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Durfte eine erst 13-jährige, vermeintliche Brandstifterin zum Tode verurteilt werden? Im Jahre 1697 brannte im vogtländischen Ackerbürgerstädtchen Schöneck ein Haus samt Scheune ab. Mehrere Zeugen beobachteten, wie Marie, ein Kindermädchen, in Panik aus dem brennenden Gebäude rannte. Flucht galt als Schuldeingeständnis. Marie wurde in der Fronfeste gefangen gesetzt. Zu Gericht saßen die Honoratioren der Stadt, die - teils um eigene Schuld zu vertuschen, teils in der Hoffnung auf finanziellen Gewinn - sehr willkürlich mit der Wahrheit umgingen. Der skandalöse Prozess zog sich anderthalb Jahre hin. Wibke Martin, Jahrgang 1939, bis zu ihrem Ruhestand Lehrerin im Vogtland, ging dem aktenkundig überlieferten Schicksal der Marie nach. Sechs Jahre recherchierte sie zur Orts-, Familien- und Zeitgeschichte. Nun liegt ein Roman vor, der die Hintergründe des unheilvollen Geschehens erstmals aufdeckt. Von der Autorin erschien unter dem Pseudonym Mara Nock bereits der Roman 'Die Drahtmutter'.
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Seitenzahl: 537
Veröffentlichungsjahr: 2015
www.tredition.de
Wibke Martin
Das Halsgericht
www.tredition.de
© 2015 Wibke Martin
Umschlag, Illustration: Wibke Martin, Corinna Podlech
Bildausschnitt: Die Enthauptung der Heiligen Barbara, Lucas Cranach d. Ä.;
1. Hälfte 16. Jahrhundert; Staatliche Graphische Sammlung München
Lektorat: Dr. Frieder Spitzner
Satz, Korrektorat: Corinna Podlech, Hamburg
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
ISBN
Paperback
ISBN 978-3-7323-2311-1
Hardcover
ISBN 978-3-7323-2312-8
e-Book
ISBN 978-3-7323-2313-5
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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
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Eintrag im Kirchenbuch zu Schöneck:
StReg. 1698 S. 423
Den 5. August ist Maria Meyerin, Martin Meyers, bürgers Tochter, ein Mägdlein von 15. Jahren, welche in die 1 1/2 Jahr allhiergefang geseßen, um daß sie feuer angelegt und ein haus und Scheune abgebrant, nach eingeholten 3. Urtheln u. Königl. Churfürstl. befehlichen mit dem Schwerd vom leben zum tode gebracht worden u. auf dem gerichtsplatz begraben worden. Dem Scharfrichter von Voigtsberg ist der Streich misslungen, maßen Er die arme Sünderin, welche kurz vor ihrn Ende noch ‚wehe‘ über ihre verführerin zur dieberey, quam in carcere, (Cordulam) Concordiam Christian Thölers conjugem, fuisse discit‚* geschriehen, erstlich ins genick, dass das hirn herausgesprungen, hernach durch die Schulter über den ganzen Rücken hindurch, welches abscheulich anzusehen war, und dann endlich erst, da der Cörper schon auf der Erde lag, durch den Hals auch den Kopf abgehauen hat. Gott bewahre einer jeder Mutter Kind aus Gnaden, sonderlich in dieser Gemeinde vor dergleichen erschreckl. tode, und regiere uns insgesamt jung und alt, sonderlich aber die ungehorsame Jugend durch s. Heiligen Geist, dass wir uns vor allen Sünden und Müßethaten höchstes fleißes hüten, hingegen fromm und christlich leben und also beides der Zeiten u. der ewigen Strafe – entgehen mögen. Per Christum, Servatorum nostrum. Amen!
Die Übersetzung des lateinischen Textes lautet sinngemäß:
… Concordia, Christian Thölers Ehefrau, welche im Gefängnis gewesen sein soll, wie man hört, ….
(Der Kirchenbucheintrag erfolgte durch Pfarrer Adam Müller, der erst etwa acht Monate nach dem Brand seinen Dienst in Schöneck antrat. Er hatte zunächst auch ‚Cordula‘ statt ‚Concordia‘ geschrieben. Sein Nachfolger im Amt, Johann Ernst Marbach, hat diesen Fehler korrigiert.)
Angaben aus dem Stadtregister von Schöneck 1698
zur Hinrichtung der Maria Mayerin
als Maria Mayerin letztes urthel verleßen worden, sind auffgangen
3 fl.
5 gr.
7 Pf
vor kleiden als arme Sünderin:
zehn Ellen Zeig
-
20 gr.
-
weise Schnur u. Zwirn
-
-
7 Pf
klare Leinwand
-
8 gr.
-
1 Baar Schuh
-
10 gr.
-
Herr Magister, die arme Sünderin in der Fronveste zu besuchen
3 fl.
9 gr.
-
sowie die arme Sünderin zur justifikationsstätte zu begleiten
1 fl.
3 gr.
-
der Herr Pfarrer zu Wolbach, so die arme Sünderin trösten helfen
-
16 gr.
-
der Herr Schulmeister
-
16 gr.
-
Herrn Johann Georg Spranger Not. Publ. Caesar. welcher bei den Gerichten gesessen undt das urthel nochmals auf der justifikationsstätte vorgeleßen
1 fl.
3 gr.
-
vor eine Henne, der Mayerin in die Fronveste verspeiset
-
3 gr.
-
vor eßen außn Rathaus Maria Mayerin in Fronveste und vor Eyer bezahlt
-
16 gr.
-
kurtz vor ihrem End vor Wein den Scharfrichtern undt der armen Sünderin
1 fl.
2 gr.
8 Pf
vor Butter, Pflaumen, Gewürtz, Hertzsterkung
-
8 gr.
-
vom Rath den 5. u. 6.Augusti verzehret bey der execution an brod, fleisch und andern
7 fl.
12 gr.
10 Pf
sowie vor Eyer, Bier u. Brandewein auffgangen
4 fl.
14 gr.
6 Pf
vor Bier den Wächtern, so bey der armen Sünderin blieben, bis sie begraben
-
13 gr.
7 Pf
dem Scharfrichter vor justifikation der Maria Mayerin den 5. Augusti
10 fl.
8 gr.
-
denen Scharfrichtern und ihren Knechten vor brod, fleisch, butter, Käß, Eyer undt dergleichen
3 fl.
6 gr.
7 Pf
vor Sargk und Stuel der armen Sünderin
-
20 gr.
-
vor einen Schiebekam ingleichen Hauen und Schauffeln
-
17 gr.
6 Pf
vor Strick des Scharfrichters Knechten
-
1 gr.
-
(nach Gustav Kühnel, ‚Chronik von Schöneck‘)
Inhaltsverzeichnis
Personenverzeichnis
Historische Fakten
1. Teil: Der Brand
Gründonnerstag
Karfreitag
Osterheiligabend
Ostersonntag
Ostermontag
2. Teil: Der Prozess
Klage
Gutachten
Befehl
Urteil
Endlicher Rechtstag
Glossar
Personenverzeichnis
Becher, Anna*
Wurzenanne
geb. Martini, vw. Geyer, vw. Becher; Mutter von Corde und Flora
Becher, Daniel
Steinschneider
Chirurg und Wundarzt (†1688); Vater von Corde und Flora
Crusius, Amalia*
Amalia
geb. Pisendel, Frau des klaan Pfaffen
Crusius, Andreas* jun.
klaaner Pfaff
Pfarrer; schwerkrank; Sohn des alten Pfaffen
Crusius, Andreas sen.
alterPfaff
Pfarrer († 1692)
Crusius, Friedrich*
Pfarrbatzel
Pfarrer in Wohlbach; Bruder des klaan Pfaffen
Crusius, Gottfried*
Pfeffersack
Handelsmann; Bruder des klaan Pfaffen
Crusius, Justina*
Pfarrmutter
geb. Adler; Mutter des klaan Pfaffen
Diersch, Magdalena*
Magda
geb. Rosenhauer; heiratet 1698 den Stadtknecht Diersch
Diersch, Sigmund*
Diersch
zweiter Stadtknecht
Döhler, Christian
Strecker
Fleischhacker, Rosskamm; Ehemann von Corde
Döhler, Concordia*
Corde
geb. Becher; Frau des Streckers, Tochter der Wurzenanne
Döhler, Matthes
Röhrenmatz
Röhrenmeister; Bruder des Streckers
Enderlein, Benedikt*
Enderlein
erster Stadtknecht
Enderlein, Sophia*
Sophia
Frau des Enderlein, Schwester des David Fischer (Galgenfischer)
Fischer, David
Meister Fischer
1. Scharfrichter zu Voigtsberg, Bruder der Sophia Enderlein (Galgenfischer)
Fischer, Johannes*
Meister Hansel
2. Scharfrichter zu Voigtsberg, Vetter des David Fischer (Galgenfischer)
Fischer, Wolfgang
Hammerfischer
Vorsteher des Hammerwerks von Tannenbergsthal, Hammerherr in Zwota; (nicht verwandt mit den ‚Galgenfischern‘)
Geyer, Johann*
junger Geier
1. Ehemann der Wurzenanne (†1668)
Hannebach, Christoph
Hannetoffel
Ratswirt, Vater von Hannekäth
Hess, Susanna*
stumme Suse
Frau des Zacharias
Hess, Zacharias
Zacharias
Fußknecht (niederer Förster) und Fuhrmann
Hühler, Michael*
Flachsmichel
Fuhrmann; (geschiedener) Ehemann der Salome
Hühler, Salome*
Salome
geb. Pfündel; (geschiedene) Frau des Flachsmichel
Janosch
Rastelbinder
Drahtbinder aus Böhmen
Keil, Peter*
Peter
Fleischhacker; Bruder von Tobias Keil
Keil, Tobias*
Tobias
Fleischhacker; Bruder des Peter Keil
Knichtel, Kaspar
Eisenkaspar
Siebmacher, Eisenhändler; Kämmerer von Schöneck
König, Hans Georg
Geierkönig
Handelsmann, Rosskamm; 1697 künftiger Bürgermeister
König, Martin
Zocherkönig
Fleischhacker, Rosskamm; 1697 regierender Bürgermeister
König, Paul*
Zochermedikus
Medikus; Bruder des Zocherkönigs
Martini, Kilian*
Kilian
Medikus, Chirurg, († 1669); Vater der Wurzenanne
Martini, Urban*
Urban
Bankarzt und Krämer († 1688); Bruder des Kilian
Meyen, Maria
Marie
Tochter von Pfeifermerten und Buschmarl; Kindermädchen
Meyen, Margaretha
Buschmarl
geb. Busch; Frau des Pfeifermerten, Mutter von Marie
Meyen, Martin jun.
Mertengung
Sohn von Pfeifermerten und Buschmarl, Bruder von Marie
Meyen, Martin sen.
Pfeifermerten
Fußknecht (niederer Förster) im Dienst der Stadt, Vater von Marie
Möller, Adam
Möllerpfaff
Pfarrer; Nachfolger von Andreas Crusius jun.
Müller, Albrecht*
Bockschuster
Schustermeister; Eidam des Eisenkaspar
Renner, Katharina
Hannekäth
Frau des jungen Renner; Tochter des Hannetoffel
Renner, Nicol jun.
junger Renner
Handelsmann, Rosskamm; Sohn des alten Renner
Renner, Nicol sen.
alter Renner
Handelsmann, Rosskamm; 1697 gewesener Bürgermeister
Rosenhauer, Georg
Rosenhauer
mehrere dieses Namens sind Stadtknechte in Sachsen und Bayern
Schmirler, Jobst*
Schmirlerpfaff
Theologe ohne Anstellung
Seifert, Gabriel*
Skribterseff
Jurist, Stadtschreiber, Schulmeister, Küster und Kirchenmusiker
Seling, Friedrich und Heinrich
(die Tannenbergsthaler)
Stiefsöhne des Hammerfischers
Spranger, Görg*
Advokat
Notar; Schwager des klaan Pfaffen, Vetter des Herrgottsmüllers
Spranger, Vitus*
Herrgottsmüller
Müller auf der Unteren Holzmühle; Vetter des Advokaten
Sturm, Sebastian*
Bastel
Fleischhacker, Rosskamm
Tiepmar, Florentina*
Flora
geb. Becher; Frau des Schützentiepmar, Tochter der Wurzenanne
Tiepmar, Hans
Schützentiepmar
Fußknecht (niederer Förster) in Mulde – in kurfürstlichem Dienst
von Mangold, Georg Friedrich
Herr von Mangold
Oberförster
von Tettau, Christoph Rudolph
Herr von Tettau
Besitzer des Rittergutes Schilbach
von Tettau, Johanna Elisabeth
Frau von Tettau
Mutter des Christoph Rudolf von Tettau
Die Hauptfiguren sind fett gedruckt.
Die Namen der Personen, die 1697 bereits verstorben waren und nur erwähnt werden, sind kursiv gedruckt.
Figuren, bei denen der Vorname nicht bzw. nicht vollständig (Die Leute hatten häufig zwei Vornamen.) mit dem der historischen Person übereinstimmt, sind mit * gekennzeichnet.
Der Rastelbinder ist die einzige Figur, die nicht historisch belegt ist. Drahtbinder aus Böhmen kamen jedoch regelmäßig ins Vogtland.
Historische Fakten
Wahr ist:Am 5. August 1698 wurde Maria Meyen, ein Mädchen von 14 Jahren, nach eingeholten drei Urteilen mit dem Schwert hingerichtet. Sie war zuvor eineinhalb Jahre in der Fronfeste gefangen gehalten worden.
Wahr ist: Obwohl Maria Meyen wegenBrandstiftung verurteilt worden war, rief sie vor der Exekution ‚wehe‘ über ihre Verführerin zurDieberei.
Wahr ist:Im Jahre 1697 gab es für Schöneck drei ökonomisch bedeutsame Ereignisse.
–August der Starke bewarb sich um die Polnische Krone und brauchte für dieses Vorhaben sehr viel Geld, daher setzte eine verstärkte Kontrolle der Finanzhaushalte seiner Untertanen ein.
– Wolfgang Fischer, Hammervorsteher von Tannenbergsthal, kaufte den wüst liegenden Hammer in Zwota, in der Nähe von Schöneck, um ihn wieder in Betrieb zu nehmen.
– Mitte des Jahres starb Pfarrer Georg Andreas Crusius und hinterließ Schulden sowie ein mit Verlust arbeitendes Pfarrgut.
Wahr ist: Andreas Crusius war mehr als dreißig Jahre lang Pfarrer in Schöneck. Von seinen fünf Söhnen wurden drei Pfarrer und zwei Handelsmänner. Sein Sohn Georg Andreas übernahm nach dem Tod des Vaters 1692 die Pfarre in Schöneck. Sein Sohn Friedrich wurde Pfarrer in Wohlbach.
Georg Andreas Crusius starb 37-jährig. Mit seiner Witwe Amalia Rosina geb. Pisendel hatten Bürgermeister und Rat von Schöneck etwa ein Jahr lang um die Begleichung der Schulden ihres Mannes gestritten, ehe sie eine beiderseits befriedigende Lösung fanden. Amalia Rosina war mit zwei ihrer vier Kinder nach Glaucha bei Halle in die Franckeschen Stiftungen gegangen, wo sie eine Anstellung fand, aber schon im Frühjahr 1699 an Fleckfieber starb.
Wahr ist: Im Jahre 1697 trat im Zusammenhang mit der Bürgermeisterwahleine Besonderheit auf.
Die Bürgermeisterwahl fand offensichtlich planmäßigAnfang Januar statt, denn Martin König wird turnusmäßig zum regierenden Bürgermeister gewählt und als solcher im Kirchenbuch erwähnt.
Er übernahm das Amt vom gewesenen Bürgermeister Nicol Renner. Der künftige Bürgermeister war Hans Georg König. Die beiden Bürgermeister König waren nicht näher miteinander verwandt.
Auch die Abrechnung mit Amtsübergabe hat wie gewohnt zu Mittfasten stattgefunden.
Die offizielle Rechnungslegung, für die jeweils der Osterdienstag vorgesehen war, wurde jedoch auf den Januar 1698 verschoben.
Wahr ist:Die drei sich jährlich abwechselnden Bürgermeister lebten in sehr unterschiedlichen Familienverhältnissen.
Der regierende Bürgermeister des Jahres 1697, Martin König, war kinderlos, aber mit allen führenden Familien der Stadt verwandt.
Der künftige Bürgermeister für das Jahr 1698, Hans Georg König, war zum vierten Mal verheiratet und hatte trotz fortgeschrittenen Alters noch drei unmündige Kinder.
Hans Georg König war der Schwestersohn des verstorbenen Oberförsters Georg Geyer. Mehrere Frauen aus der Sippe dieses Oberförsters hielten sich jeweils eine Zeit lang in Schöneck auf. Eine unverheiratete Schwester dieses Oberförsters hatte viele Jahre bis zu ihrem Tod in der Familie König gelebt.
Der gewesene Bürgermeister für das Jahr 1696, Nicol Renner, hatte vier erwachsene Töchter, einen erwachsenen Sohn und mehrere Enkelkinder. Er war über einen Eidam mit der Familie Meyen verwandt.
Die Schwiegertochter dieses Bürgermeisters war die Tochter des Ratswirtes Christoph Hannebach.
Wahr ist: Gegen Ende des 17. Jahrhunderts gab es in Schöneck eine Fleischerherberge, deren Standort jedoch in den Akten nicht angegeben ist.
In den Städten des Mittelalters und der frühen Neuzeit gehörten die Fleischhacker zu den Bürgern, die ihr Gewerbe nur am Stadtrand ausüben durften.
An der Kälberwiese – also am ehemaligen Stadtrand von Schöneck – existiert noch heute der Königsstein. Martin König, einer der bedeutendsten Bürgermeister der Stadt, war Fleischhacker.
Wahr ist: Familie Meyen gehörte zwar zu den Hausbesitzern, aber nicht zur wohlhabenden Bürgerschaft von Schöneck.
Martin Meyen, Maria Meyens Vater, stammte aus Tirpersdorf. In seiner Familie wurden in unregelmäßigem Wechsel die Namen Mey, Meyen und Meyer benutzt. Er war ‚Fußknecht‘ – also niederer Förster – im Dienste der Stadt.
Das Ehepaar Meyen hatte außer Maria, der Ältesten, noch mehrere Kinder. Ein Kind starb während Marias Gefangenschaft. Zwei Tage nach der Hinrichtung wurde Marias jüngster Bruder zu Grabe getragen.
Die Familie Meyen war über die Frau des Martin Meyen, Margaretha geb. Busch, weitläufig mit der Familie des im Jahre 1696 gewesenen Bürgermeisters Nicol Renner verwandt (s.o.).
Maria Meyen beschuldigt auf dem Richtplatz Concordia Döhler der Verführung zur Dieberei.
Wahr ist: Concordia Döhler geb. Becher gehörte zu einer der bedeutenden Familien in Schöneck.
Concordia war die Tochter des verstorbenen Chirurgen und Wundarztes Daniel Becher und Enkeltochter des verstorbenen Medikus Christoph Martini. Mehrere Todesfälle in dieser Verwandtschaft traten unter fragwürdigen Umständen ein.
Concordia war mit dem wohlhabenden Fleischhacker und Rosskamm Christian Döhler verheiratet.
Concordia war ebenfalls eine Zeit lang in der Fronfeste gefangen.
Wahr ist: Christian Döhler – Fleischhacker und Rosskamm – galt als begütert. Er gehörte einer sehr weitverbreiteten Sippe an. Sein Bruder war Röhrenmeister in Schöneck und mit der ältesten Tochter des Bürgermeisters Hans Georg König verheiratet.
Er hatte vor seiner Eheschließung die Schulden des zukünftigen Schwiegervaters,Daniel Becher, bezahlt.
Wahr ist: Mitglieder der Familie Spranger spielten über Generationen eine wichtige Rolle in Schöneck.
Christian Spranger hatte nach dem Besuch der Schule in Gera auf ein Studium verzichtet und von seinem Vater die Untere Holzmühle als Eigentumsmüller übernommen. Er hatte mehrere Töchter, von denen eine verheiratet und eine verwitwet war. Letztere ehelichte 1697 den mit 15 Gulden beim Gotteshaus verschuldeten Fleischhacker Nicolaus Keil. Ein Bruder dieses Fleischhackers – Johann Caspar Keil – war laut Kirchenbuch 1694 in Rotau hinter Graslitz im Wirtshaus vom Wetterstrahl erschlagen worden.
Hans Georg Spranger, ein Vetter des Christian Spranger, hatte die Schule in Pforta besucht, Jura studiert und arbeitete als Notar in Schöneck. Seine Frau, eine Schwester des Pfarrers Georg Andreas Crusius, war bei der Geburt des ersten Kindes gestorben. Der Witwer heiratete nicht wieder.
Wahr ist: Im Jahre 1697 trat eine Änderung in der Besetzung der Stelle des Stadtschreibers ein.
Seit Jahrzehnten war Christian Seifert, Jurist, Schulmeister, Küster und Kirchenmusiker auch Stadtschreiber und damit zugleich Gerichtsschreiber.
Im Jahre 1697wurde plötzlich auch der Notar Hans Georg Spranger als Stadtschreiber genannt.
Wahr ist: Christian Seifert entstammte einer einheimischen Familie von Schmieden und Gerbern. Er hatte in Leipzig Jura studiert und dann in Schöneck als Schulmeister, Küster und Kirchenmusiker sowie als Stadtschreiber gearbeitet. Sein Verhältnis insbesondere zu Pfarrer Andreas Crusius (Vater von Georg Andreas Crusius) galt als gespannt, wie das meistens zwischen Schulmeister und Pfarrer in Schöneck der Fall war. Dabei ging es unter anderem um die Forderung des Pfarrers, dass der Schulmeister ihm bei Hausbesuchen den Mantel tragen und die Abendmahlsgeräte zureichen sollte. Besondere Beschwerde führte der Pfarrer, weil Christian Seifert in sehr fortschrittlicher Weise während des Gottesdienstes die Epistel von seinen Schulknaben vorlesen ließ.
Christian Seifert war verschwägert mit dem Pfarrer von Theuma. Sein Sohn war Pfarrer in der Nähe von Leisnig.
Er war neben dem Notar Hans Georg Spranger der einzige Jurist in Schöneck.
Wahr ist: Beim Gotteshaus konnte jeder Bürger, der etwas zum Pfand zu setzen hatte, bei einem Zinssatz von 5 % Kapital leihen.
Der Schustermeister Hans Georg Müller, Kirchenvater und Eidam des Eisenhändlers und Stadtkämmerers Kaspar Knichtel, borgte 1697 die erstaunliche Summe von 100 Gulden beim Gotteshaus und setzte sein Haus sowie eine Wiese zum Pfand. Beides wurde sofort von einem Anderen übernommen, der die Zinsen für das geliehene Geld zahlte.
Der Notar Hans Georg Spranger hatte 25 Gulden geliehen und lediglich eine Wiese zum Pfand gesetzt, und sein Schwager, der Pfarrer Georg Andreas Crusius, hatte schon vor Jahren ohne Einwilligung des Superintendenten für 100 geborgte Gulden seinen gesamten Besitz als Sicherheit gegeben und noch nicht einen Gulden zurückgezahlt. Um die hinterlassenen Schulden gab es etwa ein Jahr lang Streit zwischen der Witwe und den Honoratioren der Stadt.
Christoph Rudolph von Tettau war bei mehreren Adligen hoch verschuldet. Seit Jahren drohte seinem Rittergut in Schilbach die Insolvenz. Er und seine Mutter borgten trotzdem unverdrossen weiter beim Gotteshaus und schrieben jeweils einen Schuldschein.
Auch Maria Meyens Vater, Martin Meyen, hatte schon seit Jahren Schulden beim Gotteshaus: drei Gulden. Er hatte dafür sein ‚Allerlei‘ verpfändet.
Wahr ist: Zwischen den Familien Meyen und Becher gab es bemerkenswerte Beziehungen.
Martin Meyen hatte – bevor er Fußknecht (Förster) im Dienste der Stadt wurde – beiDaniel Becher‚ Concordias inzwischen verstorbenem Vater, gedient.
Die Schwester Concordias, Florentina Tiepmar, die Frau des staatlich angestellten Fußknechtes und Schützenkönigs Hans Tiepmar, war Maria Meyens Patin.
Wahr ist: Maria Meyen war eineinhalb Jahre in der Fronfeste gefangen und damit in der Obhut der Stadtknechte und derer Familien. In dieser Zeit brachte Maria Sophia, eine Tochter des Weidaer Scharfrichters und Frau des Stadtknechts Gottfried Enderlein, ihr drittes Kind zur Welt und Georg Sigmund Diersch heiratete Pfingsten 1698 eine Tochter des Stadtknechts von Adorf. Damit war er mit der in Bayern und Sachsen weitverbreiteten Sippe Rosenhauer verwandt – allesamt Stadtknechte und Gerichtsboten.
Ein Mann, der im Wirtshaus zu Voigtsberg vorgab, aus dem Bambergischen zu sein und von den Gästen für einen Büttel oder Scharfrichtergehalten wurde, erklärte einen Tag vor der Hinrichtung, dass diese entweder nicht stattfinden oder misslingen werde.
Wahr ist: Zur Zeit der Hinrichtung der Maria Meyen gab es in Voigtsberg zwei Scharfrichter. Da war zunächst David Fischer, 42 Jahre alt, Sohn des Scharfrichters von Weida, Bruder der Maria Sophia Enderlein, Vater mehrerer halbwüchsiger Kinder. Der zweite, Johann Christoph Fischer, dessen Alter nicht angegeben ist, war ein Sohn des Scharfrichters von Eger, hatte eine halbjährige Tochter und folgte einige Jahre später seinem Vater ins dortige Scharfrichteramt.
Wahr ist: Hans Georg König, im Jahre 1698 regierender Bürgermeister, hat im Stadtregister dieses Jahres die Kosten für die Hinrichtung der Maria Meyer genau aufgeschlüsselt. Der zu diesem Zeitpunkt gewesene Bürgermeister Martin König hat eine Abschrift dieses Registers an Nachkommen seiner Verwandtschaft weitergegeben.
Wahr ist: Der Fall ‚Maria Meyen‘ wirkte sich auf das Verhältnis einiger Schönecker zueinander aus.
Zwischen dem Bürgermeister Nicol Renner und dem Notar Hans Georg Spranger herrschte in den Jahren nach der Hinrichtung offene Feindschaft, ohne dass der Grund jemals ausgesprochen wurde.
Wahr ist: Die Beziehung der beiden Bürgermeister Martin König und Hans Georg König zueinander galt als angespannt.
Der Bürgermeister Hans Georg König erklärte zur gleichen Zeit, er sei der Freund des Notars Hans Georg Spranger.
Wahr ist: Der Notar Hans Georg Spranger bekannte dem Pfarrer Adam Müller, seit Dezember 1697 Pfarrer in Schöneck, dass das, was ergetan habe, so schlimm sei, dass er nie mehr zur Beichte und zum Heiligen Abendmahl zugelassen werden könne.
Quellen:
Kirchenbücher von Schöneck, Theuma, Adorf, Oelsnitz/V., Bad Elster und Schellenberg-Augustusburg
Marbach, Johann Ernst;
Das in der Freiheit lebende Schöneck; Schneeberg 1731
Marbach, Johann Ernst;
Des in privilegierter Freiheit lebenden Schönecks anderer Teil; Schneeberg 1732
Oettel, Johann Paul;
Beschreibung des von 1370 an privilegierten freien Städtleins Schöneck; Schneeberg 1761
S. Thiermann;
Marbach III (Erster und anderer Teil); aus den Originalen zusammenge tragen, (handschriftliches Dokument); 1779
Kühnel, Gustav;
Chronik von Schöneck/V. (Maschinenschrift); Zwickau 1959
Kurt Scheffler;
Chronik von Tannenbergsthal/V. (Maschinenschrift); Tannenbersthal/V. 1948
Christian Passon;
Arbeiten zur Familienforschung (Manuskript); Schöneck/V. o.J.
Pfarrbuch Oelsnitz/V. Abt. Schöneck/V.; o.J.
Register der ausgeliehenen Capitalien (17. Jahrhundert); Pfarramt Schöneck/V.
Album des Knabenwaisenhauses der Franckeschen Stiftungen zu Halle; o.J.
Die Predigtdatenbank: Lutherpredigten
1. Teil: Der Brand
Gründonnerstag
Am Gründonnerstag des Jahres 1697 jagte mit einem der ersten Schläge des Gethsemane-Läutens ein kleiner wuscheliger Hund durch den schweren nassen Neuschnee über den menschenleeren Marktplatz von Schöneck. Sein zottiges Fell war gelbgrau wie der schon von der Dämmerung verfinsterte Nebel, der aus den Tälern der Umgebung hervorquoll. Der junge Rüde blieb – die Ohren spitzend und aufgeregt mit dem Schwanz wedelnd – zunächst bei einer der nördlichen Kirchentüren stehen, setzte sich dann und beobachtete aus dunklen, von schmutzigen Fransen fast verdeckten Augen aufmerksam ein großes Gebäude an der unteren Seite des Marktes.
Dort beendete zur gleichen Zeit Marie Meyen eilig ihr Gebet mit der kleinen Regina, hüllte das Kind in ein dickes Wolltuch und trat, sobald das Geläut verstummt war, mit der Kleinen auf dem Arm durch die Pforte ins Freie.
Der Hund sprang sofort auf, stürmte los und umkreiste die beiden mit freudvollem Gejaule. Das Kind klatschte juchzend in die Hände, Marie bückte sich und kraulte das Tier hinterm Ohr.
Wenig später schloss Merten Meyen hinter sich die schwere Kirchentür. Obwohl er fast drei Jahre jünger war als seine Schwester Marie, überragte er sie um einen halben Kopf, tat mit seinen zehn Jahren bereitwillig die Arbeit Erwachsener und wurde als ‚Mertengung‘ von seinem gleichnamigen Vater unterschieden. Fürs Glockenläuten, das er mehrmals wöchentlich übernahm, würde er zu Michaelis wahrscheinlich eine kleine Summe bekommen, so hoffte er jedenfalls.
Jetzt verharrte er und schaute teils traurig, teils belustigt auf Marie. Vor einem reichlichen Jahr war sie im Haus des ‚alten Renner‘ als Kindermädchen für dessen jüngste Enkeltochter in Dienst getreten. Seither hatten sich die Geschwister immer nach dem Glöckneramt des Mertengungs kurz getroffen – zum Erzählen und zum Necken. Aber seit einiger Zeit traf meist ein anderer noch eher als der Bruder an Ort und Stelle ein. Es würde heute kaum anders sein. Dieser kleine freche Kläffer war ja bereits da – als Vorhut.
Trotz der Düsternis erkannte der Mertengung, dass Marie heute ihr dunkelblondes Haar nicht, wie es sich für ein Kindermädchen gehörte, zu einem Zopf geflochten und aufgesteckt trug, sondern offen über ihre Schultern fallen ließ. Marie sah hübsch aus, aber eine solche Haartracht war gegen allen Anstand. Und – wie zu erwarten – kam der Verehrer auch schon aus Richtung Kühgasse daher. Bastel, der eigentlich Sebastian Sturm hieß, als einziger Schönecker Fleischhacker und Rosskamm auch mit Schweinen auf dem Oelsnitzer Viehmarkt handelte und dessen rotes Haar so zusselig war wie der Pelz seines Hundes, verbreitete mit seinem treuherzigen Blick aus wasserhellen Augen fast immer gute Laune und machte offensichtlich Eindruck auf Marie. Auch ihr Bruder, der Mertengung, mochte ihn. Doch was hatte denn der Galan diesmal vor? Führte da einen Rappen am Halfter. Ein mächtiges Tier, fürs Holzrücken sah es aber viel zu elegant aus. Ein wunderschönes Kutschpferd. Wo wollte der Bastel bloß damit hin? Jetzt schritt er jedenfalls stolz auf Marie Meyen zu.
Mit etwas Schadenfreude wartete der jüngere Bruder nun, dass das Turteln, noch bevor es angefangen hatte, gleich ein jähes Ende nehmen würde, denn schräg gegenüber aus der Ratswirtschaft geleitete der Wirt Christoph Hannebach, genannt Hannetoffel, den alten Renner, einen der drei Bürgermeister, vor die Tür. Die Bürgermeister wechselten sich reihum jährlich in diesem Amt ab. Das geschah immer im Januar und nannte sich Bürgermeisterwahl. Dienstantritt war jeweils in der Fastenzeit. Der alte Renner war derzeit der ‚gewesene‘ Bürgermeister, das heißt, er hatte das Amt erst kürzlich turnusgemäß an seinen Nachfolger abgegeben. Ob amtierend oder nicht – jeder Bürgermeister nannte sich ‚Konsul‘.
Noch hätte der Mertengung mit wenigen Sprüngen bei Marie und Bastel sein oder beide mit einem Pfiff warnen können, aber er blieb wie angewurzelt stehen.
Der gewesene Bürgermeister, der alte Renner, schritt geradewegs auf sein Haus am Markt zu. Der Mertengung zog seinen abgewetzten Filzhut, machte einen Bückling und murmelte untertänig: „Guten Abend, Herr Konsul!“
Er wurde weder einer Antwort noch eines Blickes gewürdigt.
Renner – ein kleiner und trotz seines Alters schlanker und beweglicher Mann – hatte die jungen Leute vor seinem Haus mit raschen Schritten erreicht, seine schwachen Augen erkannten jedoch erst im letzten Augenblick, wen er da vor sich hatte. Die beiden waren viel zu sehr mit sich beschäftigt gewesen, um die Gefahr zu bemerken, und erstarrten. Der Hund kniff den Schwanz ein. Das Pferd wurde unruhig. Das Mädchen und der junge Mann schauten verlegen zu Boden. Das Kind auf dem Arm begann zu greinen. Der Herr Bürgermeister aber, der selbst lange mit Pferden gehandelt hatte, nahm zuerst das mächtige Ross wahr. Er betrachtete aufmerksam den Kopf, streichelte den Rücken und tätschelte die Flanke.
„Wo hat er das Tier her?“
Als Bastel schwieg, fuhr er fort:
„Ich hoffe, das Pferd bringt ihn nicht etwa an den Galgen. Und nun verschwinde er hier! Wir sind doch kein Hurenhaus.“
Bastel, Hund und Ross gehorchten augenblicklich. Marie reagierte auf eine einzige Kopfbewegung des Bürgermeisters und ging mit dem Kind auf dem Arm in Richtung Rennerhaus. Der Mertengung hörte noch die Pforte ins Schloss fallen, dann lief er zum Schulhaus, um den Kirchenschlüssel abzuliefern.
*
Als der Mertengung am Pfarrhof vorbeikam, wurde im Obergeschoss gerade eines der Fenster einen Spalt breit geöffnet.
Dort saß in einer wollenen Jacke, die Beine in einen Wolfspelz gehüllt, leise vor sich hin seufzend, Andreas Crusius, der Pfarrer – für alle in der Stadt nur der klaane Pfaff. Er saugte begierig die kühle, frische Luft ein, um seine Atemnot zu lindern. Die blonde Perücke verbarg sein schütteres Haar, aber die Tränensäcke unter den wässrig grauen Augen sowie die schweren, schlaffen Lider gaben ihm das Aussehen eines alten Mannes. Dabei hatte er die Vierzig noch längst nicht erreicht. Seit dem Tod seines Vaters vor fünf Jahren nahm er dessen Pfarrstelle in der Stadt ein, aber er wusste, dass er das Amt nur mangelhaft ausfüllen konnte. Seine Schmerzen und körperlichen Beschwerden waren kaum noch erträglich und er wünschte sich, diese tyrannische irdische Hülle verlassen zu dürfen. Andererseits peinigte ihn bereits der bittere Gedanke an den Abschied. Es quälte ihn die Sorge um seine Familie. In einem der benachbarten Zimmer wurde ein Cembalo angeschlagen. Seine Frau nahm wie immer Zuflucht zur Musik. Er würde sie bald mit drei Kindern zurücklassen. Ein viertes trug sie unter dem Herzen. Der Pfaff weinte leise. Sein Blick wanderte zu dem mächtigen Turm, dessen Silhouette immer wieder zwischen Nebelfetzen zu sehen war. Als Knabe hatte er sich mit seinen Geschwistern oft dort aufgehalten. Damals standen noch Reste vom alten Gemäuer der Hofstube und seine Brüder hatten sich immer und immer wieder abgemüht, an den verfallenen Wänden nach oben zu steigen, aber keiner schaffte es je bis auf den Turm. Er selbst hatte es gar nicht erst versucht, seine Hände waren zu klein, seine Arme und Beine zu kurz, sein Körper zu schwer, seine Muskeln zu weich, sein Herz zu schwach. Am weitesten jemals hinaufgeklettert war Gottfried, der inzwischen allgemein der Pfeffersack genannt wurde. Damals war er erst neun oder zehn Jahre alt und behauptete anschließend, er habe einen Blick auf die ganze Welt getan. Andreas hatte den Jüngeren sehr beneidet. Wenige Jahre später war bei einem Stadtbrand das alte Mauerwerk zusammengefallen, nur dieser geheimnisvolle Turm war geblieben – unerschütterlich. Wieder und wieder hatte sich Andreas den Kopf zerbrochen, wer dieses Monument vor undenklich langer Zeit erbaut haben mochte. Sind es wirklich, wie der Informator im Hause Crusius behauptet hatte, die Vorfahren dieser erbärmlichen Leute gewesen, die da ringsum in ihren Hütten an den Webstühlen saßen und nebenbei im Sommer Mist auf ihr schmales Feld karrten und im Winter Löffel schnitzten, sich mehr oder weniger oft mit Selbstgebranntem volllaufen ließen und viel mehr Kinder zeugten, als sie ernähren konnten? Aber warum baute jemand so etwas?
Auch darauf hatte dieser Hauslehrer eine Antwort gehabt: Die Menschen fürchteten sich vor dem Wald. Sie fürchteten die Finsternis und die wilden Tiere, die bösen Geister und die Räuber, die sich dort versteckt hielten. Manche behaupteten auch, hier hätten die Räuber selbst gehaust und nach Beute Ausschau gehalten. Diese Vorstellung hatte ihm, dem Andreas, als er noch ein kleiner Junge war, am meisten Schauder eingejagt. Natürlich gehörte der Wald damals dem Kaiser und auch all die wilden Tiere gehörten ihm. Angeblich soll eines Tages der Kaiser selbst vorbeigekommen sein, wahrscheinlich sind es aber nur einige seiner Abgesandten gewesen. Jedenfalls wollte der Kaiser den Turm haben. Einem Kaiser darf man nichts abschlagen. Und wer nun vom Turm schaute, der war das Auge des Kaisers. Und wer mit Schwert oder Pike Wache hielt, der war der Arm des Kaisers. Und wer den finsteren und bedrohlichen Wald rodete, um das Vieh zu hüten und Hafer und Roggen zu säen, der war der Ernährer von Auge und Arm des Kaisers. Darum brauchten die Schönecker keine Steuern an den Landesherrn zu zahlen und sie mussten keinen Kriegsdienst leisten. Das waren ihre Privilegien.
Der Wald war aber nicht nur eine Bedrohung, er beschenkte die Menschen auch. Von ihm kam das Holz zum Bau der Häuser und zum Heizen der Stuben. Die Menschen schwelten Bäume zu Kohle, brachen, gruben und klopften aus den Bergen das Erz und gewannen Eisen, Zinn und Silber daraus. Andere Bäume glühten sie zu Asche, sammelten weiße Kieselsteine und schmolzen alles zu Glas. Sie zapften den Bäumen das Harz ab und siedeten es zu Pech und Ruß. Schließlich flößten sie in Bächen, Gräben und Flüssen Holzscheite bis in die fernen großen Städte. Kaiser, Könige, Kurfürsten, Herzöge, Markgrafen und sonst wer noch stritten schon immer darum, an wen und wie viel die Köhler, Bergleute, Hammerwerker, Glasmacher, Picher, Pechsieder und Flößer dafür zu zahlen hätten, dass sie in den Wäldern ihren Broterwerb fanden.
In all der Zeit kümmerte es die meisten Menschen in ihren Hütten wenig, ob es für sie einen König oder Kaiser gab, ob sie dem Kurfürsten oder dem Herzog untertan waren, ob sie zu Böhmen oder Sachsen gehörten und ob sich das zuständige Amt in Voigtsberg, Plauen oder Reichenbach befand.
So jedenfalls hatte es der Hauslehrer schlicht und einfach vor etlichen Jahren seinen Zöglingen erklärt. Und der Herr Pfarrer – der hatte den einfältigen Leuten zu helfen, dass sie recht an den Allmächtigen glaubten, damit sie nach ihrem Tod eines Tages eine fröhliche Auferstehung haben und Eingang in Gottes Himmelreich finden würden. Zu diesem Zweck lebte der Pfarrer mit seiner Familie in einem großen, geräumigen Haus, zu dem Stallungen, Knechte und Mägde gehörten. Er ritt ein schönes Pferd und seine Familie fuhr in einer Kutsche über Land. Leider musste sich der Herr Pfarrer auch um all die Tiere und Felder, die Knechte und Mägde, die Widumsgüter und die dazu gehörigen Fröner kümmern. Das wiederum war eine arge Last.
Andreas Crusius wäre als Kind gern das Auge des Kaisers auf dem Turm geworden. Aber der Turm war längst zur Hälfte eingefallen. Keiner brauchte ihn mehr. Warum eigentlich nicht? Auch dafür hatte der gescheite Informator damals eine Erklärung gefunden: Vor den Kanonen, mit denen die Soldaten inzwischen anrückten, schützten keine dicken Mauern. Da nützte es auch nicht viel, dauernd nach Feinden Ausschau zu halten. Es gab inzwischen genügend Reiter, die sämtliche Straßen und Wege überwachten und alle Räuber, Vagabunden und Diebe erwischten, also die meisten, na ja, wenigstens sehr viele, also zumindest einige – manchmal. Er war ein kluger Lehrer gewesen – sein und seiner Geschwister Informator.
Bei dieser Erinnerung huschte ein schwaches Lächeln über das gequälte Gesicht des Andreas Crusius. Da es mit dem Auge des Kaisers auf dem geheimnisvollen Turm nichts werden konnte, war er schließlich – wie sein Vater – Pfarrer geworden. Allerdings hatte er sich das alles etwas einfacher vorgestellt. Der kranke Mann seufzte tief und schwer. Er hoffte, heute noch seinen Bruder Gottfried zu sehen, den Handelsmann, den Pfeffersack, wie ihn die Leute etwas boshaft nannten. Ihm hatte er vor Jahren aus finanzieller Not geholfen und war dabei selbst in Schwierigkeiten geraten. Andreas vertraute darauf, dass sein Bruder ihm das Geld schnellstens zurückzahlen werde, damit Amalia, seine Eheliebste, nicht noch diese Schuldenlast würde tragen müssen.
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Der Mertengung hatte den Kirchenschlüssel an einen Nagel neben der Schultür gehängt und wollte sich gerade zögerlich auf den Heimweg machen. Er fühlte sich schuldig. Nicht allzu sehr. Aber immerhin bereute er, seiner Schwester den Ärger nicht erspart zu haben. Doch nun weckten einige in der Windstille vernehmbare Geräusche seine Neugier. Er hörte Hufe klappern, Räder knirschen, Kufen schleifen und all das aus unterschiedlichen Richtungen. Er blieb nahe beim Hauptportal der Kirche stehen und konnte den großen Eingang zum Pfarrhof und auch einen Teil des Marktes überschauen.
Er hatte nicht bemerkt, dass jemand in seiner Nähe war. Vitus Spranger, der Herrgottsmüller, stand im Schatten der Ruine des alten Forsthauses und lauschte ebenfalls in die Dunkelheit.
Aus Richtung der Straße von Poppengrün kam das Klingeln zweier Schlittenfuhren. Das waren ganz sicher Michael Hühler, für alle nur der Flachsmichel, und Kaspar Knichtel, kurz Eisenkaspar genannt, die vom Lengenfelder Donnerstagsmarkt zurückkehrten.
Der Junge hoffte, sich in zwei Jahren bei Flachsmichel, seinem Paten, oder bei irgendeinem anderen Fuhrmann zu verdingen. Und eines Tages würde er, der Mertengung, sich von all dem gesparten Geld, das er hinter einem lockeren Brett im Ziegenstall versteckt hielt und ständig mehrte, selbst ein Pferde- oder Ochsengespann oder fürs erste vielleicht auch nur einen Karren kaufen, um dann bis nach Adorf oder Plauen oder bis nach Paris oder Venedig oder gar bis ins ferne Indien zu ziehen.
Das Gebimmel vom Gespann des Flachsmichel verstummte vor dessen Haus am Klinger. Wenig später war auch Eisenkaspar – Siebmacher und Händler – bei seiner Werkstatt gleich hier um die Ecke angekommen.
Nun plagten sich zwei Pferde den von Eschenbach kommenden Weg herauf. Die beiden heimlichen Wächter vermuteten richtig den jungen Renner, der wahrscheinlich aus dem Böhmischen kam, etwas später auch wirklich vor dem elterlichen Haus hielt, wo sich sofort die große Einfahrt öffnete.
Aber es waren immer noch irgendwo Pferde unterwegs, ein kräftiges Getrappel erschallte aus Richtung der Straße von Schilbach. Mit so einem Aufgebot kamen selbst die von Tettau nicht daher. Der Mertengung war verwirrt. Gerade bemerkte er noch, wie sich das Tor des Rennerschen Hauses schloss, da fuhr auf dem Marktplatz eine vierspännige, von zwei Reitern eskortierte Kutsche vor und bog zur Pfarre ein. Der Herrgottsmüller atmete tief durch – ob erleichtert oder angespannt, wäre für einen, der ihn beobachtet hätte, schwer zu deuten gewesen.
Eine Extrapost in Schöneck! Staunend blickte der Mertengung auf den in einen dicken Pelz gehüllten jungen Mann, der dem Wagen entstieg, mit dem Kutscher noch irgendeine Verabredung traf und ihn bezahlte, bevor der das Gepäck ins Haus trug und dann zurückfuhr. Nun ließ sich der feine Herr von mehreren Leuten in den Pfarrhof geleiten.
Genau zu diesem Zeitpunkt eilte der Herrgottsmüller herbei und folgte ganz selbstverständlich in die Pfarre.
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Wenig später waren im Pfarrhof vier Männer und zwei Frauen mit ernsten Mienen um einen langen Tisch versammelt. Zwei Mägde trugen nacheinander püriertes Huhn, zwei gebratene Täubchen, einen sorgfältig zubereiteten und mit Federn kunstvoll geschmückten Fasan, einen gedünsteten Aal sowie Schalen mit Brot, Pfannkuchen und gezuckerten Apfelstücken herein. Schließlich stellten sie noch zwei Kannen Würzwein bereit.
Nach einem routinierten Gebet des kranken Pfarrers Andreas Crusius begannen seine Gäste zu speisen. Am anderen Ende des Tisches starrte stumm, das hagere Gesicht unbeweglich, Justina Crusius – die Pfarrmutter – auf die Runde, ohne wirklich etwas wahrzunehmen. Sie war eine geborene Adler, also eine aus dem umfangreichen und stolzen Pfarrgeschlecht der Aquila.
Andreas Crusius saß in einem Lehnstuhl und schaute mit glasigen Augen aus einem bleichen, von Schweiß überströmten Gesicht gequält auf seine Gäste. Er atmete schwer. Amalia, seine zierliche Frau neben ihm, trocknete von Zeit zu Zeit seine Stirn mit einem Spitzentüchlein und reichte ihm jeweils einen Becher mit Wein, an dem er behutsam nippte. Jetzt probierte er zögerlich etwas vom Püree.
Neben ihm hatte es sich Gottfried Crusius, der elegante, mit der Extrapost angelangte Pfeffersack, in einem robusten Armstuhl bequem gemacht, den Spitzenkragen an seinem schwarzen Seidenwams gelockert und die in Schaftstiefeln und ebenfalls schwarzen Kniehosen steckenden Beine übereinandergeschlagen.
„Ich hoffe, Eure Reise war nicht allzu beschwerlich“, eröffnete die Pfarrfrau höflich und förmlich – in einem für Schönecker Ohren schon fast beleidigend sauber artikulierten Deutsch – das Gespräch.
„Es war wie immer.“
Der Pfeffersack wirkte mürrisch und müde, versuchte mit den Händen sein wirres halblanges Haar zu ordnen und seine Gedanken schienen sorgenvoll zu sein. Er war sowohl seiner Mutter als auch seines Bruders wegen, von der Frankfurter Messe kommend, hierher gereist. Seine Ware hatte er, verteilt auf mehrere Fuhrwerke, mit einigen Bediensteten zur Messe nach Nürnberg geschickt. Er selbst beabsichtigte, übermorgen wiederum mit einer Extrapost zu seiner Familie nach Dresden zu fahren und sich dann ebenfalls nach Nürnberg zu begeben. Von dort wollte er anschließend mit seinen Knechten direkt zur Jubilate-Messe nach Leipzig reisen. Er hoffte inständig, sein Bruder würde nicht gerade in dieser Nacht sterben und ihn so zum Bleiben bis zur Beerdigung veranlassen.
Unfreundlich schaute er auf die Frau seines Bruders. Falls das Schlimmste eintreten sollte, müsste eigentlich Hans, der älteste unter den Crusius-Brüdern; sie und die Kinder zu sich nehmen. Daraus würde aber nichts werden, denn Hans war völlig eingebunden in die Geschäfte der Freundschaft seiner Frau. Jeder würde von ihm, dem Pfeffersack, erwarten, dass er einspringt, weil er als der Erfolgreichste von allen Geschwistern angesehen wurde. Außerdem schuldete er seinem Bruder Andreas etwas: Der half ihm vor fünf Jahren, als er – damals noch kein Pfeffersack – bei einem tollkühnen Handel beinahe alles verloren hatte, mit 100 Gulden wieder auf die Beine. Als gerade neu berufener junger Pfarrer hatte Andreas die Summe beim Gotteshaus geborgt und bis heute keine Rückzahlung von ihm, dem Handelsmann, gefordert. Falls sein Bruder demnächst – nur mal so angenommen – Gottes Herrlichkeit schauen sollte, wäre abzuwarten, ob die Kirchenväter dann tatsächlich die Begleichung dieser Schulden ihres verstorbenen Herrn Pfarrers verlangen werden.
Gottfried Crusius kam gar nicht auf den Gedanken, sein Bruder könnte erwarten, dass er, der Handelsmann, dieses Geld, mit dem sich so schön arbeiten ließ, auf der Stelle zurückzahlen würde. Gottfried schaute auf die Frau seines Bruders: Vielleicht war sie gar nicht die hilflose Person, für die sie von allen gehalten wurde, sondern nur auf ihre Weise selbstsüchtig und würde als arme Witwe die Begleichung dieser Summe einfach verweigern. Vielleicht hatte sie auch noch irgendwo Besitz. Es konnte doch nicht sein, dass ihr Herr Vater, der Kantor aus Wertheim, seiner Tochter nichts weiter als dieses Cembalo hinterlassen hatte, an dem sie stundenlang klimpernd ihre Tage vertrödelte. Dann würde alles schon günstiger aussehen. Vielleicht könnte diese Amalie aus der Familie Pisendel mit ihrer eleganten Erscheinung, der fremden Aussprache und ihren musikalischen Darbietungen seinem ganzen Haus in Dresden ein feines Ansehen geben. Kommt Zeit, kommt Rat. Jedenfalls hatte es, seit sie Herrin auf diesem umfangreichen Pfarrgut war, nur Verluste gegeben, nicht einen Gulden Gewinn.
Aber diese Frau schien das alles nichts anzugehen. Sie hatte nicht einmal dafür gesorgt, dass jetzt vor Ostern die Widumsleute ihre Zinshähne ablieferten. Wenn der Pfarrer krank war und sie das nicht selbst in die Hand nehmen konnte, müsste eben ein Kirchenvater mit herangezogen werden. Aber nichts dergleichen war geschehen. Gottfried Crusius schaute auf seine Mutter. Ihr wäre, solange sie noch bei Kräften und Verstand war, so etwas nie passiert und die hatte für mehr als nur drei Kinder sorgen müssen
Eigentlich könnte sich auch Friedrich – ihr beider Bruder in Wohlbach – um diese ganze missliche Sache hier kümmern. Als sie Kinder waren, hat irgendeiner der Brüder den Friedrich ‚pacator‘ – Friedebringer – genannt. Daraus ist dann Batzel geworden. Bis zum heutigen Tag war er für alle Schönecker der Pfarrbatzel. Es wäre recht und billig, wenn der Friedrich für die Familie des Andreas Sorge tragen würde. Schließlich sind die zwei nicht nur leibliche Brüder, sondern auch Amtsbrüder. Der Batzel wäre doch nie so schnell zu einer eigenen Pfarre gekommen, wenn ihn der Andreas nicht in Wohlbach eingesetzt hätte. Aber eine Witwe mit vier Kindern aufzunehmen, das ist wiederum ein bisschen viel verlangt von einem, der gerade erst geheiratet hat.
Und was war mit dem Advokaten, dem Notar Görg Spranger, diesem schlauen Juristen neben ihm? Soll der doch diese Frau nehmen, wenn sie erst Witwe sein wird. Schließlich ist er mit einer Crusius verheiratet gewesen, die allerdings schon ein Jahr nach der Hochzeit bei der Geburt ihres Sohnes vom Herrn heimgeholt wurde. Seither machte sich dieser Schmarotzer im Pfarrgut breit, als wäre er hier rechtmäßig zu Hause. Gottfried Crusius konnte nie begreifen, dass eine seiner Schwestern diesen kleinen dürren Rechtsverdreher zum Mann genommen hatte. Im nächsten Augenblick bereute der Pfeffersack seine boshaften Eingebungen. Noch lebte sein Bruder, vielleicht würde er sogar wieder gesund. Man konnte nie wissen.
Der Advokat schien die missgünstigen Gedanken des Bruders seiner verstorbenen Frau von dessen Stirn abzulesen. Er war nach deren Tod einfach gemeinsam mit seinem kleinen Sohn auf dem Pfarrhof wohnen geblieben und zwar in dem Gebäude, das der alte Crusius vor Jahren für seinen damals noch ledigen, schon immer schwächlichen Nachfahren und Stellvertreter Andreas auf eigene Kosten an das Badehaus hatte bauen lassen. Der Sohn des Advokaten wurde sowieso gemeinsam mit den Kindern des Pfaffen erzogen und unterrichtet und ihn selbst konnten seine Klienten hier unmittelbar in Nähe des Marktes am einfachsten treffen.
Für ihn war die Zukunft schwierig genug. Sobald der Andreas Crusius, der klaane Pfaff, das irdische Jammertal verlassen würde, war ein Inventar zu erstellen, außerdem müssten dessen Angehörige – dazu gehörte der Advokat nun mal – binnen eines halben Jahres ausgezogen und alle vermögensrechtlichen Angelegenheiten geklärt sein. Wo sollte er, der Notar Görg Spranger, dann hin? Auf den Gedanken, auch noch die hinterlassene Amalia zu heiraten, kam der Advokat gar nicht. Er wusste doch nicht mal, ob sie überhaupt irgendwelches Vermögen besaß. Eine Witwe mit vier Kindern ohne allen Besitz! Oh, Gott! Außerdem regte ihn der Hochmut dieser Frau auf. Und dann noch diese Sprache! Dabei stammten ihre Vorfahren aus Neukirchen. So redeten die vielleicht in Hamburg, wo Amalia jahrelange Hausjungfer bei dem berühmten Pastor Winkler war. Die Frau hatte nicht ‚Schnupfen‘, schon gar keine ‚Schnupf‘, sie hatte ‚Snööf‘. Sie ging auch nicht ‚in die Kirche‘ oder gar ‚nei dr Kirch‘, sondern ‚zur Kark‘. Und kürzlich hat sie ihn, den Advokaten, hinter seinem Rücken ‚Döösbüddel‘ genannt, was bestimmt nichts Gutes bedeutete. Kein Mensch in Schöneck benutzte solche Worte. Nein! Nein! Nein! Er nahm einen kräftigen Schluck Würzwein und nickte dem Pfeffersack halb bitter, halb entschuldigend zu.
Doch durch dessen Hirn zog, während er auf den vierten der Männer am Tisch schaute, schon die nächste finstere Wolke: Was hatte dieser Vitus Spranger, dieser Grobian von Herrgottsmüller, eigentlich hier zu suchen? Der soff sich da am Wein der Pfarre voll. Mit welchem Recht? Ja, natürlich! Der wollte wissen, wo seine Gulden jetzt sind, die er, dieser unverständige, dumme Kerl, vor einem knappen Jahr, ihm, dem erfahrenen Handelsmann, anvertraut hat. Na, wo sollten sie schon sein? Sie trieben sich in der Welt herum und heckten neue Gulden. Hoffentlich.
Vitus Spranger, Müller auf der unteren Holzmühle, für alle nur der Herrgottsmüller, galt als ein wichtiges Glied der weitverbreiteten Familie Spranger. Er war ein hochgewachsener Mann mit breiten Schultern, einem eckigen Kopf auf einem kräftigen Nacken und einem roten, meist froh lachenden Gesicht, was aber niemanden dazu verführen sollte, ihn für allzu gutmütig zu halten.
Jetzt schaute er missbilligend auf einen Leuchter mit fünf Kerzen aus Bienenwachs. ‚Verschwendung!‘ Schon bei seiner Ankunft hatte er den Deckel vom Kupferkessel vor der Küchentür angehoben und gesehen, dass viel zu viele Forellen für den morgigen Tag geschlachtet worden waren. Das hier war kein gutes Hantieren. Das Mahl, so fein es schmeckte, war zu üppig. Im Haus liefen viel zu viele Bedienstete herum. So konnte man eine Wirtschaft auf Dauer nicht erhalten. Er selbst hatte von seinem Knecht einige Äschen aus dem Mühlgraben angeln lassen, als Fastenspeise für Karfreitag. Und am heutigen Abend gab es für seine Leute saure Eier in Gelee, das musste reichen. Mit Speise, Geld und Besitz ging man sparsam um. So saß er heute auch nur hier, um etwas über die Anleihen zu erfahren, die dieser durchtriebene Pfeffersack vor einem Jahr ihm und mehreren anderen Leuten in der Stadt entlockt hatte. Schließlich musste dieser aufgeputzte Jüngling wissen, wie man zu Geld kommt. Nun würde es sich zeigen, ob es wirklich funktionierte: Mindestens Sieben von Hundert! Am liebsten würde der Herrgottsmüller jedoch all die schönen Münzen wieder zurücknehmen, er könnte sie jetzt vielleicht sicherer anlegen. Um sich zu beruhigen, nahm er einen kräftigen Schluck vom Würzwein, den sein Vetter, der Advokat, eingeschenkt hatte. Doch dann hielt er es nicht mehr aus:
„Was machen eigentlich unsere Gulden, die wir auf Euer Anraten in Kupfer und Zinn angelegt haben?“
„Sie arbeiten für fremde Leute, so wie ein Pferd, das Ihr vermietet.“
„Und wann werden wir etwas davon wiedersehen? Sollten wir nicht einen sehr hohen Gewinnanteil bekommen? Wolltet Ihr das nicht alles für uns regeln?“
„Mein werter Herr! Könnt Ihr nicht lesen? Es ist noch kein Jahr abgelaufen, seit Ihr Euch eingekauft habt in den Überseehandel. Ich konnte mich außerdem diesmal kaum um Kapitalanlagen kümmern. Ich war nur zur Geschäftswoche auf der Messe in Frankfurt. Anfang der zweiten Woche, der Zahlungswoche, bin ich schon wieder abgereist. Nach dem Kalender neuen Stils fällt wie so oft das Osterfest der Katholiken nicht mit dem unsrigen zusammen, sie haben es bereits vor einer Woche gefeiert. Da wollte ich gern in Bamberg sein. Die verkaufen da immer größere Mengen Süßholz.“
„Ihr wart in Bamberg? Wegen ein paar Schmeckosterruten? Wer soll Euch das denn glauben? Ihr habt mit den Papisten Geschäfte gemacht! Ist es nicht so? Ihr habt nur an Euren eigenen Gewinn gedacht! Wir alle hatten Euch vertraut.“
Der Müller hatte im Aufstehen seinen Stuhl umgeworfen.
„Mäßigt Euch!“ Auch der Geschäftsmann stand jetzt.
„Er ist ein Spitzbub und Betrüger!“
„Du Narr!“
Der Advokat war ebenfalls aufgesprungen. Die unerwartet scharfe Stimme, die aus diesem kleinen, mageren Körper kam, verfehlte ihre Wirkung nicht:
„Nehmt Vernunft an! Alle beide! Sofort!“
Andreas Crusius seufzte tief und schwer. Seine Frau Amalia schlug die Hände vors Gesicht.
Die Männer gingen an ihre Plätze zurück, leerten ihre Becher und der Advokat schenkte nach.
„Glaubt Ihr, es sei das reine Vergnügen, bei Regen, Wind und Schnee mit dem Pferdegeschirr über Land zu ziehen, bis zur Nabe im Schlamm zu versinken, Achsenbruch zu erleiden, ein Tier zu verlieren, des Öfteren auch auf dem Wagen zu nächtigen, den Geleitsknechten das Fressgeld in den Rachen zu schmeißen, um dann doch noch beraubt zu werden, und wenn man schließlich ankommt, vielleicht nur noch mit Verlust verkaufen zu können und nicht zu wissen, woher man neues Kapital nehmen soll! Und dann nimmt man Kredit auf und in der Verzweiflung handelt man mit Dingen, die einen nachts nicht mehr schlafen lassen, weil man weiß, dass man sehr gefährlich lebt.“
„Und was denkt Ihr, welche Freude es macht, winters das Holz zu schlagen, mit den Pferden heranzuschleppen und zu stapeln und dann das vom Eisgang beschädigte Mühlrad wieder herzustellen und zusehen zu müssen, wie in der Zeit das viele gute Wasser wegläuft und wie anschließend der Regen ausbleibt und das Wasser nicht reicht und das Sägegatter nicht läuft, und wenn man schließlich doch noch einige Balken geschnitten hat, haben die Leute kein Geld, um sie zu bezahlen. Und dann baut man einen Mahlgang ein, weil man denkt, damit wäre was zu verdienen, aber da kommen die Heuschrecken und die Dürre und der frühe Frost und es gibt gar kein Korn zum Mahlen.“
„In vier Monaten bin ich wieder in Frankfurt. Ich werde sehen, wie es um Euer Geld steht. Glaubt mir!“
Der Pfarrer Andreas Crusius erhob sich schwerfällig, nickte matt in die Runde und verließ, gestützt von seiner zierlichen Frau, den Raum. Er wird irgendwann später – vielleicht – mit seinem Bruder sprechen, heute schien kein guter Tag zu sein. Auch Justina Crusius, die Pfarrmutter, erhob sich mit sichtlicher Anstrengung von ihrem mit Decken und Kissen gepolsterten Armstuhl, stand dann aber groß, schlank und sehr aufrecht in ihrem altmodischen, schlichten, dunkelblauen Kleid ohne Robe, nickte ernst und förmlich in die Runde und folgte ihrem Sohn und dessen Frau.
Der Pfeffersack rückte näher heran zum Advokaten und zum Herrgottsmüller. Und während sich alle drei mit bloßen Händen und gesundem Appetit über Fasan, Täubchen und Aal hermachten, mit ordinären hölzernen Löffeln Püree in sich hineinschaufelten und gezuckerte Apfelstücke in ihre gespitzten Mäuler steckten, gab der welterfahrene Pfeffersack seine Gedanken hinsichtlich der Ökonomie eines Pfarrgutes zum Besten:
„Wenn man eine große Wirtschaft wie diese nicht verständig führt, bringt sie keinen Gewinn, da gibt es nur Einbuße. Wenn sich keiner findet, der auch ein fleißiger Ökonom ist, sollte man lieber gleich alles verkaufen, das Geld anlegen und von den Zinsen ein anständiges Gehalt an den Pfarrer. den Lehrer und den Kantor zahlen. Anderswo macht man das längst so. Dann ist der Pfarrer eben nur Pfarrer, nichts als der Hirte seiner Schäfchen. Den würde aber hier bestimmt keiner anerkennen. Wer jedoch zu wirtschaften versteht, kann einen beachtlichen Überschuss erzielen und mit all den Feldern und Wiesen, den Pechwäldern und Fischbächen, den Widumsleuten und den Frönern eine große Familie standesgemäß durchbringen. Wer keine Neigung hat, Gutsherr zu spielen, der sollte eine Pfarre wie diese nicht annehmen. Hier muss einer her, der seine Augen überall hat, der gewohnt ist zu befehlen und zu rechnen – vor allem rechnen – ganz genau auf Gulden, Groschen und Pfennige. Natürlich soll er auch predigen, Kinder taufen und mit den Leuten beten.“
‚Vor allem um hohen Gewinn beten‘, fügte der Herrgottsmüller in Gedanken sarkastisch hinzu. Eigentlich wollte er selbst mal Geistlicher werden und hatte die Lateinschule in Gera besucht, doch nachdem es für seinen Bruder trotz abgeschlossenen Theologiestudiums auch nach Jahren noch immer keine Pfarre gab, hatte Vitus Spranger gutwillig von seinem Vater die untere Holzmühle übernommen und musste sich seither den Spitznamen Herrgottsmüller gefallen lassen.
Gottfried Crusius, der Pfeffersack, zog sich beizeiten aus der Männerrunde mit der Begründung zurück, dass ihn die lange Fahrt erschöpft habe und er schon bald wieder reisen müsse. Er wusste, dass er im Morgengrauen das Haus verlassen wird, ohne noch ein Gespräch mit seinem Bruder Andreas, dem Pfarrer, geführt zu haben.
Während die Mägde noch den Tisch abräumten, machten es sich der Advokat und der Herrgottsmüller, die jetzt allein blieben, in den nunmehr frei gewordenen Armlehnstühlen bei einer gerade erst aufgefüllten Kanne Würzwein bequem.
„Wahrscheinlich werden wir den Pfeffersack demnächst wiedersehen – aus einem sehr ernsten Anlass“, meinte der Herrgottsmüller.
„Scheint so, als wäre das Gottes Wille.“
„Du wirst hier ausziehen müssen, wenn … ich meine, wenn er …“
„Ja, das werde ich“, seufzte der Advokat.
„Und wo willst du wohnen?“
„Der Zochermedikus verkauft mir wahrscheinlich ein halbes Haus.“
Und als der Herrgottsmüller fragend die Augenbrauen hob, fuhr er fort: „Ich hab‘ Kapital beim Gotteshaus geliehen und meine Peint am Klinger verpfändet.“
„Na ja, wenn du dich mit dem Medikus zusammentust, kann der ja immer deinen Klienten, nachdem du die Rechnung gestellt hast, gleich vom Schlag kurieren.“
Der Advokat lächelte säuerlich und wechselte das Thema.
„Wie läuft die Mühle?“
„Gar nicht. Der Winter war zu hart. Das Rad hat den Frost diesmal endgültig nicht überstanden.“
„Und nun?“
„Falls wir einen neuen Pfarrer kriegen – und das werden wir wohl in der nächsten Zeit – scheint es mir nicht geraten, beim Gotteshaus zu leihen. Der Neue könnte schließlich einer sein, der rechnen kann, denn ein anderer sollte, wie wir gerade gehört haben, hier gar nicht erst antreten. Vielleicht rechnet der nach, ob das, was zum Pfand gegeben wird, auch der geborgten Summe entspricht. Reicht deine Peint eigentlich für ein halbes Haus? Na ja, muss jeder selber wissen. Ich möchte in ungewissen Zeiten nichts verpfänden. Vier meiner sechs Töchter sind noch unverheiratet.“
„Fünf deiner sieben Töchter! Die Spuria, die du mit der Gerbettin hast, musst du schon mit dazu rechnen“, zahlte der Advokat dem Herrgottsmüller seine kleine Gehässigkeit heim bezüglich der Rechnungen, die er seinen Klienten stellte.
„Na ja, die Sache ist abgegolten. Es ist eine Gottesstrafe, so viele Töchter zu haben.“
„Da darf man sich halt nicht auch noch außerhalb des Ehebettes umtun. Außerdem hast du durch die Margaretha doch erst mal den Müller von der oberen Mühle zum Eidam, das ist doch schon was.“
„Aber nun ist die Eva verwitwet und muss mit den Kindern aus dem Haus.“
„Ich denke der Peter Keil will sie nehmen.“
„Ja, das stimmt schon. Und direkt arm sind die Keils nicht, sonst würde ich einem von denen meine Älteste nicht geben. Die Fleischhackerei ist schließlich ein aussichtsreiches Handwerk, bestimmt einträglicher als eine Mühle an so einem schwachen Wasser.“
„Hör auf zu jammern! Was willst du nun wirklich?“
„Der Peter Keil hat Schulden“, rückte der Herrgottsmüller endlich heraus.
„Ich weiß. Er hat beim Gotteshaus geliehen – wie wir alle“, erklärte der Advokat, lenkte aber nach einem Blick auf seinen missgelaunten Vetter ein: „Wie die meisten von uns.“
„Das ist doch kein Anfang für eine Ehe. Soll ich vielleicht für den zukünftigen Mann meiner Tochter die Schulden erlegen? Wo gibt es denn so was!“ Der Herrgottsmüller rieb mit seiner Linken zunächst die Augen, massierte dann die Stirn, als müsse er die Maschinerie dahinter in Bewegung setzen, und nahm schließlich einen belebenden Schluck aus dem Becher. Dann begann er vorsichtig: „Da ist noch diese Sache von vor drei Jahren, du weißt schon, als der Tobias, der Bruder vom Peter, drüben in Böhmen angeblich im Wirtshaus vom Wetterstrahl erschlagen wurde.“
„Du sagst ‚angeblich‘. Wie meinst du das?“
„Da ist das Gerücht unter den Leuten, es habe gar kein Wetter gegeben.“
Der Advokat, der bisher eher gelangweilt zugehört hatte, zeigte plötzlich Interesse: „Der Tobias war doch sicher nicht allein im Böhmischen.“
„Der war immer mit Christian Döhler, dem Strecker, gemeinsam zum Viehkauf.“
„Schau an! Christian der Strecker!“ Über das schmale Gesicht des Advokaten huschte ein listiges und böses Lächeln. Er sah alles wieder vor sich: Es muss Pfingsten vor fünf Jahren gewesen sein. Er mochte sie immer – diese üppigen Weiber mit den schwarzen Haaren. Natürlich war alles längst abgesprochen, dass er, der Advokat, eine Crusius heiraten würde. Besser konnte er es auch gar nicht treffen. Aber in dem stampfenden Gewühle im Wirtshaus beim Pfingsttanz, da hatte er einfach die Corde gepackt und herumgewirbelt, dass es eine Wonne war. Natürlich wusste er, dass die schon dem Strecker gehörte. Aber musste der gleich so heftig reagieren? Kommt der doch von hinten – ohne ein Wort packt dieser grobe Fleischhacker ihn, den Advokaten, am Kragen, hebt ihn mit einem Arm hoch und lässt ihn in der Luft hängen wie einen geschlachteten Hahn, den er zum Verkauf anbietet. Die Musik war verstummt, der Tanz mitten im Takt erstarrt und er, Görg Spranger, der Advokat, erlebte die schmachvollsten Augenblicke seines Lebens. Das einsetzende Brüllen, Kreischen, Toben verfolgte ihn noch, als er längst, ohne Schlaf zu finden, in seinem Bett lag. Manchmal hörte er es noch immer – auch jetzt war es da.
„Christian der Strecker“, wiederholte der Advokat versonnen und hörte sehr konzentriert auf die Worte des Herrgottsmüllers.
„Die Sache ist so. Die Leute, die damals mit unseren Fleischhackern im Wirtshaus saßen – das war übrigens in Rotau hinter Graslitz – die sagen, es hätte an dem Tag gar kein Wetter gegeben. Von einigen haben das die Keils sogar schriftlich.“
„Ach!“
„Wenn es kein Wetter gegeben hat, dann muss jemand den Tobias Keil ablebig gemacht haben.“
„Ja, und?“
„Na, das kann nur der Strecker gewesen sein. Und wenn er es war, dann muss er Wergeld an die Keils zahlen. Und wenn … na dann … ich meine … also die Sache mit den Schulden. Du weißt schon.“
„Quod non est in actis – non est in mundo“, deklamierte der Advokat in theatralischer Pose.
„Was nicht in den Akten ist, ist nicht in der Welt?“
„Na, also. Ganz umsonst haben sie dich damals doch nicht auf die Schule in Gera geschickt. Wir machen aus dem Papier mit den Unterschriften einfach eine Akte! Die Keils übergeben die dann dem regierenden Bürgermeister als unserem Stadtrichter. Der braucht mich, wenn es schließlich eine Rechtssache wird, sowieso.“
„Meinst du denn, der Strecker bringt das Geld auf?“
„Da muss die gesamte Blutsfreundschaft dran glauben. So einfach ist das.“
Der Advokat – klein, blass und schmal – zuckte die Schultern und machte eine scheinbar hilflose Geste mit den Händen.
„Dein Anteil richtet sich nach dem Betrag, der aus den Döhlers herausgeholt wird?“, forschte der Herrgottsmüller weiter.
„Ja, so ist das.“
„Immerhin war der Tobias Keil noch ein junger, starker, hoffnungsvoller Mann. Für den kann man doch eine ansehnliche Summe fordern. Oder etwa nicht? Weißt du,“ und nun verfiel der Herrgottsmüller in träumerisches Schwärmen, „ich hätte – nein, ich meine, wir hätten – gern so viel Geld, dass man es – wie der Pfeffersack vorhin so schön gesagt hat – einfach für sich arbeiten lassen kann, so wie man ein Pferd für sich Baumstämme im Wald rücken lässt. Es gibt doch heutzutage verschiedene Möglichkeiten – manchmal ganz in der Nähe. Es geht die Rede, der Zwotahammer soll bald wieder aufgebaut werden. Da könnte sich für uns alle was ergeben.“
Der Advokat sah den Herrgottsmüller fast belustigt an:
„Vergiss es nur nicht: ‚Quod non est in actis – non est in mundo.‘“
„Ich schick dir den Peter Keil mit diesem Papier, du sorgst dafür, dass es eine Akte wird und sobald unser regierender Bürgermeister die in Händen hält, ist es in der Welt.“
Die beiden Männer trennten sich in bestem Einvernehmen.
Umnebelt von hoffnungsvollen ebenso wie von sorgenvollen Gedanken, trat Vitus Spranger, der Herrgottsmüller, den Heimweg an. Auf dem Hof an der unteren Holzmühle fand er verstreut die schwarzen Federn und den Kopf einer Krähe, die sich sein Hund offenbar als zusätzliche Mahlzeit geschnappt hatte. Der Herrgottsmüller hielt das für ein schlechtes Omen.
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Marie war nach der kränkenden Zurechtweisung im dunklen Hausflur stehen geblieben, hatte das Kind abgesetzt und ergeben gewartet, was nun kommen würde. Zu ihrer Überraschung stieß sie Konsul Renner, der gewesene Bürgermeister, beinahe sanft in die Stube und fauchte dort aber gegen die Frau seines Sohnes:
„Gebe sie in Zukunft besser Obacht auf dieses läufige Weibsstück!“
„Wie Ihr befehlt, mein Herr!“, kam es schnippisch zurück. Dann an Marie gewandt: „Bring dein Haar in Ordnung!“
Während Marie flink einen dicken Zopf flocht, fuhr ihre Herrin, die junge Frau Catharina Renner – von allen nur Hannekäth genannt –, ruhig und sachlich, fast liebevoll fort: „Schlage dir den Bastel aus dem Kopf! Du musst immer wissen, wo du herkommst. Du kannst doch keinen Rosskamm nehmen.“
„Ach? Dazu muss man wohl einen Hannetoffel zum Vater, eine Schneidermarl zur Mutter und vor der Hochzeit einen kleinen Renner im Bauch haben?“
Marie wusste hinterher selber nicht, was sie zu dieser bösartigen Erwiderung getrieben hatte. Hannekäth lief dunkelrot an:
„Was erlaubst du dir! Du kleines dreckiges Balg, das sich eine dumme Kuh von einem dahergelaufenen Knecht aus Tirpersdorf hat aufhängen lassen, der nichts anderes gewollt hat, als ein Schönecker Weibsbild zur Ehe zu zwingen, damit er sich hier das Bürgerrecht kaufen durfte.“
Dann holte sie weit aus und versetzte dem Kindermädchen eine kräftige Ohrfeige.
Marie erwartete, aus dem Haus gejagt zu werden. Wahrscheinlich hätte Hannekäth das auch am liebsten getan, doch die Sache war zu heikel. Der alte Renner mochte die Hannebachs nicht. Vor Jahren hatte Christoph Hannebach, genannt Hannetoffel, den alten Renner – damals war er natürlich noch nicht alt – als Ratswirt abgelöst. Man hatte sich einfach für den Fleischhacker und gegen den Handelsmann und Rosskamm entschieden. Und Hannetoffel war nach all der Zeit noch immer Ratswirt. Der alte Nicol Renner hat das den Hannebachs nie verziehen. Als sein Sohn, der junge Nicol Renner, Jahre später Catharina Hannebach, die Tochter des Ratswirtes, schwängerte, zögerte der alte Renner – inzwischen längst Bürgermeister – die Zustimmung zu dieser Ehe solange hinaus, bis man befürchten musste, dass es statt einer Kopulation eine Niederkunft werden würde. Jener der Hochzeit vorangegangenen Kirchenbuße, als die beiden Sünder in Gegenwart der ganzen Gemeinde reumütig vorm Altar knien mussten, hatte der Alte mit grimmiger Genugtuung zugeschaut.
Und nun schwor sich Hannekäth, die Tochter des Ratswirtes, dem kleinen frechen Kindermädchen diese Erinnerung an jene Schmach heimzuzahlen. Die Gelegenheit würde sich schon finden.
Marie war minutenlang wie gelähmt. Erst jetzt merkte sie, dass die kleine Regina noch immer eng angeschmiegt bei ihr stand und leise weinte. Sie hockte sich zu dem Kind, streichelte es, und als sie den Kopf hob, begegnete sie dem fassungslosen Blick von Reginas älterem Bruder, der die ganze Szene offensichtlich miterlebt hatte.
Marie wünschte sich, dass ihr diese boshaften Worte nie entschlüpft wären. Sie hätte ihre Dienstherrin gern um Verzeihung gebeten, aber sie wusste nicht, wie sie das tun sollte. In ihrem Leben hatte sie außer von dem Herrn im Himmel noch nie von jemandem Vergebung begehrt. So kam es, dass Marie zunächst erleichtert war, als sie die völlig beherrscht ausgesprochene Anweisung erhielt, das Kind zu Bett zu bringen und dann in der Küche zu helfen.
