sternenimperium. Wenige Giganten bestimmen seit jeher mit ihrer Macht die Geschicke der Menschheit, und nur selten geschieht es, dass ein einzelner Unbekannter aus der großen Masse hervortritt und das Schicksal des Kollektivs entscheidend beeinflusst.
Hätte mir jemand, als ich siebzehn Jahre alt war, gesagt, dass ich später einmal den Planeten Hades betreten würde, hätte ich ihn für verrückt gehalten. Hätte er mir gesagt, dass ich dem allmächtigen Imperator einst Auge in Auge gegenüberstehen würde, hätte ich ihn ausgelacht und keines weiteren Blickes mehr gewürdigt. Hätte er mir prophezeit, dass ich mir anmaßen würde, die am strengsten gehüteten Geheimnisse des Imperialen Hofes aufzuspüren, hätte ich ihn nur verständnislos angeblickt, weil ich mir überhaupt nicht vorstellen konnte, weshalb ich etwas derart Abwegiges tun sollte.
Doch will ich den Geschehnissen nicht vorgreifen und alles der Reihe nach erzählen. Viele Beschreibungen von Begebenheiten, über die ich auf den folgenden Seiten berichten werde, sind unvollständig und durch die barmherzigen Filter der Erinnerung subjektiv und manchmal in der Nachschau nostalgisch verfärbt. Manchmal entsprechen sie nur grob den Tatsachen und der Leser möge mir sachliche Ungereimtheiten gnädig nachsehen. Aber ich hatte erst Jahre nach den entscheidenden Erlebnissen Gelegenheit, diese aufzuschreiben, und konnte mich oftmals nicht auf objektiv überprüfbare Daten und Dokumente stützen, sondern war auf meine eigene unvollkommene Erinnerung angewiesen. Aber ich habe mich bei dem Verfassen des Textes, der in gewisser Weise die Geschichte meines Lebens darstellt, stets um Bescheidenheit und Wahrhaftigkeit bemüht, denn ich möchte auch in einigen Jahren noch ohne Scham in meinen eigenen Erinnerungen nachlesen können.
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Geboren wurde ich in der kleinen Stadt New Kingstone auf dem Planeten Blueeye. Blueeye, der seinen Mutterstern Halifax Eta in Hundert Millionen Kilometern Entfernung umläuft, ist eine ziemlich unbedeutende kleine Welt und besitzt lediglich einen Ozean, der zwar nicht gerade groß, dafür jedoch sehr salzhaltig ist. Die wenigen großen Städte auf Blueeye reihen sich wie Perlen an einer Kette an den Gestaden dieses Meeres auf. Dort landen auch die Raumschiffe des Imperiums, um sich mit den Reichtümern des Planeten zu beladen, ehe sie sich träge auf ihren brüllenden Feuersäulen erheben und bedeutenderen Welten zustreben. New Kingstone liegt abseits im Landesinnern und ist kaum bekannt. Dort erblickte ich als einziges Kind meiner Eltern an einem verregneten Herbsttag des Jahres 45361 n.n.Z. zum ersten Mal das fahlgelbe Licht von Halifax Eta, während mir die Hebamme in ihrer Funktion als Repräsentantin des Hochherzogtums Halifax in einer kleinen feierlichen Zeremonie das DLog einsetzte. „Seele werde Sternenmacht!“, waren die Worte der kurzen Formel, die sie leise aber bestimmt in mein Ohr flüsterte - Worte, die seit Zehntausenden von Jahren allen Bürgern des Sternenimperiums bei ihrer Geburt zuteil wurden und sie zusammen mit dem DLog unauflösbar an den Allumfassenden Sternenimperator banden.
Meine Mutter war eine schöne Frau mit strahlenden Augen und liebevoller Güte, die mein Vater und ich gleichermaßen über alles liebten. Noch heute erinnere ich mich sehnsüchtig an manch warme Abende im Sommer zurück, an denen wir nebeneinander im Gras lagen, zum Himmel aufblickten und sie mir spannende Geschichten über die fernen Welten erzählte, auf die sie zeigte. Wenn ich mich heute ganz fest auf diese so ferne Erinnerung konzentriere, kann ich manchmal sogar ihre Hände spüren, wie sie über meine Haare streichen, und dann bin ich für einen kostbaren Wimpernschlag wieder der kleine Junge, der sich rückhaltlos vertrauend in die Liebe seiner Mutter fallen lässt.
Meinen Namen Leij habe ich meinem Vater zu verdanken, der mich nach einem Blueeye’schen Freiheitskämpfer benannte, der vor langer Zeit von kaiserlichen Soldaten in einen Hinterhalt gelockt und anschließend gnadenlos getötet worden war. Schon früh erzählten mir meine Eltern davon und sagten mir, dass ich stolz auf meinen Namen sein könne, was ich natürlich auch war. Aber als ich dann in die Schule kam, änderte sich meine Einstellung dazu, denn damals waren die Soldaten des Imperiums unter Jugendlichen mal wieder schwer in Mode. Alle meine Klassenkameraden wollten später Soldat werden, in schimmernder Kampfmontur furchtlos allen finsteren Bedrohungen trotzend. Also wollte auch ich, sobald ich erwachsen war, als heldenhafter Kämpfer im Dienste des Imperiums Ruhmestaten erbringen, und erzählte niemandem von Leij, dem längst verstorbenen Freiheitskämpfer, denn vor meinen Altersgenossen schämte ich mich meines Namens.
Von meinen Eltern wohlbehütet und abgeschirmt vor den Sorgen der Welt wuchs ich zu einem wenig außergewöhnlichen Jungen heran, der über keine offensichtlichen Begabungen verfügte, der das Leben in freier Natur liebte, nicht aber die staubigen Stunden in der Schule. An den unendlich langen Sommernachmittagen, als Halifax Eta heiß vom Himmel brannte, lief ich viel lieber mit meinen gleichaltrigen Freunden zum Rand der Stadt, dort, wo die Schwinggrasebene begann. Im mannshohen Gras, zwischen den vereinzelt wachsenden rötlichen Fettkugelkiefern, spielten wir stundenlang ‘Planetenkolonisierung’, ‘Krieg des Imperiums’ und ‘Hadesrennen’. Mit kleinen Schaufeln gruben wir Löcher in den Sand, dachten uns Sandanzüge und waren berühmte PMC-Jäger, die die wunderbarsten und klangvollsten PMC-Blumen einfingen, die das Imperium je gesehen hatte. Abends kam ich ausgepumpt, hungrig, halb verdurstet und glücklich nach Hause und schlang am Abendbrottisch alles in mich hinein, was nach Essen aussah.
„Papa“, fragte ich, als mein größter Hunger und Durst gestillt waren, „wie lange muss man lernen, wenn man PMC-Jäger werden will?“
„Oh, Leij, das ist eine schwierig zu beantwortende Frage! Die einen benötigen nur wenige Wochen der Einweisung und des Trainings. Sie werden zu erfolgreichen Jägern, weil sie begabt sind. Sie fühlen die feinen Strömungen im ewigen Sand und erspüren die Saatwege der Wesen anhand feinster Veränderungen der Konsistenz des Sandes. Andere hingegen können jahrelang üben und Bücher über die PMC-Jagd studieren und werden doch nur sehr mittelmäßige Vertreter ihres Berufsstandes. Für diesen Beruf benötigst du Talent! Talent, das du in keinem Lehrbuch erwerben kannst.“
„Aber Papa“, fragte ich besorgt, „dann kann es ja sein, dass ich, wenn ich einmal groß bin, vielleicht gar nicht PMC-Jäger werden kann, weil ich dafür zu unbegabt bin!“
Mein Vater lächelte milde. Er legte mir seine große Hand sanft auf meinen Arm: „Ja Leij, das ist wohl möglich. Aber ich glaube nicht daran, denn immerhin bist du mein Sohn. Und wenn ich PMC’s jagen kann, warum nicht auch du? Und was ich dir jetzt sage, solltest du für dich behalten: Eigentlich sollten alle Bewohner Blueeye’s froh darüber sein, dass man die PMC-Jagd nur sehr begrenzt durch Ausbildung und Training erlernen kann.“
„Aber warum, Papa?“ fragte ich verständnislos, „je mehr Menschen PMC-Jäger sind, desto mehr PMC’s werden gefunden, desto mehr können im Imperium verkauft werden und desto reicher werden die Einwohner Blueeye’s !“
„Leider ist diese Logik falsch, Leij. Gäbe es eine erlernbare Technik der PMC-Jagd, glaube mir, mein Sohn, die vielen schlauen geldgierigen Ingenieure im Imperium hätten schon längst effiziente Maschinen zur PMC-Jagd entwickelt. Diese Maschinen hätten schon längst ihre Arbeit aufgenommen. Unsere Welt wäre schon seit langer Zeit ausgeplündert und wir säßen heute bestimmt nicht in Sorglosigkeit zusammen und könnten unser Beisammensein kaum in bescheidenem Wohlstand genießen. Aber diese Gedanken darfst du niemandem anvertrauen, denn sie bedeuten Zweifel.“
„Zweifel woran?“
„Zweifel an der Rechtschaffenheit des Imperiums. Und damit an der Rechtschaffenheit des Sternenimperators.“ antwortete Vater ernst mit bedächtigen Worten.
„Sind Zweifel etwas Schlimmes?“
Meine Mutter blickte zuerst meinen Vater an, wie um sein Einverständnis einzuholen, ehe sie meine arglose Frage beantwortete: „Wo Menschen zusammen leben, Leij, werden Fehler begangen, denn alle Menschen sind unvollkommen. Auch Menschen, die über andere Menschen Macht ausüben, sind nicht frei von Unzulänglichkeiten. Deswegen ist es wichtig, dass man die Fehler frühzeitig erkennt, denn wenn Menschen mit großer Machtfülle etwas falsch machen, kann dies schlimme Auswirkungen für viele andere Personen nach sich ziehen. Damit aber Fehler erkannt werden können, müssen die Menschen die Fähigkeit zum Zweifeln haben. Der Zweifel ist wichtig. Der Zweifel dient letztendlich allen Menschen. Er ist nichts Schlimmes.“
„Aber warum soll ich dann diese Dinge über die Maschinen für die PMC-Jagd keinem sagen, wenn doch der Zweifel etwas Gutes ist?“
Gequält lächelnd sagte Mutter leise: „Weil der Imperator über jeden Zweifel erhaben ist!“
„Aber ist der Imperator denn kein Mensch?“ bohrte ich in meiner kindlichen Naivität nach.
Es dauerte etwas länger, ehe mein Vater orakelhaft und wie auswendig gelernt verkündete: „Wir einfachen Menschen werden höchstens 150 Jahre alt. Aber der Allumfassende Sternenimperator Lukius II. herrscht seit fast 400 Jahren mit unermesslicher Kraft über das gewaltige Reich der Menschen und führt es zu Wohlstand, Ehre und Glück.“
Damit war das Thema für den Abend durch. Ich war damals viel zu jung und zu einfältig, um auch nur ein Viertel dessen zu verstehen, was mir meine Eltern mitzuteilen versuchten.
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An dieser Stelle sollte ich einige Worte über die PMC-Lebewesen verlieren: Als Blueeye vor Jahrtausenden besiedelt wurde, entdeckte man bei Ausschachtungsarbeiten für einen unterirdischen Wohnkomplex durch Zufall eine merkwürdige Lebensform, die nur auf Blueeye und nirgends sonst im Imperium gedieh. Diese Lebensform existierte unter der Oberfläche, in den weiten wüstenartigen Landstrichen des Planeten. Aber nicht in Hohlräumen oder Gängen, sondern vielmehr direkt in der oberflächennahen Sandschicht, die in manchen Gegenden mehrere Hundert Meter dick war. Die bis zu 60 Zentimeter großen Wesen besaßen eine gelbbraune Farbe wechselnder Schattierung, so dass sie im Sand kaum auszumachen waren. Sie sahen aus wie strauchartige Pflanzen. Das Erstaunliche an ihnen war, dass sie sich im Sand vorwärtsbewegten, selten allein, fast immer in kleinen und größeren Gruppen. Niemand wusste genau, wie schnell sie sich durch den Sand graben konnten, falls man ihre Fortbewegung überhaupt als graben bezeichnen konnte. Sandgleiten war wohl eine treffendere Beschreibung. Erfahrene PMC-Jäger schätzten die maximale Geschwindigkeit auf bis zu sechzig Kilometer pro Stunde. Diese Schätzung erschien den meisten seriösen Biologen übertrieben hoch, zumal kein physikalischer Mechanismus bekannt war, der die unterirdische Fortbewegung derart graziler Organismen durch dichten Sand mit einer solch hohen Geschwindigkeit ermöglicht hätte. Nach ihrer Entdeckung hielt man diese Wesen lange Zeit für Pflanzen, ehe intensive Forschungen ergaben, dass es sich hierbei wohl um eine Zwitterform zwischen pflanzlichem und tierischem Leben handelte. In ihrem Namen spiegelte sich die ursprüngliche falsche Klassifizierung wieder: Planta Mobilis Canoris. Oder kurz: PMC.
PMC’s waren seit ihrer Entdeckung die tragende Säule der Blueeye’schen Ökonomie: Gelang es einem, ein Exemplar dieser überaus schwer aufzufindenden Lebewesen einzufangen und an die Oberfläche zu bringen, so bildete es nach einigen Tagen blütenartige dunkelbraune Strukturen aus. Und dann begann unvermittelt der Gesang des Geschöpfes: Ein nichtsprachlicher Gesang, dessen Spielart nur begrenzt vorhergesehen werden konnte. Ein Gesang, der von den meisten Menschen als angenehm wohltuend und harmonisch empfunden wurde. Manche PMC’s gaben fröhliche heitere Klänge von sich, andere tönten ausgelassen und brachten die Zuhörer in Stimmung, und noch andere zauberten melancholische Klangteppiche hervor, die einem mit ihrer Traurigkeit das Herz zerreißen konnten. Man erzählte sich, dass Menschen nach den Klängen dieser Wesen süchtig wurden oder sich wegen ihres traurigen Gesanges das Leben nahmen. Nach etwa drei Wochen stellten die PMC’s ihren Gesang ein und starben kurz darauf ab.
Als diese einzigartige Fähigkeit der PMC’s im Imperium bekannt wurde, gelangte die bis dahin recht unbedeutende ärmliche Siedlungswelt Blueeye am Rande des Sternenreiches zu einiger Bekanntheit. Denn viele Adlige wollten ihre Paläste mit dieser Kuriosität schmücken, um ihre Gäste zu beeindrucken, oder auch, weil sie selbst den wundervollen Klängen der fremdartigen Lebewesen erlagen.
PMC’s waren teuer. Sehr teuer. So teuer, dass sich nur wohlhabende Bürger diese Kostbarkeit leisten konnten. Denn PMC’s zu fangen ist ein äußerst schwieriges zeitraubendes Unterfangen, das nur von ausgebildeten PMC-Jägern erfolgreich in Angriff genommen werden kann. Die erfolgreiche Jagd auf die scheuen Kreaturen erfordert sehr viel Begabung, Erfahrung und Training. Wenn PMC-Jäger sich in Teams von mindestens drei Teilnehmern auf die Suche begeben, legen sie ihre speziellen Sandanzüge an und folgen den kaum wahrnehmbaren Spuren der PMC’s im tiefen Sandmeer. Durch eine spezielle mentale Technik können sie ihre Augen so modifizieren, dass sie in den Tiefen des Sandozeans zu sehen in der Lage sind.
In den vorangegangenen Jahrhunderten verfeinerten die Bewohner von Blueeye das Aufspüren von PMC’s zu einer Kunst. So waren sie in der Lage, das Imperium stets mit PMC’s zu versorgen, obwohl die Nachfrage nach den Wesen nie auch nur annähernd gedeckt werden konnte. In der Folge dieses Monopols blieb der Preis für PMC’s stets hoch und die Bewohner von Blueeye ermöglichten sich auf diese Weise über die Jahrhunderte hinweg einen bescheidenen Wohlstand. Es gab von außen viele Versuche, das Monopol zu brechen, sei es durch technologische Innovationen die Jagd betreffend, oder durch Experimente, PMC’s auf anderen Welten anzusiedeln. Alle Versuche scheiterten jedoch, so dass der Berufsstand der PMC-Jäger, als ich geboren wurde, nach wie vor zu den angesehensten des Planeten gehörte. Es erfüllte mich mit großem Stolz, dass mein eigener Vater dieser privilegierten Berufsgruppe angehörte.
Hin und wieder besuchten meine Eltern mit mir das PMC-Museum New Kingstones, in dem es alles über die Biologie der PMC’s und die Geschichte der PMC-Jagd zu erfahren gab. Im Eingangsbereich war jedes Mal ein anderes PMC-Prachtexemplar ausgestellt, das mit seinem Gesang die hereinströmenden Museumsbesucher verzauberte. Meine Eltern verweilten aber stets nur kurz bei dem Geschöpf. Ihre Mienen wurden meist traurig und schnell zogen sie mich weiter. Ich war darüber irritiert, denn ich erfreute mich immer an den schönen Wohlklängen und konnte die gedrückte Stimmung meiner Eltern nicht einordnen. Später sollte ich den Grund dafür erfahren.
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Seit Zehntausenden von Jahren findet im Imperium der Menschen alle sieben Jahre ein spektakuläres Ereignis statt. Es ist der populärste und älteste Wettbewerb in der Geschichte der Menschheit. Es handelt sich um ein Wettrennen. Viele nennen es das Rennen aller Rennen, die Königin der Wettkämpfe, das ultimative Spiel. Es ist das Hadesrennen. Die Lympischen Spiele auf der verlassenen Alten Erde waren in ihrer Popularität und Intensität des Miterlebens nichts im Vergleich zu diesem Ereignis. Dem tödlichen Wettstreit fiebern viele Billionen Untertanen des Sternenimperators schon Jahre im voraus mit Ungeduld entgegen. Sie sind bereit, sich hoffnungslos zu verschulden, indem sie riskante Wetten auf ihre Favoriten abschließen.
Während des Rennens klinken sich Abermilliarden von Menschen aus ihrem Leben aus und in das Hadesrennen ein, damit sie jeden Augenblick des Kampfes der sieben Hadesfighter auf Leben und Tod auskosten können. Ist die Existenz eines gewöhnlichen Bürgers grau, langweilig und öde, so kann er während der Wettkampftage seiner privaten Tristesse entfliehen und nervenzerreißende Abenteuer erleben, die ihm sonst nie zuteil würden. Denn die sieben Athleten sind zu jedem Zeitpunkt des Rennens von Myriaden winzigster Sensoren umgeben, die sie unsichtbar umschwirren und sogar unbemerkt in ihre Körper eindringen, um alle verfügbaren Daten einzusammeln. Diese werden dann zu orbitalen Übertragungsstationen geschickt, von wo aus sie instantan in jeden Winkel des Imperiums gesendet werden. Es handelt sich um optische Daten aus allen möglichen Perspektiven und Entfernungen, um olfaktorische und haptische Informationen, um Daten über die biologischen Funktionen und Empfindungen der Kämpfer wie zum Beispiel Herzfrequenz, Atmung, Schweißproduktion, Körpertemperatur, Schmerz, Durst, Hunger und Müdigkeit. Auch geographische und meteorologische Informationen reihen sich in den gigantischen Datenstrom ein sowie Daten zu Nahrungsmittelvorräten, verwendeten Waffen, Zustandsbeschreibungen von Kampfausrüstungen und Fahrzeugen, Flugbahnen und Reichweiten von Projektilen.
Die umfassende Verfügbarkeit der Wettkampfdaten ermöglicht jedem Zuschauer eine Unmittelbarkeit und Nähe am Wettkampfgeschehen, welche dem realen Teilnehmen äußerst nahe kommt. Deswegen ist es eigentlich unangemessen, wenn man von Zuschauern und vom Zuschauen spricht. Die Umschreibungen ‘Miterleber’ und ‘Miterleben’ treffen die Teilnahme der Bevölkerung am Wettkampf besser. Trotzdem hat sich bis heute die Bezeichnung ‘Zuschauer’, die noch aus den frühen Tagen des Hadesrennens stammt, erhalten.
Andererseits vollzieht sich der Datentransfer nur in einer Richtung. Darauf wird von der Wettkampfleitung seit jeher streng geachtet, denn es soll definitiv ausgeschlossen werden, dass die Wettkämpfer während des Rennens von außen beeinflusst werden oder gar Hilfe erhalten. In der langen Geschichte des Hadesrennens ist kein einziger offizieller Fall einer solchen Einflussnahme von außen auf das Rennen bekannt geworden. Nichtsdestoweniger halten sich hartnäckig Gerüchte darüber, dass es bei einigen wenigen Rennen zu illegalen Versuchen der Beeinflussung gekommen sein soll, die aber jedes Mal durch die Wettkampfleitung aufgedeckt worden seien. Die Verantwortlichen seien in jedem Fall durch die Imperialen Behörden aufgespürt, grausam verhört und anschließend in aller Heimlichkeit liquidiert worden.
Ich war 12 Jahre alt, als ich zum ersten Mal in meinem Leben ein Hadesrennen, es war das 5426. seiner Art, bewusst miterlebte. Kinder dürfen noch nicht auf die volle Bandbreite der Informationen aus dem Wettkampfgeschehen zugreifen, damit ihre geistige Entwicklung keinen Schaden nimmt. Ihre maximale tägliche Teilnahmedauer wird behördlich streng reglementiert. Die ihnen zugänglichen Daten werden so stark gefiltert, dass keine Gefahr des Abgleitens in eine Sucht besteht. Trotzdem gab und gibt es immer wieder Versuche von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, die Sicherungsprogramme auszuhebeln. Schon viele mussten ihren Leichtsinn mit geistiger Verwirrung bezahlen, denn der ungefilterte Datenstrom vom Hadesrennen manifestiert sich zu einem derart intensiven persönlichen Erlebnis, dass er wie eine psychische Bombe in die Seele eines Kindes einschlägt - mit entsprechenden geistigen Verwerfungen.
Wie die meisten Kinder ließ auch ich mich schon Monate vor Beginn des Kampfes von der allgemeinen Begeisterung mitreißen und fieberte den dramatischen Ereignissen entgegen. Als es dann aber endlich soweit war, ich das helmartig geformte Interface aufsetzte und die gefilterten Ereignisse auf Hades wahrnahm, war es für mich doch recht enttäuschend. Irgendwie sprachen mich die Geschehnisse nicht an. Ich verfolgte anfangs zwar den Rennverlauf, insbesondere die Kämpfe zwischen den Athleten, doch war das Ganze zu weit weg, zu weit entfernt von meinem Erfahrungshorizont, als dass es mich gefesselt oder gar fasziniert hätte. Sehr zur Verwunderung meiner Eltern legte ich das Interface bald beiseite und wandte mich den Dingen zu, die mir etwas bedeuteten. Vermutlich war ich damals von meiner Entwicklung her noch nicht reif für das Hadesrennen. Ich war lieber in der Natur und lebte dort in meiner geheimnisvollen Welt der kindlichen Wunder.
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Meine Welt, das waren die Tiefen unter den weiten Schwinggrasebenen, die am östlichen Stadtrand von New Kingstone begannen. Von hier aus unternahm ich heimlich meine ersten Sandmeerausflüge und stellte mit großer Genugtuung fest, dass es mir ohne persönliche Anleitung durch einen erfahrenen Sandtaucher gelang, im Sand zu überleben, mich darin fortzubewegen und vor allem, mich darin zu orientieren. Kindern war es streng verboten, im Sand zu tauchen, weil es schon so viele tödliche Unfälle gegeben hatte. Erst ab einem Mindestalter von 15 Jahren wurden Jugendliche behutsam und in vielen Trainingssstunden in die Technik des Sandtauchens unterwiesen, denn die Gefahren im Sandmeer sind vielfältig und stellen oft tödliche Bedrohungen dar. Aus diesem Grunde erzählte ich niemandem von meinen heimlichen Ausflügen. Nicht mal meinen Eltern, denn ich befürchtete, sie würden mir die Ausbildung zum PMC-Jäger verweigern, wenn sie erführen, dass ich mich derart verantwortungslos über wesentliche Sandtauchergebote hinweggesetzt hatte.
Trotz aller Gefahren und Gewissensbisse streifte ich mir regelmäßig den Digger, so hieß der Sandtauchanzug damals, über und ließ mich in die lockende dunkle Welt des Sandozeans hinabgleiten. Die ersten Tiefenmeter waren anstrengend zurückzulegen. In zirka 30 Metern Tiefe jedoch setzten die Strömungen ein und trugen mich an immer neue Orte rauschender Sandeinsamkeit. Meine tiefsandadaptierten Augen erfreuten sich an der braunen Farbenvielfalt dieser unterirdischen Welt. Stundenlang hielt ich mich in der Tiefe auf und erkundete die fremdartige unterirdische Landschaft. Nur selten begegnete ich PMC-Wesen. Meistens entfernten sie sich rasch, wenn sie meine Nähe registrierten. Wenn ich mich nicht bewegte, konnte es aber geschehen, dass sie mir nahekamen und einen Augenblick verharrten, ehe sie mit elegantem Schwung davonsirrten. Auf diese Weise wurde aus mir im Laufe der Monate ein recht erfahrener Sandtaucher - ein Geheimnis, das ich niemandem anvertrauen durfte.
Auf meinen kindlichen Ausflügen in den Sandozean entdeckte ich noch ein weiteres Geheimnis: Es war an einem kalten stürmischen Herbsttag, und meine Eltern waren mit anderen Bürgern New Kingstones nach Leaktown, der Provinzhauptstadt, gefahren, um Einzelheiten der Preisgestaltung bei den sehr seltenen Gelbzweig-PMC’s mit den lokalen Regierungsbehörden auszuhandeln. Von den nahen Bergen wehte ein kräftiger feuchter Wind, der wie jedes Jahr um diese Zeit die Gerüche der blühenden Keelbeersträucher in die Ebene trug. Nach der Schule begab ich mich zum südlichen Stadtrand, holte meinen Digger aus einem Baumversteck heraus, zog ihn an und ließ mich durch ein schon vor Monaten ausgehobenes Erdloch in die Tiefe hinab.
Zu meiner angenehmen Überraschung setzten an diesem Tag die Strömungen schon in recht geringer Tiefe ein, so dass mir der kräftezehrende Abstieg zu großen Teilen erspart blieb. Außerdem waren die Strömungen ungewöhnlich stark. Sie zogen mich schnell mit sich, und so befand ich mich bald in fremden Sandarealen, deren Farbkompositionen ich noch nie vorher gesehen hatte. Von euphorischer Abenteuerlust getrieben vergaß ich meine sonst übliche Vorsicht und überließ mich dem berauschenden Sandfarbenspiel. Die Strömungen vergrößerten ihren Gradienten und führten mich immer tiefer. So kam es, wie es kommen musste: Ich verlor die Orientierung. Nach zwei Stunden hatte ich mich restlos verirrt und konnte kaum abschätzen, in welcher Tiefe ich mich befand. Letzteres war besorgniserregend, denn wenn ein Sandtaucher nach oben zur Oberfläche aufsteigt, muss er das Strömungssystem verlassen und sich mit eigener Kraft durch den nach oben hin immer fester werdenden Sand durcharbeiten. Schon viele Sandtaucher sind dabei zu Tode gekommen, weil ihre Kraft nicht ausreichte, die Schichten zu durchdringen. Letztendlich blieb auch mir, wenn ich heil nach Hause kommen wollte, keine andere Wahl als zu sandzuklettern - so wird das senkrechte Aufsteigen im Blueeyeschen Sandmeer seit jeher genannt. Glücklicherweise hatte mich die letzte Strömung ein beträchtliches Stück nach oben gebracht, so dass ich das Sandklettern problemlos bewältigen konnte.
In unmittelbarer Oberflächennähe stieß ich auf ein großes Objekt, das ich nie zuvor gesehen hatte. Schon aus mehreren Metern Entfernung, noch bevor es überhaupt sichtbar wurde, nahm ich seine Präsenz wahr. Vorsichtig näherte ich mich ihm von schräg unten. Es war von einer Aura umgeben, die mich in einen seltsamen Bann zog. Wie ein starker Magnet, der nicht auf Metall, sondern auf meine Seele einwirkte, zog es mich an. Es war recht groß. Ich berührte seine glatte metallische Oberfläche mit den behandschuhten Händen - und augenblicklich durchströmte mich ein wohliges wärmendes Gefühl. Fasziniert und hingerissen umrundete ich das etwa vier Meter hohe zylinderförmige Ding im oberflächennahen Sand. Sein Durchmesser betrug etwa drei Meter. Es hatte an einer Seite Rillen, die offenbar einen Eingang markierten. Unmittelbar daneben blinkten farbige Lichter rhythmisch auf. Ich konnte mir nicht erklären, um was es sich handelte, warum und wie lange es sich schon, unbemerkt von den Menschen, im Sand nahe New Kingstone befand.
Da es schon Abend wurde, meine Eltern bestimmt bald nach Hause zurückkehrten und ich keinen Wert darauf legte, einer strengen elterlichen Befragung unterzogen zu werden, riss ich mich von dem rätselhaften Objekt los und legte hastig die wenigen letzten Meter bis zur Erdoberfläche zurück. Mein Ausflug hatte mich an den nordwestlichen Rand New Kingstones geführt, von wo aus ich leicht zu meinem Elternhaus zurückfand. Mutter und Vater erzählte ich nichts von meinem Beinaheunglück und auch nichts von meinem geheimnisvollen Fund im Sand.
In den nächsten Tagen, Wochen und Monaten suchte ich heimlich, so oft ich Zeit hatte, den fremdartigen grauglänzenden Zylinder auf. In seiner Nähe spürte ich stets ein unerklärliches Wohlbefinden. Als Kind machte ich mir darüber jedoch weiter keine großen Gedanken und nahm das angenehme Gefühl einfach als gegeben hin. Es gehörte wie selbstverständlich zu dem Objekt. Natürlich interessierte es mich brennend, was es mit dem geheimnisvollen Ding auf sich hatte. So stöberte ich immer wieder stundenlang in allen mir als Kind zugänglichen KI-Datenbanken und elektronischen Archiven von Blueeye nach Hinweisen auf die Herkunft und den Zweck des Objektes im Sand. Aber meine Suche blieb erfolglos. Der große Zylinder bewahrte beharrlich sein Geheimnis vor mir. Auch das Rätsel der blinkenden Lichter an seiner Außenwand konnte ich nicht lösen. Noch war es mir möglich, ihn zu öffnen und in ihn einzudringen. Meine Eltern zu fragen traute ich mich nicht, denn das hätte das Eingeständnis meiner heimlichen Sandtaucherei bedeutet, was ich auf jeden Fall vermeiden wollte. In der Nachschau heute ist mir klar, dass mein Vater mit seinem Wissen damals das Geheimnis mit Sicherheit gelüftet hätte.
Nach Wochen ergebnisloser Nachforschungen gab ich schließlich auf. Ich akzeptierte das Objekt einfach in seiner Existenz. Regelmäßig besuchte ich es auf meinen Sandausflügen. In seiner Nähe konnte ich mich wunderbar entspannen und neue Kraft schöpfen. Der Zylinder wurde im Laufe der nächsten Jahre zu einer geschätzten Selbstverständlichkeit, zu meinem ganz privaten Zufluchtsort, den ich mit niemandem teilte.
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Die ganze Geheimniskrämerei um meine private Sandtaucherei fand ihr natürliches Ende, als ich meinen fünfzehnten Geburtstag feierte und danach in die offizielle Sandtaucherausbildung eintrat. Eigentlich hatte ich sie kaum noch nötig, aber das konnte ich ja niemandem mitteilen. Meine Trainer wunderten sich über meine angeblich schnellen Lernfortschritte, zogen daraus aber die falschen Schlüsse. Sie hielten mich für besonders begabt und lobten mich bei meinen Eltern. Diese freuten sich sehr über mich und schenkten mir stolz ihr strahlendstes Lächeln, was mir die Schamesröte ins Gesicht trieb. Glücklicherweise interpretierten sie mein Erröten als Ausdruck meiner bescheidenen Verlegenheit.
Nach der Sandtaucherausbildung, die ich mit ordentlichem Erfolg absolvierte, organisierte mein Vater für mich die weitaus schwierigere Schulung zum PMC-Jäger. Hier verfügte ich gegenüber meinen Mitschülern über keinerlei Vorsprung an Fähigkeiten und Wissen. Ich stellte mich dabei auch nicht sonderlich klug oder befähigt an, so dass ich alles in allem nur ein recht mittelmäßiger Lehrling war. Im Gegensatz zu meiner Mitschülerin Minea.
Minea kam aus der Stadt Leaktown. Sie war mit ihren 18 Jahren ein Jahr älter als ich. Ihre Eltern arbeiteten beim Luftverkehrsüberwachungsamt der Stadt Leaktown. Minea war das älteste von drei Geschwisterkindern, äußerst ehrgeizig und hochintelligent. Sie wollte unter allen Umständen ihren Traumberuf der PMC-Jägerin erlernen. Schnell stellte sich während der harten Trainingsstunden im Sandmeer heraus, dass sie außerordentlich begabt war. Während die meisten Adepten so wie ich an den unterirdischen Kreuzungen zögerten und fieberhaft darüber nachgrübelten, welche Abzweigung die Gruppe der vorauseilenden PMC-Wesen wohl genommen haben könnte, hatte sie ein feines Gespür für deren Wanderwege und wählte traumwandlerisch sicher die richtige Fährte. Minea war der unbestrittene Liebling der Ausbilder und die strahlende Favoritin der meisten männlichen Adepten. In den Pausen war sie stets von einem Schwarm Verehrer umgeben, was sie sichtlich genoss. Mich nahm sie so gut wie gar nicht wahr, was mich, zugegeben, ganz schön wurmte. Um ihre Aufmerksamkeit zu erregen, vollführte ich, als wir in Trainingsformationen im Sandozean unterwegs waren, hin und wieder kleine akrobatische Kabinettstückchen, die ich mir vor Jahren selbst beigebracht hatte und von denen ich glaubte, dass sie recht ansehnlich seien. Aber Minea gab mir mit keiner Geste zu verstehen, dass sie meine Tricks wahrgenommen hätte. Wohl aber meine männlichen Mitkonkurrenten.
„He, Leij,“ rief mir Gerond, ein breitschultiger Hüne von den Nördlichen Salzebenen, über zwei Tische hinweg mit seiner alles übertönenden Stimme zu, als unsere Ausbildungsgruppe nach einem strapaziösen Ausbildungsgang beim Abendessen zusammensaß, „mach doch mal das Kunststück mit der dreifachen Pirouette und dem eingedrehten Salto hier oben vor! Ich finde, dass es heute morgen im Sand ziemlich plump aussah - so wie ein Knollenkäfer beim Verdauungsgang!“
Gerond genoss das schallende Gelächter der PMC-Jägeradepten.
Ich spürte, wie mir das Blut in die Wangen schoss und suchte krampfhaft nach einer angemessenen Antwort. Schließlich sagte ich mit schwächlicher Stimme: „Es ist einfach, etwas lächerlich zu machen. Du kannst das Kunststück morgen ja mal vorführen. Dann können wir ja sehen, ob es bei dir weniger plump aussieht.“
„Sieh mal an, der große Sandkünstler!“ tönte Gerond und zog damit die ungeteilte Aufmerksamkeit aller auf sich, „Ich wette, dass ich dich in Sachen Beweglichkeit und Schnelligkeit im Sand um Längen schlage. Wenn es um PMC’s geht, kommt es nämlich nicht auf Akrobatik, sondern vor allem auf Geschwindigkeit und schnelles Handeln an. Und ich wüsste nicht, wie du mir da das Wasser reichen könntest!“
Neidisch nahm ich aus den Augenwinkeln wahr, wie Minea an Geronds Lippen hing. Und dumm wie ich damals war, tappte ich prompt in seine Falle hinein. Da ich sicher glaubte, schneller und wendiger als Gerond zu sein, antwortete ich selbstbewusst: „Ach, alles nur Gerede am gedeckten Tisch und nichts dahinter. Du bist ja nur neidisch auf mich. Du weißt ganz genau, dass du in den Tiefenströmungen keine Chance gegen mich hast!“
Gerond lachte provozierend: „Na ja, das käme auf einen Test an. Was hältst du davon: Du und ich, wir treffen uns morgen Abend nach der Ausbildung im Fidschi-Tiefsand. Wer die Hankok-Sandschnellen langsamer überwindet, schuldet dem Sieger ein Glaswzeig-PMC.“
Glaszweig-PMC’s sind sehr seltene PMC’s, deren Tarnung infolge ihrer fast durchsichtigen zweigartigen Körperstrukturen perfekt ist, so dass PMC-Jäger sie kaum aufspüren können. Für Glaszweig-PMC’s werden auf dem Schwarzmarkt horrende Preise gezahlt, so dass dem Sieger dieses privaten Wettstreites ein attraktiver Preis winkte. Nur zu gern willigte ich ein.
So verabredeten wir uns für den nächsten Abend am abgelegenen Schacht 157A, der direkt zum Fidschi-Tiefsand hinabführte. Minea erklärte sich bereit, den Wettkampf zu überwachen. Nun hatte ich endlich ihre Aufmerksamkeit auf mich gezogen. Beim Gedanken daran begann mein Herz aufgeregt zu klopfen. Der darauffolgende Ausbildungstag bestand vornehmlich in theoretischer Unterweisung, der uns körperlich nicht viel abverlangte, so dass wir abends relativ ausgeruht waren. Die Stimmung in der Klasse war heiter und ausgelassen, denn es lockte die Aussicht auf einen spannenden Zweikampf.
Abends trafen wir uns alle wie vereinbart am Eingang des Schachtes 157A. Schweigend legten wir unsere Sandanzüge an. Wir kontrollierten gründlich den festen Sitz aller Komponenten, testeten die Funktionsfähigkeit aller Sensoren und Anzeigen im Helmdisplay und ließen uns dann in die dunkle Welt hinab. In 45 Metern Tiefe begann der Fidschi-Tiefsand mit seinen berüchtigten schnellen und tückischen Strömungen, die man auf Blueeye immer schon Sandschnellen nennt. Minea blieb in unserer unmittelbaren Nähe, um einen fairen Rennbeginn sicherzustellen. Am Ausgangspunkt der Hankok-Schnellen gab sie das Startzeichen über Interkom.
Voll auf meine in langen Trainingsstunden erworbenen Fähigkeiten vertrauend überließ ich mich widerstandslos der sofort einsetzenden enorm starken Strömung. Wenn immer es möglich war, beschleunigte ich zusätzlich mit Armen und Beinen. In etwa drei Metern Entfernung und gleichauf mit mir glitt Gerond dahin. Immer wieder änderte die Strömung abrupt die Richtung. Manchmal taten sich Verzweigungen auf, die blitzschnelle Entscheidungen erforderten, wollte man nicht in turbulente und damit lebensgefährliche Bereiche der Hankok-Schnellen geraten. Wir mussten unsere ganze Erfahrung, unser ganzes Wissen, unsere volle Reaktionsgeschwindigkeit und alle Körperkräfte einsetzen, um den rasanten Parcours zu meistern. Nach etwa zehn Minuten hatte noch keiner von uns beiden einen merklichen Vorsprung vor dem anderen erzielt. Dann geschah die Katastrophe: Mein Digger geriet außer Kontrolle.
Ein Sandanzug ist ein hochkomplexes Kleidungsstück und ein Meisterwerk menschlicher Ingenieurskunst. Er umschließt den Körper des Sandtauchers wie eine enge Haut. Obwohl federleicht zu tragen beherbergt er doch eine Unzahl elektronischer und nanomechanischer Systeme, die das Überleben des Sandtauchers, seine Orientierung und seine Fortbewegung ermöglichen. Durch katalysierte osmotische Prozesse entzieht er zum Beispiel den vielen winzigsten Hohlräumen in der unmittelbaren Umgebung den Sauerstoff, so dass der Taucher ausreichend mit Atemluft versorgt wird. Ein ausgeklügeltes Klimasystem sorgt für angenehme Temperatur- und Luftfeuchtigkeitswerte im Innern. Unzählige Sensoren auf der Außenoberfläche des Anzuges registrieren ständig sowohl die Partikelgeschwindigkeiten als auch die Druckverhältnisse und geben die Daten an den im gesamten Anzug verteilten Computer weiter, der daraus ein zuverlässiges Strömungsprofil des Sandes errechnet. Sämtliche Daten und Berechnungsergebnisse stehen dem Sandtaucher auf dem Helmdisplay augenblicklich zur Verfügung und gewährleisten, dass er angemessen auf die kaum vorhersehbaren ‘Wetter’ im Sandozean reagieren kann. Außerdem ist die Anzughaut mit einem Stabilisatornetz aus Stahlplast durchwirkt, so dass der Taucher durch den enormen Druck in der Tiefe nicht zerquetscht wird.
Ich wich im letzten Moment einer Sandturbulenz aus, als ich feststellte, dass das Helmdisplay unmögliche Daten anzeigte. Direkt neben mir befand sich eine Festsandader, an der ich mich in sicherem Abstand mit hoher Geschwindigkeit vorbeibewegte. Der Sandanzugcomputer gab jedoch an, dass sich genau dort eine laminare Strömung ausbildete, die ich nutzen sollte, um rascher vorwärtszukommen. Wäre ich dem Vorschlag gefolgt, würde ich heute diese Zeilen wohl nicht schreiben, denn eine Kollision mit einer Festsandader mit einer derartig hohen Geschwindigkeit endet mit großer Wahrscheinlichkeit tödlich. Schockiert drosselte ich die Geschwindigkeit, was zur Folge hatte, dass ich augenblicklich hinter Gerond zurückfiel und ihn Sekunden später aus den Augen verlor. Trotz erfolgter Abbremsung zog mich die starke Strömung mit hoher Geschwindigkeit voran. Schlagartig häuften sich kurz darauf die verwirrenden Fehlanzeigen im Helmdisplay, was dazu führte, dass ich unfreiwillige Pirouetten und Salti drehte, während mich die Hankok-Sandschnellen unerbittlich mitrissen. Panik ergriff mich. Einen defekten Digger hatte ich noch nie erlebt, denn ihre Technik arbeitet zuverlässig und präzise. Man konstruiert sie absolut sicher und wartet sie regelmäßig mit penibler Gründlichkeit, denn der Sandtaucher vertraut ihr sein Leben an. Was ich jetzt im Sand erlebte, konnte eigentlich gar nicht sein. Aber das Versagen des Anzugs war grausame Realität. Nach wenigen Minuten war ich ohne die Unterstützung des Systems fast hilflos. Es ging für mich nun nicht mehr um den Gewinn des Rennens zweier heißblütiger PMC-Jägeradepten, sondern nur noch um das nackte Überleben. Verzweifelt versuchte ich, einen Ausgang aus dem lebensbedrohenden Labyrinth zu finden. Doch dies war ohne die Orientierungshilfen des Anzugsystems ungemein schwierig. Ich fühlte mich wie amputiert. Schreckliche Angst bemächtigte sich meiner. Mehrere Male kam ich Festsandformationen und manchmal sogar Felsen bedrohlich nahe, so dass ich meine ganze Geschicklichkeit aufbringen musste um nicht zu kollidieren.
