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"Das Haus. Es scheint mit einer leisen, lockend süßen Stimme nach mir zu rufen. Komm her, mein Freund. Komm in meine Arme. Lass dich fressen ..." Wie ein bedrohlicher Schatten thront Heathcote Manor über den windumtosten Klippen. Dort walten böse Mächte, erzählt man sich im Dorf, dort wohnt der Teufel – und er hat Böses vor!
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Veröffentlichungsjahr: 2013
SUSANNE GERDOM
DAS HAUS AM ABGRUND
Vollständige eBook-Ausgabe der Buchausgabe
bloomoon, München 2013
© 2013 bloomoon, ein Imprint der arsEdition GmbH, München
Alle Rechte vorbehalten
Text: Susanne Gerdom
Lektorat: Ulrike Hübner
Umschlaggestaltung: Grafisches Atelier arsEdition, Sandra Stefan, unter Verwendung von Bildmaterial von © Gettyimages/Thinkstock
ISBN eBook 978-3-7607-9838-7
ISBN Printausgabe 978-3-7607-8666-7
www.bloomoon-verlag.de
Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.
Der Bräutigam
Ich bin hungrig.
Sie haben mich verlassen und ich bin ganz allein. Meine Familie. Meine Liebsten, meine Küken, meine Geschöpfe ... Nach so langer Zeit haben sie mich zum ersten Mal verlassen. Die Kälte kriecht in meine Knochen. Ich bin so alt und werde immer schwächer.
Sie haben mich betrogen, wieder einmal. Um meine Braut betrogen, mein Liebstes, mein Augenlicht, mein Eigentum. Sie haben den uralten Vertrag gebrochen und ich bestrafe sie dafür. Es mag sein, dass ich nicht mehr der bin, der ich einst war, aber meine Kraft reicht dennoch aus, um mir zu nehmen, was man mir nicht freiwillig gibt.
Die Dorfbewohner hassen mich. Ich spüre ihre Angst und labe mich daran. Sie haben versucht, mich zu töten, immer und immer wieder. Aber ich habe überlebt. Ich bin noch immer stärker als sie. Sie müssen mir gehorchen.
Ich frohlocke – das Winterkind ist zurückgekehrt. Ich kann es spüren. Es wagt sich nicht in meine Nähe, aber dennoch zieht es die Sehnsucht zu mir. Ich rufe. Locke. Warte.
Und mit dem Winterkind kam der Sommerknabe. Oh, glückliche Zeit! Beide vereint zu meinem Ergötzen. Ich werde stark sein und jung, wie zu Anbeginn der Zeit.
Komm zu mir, Winterkind. Flüchte dich in meine Arme. Die Welt ist böse. Ich liebe dich ...
ADRIAN
Ich bin eigentlich nicht der Typ, der ein Tagebuch führt. Niemand, den ich kenne, macht so was. Abgesehen von Jonathan, aber der ist Prof an der Uni, und die spinnen sowieso alle. Sagt er zumindest. Und mein Vater, aber der ist Schriftsteller und schreibt, sobald er morgens die Augen aufmacht. Außerdem nennt Toby (also mein Vater) das nicht »Tagebuch«, sondern »Notizen«.
Also gut. Wir sind ein Männerhaushalt, ganz normal, und alle führen ein Tagebuch. Ich also jetzt auch. Es war Dr. Cockerells Idee, ich sollte einfach mal alles aufschreiben, was mich bewegt. Sie meinte, das würde mich entlasten. Ich habe ihr zwar gesagt, dass ich das viel besser hinkriege mit dem Entlasten, wenn ich male, aber sie meinte, das beträfe nur die Gefühlsebene, und es wäre doch gut, auch meinem Kopf mal die Gelegenheit zu geben, Ballast abzuwerfen ... und dann hat sie wohl gemerkt, was sie gesagt hat, jedenfalls ist sie blass geworden und hat angefangen zu stottern, und ich habe so getan, als hätte ich nichts gemerkt, und habe ihr versprochen, es zu probieren.
Hier sitze ich also. Kaue auf meinem Daumennagel herum und starre aus dem Fenster. Ich höre das Meer und kann es auch riechen, die Luft schmeckt salzig und ein wenig nach Fisch. Hier in St. Irais, in einem dieser Cottages, haben wir früher oft Urlaub gemacht, wenn das Geld knapp war und alle meine Freunde irgendwohin geflogen sind, wo es heiß ist und man sich Malaria und Durchfall holen kann. Das hat meine Mutter immer gesagt und ein bisschen so geschaut, als hätte sie Zahnschmerzen. Und mein Vater hat geseufzt und gesagt, er würde sich doch die Finger wund schreiben, aber mit Gedichten und Theaterstücken kann man heutzutage nichts verdienen.
Maman ist es dann wohl zu viel geworden damit, dass wir kein Geld für Urlaub haben, sie seine Geistesabwesenheit aushalten muss und dass sie ihn nie irgendwas fragen kann. Sie hat ihre Koffer gepackt und ist zurück nach Frankreich gegangen.
Das ist die offizielle Fassung. In Wirklichkeit hat sie ihn mit Jonathan erwischt. Die beiden leugnen es, aber ich kenne Maman. Wenn es eine Frau gewesen wäre, hätte sie Papa eine Szene gemacht und ihm angedroht, dass sie ihn umbringt, wenn das noch mal passiert. Aber dass Papas Seitensprung keine hübsche, vollbusige Blondine ist, sondern ein etwas übergewichtiger, kahl werdender Jonathan mit Vollbart ... Sie hat kein lautes Wort gesagt. Sie ist blass geworden und dann ist sie gegangen.
Ich wollte damals nicht mit ihr gehen. Ich mag Südfrankreich nicht besonders leiden. Und ich liebe meinen Vater ein ganz kleines bisschen mehr als Maman – auch wenn ich das keinem von beiden verraten würde. Aber dies hier ist mein Tagebuch, und in das darf – nein, SOLL – ich ja alles schreiben, damit mein Kopf entlüftet wird.
Und damit bin ich bei mir, bei Adrian Christopher Smollett, fast siebzehn Jahre alt und ein Freak.
Sehen Sie, Dr. Cockerell, wie brav ich bin? Ich spiele das hier mit, damit Sie und mein Vater das Gefühl haben, alles für mich und mein Wohlbefinden getan zu haben.
Jetzt bin ich müde. Ich habe Kopfschmerzen und die Kalte Stelle fühlt sich eisig an. Ich fühle mich überhaupt insgesamt nicht so besonders gut, wenn ich ehrlich sein soll. Ich werde meine Kamera nehmen und an einen meiner Lieblingsplätze an der Steilküste gehen. Wenn ich dort sitze, gegen den Stamm der krummen Kiefer gelehnt, dessen Rinde ein bisschen kratzt, den scharfen, frischen Geruch der Nadeln einatme und auf den Atlantik blicke, dann bin ich für ein paar Augenblicke wieder glücklich.
Also, nicht dass man mich falsch versteht. Ich bin keine Heulsuse und kein Trauerkloß, ich bin meistens gut gelaunt und ganz sicher nicht jemand, der den ganzen Tag herumläuft und sich beklagt. Wozu? Der Roshi sagt mir die Meinung, wenn er mich dabei erwischt, dass ich selbstmitleidig werde. »Junge«, sagt er dann, »das Leben ist wie eine Schüssel Haferbrei. Meistens ist er klumpig und ziemlich oft angebrannt, und er schmeckt scheiße, wenn man keinen Zucker drüberstreut. Also hör auf, dich zu beklagen, weil du ihn nicht aufessen darfst.«
♦
Wenn ich das Cottage verlasse, nehme ich meine Digicam mit und meistens auch mein Skizzenbuch. Natürlich habe ich in den letzten Wochen wenig gezeichnet oder gemalt ... es war einfach zu viel los. Der Umzug hierher, alles war neu und fremd und ungewohnt. Auch wenn wir den Ort kennen, ist es doch etwas völlig anderes, wenn man sich nicht nur als Besucher einrichtet. Das Cottage ist recht groß für uns drei, aber das ist gut. Daddo – ah, er hasst es, wenn ich ihn so nenne –, also Toby, braucht seine Ruhe, wenn er schreibt. Oder wenn er »Erica Mooreland ist«, wie Jonathan zu sagen pflegt, obwohl das Toby immer richtig zur Weißglut bringt. Er hasst es, wenn Jonathan ihn damit aufzieht. Dabei sind die Krimis, die er schreibt, richtig gut und verkaufen sich wie blöd. Was man von seinen Gedichten und Theaterstücken und von seinen schrecklich traurigen und komplizierten Romanen nicht wirklich sagen kann. Genau genommen kauft sein Verlag ihm die nur deswegen ab, weil »Erica Mooreland« sonst anderswo ihre Krimis verlegen lassen würde. Und das möchten Henford & Sons nicht, oh nein! Da nehmen sie lieber in Kauf, dass »Sing, Trauerschwan; stirb, Trauerschwan« von Tobias Smollett wie Blei in den Regalen der Buchhandlungen liegt.
Okay, ich bin gemein, ich weiß.
Aber Tobys »richtige« Bücher sind nun mal schwer zu lesen und lange nicht so unterhaltsam wie Ericas Krimis – aber wir glauben natürlich alle drei fest daran, dass sie einmal im ganzen Land in den Schulen durchgenommen werden. Später. Viel, viel später.
Ich habe eine Stunde oder länger unter meiner Kiefer verbracht, dem Rauschen der Wellen zugehört und versucht, mir die Farben des Wassers zu merken. Ich sollte aquarellieren, das bringt das Licht viel besser heraus als meine Acrylfarben. Meine Kopfschmerzen haben sich nicht sehr gebessert, aber ich kann gleich eine Tablette nehmen, die vertreiben den Schmerzaffen auf meiner Schulter für eine Weile.
Der Roshi hat neben mir gesessen, seine kurzen Beine in den neongrünen Converse Chucks ausgestreckt, die Hände in den Ärmeln seiner Robe versenkt. Er hat schmale Augen und einen fisseligen weißen Bart, und sein Gesicht ist so runzlig, dass man es kaum glauben kann. Ich habe ihn mal gefragt, wie alt er ist, aber er hat gelächelt, den Kopf gewiegt (das kann er sehr gut, den Kopf wiegen) und geantwortet: »Êdorian, wenn du die Schildkröte triffst, die einst die Welt auf ihrem Rücken trug, dann grüße sie von mir: Sie ist meine Tante.«
Das war wieder so eine Antwort. Echt. Manchmal geht der Roshi mir auf die Nerven.
Dabei ist er einer von den Guten.
Habe ich schon davon erzählt, wie ich meinen Facebook-Account gelöscht habe? Das ist nicht so einfach, denn das Gesichterbuch mag es gar nicht, wenn man nichts mehr mit ihm zu tun haben will.
Aber ich habe es geschafft, und es hat wehgetan, weil ich nicht so schrecklich viele, aber sehr tolle Leute auf meiner Freundesliste hatte. Es war wie in einer großen Familie, wir haben uns Guten Morgen gesagt und erzählt, welche Filme wir gesehen haben und dass die Schule wieder nervt ... bis der Joker dort auftauchte und mir den ganzen Spaß verdarb.
Ja, ich weiß. Normalerweise hätte ich seine Freundschaftsanfrage einfach ablehnen können, und tschüs, das war’s. Jokerfreie Zone.
Aber nicht mit dem Narren, schlauer als Facebook. Er war da, jeden Morgen, und hat mich mit seinem fiesen Grinsen begrüßt, mit seinen stechenden roten Augen, mit seinen Bemerkungen, die so böse sind, dass ich schreien und gegen den Monitor treten könnte. »Hallo Adrian, du Versager. Wieso lebst du noch?« – »Was macht dein Affe, Adrian?« – »Und, hat die alte Runzelfresse wieder einen seiner Sprüche für dich generiert?«
Ich war es so leid. So leid.
Aber nun ist es so oder so vorbei mit dem Internet.
Toby meinte, es wäre besser, wenn sein Sohn möglichst wenig Strahlung abbekommt (er hat gerade mal wieder seine »grüne« Phase), und hat darauf verzichtet, im Cottage ein Drahtlos-Netzwerk einzurichten. Das heißt, wenn ich ins Netz will, muss ich ihn von seinem Computer vertreiben oder bitte-bitte bei Jonathan machen. Vergiss es.
Mein Handy hat er auch gleich eingesammelt, damit ich mir mit der Strahlung nicht das Gehirn grille. Mann, hab ich gelacht! Mein Gehirn ist doch sowieso reif für die Tonne, was kann da schon noch schlimmer werden? Der Tumor ist da, und er wächst und gedeiht wie ein gut gedüngter Kohlkopf.
Ehrlich, das mit dem Handy war mir ziemlich egal. Seit ich nicht mehr zur Schule gehe, hat sich die Zahl der Menschen, mit denen ich kommunizieren möchte, stark reduziert. Genauer gesagt: Sie tendiert gegen null. Benny, mein bester Freund seit Sandkastenzeiten, war zum Schluss so verhaltensgestört, dass es mir körperliche Schmerzen bereitet hat, mit ihm was zu unternehmen. Also haben wir uns in aller Freundschaft voneinander verabschiedet. Die Erleichterung in seinem Gesicht hat schon ein bisschen wehgetan, aber ich bin ja inzwischen hart im Nehmen geworden.
Was ja auch was Gutes hat. Oder, wie der Roshi sagt: »Wenn es wehtut, dann tut es weh. Wenn es nicht wehtut, dann hast du es bloß nicht gemerkt.«
Jonathan stand in der kleinen Küche, eingezwängt zwischen Tisch und Gasherd, hantierte mit der Pfanne, pfiff ein Lied und wirkte erstaunlich zufrieden. Er trug eine Schürze. Ich habe wohl ein Geräusch der Erheiterung nicht unterdrücken können, denn er hörte auf, mit dem Plastikschaber in der Pfanne herumzustochern, und fragte, ohne sich umzudrehen: »Was amüsiert dich derart, junger Fant?«
»Sehr schick, Jonty«, antwortete ich und stibitzte eine Kartoffelscheibe aus dem heißen Fett. Sie war schön kross und salzig.
Er schob die Bratkartoffeln auf die hintere Flamme, gab Fett in eine zweite Pfanne, stellte sie auf das Gas und sah mich an. »Du machst dich über mich lustig, aber ich weiß gar nicht, was du willst«, beklagte er sich und zupfte geziert an der Schürze herum. Sie war rosa und gelb geblümt und hatte solche albernen Rüschen an der Vorderseite. Und sie war nicht groß genug, um Jonathans eher weitläufige Figur hinreichend vor Fettspritzern zu schützen.
»Du grinsest, Adrian«, fuhr er fort und wedelte mit dem fettigen Schaber vor meiner Nase. »Ich verbitte mir dieses Gesicht. Oder willst du künftig für uns kochen?«
»Wo hast du das Teil her?« Ich klaute mir noch ein Stück Bratkartoffel.
»Finger weg, genäschiges Kind.« Er schob mit dem Ellbogen eine Salatschüssel beiseite. »Dieses kleidsame, wenn auch deutlich unterdimensionierte Stück hing hinter einer der Türen. Unsere Wäsche trocknet noch vor sich hin.« Er wies auf das Fenster, durch das ich den kleinen, ummauerten Garten mit der Wäscheleine sehen konnte. Dort wehte die dunkelblaue Schürze, die Jonathan sonst bei seinen küchenmagischen Verrichtungen zu tragen pflegte, im kräftigen kornischen Wind. Dahinter trennte eine zerfallende Bruchsteinmauer unser Cottage vom Grundstück des Nachbarhauses – ein riesiges, altes Gemäuer, das wie ein Spukschloss in den Himmel aufragte. Unser Cottage hatte früher einmal zu diesem Herrenhaus gehört, es war die Kutscherwohnung oder so etwas in der Art gewesen.
Ich starrte das Haus an. Seit wir hier wohnten, konnte ich kaum den Blick von dem alten Gemäuer lassen. Ich hatte sogar schon überlegt, über die Mauer zu klettern und mir Heathcote Manor aus der Nähe anzusehen. Wie mochte es sich anfühlen, in einem so großen, alten Haus zu wohnen? Es war in früheren Zeiten bestimmt ein hochherrschaftliches Anwesen gewesen und seine Besitzer hatten über das Dorf und dessen Bewohner geherrscht wie kleine Könige ...
Jonathan holte mich aus meinen Gedanken wieder zurück in die Küchenrealität. »Wenn du schon hier bist – mach dich nützlich.« Er deutete auf das Schneidbrett, auf dem eine große Gemüsezwiebel wartete, und bückte sich, um im Kühlschrank nach dem Eierkarton zu fischen.
Spiegeleier, Bratkartoffeln, Salat. Ich grinste hinter seinem Rücken. Jonathan war nicht gerade ein begnadeter Koch. Entweder gab es Spiegeleier oder Rühreier oder es gab Nudeln mit Sauce. Glücklicherweise war ein Imbiss in der Stadt, der von Fish ’n’ Chips über Pizza und gebratene asiatische Nudeln alles anbot, was einen Haushalt wie den unseren glücklich macht.
»Du grinst schon wieder«, sagte Jonathan, ohne sich umgedreht zu haben. Man sage nicht, dass er mich nicht kennt, als wäre ich sein eigen Fleisch und Blut.
Ich klopfte ihm auf die Schulter und murmelte etwas von »Dankbarkeit« und »unser Hausmann«. Er schnaufte empört.
Ich war ganz froh, dass er sich nicht zu mir wandte, denn für einen Augenblick war mir das Lachen vergangen. Keiner von uns sprach jemals darüber, warum Jonathan gerade jetzt ein Sabbatical genommen hatte – angeblich um seine Forschungsarbeit über »Tintagel in der Literatur des 17. und 18. Jahrhunderts« fortzuführen.
»Fein hacken«, sagte er, immer noch mit dem Rücken zu mir. Wahrscheinlich hatte er bemerkt, dass ich mit den Tränen kämpfte. Ich griff hastig nach dem großen, verdammt scharfen Gemüsemesser, Heulen beim Zwiebelhacken ist schließlich erlaubt. Ich halbierte die Zwiebel, legte sie auf die Schnittfläche, wollte den ersten Querschnitt ansetzen (feine Würfel zu schneiden ist eine Kunst, die mir Maman beigebracht hat), als mir beinahe das Herz stehen blieb.
Es ist keine Zwiebel. Was vor mir liegt, grau und rosa, ist ein Gehirn. Es fühlt sich eklig an. Ich kann die Windungen sehen und die Stelle, an der es zu faulen beginnt, eine riesige, schwarze, stinkende Stelle am rechten Schläfenlappen. Sie sondert grünliches Sekret ab, das zäh auf das Schneidbrett tropft. Wie eine schimmlige Traube hängt ein Auge an seinem Nerv herunter. Es liegt auf der Arbeitsplatte und sieht mich an. Hellbraun wie Karamell, ein dunklerer Rand um die Iris – ich kenne dieses Auge, weil es mich oft genug aus dem Spiegel ansieht. Ich würge. Das Messer zittert in meiner Hand. Ich lasse es auf das faulende, stinkende Gehirn hinuntersausen, schneide das flehende Auge ab und beginne damit, es in kleine, matschige Stückchen zu zerhacken, aus denen Blut und Wasser, stinkender Eiter und Tränen spritzen. Ich höre mich vor Ekel stöhnen.
Eine große Hand umfasst mein Handgelenk und entwindet mir behutsam das Messer. »Ganz ruhig«, höre ich Jonathans tiefe Stimme. »Ganz ruhig, mein Junge. Tief atmen. Ist dir übel? Setz dich.« Ich habe immer noch diesen Tunnelblick, der mir wie eine Makrolinse das grässliche, blutende, eiternde, faulende Ding auf dem Schneidbrett zeigt. Während ich es anstarre, weil ich nicht mehr weiß, wie man die Augen schließt oder den Blick abwendet, mutiert es zu einem abgetrennten Kopf mit grünem Haar und teuflischem Grinsen. Der geköpfte Joker fixiert mich mit seinen glühenden Augen, öffnet den Mund und sagt: »Na, Heulsuse? Immer wieder nett, dich zu sehen.«
Jonathan hielt mich fest, während ich mich auf seine Füße übergab. Auf dem Herd begann es nach verbrannten Spiegeleiern zu riechen.
»Du steckst voller Selbstmitleid«, sagte der Roshi. Er hockte auf der Kante meines Bettes und baumelte mit den Füßen wie ein kleines Kind. »Es ist zutiefst würdelos, sich selbst zu bemitleiden.«
Ich drehte den Kopf weg und zog die Decke über mein Gesicht. An solchen Tagen ging mir der alte Mann wirklich auf die Nerven. Ich wollte mich nicht mit ihm unterhalten und ich wollte mir auch seine Predigt nicht anhören. »Geh weg, du bist eine Halluzination«, murmelte ich.
»Es ändert sich nichts, wenn du heulst und mit den Zähnen knirschst«, fuhr er unbarmherzig fort. »Die Sonne geht auf und unter, die Erde dreht sich – zumindest tut sie das, seit meine Tante sie von ihrem Rücken abgeworfen hat –, und nun taumelt sie durch das All und könnte auch heulen und mit den Zähnen knirschen über ihr böses Schicksal. Aber tut sie das? Hörst du sie jammern oder sich beklagen?«
»Roshi. Geh. Weg.«
Der alte Japaner schwieg, aber ich konnte ihn atmen hören und das Geräusch seiner Füße, die gegen das Bett tappten. »Würdelos«, grummelte er nach einer Weile.
»Nun lass ihn doch in Frieden«, mischte sich eine sanfte Stimme ein. Ich fühlte, wie eine Hand über meinen Kopf streichelte. »Der Junge hat eine schwere Zeit hinter sich. Er schlägt sich doch wacker.«
»Wenn der Genius spricht, schweigt der alte Lehrer«, sagte der Roshi eingeschnappt. Das Tappen seiner Füße hörte auf.
Ich schob den Zipfel der Bettdecke von meinem Gesicht. »Danke.«
»Keine Ursache.« Sie zupfte an ihren Locken, die heute hellgrün wie Birkenlaub im Frühling waren, und tippte mir gegen die Nase. »Aber er hat recht, ich wollte das nur nicht in seinem Beisein sagen, damit er nicht noch eingebildeter wird. Komm, steh auf, Adrian. Du wolltest das Krähenauge fertig malen.«
Ich jammerte. Sie zog an meiner Decke, lachte, weil ich sie festhielt, und ließ los. »Na warte«, sagte sie vergnügt.
Ich bekomme den Moment nie mit, wenn Jeannie das macht. Also ... das. Es ist, als würde jemand meine Augen nehmen, sie herumdrehen und wieder einsetzen. Ich blinzelte, und Gino packte mich kurzerhand, hob mich hoch und setzte mich vor meine Staffelei. »Los«, knurrte er. »Malen!«
Schafft euch nie einen Genius an. Die sind entsetzlich hartnäckig. Gino ist die ganz besonders sture Sorte, glaube ich. Er ist zwei Meter zwanzig groß, muskelbepackt wie ein Schwergewichtsboxer und blauhäutig. Hübsch geht anders, aber das würde man kaum wagen, ihm ins Gesicht zu sagen.
Ich ließ mir von ihm den Pinsel in die Finger drücken, dann trat er zurück und verschwand.
Das beinahe fertige Krähenauge starrte mich von der Leinwand an. Ich hatte den Ausdruck der Makroaufnahme an die Staffelei geklemmt, aber ich musste nicht mehr hinsehen, das Auge war in meinem Kopf so klar wie auf dem Foto. Ein winziges Glanzlicht hier, der blaugrüne Schimmer auf dem lackschwarzen Gefieder, das so zart und flaumig ums Auge lag ... mein Pinsel tupfte und strichelte, und ich dachte für ein paar selige Minuten über nichts anderes mehr nach.
Das Licht wanderte. Ich hob den Kopf und rieb mir die Augen, denn sie brannten vor Anstrengung wie Feuer. Mein Blick wanderte über die Bilder, die noch immer rundum an den Wänden lehnten, weil ich mich nicht entscheiden konnte, wo jedes einzelne von ihnen hängen sollte.
Augen starrten mich an. Vogelaugen. Menschenaugen. Augen von Wieseln und Katzen, Hunden und Pferden, Kühen und Kröten. Schlangenaugen, Chamäleonaugen, Fliegenaugen und Augen von toten Fischen, die einen glasigen, verschwommenen Blick hatten, als schauten sie durch eine Scheibe Milchglas.
Augen faszinieren mich. Sie sind Ausläufer des Gehirns, und wenn man in ihre Pupillen blickt und sich sehr darauf konzentriert, kann man tief hineinschauen und ein Gefühl davon bekommen, was da drinnen vor sich geht. Die Welt spiegelt sich in jedem Auge, aber in seinem Zentrum steht das Ich und sonst gar nichts. Ein schwarzer, tiefer Tunnel, der in das innerste Wesen führt.
Damit meine ich nicht die Seele. Ich weiß nicht, ob es so etwas überhaupt gibt, aber sie ist nicht dort drinnen in der absoluten Dunkelheit der grauen Masse, der Neuronen, Dendriten, Axonen und Synapsen.
Aber etwas anderes lauert dort in der Finsternis, und bei jedem Auge, das ich male, suche ich im Herzen der Dunkelheit danach.
Ich beugte mich vor und griff nach meinem Lieblingsbild, das ein opalig schimmerndes Krötenauge zeigt. Goldene, grüne und zartblaue Schattierungen umranden eine große, tiefe, dunkle und geheimnisvolle Pupille.
Jemand kichert in mein Ohr. Spinnenfinger, grünes Haar. Ich sehe mich nicht um, renne aus dem Zimmer. Frische Luft ist jetzt genau das Richtige.
Natürlich lässt er mich nicht in Ruhe. Er ist meine Nemesis. Nemesis, Göttin des Zorns und der Rache, Tochter der Nacht. Es ist schon zu etwas gut, wenn man einen Dichter zum Vater und einen Literaturprofessor zum Stiefvater hat. Man kennt solche Begriffe und kann seine Freunde damit verwirren oder beeindrucken, je nachdem.
Er sitzt auf dem Hackklotz, baumelt mit den langen Beinen, hat die Spinnenfinger um seine Knie gefaltet und grinst, wie nur der Joker grinsen kann. Breit, blutig, böse. Seine Augen funkeln dunkelrot wie Granat, wie Blut, wie Lava kurz vor dem Ausbruch des Vulkans. Hass und sadistische Freude sehe ich darin gespiegelt, Bosheit und den Wunsch, alles zu vernichten, was schön, friedlich und gut ist. In seinen starren Pupillen erkenne ich das, was in meinem Kopf wächst und mich zu einem anderen Menschen macht als der Adrian, der ich sechzehn Jahre lang war. Zu einem anderen – und sehr bald zu einem toten.
Ich höre mich schreien. Die Axt liegt auf dem Stapel Holz, ich greife nach ihr und schlage wild nach dem Lemur. Er springt auf und tänzelt vor mir her, lacht und lockt: »Komm schon, Kleiner! Das kannst du doch besser! Huch – daneben!« Er macht einen Satz und lacht schrill. »Nur gestreift! Du bist zu langsam, mein Guter. Das Ding in deinem Kopf macht dich zu Gemüse, weißt du das? Brokkoli oder Spinat, ich liebe Grün ... ups!« Er tanzt auf seinen Spinnenbeinen herum und verhöhnt mich. Seine spinatgrünen Haare sträuben sich, wogen wie Algen in der Meeresströmung. Die Axt saust durch die Luft, blitzt im Licht, trifft auf Widerstand. Ich höre mein Keuchen wie die Brandung in meinen Ohren rauschen.
Zerfetzen, zerhacken, zertrampeln. Der weiche Boden, noch nass vom Regen, ist glitschig und ich rutsche immer wieder aus. Endlich, zu erschöpft, um noch einmal den Arm zu heben, lasse ich die Axt in den Matsch fallen und gehe in die Hocke, um nach Luft zu ringen. Keine Kondition mehr. Kein bisschen.
Ich hockte inmitten unserer gar nicht mehr sauberen Wäsche. Die Leine war gerissen, die Wäsche in den Schmutz getrampelt. Ich stöhnte und vergrub das Gesicht in den Händen und der Joker lachte gellend.
Eine raschelnde Bewegung an der Mauer zum Nachbargrundstück ließ mich hochfahren. Mein Blick traf auf ein Paar erschrockene Augen, grau wie der Frühnebel über einem schottischen Loch. Es waren wunderschöne Augen, klar und groß, und ich verlor mich in ihnen, während ich schon darüber nachdachte, wie ich sie malen würde: auf einem Hintergrund, der wie feines Porzellan wirken musste, umrahmt von langen, erstaunlich dunklen Wimpern und einem zarten Strich aus hellem Haar, der sich darüberwölbte – ich lächelte, während ich im Geiste die Farben zu mischen begann.
»Ah ...« Das Mädchen erhob sich vorsichtig aus seiner zusammengekauerten Haltung. »Du gehst jetzt aber nicht mit der Axt auf mich los, oder?«
Ich muss zugeben, dass ihr Anblick mich sprachlos gemacht hatte. Ich starrte sie an. Sie schob sich langsam auf die Stelle der Mauer zu, die bis in Knöchelhöhe eingebrochen war, und ließ mich dabei nicht aus dem Blick. »Alles gut«, sagte sie besänftigend. »Alles gut. Ich bin gleich weg. Entschuldige, dass ich hier einfach reingekommen bin.« Mit diesen Worten hatte sie das Loch erreicht und war fort.
»Ah, oh«, machte ich und schüttelte meine Erstarrung ab. »Warte doch, ich ... he, hallo, wer bist du?«
Ich hörte das Rascheln des Gebüschs und das Reißen von Stoff, dann war ich an dem Mauereinbruch und blickte hinüber auf das andere Grundstück. In der Ferne ragte das alte Herrenhaus auf, doch eine ungepflegte Rasenfläche mit Büschen und einigen kleineren Bäumen versperrte mir größtenteils den Blick. Von dem Mädchen war nichts mehr zu sehen.
Ich drehte mich enttäuscht um und begann die schmutzige Wäsche aufzusammeln. Wer war sie? Wohnte sie in dem alten Haus? War es überhaupt bewohnt?
Das Haus. Es scheint mit einer leisen, lockend süßen Stimme nach mir zu rufen. Komm her, mein Freund. Komm in meine Arme. Lass dich fressen ...
Ich blieb stehen, meine Arme beladen mit feuchtem, schmutzigem Stoff, und blickte mit zusammengekniffenen Augen zur Mauer. Da war keine Spur, dass jemand dort gestanden hatte. Wahrscheinlich hatte ich mir das Mädchen nur eingebildet. Sie erinnerte mich an meine Freundin, Kat – genau genommen meine Exfreundin Kat –, sie war genauso blass und hatte dieses feine blonde Haar, das aussah, als würde es von einem unsichtbaren Vollmond silbern angeleuchtet. Ja, ich hatte sie mir ganz sicher nur eingebildet. Ich vermisste Kat schrecklich, auch wenn ich mir Mühe gab, nicht an sie zu denken.
Aber nein, dieses Mädchen war anders gewesen. Etwas an ihr erinnerte mich ... woran nur? Ich warf noch einen Blick zur Mauer, dorthin, wo sie verschwunden war, und stieg dann hinunter in den Keller, wo die Waschmaschine stand. Jonathan würde eben noch einen Tag länger auf seine Schürze warten müssen.
St. Irais, 15. Mai
Liebes Tagebuch, dies ist mein erster Eintrag. Du riechst noch ganz neu, dein Einband ist seidenweich und schimmert im Licht. Ich liebe seine rote Farbe, sie erinnert mich an Rosen und den Sommer. Deine Seiten sind unberührt, cremeweiß schön, und ich scheue ein wenig davor zurück, sie mit Tinte zu beflecken ... aber nun stehen die ersten Worte auf deiner ersten Seite, leuchtend blau mit meinem Lieblingsfüller geschrieben, und ich erfreue mich an diesem Anblick.
Liebes Tagebuch, du wirst mich nun begleiten bis zu meinem nächsten Geburtstag. Am 1. November werde ich sechzehn. Ich habe deine Seiten gezählt, und wenn mein Leben weiterhin so friedlich und ereignislos bleibt wie bisher, dann werde ich sie bis dahin wohl nicht vollständig gefüllt haben. Und danach ... ja. Danach werde ich dich wohl nicht mehr belästigen.
Oh. Und jetzt ist der letzte Satz ganz und gar verwischt. Wie dumm von mir. Man lässt seine Tränen nicht ungestraft auf frische Tinte tropfen.
So.
Ich habe mir die Nase geputzt und bin schon wieder ganz fröhlich. Es ist Frühling, die Bäume blühen und die Vögel singen, alles wird grün und riecht frisch und wunderbar. Ich werde jetzt einen kleinen Spaziergang unternehmen, mich eine Weile an meinen schönen Platz an der Klippe setzen und den Möwen zusehen, wie sie über die Wellen fliegen. Und nachher gehe ich ins Dorf hinunter, halte einen Schwatz im Kramladen und trinke eine Tasse Tee in Harmony’s Garden. Vielleicht kommt Sammy ja mit, das wäre fein.
Mama sieht es nicht gerne, wenn ich allein ins Dorf hinuntergehe. Die Dorfleute sind »gewöhnlich«, wie sie sagt. Aber eigentlich meint sie damit, dass sie sich ein wenig vor ihnen fürchtet. Ich verstehe es nicht, aber Papa hat einmal versucht, es mir zu erklären. Es hängt damit zusammen, dass wir die Vandenbourghs sind. Dass Heathcote Manor unser Haus ist. Die Leute aus dem Dorf fürchten sich vor dem Haus – und Mama fürchtet sich vor den Leuten aus dem Dorf. Damit sind wir eigentlich quitt, oder?
Ich habe jedenfalls keine Angst davor, im Dorfladen einzukaufen oder bei Harmony einen Tee zu trinken. Sammy ist eher wie Mama, sie geht nicht gerne ins Dorf. Aber Sammy ist sowieso nicht wie andere Menschen, sie sieht Dinge, die es nicht gibt. Geister.
Sie behauptet, dass wir anderen bloß zu dumm wären, sie auch zu sehen. Aber mit dieser Meinung steht sie auf sehr verlorenem Posten. Manchmal glaube ich, sie will uns damit nur ärgern, dass sie behauptet, wieder einen der alten Vandenbourghs gesehen zu haben, wie er durch eine geschlossene Tür ging. Natürlich mit Halskrause und steifem Rock und manchmal auch mit einer Schlinge um den Hals, herausquellenden Augen und einer Zunge, die ihm bis zum Kinn reicht. Oder ganz ohne Kopf.
Das erzählt sie, wenn sie will, dass ich mich fürchte. Ich liebe Samhain. Aber sie kann ganz schön anstrengend sein.
Ganz ehrlich, und das verrate ich jetzt nur dir, Tagebuch: Ich glaube, ich sehe die Geister hin und wieder auch. Nicht ständig. Nicht alle. Aber den einen oder die andere. Aber das weiß nur Sam – und so anstrengend sie manchmal sein kann, sie würde mich nie verraten. Ich möchte nicht, dass die Leute mich noch seltsamer ansehen, als sie es ohnehin schon tun. Deshalb schweige ich darüber.
Samhain halten sie so oder so für verschroben, aber es ist ihr egal. Mich würde es stören, aber Samhain ist Samhain. Stur wie ein Esel, mutig wie ein Löwe. Meine große Schwester. (Familienwitz. Haha.)
St. Irais, 16. Mai
Ich war wirklich im Dorfladen und dann im Tea Room, liebes Tagebuch. Natürlich ohne Sam, die mit Kopfschmerzen bei zugezogenen Vorhängen im Bett gelegen hat, den ganzen Tag. Wie langweilig.
Und dann habe ich lange an der Küste gesessen und das Meer beobachtet. Mein Platz ist wunderschön, ganz abgeschlossen. Niemand kann mich dort finden und stören. Ich hatte ein Buch mitgenommen und einen Apfel, den ich gegessen habe, während die Sonne langsam im Meer versank und der Mond heraufkam. Ich habe die Stille des Ortes gefühlt und dass er in früheren Zeiten ein heiliger Ort gewesen ist. Das Haus steht auf einem uralten und heiligen Platz, das hat mir eine alte Frau erzählt, die ich bei einem meiner Ausflüge ins Dorf getroffen habe. Ein uralter und heiliger Platz – so hat sie gesagt. Es klang so, als wollte sie mich vor diesem Platz warnen, aber ich kann daran nichts Böses finden. Heilig heißt doch, dass es gut ist, so habe ich es jedenfalls gelernt.
Ich bin zu spät zum Abendessen gekommen und Papa hat mir eine Ohrfeige gegeben.
Er ist sonst nicht so streng, aber Mama geht es wieder schlechter, und das macht ihn immer sehr ungeduldig und gereizt.
Cousin Jules kommt! Ich habe es nach dem Abendessen von Sam erfahren. Ich freue mich. Er ist immer so nett und so lustig. Er war schon lange nicht mehr hier, ich bin so gespannt, was er alles zu erzählen hat. Er studiert Jura in Oxford und ist damit wohl ein Erwachsener. Aber er behandelt Sam und mich nie von oben herab, sondern ganz und gar nett und liebenswürdig. Ich kann ihn sehr gut leiden.
Er wird das Haus erben, wenn mein Papa nicht mehr da ist. Er ist der älteste männliche Vandenbourgh. Ein komischer Gedanke ist das.
Vielleicht heiratet er Sammy, dann kann sie hier wohnen bleiben.
ADRIAN
»Ich muss ins Dorf, ein paar Sachen einkaufen. Kommst du mit?« Jonathan stellte seine Tasse ab und sah mich fragend an.
Toby ließ seine Zeitung sinken. »Ich brauche eine Druckerpatrone«, sagte er. »Und Papier. Und Lakritzbonbons.« Die Zeitung fuhr hoch wie ein Rolltor und schloss jede weitere Unterhaltung aus. Jonathan und ich grinsten uns an. Das war Toby, wie er leibte und lebte.
Jonathan lehnte sich zurück und faltete die Hände über dem Bauch. Er fuhr mit der Zunge über seine Zähne und musterte mich nachdenklich. »Welches Unglück ist eigentlich unserer unschuldigen Wäsche widerfahren?«
Ich steckte hastig ein zu großes Stück Toast mit Rührei in den Mund und nuschelte etwas darum herum. »Mffe nfgmm gfffbmm brrm.«
Jonathan nickte mehrmals ernst. »So etwas in der Art hatte ich mir gedacht.« Die Fältchen um seine Augen vertieften sich. »Ein Mini-Tornado, dann ein unvermutetes lokales Gewitter und zum Schluss hat ein Meteoritentreffer dem Ganzen das Finish verliehen. Dafür sieht sie sogar noch recht gut aus, muss ich zugeben.«
Ich trank meine Tasse leer und wich seinem Blick aus.
»Schokolade und Heftpflaster«, warf Toby ein.
Jonathan lachte grollend und stand auf. Er räumte mit ein paar Handbewegungen das gebrauchte Geschirr auf ein Tablett, drückte es mir in die Hände und nickte mir zu. »In zehn Minuten am Auto.«
Ich räumte das Geschirr in die Spülmaschine und stellte sie an. Dann lehnte ich mich an den Herd und sah aus dem Fenster. Der Anblick des alten Herrenhauses faszinierte mich. Es war irgendwie unheimlich. Egal, wie hell die Sonne schien, die Mauern sahen immer gleich finster und düster aus, als wäre dort ewig Nacht. Und manchmal schimmerten nachts die Schindeln auf dem Dach wie vom Mond beleuchtet, auch bei Neumond oder wenn Wolken den Himmel verdeckten.
War dort eine Bewegung hinter dem Fenster im oberen Stock? Dort schienen Gardinen zu hängen oder es stand jemand in weißen Kleidern hinter der Scheibe. Ich beugte mich weiter vor und kniff die Augen zusammen. Ich hatte bisher nur ein- oder zweimal beobachten können, dass abends Licht durch eins der Fenster schien.
Falls dort überhaupt jemand wohnte. Keine Autos. Keine Fahrräder. Niemand auf dem Grundstück. Wahrscheinlich war das Haus verlassen und ich hatte mich mit den Lichtern nur getäuscht.
Als ich das gerade dachte, öffnete sich die Hintertür und eine schmale Gestalt in hellen Kleidern trat heraus. Sie blieb einen Moment lang dort stehen, hob das Gesicht ins Sonnenlicht, und ihr Haar schimmerte, als würde es von innen leuchten. Das war das Mädchen von gestern!
Ich drückte mein Gesicht gegen das Küchenfenster. Sie trug einen braven knielangen Rock und eine gemusterte Bluse, weiße Söckchen und flache Schuhe. Ein erstaunlicher Anblick. Die Mädchen, die ich kannte, liefen in zerrissenen Jeans oder extra kurzen Miniröcken herum und hätten sich eher erschießen lassen, als Rock, Bluse und Söckchen zu tragen.
Jetzt drehte sie den Kopf und sah in meine Richtung. Sie war zu weit weg, um mich hier hinter dem Fenster erkennen zu können, aber ich fühlte ihren Blick auf mich gerichtet wie einen Laser.
»Adrian! Kommst du?«
Jonathans ungeduldiger Ruf ließ mich zusammenzucken. »Ich bin unterwegs!«, schrie ich, und als ich mich noch einmal zum Fenster drehte, war das Mädchen fort und die Tür wieder geschlossen.
Wir tuckerten wortlos die holprige Straße ins Dorf hinunter. Die paar Meter hätten wir genauso gut zu Fuß gehen können. Als ich das versehentlich laut aussprach, erntete ich einen empörten Blick. »Sehe ich aus wie ein Marathonläufer?«, fragte Jonathan.
Das war natürlich eine rhetorische Frage, deren Beantwortung sich erübrigte. Jonathan ist einer der faulsten Menschen, die man sich denken kann, zumindest, was Bewegung unter freiem Himmel angeht.
»Täte dir aber gut«, murmelte ich, doch Jonathan zog es vor, meine Bemerkung zu überhören.
Er parkte den Wagen auf der Dorfstraße, direkt vor Lizzies Laden, und holte den Einkaufskorb aus dem Kofferraum.
Lizzie stand selbst hinter der Theke und nickte uns lächelnd zu. Sie bediente gerade eine ältere Frau, die unentschieden zwischen den Gläsern mit ihrer bunten Bonbonfüllung hin- und herblickte. »Dann nehme ich noch von den gefüllten Grünen und von den weichen Karamellbonbons«, hörte ich sie sagen, ehe ich Jonathan in den hinteren Teil des Ladens folgte, in dem das ganze Selbstbedienungszeug lagerte.
Jonathan setzte die Brille auf die Nase und las mit gerunzelter Stirn seinen Einkaufszettel durch. Ich schlenderte zwischen den Regalen herum und nahm hier und da etwas in die Hand. Es war erstaunlich, was Lizzie alles in ihrem Laden beherbergte – es gab sogar eine Ecke mit Computerzubehör.
Ich drehte den Taschenbuchständer um seine Achse und sah nach, ob einer von Tobys Krimis zwischen den anderen Büchern klemmte. Natürlich war es so. »Erica Mooreland – Stille Wasser sind trüb – Ein Cumberbatch-und-Walker-Krimi.«
Das war der vorletzte C&W-Krimi. Toby hatte seine beiden Ermittler – Corinna Cumberbatch und Gordon Walker – inzwischen ziemlich leid. Drei Bücher lang hatten sie sich gezofft und waren trotzdem total aufeinander scharf gewesen, im vierten Band durften sie sich endlich kriegen, um sich im fünften Band wieder schrecklich zu zerstreiten. Inzwischen war Band neun in Arbeit, und Toby dachte ernsthaft darüber nach, einen von beiden sterben zu lassen. Der entsetzte Aufschrei seiner Leserinnen war ihm dafür gewiss.
»Gordon Walker«, sagte ich vor mich hin. Der Name war ein Witz, über den Jonathan lange und laut gelacht hatte. Mein Vater gibt seinen Figuren immer erst einen Namen, wenn er sie durch das Schreiben gut genug kennengelernt hat, und dann gibt es eine feierliche Taufe. Bis dahin müssen sie mit irgendwelchen Blödsinnsnamen über die Seiten laufen: »Johnny« Walker zum Beispiel wurde erst auf Seite hundertfünf zu »Gordon«. Wie »Gordon’s Dry Gin«. Haha. Unglaublich komisch. Manchmal begreife ich nicht, wie erwachsene Männer über so einen Quatsch in Lachkrämpfe verfallen können.
Ich ging weiter, während Jonathan seinen Einkaufskorb mit Konserven füllte und dann in die Getränke-Ecke verschwand.
»Hallo, Adrian.« Lizzie strahlte mich an. Sie war wie immer total freundlich, ungefähr so alt wie Maman, klein, rundlich und rosig und sie hatte einen dunklen Haaransatz in ihren blonden Locken. Ich wartete immer darauf, dass ich sie mal komplett blond erwischte, aber der Ansatz war immer da – und immer ähnlich breit. Vielleicht ließ sie ihn sich gleich so mitfärben.
»Hallo, Lizzie.« Sie wurde von allen so genannt, deshalb hatte ich auch keine Hemmung, das zu tun. Als Kind hatte ich sie »Tante Lizzie« genannt, aber jetzt war ich einen Kopf größer als sie und glaube, sie hätte das auch doof gefunden.
»Schön, dass ihr mal wieder da seid, du und deine Elt…, deine Famil…, dein Vater und sein Lebensgefährte, wollte ich sagen.« Sie wurde rot.
Ich räusperte mich für sie mit und deutete auf die Gläser im Regal. »Gibt es immer noch diese sauren gelb gestreiften Bonbons?«
Sie nickte und tauchte unter die Theke, wahrscheinlich, um sich den Schweiß von der Stirn zu wischen. Ich war diese Reaktionen inzwischen gewöhnt und ärgerte mich nicht mehr darüber. Ich wartete, bis sie wieder hochkam, und fragte: »Lizzie, das große Haus neben unserem Cottage – wohnt da jemand? Ein Mädchen?«
Sie lehnte sich gegen den Tresen und verschränkte die Arme, zog die Unterlippe zwischen die Zähne und rollte mit den Augen. Das Thema schien ihr zu missfallen. »Heathcote Manor meinst du. Das steht schon lange leer.«
Sie musste sich irren. Ich hatte das Mädchen doch dort gesehen. »Aber ...«, begann ich.
Sie lächelte an mir vorbei. »Mr Magnusson. Was kann ich für Sie tun?«
Jonathan stellte seinen Korb auf die Theke. In der anderen Hand hielt er einen Kasten Wasser. »Ich brauche noch ein paar Sachen, könnten Sie mal sehen, was Sie davon haben?« Er legte seinen Zettel neben den Korb und zeigte auf den Wasserkasten. »Den bringe ich schon ins Auto.« Lizzie nickte und Jonathan ging hinaus.
»Adrian?« Lizzie überflog Jonathans Einkaufszettel und warf mir einen Blick zu. »Wenn du dich für das Haus interessierst, solltest du das Museum besuchen. Eliette Burges kann dir bestimmt was darüber erzählen.« Sie füllte mir eine Tüte saure Bonbons ab und schob sie mir hin. »Steck ein.« Sie blinzelte. Ihre Augen waren so blau wie die einer Babypuppe.
»Danke«, sagte ich. »Ms Burges. Die frage ich, gerne.«
»Eigentlich müsstest du auch die alte Ms Vandenbourgh besuchen. Sie hat als Kind dort gelebt. In dem Haus an der Klippe.« Lizzie winkte mich geheimniskrämerisch näher und ich beugte mich nun auch vor. »Dort sind schlimme Dinge passiert«, wisperte sie. »Da war die Geschichte mit ihrer Tochter, man sagt, sie war behindert oder geisteskrank oder so was, und sie hat das Mädchen in die Staaten geschickt, weil es da bessere Behandlungsmöglichkeiten gibt, und da soll das Mädchen später gestorben sein. Kurz danach sind diese grässlichen Morde passiert und dann sind sie alle fortgezogen. Als sie wieder zurückkam, ohne ihren Mann, aber mit der neuen Schwiegertochter, hat ihr Sohn von ihr nichts mehr wissen wollen, und Ms Vandenbourgh ist seitdem ein bisschen ... nun ja ... plemplem.« Sie nickte mir bedeutungsvoll zu.
Ich konnte weder lächeln noch zurücknicken. Diese Art von Klatsch war abstoßend. Was ging mich die Familiengeschichte anderer Leute an? Und ein bisschen plemplem – das traf in gewisser Weise auch auf mich zu.
Gerade kam Jonathan wieder herein, gefolgt von einem langen, dürren Mann, vollkommen schwarz gekleidet in eine Art Gehrock, mit einem Zylinder auf dem Kopf und grauen Handschuhen. Wahrscheinlich war er der örtliche Bestattungsunternehmer. Er hatte ein langes, trauriges Gesicht und sah irgendwie besorgt aus.
Jonathan fing an, die Posten auf seinem Zettel mit Lizzie durchzugehen. Ich musterte die Zeitschriften und Comics in der Auslage. Während ich eine Illustrierte in die Hand nahm und durchblätterte, spürte ich die ganze Zeit den Blick des Bestattungsunternehmers. Er stand wie angewurzelt neben der Tür und starrte mich an.
Als ich seinen Blick erwiderte, nickte er mir zu. Seine Augen waren so hell wie Glasmurmeln und beinahe farblos.
Ich erwiderte das Nicken und blickte wieder auf die Auslage. Ich kannte den Mann nicht, aber hier im Dorf war man höflich zueinander. Wahrscheinlich kannte er meinen Vater und wusste, wer Jonathan war.
Jonathan nahm seinen Korb und gab mir die Tüte, die Lizzie gepackt hatte. Wir verließen den Laden durch die bimmelnde Tür und Jonathan verstaute die Einkäufe auf dem Rücksitz.
Der Bestattungsunternehmer war uns gefolgt. Ich spürte seinen Blick, der mich fixierte. Ich drehte mich um und sah ihn fragend an.
»Moriarty«, sagte er und lüpfte seinen Zylinder. »Azrael Moriarty. Sehr erfreut, Master Adrian.«
Mir lief aus irgendwelchen Gründen eine Gänsehaut über den Rücken. »Wir kennen uns?«, fragte ich.
»Was?«, fragte Jonathan und tauchte aus dem Inneren des Wagens auf. Er wischte sich mit einem karierten Taschentuch über das Gesicht. »Sollen wir in Harmony’s Garden noch Station machen? Eine kleine Stärkung nach dem anstrengenden Einkauf?«
Ich nickte stumm. Jonathan knallte die Wagentür zu und steuerte schnurstracks auf den Bestattungsunternehmer zu, der höflich Platz machte.
»Jonty«, sagte ich, um Beherrschung bemüht, »kennen wir jemanden namens Moriarty?«
Er blieb stehen und sah mich verblüfft an. »Selbstverständlich«, antwortete er. »Professor James Moriarty, Napoleon des Verbrechens. Spielt in der Erzählung ›Das letzte Problem‹ und im Roman ›Das Tal der Angst‹ mit. Sherlock Holmes hat ihn in den Reichenbachfällen ...«
»Nein, nein«, unterbrach ich ihn hastig, ehe er mir die komplette Vorlesung über Sir Arthur Conan Doyle halten konnte. »Azrael Moriarty. Bestattungsunternehmer oder so was.« Ich warf dem höflichen Fremden einen fragenden Blick zu und er nickte mit zweifelnder Miene.
»Azrael – wie passend. Nein, nicht dass ich wüsste«, antwortete Jonathan. »Eine Coke für dich, ein Bier für mich? Und zwei schöne Pastries?« Er setzte seinen Weg fort, ohne Moriarty zu beachten, und wäre dabei fast auf seinen Fuß getreten.
Ich wagte ein schüchternes Lächeln für den Bestattungsunternehmer. Der verzog sein grämliches Gesicht zu einer Grimasse, die seine langen, gelben Zähne entblößte und wahrscheinlich ein Lächeln sein sollte. »Wenn ich Sie begleiten dürfte, Master Adrian?«
Noch einer von denen. Ein Lar, wenn nicht ein Lemur. Wenn es so weiterging, würde ich noch eine Entourage mit mir herumführen wie die Queen persönlich. Ich grinste. »Entourage« – auch so ein Wort, um andere zu erschrecken. Mann, war ich gebildet! Ein Gefolge. Ein Hofstaat von Geistern und Gespenstern, Halluzinationen, Erscheinungen und Manifestationen.
Wir gingen über die Hauptstraße des Dorfes (Hauptstraße – das nenne ich Größenwahn!) Richtung Hafen und kamen dabei an vier Tea Rooms vorbei. Aber Harmony’s Garden war Tea Room & Brewery ... kein Tee für Master Jonathan, oh nein. Ein schönes dunkles Bitter und dazu eine scharf gewürzte kornische Hackfleischpastete, dann war die Welt in Ordnung.
Ich hörte, wie er zufrieden vor sich hin summte, ging etwas langsamer und sah den Bestattungsunternehmer an. »Mr Moriarty«, sagte ich leise, »was wünschen Sie von mir?«
Er nickte mehrmals, als hätte ich etwas Kluges gesagt. »Ich denke, dass Sie in naher Zukunft meinen Beistand benötigen könnten, Master Adrian.«
»In welcher Angelegenheit?«
Er runzelte die Stirn. Seine glashellen Augen blickten Hilfe suchend umher. »Angelegenheit«, wiederholte er. »Nun ja, ich würde sagen, es geht um Leben und Tod. Sie haben sich nach dem Haus erkundigt.« Er nickte bekräftigend.
Ich seufzte. Es war immer ungeheuer anstrengend, eine brauchbare Information aus einem von ihnen herauszubekommen. Leben und Tod. Als ob es in letzter Zeit jemals um etwas anderes gegangen wäre. »Erzählen Sie mir von Heathcote Manor«, ermutigte ich ihn.
»Mit wem redest du?«
Ich hatte Jonathan vergessen. Er stand vor mir und sah mich mit diesem besorgten Blick an, bei dem ich anfangen könnte zu schreien, wenn ich ihn sehe.
»Mit mir selbst«, gab ich zurück. Was ja in gewisser Weise noch nicht mal gelogen war.
Die Sorge wich nicht aus seiner Miene, sie vertiefte sich eher noch. »Siehst du wieder ... diese Dinge?«
»Es ist alles in Ordnung, Jonty«, sagte ich. »Wirklich. Keine Halluzinationen mehr.« Das war gelogen, aber ich wollte nicht, dass er sich Sorgen um mich machte. Noch mehr Sorgen als sowieso schon.
Jonathan nickte nach einer Weile, aber seine Stirn blieb gerunzelt. Er legte mir den Arm um die Schulter und wir gingen den Rest des Weges so nebeneinander her. Im Augenwinkel konnte ich Moriartys dürre, düstere Gestalt erkennen, der auf seinen dünnen Beinen wie eine seltsame Spinne hinter uns herschlich.
»Herbei, herbei! Herein, herein! Ihr schlotternden Lemuren«, sagte ich leise vor mich hin.
Jonathan warf mir einen schrägen Blick zu. »Seit wann zitierst du Goethe, mein Junge?«
»Seit Toby mit mir den Faust gelesen hat.« Ich schnitt eine Grimasse. Toby liebte Goethe. Er las ihn im Original und zitierte ihn ständig. Ich sprach inzwischen passabel Deutsch, jedenfalls hatte ich gute Noten im Zeugnis. Nicht, dass das noch irgendeine Bedeutung für mein Leben gehabt hätte.
Harmony’s Garden hatte sich kaum verändert. Der freundlich eingerichtete Tea Room erstreckte sich von der Straßenseite bis nach hinten hinaus, mit Blick auf einen Garten, in dem Palmen, Kamelien und Rhododendren wuchsen. Es sah aus wie in Südfrankreich.
Aber Jonathan zog mich weiter, in den nebenan liegenden Teil des Gebäudes, der den Ausschank der Brauerei beherbergte. Die Einrichtung war deutlich rustikaler als das pastellfarben geblümte und gerüschte Dekor im Tea Room. Hier herrschten dunkle Holztöne und satte Farben vor, die Tische waren blank gescheuert und die Stühle und Bänke bequem, aber ungepolstert.
Jonathan ging zum Tresen, um unsere Getränke und die Pastries zu bestellen. Ich schob mich auf eine Bank am offenen Fenster und streckte die Füße aus. Am liebsten hätte ich meine Beine auf die Bank gelegt, aber dann hätte ich Moriarty berühren müssen, der sich neben mich gesetzt hatte. Er nahm seinen Zylinder ab, strich das schüttere dunkle Haar glatt und faltete die Hände auf der Tischplatte. Sein Blick wanderte durch den Raum, ohne lange an einer Sache hängen zu bleiben. Ich musterte sein adlernasiges Profil und seufzte.
»Lar oder Lemur?«, fragte ich ihn impulsiv.
Er wandte langsam den Kopf und sah mich an. Ich hatte noch nie zuvor solche Augen gesehen. Sie waren durchsichtig, ich konnte die Blutgefäße erkennen und den Ansatz des Sehnervs. Seine Pupille war winzig klein, obwohl es dämmrig im Raum war. Ich schauderte. »Lemur«, beantwortete ich meine eigene Frage. Kein wohlmeinender Schutzgeist, oh nein! Er gehörte zur Sorte des Jokers.
Moriarty legte den Kopf ein wenig schief und strich sich über die Lippen, die blass waren, blutleer wie die einer Leiche. »Nein, ich glaube nicht«, antwortete er zögernd. »Nein, nein. Ich will Ihnen nichts Böses, Master Adrian.«
Ich glaubte ihm nicht, aber jetzt kam Jonathan zurück und stellte Gläser und Teller auf den Tisch. »Ich habe einen solchen Hunger«, sagte er aus tiefster Seele und ließ sich mir gegenüber auf einen Stuhl fallen.
Ich nahm meinen Teller entgegen und stach mit der Gabel in die dampfende Pastete.
Es roch nach gedünsteten Zwiebeln, und mir lief das Wasser im Mund zusammen. Einige Minuten lang vergaß ich über dem Kauen, Schmecken und Hinunterschlucken vollkommen den düsteren Begleiter an meiner Seite. Die Füllung der Pastete war gut gewürzt und schmeckte tausendmal besser als alles, was Jonathan uns in den letzten Tagen vorgesetzt hatte. Die Cola in dem beschlagenen Glas war eiskalt und passte hervorragend zu dem kräftigen Essen.
»Wow«, sagte ich irgendwann und schob den blank geputzten Teller weg. »Ich hab zu viel gegessen. Aber es war zu lecker, um aufzuhören.«
Jonathan, der beinahe gleichzeitig mit mir über die Ziellinie gegangen war, lächelte ein wenig angestrengt. »Ich quäle uns nicht länger mit meinen Kochkünsten«, sagte er. »Lizzie hört sich im Dorf nach einer Haushälterin für uns um.«
Er tat mir leid. Er war genauso wenig ein Koch wie mein Vater, aber immerhin hatte er sich die Mühe gemacht und zumindest versucht, uns mit Essen zu versorgen. Toby dagegen schaltete auf stur, wenn es um Hausarbeit ging. Er konnte sich, wenn es sein musste, wochenlang von Brot, Kaffee und Äpfeln ernähren.
»Toby meinte, wir wären skorbutgefährdet, wenn ich weiter die Küche übernehme«, fuhr Jonathan fort und leerte sein Bierglas. »Ganz ehrlich, ich schlage mich nicht darum. Meine Arbeit bleibt ja so auch nur liegen.« Er klang verletzt. Ich hätte meinen Vater in dem Moment treten können. Er konnte so unglaublich gefühllos sein!
Ich streckte die Hand über den Tisch und berührte sein Handgelenk. »Ohne dich wären wir wahrscheinlich längst verhungert«, sagte ich.
Er nickte abwehrend. »Ist schon okay«, sagte er dann. »Ich kenne Toby. Er meint es nicht so.«
Das stimmte zwar, aber trotzdem ...
Moriarty räusperte sich. »Master Adrian«, sagte er, »wenn ich Ihre kostbare Zeit noch mal in Anspruch nehmen dürfte?«
Ich ignorierte ihn. »Toby ist ein verdammter Egoist«, sagte ich zu Jonathan.
»Du meinst Egozentriker«, murmelte er und versenkte seinen Blick in sein leeres Bierglas. »Ich nehme noch so eins. Du?«
»Ich auch«, sagte ich. Probieren kann man es ja mal.
Er griff nach meinem leeren Coke-Glas, stand auf und warf noch einen Blick über die Schulter, ehe er zur Theke ging. »Wenn du dich zu Hause nicht verquatschst ...«
Ich grinste und hob den Daumen. Toby war strikt dagegen, dass ich Alkohol zu mir nahm. Sein Glück, dass ich das Zeug in der Regel nicht mochte. Von etwas Stärkerem als Bier wurde mir sofort schlecht, und auch Bier mochte ich nicht mal besonders gerne. Aber es war schön, hier mit Jonathan zu sitzen und sich zu unterhalten, als wäre unser Leben genauso normal wie das aller anderen Menschen und böte keine größeren Probleme als angebrannte Spiegeleier, schlechte Zensuren und gelegentlich eine Autopanne.
Moriarty rückte ein Stück näher und legte seine behandschuhte Hand neben meinen Arm. »Master Adrian«, sagte er drängend, »es wäre wirklich vonnöten, dass wir uns irgendwo in Ruhe unterhalten. Darf ich Sie heute Abend in Ihrem Domizil aufsuchen?«
Jonathan schäkerte am Tresen mit der Bedienung, die das sichtlich genoss. Ich drehte mich zu Moriarty um. »Was wollen Sie von mir?«, fragte ich leise und wütend. »Warum lassen Sie mich nicht in Ruhe? Ich kann keinen mehr von Ihrer Sorte brauchen. Hauen Sie ab!«
Er nickte kummervoll, stand auf und nahm seinen Hut. »Es tut mir außerordentlich leid, Sie verärgert zu haben, Master Adrian«, flüsterte er und verneigte sich. »Ich erlaube mir, mich zu empfehlen.«
Ich sah ihm nach, wie er hinausging. Beinahe tat er mir leid – aber nur beinahe.
Jonathan brachte unsere Biergläser und setzte sich wieder. Er hob mir sein Glas entgegen. »Santé«, sagte er.
»Yehes da«, erwiderte ich. Nicht, dass ich den kornischen Dialekt verstehen oder gar sprechen konnte, ich hatte nur hier und da ein paar Brocken aufgeschnappt, wie dieses »Zum Wohl«. Ich sah, dass sich ein älterer Mann an der Theke zu uns umdrehte und lachend sein Glas in meine Richtung hob.
»Yehes da«, rief er.
Ich erwiderte den Gruß und nippte. Das Bier war bitter und kräftig, ich mochte es nicht. Ich trank einen zweiten Schluck und stellte das Glas ab.
Jonathan hatte sein Glas schon halb geleert. »Und?«, fragte er.
»Hm«, machte ich. »Ich sollte bei Cola bleiben.«
»Dein Vater wäre froh, das zu hören.« Er zwinkerte mir zu.
»Weißt du was über die Leute, die im Heathcote Manor wohnen?«
»Wo?« Er blickte zerstreut zur Tür.
»Unser Nachbarhaus. Das Haus an der Klippe.«
Er trank und schob das Glas über den Tisch, von rechts nach links und wieder zurück. Irgendetwas schien ihn zu beschäftigen. »Nichts«, erwiderte er kurz. »Wer soll denn da wohnen?«
Ich gab es auf. Wenn Jonathan in Gedanken war, dann konnte er genauso übellaunig sein wie Toby.
»Gehen wir«, sagte er jetzt und stand auf. Ich hatte keinen Schluck mehr aus meinem Bierglas getrunken, aber er schien nicht gewillt zu sein, deswegen auf mich zu warten.
Ich beeilte mich, hinter ihm herzukommen. Er hatte die Hände in den Taschen vergraben und das Kinn an die Brust gezogen, stapfte voran, ohne nach rechts und links zu blicken.
Ich dachte an den Hinweis, den Lizzie mir gegeben hatte. »Jonty«, rief ich, »ich möchte noch kurz am Museum vorbeigehen. Fahr schon vor, ich komme zu Fuß nach.«
Er hob bestätigend die Hand, ohne sich zu mir umzudrehen. Ich blieb stehen und sah ihm nach, wie er die Straße hinauf und um die Ecke ging. Dann machte ich mich auf zum Museum. Vielleicht würde ich ja dort etwas über das Mädchen mit den grauen Nebelaugen erfahren.
