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Alltäglich Absurdes, Anrührendes und Unglaubliches in 33 Kurzgeschichten. Humor: knochentrocken. Dialoge: messerscharf. Stories: mitten aus dem Leben - und auch mal daneben - gegriffen. Ob misslungene Streiche, Arztbesuche, Vater-Tochter-Beziehungen, Mord und Rache, Sex und Unfälle, Ruhrpottcharme und Bayernkolorit...diese Short Stories haben es in sich.
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Veröffentlichungsjahr: 2021
Inhaltsverzeichnis
Ich
Alles eine Frage der Erziehung
Romantik
Hausmann
Man sieht sich immer zweimal
Schuhe
Nicht ohne mein Smartphone
Zurück
Wer liest denn schon den Beipackzettel?
Fitnessarmband
Po Ente
Sterbenskrank
Osterhase
Schlimmer Finger
Ein altes Paar
Handarbeit
Halte dich raus und du kommst nicht rein
Mit Hängen und Würgen
Blöd gelaufen
Der Teufel fährt Lada
Halloween
Der Glaube
Die anderen
Kopfsache
Pretty Woman
Lebe wohl, mein Freund
Boulevard of Broken Dreams
Blackout
Kontaktanzeige
Zu spät
Keine frohe Weihnacht für Jasmin
Offensichtlich
Bienenkotze
Nie wieder Anhalter!
Konkurrenzkampf
Der Autor
Frank Otte ist im Ruhrgebiet geboren und aufgewachsen. Seit 20 Jahren lebt er mit seiner Familie in einem kleinen schwäbischen Ort in Bayern. Das Schreiben ist nur eine Nebenbeschäftigung. Könnte er davon leben, würde er seinen Job als Konstrukteur sofort an den Nagel hängen.
Frank Otte
Das hatte ich mir anders gedacht
Ich und die anderen Kurzgeschichten
© 2021 Frank Otte
Kornblumenweg 12
89346 Bibertal
Umschlag, Illustration: Tim Wipplinger
Lektorat, Korrektorat: Lisa Reim
Druckausgabe erschienen im Verlag:
tredition GmbH,
ISBN
Paperback 978-3-347-26655-1
Hardcover 978-3-347-26656-8
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Wer bin ich? Vielleicht bin ich du. Oder du bist ich. Es könnte aber auch keiner von uns du oder ich sein. Du kannst etwas ich sein und ich kann etwas du sein. Jeder von uns beiden könnte sich in den Geschichten wiederfinden.
Viel Spaß beim Lesen.
Es war Samstag. Mein mittlerweile traditioneller Vater-geht-mit-Tochter-einkaufen-Tag. Meine Dreijährige freute sich die ganze Woche darauf. Samstag war, neben Sonntag, der einzige Tag, an dem ich Zeit für sie hatte. Keine Arbeit, keine Überstunden, kein spät nach Hause kommen und das Kind schläft schon. Nein, diese Samstage waren mir heilig. Und das Einkaufen mit ihr machte richtig Spaß. Im Gegensatz zu manch anderem Kind jammerte meine Tochter nicht beim Einkaufen, sie bettelte nicht und freute sich an der Kasse über den Kinderriegel, den ich ihr kaufte. Mein Kind war lieb. Ein Vorzeigekind eben.
Was mich aber beim Einkaufen nervte, waren überforderte Mütter mit schreienden Kindern, welche sich nach Möglichkeit noch auf den Boden warfen, um bei Mutter den eigenen Willen durchzupressen. Aufsteigendes, bettelndes Kindergeschrei war nichts für meine empfindlichen Ohren. Diese kleinen Bälger waren für mich ein Grund, den Laden schnellstens, notfalls auch ohne Einkauf, zu verlassen.
Aber einmal ging es nicht anders. Ich musste Einkaufen, zum Ladenwechsel war es zeitlich schon zu spät. Wegen solcher Terrorkinder hatte ich an diesem Samstag schon den Aldi, Lidl, Edeka und Netto verlassen. Es blieb nur noch ein Laden übrig, wenn ich dort nichts kaufte, würde die Küche kalt bleiben.
Kaum im REWE, fiel sie mir schon auf. Laut „Kevin, lass das!“ rufend warnte sie die ganze Kundschaft vor ihrem Kind. Kevin war ein kleiner rundlicher Junge, welcher alles, was er mit seinen speckigen Fingern zu greifen bekam, in den Einkaufswagen seiner Mutter beförderte. Diese packte die Sachen mit einem: „Kevin, lass das“ oder „Nein, Kevin“ wieder in das Regal. Der kleine dicke Kevin schrie dann jedes Mal wie am Spieß. Das nervte, zumal es ein ununterbrochenes Ritual zwischen Mutter und Kind war.
Ich versuchte, mich mit meinem Einkauf zu beeilen. Meine Tochter saß fröhlich brabbelnd, mit dem Einkaufszettel in der Hand, im Einkaufswagen und hatte Spaß. Wenigstens sie hatte welchen. Schnell suchte ich die Sachen auf meinem Einkaufszettel zusammen. Immer den durchdringenden Ton von Kevin und seiner Mutter im Ohr. Allmählich stieg in mir Aggression auf. Ein deutliches Warnsignal, dass ich schnellstmöglich aus dem Laden raus musste. Dummerweise war ich kurz vor der Kasse etwas unkonzentriert, so dass es dem dicken Kevin, mitsamt seiner gestressten Mutter, gelang, vor mir zu stehen. Jetzt begann das Finale.
Der dicke Kevin griff nach den Überraschungseiern im Kassenregal und legte eines davon auf das Kassenband.
Mutter sagte: „Nein, Kevin! Lass das!“, und legte das Ei wieder weg. Der dicke Kevin nahm es und legte es wieder auf das Kassenband. Die gleiche Szene nochmal.
Mutter sagte: „Nein, Kevin! Lass das!“, und legte das Ei wieder weg.
Kevin drehte jetzt richtig auf und schrie wie irre: „Ich will aber!“
Die Mutter entnervt: „Nein, Kevin, das gibt es jetzt nicht!“
Kevin schrie unbeeindruckt weiter, stampfte mit den Füßen, warf sich auf den Boden und kreischte: „Ich will aber!“
Jetzt wurde Mutter lauter: „Kevin, es reicht! Es gibt jetzt kein Überraschungsei!“
Mit Mühe und Not kam sie dem Bezahlen näher. Kevin heulte und kreischte und man sah, dass es in der Mutter kochte.
Das war mein Moment.
„Oh, schau mal, Ü-Eier“, sagte ich zu meiner Tochter. „Möchtest du eins?“
Sie schüttelte den Kopf.
„Wirklich nicht? Du magst sie doch so gerne.“
Sie schüttelte wieder den Kopf und sagte: „Nein.“
„Egal“, erwiderte ich und legte drei Überraschungseier auf das Kassenband.
„Du bekommst trotzdem eins. Und weil du so lieb bist, noch zwei dazu.“
Kevin sah mich mit großen Augen an und schrie: „Mama, ich will auch zwei Ü-Eier!“ Tränen schossen über sein Gesicht, er stampfte wütend mit den Füßen. Seine Mutter blickte mich hasserfüllt an, als sie ihren tobenden Sohn Richtung Ausgang zerrte. Ich zuckte mit den Schultern und rief ihr hinterher:
„Alles eine Frage der Erziehung.“
Romantisch soll es sein. Romantisch, unter diesem Begriff verstehen Männer etwas anders als Frauen. Romantisch ist der flimmernde 67-Zoll-LED-Bildschirm beim Spiel Schalke gegen Dortmund nach dem 1:1 von Daniel Caligiuri in der 18. Minute. Wenn das Fernsehlicht die Bierflasche auf dem Tisch diffus durchleuchtet und die Chips in einer surrealen Farbe widerspiegeln. Das ist romantisch. So wie für mich jetzt.
Für Susi, meine frisch eroberte Freundin, ist Romantik der ganze andere Schnickschnack. Eine Flasche Rotwein, sanfte Musik, Kerzenlicht und Kuscheln auf dem Sofa.
Rotwein ist in Ordnung, Kuscheln auch. Aber Kerzenlicht? Nein! In meinem ganzen Haushalt gibt es keine einzige Kerze. Und es wird auch nie eine geben. Nie, nie, niemals! Ich weiß nur noch nicht, wie ich es Susi sage. Ob ich es ihr überhaupt sage. Ein Mann spricht nicht über Ängste. Aber Kerzen und Romantik gehören bei einer Frau nun mal zusammen.
Also streife ich durch den Supermarkt und suche irgendetwas, womit man Romantik auch ohne Kerzen hinbekommt.
Für meine erste große Liebe, Beate, wir waren beide 15, wollte ich es romantisch machen. Meine Eltern waren ausgegangen und ich hatte somit sturmfreie Bude. Kerzen oder genauer gesagt Teelichter sollten mein Zimmer romantisch erstrahlen lassen. 100 Stück verteilte ich. Die meisten stellte ich auf den Boden. Den Rest auf die Fensterbank, das Regal und den Schreibtisch. Beate war begeistert. Es war sehr romantisch und wir machten das, was man als 15-Jährige so macht, wenn niemand da ist und die Romantik einen befällt. Irgendwann wurde es uns in meinem Zimmer zu warm und wir gingen ins Wohnzimmer, wo es deutlich kühler war. Die Kerzen ließ ich brennen. Falls man an dem Abend nochmal Romantik bräuchte. Mit der Zeit wurde auch das Wohnzimmer recht warm, sogar irgendwie heiß. Auch vernahm ich plötzlich ein sanftes Knistern. Das machte mich etwas stutzig, zumal Beate und ich Dinge machten, die das Hitzegefühl erklären konnte, aber nicht das Knistern, da wir keine Chips aßen. Die Hitze und das seltsame Knistern kamen aus dem Flur. Unter der Tür zu meinem Zimmer sah ich ein Flackern wie im Kamin. Scheiße, mein Zimmer brannte! Die Teelichter mussten so heiß geworden sein, dass sich der Teppich entzündet hatte und dann der Rest. Dieser Rest war schließlich die ganze Wohnung. Bis die Feuerwehr eintraf.
Seitdem habe ich Panik bei Kerzen und Teelichtern. Und jetzt will Susi Romantik, mit Kerzen oder Teelichter. Gedimmtes Licht reicht ihr nicht. Wäre sie nicht so eine Traumfrau, hätte ich gesagt: „Gibt keine Kerzen und tschüss.“ Das ist aber auf Dauer auch keine Lösung. Es wird doch wohl noch irgendetwas auf diesem Planeten geben, was keine Kerze ist, aber trotzdem bei Frauen ein romantisches Gefühl auslöst. Wenn schon kein flackernder LED-Fernseher dann vielleicht eine Taschenlampe? Mit SOS-Blinklicht, in dezentem Warmweiß? Oder ein Hello-Kitty-Nachtlicht für die Steckdose.
Oh, was ist denn das da? Elektrische Teelichter. 1,29 € das Stück. Nicht schlecht, elektrisch dürfte nicht schief gehen. Ich sollte es mal nicht gleich übertreiben und nur drei mitnehmen. Werde aber trotzdem noch in den Baumarkt gehen und einen Feuerlöscher kaufen. Man weiß ja nie.
Ich gehöre zu der Sorte Ehemänner, die im Haushalt nicht gerade, sagen wir mal, hyperaktiv sind. Eigentlich bin ich recht tolerant gegenüber Unordnung, rumliegender Kleidung, stehen gelassenem Schmutzgeschirr. Eine Eigenschaft, mit der ich gut leben kann. Ich! Aber nicht meine Frau. Sie ist gegenüber meiner Unordnungstoleranz recht intertolerant. Manchmal sogar recht penetrant intolerant. Sie reist mich aus meiner Komfortzone und nötigt mich mit lauten Worten zur Hausarbeit. Gut, ich mache sie dann irgendwie zu meiner Zufriedenheit, selten zu ihrer.
So richtig bemühe ich mich eigentlich nur, wenn wir Besuch haben. Besonders wenn meine Schwiegermutter oder noch besser Freundinnen von ihr da sind.
Mein Timing ist so perfekt, dass ich oft gerade Geschirr spüle, sobald der Besuch eintrifft. Hätte es auch vorher geschafft, aber das Lob der Besucher, was ich doch für ein fleißiger Ehemann bin, geht runter wie Öl. Ganz theatralisch hole ich dann noch die Wäsche aus dem Keller und sollte das niemand bemerken, so sorge ich mit einem lauten: „Schatz, soll ich die Wäsche auch sortieren und falten?“, dafür, dass alle anwesenden meinen Fleiß auch mitbekommen. Meine Frau beteuert jedes Mal, dass ich das nur mache, wenn Besuch da ist, ansonsten sei ich stinkefaul. Zu mindestens meine Schwiegermutter glaubt ihr das nicht und betont immer, was für einen tollen Vorzeigeehemann meine Frau doch hat. Und außerdem kann es doch nicht sein, dass der arme Mann nach der Arbeit auch noch die Hausarbeit machen muss. Ich weiß genau, dass sich meine Frau jedes Mal darüber ärgert. Aber egal. Meine kleine Rache für ihr Nörgeln und Gängeln gönne ich mir. Also räume ich bei Besuch immer auffällig unauffällig irgendwelche Sachen weg, die nicht dort sind, wo sie hingehören. Gelegentlich habe ich sie sogar selbst hingestellt, bevor der Besuch eintrifft, um sie dann wegräumen zu können.
Um noch einen draufzusetzen, bearbeite ich die Nebenzimmer mit dem Staubsauger. Meine Frau fordert mich dann jedes Mal auf, das bleiben zu lassen. Aber ich sauge gnadenlos weiter. Mit Bügeln beeindrucke ich unseren Besuch ebenfalls. Natürlich stelle ich das Bügelbrett so auf, dass man mich auch wahrnimmt. Ich habe einen kindlichen Spaß daran, dass mich alle loben und andere Männer so etwas nie machen würden. Meine Frau wird nicht müde zu beteuern, dass das nur Show ist und ich nur so aktiv bin, um zu beeindrucken. Natürlich glaubt ihr niemand, da ich ja gerade das Gegenteil beweise. Wenn der Besuch gegangen ist, bin ich immer fix und fertig von der vielen Hausarbeit.
Aber manchmal frage ich mich, ob meine Frau mich durchschaut hat und nur deshalb Besuch einlädt, damit ich mal wieder etwas im Haushalt mache.
Etwas verloren stehe ich am Gleis 22 im Münchner Hauptbahnhof. Mein Schädel dröhnt, mir ist übel. Die blöde Halskrause, die man mir im Krankenhaus verpasst hat, nervt. Sie ist warm und der Hals juckt. Ich nehme eine von den Tabletten, welche mir der Arzt mitgegeben hat. Die Durchsage am Bahnsteig kündigt die Einfahrt des ICE nach Dortmund an. Verdammt lang her, dass du mit der Bahn gefahren bist, denke ich. Nach kurzem Suchen finde ich meinen reservierten Platz in einer Vierer-Sitzgruppe. Mir gegenüber setzt sich eine Frau, schätzungsweise in meinem Alter. Ihre linke Hand ist eingegipst. Ihr Gesicht kommt mir von irgendwoher bekannt vor, mir will aber nicht einfallen woher. Sie zu fragen, wäre mir peinlich. Der Zug setzt sich in Bewegung. Sobald er München verlassen hat, nimmt er richtig Fahrt auf.
In meiner Kindheit sind meine Eltern mit uns immer mit der Bahn in den Urlaub gefahren. Meistens mit Nachtzügen, damit wir Kinder schlafen und nicht quengeln.
Der ICE rast durch die Landschaft.
In meiner Erinnerung an früher fuhren die Züge nicht so schnell. Mein Vater machte manchmal während der Fahrt das Fenster vom Zugabteil zum Lüften auf, damit der Rauch seiner Zigarette abziehen konnte. Zum Glück ist heute in den Zügen Rauchen verboten. Bei Tempo 235, welches der ICE gerade fährt, würde hier mehr als nur der Rauch aus dem Wagon gesogen.
Die Frau mir gegenüber schaut etwas gequält aus dem Fenster. Die Gipshand scheint sie genauso zu stören wie mich meine Halskrause. Der ICE hält in Ingolstadt. Keine fünf Minuten später setzt er sich auch schon wieder in Bewegung.
